
Schon der Name ist schön. »Topf voll Gold« haben Mats Schönauer und Moritz Tschermak ihr Blog genannt, in dem sie über den Markt der Regenbogenpresse in Deutschland berichten. Sie meinen nicht die Boulevardzeitungen wie »Bild« oder sogenannte »People-Magazine« wie »Gala« und »Bunte«, nicht einmal viertelseriöse Angreifer wie »Closer«, sondern das Segment, dessen journalistische Ansprüche noch darunter liegen: Hefte wie »Freizeit Revue«, »Das goldene Blatt«, »Neue Woche« und meine alte Freundin, »Die Aktuelle«, die Woche für Woche viele Hunderttausend Exemplare verkaufen.
Aus irgendeinem Grund gibt es kaum journalistisches Interesse an diesen schillernden Produkten und ihrer Art, sich auszumalen, was in der Welt der Reichen und Schönen wohl gerade vielleicht hätte passiert sein können, wenn das Leben die besten Geschichten schreiben würde und das nicht doch Woche für Woche die Redakteure dieser Blätter übernehmen müssten. Nur Jörg Thomann veredelt in der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung« die (Fehl-)Leistungen der Blätter regelmäßig zu »Herzblatt-Geschichten«.
»Und so läuft das Geschäft unterm Regenbogen, ohne dass sich jemand groß damit auseinandersetzt«, schreiben Mats und Moritz, was angesichts der üblen Methoden und dreisten Lügen schon erstaunlich ist. So berichtet die Zeitschrift »Promi-Welt«, dass die norwegische Kronprinzessin Mette-Marit »in einer Nacht– und Nebel-Aktion [in Indien] zwei Säuglinge aus einer Kinderklinik entführte«.
Schönauer und Tschermak studieren am Institut für Journalistik der TU Dortmund und betreiben den »Topf voll Gold« als Teil ihrer Bachelorarbeit. Im schriftlichen Teil wollen sie unter anderem vergleichen, wie sich die Zeitschriften untereinander unterscheiden und im Lauf der Zeit verändert haben, und fragen, welchen Einfluss und welche Funktion Blogs neben der herkömmlichen Medienkontrolle und –kritik haben können.
»Vor allem aber interessiert uns die Frage«, sagt Mats Schönauer, der auch fleißig fürs BILDblog schreibt, »warum Medienjournalisten diesen riesigen Markt der Regenbogenpresse zum größten Teil unbeobachtet lassen. Das gilt interessanterweise auch für die Wissenschaft: Es gibt kaum Literatur und so gut wie keine Forschung zu diesem Bereich, obwohl er — allein gemessen an der Auflage — ohne Frage von Relevanz ist.«
Das Blog soll die praktische Ergänzung dazu sein. Dort sammeln sie auch die »Verrenkungen der Woche« — das ist das Gegenstück zu meinem »die aktuelle«-Bingo und bietet ebenfalls die Möglichkeit mitzuraten, welche harmlose Nachricht für die absurd spektakulären Schlagzeilen der Titel verantwortlich ist. Das ist manchmal amüsant, wenn die »Neue Welt« über Schlagersängerin Nicole titelt: »Knapp am Tod«, wohinter sich Folgendes verbirgt:
Dreimal schon ist Nicole dem Tod noch gerade so von der Schippe gesprungen — drei »Erlebnisse, die einem kalte Schauer über den Rücken jagen …«
- 1988 wollte sich Ehemann Winfried unbedingt die Flugschau in Rammstein angucken. »Weil seine Frau zu Hause zu lange herumtrödelte, wurde daraus nichts.«
- 2004 planten die beiden eine Reise nach Südostasien. Exakt zu dem Zeitpunkt, als dort der Tsunami wütete. Das Paar »entschied sich dann jedoch kurzfristig für Südafrika«.
- Irgendwann krachte mal bei einer Liveshow ein schweres Scheinwerfer-Gestell um — »es hätte Nicole erschlagen können, fiel aber in die andere Richtung.«
Und manchmal von ausgesuchter Ekligkeit, wenn die »Freizeit Monat« auf ihrem Titel alles tut, um den Eindruck zu erwecken, dass Friso, der Sohn von Beatrix, der seit einem Unfall im Koma liegt, gestorben sei, wenn sie in Wahrheit nur die angekündigte Abdankung der niederländischen Königin meint.
»Kein Plan, wie lange wir das aushalten«, sagt Mats, »aber noch sind wir hochmotiviert.« Ich drücke die Daumen.