Der »Stern« glaubt, ein Monopol auf Fakten zu haben

Der »Stern« glaubt, er besitze das »Urhe­ber­recht« an den Ergeb­nis­sen sei­ner Recher­che. Er irrt.

Die Ham­bur­ger Illus­trierte hat eine einst­wei­lige Ver­fü­gung gegen die FDP erwirkt. Die Par­tei hatte einen Fra­gen­ka­ta­log, den ihr der »Stern« über zwei­fel­hafte Geschäfte von FDP-Tochterfirmen zuge­schickt hatte, samt Ant­wor­ten online veröffentlicht.

Der »Stern« sieht sich dadurch in sei­ner Exis­tenz bedroht. Sein Recher­cheur Hans-Martin Til­lack schreibt:

Wenn wir Jour­na­lis­ten nicht mehr dar­auf rech­nen kön­nen, dass wir selbst ent­schei­den, wann wir unsere Erkennt­nisse ver­öf­fent­li­chen, kön­nen wir uns auf­wän­dige Recher­chen kaum noch leis­ten — weil dann andere vor­ge­warnt sind, bis hin zu den Kon­kur­renz­blät­tern. Wir leben — über­wie­gend  — vom Geld unse­rer Leser. Nur wenn wir ihnen neue Infor­ma­tio­nen bie­ten kön­nen, wer­den sie für unsere Inhalte bezahlen.

Das mag alles sein. Das gibt dem »Stern« aber nicht das Recht, ande­ren zu unter­sa­gen, ihnen bekannte Tat­sa­chen der Öffent­lich­keit mitzuteilen.

Der »Stern« hat ein Urhe­ber­recht an sei­nen Fra­gen. Er kann der FDP ver­mut­lich unter­sa­gen, sie wört­lich zu ver­öf­fent­li­chen. Aber auf wel­cher Grund­lage sollte er die Rede­frei­heit in Deutsch­land soweit ein­schrän­ken kön­nen, dass die­je­ni­gen, die er etwas fragt, nicht dar­über reden dür­fen, was er sie gefragt hat?

Neh­men wir an, Herr Til­lack hat durch Recher­che her­aus­ge­fun­den, dass in mei­nem Kel­ler eine Lei­che sein soll. Wenn er mich, jour­na­lis­tisch kor­rekt, mit die­sem Vor­wurf kon­fron­tiert, habe ich natür­lich die Mög­lich­keit, schnell noch in die Offen­sive zu gehen und selbst der Öffent­lich­keit in mei­nen eige­nen Wor­ten mit­zu­tei­len, dass da eine Lei­che in mei­nem Kel­ler ist, um der Ent­hül­lung die Wucht zu neh­men und als ers­tes die Deu­tungs­ho­heit zu haben.

Das mag für einen Jour­na­lis­ten ärger­lich und frus­trie­rend sein, aber das ist so.

Es ist selbst dann so, wenn ich von der Lei­che in mei­nem Kel­ler selbst gar nichts wusste und sie erst ent­deckte, nach­dem der »Stern«-Reporter mich dar­auf hin­ge­wie­sen hatte. Was sollte mich daran hin­dern, mein neues Wis­sen über die Lei­chen­hal­tig­keit mei­nes Kel­lers mit ande­ren zu tei­len? Womög­lich die Sorge, dass der »Stern«, wenn ich ihm so in die Parade fahre, erst recht eine große Lei­chen­su­che in mei­nen Kel­lern ver­an­stal­tet, ja. Viel­leicht auch ein Gefühl von Fair­ness. Aber ein Recht?

Til­lack schreibt:

Jour­na­lis­ten haben das Urhe­ber­recht an ihren Fra­gen­ka­ta­lo­gen und an den Recher­che­er­geb­nis­sen, die sich in diese Fra­gen wie­der­spie­geln [sic].

Man muss gar nicht, wie Til­lack es tut, das Fass der Urhe­ber­rechts­de­batte auf­ma­chen, um dem klar zu wider­spre­chen. Es gibt kein Urhe­ber­recht auf Fak­ten, und das ist auch gut so. Wenn der »Stern« auf sei­nem Urhe­ber­recht an der For­mu­lie­rung der Fra­gen besteht: Gut, dann muss die FDP die Fra­gen weg­las­sen oder umfor­mu­lie­ren. Aber selbst­ver­ständ­lich hat die FDP das Recht, selbst zu ent­schei­den, wann und wie sie ihre Ant­wor­ten auf diese Fra­gen veröffentlicht.

Und wenn sie damit die Auf­merk­sam­keits– und Verkaufs-Maximierungsstrategie des »Stern« durch­kreuzt, dann ist das bit­ter für den »Stern« und womög­lich ein Pro­blem für den inves­ti­ga­ti­ven Jour­na­lis­mus ins­ge­samt. Aber es ist nach mei­nem Rechts­ver­ständ­nis nichts, das einen Ein­griff in die Mei­nungs­frei­heit rechtfertigt.

»Stern«-Chefredakteur Tho­mas Oster­korn lässt sich mit den Sät­zen zitie­ren: »Das Kon­fron­tie­ren gehört zur jour­na­lis­ti­schen Sorg­falts­pflicht und dient vor allem den Betrof­fe­nen, ihre Sicht­weise eben­falls dar­zu­stel­len. Wenn diese das Ver­fah­ren unter­lau­fen, indem sie Fra­gen und Ant­wor­ten ver­öf­fent­li­chen, wird diese Pra­xis ausgehebelt.«

Die Betrof­fe­nen sol­len »ihre Sicht­weise« dar­stel­len dür­fen, aber aus­schließ­lich unter den Bedin­gun­gen, die das recher­chie­rende Medium dik­tiert. Davon träu­men sie noch beim »Stern«, dass sich die­ses Mono­pol und das damit ver­bun­dene Geschäfts­mo­dell auf Dauer auf­recht erhal­ten lässt.

Nach­trag, 14. Novem­ber. Hans-Martin Til­lack ant­wor­tet: Mein Vor­wurf, der »Stern« hätte ein Mono­pol auf Fak­ten ver­langt, sei falsch. Gleich­zei­tig wie­der­holt er aber, dass es not­wen­dig sei, den »Recher­che­pro­zess« schüt­zen zu können.

Zukunft soll nicht heißen, dass in der Vergangenheit alles schlecht war

Man kann ja viel gegen Burk­hardt Müller-Sönksen sagen, den medi­en­po­li­ti­schen Spre­cher der FDP-Bundestagsfraktion.

In der ver­gan­ge­nen Woche saß er im Kul­tur­aus­schuss in der Exper­ten­an­hö­rung zum Thema »Zukunft des Qua­li­täts­jour­na­lis­mus« und lei­tete seine Fra­gen an die Exper­ten mit Wor­ten ein, die ich wohl­wol­lend als Hom­mage an Loriot deu­ten möchte:

Auch von der FDP ganz herz­li­chen Dank für Ihre Vor­träge, die zum Teil über­ein­stim­mend waren. Auch zum Teil sehr lange zurück­ge­gan­gen sind, auch weit über die jet­zige Regie­rungs­zeit hin­aus, aber eins gemein­sam, und das ist auch das Thema unse­res Aus­schus­ses in einer fort­ge­setz­ten Serie, näm­lich die Zukunft des Qua­li­täts­jour­na­lis­mus, wobei Zukunft nicht hei­ßen soll, dass in der Ver­gan­gen­heit alles schlecht war und Zukunft wie­derum auch hei­ßen soll, dass wir mit Ihnen zusam­men gestal­ten wol­len, was kann der Gesetz­ge­ber oder was kann auch gesell­schafts­po­li­tisch geschehen?

Da gibt es ja einen Pro­zess, den wir sel­ber nicht selbst gestal­tet haben. Das ist die Kon­ver­genz im Inter­net, die stark statt­fin­det. Und es ist heute noch nicht ange­spro­chen wor­den, dass sich der Qua­li­täts­jour­na­lis­mus ins­be­son­dere des Prints in einem Kon­kur­renz­ver­hält­nis zu den öffentlich-rechtlichen, staat­lich finan­zier­ten Medien befindet.

Und das ganz neue Thema, man könnte fast von fünf­ter Gewalt spre­chen, das sind die Social Media, die aber gerade erst recht nach Qua­li­täts­jour­na­lis­mus rufen, weil ja dort sehr unre­flek­tiert und unde­fi­niert Infor­ma­tio­nen kur­sie­ren, die über­haupt nicht veri­fi­ziert sind und gerade erst recht auch einem Qualitäts-, einem geprüf­ten Qua­li­täts­aus­druck mit ent­spre­chen­dem Hin­ter­grund und Recher­che, wie es eben auch schon mal ange­klun­gen ist, bedarf.

FDP three points

Der FDP-Politiker Hans-Joachim Otto hat in der »B.Z.« den Rück­zug Deutsch­lands aus dem Euro­vi­sion Song Con­test gefor­dert, weil die Ver­an­stal­tung »uner­heb­lich und ent­behr­lich« sei. Das wäre an sich noch nicht bemer­kens­wert, denn Otto sagt öfter so Quatschs­a­chen, um damit in die Medien zu kom­men. Aber ein Satz, mit dem ihn die »B.Z.« zitiert, ließ mich dann doch stutzen:

»Ich habe den Grand Prix mitt­ler­weile aus mei­nem pri­va­ten Kalen­der gestrichen.«

Jetzt frage ich mich, warum der Mann sich nicht gleich einen Kalen­der kauft, in den der Grand-Prix gar nicht erst ein­ge­tra­gen ist, damit er ihn nicht extra her­aus­strei­chen muss. Und ich frage mich, ob der arme Mann die für ihn so ärger­li­che Ver­an­stal­tung womög­lich trotz­dem wei­ter gucken muss, weil sie in sei­nem dienst­li­chen Kalen­der noch ein­ge­tra­gen ist, damit er auch in den nächs­ten Jah­ren der »B.Z.« (oder wer dann fragt) was dazu sagen kann. Das würde aber wie­derum die Frage auf­wer­fen, ob es über­haupt einen Unter­schied macht, ob er den Ter­min aus sei­nem pri­va­ten Kalen­der streicht. (Mal ganz davon ab, ob das Strei­chen von Ter­mi­nen im pri­va­ten Kalen­der Hans-Joachim Ottos nicht eine Ange­le­gen­heit ist, die nur Herrn Otto und sei­nen pri­va­ten Kalen­der etwas angeht.)

Es wird aber noch ver­wir­ren­der. Schauen Sie sich bitte mal die­sen Wer­be­spot der FDP zur Euro­pa­wahl, der ges­tern Abend im Ers­ten lief, ganz genau an:

Haben Sie’s gemerkt? Ich zeig’s Ihnen:

»Libe­rale Poli­tik hat (…) …

… die gemein­same Leis­tung …

… der deut­schen Ein­heit geprägt…

… und die Jahr­hun­dert­leis­tung Europa …

…ent­schei­dend mit­ge­stal­tet.»

Genau: Das zwi­schen der deut­schen Ein­heit und dem Euro, zwi­schen Hans-Dietrich Gen­scher und Otto Graf Lambs­dorff, das ist der Euro­vi­sion Song Con­test 2001 in Kopenhagen.

Was möchte uns die FDP damit sagen?

Ist der Grand-Prix die wahre Jahr­hun­dert­leis­tung Euro­pas? Ist es kein Zufall, dass Deutsch­land ihn aus­ge­rech­net 1982 das ein­zige Mal gewann — im sel­ben Jahr, in dem die FDP den Regie­rungs­wech­sel erzwang? Wird die FDP im Euro­pa­par­la­ment die Grund­la­gen dafür legen, dass sich Leis­tung auch beim Euro­vi­sion Song Con­test wie­der lohnt?

Und warum aus­ge­rech­net ein Aus­schnitt vom Song Con­test in Däne­mark? Weil die Olsen Bro­thers ihn dort­hin geholt haben, zwei erfolg­rei­che alte Män­ner des Schla­gers, genau wie Hans-Dietrich Gen­scher und Otto Graf Lambsdorff?

Kann Sil­vana Koch-Mehrin den Titel für Deutsch­land errin­gen? Und, vor allem: Müsste Hans-Joachim Otto dann auch pri­vat wie­der gucken?

Der Stoff, aus dem Alpträume sind

Sie­ger des in die­sem Jahr erst­mals aus­ge­tra­ge­nen Neu­jahrs– Synchronsprech-Wettbewerbs wur­den Guido Wes­ter­welle und Guido Westerwelle.

(via Indis­kre­tion Ehren­sa­che)