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Die „erste Abmahnung für einen Facebook-Share-Button“ — ein Meilenstein der Anwalts-PR

24 Mrz 15
24. März 2015

Die Inhaberin einer Fahrschule muss mehrere Hundert Euro zahlen, nur weil sie auf Bild.de einmal auf „Teilen“ geklickt hat. Die Share-Funktion von Facebook übernahm nämlich ein Vorschaubild ohne den Hinweis auf dessen Fotografen. Der mahnte sie ab.

Der Fall sorgt seit gestern für Furore. Das mag vielleicht an der Sache liegen. Ganz sicher liegt es am Geschick der Anwaltskanzlei, die die Frau vertritt, daraus maximale Eigen-PR zu schlagen, und der Unfähigkeit diverser Medien.

Es gibt, wohlgemerkt, kein Urteil in der Sache und keine Klage. Kein Gericht hat sich mit dem konkreten Fall befasst. Dazu wird es auch nicht kommen: Die Parteien haben sich außergerichtlich geeinigt.*

Alles, was es gibt, ist eine Abmahnung. Und eine sensationell erfolgreiche Presseerklärung der Kanzlei Wilde Beuger Solmecke.

Die behauptet forsch, es handele sich um die erste Abmahnung dieser Art, und sagt voraus, dass es noch viele weitere geben werde. Es bestehe eine „erhöhte Abmahngefahr“ sowohl für Leser, die den Facebook-„Share“-Button drücken, als auch für Seitenbetreiber und Blogger, die einen solchen Button anbieten. Denn Nutzer, die — wie die Fahrschulfrau — für ein urheberrechtswidriges Verbreiten von Inhalten in sozialen Medien abgemahnt wurden, könnten die wiederum in Regress nehmen.

Mit anderen Worten: Wir alle stehen mal wieder mit einem Bein im Gefängnis, und das einzig Gute in dem ganzen Urheberrechtselend ist, dass es kompetente Anwälte wie Christian Solmecke gibt, die uns vor der „heran rollenden Abmahnwelle“ warnen und nicht zögern, sogar ein „eiliges Video“ zur Warnung zu veröffentlichen.

Bei der „Kölnischen Rundschau“ weiß man, wie man aus so einer Pressemitteilung eines Anwalts über seinen eigenen Fall einen journalistischen Artikel macht: Man kürzt sie ein bisschen und tauscht das Kürzel unter dem Text durch ein eigenes aus — fertig!

Die Online-Ableger von „Express“ und „Hamburger Morgenpost“ machten es anders: Sie gaben Solmecke als Autor der zum Artikel gewordenen Pressemitteilung an und klinkten sogar einen kleinen Werbekasten für ihn mit Foto und Links zur Internetseite seiner Kanzlei ein. Ein bisschen verwirrend für aufmerksame „Express“- und „Mopo“-Leser (falls es solche gibt) könnte allerdings sein, dass Solmecke in seinem Artikel nun sich selbst zitiert und dabei in der dritten Person von sich spricht.

Die Überschrift über den Artikeln dürfte allerdings in den Redaktionen entstanden sein, denn von einer „Klage“ ist ja keine Rede.

Die Fachleute des Branchendienstes „Meedia“ haben Solmeckes Pressemitteilung natürlich nicht einfach wörtlich übernommen, sondern umformuliert. Was insofern keine gute Idee war, als sich dadurch zeigte, dass sie sie nicht verstanden hatten. Die „Meedia“-Meldung begann so:

Die Inhaberin einer Fahrschule soll 1.800 Euro zahlen, nachdem sie einen Bericht der Bild „geshared“ hatte. Der Fotograf des Artikelbildes ging vor Gericht, weil er als Urheber nicht genannt wurde – und bekam Recht.

Weder ging es um 1800 Euro, noch ist der Fotograf vor Gericht gegangen, geschweige denn, dass er dort Recht bekommen hätte. Eine gute Stunde nach der Veröffentlichung korrigierte die Redaktion sich und fügte ihrer Meldung ein „Update“ hinzu, das geschickt den Eindruck erweckt, nicht ihr, sondern der Kanzlei sei ein „Fehler unterlaufen“. (Nachtrag, 15:15 Uhr. Nach Angaben von „Meedia“ stand die falsche Zahl in der ursprünglichen Pressemitteilung.)

Am späten Nachmittag stieg auch der „Stern“ in die Berichterstattung ein, sprach von „1100 Euro Strafe“ für das Teilen des Fotos (was so nicht stimmt) und von einem „Urteil“ (das es nicht gibt). Auch der „Stern“-Text beruht ausschließlich auf der PR-Veröffentlichung des Anwaltes in eigener Sache. Weil es sich hier aber um ein großes Qualitätsmedium handelt, hat der „Stern“-Autor den Zitaten Solmeckes aus der Pressemitteilung die Formulierung hinzugefügt: „erklärt er im Gespräch mit dem stern“.

Alles in allem: Ein großer Erfolg für Christian Solmecke. Also, juristisch vielleicht nicht — beide Seiten haben sich ja verglichen*, und ob die Forderung des abmahnenden Fotografen überhaupt vor einem Gericht Bestand hätte, ist gar nicht geklärt. In den Kommentaren unter dem „Meedia“-Artikel räumt Solmecke ein, dass noch nicht einmal feststehe, „ob das Foto überhaupt jemals mit Zustimmung des Rechteinhabers online gestellt worden ist“, dass also schon die Bild.de-Veröffentlichung urheberrechtswidrig war.

Aber was das Marketing für ihn und seine Kanzlei angeht, bereits jetzt: ein ganz großer Erfolg. Den Journalisten sei Dank.

[Auf Anfragen bei der Kanzlei, der „Kölnischen Rundschau“ und dem „Express“ habe ich bisher keine Antworten bekommen. Mit Dank an Jan Georg Plavec.]

*) Korrektur, 12:10 Uhr. Anders als ich es dargestellt hatte, gibt es noch keinen Vergleich. Ob sich die Parteien außergerichtlich einigen werden, ist noch offen.

 

Journalismus im Dienst der Angst

von Boris Rosenkranz
29 Jan 15
29. Januar 2015

Ach, wie mutig sie ursprünglich sein wollten in Köln; ein Zeichen wollten sie setzen. Beim Rosenmontagszug in zwei Wochen sollte es einen Wagen geben, der sich mit dem Terroranschlag auf die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ auseinandersetzt. Eine Skizze des Wagens kursierte schon länger. Sie zeigt einen Clown, der seinen Bleistift in die Mündung einer Schusswaffe rammt; der Terrorist dahinter schaut doof aus seiner Sturmhaube, während ihm Idefix auf den Schuh pinkelt. Und hinter dem Clown steht: „Pressefreiheit! Meinungsfreiheit!“

Motiv-Skizze des Charlie-Wagens beim Kölner Rosenmontagszug

Das Motiv ist nicht sonderlich provokativ, nicht mal besonders kreativ nach allem, was man in den vergangenen Wochen an Karikaturen zu diesem Thema gesehen hat. Dem Festkomitee Kölner Karneval ist es nun aber plötzlich doch zu heikel. Am Mittwochabend beschlossen die Organisatoren ganz überraschend, dass es den geplanten Wagen doch nicht geben wird:

Wir möchten, dass alle Besucher, Bürger und Teilnehmer des Kölner Rosenmontagszuges befreit und ohne Sorgen einen fröhlichen Karneval erleben. Einen Persiflagewagen, der die Freiheit und leichte Art des Karnevals einschränkt, möchten wir nicht.

Das muss man sich kurz auf der Zunge zergehen lassen: Ein Festwagen, der für Presse– und Meinungsfreiheit steht, wird zurückgezogen, weil er – angeblich – die „Freiheit und Leichtigkeit des Karnevals“ einschränkt. Das ist nicht nur für sich genommen eine denkwürdige Begründung, sie ist noch mal kurioser, wenn man die Genese dieses Wagens kennt. Das Festkomitee hatte kürzlich erst mit viel Tamtam über das Motiv abstimmen lassen, auf Facebook. 14 Entwürfe standen zur Auswahl. Und dieser, der mit dem Clown, gewann den Wettbewerb. Die Reaktionen waren, laut Festkomitee, überwiegend positiv:

Wir sind sehr dankbar über die zahlreichen Rückmeldungen der Menschen zu dem geplanten Wagen. In den sozialen Netzwerken und in den Medien wurde das Thema des geplanten Wagenbaus vielfach diskutiert. Zudem haben uns in den letzten Tagen zahlreiche Rückmeldungen per Email und auf dem Postweg erreicht. Viele Menschen stimmen uns zu und bekräftigen das Vorhaben, ein Zeichen zu setzen.

Viele Menschen stimmten also zu. Es waren sogar Islamwissenschaftler an der Berwertung der Motive beteiligt, damit keine religiösen Gefühle verletzt werden. Lediglich „einige Rückmeldungen“ besorgter Bürger habe es gegeben, „die wir sehr ernst nehmen“, schreibt das Festkomitee. Sonst aber betonen die Organisatoren, wie sehr sie zu dem Motiv stehen, wie unbedenklich und gleichzeitig wichtig es sei, so als Signal, und dass es auch seitens derer keine Bedenken gegeben habe, die für die Sicherheit des Umzugs zuständig sind:

Nach Auskunft hochrangiger Vertreter der Polizei und weiterer Behörden gegenüber dem Festkomitee besteht und bestand keinerlei Risiko für den Kölner Rosenmontagszug, weder für Teilnehmer noch für Besucher – auch ausdrücklich nicht wegen des Charlie-Hebdo-Wagens.

Kein Risiko also. Keine Bedenken. Aber gottseidank kann man sich, wenn gerade mal keine Panik herrscht, darauf verlassen, dass irgendwelche Medien Panik erzeugen, zum Beispiel der „Kölner Stadtanzeiger“, der gestern, noch vor dem Rückzug des Wagens, titelte:

Bildschirmfoto 2015-01-29 um 12.26.38

Die Überschrift ist bemerkenswert, wenn man den Text darunter liest, in dem eher entwarnt wird. Dort sagt zum Beispiel der Kölner Polizeisprecher, dass es „keinerlei Hinweise auf eine konkrete Gefahr“ gebe, und dass man sich zum Sicherheitskonzept des Umzuges (aus gutem Grund) nicht äußere.

Aber das ist dem „Stadtanzeiger“ natürlich wurscht.

Aus einer ungenannten Quelle will die Zeitung „erfahren“ haben, dass der Wagen „unauffällig von getarnten Beamten eines Spezialeinsatzkommandos (SEK)“ begleitet werden soll, worüber sich die getarnten, unauffälligen Beamten sicher gefreut haben, dass das nun auffällig in der Zeitung stand. Zumal es nicht mal etwas Besonderes ist, wie der Leiter des Umzugs der Zeitung sagt: Der Rosenmonatszug sei ein Millionenevent, bei dem „in jedem Jahr“ Polizei dabei sei, zumindest „seit in der Session 2009 ein Wagen mitrollte, der sich mit dem US-Gefangenenlager Guantanamo beschäftigte“.

Dass der Umzug beschützt wird, ist also offenbar Usus. Dennoch verkauft der „Stadtanzeiger“ das als besondere Neuigkeit. Und auch der „Express“ jazzte die Sache mit dem angeblichen Polizeischutz hoch. Auch hier sagt der Polizeisprecher, dass er nichts sagt, dass es aber auch keine Bedenken gebe. Und wieder taucht irgendeine anonyme Quelle auf, dieses Mal „ein ranghoher Beamter“, der darüber plaudert, wie der Wagen angeblich vor Terroristen geschützt werden solle. Dabei dementiert das Festkomitee ausdrücklich, dass überhaupt irgendein einzelner Wagen besonders geschützt werden sollte:

Dies wurde heute in verschiedenen Medien falsch dargestellt und verursachte somit Verunsicherung bei einigen Lesern.

Und noch etwas stand im „Kölner Stadtanzeiger“ und im „Express“, was das Festkomitee nun dementiert:

In den Medien wurde heute publiziert, dass Gruppen oder Karnevalsgesellschaften gegenüber dem Festkomitee Ängste geäußert hätten, vor oder hinter dem geplanten „Charlie-Hebdo-Wagen“ zu gehen. Auch das ist schlichtweg falsch. Gegenüber dem Festkomitee wurden solche Ängste nicht kommuniziert. Dies war bis heute nicht der Fall.

Es waren also offenbar alle, von vereinzelten besorgten Bürgern mal abgesehen, ganz ruhig und besonnen, da die Lage und der harmlose Wagen ja nach Auskunft der Behörden unbedenklich waren – bis bei diversen Medien die Panikmaschine ansprang, auch bei den so genannten Regionalnachrichten von Sat.1, wo schon die Anmoderation karnevalesk doof ist:

Feiern, Trinken, Lachen – der Kölner Rosenmontagszug steht ja vor allem für eins: für Spaß und Halli Galli. Aber jetzt bekommt diese heile Welt einen Riss. Der Charlie-Hebdo-Wagen, der an die tödlichen Anschläge in Paris erinnern soll, soll nämlich wohl sogar vom SEK begleitet werden – aus Angst vor einem möglichen Islamisten-Attentat. Mit welchem Gefühl wir also dieses Jahr Karneval feiern können (…)

Und wie krampfhaft Sat.1 anschließend im Beitrag versucht, ein Gefühl von Angst heraufzubeschwören! Was aber dummerweise kaum jemand bestätigen möchte. Der Polizeisprecher (wieder) nicht. Das Festkomitee (auch wieder) nicht. Und auch die obligatorische Straßenumfrage liefert nicht das, was sich Sat.1 wohl gewünscht hätte. Eine Frau sagt, dass sie zwar ein mulmiges Gefühl habe in Menschenmengen, dass sie das aber nicht vom Feiern abhalte. Eine andere Frau sagt ungefähr dasselbe: Eine gewisse Angst, joah, aber trotzdem müsse man mitmachen, Spaß am Leben haben. Nur eine einzige Frau, wie als Alibi in den Beitrag eingeschnitten, sagt diesen einen Satz: „Ich hätte da schon Bedenken.“ Mehr nicht.

In einem Beitrag der WDR-Lokalzeit Köln, auch von gestern, ist die Tonalität ganz anders, viel entspannter. Die Session, bei der der WDR gedreht hat, ist ausgelassen, alle freuen sich, es ist nirgends von Bedenken die Rede oder von Polizeischutz, alle sind jut druff. Aber, wie gesagt, da sind halt genug andere Journalisten, die Angst und Bedenken haben. Oder vielleicht auch keine Bedenken, sondern Bock auf eine Geschichte, die sich gut verkauft, weil man mit Angst gut Geschäfte machen kann. In diesem Sinne und zur Freude aller Freiheitsgegner: Kölle Alaaf!

Neues von deutschen Klickproduzenten

20 Feb 09
20. Februar 2009

stern.de, das Online-Angebot des „Stern“, das das Ziel, so erfolgreich zu werden wie der „Spiegel“, mit dem Ehrgeiz getauscht hat, so trashig zu werden wie „RP-Online“, hat aus der britischen Boulevardzeitung „The Sun“ die Geschichte über den Briten abgeschrieben, der meint, Atlantis entdeckt zu haben — bei Google Earth seien die Spuren westlich von den Kanaren als Relief auf dem Meeresboden zu erkennen. (Die Sache hat sich inzwischen aufgeklärt.)

Für ein Angebot mit dem Anspruch von stern.de ist das natürlich nur ein Thema, wenn man eine mindestens sechsteilige Bilderstrecke daraus machen kann. Ist in dem Fall aber leicht:






Nachtrag, 17:05 Uhr. Ralf Klassen, der Vizechef von stern.de, antwortet in den Kommentaren.

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Dann schalten wir doch gleich weiter zum schon erwähnten Online-Auftritt der „Rheinischen Post“. Seit sich die Sängerin Rihanna und ihr Freund vor knapp zwei Wochen gestritten und er sie geschlagen haben soll, steht das „R“ in RP-Online für „Rihanna“. Gesicherte Fakten sind zwar dürr, aber zum Glück meldet sich jeden Tag irgendein anonymer Bekannter von einem der Beteiligten zu Wort und anscheinend klicken die Menschen das Thema wie blöd, so dass RP-Online tut, was RP-Online halt tut (und schon bei Salma Hayek letztens so gut funktioniert hat):








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Beim Kölner „Express“ hat man unterdessen etwas anderes Feines entwickelt, um die Page-Impressions künstlich in die Höhe zu treiben: Das Klickstrecken-Interview bzw. die Interview-Klickstrecke. Sieht dann zum Beispiel im Ansatz so aus:

Geht aber auch mit Uli Hoeneß:

Die Leute von express.de haben das übrigens so geschickt konstruiert, dass man am Ende der Interviews vorne wieder rauskommt, so dass man sich leicht versehentlich zweimal durchklickt, bevor einem eine gewisse Redundanz auffällt.

[mit Dank an Kaspar Klippgen, Jan Miebach und Paul Neuhaus]

Krasse Fotos

28 Sep 08
28. September 2008

Die Startseite des Kölner „Express“ wirbt aktuell mit diesen Inhalten um die Aufmerksamkeit des Publikums:

Beim Klick auf den Teaser oben rechts kommt man auf einen Artikel, der so beginnt:

Die Geschichte über den Selbstmordversuch der beiden Frauen (von express.de falsch als „Amoklauf“ bezeichnet) erzählt express.de vollständig im Präsens und ohne Zeitangabe, so als habe sie sich aktuell ereignet. Dazu gibt es eine 17-teilige Bildergalerie mit „krassen“ Fotos.

Die Online-Leute vom „Express“ haben aus einem von der BBC ausgestrahlten und auch auf YouTube zu sehenden Film eine Diashow gemacht. Natürlich verlinken sie nicht auf die Quelle selbst. Und natürlich schreiben sie nicht dazu, wann sich der Vorfall ereignete.

Im vergangenen Mai.

(Aber ich bin sicher, auch diese Leute würden sich auf Nachfrage als Journalisten bezeichnen.)

[via Klaus Helfrich]

Nachtrag, 23:45 Uhr. Das passt ja: Das Foto von Sarah Palin in dem oben abgebildeten Teaser, mit dem express.de für einen weiteren, äh, Artikel wirbt, ist ein Fake. Der Artikel erklärt zwar — korrekt — dass express.de „echte und gefälschte“ Fotos zeige. Nur die Unterscheidung hat nicht geklappt. Aber wen kümmert’s: Sind halt krasse Fotos.

[via Johan in den Kommentaren]

Jetzt wird zurückgelogen

12 Mrz 08
12. März 2008

Marcus Böttcher vom „Express“ fand sich richtig schlau. Das geht vermutlich vielen so, wenn sie über Paris Hilton berichten. Es ist ja auch so leicht. Marcus Böttcher also schrieb am vergangenen Donnerstag:

Achtung, Achtung. Es folgt Teil 154 in der Serie „Wie doof kann man sein??“ Stargast wie fast immer: Fräulein Paris Hilton. Denn deren persönlicher Guru entpuppte sich jetzt als Schauspieler.

Böttcher schrieb, wie der angeblich erfolglose Schauspieler Maxie Santillan Jr. sich als Schamane ausgab, denn — Böttcher kennt sich aus:

Die Dienste eines solchen — Segnen, Predigen, aus buddhistischen Schriften vorlesen — sind in Hollywood schließlich gefragt. Auf zu vielen Menschen hier lastet das schlechte Gewissen nach zahlreichen Suff-Sex-Promi-Partys.

Mit Paris Hilton (27) hat Maxie Santillan allerdings das ganz große Los gezogen. Denn die Hotelerbin trifft sich mit ihm nicht im dunklen Kämmerlein, sondern schlendert mit ihrem neuen Freund durch Los Angeles (EXPRESS berichtete).

Hahaha, die Hilton, blöde Kuh, fällt auf einen Schauspieler rein! Sicherheitshalber fragte Marcus Böttcher bei einem anderen Fachmann nach: Michael Kneissler. Er nennt ihn „Society-Experte“, und tatsächlich spricht der Journalist ungefähr ununterbrochen Fernurteile und –diagnosen über das Privatleben von mehr oder weniger prominenten Menschen in irgendwelche Kameras oder Mikrofone. Kneissler also sagte Böttcher auf die Frage, ob durch das „Outing“ nun die „Freundschaft“ Hiltons zu dem Schein-Schamanen gefährdet sei:

„Nein. Durch ihn hat sie wieder weltweite Aufmerksamkeit bekommen. Auch wenn er sie als unechter Guru zum Deppen gemacht hat.“

Nein. Die Deppen in dieser Geschichte sind Michael Kneissler und Marcus Böttcher. Und in einem Abwasch gleich all ihre vermutlich zigtausend Kollegen, die das Leben von Stars — oder das, was uns mithilfe von Paparazzi-Fotos, PR-Geschichten und Halb– und Unwahrheiten als solches vorgegaukelt wird — alltäglich zu bunten Märchen oder hämischen Abgesängen verarbeiten. Denn die Geschichte mit dem Schamanen war eine einzige Verlade. Paris Hilton hat sie mit Ashton Kutcher („Punk’d“) in Szene gesetzt, um sich an den skrupellosen Paparazzi, ahnungslosen Möchtegern-Society-Experten und überheblichen Boulevardfantasten dieser Welt zu rächen. Die Sendung heißt „Pop Fiction“ und läuft auf dem amerikanischen Sender E!, ist aber auch im Internet zu sehen. In vorerst acht Folgen sollen 20 — teils höchstkarätige — Prominente ihr Spiel mit der gutgläubigen Medienmeute spielen.

Auf die Schamanen-Geschichte sind alle reingefallen – und der grenzenlos hämische Tonfall, in dem sie sich über die wieder einmal völlig verrückte Paris Hilton lustig machen, spricht für sich selbst.

Weit vorne in die deutschsprachige Deppenliga hat es auch der „Berliner Kurier“ geschafft, der so „berichtete“:

Die Schamlose und der Schamane Paris Hilton jetzt mit Guru: Kann der Zottel sie zu einem besseren Menschen machen?

(…) Chihuahua Tinkerbell war einmal. Paris Hilton hat ein neues Schoßhündchen: Sie führt jetzt einen Schamanen spazieren. (…)

So konnten die Fotografen mitverfolgen wie Mönch Namenlos ihr segnend die Hand auf den Kopf legte und ihr Haar streichelte. Wie sehr sie diese Berührung veränderte, führte Paris auch gleich vor. Beim Verlassen des Lokals nahm sie ihr Diamantherz-Halsband ab und schenkte es einer Studentin. Paris sagte dazu von sich selbst gerührt: „Mein Guru hat mir gesagt, dass ich das tun soll. Denn Schenken ist die größte Gabe für einen selbst.“ Doch die Millionärin hatte sich für ihre Ich-bin-jetzt-ein-Gutmensch-Aktion die Falsche ausgesucht. Die beschenkte Studentin kündigte an: „Das Halsband verkaufe ich bei Ebay“. Für manchen ist Versteigern eben eine noch größere Gabe …

(Ja, auch die Verschenk-Aktion stand im Drehbuch, die vermeintliche Studentin war eingeweiht.)

In der „B.Z.“ fantasierte Annika Hennebach: „Paris Hilton sucht Zuflucht bei Schamanen“, auf Bild.de glaubte Gerlinde Jänike: „Paris Hilton hat einen eigenen Guru. Einen richtigen, echten, mit grauem langen Bart, einen Schamanen“, und vanityfair.de fabulierte angesichts des unerklärlichen Begleiters: „Vielleicht liegt es am teuflischen Einfluss ihres Freundes Benji Madden (…).“

Beeindruckend ist, dass die versammelte Boulevardmeute auch dann noch nicht daran zweifelte, wer klug ist (sie) und wer dumm (Paris Hilton), als herauskam, dass Hiltons Begleiter nur ein Schauspieler war — nicht nur dem „Express“ ging das so. Das Paparazzi-Blog Viply.de schrieb:

Wie peinlich, Paris hat sich mal wieder selbst übertroffen! (…) Offenbar konnte [der Schauspieler] eine Aufbesserung des „Taschengelds“ gut gebrauchen – so wie Paris ein „ernsthafteres“ Image. Nur wenige Tage zuvor beklagte sie ihr Los in einem Interview: „Die Leute wissen gar nicht, wie ich wirklich bin und das macht mich wütend! (…)“ — Ein weiterer ihrer Schüsse, der nach hinten losging.

Auch Avril Lavigne führte in der Premierenfolge von „Pop Fiction“ die Weltöffentlichkeit in die Irre — dadurch, dass sie eine Andeutung von Bauch trug. Wie absurd sich das liest, wenn die daraus resultierenden Spekulationen bis in die traurigsten Verästelungen des Boulevardbetriebs durchsickern, demonstriert schön viva.tv:

Avril Lavigne — Schwanger? Der Babyboom in Hollywood nimmt kein Ende!

Nach Jennifer Lopez, Christina Alguilera und Nicole Richie ist nun auch bei Sängerin Avril Lavigne angeblich der Storch gelandet.

Zwar wurde ihre Schwangerschaft noch von keiner Seite bestätigt, doch laut viply.de könnte man sich allmählich sicher sein.

Avril und ihr Ehemann Deryck kauften vor kurzem Babykleidung ein und vergaßen dabei ein noch viel interessanteres Indiz in ihrem Auto. Ein Ultraschallbild! Sehr verdächtig, finden wir!

Genauso verdächtig ist Avrils neue Art sich vorwiegend „bedeckt“ zu kleiden. Da wird die Kapuzenjacke überm Bäuchlein sachgemäß zugezogen, um ja keine Rundungen hervorblitzen zu lassen.

Diese „Pop Fiction“-Aktion ist grandios — und überfällig. Die Sendung zeigt die immer wieder unfassbare Zahl, Allgegenwart und Aggressivität der Fotografen, und mit welcher Geschwindigkeit und Wucht und welchem Desinteresse an Tatsachen aus einem harmlosen Anlass Titelseiten und weltweite Schlagzeilen fabriziert werden. Sie ist eine Art Notwehr der Prominenten – und wirkt, im Idealfall, medienpädagogisch: Je mehr dem Publikum bewusst ist, dass all die „Star-News“, mit denen sie von Viva über „Bunte“ bis „Spiegel Online“ überflutet werden, im Zweifelsfall reine Erfindungen sind (der Medien oder der Stars selbst), um so größer ist die Chance, dass das Interesse an diesem Genre wieder sinkt. Oder man sich wenigstens darauf einigt, dass man sich dann die Geschichten gleich ganz ausdenken kann, ohne dafür echte Menschen zu behelligen, und vielleicht davon absehen kann, zu versuchen, Britney Spears oder Amy Winehouse in den Tod zu treiben.

Und wenn Leute wie Marcus Böttcher und Michael Kneissler in Zukunft öfter ausgelacht werden, ist schon viel gewonnen.