Tag Archive for: Der Spiegel

Der „Spiegel“ vergisst sich

von Boris Rosenkranz
24 Sep 15
24. September 2015

Das sind doch sympathische Leute: Erst lauthals kundtun, was sie zu wissen meinen, dann aber scheinheilig pfeifend im Getümmel verschwinden, wenn rauskommt, was sie für einen Blödsinn geredet haben. Wie das geht, kann man nun im „Spiegel“ nachlesen, der Details zum Absturz der Germanwings-Maschine veröffentlicht hat. Oder, besser: Details, was den Piloten vor einem halben Jahr dazu trieb, ein Flugzeug mit 149 Menschen an Bord zum Absturz zu bringen.

In der Ermittlungsakte, aus der der „Spiegel“ zitiert, steht, dass der Pilot unter Depressionen und Ängsten litt; dass er seit Jahren haderte und kämpfte, mit und gegen sich; und dass er offenbar kein Narzisst war, dessen ausuferndes Ego die Maschine vor einen Berg lenkte, wie kurz nach der Tat auch spekuliert wurde. Oder wie es der „Spiegel“ im aktuellen Heft formuliert:

Nach der Tat vermuteten viele übersteigerten Narzissmus. In der Ermittlungsakte von [L.] findet sich keine Spur von krankhafter Selbstliebe.

„Viele“ vermuteten das?

Stimmt. Dass aber ausgerechnet der „Spiegel“ das so ausdrückt, ist eben jener scheinheilige Versuch, pfeifend im Getümmel zu verschwinden. Vor einem halben Jahr, gerade mal vier Tage nach dem Absturz, noch völlig im Unklaren, war es der „Spiegel“, der mit am lautesten hyperventilierte. Das klang dann so:

[L.] nutzte die Mittel der Attentäter des 11. September 2001, aber anders als sie hatte er offenbar keine Botschaft. Er ähnelt noch mehr dem norwegischen Irren Anders Breivik, aber anders als dieser hat er, soweit bislang bekannt, keine wirren Pamphlete hinterlassen. Er tötete, per Knopfdruck, vielleicht nur, weil er es in seiner Position und in diesen Minuten nach 10.30 Uhr am Dienstag, dem 24. März 2015, im Luftraum über Frankreich einfach konnte; ein größenwahnsinniger Narzisst und Nihilist.

Mag sein, dass die „Spiegel“-Redakteure damals verzweifelt versuchten, das Unerklärliche irgendwie zu erklären. Aber hätte man nicht wenigstens im aktuellen Text schreiben können, dass damals leider auch der „Spiegel“ zu jenen gehörte, die lauthals kundtaten, was sie zu wissen meinten? Wenigstens das?

Wie George W. Bush nicht über den „Spiegel“ lachte

21 Jun 15
21. Juni 2015

Irgendwie sind sie stolz beim „Spiegel“. Denn auf Fotos, die jetzt veröffentlicht wurden, sieht man den George W. Bush im Weißen Haus, wie er mit seinem Vize Dick Cheney über einen „Spiegel“-Titel lacht.


Quelle: U.S. National Archives

Aber irgendwie ist der auch doof, der Bush. Denn der amerikanische Präsident kam in dem Heft damals „denkbar schlecht weg“, wie „Spiegel Online“ verblüfft feststellt.

Der SPIEGEL-Titel vom 27. Oktober 2008 zeigt einen schwer angeschlagenen George W. Bush in Rambo-Outfit, den Arm in einer Patronenschlinge, die linke Hand auf einer Maschinenpistole abgestützt. Hinter ihm steht sein missmutig dreinblickender Vizepräsident Dick Cheney, hinter diesem wiederum eine amazonenhafte Außenministerin Condoleezza Rice mit zerborstenem Schwert.

Ein desolates Panorama mit eindeutig negativer Botschaft. In dem Artikel „Ende der Vorstellung — Die Bush Krieger“ ging es um den misslungenen Feldzug der Vereinigten Staaten gegen „das Böse“. Vertreter der Bush-Regierung hatten im Vorfeld selbst gravierende Fehler im Irak-Krieg zugegeben.

Hunderttausende Iraker und Tausende US-Soldaten starben in dem Krieg, der die Region nachhaltig destabilisierte. Doch Bush-Junior scheint sich wider Erwarten beim Betrachten der Illustration prächtig amüsiert zu haben.

Bloß: Das ist gar nicht der beschriebene „Spiegel“, den Bush auf dem Foto in der Hand hält. Das Titelbild von 2008 griff ein Titelbild von 2002 wieder auf, als die „Bush-Krieger“ noch gar nicht „schwer angeschlagen“ und „völlig abgehalftert“ dargestellt wurden, sondern wild entschlossen, in Saft und Kraft. Statt der Zeile „Ende der Vorstellung“ stand auf dem „Spiegel“-Titel „Amerikas Feldzug gegen das Böse.“

2002:

2008:

Dieser Titel von 2002 wird im „Spiegel Online“-Artikel auch erwähnt. Aber der anonyme Autor hat unerklärlicherweise nicht gemerkt, dass es das Cover dieses Heftes ist, das Bush amüsiert in der Hand hält. Kein Wunder: Das Foto ist aus dem Jahr 2002.

[entdeckt von Mathias Schindler]

Nachtrag, 21:30 Uhr. „Spiegel Online“ hat sich korrigiert — und entsprechend den ganzen Artikel umgeschrieben.

Wie Udo Ulfkotte einmal über eine Katze (oder einen Geheimdienst) stolperte

09 Mrz 15
9. März 2015

„Spiegel“-Kollege Jan Fleischhauer hat es geschafft: Er hat Udo Ulfkotte getroffen, den Mann, dessen fehlerstrotzendes Buch über die angeblich „Gekauften Journalisten“ immer noch auf Platz 3 der „Spiegel“-Bestsellerliste steht. Das war wohl nicht so leicht. Hat sich aber gelohnt.

Zwei kleine Kostproben:

Einmal war Udo Ulfkotte mit Bundespräsident Roman Herzog in Afrika. Am Abend hatte er in einer Bar in Kampala jemanden aufgetan, der ihn über den Plan in Kenntnis setzte, die Präsidentenmaschine auf ihrem Weiterflug nach Äthiopien mit einer Rakete vom Himmel zu holen. Angeblich hatten die Rebellen schon das entsprechende Schießgerät an die Grenze im Dschungel verlegt. Ulfkotte glaubte dem Mann aufs Wort.

Am folgenden Morgen betrat er bleich vor Sorge die Abfertigungshalle. Als guter Reporter, der er war, hatte er noch eine Meldung über die bevorstehende Katastrophe an die Heimatredaktion abgesetzt. So würde die Welt wenigstens wissen, dass er wie immer schneller und besser unterrichtet gewesen war als die Konkurrenz.

Die Kollegen, mit denen der von der „Frankfurter Allgemeinen“ entsandte Redakteur sein Wissen teilte, schlugen die Warnung lachend in den Wind. Während die Reisegesellschaft fröhlich ihrem nächsten Ziel entgegeneilte, hockte Ulfkotte in seinem Sitz und schwitzte Blut und Wasser. Dass die Maschine Stunden später wohlbehalten in Addis Abeba landete, rechnete er der Güte der Vorsehung zu.

Als sich Ulfkotte wegen eines Schädelbruchs [bei der FAZ] krankmeldete, gab es nacheinander drei Erklärungen für die Verletzung. Erst hieß es, er sei über die Katze gestolpert und rückwärts die Kellertreppe hinuntergefallen. Dann lief die Geschichte um, Mitglieder des pakistanischen Geheimdienstes hätten ihn durchs Haus gejagt und dabei die Treppe hinuntergestoßen. In der dritten Variante war er auf dem Weg zum Briefkasten von hinten mit einer Eisenstange niedergeschlagen worden.

Ulfkotte erweckt gern den Eindruck, er sei für die „Frankfurter Allgemeine“ viele Jahre im Ausland gewesen. „Zwischen 1986 und 1998 lebte er überwiegend in islamischen Staaten (Irak, Iran, Afghanistan, Saudi-Arabien, Oman, Emirate, Ägypten, Jordanien)“, heißt es auf seiner Website. Jedoch kann sich keiner seiner ehemaligen Kollegen erinnern, dass er jemals einen Auslandsposten bekleidet hätte. Wer Ulfkottes Artikel durchgeht, findet als Ortsmarke am häufigsten Frankfurt, was darauf hinweist, dass er der Heimatredaktion treuer war, als er heute meint. Tatsächlich hatte er mit einem Hausbau im Taunus, der ihn auch während der Arbeitszeit über Gebühr in Anspruch nahm, alle Hände voll zu tun.

Marie, 15, kauft eine Zeitschrift und WDR 2, 64, macht einen Beitrag draus

26 Nov 14
26. November 2014

Eine alte Journalistenregel besagt, dass „Hund beißt Mann“ keine Nachricht ist, „Mann beißt Hund“ mangels Alltäglichkeit aber schon.

In diesem Sinne sind wir jetzt also so weit, dass „Jugendlicher liest Zeitschrift“ eine Nachricht ist. Mehr noch: Es könnte ein ganzes journalistisches Genre werden.

„Spiegel Online“ brachte Anfang vergangener Woche ein Stück, das die Überschrift trug: „Moritz, 16, kauft eine Zeitschrift.“ Darin schildert der 16-jährige Moritz, wie er sich vor einer Bahnfahrt eine Zeitschrift kaufte: eine Ausgabe von „Geo Epoche“. Es war angeblich seine erste Zeitschrift, und die Geschichte hat kein Happy-End: Er schenkte sie seinen Eltern. „Im Internet gibt’s mehr Für und Wider.“

Heute Vormittag brachte der Radiosender WDR 2 einen Beitrag, der davon handelt, dass sich die 15-jährige Marie eine Zeitschrift kaufte.

Moderator: Die klassischen Magazin-Zeitschriften stecken derzeit ziemlich tief drin in einer Krise, und das sieht man an jedem Kiosk. Die, die vor dem Regal mit „Spiegel“, „Stern“, „Focus“ und Co. stehen, haben meistens ziemlich viel graue Haare auf dem Kopf. Es fehlt einfach — der Lesernachwuchs. Aber da helfen wir gerne aus. Wir haben nämlich Marie aus Münster harte Kost vorgesetzt. Sie soll Deutschlands wichtigstes Polit-Magazin lesen, einfach mal so. Wir haben sie dabei beobachtet. Denn: Marie ist noch minderjährig.

Sprecher: Marie ist mutig. Denn beim Zeitschriftenhändler greift sie zum „Spiegel“. Von der Wochenzeitschrift hat die 15-Jährige schon viel gehört. Die soll ja ganz gut sein.

Marie: Ich weiß nur, dass sich der „Spiegel“ halt viel mit Politik beschäftigt. Und ich dachte, dann kann man sich den ja mal angucken.

Sprecher: Also schnell drin rumblättern.

Marie: Ich hab‘ eigentlich mal so Seite für Seite durchgeguckt. (…) Aber da war viel dabei, was mich gar nicht interessiert hat.

Sprecher: Eigentlich das meiste, wenn sie ehrlich ist. So richtig hängen bleibt Marie nur bei Geschichten, in denen es um Schicksale von Menschen und nicht um Politik geht. Das Interview mit einer Mini-Jobberin zum Beispiel, die entlassen wurde, das ist interessant. (…) Aber für viel mehr reicht es nicht im Heft. Das Interesse erlahmt schnell.

Marie: Ich hab auch ganz viel übersprungen. Da war mir viel zu viel Text zu lesen. Und viel zu viel, was mich nicht interessiert und mich nicht angesprochen hat.

Sprecher: Medien konsumiert die 15-Jährige, wen wundert’s, nur über Smartphone und Internet. Wie eigentlich fast alle in ihrem Freundeskreis. (…) Beim Zeitschriftenlesen (…) ist sie auf das angewiesen, was da steht. Nachprüfen geht dann nicht so schnell wie im Internet.

Marie: Weil ich das in der Zeitschrift hab‘, würd‘ ich jetzt nicht denken: Ah, ok, da kann ich ja nochmal drauf zurückgreifen oder so. Im Internet hat man’s dann mit einem Klick.

Sprecher: Bleibt das Fazit: Marie und Zeitschriften, das wird wohl nichts. Zumindest nicht in nächster Zeit.

Marie: Ich bleib‘ beim Handy. Und beim Internet.

Moderator: Jugend forscht am Kiosk. Ergebnis: Die klassischen Magazine verlieren eine junge Leserin, noch bevor sie ein zweites Mal zum „Spiegel“ greift.

Nächste Woche dann im Programm: Nadja, 17, probiert zum ersten Mal dieses Radiohören aus. Und ca. 2016: Jakob, 16, sucht den Jugendkanal von ARD und ZDF.

(Der „Spiegel“ hat übrigens laut „Media Analyse“ 6 Millionen Leser, davon sind 1,11 Millionen, also jeder Fünfte, zwischen 14 und 29 Jahre alt. WDR 2 hat laut „Media Analyse“ werktäglich eine Reichweite von 3,7 Millionen Hörern, davon sind 412.000, also jeder Neunte, zwischen 14 und 29 Jahre alt.)

„Spiegel“-Autor Neef: „Das ‚Stoppt Putin jetzt‘-Titelbild war misslungen“

04 Nov 14
4. November 2014

Christian Neef, der für den „Spiegel“ unter anderem aus der Ukraine berichtet, hat sich vom „Stoppt-Putin jetzt!“-Titel distanziert. Anders als die Verschwörungstheoretiker glauben wollten, sei das Cover zwar nicht von der CIA initiiert, aber ein Beispiel dafür, „dass wir in Zeiten wie diesen noch mehr über Titelzeilen und -bilder nachdenken müssen.“ In einem Gastbeitrag für das „Medium Magazin“ schreibt er:

Das Titelbild von Heft 31 war misslungen. Zum einen, weil die Zeile „Stoppt Putin jetzt“ missverständlich ist — auch wenn ich den Gedanken dahinter teile. Zum anderen, weil die Fotos der Opfer von MH 17 von vornherein unterstellten, dass Russland die Boeing abgeschossen hat. Und drittens, weil es ein „unspiegeliger“ Titel war — „Spiegel“-Titel sollten klug, anregend und mitunter auch doppelsinnig sein, keinesfalls plakativ. Vielleicht sollten wir unseren Lesern mitunter auch Einblick in die heißen Debatten gewähren, die jeden Freitag im Titelbild-Ressort des „Spiegels“ entbrennen.

Ich denke, darauf können wir noch lange warten.

Das „Medium Magazin“ beschäftigt sich in seiner aktuellen Titelgeschichte „Ihr lügt doch alle!“ aus vielen Perspektiven mit der „Glaubwürdigkeitsfalle“, in der sich Medien befinden. Zu Wort kommen unter anderem WDR-Chefredakteurin Sonia Seymour Mikich, ARD-Korrespondentin Golineh Atai, „Zeit“-Politikchef Bernd Ulrich und der stellvertretende ZDF-Chefredakteur Elmar Thevessen. FAZ-Herausgeber Günther Nonnenmacher äußert sich in einem ausführlichen Interview zur Redaktionskultur bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und den Vorwürfen von Udo Ulfkotte. Und der Kommunikationswissenschaftler Christoph Neuberger kritisiert (auch frei online in der Leseprobe) die inzwischen berühmte Untersuchung von Uwe Krüger über den „Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alpha-Journalisten“ und wirft dem Kollegen schwere wissenschaftliche Versäumnisse vor. (Von mir stehen auch ein paar Zeilen zu Ulfkotte im Heft.)