Ganz unten: Zu Besuch bei der RTL-Erfolgsshow »Das Supertalent«

Es ist heiß, der Abend zieht sich, aber es gibt einen Grund durch­zu­hal­ten: Zur Halb­zeit soll es kos­ten­los Was­ser für alle geben.

Es spricht eher nicht für eine Ver­an­stal­tung, wenn der Höhe­punkt, mit dem der Anhei­zer das Publi­kum in den Umbau­pau­sen bei Laune zu hal­ten ver­sucht, die Ankün­di­gung ist, dass es nur noch fünf, vier, drei, zwei Auf­tritte sind, bis es end­lich etwas zu trin­ken gibt. Ich frage mich, ob es den Etat der Pro­duk­tion wirk­lich gesprengt hätte, den Durst der Zuschauer frü­her und mehr­mals zu stil­len. Ob es etwas ande­res als das Was­ser geben könnte, auf das es sich zu freuen lohnte, ein spek­ta­ku­lä­rer Akt auf der Bühne etwa, frage ich mich irgend­wann nicht mehr.

Es ist Frei­tag­abend, die zweite Auf­zeich­nung der RTL-Show »Das Super­ta­lent« im Ber­li­ner Tem­po­drom. Ein­ein­halb Stun­den hat es gedau­ert, bis wir auf unse­ren Plät­zen saßen. Dann beginnt das Warm-Up. Der dafür enga­gierte Mann lässt die Zuschauer auf Kom­mando für die Kame­ras applau­die­ren und vor Begeis­te­rung beim Jubeln auf­sprin­gen. Keine Sorge, sagt er, RTL werde das spä­ter natür­lich nur an die Stel­len in die Sen­dung schnei­den, wo es tat­säch­lich eine sol­che Reak­tion gab. Geläch­ter im Publikum.

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Die schlechten Menschen von »Deutschland sucht den Superstar«

Bei »Deutsch­land sucht den Super­star« gibt es drei Grup­pen von Men­schen, deren Ver­hal­ten ich nicht verstehe.

Die erste sind die Leute, die das gucken. Sie­ben­ein­halb Mil­lio­nen haben die erste Folge der neuen Staf­fel gese­hen — obwohl die Sen­dung so bere­chen­bar, for­mel­haft und aus­ge­walzt ist wie kaum eine andere.

Das zweite sind die Leute, die da hin­ge­hen. Zig­tau­send Kan­di­da­ten hat­ten sich wie­der bewor­ben — obwohl sie wis­sen könn­ten, dass sie nur Roh­ma­te­rial für eine Maschi­ne­rie sind, die bes­ten­falls ver­spricht, nach einem absur­den Auf­wand und vie­len Demü­ti­gun­gen, eine ein­zige erfolg­rei­che Sin­gle zu produzieren.

Das dritte sind die Leute, die das produzieren.

Über die ers­ten bei­den Grup­pen ist aus­dau­ernd dis­ku­tiert wor­den. Über die Anzie­hungs­kraft der Show auf das Publi­kum und noch viel mehr über die Frage, ob man die Men­schen, die dort mit­ma­chen, vor sich selbst schüt­zen müsste. Einige der Kan­di­da­ten, über die sich RTL aus­führ­lich lus­tig macht, wir­ken geis­tig behin­dert. Aber ers­tens ist das kein kla­res Kri­te­rium und zwei­tens keine Ant­wort auf die Frage, wie man mit ihnen umge­hen müsste. Diese Leute dür­fen, mut­maß­lich, wäh­len, Geld aus­ge­ben, hei­ra­ten, ihr Leben selbst bestim­men. Womög­lich haben sie auch das Recht, sich vor der Nation zu Dep­pen zu machen.

Es ist wie beim alten Dilemma vom Zwer­gen­weit­wurf: Ver­stößt eine sol­che Ver­an­stal­tung gegen die Men­schen­würde oder gehört zu die­ser Men­schen­würde, im Gegen­teil, auch das Recht eines Zwer­gen, sich aus freien Stü­cken zum Objekt eines sol­chen Spek­ta­kels zu machen?

Min­des­tens so inter­es­sant finde ich aber eine andere Frage: Was sind das für Men­schen, die mit Zwer­gen wer­fen wollen?

Auf »Deutsch­land sucht den Super­star« bezo­gen, ist das natür­lich die­je­nige der ein­gangs genann­ten Grup­pen, deren Ver­hal­ten ober­fläch­lich am ein­fachs­ten zu erklä­ren ist: Leute arbei­ten für »Deutsch­land sucht den Super­star«, weil sie damit Geld ver­die­nen. Sie tun nur ihren Job.

Und doch ver­stehe ich diese Gruppe am wenigs­ten. Ich kann die Scha­den­freude beim Gucken nach­voll­zie­hen, ich kann die Selbst­täu­schung der Kan­di­da­ten erah­nen, aber ich weiß nicht, wie ver­kom­men man sein muss, um die Liebe einer tod­kran­ken Frau zu ihrem Sohn, der sie rund um die Uhr pflegt, als Mit­tel zu benut­zen, um seine öffent­li­che Demü­ti­gung zu maximieren.

Der drei­ßig­jäh­rige Ste­fan hat nichts von einem Super­star, er hat nicht ein­mal etwas von einem RTL-»Superstar«. Er kann nicht sin­gen; er ist, wenn er es vor der Jury ver­sucht, eine lächer­li­che Figur. Ande­rer­seits bringt er eine unge­wöhn­lich tra­gi­sche Lebens­ge­schichte mit sich.

Das ist eine unge­wöhn­li­che Kom­bi­na­tion von zwei Eigen­schaf­ten, die RTL für seine Show braucht, sonst aber streng trennt: Eigent­lich sind es die Gewin­ner, die die per­sön­li­chen Schick­sale mit­brin­gen und dadurch noch bewun­derns­wer­ter wirken.

Ste­fan erzählt Die­ter Boh­len und den zwei Jury­sta­tis­ten von sei­ner Liebe zur Musik und von sei­nem har­ten Leben. Nach­dem er gesun­gen hat, bemü­hen sich die drei, ihm unge­wöhn­lich scho­nend bei­zu­brin­gen, dass er nicht in die nächste Runde kommt. Jedem Zuschauer ist klar, dass das milde Urteil nicht die wahre Leis­tung wider­spie­gelt, son­den raus­schließ­lich Zei­chen des Respekts ist vor dem per­sön­li­chen Schick­sal des Kan­di­da­ten. Selbst Die­ter Boh­len schafft es, eine mensch­li­che Seite von sich zu zeigen.

Kurz.

Dann ist der Kan­di­dat gegan­gen und Boh­len sagt zu der Frau neben sich: »Hätte er die kranke Mut­ter nicht, hätte ich ihn fer­tig gemacht.«

Das war den Zuschau­ern schon klar. Aber dass Boh­len es aus­spricht und dass RTL es aus­strahlt, gibt dem gan­zen eine andere Dimen­sion. Boh­len schafft es, gleich­zei­tig zu beto­nen, dass er zu Mit­leid fähig ist, und seine Mit­leids­lo­sig­keit zu demons­trie­ren, indem er dem Kan­di­da­ten und der Welt auf die­sem Weg trotz­dem noch mit­teilt, dass er rich­tig scheiße war — nur damit da keine Miss­ver­ständ­nisse bleiben.

Wäh­rend des Auf­trit­tes des Kan­di­da­ten hatte die Pro­duk­tion ihre eigene Skru­pel­lo­sig­keit bewie­sen. Wäh­rend er die letz­ten Zwei­fel, ob er wirk­lich so schlecht ist, weg­sang, schnitt sie noch ein­mal die Aus­sa­gen sei­ner Mut­ter dazwi­schen, die sich wünschte, dass DSDS für ihn ein »Sprung­brett« sein könnte, »weg von sei­ner kran­ken Mut­ter«. Mit bil­ligs­tem Gei­gen­kitsch und ver­dun­kel­ten Zeit­lu­pen­auf­nah­men hat­ten RTL und die Pro­duk­ti­ons­firma Grundy die Geschichte der tod­kran­ken Frau, die im Roll­stuhl sitzt und einen Sau­er­stoff­schlauch trägt, vor­her in Szene gesetzt — rei­ner Zynis­mus, wie sich herausstellte.

Wäh­rend Ste­fan seine Talent­lo­sig­keit zeigte, zeigte RTL noch ein­mal, wie seine Mut­ter schwärmte: »Ste­fan ist der neue Super­star. Und er hat das Talent.«

Diese Dis­kre­panz zwi­schen der Liebe und Hoff­nung einer Mut­ter und der Rea­li­tät wäre dem Zuschauer auch so schmerz­haft bewusst gewor­den, aber die Pro­du­zen­ten von »Deutsch­land sucht den Super­star« gin­gen auf Num­mer sicher und schnit­ten das direkt inein­an­der. Sie benutz­ten Ste­fan und sei­nen miss­ra­te­nen Auf­tritt, um seine kranke Mut­ter zu ver­höh­nen. Und sie nutz­ten die kranke Mut­ter und ihren ver­klär­ten Blick auf ihren Sohn, um Ste­fan zu verhöhnen.

Ganz unab­hän­gig davon, wie der Kan­di­dat das fand, der anschei­nend dank­bar war, dass er über­haupt teil­neh­men durfte: Das muss man erst ein­mal tun wollen.

Das ist die Frage, die ich mehr als jede andere stelle, wenn ich »Deutsch­land sucht den Super­star« gucke: Was sind das für Men­schen, die an einer solch ver­kom­me­nen Insze­nie­rung mit­wir­ken? Tom Sän­ger, der Unter­hal­tungs­chef von RTL, hat ein­mal gesagt: »Wir sind sehr dar­auf bedacht, die Akteure nicht zu beschä­di­gen.« Ich weiß nicht, ob das Zynis­mus ist. Oder ob man, wenn man lange genug in die­sem Umfeld gear­bei­tet hat, abstumpft. Oder ob es doch ein­fach schlechte Men­schen sind, die dort arbeiten.

(Den Auf­tritt kann man sich bei Clip­fish ansehen.)

Zwerge

Als sich die UN-Menschenrechtskommission 2002 mit dem kom­mer­zi­el­len Zwer­gen­weit­wurf beschäf­tigte, ging es for­mal nicht um die Frage, ob diese Pra­xis gegen die Men­schen­würde ver­stößt. Im Gegen­teil: Es ging darum, ob durch ein Ver­bot des Zwer­gen­weit­wurfs in Frank­reich kleine Men­schen dis­kri­mi­niert wer­den. Geklagt hatte einer klei­ner Stunt­man, der sich pro­fes­sio­nell in Bars und Clubs als Wurf­ge­schoss anbot und sich durch das Gesetz ent­mün­digt sah: Als ob kleine Men­schen nicht selbst ent­schei­den könn­ten, was sie mit sich machen lassen.

Das würde RTL gefal­len. Ist es nicht auch ein Men­schen­recht, sich von dem Schla­ger– und Fäka­li­en­pro­du­zen­ten Die­ter Boh­len vor einem Mil­lio­nen­pu­bli­kum demü­ti­gen las­sen zu dür­fen? Es wird ja nie­mand gezwun­gen, sich bei »Deutsch­land sucht den Super­star« zu bewer­ben oder den damit ver­bun­de­nen Ver­trag zu unter­schrei­ben, der es den Fern­seh­leu­ten erlaubt, unge­fähr alles mit den Auf­nah­men anzu­stel­len. Und nach all den Jah­ren könnte man wis­sen, wie in die­ser Show mit Men­schen und ihren Schwä­chen umge­gan­gen wird.

Aber zum Zwer­gen­wer­fen gehö­ren zwei: Einer, der sich wer­fen lässt. Und einer, der wer­fen will. Das muss man auch erst ein­mal wol­len: Einen ver­stör­ten jun­gen Kan­di­da­ten vor der Kamera Lie­ge­stütze machen las­sen, damit man hin­ter­her Sex-Geräusche dar­un­ter legen und sein Schwär­men für Juro­rin Nina Eichin­ger ver­al­bern kann. Auf jedem Miss­ge­schick, jeden kör­per­li­chen Makel eines Bewer­bers her­um­rei­ten und seine Selbst­über­schät­zung, seine Nai­vi­tät, seine Erfolgs­sucht aus­nut­zen. Einen Die­ter Boh­len mit sei­nem aso­zia­len Ver­hal­ten zum bewun­der­ten Vor­bild aufbauen.

Die Dis­kus­sion um »DSDS« wird von RTL erfolg­reich auf die Frage redu­ziert, ob man so mit Men­schen umge­hen darf. Ver­drängt wird dadurch die Frage, ob man so mit Men­schen umge­hen muss. Ob für die Mit­ar­bei­ter des Sen­ders und der sich selbst für beson­ders ver­ant­wor­tungs­voll hal­ten­den Pro­duk­ti­ons­firma Grundy nicht auch Gren­zen gel­ten könn­ten, die durch eigene Ver­ant­wor­tung bestimmt und nicht durch Gesetze vor­ge­ge­ben sind. Bezeich­nen­der­weise wird die »Es wird ja nie­mand gezwungen«-Formel nie auf die Fern­seh­ma­cher ange­wandt: Es wird ja nie­mand gezwun­gen, jeman­den bloß­zu­stel­len, nur weil der sich bloß­stel­len lässt.

Die Uno hat die Beschwerde des klei­nen Stunt­man übri­gens abgelehnt.

Dieter Bohlen guckt lieber andere Programme als RTL

Las­sen Sie sich das TV-Programm vor­schrei­ben? Die­ter Boh­len nicht. »Das TV-Programm lass ich mir nicht vor­schrei­ben«, sagt er. »Ich schau Bohlen-TV auf Save.TV!«

Bei Save.TV han­delt es sich um ein Ange­bot, mit dem man Fern­seh­sen­dun­gen online auf­neh­men kann, und bei Boh­lens Sät­zen um Wer­bung. Es sagt noch mehr davon:


Screen­shot: gmx.net

Nun weiß ich nicht, was Die­ter Boh­len unter Voll­nar­kose kann (außer Musik kom­po­nie­ren), aber ich weiß, was der Online-Rekorder von Save.TV nicht kann: Sen­dun­gen von RTL auf­neh­men. RTL hat näm­lich (als ein­zi­ger Sen­der) gegen die unge­neh­migte Nut­zung sei­nes Pro­gramms durch Save.TV geklagt und in zwei Instan­zen vor dem Land­ge­richt Leip­zig und dem Ober­land­ge­richt Dres­den Recht bekom­men. Nun liegt der Fall beim Bun­des­ge­richts­hof (BGH).

Save.TV tut alles, die­ses Manko vor sei­nen (teils zah­len­den) Kun­den zu ver­heim­li­chen, wirbt sogar mit »Auf­nah­me­tipps« aus dem RTL-Programm für sich, gibt beim Ver­such, sie doch zu pro­gram­mie­ren, nur die kryp­ti­sche Feh­ler­mel­dung »Lei­der ist die Auf­nahme momen­tan nicht mög­lich. (705)« aus und hat lange behaup­tet, es han­dele sich nicht um juris­ti­sche, son­dern tech­ni­sche Pro­bleme. Dabei gilt schlicht: Save.TV darf bis zu einer gegen­tei­li­gen Ent­schei­dung des BGH die RTL-Sendungen nicht aufnehmen.

Trotz­dem zeigt einem aus­ge­rech­net RTL-Star Die­ter Boh­len auf Save.TV an jeder Ecke als Wer­be­mo­del seine Zähne:


Screen­shots: Save.TV

»Das ist pro­ble­ma­tisch, klar«, sagt eine Save.TV-Sprecherin, »aber es han­delt sich ja um eine Kam­pa­gne für alle Sen­der und nicht nur RTL.« Und bei RTL heißt es, dass Die­ter Boh­len seine Wer­be­en­ga­ge­ments selbst aus­wähle — emp­foh­len hätte man es ihm sicher nicht.

Wenn es aber stimmt, was Boh­len sagt, dass er mit Save.TV seine »Lieb­lings­sen­dun­gen« und »Bohlen-TV« auf­nimmt, wäre es inter­es­sant, um wel­che Pro­gramme es sich han­delt. »Deutsch­land sucht den Super­star«, »Das Super­ta­lent« und ihre diver­sen Begleit­shows kön­nen es ja nicht sein.

Der Weihnachtsskandal von 9Live (2)

Erin­nern Sie sich noch an das Geschenk, das 9Live sei­nen Zuschau­ern am zwei­ten Weih­nachts­tag gemacht hat, als der Sen­der über 13 Stun­den lang kei­nen Anru­fer ins Pro­gramm durch­stellte, aber alle halbe Stunde so tat, als sei die Sen­dung nun zuende? (Hier anzu­se­hen.)

Ich hatte ja damals nicht nur 9Live um eine Stel­lung­nahme gebe­ten (die für sol­che Fälle eigens einen Pres­se­an­fra­gen­be­ant­wor­tungs­ro­bo­ter aus dem Nach­lass des sowje­ti­schen Infor­ma­ti­ons­mi­nis­te­ri­ums erwor­ben zu haben schei­nen), son­dern auch einige, zuge­ge­ben: schlecht gelaunte Fra­gen an die Baye­ri­sche Lan­des­zen­trale für neue Medien (BLM) geschickt.

Am ver­gan­ge­nen Frei­tag erreich­ten mich nach über fünf Wochen die Antworten:

1. Ist der BLM der Fall bekannt?

Ja, der BLM ist der Fall bekannt.

2. Ist die BLM in die­sem Fall bereits tätig geworden?

Ja, die BLM ist bereits tätig gewor­den. Wir haben zu dem Fall eine schrift­li­che Anhö­rung von 9Live durch­ge­führt. Die Stel­lung­nahme des Sen­ders ist inzwi­schen ein­ge­gan­gen und wird von uns der­zeit geprüft.

3. Ist die­ses Vor­ge­hen ver­ein­bar mit den Gewinn­spiel­re­geln der Landesmedienanstalten?

Wir gehen davon aus, dass durch die Mode­ra­tion selbst sowie durch die Mode­ra­tion unter­stüt­zen­den Crawls, ins­be­son­dere durch die mit unter­schied­li­cher Bedeu­tung beleg­ten Begriffe »Sen­dungs­ende«, »Sen­de­ende«, und »Spie­lende«, irre­füh­rende bzw. fal­sche Aus­sa­gen über die Spiel­dauer sowie über die Been­di­gung des Spiels getrof­fen wur­den (Nr.5.2 Satz 1 Gewinn­Spiel­Re­geln). Fer­ner gehen wir davon aus, dass nicht vor­han­de­ner Zeit­druck auf­ge­baut wurde (Nr. 5.2 Satz 5 Gewinn­Spiel­Re­geln). Die Gewinn­Spiel­Re­geln ent­hal­ten keine aus­drück­li­chen Bestim­mun­gen dar­über, inner­halb wel­chen Zeit­raums Anru­fer spä­tes­tens durch­ge­stellt wer­den müs­sen. Unge­ach­tet des­sen prü­fen wir die Mög­lich­keit eines recht­li­chen Vorgehens.

4. Ange­nom­men, 9Live würde ab sofort über­haupt kei­nen Anru­fer mehr ins Stu­dio durch­stel­len: Wann schät­zen Sie, würde die BLM das bemerken?

Die Pro­gramm­be­ob­ach­tung der BLM mit einem erprob­ten Sys­tem aus Stich­pro­ben, Anlass bezo­ge­nen und Rou­ti­ne­kon­trol­len ent­spricht aner­kann­ten Stan­dards und führt erfah­rungs­ge­mäß zur Fest­stel­lung von Ver­stö­ßen in ange­mes­se­ner Zeit. Die BLM ver­fügt aber nicht über das Per­so­nal, die Pro­gramme lücken­los zu beob­ach­ten. Den­noch würde uns das von Ihnen geschil­derte Sze­na­rio schnell auffallen.

5. Und was wür­den Sie dann tun?

Wir wür­den, wie es die Ver­fah­ren­re­geln vor­se­hen, den Sen­der anhö­ren und im Anschluss ein recht­li­ches Vor­ge­hen prüfen.

6. Täuscht mein Ein­druck, dass die zwei­fel­haf­ten Prak­ti­ken von 9Live für die BLM eine extrem nied­rige Prio­ri­tät haben?

Ihr Ein­druck täuscht Sie in der Tat. Die BLM hat in der Ver­gan­gen­heit zahl­rei­che Bean­stan­dun­gen gegen 9Live und andere Sen­der, die Gewinn­spiele ver­an­stal­ten, aus­ge­spro­chen. Wie Sie wis­sen, han­delt es sich bei den Gewinn­Spiel­Re­geln um frei­wil­lige Ver­ein­ba­run­gen zwi­schen den Lan­des­me­di­en­an­stal­ten und den Sen­dern, deren Nicht-Einhaltung keine unmit­tel­ba­ren recht­li­chen Kon­se­quen­zen zei­tigt. Es waren die Lan­des­me­di­en­an­stal­ten und im Beson­de­ren die BLM, die bei den gesetz­ge­ben­den Län­dern dar­auf gedrängt haben, Ver­stöße gegen die Gewinn­Spiel­Re­geln als Ord­nungs­wid­rig­keit­stat­be­stand in den Runk­funk­staats­ver­trag auf­zu­neh­men. Dies wurde im 10. Rund­fun­kän­de­rungs­staats­ver­trag umge­setzt, der am 1. Sep­tem­ber 2009 in Kraft tre­ten soll.

7. Warum ist das so?

Siehe Ant­wort zu Frage 6.

8. Wür­den Sie sagen, dass es eine Medi­en­auf­sicht in Deutsch­land gibt, die das Pro­gramm von 9Live kontrolliert?

Die BLM als zustän­dige Lan­des­me­di­en­an­stalt kon­trol­liert das Pro­gramm von 9Live wie alle ande­ren Pro­gramme, die von ihr geneh­migt wurden.

Zum Ver­gleich: Seit 23. Januar strahlt der Sen­der RTL (für den die nie­der­säch­si­sche Lan­des­me­di­en­an­stalt NLM zustän­dig ist) die aktu­elle Staf­fel von »Deutsch­land sucht den Super­star« aus. Bereits am 31. Januar gab die Kom­mis­sion für Jugend­me­di­en­schutz (KJM) bekannt, erneut ein Prüf­ver­fah­ren gegen die Sen­dung ein­ge­lei­tet zu haben. Wolf-Dieter Ring, der Vor­sit­zende der KJM und Chef der BLM, nahm am sel­ben Tag das Urteil schon vor­weg: RTL habe aus der Bean­stan­dung im Vor­jahr keine Kon­se­quen­zen gezo­gen. Dar­über sei er »schwer ver­är­gert«. Äuße­run­gen von Die­ter Boh­len, der die Ver­ant­wor­tung für die Bloß­stel­lung eines Jugend­li­chen durch Boh­len und RTL des­sen Vater gab, nannte Ring »ver­lo­gen und schein­hei­lig«. Gegen­über der »Super-Illu« sagte er zwei Wochen spä­ter: »Die Wort­wahl, die Häme, das Lächer­lich­ma­chen, das Bloß­stel­len — ich habe den Ein­druck, dass das jetzt sogar noch zuge­nom­men hat.« Heute ent­schied die KJM erwar­tungs­ge­mäß, meh­rere Aus­strah­lun­gen zu bean­stan­den und ein Buß­geld­ver­fah­ren einzuleiten.

Rich­tig ist: Man­gels gesetz­li­cher Grund­lage könnte die BLM 9Live momen­tan gar kein Buß­geld auf­brum­men. Aber bin ich der ein­zige, der die dras­ti­schen Worte von Wolf-Dieter Ring über die an der Grenze zum Betrug ange­sie­del­ten Prak­ti­ken von 9Live in den letz­ten Jah­ren über­hört hat? Liegt es daran, dass es bei 9Live, anders als bei RTL, um baye­ri­sche Arbeits­plätze geht? Oder sind Die­ter Boh­lens Sprü­che ein­fach ein Thema, mit dem sich nicht nur RTL und die »Bild«-Zeitung, son­dern auch ver­meint­li­che Medi­en­wäch­ter wun­der­bar pro­fi­lie­ren können?

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