Ein aserbaidschanischer Held

Am 18. Februar 2004 kauft sich der aser­baid­scha­ni­sche Sol­dat Ramil Safa­rov eine Axt. Er ist mit Mili­tär­an­ge­hö­ri­gen aus ande­ren Län­dern in Buda­pest, um an einem Nato-Fortbildungsprogramm teil­zu­neh­men. In der über­nächs­ten Nacht nimmt er die Axt, geht ins Zim­mer eines schla­fen­den Teil­neh­mers aus dem ver­fein­de­ten Nach­bar­land Arme­nien und erschlägt ihn im Schlaf. Die Obduk­tion wird erge­ben, dass er ihn sech­zehn Mal im Gesicht trifft und den Kopf fast vom Rumpf trennt.

Danach macht sich Safa­rov auf den Weg, einen wei­te­ren arme­ni­schen Sol­da­ten im Gebäude zu töten. Bevor er in des­sen Zim­mer ein­drin­gen kann, wird er von der Poli­zei verhaftet.

Ein unga­ri­sches Gericht ver­ur­teilte Safa­rov 2006 zu lebens­läng­li­cher Haft. Frü­hes­tens 2036 sollte er begna­digt wer­den kön­nen. Der Rich­ter begrün­dete das Urteil mit der Bru­ta­li­tät der Tat und dem Feh­len jeder Reue.

Am ver­gan­ge­nen Frei­tag wurde Safa­rov von Ungarn nach Aser­baid­schan aus­ge­lie­fert. Nach Anga­ben der unga­ri­schen Regie­rung hatte ihr das aser­baid­scha­ni­sche Regime zuge­si­chert, dass Safa­rov den Rest sei­ner Strafe würde ver­bü­ßen müssen.

Unmit­tel­bar nach sei­ner Ankunft in Baku begna­digte Prä­si­dent Ilham Aliyev den Mör­der. Er wurde von jubeln­den Men­schen emp­fan­gen und als Volks­held gefei­ert. Das Regime in Baku hatte Safa­rovs Taten nie ver­ur­teilt und Medien und Orga­ni­sa­tio­nen im eige­nen Land ermun­tert, ihn als pro­mi­nente Per­sön­lich­keit zu behandeln.

Safa­rov besuchte nach sei­ner Rück­kehr ins Land die Märtyrer-Allee und legte Blu­men am Grab von Heydar Aliyev nie­der. Der aser­baid­scha­ni­sche Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter stellte ihm kos­ten­los eine Woh­nung zur Ver­fü­gung, zahlte ihm den in den ver­gan­ge­nen acht Jah­ren ent­gan­ge­nen Lohn nach und beför­derte ihn in den Rang eines Majors.

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Es kommt mir im Nach­hin­ein so naiv vor, dass wir im Mai beim Euro­vi­sion Song Con­test annah­men, dass in einer Disco, die Teil des offi­zi­el­len Pro­gramms war, Musik aus Arme­nien gespielt wer­den könnte. Mir erscheint aber auch der Gedanke absurd, dass eine arme­ni­sche Dele­ga­tion in die­sem poli­ti­schen Klima in die­sem Land an dem Grand-Prix hätte teil­neh­men können.

Es stimmt: Das aser­baid­scha­ni­sche Regime hatte dem Ver­an­stal­ter, der Euro­pean Broad­cas­ting Union (EBU) ver­spro­chen, dass sie für die Sicher­heit der Dele­ga­tio­nen bürge. Aber ver­mut­lich wusste es damals schon, dass man die­ser Orga­ni­sa­tion fol­gen­los alles ver­spre­chen konnte.

Ende Mai ist ein nor­we­gi­scher Repor­ter, der sich am Rande des ESC über die poli­ti­sche Situa­tion im Lande lus­tig gemacht hatte, bei der Aus­reise am Flug­ha­fen eine Stunde lang fest­ge­hal­ten, bedroht und miss­han­delt wor­den. Auch das wider­sprach den Garan­tien, die Aser­baid­schan der EBU gege­ben hatte. Die angeb­lich lau­fende »Unter­su­chung« des Vor­falls durch die EBU ist bis heute, über ein Vier­tel­jahr danach, zu kei­nem Ergeb­nis gekommen.

Die Eurovision ist unglücklich, tut aber nichts dagegen

Die Euro­päi­sche Rund­f­un­ku­nion EBU, die sich als Vor­kämp­fer für Mei­nungs– und Medi­en­frei­heit aus­gibt, fin­det es »sehr bedau­er­lich«, dass die Behör­den in Aser­baid­schan auch wäh­rend des Euro­vi­sion Song Con­test keine fried­li­chen Pro­teste zuge­las­sen und meh­rere Demons­tra­tio­nen gewalt­sam auf­ge­löst haben. Das sei »ein­deu­tig nicht ver­ein­bar mit dem Recht auf Demons­tra­ti­ons­frei­heit«, sagte mir Annika Nyberg Fran­ken­haeu­ser, die neue Medien-Direktorin der EBU, auf Nachfrage.

Beschwert hat sich die EBU bei der Regie­rung dar­über nicht.

»Wir sind nicht glück­lich über das, was hier pas­siert ist«, sagte Nyberg Fran­ken­haeu­ser in Bezug auf die Zer­schla­gung meh­re­rer fried­li­cher Demons­tra­tio­nen. Die EBU habe das Thema aber gegen­über dem Regime noch nicht ange­spro­chen. Sie konnte auch nicht sagen, wann, in wel­cher Form und bei wel­cher Gele­gen­heit das statt­fin­den könnte. Es sei aber wich­tig, über diese Fra­gen nachzudenken.

Von sich aus hat sich die EBU zu dem Thema nicht erklärt.

Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen wie Human Rights Watch und Amnesty hat­ten die EBU auf­ge­for­dert, klar Stel­lung zu bezie­hen. Nach Ansicht von Amnesty hat die EBU der Regie­rung in Aser­baid­schan einen Frei­fahrt­schein gege­ben, hart gegen Kri­ti­ker vorzugehen.

Euro­news hatte am Mitt­woch berich­tet, die EBU hätte die aser­baid­scha­ni­sche Regie­rung um eine Erklä­rung für Berichte gebe­ten, dass Jour­na­lis­ten ver­haf­tet wur­den. Die ent­spre­chende Mel­dung wurde auch im offi­zi­el­len EBU-Blog ver­linkt. Sie bezieht sich jedoch nicht auf die Ent­wick­lun­gen der ver­gan­ge­nen Tage. Ange­spro­chen hat die EBU das Thema zuletzt bei einem Work­shop mit Regie­rungs­ver­tre­tern und Men­schen­recht­lern in Genf, der von den teil­neh­men­den Bür­ger­rechts­grup­pen als Deba­kel wahr­ge­nom­men wurde.

So wenig die aser­baid­scha­ni­sche Regie­rung sich genö­tigt sah, sich wegen der Auf­merk­sam­keit der Öffent­lich­keit wäh­rend des ESC tole­ran­ter zu geben, so wenig sah sich die EBU genö­tigt, Druck auf das Regime aus­zu­üben. Die Orga­ni­sa­tion will sich auch in Zukunft um das Land und sei­nen Mit­glieds­sen­der Ictimai küm­mern, unter ande­rem mit einem Work­shop spä­ter im Jahr. Aber dann ist ihre Posi­tion natür­lich ungleich schwä­cher als in die­sen Tagen, in denen das Regime in Baku ein Inter­esse daran hat, eine öffent­li­che Kon­tro­verse mit dem Ver­an­stal­ter des ESC zu vermeiden.

Anders als die ARD behaup­tet, hat sich die EBU von der Regie­rung nicht die Zusage geben las­sen, »wäh­rend des ESC Men­schen­rechte wie die Pres­se­frei­heit, Rede­frei­heit, Ver­samm­lungs­frei­heit oder Rei­se­frei­heit zu garan­tie­ren«. Sie hat diese Zusage nur für die Teil­neh­mer des ESC bekom­men. Des­halb ist die EBU nach den Wor­ten von Frau Nyberg Fran­ken­haeu­ser auch trotz der Repres­sio­nen in Baku vor und wäh­rend des ESC der Mei­nung, dass die Regie­rung ihre Garan­tie ein­ge­hal­ten hätte.

Anfang des Monats hatte ich für »Spie­gel Online« mit Ingrid Del­tenre, der Gene­ral­di­rek­to­rin der EBU, gesprochen:

SPIEGEL ONLINE: Die EBU hat sich von der aser­baid­scha­ni­schen Regie­rung Garan­tien geben las­sen, dass sie im Rah­men des Grand Prix die Men­schen­rechts­kon­ven­tion ach­ten wird und die Frei­heit und Sicher­heit aller Betei­lig­ten und Bericht­er­stat­ter gewähr­leis­tet. Ist das nicht zynisch: Wir schaf­fen einen künst­li­chen Mini-Rechtsstaat in einem Land, wo das Recht sonst nicht respek­tiert wird?

Del­tenre: Die Kri­tik könnte ich ver­ste­hen, wenn es so wäre. Aser­baid­schan hat als Mit­glieds­land des Euro­pa­rats die euro­päi­sche Men­schen­rechts­kon­ven­tion unter­schrie­ben, die gilt für das ganze Land.

Die Kri­tik könnte sie ver­ste­hen, wenn es so wäre.

Keine guten Nachrichten aus Baku

Es gibt ein Nar­ra­tiv über Aser­baid­schan, wonach sich das Land zwar lang­sam, aber in die rich­tige Rich­tung bewege. Es sei ja erst seit 20 Jah­ren unab­hän­gig, man müsse ihm Zeit geben und es dauere halt, bis sich eine Zivil­ge­sell­schaft ent­wi­ckelt habe. Dar­aus folgt, dass man die Regie­rung nicht mit Maxi­mal­for­de­run­gen und Ansprü­chen über­for­dern dürfe, son­dern Geduld haben müsse mit ihr und sie wohl­wol­lend beglei­ten müsse.

Das klingt plau­si­bel, wider­spricht aber fun­da­men­tal der Ein­schät­zung der meis­ten Men­schen­rechts­grup­pen und vie­ler Bür­ger­recht­ler vor Ort. Sie sagen: Das Land bewegt sich nicht zu lang­sam in die rich­tige Rich­tung. Es bewegt sich in die fal­sche. Kurz gesagt: Es wird alles immer schlimmer.

Ein Bericht des Think Tanks Euro­pean Sta­bi­lity Initia­tive (ESI) lie­fert viel Mate­rial, um diese These zu stüt­zen. Danach hat zum Bei­spiel das Aus­maß der Mani­pu­la­tion der Wah­len und der Unter­drü­ckung der Oppo­si­tion in Aser­baid­schan in den letz­ten Jah­ren zuge­nom­men. Bei den Par­la­ments­wah­len 2010 seien die Wahl­fäl­schun­gen so ekla­tant gewe­sen wie nie zuvor — und schlim­mer als in jedem ande­ren Mit­glieds­land des Europarates.

Ein bezeich­nen­des Schlag­licht sind die Erfah­run­gen des Blog­gers Emin Milli, der wegen eines sati­ri­schen Videos über kor­rupte Poli­ti­ker diese Wah­len als poli­ti­scher Gefan­ge­ner erle­ben musste. In vie­len Gefäng­nis­sen betrug die Wahl­be­tei­li­gung erstaun­li­che 100 Pro­zent. In einer Haft­an­stalt 120 Kilo­me­ter süd­lich von Baku sol­len alle ein­tau­send Häft­linge geschlos­sene Umschläge bekom­men haben, in denen schon aus­ge­füllte Wahl­zet­tel waren. Dann muss­ten sie sich in einer Reihe auf­stel­len und sie ein­wer­fen. Ein Häft­ling, der ver­suchte, sei­nen Umschlag zu öff­nen, soll zusam­men­ge­schla­gen wor­den sein. Milli wurde gesagt, dass das ein Rück­schritt gegen­über 2008 war: Damals durf­ten die Gefan­ge­nen die Wahl­zet­tel selbst aus­fül­len — beka­men aber natür­lich gesagt, was sie wäh­len mussten.

Die Wahl­be­ob­ach­ter der OSZE zähl­ten, dass im staat­li­chen Pro­gramm AzTV wäh­rend des offi­zi­el­len Wahl­kamp­fes der Prä­si­dent vier­ein­halb Stun­den lang vor­kam, und zwar aus­schließ­lich posi­tiv oder neu­tral. Ein­ein­halb Stun­den bekam die Regie­rung, eine knappe Stunde die Regie­rungs­par­tei YAP. Der größte Oppo­si­ti­ons­block erhielt 4 Sekunden.

Seit die­ser Wahl ist kein Mit­glied der Oppo­si­tion mehr im aser­baid­scha­ni­schen Par­la­ment vertreten.

Das eigent­li­che Thema des erschre­cken­den, fas­zi­nie­ren­den, detail­lier­ten Berich­tes von ESI sind nicht diese nega­ti­ven Ent­wick­lun­gen, son­dern die par­al­lel dazu immer posi­ti­vere Wür­di­gung Aser­baid­schans durch den Euro­pa­rat. Die Erklä­rung dafür ist laut ESI ein­fach: Aser­baid­schan hat die ent­schei­den­den Leute im Euro­pa­rat gekauft, unter ande­rem — mit Kaviar. Jeder der wich­ti­gen Freunde Aser­baid­schans habe regel­mä­ßig min­des­tens ein halbe Kilo Kaviar bekom­men, ein Wert von rund 700 Euro. Sie seien häu­fig nach Baku ein­ge­la­den wor­den, zu Kon­fe­ren­zen, Ver­an­stal­tun­gen und Som­mer­ur­lau­ben, wo es eben­falls viele teure Geschenke gege­ben habe: Sei­den­tep­pi­che, Gold, Sil­ber, Getränke, Kaviar, Geld.

Amnesty Inter­na­tio­nal ver­öf­fent­lichte am 1. Mai ein Doku­ment, in dem es über Aser­baid­schan heißt:

Die Ent­schlos­sen­heit der auto­ri­tä­ren Olig­ar­chie, die Aser­baid­schan regiert, hat zuge­nom­men; uner­schro­cken ist sie gewillt, kri­ti­sche Stim­men zum Schwei­gen zu brin­gen. Amnesty Inter­na­tio­nal zählt jetzt 18 poli­ti­sche Gefan­gene in Aser­baid­schan: 14 Akti­vis­ten, die im ver­gan­ge­nen Jahr für fried­li­che Pro­teste inhaf­tiert wur­den, und jetzt zwei Jour­na­lis­ten und zwei Men­schen­recht­ler, die vor kur­zem zu lan­gen Haft­stra­fen ver­ur­teilt wurden.

(…) Die Behör­den gehen här­ter als je zuvor gegen abwei­chende Stim­men vor.

(…) Trotz allem arbei­tet die Euro­päi­sche Rund­f­un­ku­nion im Stil­len wei­ter mit den Behö­ren zusam­men, um den Euro­vi­sion Song Con­test vor­zu­be­rei­ten. Die­ser selbst­er­nannte »Vor­kämp­fer« für Medi­en­frei­heit hat sich nicht für aser­baid­scha­ni­sche Jour­na­lis­ten ein­ge­setzt und die Werte, die er zu beschüt­zen vor­gibt, nicht verteidigt.

Heute erneu­erte Amnesty seine Kri­tik an der EBU und erklärte:

Obwohl in den ver­gan­ge­nen Tagen erneut zwei fried­li­che Demons­tra­tio­nen gewalt­sam auf­ge­löst wur­den, wei­gern sich die Orga­ni­sa­to­ren des Euro­vi­sion Song Con­test (ESC) noch immer, die Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen in Aser­baid­schan zu ver­ur­tei­len. Amnesty kri­ti­siert, dass die Euro­päi­sche Rund­f­un­ku­nion (EBU) der Regie­rung in Aser­baid­schan damit einen Frei­fahrt­schein gibt, hart gegen Kri­ti­ker vorzugehen.

(…) Laut den Orga­ni­sa­to­ren der Pro­teste haben Poli­zis­ten zahl­rei­che Demons­tran­ten geschla­gen, in Busse gedrängt und aus der Stadt gefah­ren. 38 Demons­tran­ten wur­den fest­ge­nom­men. Einer der Orga­ni­sa­to­ren, Abul­faz Gur­banly, berich­tete Amnesty Inter­na­tio­nal, dass er im Poli­zei­ge­wahr­sam geschla­gen, getre­ten und mit einem Gum­mi­knüp­pel miss­han­delt wurde. Auch andere Demons­tran­ten seien wäh­rend ihrer Haft geschla­gen worden.

Die fried­li­chen Pro­teste wur­den vor den Augen einer Reihe inter­na­tio­na­ler Jour­na­lis­ten auf­ge­löst, was die Ver­si­che­rung der EBU, die inter­na­tio­nale Medi­en­auf­merk­sam­keit in Baku würde die Men­schen­rechts­si­tua­tion ver­bes­sern, in Frage stellt. (…) »Die Behör­den in Aser­baid­schan den­ken anschei­nend, dass sie die nega­tive Bericht­er­stat­tung unbe­scha­det über­ste­hen wer­den und mit der Unter­drü­ckung abwei­chen­der Mei­nung fort­fah­ren können.«

Heute wurde eine Kund­ge­bung von Men­schen, die vor dem Gebäude des staat­li­chen Fern­seh­sen­ders Ictimai — ein EBU-Mitglied und Aus­rich­ter des Euro­vi­sion Song Son­test in die­sem Jahr — für freie Wah­len demons­trie­ren woll­ten, gewalt­sam aufgelöst.

Der­weil pro­tes­tierte die aser­baid­scha­ni­sche Regie­rung dage­gen, dass die schwe­di­sche ESC-Teilnehmerin Loreen sich mit Bür­ger­recht­lern getrof­fen hatte. Laut AFP for­derte ein Ver­tre­ter des Prä­si­den­ten­bü­ros in Baku die EBU auf, sol­che »poli­ti­sier­ten Aktio­nen« zu unter­bin­den und einzuschreiten.

Die Kam­pa­gne »Sing for Demo­cracy« hat die Teil­neh­mer des ESC dazu auf­ge­ru­fen, ihre Soli­da­ri­tät zu zeigen:

Das schmutzige Geheimnis der Eurovision

»Eurovision’s Dirty Secret« heißt die Sen­dung, die das BBC-Magazin »Pan­orama« ges­tern aus­ge­strahlt hat. Sie kommt ein biss­chen breit­bei­nig daher, zeich­net aber ein sehr beklem­men­des Bild des Lan­des, in dem am kom­men­den Sams­tag das Finale des Grand-Prix stattfindet.

Mit sicht­li­cher Freude ent­zau­bert Repor­ter Paul Ken­yon die Hal­tung der Euro­päi­sche Rund­f­un­ku­nion EBU, die den ESC ver­an­stal­tet und in der u.a. ARD und ZDF Mit­glie­der sind. Er schafft es, die Gene­ral­di­rek­to­rin Ingrid Del­tenre gleich zu meh­re­ren erstaun­li­chen Aus­sa­gen zu bringen.

Sie ver­gleicht die in viel­fa­cher Hin­sicht unge­setz­li­chen Zwangs­ver­trei­bun­gen in Baku mit Ärger über Umsied­lun­gen vor den Olym­pi­schen Spie­len in Lon­don. Sie bestä­tigt, dass die aser­baid­scha­ni­sche Regie­rung ver­sucht, den ESC zu poli­ti­sie­ren. Sie räumt ein, dass es anrüch­tig ist, dass als Pau­se­nact aus­ge­rech­net der Schwie­ger­sohn des aser­baid­scha­ni­schen Prä­si­den­ten auf­tre­ten wird (die Prä­si­den­ten­gat­tin lei­tet das Orga­ni­sa­ti­ons­kom­mit­tee die­ses unpo­li­ti­schen Events). Und Sie sagt mit, wie ich fast anneh­men muss, ver­se­hent­li­cher Offen­heit, dass Aser­baid­schan das Recht auf freie Mei­nungs­äu­ße­rung nicht respek­tiert, obwohl gerade das für die EBU doch abso­lut essen­ti­ell ist.

(Der Teil ab 0:23 in den fol­gen­den Aus­schnit­ten bezieht sich auf die Wahl von Prä­si­den­ten­schwie­ger­sohn Emin als Inter­val Act.)


 
Die ganze Sen­dung ist bei der BBC lei­der nur von Groß­bri­tan­nien aus anzu­se­hen. Nach­trag: Gibt’s aber auch auf YouTube.

Und die EBU sagt nichts dazu

Der Euro­club ist der offi­zi­elle Party-Ort des Euro­vi­sion Song Con­test. Hin­ein kommt man nur mit einer ESC-Akkreditierung. Hier ver­an­stal­ten ver­schie­dene Dele­ga­tio­nen eige­nen Par­tys, hier fin­det heute Abend die offi­zi­elle Eröff­nung des dies­jäh­ri­gen Grand-Prix statt — und hier darf keine Musik aus Arme­nien gespielt werden.

Der Ver­an­stal­ter, die Euro­päi­sche Rund­f­un­ku­nion EBU, sagt zu die­sem Tabu: nichts.

Von dem Ver­bot erfuhr einer der DJs ver­gan­gene Nacht, als er einen Remix von »Apri­cot Stone«, dem arme­ni­schen ESC-Beitrag von 2010, auf­legte. Eine halbe Stunde spä­ter, schreibt er im »Prinz«-Blog, sei der Euroclub-Chef gekom­men und habe ihm aus­drück­lich das Abspie­len arme­ni­scher Musik unter­sagt: »Dann bekom­men wir ein rich­ti­ges Pro­blem.« Eine ent­spre­chende Ansage sei dann an alle DJs gegangen.

Arme­nien und Aser­baid­schan befin­den sich de facto im Krieg. Arme­nien hält nicht nur Berg-Karabach, son­dern auch aus­ge­dehte umlie­gende aser­baid­scha­ni­sche Gebiete besetzt.

Aber der Euro­vi­sion Song Con­test ist ja angeb­lich eine unpo­li­ti­sche Ver­an­stal­tung. Er ist angeb­lich ein »Event, das Brü­cken baut«. Da wäre es doch ein klei­ner, sym­bo­li­scher Akt, wenn die EBU wenigs­tens dafür sorgte, dass im Euro­club ihres Euro­vi­sion Song Con­test alle Grand-Prix-Hits auf­ge­legt wer­den kön­nen. Eine Selbst­ver­ständ­lich­keit, sollte man denken.

Ich habe der EBU fol­gende Fra­gen gestellt:

  • Does such a ban exist?
  • Did you know about the ban?
  • Does the EBU agree with such a ban?

Sietse Bak­ker, der für alles außer­halb der Show ver­ant­wort­li­che Super­vi­sor des Euro­vi­sion Con­test, ant­wor­tet mir:

Such ban does not exist from our side, I am not aware of such ban and we would not sup­port such ban eit­her. For your infor­ma­tion, we have not been approa­ched by any of the Euro­Club DJs about such ban either.

Die EBU behaup­tet also, nichts von so einem Ver­bot zu wis­sen. Und wenn sie nichts davon weiß, muss sie sich auch nicht dazu verhalten.

Die EBU sagt nicht, dass sie den Berich­ten über das Ver­bot nach­ge­hen wird. Und sie sagt auch nicht, dass sie dafür sor­gen wird, dass — im behaup­te­ten unpo­li­ti­schen und brü­cken­bau­en­den Geiste des ESC — arme­ni­sche Grand-Prix-Songs in ihrem Euro­club lau­fen dürfen.

Es ist eine Schande.

Nach­trag, 20. Mai. Gegen­über dem »Prinz«-Blog hat Sietse Bak­kers spä­ter gesagt: »Ich habe eben mit dem Mana­ger des Euro­club gespro­chen, und (er) bestä­tigte noch­mals, dass alle Lie­der des Euro­vi­sion Song Con­test gespielt wer­den kön­nen.« Dem wider­spricht aller­dings der aser­baid­scha­ni­sche ESC-Sprecher Kam­ran Agasi. Der hatte gegen­über der Nach­rich­ten­agen­tur dapd das Ver­bot bestä­tigt und so begrün­det: »Arme­nien hat ohne Ent­schul­di­gung kurz­fris­tig die ESC-Teilnahme abge­sagt. Wie kön­nen wir da den frei­wil­li­gen Hel­fern erklä­ren, dass plötz­lich arme­ni­sche Musik läuft.«

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