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Kurzer Prozess: „Zeit Online“ und der geschasste 150-Euro-Reporter

11 Mrz 14
11. März 2014

Unter den Artikeln, die der freie Journalist Moritz Gathmann für „Zeit Online“ über die Ukraine geschrieben hat, steht seit kurzem folgender Hinweis:

Offenlegung: Der Autor arbeitet für die vom russischen Staat mitfinanzierte Zeitungsbeilage Russland heute. Dies entspricht nicht unseren Grundsätzen. Wir entschuldigen uns dafür.

Testfrage: Wofür genau entschuldigt sich „Zeit Online“?

Man würde annehmen, dass Leute, deren Beruf es ist, mit Sprache umzugehen, es schafften, eine solche Offenlegung klar zu formulieren. Aber vermutlich ist das im konkreten Fall keine Frage des Könnens, sondern des Wollens.

„Zeit Online“ hat an den Texten von Moritz Gathmann nichts auszusetzen. Markus Horeld, der stellvertretende Chefredakteur, sagte gegenüber dem Mediendienst „Newsroom“: „Wir waren mit seinen Beiträge[n] sehr zufrieden.“

Nicht zufrieden ist „Zeit Online“ damit, dass Gathmann außer für „Zeit Online“ auch für „Russland heute“ gearbeitet hat, ein deutschsprachiges Monatsmagazin, das der „Süddeutschen Zeitung“ beiliegt, vom Kreml finanziert wird und die Aufgabe hat, das angeblich „einseitige Bild“ Russlands in den ausländischen Medien zu korrigieren.

Dass Gathmann für „Russland heute“ gearbeitet hat, war kein Geheimnis. Es stand auf seiner Internetseite. (Vor allem habe er Texte redigiert und über eher unverfängliche Themen berichtet, sagt er.) „Zeit Online“ hat sich dafür wohl nicht interessiert, bis David Schraven sich darüber beschwert hat.

David Schraven leitet das Ressort „Recherche“ bei der Funke-Mediengruppe („WAZ“), er sitzt im Vorstand von „Netzwerk Recherche“ und er hat, was womöglich nicht ganz unwesentlich ist, eine andere Meinung zu den Vorgängen in der Ukraine als Gathmann. „Eher voreingenommen und gefärbt“, nennt er dessen Artikel.

Er fand einen Weg, sehr schnell etwas dagegen zu tun. Am Samstag um 17 Uhr twitterte er Jochen Wegner an, den Chefredakteur von „Zeit Online“:

diverse Sichtweisen in der Zeit sind gut. Aber es wär besser zu sagen, dass Moritz Gathmann für Russlands Propagandadienst schafft

Wegner ist zwar gerade in den USA auf einer Konferenz, antwortete aber eine Stunde später:

Ja, wir diskutieren dies gerade (auch aus anderen Gründen). Ich melde mich in spätestens 2h.

Es dauerte kaum mehr als eine Stunde, bis Wegner schnell mal geklärt hatte, dass die Zusammenarbeit mit dem freien Autor (an dessen Texten für „Zeit Online“ man, wie gesagt, nichts auszusetzen hat) mit sofortiger Wirkung beendet wird, was er ebenfalls auf Twitter bekanntgab.

So zügig geht das heute, dank Twitter, auch am Wochenende, auch aus der Ferne, wer wollte da bis zum folgenden Montag abwarten, um womöglich ein Gespräch mit dem betroffenen und eigentlich respektierten Autor abzuwarten?

David Schraven fand’s jedenfalls super so. „Danke“, twitterte er Wegner zurück, und lobte die unkomplizierte Ruck-Zuck-Trennung auf Facebook als „gut und bewundernswert“. Na, von so einem Mann möchte man doch gerne seine Interessen als Journalist vertreten lassen.

Nun räumt Gathmann selbst ein, dass die Arbeit für ein Medium, das vom russischen Staat mitfinanziert wird, problematisch war — jedenfalls in der aktuellen politischen Situation und „angesichts der immer stärker werdenden medialen Polarisierung aufgrund der Ukraine-Krise“. Er hat diese Arbeit jetzt beendet.

Warum war das nicht die Lösung: Gathmann arbeitet nicht mehr für „Russland heute“ und dafür weiter für „Zeit Online“? Weil dessen Ethik-Kodex das angeblich nicht erlaubt. „Unsere Grundsätze sehen eine Übergangszeit von mehreren Monaten vor“, antwortet mir Markus Horeld. „Heißt: Ein Autor kann erst nach einer gewissen Zeit wieder für uns über ein Thema schreiben, für das er zuvor PR o.ä. gemacht hat.“

Es geht also nur und ausschließlich ums Prinzip. „Zeit Online“ hat es vorher verschlafen, sich darum zu kümmern, ob der Reporter den Verhaltenskodex erfüllt, erzwingt diesen Verhaltenskodex aber im Nachhinein gnadenlos. Gathmann sagt übrigens, er habe von diesem Kodex und seinen Vorgaben, denen seine Arbeit für „Russland heute“ widersprach, nichts gewusst.

„PR o.ä.“ ist übrigens in diesem Fall eine treffend vage Beschreibung. Hat Gathmann wirklich PR für Russland gemacht? Das soll keine rhetorische Frage sein, sondern eine offene — meiner Meinung nach liegt die Antwort nämlich nicht auf der Hand.

Aber vielleicht bin ich da auch befangen, denn mir hat der „Spiegel“ vor ein paar Jahren vorgeworfen, als Medienjournalist für ein Magazin gearbeitet zu haben, das von ProSiebenSat.1 herausgegeben wird. Mir ist schon klar, dass die Fallhöhe und Brisanz in Gathmanns Fall um ein vielfaches größer sind, aber es geht „Zeit Online“ ja ums Prinzip, und das ist dann vielleicht doch vergleichbar.

Ich glaube im konkreten Fall unabhängig von der Frage, ob „PR“ der richtige Ausdruck ist, dass der Interessenkonflikt zu groß ist. Und dass es notwendig war, dass Gathmann nicht mehr für „Russland heute“ arbeitet. Aber solche und ähnliche Konflikte werden in Zukunft häufiger auftreten, nämlich zunehmend mit der abnehmenden Bereitschaft oder Fähigkeit unabhängiger Medien, Journalismus ordentlich zu bezahlen.

Gathmann formulierte es gegenüber „Newsroom“ so: „In gewisser Weise hat die Redakteursarbeit für Russland Heute mir auch erlaubt, mich in der übrigen Zeit mit ‚reinem‘, aber schlecht bezahltem Journalismus zu beschäftigen.“

Konkret hat er für seine Texte von „Zeit Online“ offenbar den „Standardsatz“ für Texte von mehr als 5000 Zeichen bekommen. Das sind 150 Euro. Außerdem hat sich „Zeit Online“ offenbar an den Spesen beteiligt.

Gathmann will sich über diese Bezahlung gar nicht beklagen. „Wenn gerade Revolution ist“, hätten Journalisten und Experten wie er kaum Finanzierungsprobleme. Schwierig sei eher die Zeit zwischen den Krisen, wenn die Medien keinen besonderen Bedarf an Berichterstattung aus Russland oder der Ukraine haben. Da hilft natürlich, scheinbar, ein Auftraggeber wie „Russland heute“.

Matthias Dell hat im „Altpapier“ heute einen dazu passenden Text von Gemma Pörzgen zitiert, die vor einem halben Jahr in der „taz“ darüber schrieb, dass „deutsche Zeitungen immer weniger Wert auf den eigenen Korrespondenten und ein Büro in Moskau zu legen [scheinen]“. Wieviel günstiger so ein freier Journalist ist, kann man da erahnen, und im Zweifel ist man ihn auch innerhalb von zwei Tweets los.

Gathmann sagt, dass andere deutsche Medien weiter mit ihm zusammenarbeiten wollen.