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Maxeiners und Mierschs Gehirnwäsche

25 Jun 12
25. Juni 2012

Mein Freund Michalis Pantelouris hat diesen Artikel von Dirk Maxeiner und Michael Miersch in der „Welt“ als den „dümmsten Text in deutscher Sprache 2012« bezeichnet, aber damit tut er natürlich den vielen anderen Kolumnen Unrecht, die die beiden in diesem Jahr geschrieben haben und vermutlich noch schreiben werden.

Es ist trotzdem ein bemerkenswertes Dokument. Die Überschrift lautet:

Grüne Gehirnwäsche macht aus Kindern Öko-Spione

Anstatt sie zum selbstständigen und kritischen Denken zu erziehen, werden immer mehr Kinder in Deutschland ökologisch indoktriniert. Denn die grüne Wirtschaft braucht Propaganda.

Nun könnte man dem Artikel natürlich vorwerfen, dass er keine der in dieser Sätzen enthaltenen Behauptungen belegt. Anderseits muss man ihm zugute halten, dass er dem Leser mit dieser Überschrift auch nicht fälschlicherweise suggeriert, dem folgenden Text ginge es in irgendeiner Weise um eine seriöse Argumentation.

Drei Beispiele haben die Autoren, um zu zeigen, dass der „öko-industrielle Komplex“ „zunehmend“ Kinder einsetzt, um ungebührliche Aufmerksamkeit für seine eigentlich gar nicht so wichtigen Themen zu gewinnen.

Das erste ist Felix Finkbeiner, ein inzwischen 14-jähriger Junge aus der Nähe von München, der seit fünf Jahren dafür kämpft, in aller Welt massenhaft Bäume zu pflanzen. Seine Aktion „Plant for the Planet“ ist offenbar spektakulär erfolgreich, und natürlich hilft dabei auch, dass es sich um eine Initiative von Kindern handelt, was in den Medien gut ankommt. Aber selbst Maxeiner & Miersch, die sonst alles verdächtig finden, was der Umwelt gut tun könnte, sind nicht prinzipiell gegen Bäumepflanzen. Sie lassen sich sogar zu dem Halbsatz hinreißen: „Nun ist Bäumepflanzen keine schlechte Sache.“ 

Was also ist ihr Problem? Felix wirkte bei seinem Auftritt vor den Vereinten Nationen im vergangenen Jahr auf sie „wie eine aufgezogene Puppe“. Verdächtig machte er sich auch durch gekonntes Gestikulieren. Fazit: „Nichts an diesem Auftritt wirkt echt.“ 

Es bleibt offen, ob Taten mit guter Wirkung für Maxeiner & Miersch akzeptabler wären, wenn sie von Kindern organisiert würden, die sich dabei angemessen kindlich benehmen. Oder ob sie es prinzipiell ablehnen, dass sich 14-jährige dafür einsetzen, dass die Lebensbedingungen auf der Welt auch dann noch akzeptabel sind, wenn Maxeiner & Miersch längst unter der Erde liegen und nicht mehr mitkriegen, ob sich der Klimawandel wirklich als so vernachlässigenswertes Thema herausgestellt haben wird, wie sie es immer behauptet haben.

Sie sind längst beim zweiten Beispiel für „grüne Gehirnwäsche“: Ein Verlag hat es gewagt, ein neues Buch für Erzieher und Lehrer herauszugeben, das „Wie wollen wir leben? Kinder philosophieren über Nachhaltigkeit“ heißt.

Nun muss man wissen, dass für Maxeiner & Miersch eine eigene Variante von Godwins Gesetz gilt, in der der Hitler-Vergleich durch den Gebrauch des Wortes „Nachhaltigkeit“ ersetzt wurde.

Nichts anderes bringt die beiden so zuverlässig auf die Palme wie dieses Wort. Wer „Nachhaltigkeit“ sagt, hat verloren. 

Ironisch schreiben sie:

Da die Mehrheit der deutschen Erwachsenen keinen Schimmer hat, was Nachhaltigkeit eigentlich sein soll (und es ihr auch niemand erklären konnte), ist es natürlich höchste Zeit, dass Kinder mit ihren Lehrern darüber philosophieren.

Niemand könnte der Mehrheit der deutschen Erwachsenen erklären, was Nachhaltigkeit sein soll? Was wäre mit der klassischen Definition, nach der „nachhaltige Entwicklung“ bedeutet, 

dass die gegenwärtige Generation ihre Bedürfnisse befriedigt, ohne die Fähigkeit der zukünftigen Generation zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse befriedigen zu können.

Ich glaube, dass man das sogar Kindern ganz leicht so erklären kann, dass sie es verstehen, zum Beispiel anhand von wilden Tieren, von denen man immer nur so viele jagen darf, dass es auch in Zukunft noch Tiere zu jagen gibt. (Wenn mich nicht alles täuscht, hat man mir das als Kind schon in den siebziger Jahren genau so erklärt, womöglich anhand der Indianer, die das angeblich besser wussten als der weiße Mann, aber ich wage mir nicht vorzustellen, was Maxeiner & Miersch zu dieser Art grüner Indoktrination und politischer Korrektheit zu sagen hätten.)

Wenn Maxeiner & Miersch sagen, dass „Nachhaltigkeit“ ein Mode- und Gummiwort geworden ist, haben sie vermutlich sogar Recht. Das erklärt aber noch nicht die Wut, mit der sie auf jeden einprügeln, der es zu benutzen wagt. Dabei haben sie in einem Artikel, in dem sie die angebliche Idee hinter dem Begriff als „utopisch und im Kern totalitär“ bezeichnen, sogar eine wunderbare Umschreibung des Nachhaltigkeits-Gedankens von Werner von Siemens aus dem 19. Jahrhundert gefunden: „Für augenblicklichen Gewinn verkaufe ich die Zukunft nicht.“ Den fanden Maxeiner & Miersch aus irgendwelchen Gründen in Ordnung — vermutlich weil er ohne den verhassten Begriff auskommt, der dasselbe beschreibt, vielleicht aber auch nur, weil Siemens das wusste, „ohne dafür eine Ethikkommission oder partizipative Wissenschaft zu benötigen“, was die Kindergartenhaftigkeit ihrer ganzen Argumentation ganz gut auf den Punkt bringt.

In demselben Text wiesen sie — völlig zu recht — darauf hin, dass Nachhaltigkeit kein natürliches, sondern ein ökonomisches Prinzip ist und fügten hinzu: „Hätte sich die Natur vor ein paar Millionen Jahren entschieden, nachhaltig zu sein, dann dominierten heute noch die Dinosaurier den Planeten.“

Keine Frage: Der Natur wird schon immer irgendwas einfallen, es wird halt womöglich nur kein Ort sein, an dem Dinosaurier überleben. Oder Menschen.

Aber zurück zu dem Buch, das Maxeiner & Miersch so übel aufgestoßen ist. Der Bayerische Kultusminister weist in seinem Vorwort darauf hin, dass „Verantwortungsbewusstsein für Natur und Umwelt zu den obersten Bildungszielen der Bayerischen Verfassung“ gehört:

Leitziel ist die Bildung für eine nachhaltige Entwicklung. Hierbei geht es nicht in erster Linie um die Vermittlung eines wünschenswerten Verhaltens oder um moralische Appelle, sondern vielmehr um die Befähigung von Kindern und Jugendlichen, altersangemessen aktiv am gesellschaftlichen Geschehen teilzuhaben und es mitgestalten zu können. Vor diesem Hintergrund sollen die Kinder ihren Lebensstil, gerade auch ihre Konsumgewohnheiten, hinterfragen und Lebensformen kennenlernen, die umweltgerecht und zukunftsfähig, also nachhaltig sind — um schließlich vom Lernen zum eigenen Handeln zu gelangen.

Und was das „Philosophieren“ angeht — in einem Kapitel heißt es:

Wenn hinter einer Frage möglicherweise ein Staunen, ein Zweifeln, eine ganze Reihe von Gedanken stecken, dann lohnt es sich zurückzufragen und gemeinsam nachzudenken. Eine philosophische Frage verlangt nicht nach einer Antwort, sondern nach einem Gespräch. Die eine richtige Antwort auf eine philosophische Frage gibt es nicht, vielmehr eine Vielzahl richtiger Antworten — je nachdem, aus welcher Perspektive und von wem die Frage betrachtet wird.

Diese Erziehung zur aktiven Teilhabe am gesellschaftlichen Geschehen, dieses gemeinsame Fragen, ohne Festlegung auf eine „richtige“ Antwortung, das muss es sein, was Maxeiner & Miersch als „Gehirnwäsche“ und als „Indoktrination“ bezeichnen. Erstaunlich.

Aber sie haben ja noch ein drittes Beispiel. „Propagandamaterial der Whale and Dolphin Conservation Society“ (WDCS), das „Fünfjährigen“ in die Hand gedrückt wird, wenn sie Sealife-Aquarien besuchen. Die Kinder würden darin ermuntert, ihren Eltern nachzuschnüffeln, ob sie isländischen Fisch kaufen, weil Isländer fiese Walfänger seien.

Nun wirkt die Kinder-Aktion der WDCS auch auf mich einigermaßen abwegig und die Logik hinter dem, was Maxeiner & Miersch einen „subtilen Boykottaufruf“ nennen, außerordentlich komplex. Es geht offenbar darum, dass man seinen Fisch nicht ausgerechnet von den isländischen Fischern kaufen soll, die auch groß im Walfanggeschäft sind. Es ist natürlich nicht so, wie die beiden „Welt“-Kolumnisten schreiben, dass dieser Boykottaufruf „mit keinem Wort“ sachlich begründet wird. Nur verständlich ist er nicht und nachvollziehbar ist die Aktion auch nicht.

Für Maxeiner & Miersch ist diese merkwürdige Aktion aber Gold wert. Sie schreiben über die Rolle der Kinder:

Sie sollen sich als „Walfang-Detektive“ und „Spione“ verdingen, den Erwachsenen nachschnüffeln und melden, ob und wo Mama, Papa, Opa oder Oma isländischen Fisch gekauft haben.

Nicht ganz. „Spione“ sind nicht die Kinder, sondern ihre Eltern — genauer gesagt ist es derjenige, der zuhause den Fisch kauft. Er soll als „Spion“ für den Kinder-„Detektiv“ arbeiten. 

Das ist natürlich einerseits völlig egal, andererseits aber entscheidend, damit Maxeiner & Miersch aus der Geschichte die maximale Indoktrinations-Fallhöhe herausholen können. Sie beenden ihren Text nämlich so:

Dies sind nur drei Beispiele von Hunderten, wie in Deutschland Kinder mittlerweile einer grünen Gehirnwäsche unterzogen werden. Diese Art von Indoktrination ist das Gegenteil von einer Erziehung zum selbstständigen und kritischen Denken. In George Orwells „1984“ hieß die Kinderorganisation übrigens „Spione“.

Hoho! Und nun könnte man, wenn man zuviel Tagesfreizeit hätte, lange darüber grübeln, ob die Walschützer damit versehentlich ihr totalitaristisches Denken verraten haben. Womöglich. Wenn die Walschützer die Kinder in ihrer Aktion denn „Spione“ genannt hätten. Was sie nicht haben.

· · ·

Ja, das ist nur ein kleines Artikelchen da, nicht einmal ein Viertel so lang wie dieser Blogeintrag. Aber es ist eben nicht nur ein kleines Artikelchen. Es ist eines von vielen und ein Paradebeispiel dafür, mit welcher Besinnungslosigkeit solche Kämpfer gegen den vermeintlichen Mainstream und die angeblich herrschende Political Correctness auf alles einschlagen, was nicht ihrer eigenen Ideologie entspricht. Schon ein irgendwie frühreif wirkender 14-jähriger Junge, der unbestritten Gutes erreicht hat, muss da bekämpft werden, und schon ein Buch, das bloß dabei helfen will, mit Kindern ins offene Gespräch zu kommen über Themen, wird zum Teil eines Masterplans zur Unterwerfung der Welt.

Und dieser Fanatismus verkleidet sich auch noch als Kampf gegen Fanatismus.

Fakten sind uns Wurst

04 Mrz 08
4. März 2008

Wer mag es wohl unbesehen geglaubt haben und weiter verbreiten, das „Bild“-Schauermärchen von dem Jungen, der nur nett und unwissend seine Schweinefleisch-Würstchen mit den muslimischen Schulkameraden teilen wollte und böse dafür bestraft wurde — ein weiterer Schein-Beleg für unsere Kapitulation vor dem Islam, der mindestens zweifelhaft ist?

Also, mal abgesehen von den Hassbloggern von „Politically Incorrect“?

Richtig, und ich hätte darauf gewettet: die „Achse des Guten“. In diesem Fall Dirk Maxeiner.