Ich mache manchmal den Fehler, beim Medienaggregator Turi2 auf die Anzeigen zu klicken. Neulich brachte mich eine Werbung des »Focus« dazu, die mit der überraschenden Zeile »Einzigartig erfolgreich im Wettbewerb« lockte.
Tatsächlich gewinnt der »Focus« gerade gegen den Trend an Auflage. »Stern« und »Spiegel« verkaufen aber immer noch, grob gerechnet, je eineinhalb Mal so viele Hefte; am Kiosk sind sie etwa dreimal so erfolgreich wie der »Focus«.
Wenn man auf das Banner klickt, kommt man zu einer Verlagsseite mit dieser informativen Übersicht:

Man könnte auf den ersten Blick erkennen, dass hier etwas nicht stimmt. Der »Focus« hat sein Wachstum fast viermal so groß dargestellt, wie es tatsächlich ist. Die rote Fläche im linken Säulenpaar entspricht nicht einem Wachstum von 11,5 Prozent, sondern von etwa 42 Prozent.
Beim rechten Säulenpaar ist die Übertreibung noch krasser: Auch hier entspricht die rote Fläche, die 8,3 Prozent Plus darstellen soll, einem Zuwachs von über 40 Prozent. Die Gesamtsäule entspricht nicht 108.000 verkauften Heften, sondern rund 140.000 — davon träumt man in München.
Ich weiß schon, dass es sich hier bloß um Werbung handelt. Aber wir reden hier von der Werbung einer Illustrierten, die sich gegenüber potentiellen Anzeigenkunden als »Qualitätsmedium« verkauft und behauptet, ja lachen Sie nicht, sie zeichne sich durch »kompromisslose Gründlichkeit in der Recherche« und »harte Fakten und wahre Hintergründe« aus. Wo ist da der Sinn, die eigenen Behauptungen gleich mit einer solchen Statistiklüge zu konterkarieren? Oder setzt der »Focus« gezielt auf Werbekunden und Mediaplaner, die dumm genug sind, die Manipulation nicht zu erkennen?
Unter die Grafik hat der »Focus« übrigens noch den lustigen Satz geschrieben: »Diese Entwicklung zeigt einmal mehr die hohe Bedeutung von Print im Medienmarkt: Qualität setzt sich durch und sorgt für ›Fortschritt‹ am Kiosk.« Aber das ist ja nicht falsch, sondern nur sinnlos.
Ach, und wenn Sie sich fragen, was genau mit der Formulierung »›Focus‹ weiter auf Erfolgskurs« gemeint ist — das kleine Abknicken am Ende dieser beiden Kurven (die allerdings natürlich von mir sind und nicht aus dem Werbepaket):

[Offenlegung: Ich schreibe für den »Spiegel«. Dies ist meine persönliche Meinung. Und der »Spiegel« macht es auch nicht besser.]
— 29. Januar 2012, 20:42 — 98 Kommentare
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Keine Sorge, ich habe nicht vor, mich jetzt regelmäßig auch noch an der Fachwerbung der Medien abzuarbeiten. Ich hatte heute morgen nur lachen müssen, als ich auf turi2 diese nicht nur in dieser Woche ungewollt komische Werbung des »Spiegel« sah:

(Bitte beachten Sie auch den symbolischen Tiefenabstand zwischen dem »SPIEGEL«-Logo und der »DER REST«-Tapete.)
Jedenfalls stutzte ich, als die Anzeige umblätterte auf dieses Bild:

Ich fand den Vorsprung von 718.000 Lesern gegenüber 632.000 Lesern jetzt gar nicht so eindrucksvoll angesichts der dramatisch niedrigeren Auflage (und, zugegeben: Relevanz) des »Focus«. In Säulenform hingegen macht das schon was her.
Kein Wunder: Der »Spiegel«-Verlag hat getrickst. Er hat die »Focus«-Säule einfach kleiner dargestellt, als es den Zahlen entspräche — und zwar um immerhin zehn Prozent. (Oder, je nach Perspektive, den eigenen Penis die eigene Säule künstlich verlängert.)
Zum Vergleich die »Spiegel«-Version der Statistik und die korrekte Darstellung:

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— 26. Dezember 2010
Wolfram Weimers »Focus« gebärdet sich als einsames Kampfblatt gegen den Mainstream linker Weltenretter. Und läuft orientierungslos jedem Populisten hinterher.
Leidenschaft ist kein schlechter Antrieb für Journalismus. Manchmal jedoch brechen aus einem Artikel unvermittelt Emotionen in einer Weise aus, dass man sich als Leser fühlt wie ein Bewohner Pompejis im Sommer 79.
Beim »Focus« ist das in dieser Woche wieder passiert. Die Illustrierte hat die »wichtigsten Debatten-Anzettler 2010″ gekürt, darunter Thilo Sarrazin, Hans-Olaf Henkel, der Papst. Dieses Jahr habe den öffentlichen Debatten eine »zumindest punktuelle Berührung mit der Realtät« beschert, stellt ein ungenannter Autor in einem Begleittextchen fest, und dann kommt’s: »Nach vielen Jahren des wohlfeilen Gutmeinens, Beschwichtigens und Problemezurechtbiegens durch die Vertreter eines linksliberalen, feministischen, sozialstaatsfixierten Multikulti-Wischiwaschi-Mainstreams mag dies ein Fortschritt sein.«
Da hatte sich wohl was aufgestaut.
Sie dürfen das jetzt rauslassen beim »Focus«. Nicht dass er früher der Sympathie für linke Gedanken verdächtig war, nicht einmal in Form einer Servicegeschichte »Die 100 besten Feministen in ihrer Nähe«. Aber seit Wolfram Weimer vor einem halben Jahr die Chefredaktion übernommen hat, ist eine politische Verortung rechts von der Konkurrenz Teil des Versuches, das Blatt wiederzubeleben.
Weimar sagt natürlich nicht »rechts«. In einem Interview mit dem »Medium Magazin« hat er die »Grundlegitimation« des »Focus« beschrieben als seine »Position als bürgerliches Gegenstück zum ›Spiegel‹«. Nun ist es schwer, sich ein treffendes Adjektiv für den heutigen »Spiegel« vorzustellen, das einen Gegensatz zu »bürgerlich« bilden würde; allenfalls »wertelos«. Weimar aber sagt, er identifiziere sich mit den »Werten des Kulturkonservatismus in Deutschland, also mit dem Familiären, Heimatliche, der kulturellen Identität bis hin zu religiösen Facetten«.
Das klingt kuschelig vage, und das ist es auch. Die Familie zum Beispiel, hat der »Focus« festgestellt, feiert gerade »ein wundersames Comeback«. Die Belege dafür sind dünn. Die Vorwerk-Familienstudie, auf die die Autoren sich berufen, sieht jedenfalls nur eine »unverändert hohe Wertschätzung« von Familie, während der Freundeskreis an Bedeutung gewinnt. Aber es gibt gerade so viele schöne Fotos, die Staatsoberhäupter zu Weihnachten im Kreis ihrer Angehörigen zeigen. Von Angela Merkel gibt es sogar ein zauberhaftes Bild, auf dem sie eine Dose mit roten Kugeln hält. Der »Focus« hat dazu geschrieben: »Auch Kanzlerin Merkel weiß: Weihnachten braucht Rituale wie die alljährlich glänzenden Kugeln am Christbaum.«
Vielleicht verliert man als bekennender Wertkonservativer ein bisschen das Gefühl für lächerliche Überinterpretationen; vielleicht hat das aber auch nichts mit der politischen Gesinnung zu tun.
In Wahrheit ist diese publizistische Welt gar nicht kuschelig, sondern definiert sich fast ausschließlich aus ihrem Widerspruch zu einem als links wahrgenommenen Mainstream. Der Medientheoretiker Norbert Bolz (auch in der »Focus«-Debatten-Anzettler-Hitliste) stellt klar, dass Patchworkfamilien keine richtigen Familien sind. (Die Kanzlerin ist da wohl eine Ausnahme. Sie brate zu Weihnachten eine Gans, verrät der »Focus«, »natürlich für die ganze Familie«. Wer damit gemeint ist, bleibt offen.)
Bolz behauptet: »Die Sehnsucht gilt der klassischen Familie. Dieses Sehnsuchtsbild darf man sich indes als moderner Mensch nur verdeckt eingestehen.« Das eigene »fortschrittliche Bewusstsein« zensiere diese Wünsche; Familie zeige, »dass Menschen eine archaische Erbschaft in sich tragen, die sie immun macht gegen politische Korrektheit.«
Das ist der perfekte Satz: Aggressiv-konservativ, weil er sich gegen die politische Korrektheit richtet, was immer die in diesem Zusammenhang sein mag. Und kuschelig-konservativ, weil wir genetisch immun seien gegen solche linken Gedanken.
Die »bürgerliche« Publizistik, die der »Focus« versucht oder auch das geistesverwandte Online-Angebot »The European«, arbeitet sich mit einem erstaunlichen Furor an den Weltverbesserern und Möchtegernweltverbesserern ab. Sie verachtet die engagierten Kämpfer gegen echte oder wahrgenommene Probleme auf der Welt. Sie sieht sich umstellt von Denkverboten und hat daher einen revolutionären Gestus, obwohl sie eigentlich nur möchte, dass alles wieder wird, wie es früher war. Dass nicht alles in Frage gestellt wird. Die gute alte Familie zum Beispiel. Oder auch die Natürlichkeit des Klimawandels. Hat es sowas nicht früher auch immer schon gegeben, und sind die warmen Sommer nicht schön?
Aus dem Dagegensein entsteht eine oft blinde Lust an der Provokation — dafür steht Michael Miersch, der gerade als neuer Wissenschaftschef zum »Focus« kam. Er schrieb gleich einmal mit typisch filigraner Ironie die »zehn Öko-Gebote« des »Gutmenschen« auf, etwa: »Du sollst nicht zweifeln! Die Ökobewegung irrt nie. Wer daran zweifelt, dient den Ungläubigen.«
Manchmal ist es auch nur ein bräsiges Muss-das-denn-sein, wie es Gunnar Schupelius verkörpert, der gerade engagiert wurde, das Berliner »Focus«-Büro zu leiten. Schupelius hat bislang mit großer Treudoofigkeit in der Boulevardzeitung »B.Z.« versucht, intellektuelle Debatten anzustoßen wie die, warum Autofahrer eigentlich immer die Dummen sind.
Es geht diesen »bürgerlichen« Publizisten vor allem darum, dass sie Recht haben. Sie kämpfen verbissen Kämpfe, die sie nach eigener Wahrnehmung längst gewonnen haben. Roger Koeppel hat vor kurzem in einem Editorial seiner Schweizer Zeitung »Weltwoche« gegen »linke Journalisten« gewettert, die er zu einer Plage hochstilisierte, schlimmer als Hitler und Brustkrebs zusammen. Das Schlimmste an ihnen sei, dass sie nicht nur keine anderen Meinungen respektierten, sondern immer Unrecht hätten: »Sie werden durch die Wirklichkeit ins Unrecht gesetzt.« Sie blieben ihren falschen Thesen aus Bequemlichkeit treu, »denn natürlich wissen sie: Es ist anstrengender, gegen den Strom zu schwimmen.«
Dass Koeppels »Weltwoche« und Weimers ungleich harmloserer »Focus« so uninspiriert und uninspirierend sind, liegt daran, dass sie herausgefunden haben, dass es genau so bequem ist, reflexartig immer gegen den Strom zu schwimmen — oder gegen das, was sie zum Strom erklären. In Wahrheit schwimmen sie natürlich oben auf der Welle, wenn sie etwa hinter Sarrazin hinterherschwappt.
Sie glauben, dass sie für eine schweigende Mehrheit sprechen, wenn die längst laut grölt. Natürlich ist der »Focus« begeistert von Theodor zu Guttenberg und der Antagonismus, den Weimer beschwört, besteht darin, die allgemeine Begeisterung ins Absurde zu übertreiben. »Er ist wie eine Mischung aus Armani und Konrad Adenauer«, schrieb er über den Verteidigungsminister. »Und im großen Kulturverlust der Formlosigkeit tut es gut, dass er der Sichtbarkeit der Macht auch durch äußere Form ein Stück Würde zurückgibt.« Natürlich geht es auch um innere Werte, schreibt Weimer, beziehungsweise nicht: »Dabei ist gar nicht so bedeutsam, welche Haltung er gerade hat, sondern dass er eine hat und diese auch offen vertritt.«
Das scheint auch die Strategie zu sein, die der »Focus« verfolgt. An den Leserzahlen gemessen, ist das Interesse daran eher gering. Dabei war 2010, wie der »Focus« über seine Zusammenstellung der »wichtigsten Debatten-Anzettler« schrieb, »ein Jahr der ›konservativen‹ Themen«. Konservativ in Anführungsstrichen. Wer weiß schon, was das heißt?
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Irgendwann, spätestens nach dem Grand-Prix-Erfolg in diesem Jahr, ist aus Stefan Raab, dem Schmuddelkind, in den Medien Stefan Raab, der geniale Entertainer geworden. Der Pro-Sieben-Moderator wird mit Lob und Preis überschüttet, und da ist es ein normaler und gesunder journalistischer Reflex, wenn eine Zeitschrift beschließt, gegen den Gleichklang anzuschreiben. 

Aus jedem Absatz des Artikels, den der »Focus« vor drei Wochen veröffentlichte, spricht der Wille, etwas Negatives über Stefan Raab zu schreiben und die Naivität und Dummheit all der Stefan-Raab-Gutfinder zu entlarven. Der Mann ist offenbar gefährlich, denn er verflucht im eigentlichen Sinne des Wortes sein Publikum. Von der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises berichten die »Focus«-Autoren:
»Ihr kommt alle in die Hölle«, sagt Raab in seiner Dankesrede (…).
Wer weiß, wie sehr er im katholischen Glauben erzogen ist und wie tief diese Wurzel seines Lebens bis heute greift, hält diese Bemerkung für allenfalls halb komisch.
Raab sagt den Fernsehschaffenden halbernst voraus, dass ihnen die ewige Verdammnis droht? Das ist tatsächlich, was ja nicht das Schlechteste ist, das man über einen Artikel sagen kann: originell.
Es ist eigentlich ziemlich leicht, Stefan Raab blöd zu finden, aber im »Focus« liest es sich sehr angestrengt. Sein Lachen nennen die Autoren »jene praktizierte Satire am eigenen Körper«. Die Produktionsfirma Brainpool nennen sie »diese Gehirn-Badeanstalt, in der Stefan Raab als Anteilseigner und Kreativer der ganz große Bademeister ist«. Den Moderator nennen sie immer wieder »Metzgerssohn« und schöpfen daraus die Pointen wie die, er betreibe »Humor wie eine Fleischerei« (»Grundsatz: Es darf immer noch ein bisschen mehr sein«) und sei »unersättlich«.
Fassungslos schildern sie detailliert, wie sich Lena, die ihm den Fernsehpreis überreichte, dabei vor ihm niedergekniet hat — was offenbar nicht als Scherz oder Geschenk für die Fotografen zu deuten ist, sondern als »vollkommene Demutsgeste«, die vom Publikum dann auch noch durch stehenden Applaus »zur Unterwerfung vollendet« worden sei.
Der »Focus« weist auf die Brüche in Raabs Leben und Karriere hin; darauf zum Beispiel, dass er Dieter Bohlen übel nehme, private Fotos von sich an die »Bild«-Zeitung zu schicken, obwohl er selbst doch vor sieben Jahren noch eine Kolumne für das Blatt geschrieben habe. Ja, der Vergleich ist schief, aber das hat er mit ungefähr allen Vergleichen in dieser Geschichte gemein. Es sei bei Raab schwer, »die Grenze zu ziehen zwischen dem Gebrauch und dem Missbrauch des Privaten«, stellen die »Focus«-Leute fest und machen dann folgenden Widerspruch auf:
Einerseits ist er der Mann, der alles riskiert für die Quote. Der sich von der Box-Weltmeisterin Regina Halmich für eine gute Show das Nasenbein einschlagen lässt. (…)
Andererseits ist Stefan Raab der Mann, der Europas Fernsehen verändern wird.
Kann mir jemand erklären, inwieweit das etwas über ein gespaltenes Verhältnis zur Privatheit aussagt oder überhaupt ein Widerspruch ist?
Der »Focus« stellt fest, dass Details über Raabs Privatleben »privat« seien und »niemand wissen muss«, um dann in großer Akribie Details über Raabs Privatleben zusammenzutragen. So richtig aufregende Sachen haben die drei Redakteure nicht herausgefunden, aber wie zum Ausgleich dafür dokumentieren sie auch noch das unaufregendste Detail. Wir erfahren, aus das Garagentor am Haus seiner Eltern aus »schwerem Holz« sei und sich »per Elektromotor und Fernbedienung öffnen« lasse. Dass der Belag in der Straße, in der er wohne, »extraglatt« sei. Dass er im Abi-Heft 1986 keine Berufsziele angegeben habe.
Dann doch eine erhellende Enthüllung: Schon als Kind soll sich Raab in der Schule über einen kleingewachsenen Lehrer lustig gemacht haben!
Keine Frage: Es gibt einen großen Widerspruch in der Person Stefan Raabs, sogar in der öffentlichen Person. Er ist heute zu einem Symbol für Qualitätsunterhaltung geworden und sogar für einen menschenwürdigen Umgang mit Kandidaten im Fernsehen, obwohl seine Karriere nicht zuletzt auf der Bloßstellung von Nichtprominenten beruht. Der Widerspruch lässt sich teilweise dadurch erklären, dass Raab sich verändert hat — auch die Beispiele, die der »Focus« nennt (Lisa Loch, Bimmel-Bingo, die Frau vom Maschendrahtzaun) sind Jahre alt. Doch auch wenn Raabs Grenzen heute vielleicht woanders liegen — Schadenfreude und pubertärer Humor machen immer noch einen großen Anteil seines Schaffens aus.
Doch das war dem »Focus« in seinem unter dem Chefredakteur Wolfram Weimer neu erweckten Drang, wichtig und anders zu sein, offenbar nicht brisant genug. Und gerade die Tatsache, dass Raab sein Privatleben äußerst konsequent vor den Blicken der Öffentlichkeit schützt, nahmen die Autoren als Ansporn, möglichst tief darin zu wühlen. Und prahlen damit, wie mutig und revolutionär das ist:
Wer über den Mann spricht, der auf dem Bildschirm so konsequent das Bild vollendeter Öffentlichkeit vermittelt, riskiert Strafe.
Die Gefahr ist glaubhaft.
Schon am ersten Tag der FOCUS-Recherche trifft die Drohung ein, Stefan Raab werde von dieser Minute an nie wieder für ein Interview zur Verfügung stehen.
Nun mag es legitim sein, im privaten Umfeld von Raab zu recherchieren. Es ist aber auch für jemanden wie Raab, der sein Privatleben nie in die Öffentlichkeit getragen hat, legitim, aus dieser Recherche die Konsequenz zu ziehen und jede Mitarbeit an dem Werk abzulehnen …
… und hinterher jedes Wort auf die Waage zu legen (machen Sie sich Ihr eigenes »Focus«-artiges Wortspiel hier bitte selbst). Zwanzig Punkte umfasst die Gegendarstellung von Raab, die der »Focus« heute veröffentlicht. Die Illustrierte drucke sie »sehr gern«, schreibt sie dazu, »mit Blick auf den Informationsgehalt«. Raab hatte offensichtlich Spaß daran, nicht nur gravierende Fehler, sondern auch die kleinsten Details zu korrigieren:
6. Weiter heißt es: »Der Metzgerssohn, der heute noch das Mettbrötchen mit Zwiebeln, Gurkenscheibe dazu, ganz hinten in seiner Stammkneipe schätzt (…).»
Hierzu stelle ich fest, dass ich nie Mettbrötchen mit Gurkenscheiben dazu esse und auch keine Stammkneipe habe. (…)
20. In der Bildunterzeile des Fotos auf S. 166, das ein Mettbrötchen zeigt, heißt es: »Sein Brötchen – in der Kölschkneipe«.
Hierzu stelle ich fest, dass es sich nicht um mein Mettbrötchen handelt.

Der »Focus« empfiehlt unter anderem diese Punkte seinen Lesern, »die sich ein eigenes Bild [mutmaßlich über den Wahrheitsgehalt der Gegendarstellung] machen möchten«. Wie heuchlerisch.
Natürlich ist es lächerlich, ein solches Quatschdetail zu korrigieren. Aber noch lächerlicher ist es doch, ein solches Quatschdetail überhaupt erst für berichtenswert zu halten. Und am allerlächerlichsten, das erste für lächerlich zu halten und das zweite nicht und sich über den mangelnden »Informationsgehalt« der Gegendarstellung lustig zu machen.
»Den Wahrheitsgehalt der Gegendarstellung wollen wir nicht kommentieren«, schreibt »Focus«. Schade, denn bei einigen durchaus relevanten Punkten liegt die Illustrierte falsch. Zum Beispiel, wenn sie den Eindruck erweckt, Raab verdiene auch noch an Oliver Pocher und Mario Barth mit — die beide längst bei anderen Unternehmen unter Vertrag sind. Auch von regelmäßigen Strafen, die Pro Sieben laut »Focus« für Schleichwerbung in Raab-Sendungen zahlen musste, ist nichts bekannt.
»Focus« hat die Gegendarstellung einfach gedruckt, nachdem das Magazin von Raabs Anwalt dazu aufgefordert wurde — die Redaktion verzichtete auf die übliche juristische Gegenwehr. Natürlich ist es einerseits ganz schön, dass es, wie es aussieht, keine juristische Auseinandersetzung um den Artikel geben wird, bei der dann womöglich auch Fragen zu klären wären wie die, ob Raabs Haus von einer Hecke oder von Bäumen umgeben ist und womöglich der Gärtner als Zeuge geladen würde. Andererseits ist es auch sensationell billig, sich als Medium einfach achselzuckend hinzustellen und zu suggerieren, dass es ja auch nicht darauf ankommt, was nun die Wahrheit ist.
— 15. November 2010, 16:50 — 151 Kommentare
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Olaf Wilke ist Redakteur beim »Focus«. Das ist kein Job, um den ihn viele beneiden werden. Aber einer muss ihn ja machen, und Wilke ist immerhin »Redakteur für besondere Aufgaben« im Berliner Korrespondentenbüro der Illustrierten.
Joachim Baier ist Korrespondent der Nachrichtenagentur dpa in Darmstadt. Er hat keinen schillernden Titel und vermutlich hat er auch noch keine Aufmachergeschichte über den anscheinend zukünftigen Bundeskanzler Karl-Theodor zu Guttenberg geschrieben. Baier schreibt Meldungen wie die, dass ein Mann in Grasellenbach-Wahlen seinen Nachbarn mit einer Motorsäge angegriffen und schwer verletzt hat. Aber er berichtet auch bundesweit über den Prozess gegen die Sängerin Nadja Benaissa, der in Darmstadt stattgefunden hat.
In dieser Woche hat Olaf Wilke einen Artikel über Joachim Baier geschrieben. Er hat ihm eine tragende Nebenrolle in einem Stück über den Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin gegeben. Der »Focus«-Redakteur nennt den dpa-Mann einen »Lokalredakteur«, und vermutlich ist das geringschätzig gemeint. In der süffisanten Schilderung von Wilke ist Baier ein kleiner Schreiberling vom Land, der sonst »acht Zeilen für die bunte Seite« produziert, und als Sarrazin sich am 10. Juni zu einem Vortrag im »Alten Schalthaus« einfand — einem »drögen Pädagogentreff in der Provinz«, wie Wilke schreibt — die Chance witterte, mal richtig Schlagzeilen zu machen.
Die großen Schlagzeilen sollte er bekommen. Baier meldete am Abend des 10. Juni, dass Sarrazin bei den Arbeitskreisen Schule-Wirtschaft der Unternehmerverbände Südhessen gesagt habe: »Wir werden auf natürlichem Wege durchschnittlich dümmer.«
Zuwanderer »aus der Türkei, dem Nahen und Mittleren Osten und Afrika« wiesen weniger Bildung auf als Migranten aus anderen Ländern, dozierte der Bundesbank-Vorstand aus Berlin und bemühte dazu umfangreiche Zahlen.
Einwanderer bekämen auch mehr Kinder als Deutsche. Es gebe »eine unterschiedliche Vermehrung von Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlicher Intelligenz«, sagte Sarrazin. Intelligenz werde von Eltern an Kinder weitergegeben, der Erbanteil liege bei fast 80 Prozent.«
Der »Focus«-Redakteur bezweifelt, dass Sarrazin das so gesagt hat. Er suggeriert, dass der »Lokalreporter« sich das ausgedacht hat. Sein Artikel beginnt mit dem Satz: »Manche Tage starten gemächlich und geben unversehens Gas, sodass man Gefahr läuft, aus der Kurve zu fliegen.« Das bezieht sich auf den 10. Juni und Joachim Baier. Später schreibt Wilke:
Es gibt Momente, da werden Lokalreporter zu Helden. Wenn sie eine Exklusivnachricht erbeuten, die zur Spitzenmeldung wird. Wenn sie den Chefs im fernen Berlin zeigen, dass ein Darmstädter Außenposten mehr kann als läppische Berichte über durchgeknallte Sensemänner. In solchen Momenten wäre es fast schade, wenn ein Knurrhahn wie Sarrazin nur einen zahlengespickten Langweilervortrag ablieferte. Baier ist der einzige Journalist im Saal.
Zwischen den letzten beiden, scheinbar harmlosen Sätzen steht unsichtbar, aber unmissverständlich der Vorwurf, der »Lokalredakteur« Baier habe die Gelegenheit genutzte, sich einen bundesweiten Skandal zurechtzuschnitzen. Der »Focus« schreibt, Sarrazin habe in einem Brief an »ausgewählte Zeitungsredaktionen« beteuert, die dpa-Meldung sei falsch.
Die Nachrichtenagentur dpa weist das auf meine Anfrage zurück und hält nachdrücklich an ihrer Darstellung fest: Sarrazin sei korrekt zitiert worden.
Der »Focus« bietet als Zeugen dagegen Reinhold Stämmler auf, den Gastgeber der Veranstaltung, der sich nicht an ausländerfeindliche Sprüche von Sarrazin erinnern könne, im Gegenteil: Der Bundesbank-Chef habe sich »ausdrücklich wertschätzend über fremde Kulturkreise geäußert«, zitiert der »Focus« Stämmler.
(Das klingt ein bisschen wie die Beteuerung, nichts gegen Ausländer zu haben, die man doch eher selten von Leuten hört, die tatsächlich nichts gegen Ausländer haben, mal ganz abgesehen davon, dass Sarrazin ganz dezidiert etwas gegen den Islam hat, aber wer weiß, über welche »fremden Kulturkreise« er sich wertschätzend äußerte, wenn überhaupt.)
Doch »Focus«-Redakteur Wilke geht es mit seinem Artikel in der Illustrierten nicht darum, vor den Gefahren zu warnen, die drohen, wenn kleine Lokaljournalisten über Dinge schreiben, die besser großen »Focus«-Journalisten überlassen blieben. Ihm geht es um die »Medienkultur in unserem Land«, um »politische Korrektheit« und um die »Medienmühle«, in die Thilo Sarrazin geraten sei, weshalb er nun als »Volksverhetzer« dastehe.
Zu schreiben, Wilke schätze Sarrazin und seine Ansichten, wäre eine Untertreibung. Der Journalist nennt den Politiker in seinem Artikel in dieser Woche einen Mann »mit Hang zur Provokation, der irrtümlich annimmt, dass seine messerscharfen Argumente allein deshalb jeden Gegner überzeugen, weil sie stimmen«. Wilke hält sich nicht damit auf, das angebliche Zutreffen Sarrazins steiler Thesen in irgendeiner Weise zu belegen, und er stellt nicht die Frage, ob das Problem, das viele Menschen mit seinen Thesen haben, mit der verletzenden, spaltenden Rhetorik zusammenhängen könnte, mit der er sie vorträgt. Wilke stellt fest: Was Sarrazin sagt, stimmt. Wer anderer Meinung ist, muss Unrecht haben.
Schon 2005 beschrieb Wilke Sarrazin im »Focus« als »Berlins kantiger Finanzsenator mit dem Hang zur unbequemen Wahrheit«. 2008 nannte er ihn »Genosse Tacheles« und sprach von Sarrazins »Wahrheitsdrang«. Ein Portrait Sarrazins von ihm aus dem April 2010 trug einfach die Überschrift »Der Recht-Haber«.
Dagegen ist selbst die Methode der »Bild«-Zeitung subtil, Sarrazin Recht zu geben. Sie verbrämt seine Rhetorik als »Klartext« und nennt ihn den »Klartext-Politiker«. Wer dem SPD-Mann öffentlich widerspricht, so ist das wohl zu verstehen, traut sich bloß nicht, die Wahrheit zu sagen. (Der Dienstwahnsinnige Franz Josef Wagner schreibt Sarrazin heute: »Ihr Frevel ist, dass Sie die Wahrheit nicht sanft schreiben.«)
Die »Bild«-Zeitung veröffentlicht in diesen Tagen längere Auszüge aus Sarrazins am Montag erscheinendem Buch »Deutschland schafft sich ab«. Sie tragen Schlagzeilen wie: »Bei keiner anderen Religion ist der Übergang zu Gewalt und Terrorismus so fließend« (gemeint ist der Islam), »Wir werden Fremde im eigenen Land!«, »Deutschland wird immer ärmer und dümmer!« Auch das andere deutsche Leitmedium, der »Spiegel«, wirbt für Sarrazins Buch mit einem Vorabdruck. Eine mächtigere Kombination von Medienpartnern ist kaum denkbar.
Doch für den »Focus«-Mann Wilke ist Sarrazin ein Opfer der Medien. Sein Artikel trägt die Überschrift »Die verlorene Ehre des Thilo S.« — eine Anspielung auf Heinrich Bölls Roman über eine Frau, die mit »Bild«-Zeitungs-Methoden zugrunde gerichtet wird. Vielleicht kennt man beim »Focus« den Inhalt des Buches nicht, vermutlich will Wilke die Rolle Thilo Sarrazins allen Ernstes mit der der Katharina Blum gleichsetzen.
Denn auch Sarrazin werde gejagt, von »Meinungswächtern, die Andersdenkende mit dem politischen Strafrecht würgen«. Wilke meint die Menschen, die aufgrund der dpa-Berichterstattung Sarrazin wegen Volksverhetzung angezeigt haben. Wilke schreibt über sie:
Kein Absender einer Strafanzeige war am 10. Juni in Darmstadt selbst dabei. Jeder von ihnen beruft sich auf die dpa-Meldung oder darauf basierende Medienberichte. Die Anzeigeerstatter empören sich gewissermaßen aus zweiter Hand.
Man kann selbstverständlich darüber streiten, ob und in welchen Fällen eine solche Anzeige eine angemessene Reaktion auf eine Meinungsäußerung ist. Aber ich möchte mir keine Welt vorstellen, in der sich Menschen nur über Unrecht empören, das sie unmittelbar selbst erlebt haben.
Wilke stellt die Menschen, die Sarrazin angezeigt haben, als Querulanten dar. Namentlich erwähnt wird unter anderem Klaus-Henning Bähr, ein Beamter aus Oldenburg. Bähr hatte das Zitat Sarrazins bei »Zeit Online« gelesen und dort kommentiert:
(Es geht hier) um die Frage, ob es hingenommen werden kann, wenn Sarrazin gegen ethnische Minderheiten mit Argumenten polemisiert, die durchaus in das Konzept nationalsozialistischer Rassenhygiene passen. (…) Was ist aus diesem Geschwurbel anderes herauszulesen als die Behauptung, die fraglichen Migranten seien vergleichsweise geistig minderbemittelt, vererben diesen Mangel an ihren vergleichsweise zahlreichen Nachwuchs, der wegen des genetisch bedingten Mangels an Möglichkeiten, diesem »Nachteil« durch Bildung abzuhelfen, für den statistischen Zuwachs an Dummheit« verantwortlich ist. (…) Dieser Mann ist eine wandelnde Zeitbombe für unseren inneren Frieden, den man vermutlich nur noch nicht aus dem Verkehr gezogen hat, weil man sich scheute, ihm zum Märtyrer seiner rechtsradikalen Bewunderer zu machen. Der Preis dafür ist hoch: Er schadet dem Ansehen unseres Landes, dem er als Beamter gesetzestreu zu dienen verpflichtet wäre (…).
Sarrazin hält es nicht für nötig, darauf zu antworten. Der »Focus« schreibt, seine »Streitlust scheint erlahmt« und zitiert ihn mit den Worten, er wolle den Absendern der Strafsanzeigen nicht durch eine Stellungnahme »zu viel Ehre« erweisen.
Sarrazin, wir erinnern uns, der Mann, der laut »Focus« »irrtümlich annimmt, dass seine messerscharfen Argumente allein deshalb jeden Gegner überzeugen, weil sie stimmen«.
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