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Stefan Niggemeier | Focus

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Bei Helmut Markworts Ehre

23 Nov 09
23. November 2009

Wenn ich es richtig verstehe, geht es Helmut Markwort bei seinem juristischen Kampf gegen ein Zitat von Roger Willemsen um zweierlei: seine journalistische Ehre. Und die Wahrheit. Ich fürchte, beide Kämpfe sind hoffnungslos.

Fangen wir mit der Wahrheit an und schauen, wie der Mediendienst „Meedia“ über den Fall berichtet. „Meedia“ hat sich darauf spezialisiert, Meldungen aus fremden Quellen abzuschreiben, ist aber leider nicht gut darin, Meldungen richtig aus fremden Quellen abzuschreiben. Als Markwort am vergangenen Dienstag vor dem Bundesgerichtshof unterlag, schrieb „Meedia“:

Es ging um ein Gespräch, das Markwort Anfang der 90er-Jahre mit dem Schriftsteller Ernst Jünger geführt hatte und vom [sic!] dem Willemsen nun behauptete: „Das ‚Focus‘-Interview, das Markwort mit Ernst Jünger geführt haben will, war schon zwei Jahre zuvor in der ‚Bunten‘ erschienen.“

Und als Markwort am nächsten Tag bekannt gab, dass er prüfen wolle, ob er gegen das Urteil vors Bundesverfassungsgericht ziehen wolle, schrieb „Meedia“:

Es ging um ein Gespräch, das Markwort Anfang der 90er-Jahre mit dem Schriftsteller Ernst Jünger geführt hatte und vom [wiederum sic!] dem Willemsen nun behauptete: „Das ‚Focus‘-Interview, das Markwort mit Ernst Jünger geführt haben will, war schon zwei Jahre zuvor in der ‚Bunten‘ erschienen.“

Nur hat Markwort gar kein Interview mit Ernst Jünger geführt und dies auch nicht behauptet. Genau das ist der erschütternd banale sachliche Kern des jahrelangen Rechtsstreits. Willemsens Aussage ist falsch, weil das Interview nicht Markwort, sondern Axel Thorer geführt hat. Ist es nicht eine schöne Ironie, dass „Meedia“ diesen Fehler jetzt wiederholt? (Die Kommentare liest dort übrigens auch niemand.)

Markwort beharrt außerdem darauf, dass die Interviews in „Bunte“ und „Focus“ nicht identisch gewesen seien. Das ist aber eine bloße Nebelkerze. Tatsache ist, dass der „Focus“ nicht nur viele alte Zitate wiederholte, sondern an mehreren Stellen den falschen Eindruck erweckte, das zweieinhalb Jahre alte Interview sei aktuell entstanden. Der „Spiegel“ berichtete damals über seinen neuen Möchtegernkonkurrenten:

Nun streiten sich Thorer und Focus-Chef Markwort, „wer wen über den Tisch gezogen hat“ (Markwort). Thorer sagt, das Magazin habe das alte Interview ohne sein Zutun neu verpackt. Markwort spielt den Geleimten: Thorer habe das vergilbte Stück als frische Ware verkauft.

Handelt es sich um dasselbe Interview, wie Willemsen behauptet? Entscheiden Sie anhand einiger Ausschnitte selbst:

„Bunte“, 14.03.1991 „Focus“, 13.09.1993
Kam die Wiedervereinigung zu schnell — und ist sie zu teuer?

Wenn dein Bruder vor der Tür steht, lässt du ihn rein und fragst nicht, was er dich kosten wird.

Kam die Wiedervereinigung zu schnell, wurde sie zu teuer? Jünger schüttelt sein Cäsarenhaupt: „Ich war beglückt über die Wiedervereinigung, ich hatte sie nicht erwartet. Selbstverständlich gibt es Schwierigkeiten. Aber wenn ein Bruder vor der Tür steht, laß ich ihn erst einmal rein und seh‘ dann, wie ich zurechtkomme.“
Ist die Angst des Auslands vor einem neuen Großdeutschland berechtigt?

Ich glaube nicht. Wir haben genug vom Nationalismus! Das neue Deutschland ist ja nur ein beschränktes Deutschland, ohne Schlesien, Pommern. Die DDR — das sind 16 Millionen Deutsche, die zu 60 Millionen hinzukommen: eine bessere Provinz.

Aber da ist die Angst des Auslandes vor einem neuen Großdeutschland.

Jünger: „Ich glaube nicht. Wir haben genug vom Nationalismus! Das neue Deutschland ist ja auch nur ein beschränktes Deutschland, ohne Schlesien, Pommern. 17 Millionen Deutsche sind zu 60 Millionen hinzugekommen. Eine bessere Provinz.“

Hat der gefährlichste Moment Ihres Lebens mit Hitler zu tun?

Ja. Es war der Tag, an dem Hitler mich treffen wollte. Durch ein Wunder hinderte ihn eine Änderung des Reiseplans in letzter Minute daran. Stellen Sie sich vor: Fotos, die um die ganze Welt gegangen wären! Eine einzigartige Gelegenheit für gewisse Leute, meinen Ruf nach dem Krieg noch ein wenig mehr zugrunde zu richten.

Kurz zuvor kam es zum „gefährlichsten Moment seines Lebens“. Es war der Tag, an dem Hitler sich bei ihm zu Hause angesagt hatte.

Jünger: „Wenn der Sie sehen wollte, konnten Sie einfach nichts machen. Aber durch ein Wunder hinderte ihn eine Änderung des Reiseplans in letzter Minute daran. Stellen Sie sich die Fotos vor, die um die Welt gegangen wären! Eine einzigartige Gelegenheit für gewisse Leute, meinen Ruf nach dem Krieg noch ein wenig mehr zugrunde zu richten.“

Nazi waren Sie jedoch nie. Warum nicht?

Das war für mich eine Frage des Geschmacks, des Stils. Hitler war eine minderwertige Persönlichkeit, gegen die ich von Anfang an Mißtrauen und Abneigung empfand. Die Brutalität, Vulgarität und Ignoranz der Parteiführung war augenfällig. Hitler war ein historischer Ladenhüter. Der Angriff auf die Juden sein Kardinalfehler. Die Zukunft, der Weltstaat, wird keine Rassen mehr kennen.

Wieso diese Distanz zu Hitler? frage ich.

Jünger: „Das war für mich eine Frage des Geschmacks und des Stils. Hitler war eine minderwertige Persönlichkeit, gegen die ich von Anfang an Mißtrauen und Abneigung empfand. Die Brutalität, Vulgarität und Ignoranz waren augenfällig. Hitler war historisch ein Ladenhüter. Der Angriff auf die Juden sein Kardinalfehler. Die Zukunft, der Weltstaat, wird keine Rassen mehr kennen.“

Wer waren die größten Persönlichkeiten, die Sie in Ihrem Leben getroffen haben?

Ich bin nur zwei Menschen begegnet, die einen magischen Eindruck auf mich gemacht haben — dem Maler Pablo Picasso und dem Philosophen Martin Heidegger. Da spielte sich wirklich etwas ab.

Gab es in seinem langen Leben Menschen, die ihn nachhaltig beeindruckt haben?

Jünger: „Nur zwei. Der Maler Pablo Picasso und der Philosoph Martin Heidegger. Da spielte sich etwas ab.“

Worauf sind Sie stolz?

Dass ich in den Handbüchern der Entomologie neun Schmetterlinge und Käfer gesehen habe, die meinen Namen tragen.

Und worauf ist er stolz?

„Auf die Insekten, die meinen Namen tragen. Nicht auf die Bücher.“

Man ahnt: Es ist weniger Willemsens ungenaue Darstellung als die Episode selbst, die an Markworts gutem journalistischem Ruf kratzt (von dessen Existenz wir jetzt einfach mal hypothetisch ausgehen). Insofern ist es erstaunlich, dass Markwort glaubte, dass es eine gute Idee wäre, ausgerechnet an diesem Fall ein Exempel zu statuieren — und nicht gegen Willemsen, sondern die „Saarbrücker Zeitung“ vorzugehen, weil die unter der Überschrift „Heute wird offen gelogen“ ein Interview mit Willemsen veröffentlicht hatte, in dem der halbfalsche Satz Willemsens stand.

Und die Jünger-Geschichte war, wie man so schön sagt, kein Einzelfall. Im Juli 1994 veröffentlichte die Illustrierte ein „Focus-Interview“, das vier Mitarbeiter der Zeitschrift „L’Express“ vor dem französischen Nationalfeiertag mit dem damaligen Staatspräsidenten François Mitterrand geführt hatten, tat aber so, als hätte es erst danach stattgefunden. Das Staatspräsidium bezeichnete die Verfälschungen als „absolut unzulässig“. Und 1995 musste der „Focus“ einräumen, dass ein Interview mit der bangladeschischen Schriftstellerin Taslima Nasrin gar nicht stattgefunden hatte — Markwort erklärte damals, er und seine Redaktion seien von einem freien Mitarbeiter „hereingelegt“ worden.

Ja, das alles ist lange her. Und vielleicht sollte man über die Ehre Helmut Markworts doch eher auf der Grundlage neuerer Befunde urteilen. Es bietet sich unter anderem diese Geschichte an, bei der sich ein interessanter Kontrast zeigt zwischen der Bereitschaft, andere zu diffamieren, und der fehlenden Bereitschaft, kritische Berichte darüber hinzunehmen.

Oder natürlich die aktuelle Berichterstattung im „Focus“ über die angebliche Affäre zwischen Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht. Der „Spiegel“ hatte seinen Bericht darüber ja mit dem Hinweis begründet, dass das Private politische Folgen habe. Der „Focus“ veröffentlicht heute genaue Details, wann und unter welchen Umständen sich die beiden Linken-Politiker angeblich vor zwei Jahren in Lafontaines Wohnung getroffen haben. Journalistisch scheingerechtfertigt wird die Enthüllung dieser privaten Details mit der Nachricht, dass beide bespitzelt worden seien.

Das ist der Gipfel der Heuchelei: Man berichtet darüber, dass Lafontaine bespitzelt wurde, spricht von einem „neuen Wirbel um Oskar Lafontaine“, den man selbst erst produziert, und legitimiert so die Veröffentlichung der angeblichen Ergebnisse der Spitzelei.

Aber damit der klagefreudige Herr Markwort nicht wieder seinen Anwalt losschicken muss, um seine Ehre zu verteidigen, stelle ich sicherheitshalber klar: Der verlogene „Focus“-Artikel stammt nicht von ihm, sondern von „Focus“-Korrespondent Armin Fuhrer. Markwort ist für ihn nur verantwortlich.

„Focus“-Redakteure zu kaufen

28 Okt 09
28. Oktober 2009

Im Sommer machte ein Brief Furore, den Hans-Dieter Wichter, der Pressesprecher der nordrhein-westfälischen Landesregierung, an „Focus“-Chefredakteur Helmut Markwort geschickt hatte. Er beklagte sich darin, dass ein NRW-Sonderteil im „Focus“, den die Landesregierung durch Werbung unterstützt hatte, auch einen kritischen Bericht über die Zeitungsgruppe WAZ enthielt.

Der Brief [pdf] warf Fragen auf nach der Intelligenz des Regierungssprechers und seinem Verständnis von Pressefreiheit, aber auch, wie er überhaupt darauf kam, dass man sich beim „Focus“ die gewünschte Berichterstattung durch Anzeigen erkaufen könne, was ja eine völlig aberwitzige Idee ist.

Und damit zu einem ganz anderen Thema.

Der aktuelle „Focus“ enthält ein 28-seitiges „Focus-Spezial“ über digitale „Innovationen, die unseren Alltag wirklich erleichtern“:

Es handelt sich nicht um eine Werbebroschüre oder eine Anzeigensonderveröffentlichung: Das Impressum weist die „Focus“-Chefredakteure Helmut Markwort und Uli Baur als Chefredakteure auch dieses „Spezials“ aus, verantwortlich für „Konzept & Redaktion“ ist der langjährige „Focus“-Wirtschaftsredakteur Michael Franke, die Autoren sind „Focus“-Mitarbeiter.

Auf dem Titel steht allerdings der Hinweis:

Das ist eine grandiose Untertreibung. Das gesamte Heft ist eine einzige Werbeveranstaltung für Microsoft. Mit einem Interview mit Microsoft-Deutschland-Chef Achim Berg, den die „Focus“-Redakteure als „Marathon Mann“ und „unermüdlichen Kämpfer“ preisen und ihm „Freude an der Arbeit“ und „Gute Ausdauer“ attestieren:

Mit einer ausführlichen Würdigung des tollen neuen Betriebssystems „Windows 7“, die so verpackt ist:

Und einer doppelseitigen Vorstellung der tollen neuen Funktionen von Microsoft Office:

Die Aufmachergeschichte ist angeblich eine Reportage über eine „total vernetzte Familie“, die „man“ „plötzlich mit Super-Handys, Laptops und einem Großbild-Fernseher“ ausgestattet hat. „Man“?

Vor vier Wochen wurden sie von dem Software-Giganten Microsoft mit einer ganzen Ladung High Tech ausgerüstet: zwei Smartphones mit aktueller Software Windows Mobile 6.5 (s. S. 7), zwei Laptops mit dem neuen Betriebssystem Windows 7 sowie ein Flachbildschirm-TV, mit dem man nicht nur normal Fernsehen schauen kann, sondern sich abends beim Familientreff auch Fotosl, Filme oder Musik vom Laptop auf die MAttscheibe und Boxen bringen lässt (…).

Marlon, 12, ist indes sofort fasziniert. Er sitzt gern am Computer und durchforstet die digitale Welt. Gerade untersucht er Windows 7 ganz genau — an dem neuen großen Laptop mit dem drehbaren Bildschirm — und findet es gut, dass sich die Internet-Seiten viel schneller öffnen als früher: „Ich kannte die Vorgänger-Software Vista, aber die war irgendwie langsamer“, meint er (www.windows7.de).

In der Rubrik „Neue Ideen aus dem Web“ stellen die „Focus“-Leute ausschließlich Angebote des Microsoft-Portals MSN vor.

Unter der Überschrift „Sicher surfen im Netz“ halten sich die „Focus“-Leute nur einen Satz lang mit den Virenscannern auf, die man verwenden sollte, ganz gleich, welchen Browser man benutzt („ob Firefox, Safari oder den neuen Internet Explorer 8“) — um sich dann den ganzen Rest des eineinhalb Seiten langen Artikels mit den tollen neuen Sicherheitseinstellungen des Internet Explorer und des Microsoft-eigenen tollen Viren-Scanners zu beschäftigen.

Und die Xbox 360 von Microsoft ist „von einer Gamer-Box zur Multimedia-Zentrale für die ganze Familie“ geworden, weiß „Focus“, berichtet ausführlich und verlässt sich auf die zuverlässigen Einschätzungen von Microsoft-Leuten.

Produkte der Konkurrenz, seien es Google, Nintendo oder Apple, kommen in diesem Heft, das laut „Focus“ „Antworten“ auf die Frage nach der klugen Vernetzung von Handy, Laptop und PC geben soll, praktisch nur vor, um darauf zu verweisen, dass Microsoft jetzt mindestens genau so gut sei.

An keiner Stelle steht in dieser „Focus-Spezial“ ein Wort wie „Anzeige“, „Werbung“ oder „Promotion“.

„Focus“-Redakteure kann man kaufen. Und Microsoft hat’s getan.

[mit Dank an René!]

Helmut Markwort, Faktenschwänzer

09 Sep 09
9. September 2009

„Focus“-Chefredakteur Helmut Markwort hat ein erstaunlich flexibles Verhältnis zur Wahrheit und der Notwendigkeit, ihr zu ihrem Recht zu verhelfen.

Aber der Reihe nach.

Am 20. April berichtete der Hamburger „Focus“-Korrespondent Hubert Gude, dass die Landesschulbehörde Lüneburg ein Verfahren gegen den Geschichtslehrer Eberhard Brandt eingeleitet habe. Brandt ist Chef der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Niedersachsen und ein prominenter Kritiker der dortigen Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann (CDU). „Focus“ schrieb, Brandt habe „offenbar jahrelang den Unterricht an seiner Wolfsburger Schule geschwänzt“ und nannte als Quelle „interne Unterlagen der Landesschulbehörde (…), die FOCUS vorliegen“.

In der Überschrift machte die Illustrierte sich die Vorwürfe vollständig zu eigen:

Eine Woche später legte der „Focus“ nach. In einem längeren Artikel warf Gude dem GEW-Mann detailliert jahrelange Fehlzeiten vor und stellte ihn als dreisten Lügner dar, weil er den „Focus“-Vorwürfen zunächst widersprochen hatte. Der Titel:

Unerklärt ließ der „Focus“ dabei, wie er am Montag der Vorwoche berichten konnte, dass bereits ein Disziplinarverfahren gegen Brandt laufe, obwohl dieses Verfahren erst am Dienstag eröffnet wurde (was vielleicht auch erklärt, warum Brandt der „Focus“-Darstellung zunächst so heftig widersprochen hatte).

Das alles war im April. Der „Focus“ hat seitdem nicht mehr über den Fall berichtet.

Was erstaunlich ist, denn es hat sich seitdem einiges getan. Aus dem Fall Brandt ist nämlich in der Zwischenzeit ein Fall Heister-Neumann geworden.

Die „taz“ berichtete am 19. August, dass die SPD „neue Anhaltspunkte“ dafür sehe, dass das Disziplinarverfahren gegen Brandt „politisch motiviert war“. Die SPD fordert deshalb den Rücktritt der Kultusministerin.

Der „Spiegel“ meldete am 24. August:

Vertrauliche Unterlagen legen den Verdacht nahe, dass [die Kultusministerin] ihre Landesschulbehörde angewiesen hat, gegen den schärfsten Kritiker ihrer Schulpolitik, den Gewerkschaftsfunktionär Eberhard Brandt, ein Disziplinarverfahren einzuleiten. Und das, obwohl die Behörde zuvor bereits festgestellt hatte, dass für diesen Schritt keinerlei Veranlassung bestehe.

Die „Süddeutsche“ schrieb einen Tag später:

[…] vier Monate später besteht nun der Verdacht, dass die Geschichte [im „Focus“] nicht nur wie bestellt aussah, sondern tatsächlich bestellt war.

Letzten Mittwoch bereitete die „taz“ den ganzen Fall noch einmal ausführlich auf und begann ihren Artikel so:

Am 20. April 2009 vermeldete Focus, gegen den Vorsitzenden der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Niedersachsens sei ein Disziplinarverfahren eingeleitet worden. Grund: Eberhard Brandt wäre als Studienrat seinen Unterrichtsverpflichtungen nicht nachgekommen. Zum Beweis wurden wörtliche Zitate aus einem internen Vermerk der Landesschulbehörde präsentiert. Wie man heute weiß, stimmte an dem Bericht des Nachrichtenmagazins („Fakten, Fakten, Fakten“) so gut wie nichts. Brandt ist inzwischen rehabilitiert.

Das aber nun fand der „Focus“-Chefredakteur — und damit sind wir endlich wieder bei Helmut Markwort — unerhört und forderte die „taz“ über seine Anwälte auf, die Verbreitung solcher Unwahrheiten zu unterlassen (weshalb der Artikel online inzwischen geändert ist).

Außerdem ließ er Burdas Hauskanzlei noch am selben Tag eine Gegendarstellung aufsetzen, die am Freitag in der „taz“ erschien und in der Markwort bündig feststellt:

Sämtliche in Bezug auf Eberhard Brandt von „Focus“ in der Meldung vom 20.04.2009 veröffentlichten Fakten geben den Stand der seinerzeitigen Aktenlage der Landesschulbehörde wieder.

Wohlgemerkt: Markwort behauptet nicht, dass die Fakten in dem „Focus“-Artikel stimmen. Er behauptet nur, dass der „Focus“ korrekt wiedergegeben habe, was in den Akten stand. (Dass der „Focus“ über die Vorwürfe keineswegs nur distanziert berichtet, sondern sie sich in den Überschriften zu eigen gemacht hat, erwähnt Markwort natürlich nicht, obwohl ihm solche journalistischen Distanzierungen sonst ganz besonders am Herzen liegen.)

Noch einmal: Der „Focus“ hat seit dem „Er schwänzt weiter“-Artikel vom April nie wieder über den Fall berichtet. Die Illustrierte sah keine Veranlassung, ihre Leser darüber zu informieren, dass die Vorwürfe von damals, die mitsamt der „Schwänzer“-Formulierung von Medien wie „Bild“ und „Hamburger Morgenpost“ weiter verbreitet wurden, inzwischen in einem ganz anderen Licht erscheinen, und man möglicherweise Teil eines gezielten Rufmord-Versuches war. Für „Focus“-Leser ist der GEW-Mann nach wie vor ein dreist die Unwahrheit sagender Schulschwänzer.

Das ist also das Verhältnis von Helmut Markwort zur Wahrheit und der Notwendigkeit, ihr zu ihrem Recht zu verhelfen. Wenn es Entwicklungen gibt, die einen von „Focus“ möglicherweise verleumdeten Mann rehabilitieren, ist das kein Anlass für ihn, darüber zu berichten. Aber wenn jemand behauptet, dass seine Illustrierte so gut wie nichts richtig gemacht habe, obwohl sie doch richtig abgeschrieben hat, wenn auch möglicherweise Falsches — dann schickt er seine Anwälte los. Das wäre ja auch schlimm, wenn eine solche Verleumdung unwidersprochen in der Welt bliebe.

Was für ein erbärmliches journalistisches Selbstverständnis.

Super-Symbolfotos (73)

08 Sep 09
8. September 2009

[via Twipsy in den Kommentaren]

Niemandem Rechenschaft schuldig

27 Mrz 09
27. März 2009

Ich würde nie behaupten, dass Thomas Osterkorn und Andreas Petzold, die Chefredakteure des „Stern“, zynische Arschlöcher seien. Aber nett wie ich bin, wollte ich ihnen die Bezeichnung zumindest mal zur Selbsterkenntnis angeboten haben.

Der „Stern“ gehört zu den Medien, die der Überzeugung waren, dass das Leiden für die Angehörigen der Opfer von Winnenden noch nicht groß genug war. Die Illustrierte half, ihr Leben noch ein bisschen unerträglicher zu machen, indem sie die Mädchen groß im Bild zeigte — mit Fotos, die offenbar jemand einfach aus ihren Profilen in verschiedenen sozialen Netzwerken entwendet hatte.

Das ARD-Magazin „Panorama“ fragte beim „Stern“ nach, woher die gezeigten Bilder stammen, ob die Angehörigen ihrer Veröffentlichung zugestimmt haben und wenn nein, warum man sie trotzdem zeigte. Der „Stern“ antwortete:

„Zu Redaktions-Interna erteilen wir keine Auskunft.“

Der vom ebenso ehrenwerten Helmut Markwort geleitete „Focus“ hatte — genau wie die „Bild am Sonntag“ — die Idee, dass es noch lukrativer wäre, die aus SchülerVZ oder kwick.de stammenden Porträts der Opfer gleich verkaufsfördernd auf die Titelseite zu packen. Auf die Fragen von „Panorama“ nach der Herkunft der Bilder und der Zustimmung der Angehörigen antwortete der „Focus“ nicht.

Auch RTL zeigte u.a. ein Opfer groß im Bild, Quellenangabe: „SchülerVZ“. Chefredakteur Peter Kloeppel gilt unbegreiflicherweise immer noch als Guter Journalist des Privatfernsehens, aber der Sender erklärte gegenüber „Panorama“, dass man die Fragen des Magazins nicht beantworten wolle.

Vor vier Wochen bediente sich das Hamburger “Abendblatt” im Internet, um einen Bericht über einen Mann, der sich und seine Familie getötet hatte, schön mit Familienfotos illustrieren zu können. Autor Florian Büh, der als Fotograf angegeben war, wollte auf Nachfrage von Onlinejournalismus.de keine Auskunft geben und verwies an “Abendblatt”-Chefredakteur Claus Strunz. Der antwortete „trotz mehrmaliger Nachfragen“ gar nicht.

Thomas Schmid, Chefredakteur der „Welt am Sonntag“, ließ einen Artikel über Winnenden mit einem Foto illustrieren, das scheinbar den Amokläufer zeigte, in Wahrheit aber einen Jungen bei der Opferfeier. Nachfragen des „Medium Magazins“ ließ Schmid unbeantwortet; in der nächsten Ausgabe der Zeitung fehlte jeder Hinweis auf den Fehler, jede Entschuldigung, jede Erklärung.

Vermutlich sind all die wichtigen Chefredakteure einfach zu beschäftigt, sich über elementare journalistische Grundsätze und antiquierte Vorstellungen von Anstand und Ethik hinwegzusetzen, als dass sie auch noch lästige Fragen dazu beantworten könnten.

Vergleichsweise vorbildlich ist da schon die „Bild“-Zeitung, die ihren Sprecher Tobias Fröhlich immerhin ein Statement abgeben ließ, das man auf den ersten Blick mit Antworten auf die gestellten Fragen verwechseln könnte. Fröhlich erlaubte sich gegenüber „Panorama“ den Witz, auf die Frage…

„Bilder von Toten dürfen — wenn nicht ein herausragendes öffentlichen Interesse besteht oder sie Personen der Zeitgeschichte sind — nur mit Genehmigung der Angehörigen veröffentlicht werden. Warum setzt sich BILD immer wieder darüber hinweg?“

…zu antworten:

„(…) entgegen Ihrer Annahme dürfen Fotos von Opfern auch ohne Genehmigung gezeigt werden, sofern es sich um Bildnisse im Zusammenhang mit wichtigen zeitgeschichtlichen Ereignissen handelt.“

Weiter scherzte er:

„Der Redaktion fällt eine solche Entscheidung nicht leicht (…).

(Man darf von seiner Antwort [pdf] aber nicht, wie ich es gerade getan habe, nur einzelne Sätze zitieren. Die „Bild“-Leute kennen schließlich ihre Rechte.)

Ich bin sicher, all die oben genannten Herren schlafen gut und halten (mit Ausnahme von Fröhlich natürlich) auf Anfrage auch gerne wohlklingende Vorträge darüber, wie wichtig es ist, dass Journalismus nicht von irgendwelchen skrupellosen Amateuren betrieben wird, sondern von Menschen, die sich ihrer Verantwortung bewusst sind, also von ihnen selbst. Redaktions-Interna bleiben von solchen ethischen Erwägungen natürlich unberührt.