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Experten erwarten mehr Ebola-Panikfälle in Deutschland (2)

von Boris Rosenkranz
12 Nov 14
12. November 2014

Froben Homburger, der Nachrichtenchef der Deutschen Presse-Agentur (dpa), hat sich gemeldet, weil ich hier kürzlich über dpa geschrieben habe, was Homburger, nun ja: nicht so richtig gut fand. Er findet sogar, dass es sich um eine „mutwillig selektive Darstellung“ handelt, ferner diagnostizierte er eine „fährlässige selektive Wahrnehmung“, was natürlich nicht schön ist, aber auch nicht schlimm. Ich will die Gelegenheit jedenfalls nutzen, ihm hier zu antworten.

In Homburgers Wahrnehmung hat dpa „völlig korrekt“ und „weit von jeder Panikmache entfernt“ berichtet. Als Beleg dienen Homburger dafür Passagen des Nachrichtentextes, aus dem ich ja auch schon zitiert hatte. Dort steht, dass die Ebola-Gefahr hierzulande gering sei, weshalb man Homburger also zustimmen muss: Das ist keine Panikmache. Allerdings ging es darum auch nicht. Es ging um die Überschrift und die Frage, wieso dpa dort nicht reinpackt, dass es „sehr unwahrscheinlich“ ist, dass sich Ebola hierzulande ausbreitet, sondern das hier:

Focus.de Screenshot dpa-Meldung 10.11.20144

Homburger sagt dazu, dass es eben nicht die „Hauptneuigkeit“ gewesen sei, dass „die Experten ‚nach wie vor‘ eine Ausbreitung von Ebola in Deutschland ausschließen“, das täten sie schon seit Monaten, „und das hat dpa auch schon dutzendfach berichtet.“ Das Neue sei gewesen, dass mehr Verdachtsfälle erwartet würden, deshalb habe dpa das gemeldet, und das kann man natürlich so sehen. Doch neu war allenfalls, dass nun auch das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) sagt, dass einzelne Verdachtsfälle möglich sind, was aber ein „sehr seltenes Ereignis“ sein werde, wenn überhaupt. Ganz schön dünn, finde ich. Außerdem war diese Prognose bei der Pressekonferenz eher eine Randnotiz. Und neu ist sie auch nicht. Zwei Tage zuvor hatte dpa schon gemeldet:

Tropen-Mediziner: Ebola-Verdachtsfälle kommen im Dezember

Da stand quasi schon alles drin, sogar konkreter. Nach der vermeintlichen Tatsache in der Überschrift heißt es im Text, nun im Konjunktiv: „Schon in wenigen Wochen“ könnten „mehr Ebola-Verdachtsfälle in Deutschland gemeldet werden als bisher.“ Das hatte der Würzburger Professor August Stich so behauptet und auch gleich, ohne Konjunktiv, angekündigt, wie sich diese Verdachtsfälle auswirken werden:

„Im Dezember wird es losgehen, dass sich die Zahl von Ebola-Verdachtsfällen in der Republik häufen wird. Und damit wird unser ganzes Gesundheitssystem ziemlich angespannt werden.“

Die Meldung lief beachtlich gut, was aber auch kein Wunder ist bei dem Szenario, das sich nicht nach Einzelfällen anhörte, sondern nach einem Haufen, der unser Gesundheitssytem angreift: „Hunderte deutsche Helfer“ würden aus Westafrika heimkehren, sagte Stich. Und er beschrieb via dpa, welche Gefahren das mit sich bringe, und dass jeder Heimkehrer mit erhöhter Temperatur „oder anderen Symptomen“ überprüft werden müsse, was bisher ja schon nicht gut laufe:

„Was ich jetzt erlebt habe, ist wirklich Panik, wenn jemand mit Durchfall aus Afrika zurückkommt.“

In der Tat. Von dieser Panik berichten Helfer oder auch Journalisten, etwa die „Zeit“-Reporterin Amrai Coen. Die Rückkehrer werden gemieden wie Aussätzige, seit sie wieder da sind aus Afrika. Sie sollen den Aufzug meiden, die Toilette desinfizieren, und nicht nur Kollegen, auch Freunde machen aus Angst einen Bogen um sie. Dabei ist die Sorge unbegründet. Ebola ist ansteckend, wenn die Krankheit ausgebrochen ist, vorher nicht. Doch selbst in intellektuellen Kreisen macht man sich hierzulande ins Hemd, wenn es um Ebola geht, und ich fürchte, dass diese Panik durch immer neue konjunktivische Meldungen eher noch schlimmer wird.

Zumal man über den Nachrichtenwert bisweilen streiten kann: Ist es wichtig, dass alle wissen, dass bald möglicherweise einzelne Personen mit Verdacht auf Ebola zum Arzt gehen werden, sie aber lediglich eine Grippe haben? Oder ist das nicht vor allem für Ärzte, Polizisten oder Rettungssanitäter wichtig, die von behördlicher Seite ohnehin vorbereitet werden? Auf der Pressekonferenz der BBK ging es hauptsächlich darum, dass alles gut ist und alles gut vorbereitet. Keine Sorge. Das war die Kernbotschaft. Aber nun bleibt, denke ich, eher hängen, dass da welche nach Deutschland kommen, die möglicherweise dieses Ebola haben.

Es geht nicht darum, dpa in die Nähe der dumpf grölenden Deppen-Panik eines Blattes wie „Bild“ zu rücken. So schlimm ist es nun wirklich nicht. Es geht darum, zu überlegen, was Schlagzeilen bewirken können. Man muss nur mal schauen, was aus der ersten dpa-Meldung zu den vermuteten Verdachtsfällen so geworden ist:

Screenshot T-Online 9.11.2014

Screenshot NWZ Online 10.11.2014

Screenshot Main Post 9.11.2014

Screenshot Foto Stern 8.11.2014

Screenshot N24 8.11.2014

Beim letzten Beispiel aus dem Stefanaustereigniskanal N24 stimmt dann gar nichts mehr: „Neue Ebola-Fälle“ – als hätte es hier je welche gegeben! In Kombination mit der Überschrift und dem Foto muss das zwangsläufig so ankommen, als sollte man sich vielleicht schon mal schutzkleiden. Die Rückkehrer aus Westafrika können sich also auf einen herzlichen Empfang einstellen.

Natürlich ist das abermals selektiv ausgewählt und gemein, weil dpa ja nichts dafür kann, was aus einer Meldung in den Redaktionen gemacht wird. Aber vielleicht ist der Blick darauf trotzdem ganz hilfreich. August Stich jedenfalls, der Professor, ist nicht so begeistert von dem, was aus seinen dpa-Aussagen in anderen Medien wurde. Er sei „nicht korrekt wiedergegeben worden“, sagt er nun. Die verkürzten Überschriften sorgten für „Unruhe und Panik“, wobei man vielleicht richtiger sagen sollte, dass verkürzte Überschriften für noch mehr Panik und noch mehr Unruhe sorgen, denn das Szenario, das Stich via dpa entwirft, ist ja an sich schon ganz knackig. Aber eben unwahrscheinlich.

Und deshalb habe ich das Gefühl, dass von all den „Hauptneuigkeiten“ bloß ein Haufen unbegründeter Angst übrig bleibt.

Nachtrag 13.11.2014. dpa-Nachrichtenchef Homburger widerspricht nochmal.

Nachtrag, 13.11.2014, 20:16 Uhr. Auch hier eine Korrektur: Ich schrieb, das BBK halte „einzelne Verdachtsfälle“ für möglich. Korrekt ist: Das BBK hält es für möglich, dass man es in Deutschland „allenfalls mit Einzelfällen“ von Ebola–Erkrankungen zu tun haben wird. Und dass man sich in den nächsten Monaten auf eine Zunahme von Verdachtsfällen einstellen müsse. Aber nicht schlimm, weil: Alles gut vorbereitet. Eine Ausbreitung hierzulande halten die Behörden für nahezu ausgeschlossen. Über diese Szenarien hat das BBK auf der Pressekonferenz gesprochen, auch gleich zu Beginn. Falsch ist sie also nicht, die Überschrift der dpa-Meldung. Eine andere halte ich trotzdem noch für möglich.

Experten erwarten mehr Ebola-Panikfälle in Deutschland

von Boris Rosenkranz
10 Nov 14
10. November 2014

Beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) in Bonn bekommen sie in letzter Zeit ständig diese Fragen gestellt. Wie gefährlich das Ebola-Virus denn nun ist. Und wie groß die Gefahr, dass es auch hierzulande auftaucht. „Das Informationsbedürfnis in Deutschland ist nach wie vor hoch“, schreibt das BBK. Und damit er nicht ständig dasselbe predigen muss, hat BBK-Präsident Christoph Unger heute eine Pressekonferenz gegeben, um ein paar Dinge klarzustellen. Laut Nachrichtenagentur dpa sagte er zum Beispiel:

Eine Ausbreitung des gefährlichen Virus hierzulande sei […] nach wie vor sehr unwahrscheinlich.

Und Lars Schaade, der Vizepräsident des Robert-Koch-Instituts, sagte:

Eine Ausbreitung in Deutschland sei praktisch ausgeschlossen.

Dass Ebola in Deutschland auftritt und sich ausbreitet, kann man also irgendwo zwischen „sehr unwahrscheinlich“ und „praktisch ausgeschlossen“ verorten. Man könnte deshalb über eine entsprechende Nachricht schreiben: „Robert-Koch-Institut: Ebola in Deutschland ‚praktisch ausgeschlossen‘“ Oder: „Keine Panik: Ebola-Gefahr in Deutschland gering“. Oder man macht es wie dpa und schreibt drüber, was nun unter anderem in „Focus“, „Welt“ oder „Main-Post“ steht:

Focus.de Screenshot 10.11.20144

Stimmt. Und klingt doch gleich viel fetziger. Wenn da „mehr Ebola-Verdachtsfälle“ erwartet werden, steigt doch auch die Wahrscheinlichkeit, dass da ein paar drunter sind, die tatsächlich Ebola haben und alle anderen anstecken, nicht wahr?

Dabei hat BBK-Präsident Unger bloß gesagt, dass mehr Verdachtsfälle auftreten könnten, weil bald einige Ebola-Helfer aus Westafrika heimkehren werden und die Grippesaison beginnt. Bekommt zum Beispiel einer der Helfer Fieber, wenn er wieder hier ist, wird er sich untersuchen lassen – sicherheitshalber. Mit großer Wahrscheinlichkeit hat er eine Grippe; die Anfangssymptome sind ähnlich. Mit großer Wahrscheinlichkeit hat er demnach also kein Ebola. Aber „Bild“ rüstet sich trotzdem schon mal und macht aus der Entwarnung von BBK und Robert-Koch-Institut heute das:

Bild.de Screenshot 10.11.2014

So ernst wie der Mann im Schutzanzug blickt, sind wir alle fast tot, oder? Und dass die WHO den „Höhepunkt der Seuche“ nicht in Deutschland erwartet, wie man annehmen könnte, sondern in Afrika, wo sie 1976 erstmals auftrat – ach, egal. „Bild“ betont im Text ja auch zwanghaft die deutsche Restwahrscheinlichkeit und warnt:

Das gegenwärtige Risiko einer Einschleppung der Seuche nach Deutschland erachten sie [die „Experten“] dennoch als gering. Ein Import einzelner Fälle ist aber nicht auszuschließen!

Oder:

Die Gefahr, dass Reisende die Krankheit nach Deutschland mitbringen, ist gering – aber möglich!

Die Gefahr ist also möglich. Und zur Sicherheit noch mal in der Bildunterzeile:

Bild.de Screenshot 10.11.2014

Nein, stimmt, ausschließen kann man ja auch nicht, dass morgen die Sonne aufs Berliner Springer-Haus kracht. Mit „weiteren Ebola-Fällen in Deutschland“ meint „Bild“ wohl: die ersten. Bisher wurden drei Menschen, die bereits im Ausland erkrankt waren, in deutsche Kliniken gebracht und dort behandelt. Einer davon starb, einer ist wieder gesund, und ein weiterer noch in Behandlung.

Hier, in Deutschland, hat sich bis dato aber niemand mit Ebola infiziert. Die Verdachtsfälle, die es gab, waren jedes Mal – Verdachtsfälle. Und trotzdem wurden sie vom medialen Panikorchester begleitet. Dabei leiden Fieberpatienten, die aus Westafrika kommen, viel häufiger an etwas anderem, sagt das Robert-Koch-Institut: „In manchen Monaten werden in Deutschland monatlich 40 bis 50 Fälle von Malaria bei Personen diagnostiziert, die aus Westafrika einreisen.“

Ebola bisher, wie gesagt: null.

Das Robert-Koch-Institut erklärte heute auch noch mal, dass Deutschland ohnehin „gut aufgestellt“ sei mit sieben Isolierstationen bundesweit. Steht auch so in „Bild“, teilweise aus einem älteren Artikel rüberkopiert: Da steht, wo die Kliniken sind, und dass man auf die Behandlung von Fieberpatienten „gründlich vorbereitet“ sei. Geringe Gefahr also. Weil aber noch irgendwo etwas Restfurcht übrig war, haben sie das am Anfang des Artikels so zusammengefasst:

Retter befürchten, dass sie im Ernstfall nicht ausreichend vorbereitet sind.

Aber, gut, angesichts der Schlagzeilen der vergangenen Wochen laufen sie bei „Bild“ inzwischen sowieso mit Mundschutz rum. (Und mit Hitze-Schutz, der Sonne wegen.) Anfang August verkündete „Bild“ noch:

Bild Screenshot 7.8.2014

 

Aber dann befiel die Redaktion eine besonders tückische Seuche: das Vergessen.

BILD Screenshot 10.8.2014

BILD Screenshot 20.8.2014

BILD Screenshot 9.10.2014

Bild.de Screenshot 12.10.2014

Bild.de Screenshot 5.11.2014

Bild.de Screenshot 6.11.2014

Na, und wenn zwischendurch noch das Foto eines vermummten Arztes rumliegt, der in Liberia gegen die „Todesseuche“ kämpft, während in Leipzig gerade jemand, der aus Liberia heimgekehrt ist, Fieber und Durchfall hat – why not?

BILD Screenshot 31.8.2014

Nachtrag, 13.11.2014. Wie in den Kommentaren bereits bemerkt: Mein Überschriftenvorschlag „Robert-Koch-Institut: Ebola in Deutschland ‚praktisch ausgeschlossen‘“ ist nicht ganz korrekt. Richtig müsste es heißen, dass das Robert-Koch-Institut praktisch ausschließt, dass sich Ebola hierzulande verbreitet. Die Gefahr, dass Ebola eingeschleppt wird, ist zwar gering, das RKI schließt es aber nicht aus.

Dumme Nüsse

von Boris Rosenkranz
31 Aug 14
31. August 2014

Halten Sie sich bitte fest, es ist alles ganz schlimm! Ebola. Syrien. Ukraine. Gaza. AfD. Und dann ist kürzlich in einer Redaktion noch jemandem eingefallen, dass es im Frühjahr in der Türkei ja diese eine Nacht gegeben hat, in der es so frostig war, dass durch die Eiseskälte Haselnuss-Sträucher beschädigt wurden. Das ist schlecht, auch weil gut zwei Drittel aller Haselnüsse aus der Türkei kommen. Weltweit. Und wenn es früh friert, fällt die Ernte geringer aus. Mal viel geringer, mal weniger.

In der Redaktion dachten sie sich dann: Hm? Und nach einer Weile dachten sie: Haselnüsse? Und dann: Wo sind die noch mal drin? Was ihnen eingefallen ist, haben sie anschließend ins Netz oder in eine Zeitung geschmiert, und nun hat es sich ausgedehnt. Vergessen Sie deshalb, was Sie oder die Welt derzeit bewegt.

Denn wir erleben:

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Ja, richtig. Eine Nutella-Krise. Offenbar so schlimm, dass die „Berliner Morgenpost“ die Meldung dazu auch auf der Titelseite der Print-Ausgabe bringt.

Der erste Artikel, den man zu dieser Krise hierzulande findet, steht am 16.8.2014 im Wirtschaftsteil der FAZ. Überschrift: „Haselnuss-Preis im Höhenflug“. In der Unterzeile schreibt die FAZ, dass Ferrero, der Hersteller des Brotaufstrichs, wegen des Frosts für die „Nutella-Zutat“ mehr zahlen müsse. Im Text wird das, was in der Überschrift so klar klingt, dann aber wieder eingeschränkt, gleich im ersten Satz:

Der Preis für Haselnüsse ist angeblich auf einem Zehnjahreshoch, was für den Hersteller von Frühstückscremes wie Nutella, Ferrero, einen Kostenschub bringt.

Angeblich. Und ein paar Sätze später noch mal: angeblich. Die FAZ scheint also das, was sie da verbreitet, nicht so genau zu wissen, auch eine Quelle nennt sie nicht.

Aber da kann ja sicher die „Süddeutsche Zeitung“ helfen, die vier Tage später in ihrem Wirtschaftsteil nachlegt. Falls Sie diesen Wirtschaftsteil eher meiden, weil Sie denken, dort ginge es arg sachlich-fachlich zu – schauen Sie mal wieder rein! Der Artikel über die Nusspreise und deren Folgen hat schon mal eine flockige Überschrift: „Auf die Nuss“. In der Unterzeile des Print-Artikels verkündet die SZ: „Schlechte Ernte lässt die Preise steigen – mit Folgen für Nutella“. Offenbar ganz kausal: Ernte schlecht = Preise hoch = Nutella teurer. Und dann haben sie im Wirtschaftsressort der SZ Kerzen angezündet. Und Glühwein aufgesetzt.

Was soll jetzt nur aus Aschenbrödel werden? Weihnachten steht quasi schon wieder vor der Tür und damit auch der Filmklassiker. Die Prinzessin in spe braucht also dringend ihre drei Haselnüsse – die sind in diesem Jahr aber extrem knapp und viel teurer als sonst.

Ein Einstieg, der wirklich fesselt, vor allem Ende August. Laut SZ wissen sie also nicht mal mehr im Märchen, woher sie drei dumme Nüsse kriegen sollen, weil die so knapp sind dieses Jahr. Den Wirtschafts-Autor ängstigt das: „Wird jetzt Nutella auf dem Frühstücksbrot zum Luxusgut?“ Schließlich bestehe „die Creme zu 13 Prozent aus Haselnüssen, sogar der Kakaoanteil ist geringer.“ Krass, oder? Zu 13 Prozent! Das sind ja nur 87 Prozent weniger als 100 Prozent! Nicht auszudenken, was los ist bei der „Süddeutschen“, wenn der Zucker-Preis steigt.

Dass der Text bloß aufgeblähte Mutmaßung ist, erfährt der Leser, wenn er es nicht längst ahnt, im vierten Absatz:

Ob damit aber die Süßigkeiten-Produktion sichergestellt ist oder ob nun Preiserhöhungen drohen, dazu mochte Ferrero zunächst nichts sagen.

Und das ist der Haken: Zwar war es (wie immer mal wieder) frostig in der Türkei; zwar wurden dadurch Pflanzen beschädigt; zwar stieg der Preis pro Tonne Haselnüsse – die Hersteller aber sagen gar nicht, dass die Preise ihrer Produkte deshalb ebenfalls steigen. Oder dass es gar, wie auch geschrieben wird, zu Nachschub-Problemen kommen könnte. Laut dpa will Ferrero die Preise nach eigener Aussage im Oktober abstimmen, weil erst dann klar sei, wie die Ernte ausgefallen ist – und wie folgenreich der Frost war. Der Konzern sagt sogar, er wolle die „Auswirkungen auf den Endverbraucher“ so gering wie möglich halten.

Aber das reicht ja schon, um Journalisten komplett austicken zu lassen:

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(Welt kompakt, 21.8.2014)

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(Stern.de, 22.8.2014)

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(Blick.ch, 20.8.2014)

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(Bild.de, 19.8.2014)

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(Yahoo Finanzen, 21.8.2014)

Nutella-Knappheit! Krise! Droht! Ich bin gerade ganz froh, dass ich niemandem aus einem ärmeren Land erklären muss, wie das in dieser Form hierzulande überhaupt nur annähernd zu einer Meldung werden kann. Wobei: hierzulande?

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(The Independent, England, 14.8.2014)

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(20 minutes, Frankreich, 20.8.2014)

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(Huffington Post, Kanada, 18.8.2014)

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(Hindustan Times, Indien, 24.8.2014)

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(NBC News, USA, 19.8.2014)

Auch Nachrichtenagenturen berichten über die so genannte Nutella-Krise. Die Deutsche Presseagentur warnt noch vor wenigen Tagen: „Schlechte Zeiten für Naschkatzen“. Und lässt wissen: „Auch der Schokoladenhersteller Ritter Sport schließt höhere Preise nicht aus.“ Merke: Er schließt auch nicht aus! Als Beleg für die Journalistenblödformel liefert dpa folgendes Zitat:

„Da wir die Einkäufe auf längere Sicht planen, können wir noch keine Auskünfte geben, ob die Preise steigen werden“, sagte Sprecherin Elke Dietrich.

Die Sprecherin von Ritter Sport schließt nichts ein, nichts aus, sie will oder kann derzeit einfach „keine Auskünfte geben“. Was aber, wenn man bei dpa arbeitet, bedeutet, dass da eine Restwahrscheinlichkeit ist. Also raus damit.

Die SZ müht sich derweil, dem Schrecken noch etwas Gutes abzuringen, etwas, das Hoffnung macht, wenn auch nur bei einer bestimmten Gruppe von Lesern:

Profiteure der derzeitigen Nuss-Krise könnten die Allergiker sein: Sie dürfen angesichts der Knappheit darauf hoffen, dass die Lebensmittelindustrie – aus Kostengründen – auf die berühmten „Spuren von Haselnüssen“ in allen möglichen Produkten verzichtet.

Was für ein Blödsinn. Die Hersteller rieseln nicht freundlicherweise „Spuren“ in ihre Produkte, weil das so super schmeckt. Eigentlich Nuss-freie Lebensmittel können lediglich deshalb „Spuren von Haselnüssen“ enthalten, weil in derselben Produktionsstraße mal Nüsse verarbeitet wurden. Ein Reinigungsproblem. Völlig egal, wie teuer oder billig die Nüsse sind. Aber, kurz zur Wiederholung: Das steht so im Wirtschaftsteil der „Süddeutschen Zeitung“, Rubrik: „Nahaufnahme“.

Alles total wirr.

Und zuweilen liest es sich, als würden Journalisten den Konzernen schon mal Tipps geben, wie sie, im Fall eines Falles, erhöhte Preise plausibel erklären könnten. Oder als hätten die Nutella-Werbetexter einen tollen neuen Job bei Bild:

Konsistenz: cremig-weich. Farbe: schokoladig-glänzend. Suchtfaktor: hoch!

Für viele Deutsche ist ein Frühstück ohne Nutella kein Frühstück.

Für Nutellaholics eine echte Horror-Meldung…

Bei Ferrero müssen sie sich durmelig freuen über so viel kostenlose Werbung. Noch ist nichts gewiss, aber die halbe Medienwelt trommelt schon mal schön. Man kann nur hoffen, dass das bis Weihnachten geklärt ist. Wegen Aschenbrödel.

Nachtrag, 6.9.2014, 14:13 Uhr. Die „Süddeutsche Zeitung“ hat ihren Artikel inzwischen mit einer Anmerkung versehen. Dass die Lebenmittelindustrie aus „Kostengründen“ auf „Spuren von Haselnüssen“ verzichte, sei ironisch gemeint gewesen. Da das nicht alle Leser verstanden hätten, habe man den Absatz gekürzt. (Danke für den Hinweis in den Kommentaren hier.)

Das „Hamburger Abendblatt“ hat indes auch geschrieben, es gebe gute Nachrichten für Allergiker, da künftig „eine größere Auswahl an fertigen Nahrungsmitteln zur Verfügung stehen wird, die bisher ‚Spuren von Haselnüssen‘ enthielten, weswegen auch immer.“  Ist aber wohl ebenfalls Ironie, auch wenn es sich nur schwerlich so liest. Immerhin steht „Glosse“ drüber. (Danke für den Hinweis an @rakeeede.)

Kein Kindergeld für Bulgaren und Rumänen? Agenturen fallen auf „Bild“ rein

31 Dez 13
31. Dezember 2013

Sie haben nichts gelernt. Sie werden es nicht mehr lernen. Die vermeintlich seriösen deutschen Nachrichtenagenturen verbreiten ohne jede Prüfung angebliche Exklusivmeldungen der „Bild“-Zeitung.

Deshalb steht heute überall, dass die Bundesregierung prüfe, das Kindergeld für Rumänen und Bulgaren einzuschränken.

AFP war besonders schnell und meldete schon um zwei Minuten nach Mitternacht:

„Bild“: Bund und Länder lassen Kindergeld für Zuwanderer prüfen — Leistung soll an Deutschlandaufenthalt gekoppelt werden

dpa schlappte acht Minuten später hinterher:

„Bild“: Einschränkung des Kindergelds für Bulgaren/Rumänen erwogen

Um 4:14 war Reuters so weit:

Wie „Bild“ (Dienstagausgabe) vorab unter Berufung auf einen Bericht der Bund-Länder-Arbeitsgemeinschaft Armutswanderung aus Osteuropa meldete, prüfen Bund und Länder, ob sie Zuwanderern aus Bulgarien und Rumänien in bestimmten Fällen das Kindergeld streichen können. Dabei könnte die Zahlung des Kindergeldes an den Schulbesuch oder den Aufenthalt des Kindes in Deutschland gekoppelt werden. Als problematisch werde gesehen, dass den Zuwanderern das Geld auch für Kinder zusteht, die noch im Heimatland leben, schrieb die Zeitung.

Zu diesem Zeitpunkt hatte dpa die „Bild“-Exklusivmeldung bereits ein zweites Mal verbreitet, nun als Teil einer Zusammenfassung „Das geschah seit gestern Abend“.

Es hätte genügt, zwei Stichwörter aus der „Bild“-Geschichte bei Google einzugeben, um festzustellen, dass die vermeintliche „Vorab“-Meldung alt und überholt ist. (Eigentlich sollte man denken, dass der Absender „Bild“-Zeitung und der Autorenname Dirk Hoeren Anlass Anlass zu einer sehr viel weitgehenderen Überprüfung als bloß einer schnöden Internetsuche gäben, aber wer so denkt, hat mit deutschen Nachrichtenagenturen noch nichts zu tun gehabt.)

Jedenfalls hätte die Nachtschicht von dpa, Reuters und AFP mit einer, ich will es nicht Recherche nennen, also jedenfalls in ungefähr drei Sekunden einen gut zwei Wochen alten Artikel von „Zeit Online“ gefunden. Es hätte gereicht, den Vorspann zu lesen, um zu merken, dass die von „Bild“ gemeldete Nachricht zumindest keine Neuigkeit ist:

Das Familienministerium prüft, ob das Kindergeld an Auflagen geknüpft werden kann. Damit soll vor allem die Zuwanderung aus Rumänien und Bulgarien gebremst werden.

„Zeit Online“ nimmt in dem Artikel Bezug auf genau den Bericht der Konferenz der Arbeits– und Sozialminister (ASMK), auf den sich die „Bild“-Zeitung beruft. Die Konferenz fand am 28./29. November in Magdeburg statt. Der Bericht trägt das Datum vom 12. Dezember.

Er ist übrigens kein Geheimnis. Er steht online.

Tatsächlich heißt es darin:

Die Zuwanderung von Osteuropäern, insbesondere aus Bulgarien und Rumänien, nach Deutschland hat in den letzten Jahren stetig zugenommen (…).

Hierzu gehören vielfach Menschen, die aufgrund ihrer Ausbildung in der komplexen Arbeitswelt
Deutschlands gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben und aufgrund des demografischen
Wandels als Arbeitskräfte nachgefragt werden.

(Diesen Teil erwähnt „Bild“, Überraschung, nicht, nutzt den gewonnenen Platz aber für wichtige Fotodokumente.)

In einer erheblichen Zahl kommen aber auch Menschen nach Deutschland, die weder eine Berufsausbildung bzw. zum Teil keine Schule besucht oder abgeschlossen haben, und die aufgrund dieses niedrigen Bildungsniveaus auch langfristig eine schlechtere oder keine Perspektive haben, in Deutschland nachhaltig in den Arbeitsmarkt integriert zu werden.

Dieser Personenkreis erhält in der Regel keine Sozialleistungen und ist auch nicht krankenversichert. Familien leben vielfach vorrangig von Kindergeld.

Ein Teil der Kinder, für die Bulgaren und Rumänen in Deutschland Kindergeld beziehen, lebt laut Bericht nicht in Deutschland (4,6 bzw. 11,6 Prozent). Bei Polen betrage dieser Anteil sogar 30,7 Prozent.

Die Konferenz fordert die Bundesregierung auf zu prüfen, ob man das Kindergeldes nicht davon abhängig machen kann, dass die Kinder die Schule besuchen oder in Deutschland leben.

So stand es auch am 12. Dezember auf „Zeit Online“. Die „Bild“-Zeitung macht daraus:

Bund und Länder prüfen: Weniger Kindergeld für Bulgaren und Rumänen.

(Den falschen Eindruck, es gehe um Sonderregeln für vermeintlich besonders problematische Nationalitäten, der geschickt an die aktuelle Diskussion und vorhandene Ressentiments anknüpft, hat dpa in ihrem Meldungstitel treuherzig gleich übernommen.)

Und hier kommt die Pointe. Unter dem „Zeit Online“-Artikel steht ein entscheidender Nachtrag, durch den die „Bild“-Meldung nicht nur alt ist, sondern überholt:

Das Bundesfamilienministerium reagierte nach Veröffentlichung des Artikels doch noch auf die Anfrage von ZEIT ONLINE. „Die Länder haben das Bundesfamilienministerium aufgefordert, diese Frage zu prüfen. Das Ergebnis: Solche Auflagen sind sowohl rechtlich als auch sachlich nicht möglich“, teilte das Ministerium mit. Man habe, so ein Sprecher, bereits auf der ASMK-Sitzung Ende November erklärt, dass die Auflagen kaum vereinbar seien, habe aber freundlicherweise zugesagt, die Prüfung durchzuführen. Diese Prüfung ist nach Angaben des Sprechers abgeschlossen.

Wie Google-Optimierung den Journalismus verändert

27 Okt 13
27. Oktober 2013

Die Axel Springer AG, die die „Berliner Morgenpost“ herausgibt, ist zwar eigentlich dagegen, journalistische Inhalte zu verschenken. Aber wenn sie schon journalistische Inhalte verschenkt, dann tut sie das wenigstens mit der Zurückhaltung einer siebzehnköpfigen Autofensterputzerbande am Kottbusser Tor.

Die Axel Springer AG, die die „Berliner Morgenpost“ herausgibt, findet es zwar eigentlich unzulässig, dass die Firma Google einfach ungefragt und ohne dafür zu bezahlen mit kurzen Anrissen auf Medien wie die „Berliner Morgenpost“ verlinkt. Aber wenn sie das schon tut, soll sie es wenigstens mit niemandem so oft und so gründlich tun wie mit der „Berliner Morgenpost“.

Immerhin hat es sich offenbar gelohnt, dass sich irgendein armer Tropf immer neue Überschriftenvarianten für das Stück über Bewertungsportale im Netz ausgedacht hat: Der Text ist aktuell auf Platz fünf der meistgelesenen Artikel auf der Online-Seite der „Berliner Morgenpost“.

Was bemerkenswert ist, denn der Artikel stammt von der Nachrichtenagentur dpa und steht überall: auf den Online-Seiten der „Wirtschaftswoche“, des „Tagesspiegel“ (mit der steilsten Überschrift: „Touristen zieht’s lieber zur Dönerbude als zum Dom“) und der „Berliner Zeitung“, bei „Spiegel Online“, „Focus Online“ etc.

Und keiner von all denen störte sich daran, dass die halbgare Geschichte überall steht. Und dass sie sich ohnehin liest, als hätte sie ihren Ursprung in der PR-Agentur des Bewertungsportals Yelp genommen, das auf diesem Weg noch einmal auf die Übernahme von Qype und die Maßnahmen gegen Missbrauch hinweisen kann.

[mit Dank an Leonard Quack]