Journalismus?

Frank Schirr­ma­cher brauchte nur einen ein­zi­gen iro­ni­schen Satz, um deut­lich zu machen, wie wenig erstre­bens­wert eine Zukunft ist, in der es keine Zei­tungs­ver­lage mehr gibt, son­dern in der »Kon­sum­her­stel­ler ihre eige­nen Nach­rich­ten produzieren«:

Wir freuen uns schon, wenn Apple über die Arbeits­be­din­gun­gen in China berich­tet oder Coca-Cola über die Seg­nun­gen der Globalisierung.

Ja, das ist ein guter Test für die Qua­li­tät, für die Zuver­läs­sig­keit und Ver­trau­ens­wür­dig­keit eines Medi­ums: Wie es mit The­men umgeht, die es selbst betreffen.

Die deut­schen Zei­tun­gen ver­sa­gen gerade in spek­ta­ku­lä­rer Weise bei die­sem Test. Sie demons­trie­ren jedem, der es sehen will, dass sie uns im Zwei­fel nicht zuver­läs­si­ger infor­mie­ren, als es irgend­ein daher­ge­lau­fe­ner ame­ri­ka­ni­scher Kon­sum­her­stel­ler täte.

Es ist eine bit­tere Iro­nie, dass sie die­sen Beweis im Kampf für ein Gesetz lie­fern, des­sen Not­wen­dig­keit sie im Kern damit begrün­den, dass sie als zuver­läs­sige Infor­man­ten der Bür­ger unver­zicht­bar und uner­setz­bar sind.

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Am Don­ners­tag lobte die FAZ in einem Arti­kel den »vir­tuo­sen Eier­tanz«, den die »New York Times« gerade in ihrer Bericht­er­stat­tung über die Skan­dale bei der BBC voll­bringt. Mark Thomp­son, der darin ver­wi­ckelte frü­here Gene­ral­di­rek­tor der BBC, ist näm­lich seit kur­zem Vor­sit­zen­der der Geschäfts­füh­rung der »New York Times«. »Dem ame­ri­ka­ni­schen Ver­ständ­nis von jour­na­lis­ti­scher Objek­ti­vi­tät ent­spricht es«, staunte FAZ-Korrespondent Patrick Bah­ners, »dass ein Pres­se­or­gan eigene Ange­le­gen­hei­ten in glei­cher Form dar­stellt wie die Geschäfte Dritter.«

Mei­nem Ver­ständ­nis von jour­na­lis­ti­scher Objek­ti­vi­tät hätte es ent­spro­chen, wenn die deut­sche Presse ver­sucht hätte, ihre Leser fair, umfas­send und zutref­fend über das geplante Leis­tungs­schutz­recht für Ver­lage zu infor­mie­ren. Ich hätte es für selbst­ver­ständ­lich gehal­ten, sich darum zu bemü­hen, dass die nach­richt­li­che Bericht­er­stat­tung in eige­ner Sache bzw. über einen unmit­tel­ba­ren Kon­kur­ren­ten oder Geg­ner ganz beson­ders unan­greif­bar ist.

Auf der Grund­lage einer sol­chen aus­ge­wo­ge­nen, sach­li­chen Dar­stel­lung könn­ten die Redak­tio­nen dann natür­lich Kom­men­tare ver­öf­fent­li­chen, in denen sie für die eigene Posi­tion wer­ben, die anschei­nend mit der ihrer Ver­le­ger iden­tisch ist (auch wenn ich mir als Leser ver­mut­lich trotz­dem wün­schen würde, dass sie ohne den Kniff aus­kä­men, das kon­kur­rie­rende Unter­neh­men gleich als einen Agen­ten Ame­ri­kas zu dämonisieren).

Mei­nem Ver­ständ­nis von gutem Jour­na­lis­mus hätte es ent­spro­chen, die Gegen­seite min­des­tens so aus­führ­lich zu Wort zu kom­men wie die eigene Seite, und zum Bei­spiel Gast­kom­men­tare nicht aus­ge­rech­net von denen schrei­ben zu las­sen, die ohne­hin mei­ner Mei­nung sind. Das wäre kein Zei­chen von Maso­chis­mus, son­dern von Selbst­be­wusst­sein. Und es würde beim Leser offen­siv den mög­li­chen Ver­dacht aus­räu­men, dass man ihm in einer sol­chen Situa­tion abwei­chende Mei­nun­gen oder unlieb­same Tat­sa­chen ver­schweigt, wie man es offen­bar von Apple und Coca-Cola erwar­ten muss.

(Dass das nicht aus­schließt, sich kri­tisch mit Google und sei­nen höchst beun­ru­hi­gen­den Geschäfts­prak­ti­ken aus­ein­an­der­zu­set­zen, ver­steht sich von selbst.)

Statt­des­sen haben sich weite Teile der deut­schen Presse dafür ent­schie­den, Pro­pa­gan­da­or­gane in eige­ner Sache zu sein. Sie sehen es als ihre Auf­gabe, dazu bei­zu­tra­gen, dass sie ihr Leis­tungs­schutz­recht bekom­men. Sie sehen es nicht als ihre Auf­gabe, die Bür­ger gut zu informieren.

Nun kann man mir natür­lich Nai­vi­tät vor­wer­fen, dass ich etwas ande­res erwar­tet hatte. Das ändert aber am Ergeb­nis nichts: Die deut­schen Zei­tun­gen haben genau den Test nicht bestan­den, anhand des­sen die Untaug­lich­keit mög­li­cher Ersatz-Verleger wie Apple und Coca-Cola dar­ge­stellt wer­den sollte. Sie haben ihre eige­nen Leser ver­ra­ten, als wür­den sie die nicht mehr brau­chen, wenn sie nur Google besie­gen könnten.

Es fin­det keine kri­ti­sche Bericht­er­stat­tung statt über die Verleger-Kampagne und ihre Lobby-Arbeit, über die U-Boote, die in die Debatte geschmug­gelt wer­den, über die wür­de­lose Pra­xis, dass Chef­re­dak­teure zu nicken­den Stich­wort­ge­bern ihrer eige­nen Geschäfts­füh­rer wer­den, über das erbärm­li­che Agie­ren des frü­he­ren Jour­na­lis­ten Chris­toph Keese, der in die­ser Sache als Spre­cher der gesam­ten deut­schen Ver­lags­bran­che auf­tritt und sich offen­bar ent­schlos­sen hat, dass die Wahr­heit in die­sem Kampf nicht sein Ver­bün­de­ter ist.

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Neu­lich habe ich die Journalismus-Krisen-Berichterstattung der »Zeit« kri­ti­siert und als »Wohl­fühl­jour­na­lis­mus« bezeich­net. In sei­ner Erwi­de­rung ver­tei­digte Chef­re­dak­teur Gio­vanni di Lorenzo nicht nur aus­drück­lich einen sol­chen »Wohl­fühl­jour­na­lis­mus«. Er beschwerte sich zudem:

Man könnte ja auch sagen, dass wir weni­ger für die ZEIT, son­dern für die ganze Bran­che eine recht ordent­li­che Titel­ge­schichte hin­be­kom­men haben.

Ja, das hätte man auch sagen kön­nen. Ich wollte das aber nicht sagen, weil das nicht meine Mei­nung ist. Ich fand, es ist keine recht ordent­li­che Titel­ge­schichte geworden.

Bestür­zend an di Loren­zos Satz finde ich nicht nur, dass sich ein lei­ten­der Jour­na­list so nach Zustim­mung sehnt. Bestür­zend finde ich vor allem den Ver­such einer dop­pel­ten Ver­ein­nah­mung: Dass die »Zeit« da etwas für die ganze Bran­che geleis­tet hätte. Und dass ich das dann als Ange­hö­ri­ger die­ser Bran­che doch bitte zu schät­zen hätte.

Offen­kun­dig ist der »Zeit«-Chefredakteur in der Bran­che nicht allein mit dem Wunsch, den ich aus sei­nen Tex­ten her­aus­lese: Dass die Zei­tun­gen und der Jour­na­lis­mus von Kri­tik mög­lichst ver­schont wer­den sol­len. Er sug­ge­riert, dass es etwas Unan­stän­di­ges und Selbst­zer­stö­re­ri­sches ist, wenn aus­ge­rech­net Zeitungs-Mitarbeiter und Jour­na­lis­ten diese Kri­tik üben.

Dahin­ter steckt womög­lich der Gedanke, dass wir Jour­na­lis­ten ein­an­der in die­sen schlech­ten Zei­ten gegen­sei­tig scho­nen müs­sen. Dass wir zusam­men­rü­cken sol­len, zusam­men­hal­ten, gegen Google, zum Bei­spiel. Dass die Lage zu schlecht ist, um sich eine kri­ti­sche Beschäf­ti­gung mit sich selbst und eine wahr­haft unab­hän­gige Bericht­er­stat­tung über die eige­nen The­men leis­ten zu können.

Das Gegen­teil ist rich­tig. Jour­na­lis­mus hat nur dann eine Chance zu über­le­ben, unter wel­chen Rah­men­be­din­gun­gen auch immer, wenn die Men­schen ihn für unver­zicht­bar hal­ten. Wenn sie davon über­zeugt sind, dass sie ihm trauen kön­nen, auch und gerade dann, wenn es um The­men geht, die ihn selbst betreffen.

Der »New York Times«-Leser, der bemerkt, wie­viel Mühe sich das Blatt gibt, ihn trotz der Ver­wick­lung des eige­nen Chefs zuver­läs­sig über den BBC-Skandal zu berich­ten, der wird die­sem Blatt zutrauen, sich grund­sätz­lich darum zu bemü­hen, ihn gut zu infor­mie­ren. Der ist im Zwei­fel sogar bereit, für einen sol­chen Jour­na­lis­mus Geld aus­zu­ge­ben und für seine Exis­tenz zu kämpfen.

Ich finde das nahe­lie­gend und keine ame­ri­ka­ni­sche Eigen­art. Die deut­sche Presse aber scheint gerade zu jeder Unwahr­heit bereit, um zu bewei­sen, wie wahr­haf­tig ihre Bericht­er­stat­tung ist. Sie beteu­ert mit maxi­ma­ler Ein­falt ihre Vielfalt.

Der Kol­lege Richard Gut­jahr bringt es auf die tref­fende For­mel:

Jour­na­lis­mus. War das nicht genau das, was uns von Google unterscheidet?

Ich habe mich sel­ten so unwohl gefühlt, Mit­glied die­ser Bran­che zu sein.

Auf den Hund gekommen: Der Wärmestuben-Journalismus der »Zeit«

Die Welt ist nicht gerecht. Die »Finan­cial Times Deutsch­land« muss ster­ben, und Kuschel­ma­ga­zi­nen wie »Land­lust« und »Zeit« geht es bestens.

Die von Gio­vanni di Lorenzo gelei­tete Wochen­zei­tung ist so hei­me­lig und gefüh­lig gewor­den, dass sie sich auch als Heiz­de­cke fürs Innere ver­mark­ten ließe. Jan Fleisch­hauer hat sie neu­lich als »Füh­rungs­blatt des femi­ni­sier­ten Jour­na­lis­mus in Deutsch­land« bezeich­net, wobei ich mir gar nicht sicher bin, ob Frau­en­ma­ga­zine über­haupt noch so emo­tio­na­li­siert und betrof­fen und flau­schig­weich daher­kom­men wie die »Zeit« heute.

In die­ser Woche macht »Die Zeit« mit der Frage auf, wie guter Jour­na­lis­mus über­le­ben kann, und das illus­triert sie natür­lich, wie sonst, mit einem süßen Hund.

(Die Frage, ob der Hund die Gefahr oder der Heils­brin­ger für den Jour­na­lis­mus ist, ist natür­lich reine Ketzerei.)

Nun ist es das eine, sei­nen Lesern ein war­mes Gefühl im Bauch zu machen. Was die »Zeit« aber auch wie kaum eine zweite kann: sich selbst öffent­lich ein war­mes Gefühl im Bauch machen.

Bei­des gleich­zei­tig ver­sucht Gio­vanni di Lorenzo in sei­nem Leit­ar­ti­kel, des­sen Über­schrift schon alles sagt:

Das Blatt wen­det sich

Hier­zu­lande gibt es die wohl bes­ten Zei­tun­gen der Welt. Aber keine Bran­che betreibt so viel Selbstdemontage.

Er schreibt dann erst, wor­über er alles nicht kla­gen will, weil kla­gen eh nicht hilft, und scheint dann zur »unge­müt­li­chen Prü­fung« über­zu­lei­ten, ob ein Teil der Pro­bleme von Zei­tun­gen nicht »haus­ge­macht« sei. An die­ser Stelle, schreibt di Lorenzo, sei »aller­dings ein Wut­aus­bruch fällig«.

Es stellt sich her­aus, dass er das zen­trale, haus­ge­machte Pro­blem der Zei­tun­gen darin sieht, dass die sich selbst nicht gut genug fin­den. Er beschwert sich unter ande­rem, dass »Jour­na­lis­ten der Print­me­dien« zu »manisch« das Inter­net lob­ge­prie­sen und ihren treuen und teu­ren Print-Lesern damit sug­ge­riert hät­ten, dass sie von ges­tern sind.

Viel­leicht bin ich da als Medi­en­jour­na­list über­sen­si­bel, aber ich lese darin, ein biss­chen ver­schlei­ert, einen Auf­ruf, dass Print-Journalisten Print-Marketing betrei­ben sol­len. Es setzt den weni­gen ver­blie­be­nen pro­fes­sio­nel­len Medi­en­re­dak­teu­ren bei Print-Medien wei­ter zu, die sich seit über zehn Jah­ren dafür recht­fer­ti­gen müs­sen, dass sie über die Pro­bleme ihrer Bran­che so kri­tisch schrei­ben wie es ihre Kol­le­gen bei ande­ren Bran­chen tun. Jour­na­lis­mus, der Pro­bleme scho­nungs­los benennt, ist offen­bar nur dann eine gute Sache und ein frucht­ba­rer Pro­zess, wenn er nicht den Jour­na­lis­mus selbst betrifft.

Abge­se­hen davon wüsste ich gerne, wo di Lorenzo heute einen über­kri­ti­schen Umgang der Print­me­dien mit sich selbst aus­macht. Umge­kehrt könnte ich ihm Berge von Arti­keln schi­cken, die sich lesen, als seien die Kol­le­gen längst der ver­län­gerte Arm der Marketing-, Lobby– und PR-Abteilungen ihrer Häu­ser und ihrer Branche.

Am Ende sei­nes Leit­ar­ti­kels schreibt di Lorenzo, was das gedruckte Medium alles brauche:

Vor allem aber braucht es die Lese­rin­nen und Leser, die in aller Regel wis­sen, was sie gutem Jour­na­lis­mus ver­dan­ken. Aller­dings müs­sen sich die Blät­ter und ihre Macher diese Zuwen­dung im buch­stäb­li­chen Sinne auch ver­die­nen. Wer für sich selbst keine Wert­schät­zung emp­fin­det, kann sie auch nicht von ande­ren erwarten.

Das ist allen Erns­tes sein zen­tra­ler Punkt. Er endet nicht damit, dass Zei­tun­gen bes­ser wer­den müs­sen, son­dern dass sie sich selbst bes­ser fin­den müssen.

Ent­spre­chend ver­steht sich die Qualitätsjournalismus-Ausgabe der »Zeit« als Wär­me­stube für die frös­teln­den Kollegen.

Götz Hamann schreibt dort:

Das geschrie­bene Wort steht am Anfang jeder gesell­schaft­li­chen Debatte, doch nun spürt es die volle Wucht der Digi­ta­li­sie­rung. Es geht nicht um jedes Wort, son­dern um jene, für die auch die ZEIT steht.

Dass das so unge­lenk und gram­ma­ti­ka­lisch hei­kel for­mu­liert ist, ist ver­mut­lich die Folge davon, dass die »Zeit« unbe­dingt aus­drück­lich sagen wollte, dass sie nicht ster­ben darf. Dass das, was sie sagt, Gewicht hat, Rele­vanz. Auf bei­nahe ele­gante Art defi­niert sie Qua­li­täts­jour­na­lis­mus als das, was in der »Zeit« steht.

Das kann man natür­lich machen, und womög­lich funk­tio­niert es sogar im Sinne der Auto-Suggestion von »Zeit«-Machern und »Zeit«-Lesern. (Auch wenn es natür­lich nicht wahn­sin­nig hilf­reich ist, wenn gleich auf der nächs­ten Seite der »Bild«-Chefredakteur Kai Diek­mann falsch geschrie­ben ist und ein fal­sches Alter hat.)

Zusam­men mit Bernd Ulrich hat Götz Hamann dann noch »sie­ben The­sen zum Jour­na­lis­mus« ver­fasst, von denen man wie­derum eigent­lich nur die Über­schrift lesen muss:

Die Zukunft ist noch lang

Ich möchte trotz­dem die letzte, siebte These voll­stän­dig zitieren:

Wird es in zwan­zig oder drei­ßig Jah­ren noch Autos geben? Face­book? iPho­nes? Wir wis­sen es nicht. Wird es in zwan­zig oder drei­ßig Jah­ren noch Zei­tun­gen geben? Das wis­sen wir auch nicht. Was wir wis­sen, ist: Auch in Zukunft wol­len die Men­schen von A nach B, irgend­et­was Auto­ar­ti­ges wird ihnen dabei hel­fen. Auch in Zukunft kann sich nicht jeder über alles selbst infor­mie­ren, ver­mag nicht jeder alles ein­zu­sor­tie­ren, folg­lich wird es Men­schen geben, deren Beruf es ist, dabei zu hel­fen, ver­mut­lich wer­den diese Men­schen Jour­na­lis­ten hei­ßen. Solange es Worte gibt, wird es schrei­ben­den Jour­na­lis­mus geben. Und so lange wird die­ser Beruf einer der schöns­ten der Welt bleiben.

Mich hat diese hilflos-verzweifelt-verklärende Flucht ins Pathos unter dem Sinn­bild des süßen gepho­to­shopp­ten Hun­des heute depres­si­ver gemacht als alle aktu­el­len Untergangs-Nachrichten von Print-Medien.

Grenzt ein bisschen an Nestbeschmutzung

Nach zwei Wör­tern habe ich geahnt, dass mich der »Zeit-Magazin«-Artikel über den Umgang von »Bild« mit Pro­mi­nen­ten ent­täu­schen würde.

Charlotte Roche

Ich ver­ehre Char­lotte Roche, und sie hat die »Bild«-Zeitung von ihrer ver­ach­tens­wer­tes­ten Seite ken­nen­ge­lernt. Aber die Epi­sode, wie ihr kurz nach einer Fami­li­en­tra­gö­die von Leu­ten zuge­setzt wurde, die sich als »Bild«-Mitarbeiter aus­ga­ben, ist jetzt fast zehn Jahre her. Sie ist seit­dem viele Male nach­er­zählt wor­den, unter ande­rem schon 2003 und 2005 im »Stern« und 2004 im »Tagesspiegel«.

Natür­lich kann man sie gar nicht oft genug erzäh­len, weil sie womög­lich nicht nur krass ist, son­dern auch typisch für die Art, wie die »Bild«-Zeitung sich Men­schen gefü­gig zu machen ver­sucht. Aber wenn ein Arti­kel im Jahr 2011 über den Umgang der »Bild«-Zeitung mit Pro­mi­nen­ten mit einer zehn Jahre alten, viel­fach erzähl­ten Geschichte beginnt, spricht das nicht dafür, dass die Auto­ren etwas Neues her­aus­ge­fun­den haben. Es spricht lei­der sogar für die »Bild«-Zeitung, weil so der Ein­druck ent­steht, dass es nichts Neues gibt, das die Auto­ren hät­ten her­aus­fin­den können.

Lei­der bestä­ti­gen die über 4000 Wör­ter des Arti­kels das Gefühl, das die ers­ten zwei geweckt haben. Sein Per­so­nal besteht fast voll­stän­dig aus den Leu­ten, die seit mehr als einem hal­ben Jahr­zehnt in unge­fähr jedem kri­ti­schen Arti­kel über die »Bild«-Zeitung vor­kom­men. Neben Char­lotte Roche sind das vor allem der unver­meid­li­che Medi­en­an­walt Chris­tian Schertz und die Künst­ler­agen­tin Heike-Melba Fen­del (»Bar­ba­rella Entertainment«).

Der »Zeit Magazin«-Artikel erwähnt natür­lich auch die Geschichte von Sibel Kekilli. Der Ver­such von »Bild«, sie zu ver­nich­ten, liegt nun auch schon sie­ben Jahre zurück. Aus dem »Zeit Maga­zin« erfahre ich immer­hin, was ich nicht wusste, dass es der Regis­seur Die­ter Wedel war, der ihr anläss­lich der Dreh­ar­bei­ten zu sei­nem Film »Gier« gera­ten habe, wie­der mit »Bild« zusam­men­zu­ar­bei­ten. (Aus­ge­rech­net von dem Mann, der damals als Unter­hal­tungs­chef für die wider­li­che Bericht­er­stat­tung ver­ant­wort­lich war, durfte oder musste sie sich dann in den Him­mel hoch­schrei­ben las­sen.)

Wenn man es nicht schafft, neue Bei­spiele für den bedenk­li­chen Umgang der »Bild«-Zeitung mit Pro­mi­nen­ten zu recher­chie­ren, muss man viel­leicht auf­hö­ren, Arti­kel über den bedenk­li­chen Umgang der »Bild«-Zeitung mit Pro­mi­nen­ten zu schrei­ben. Ich habe mich aus dem Geschäft der täg­li­chen »Bild«-Beobachtung ein biss­chen zurück­ge­zo­gen, aber ich würde behaup­ten, es gibt diese Fälle, auch heute noch. Der Umgang von »Bild« mit Judith Holo­fer­nes vor eini­gen Wochen war ein ver­gleichs­weise harm­lo­ses, aber erhel­len­des Bei­spiel: Die Sän­ge­rin von »Wir sind Hel­den« wei­gert sich, für »Bild« zu wer­ben, und »Bild« nutzt ihre Absage, um für sich zu wer­ben. Die sich als Medi­en­jour­na­lis­ten tar­nen­den Schau­lus­ti­gen waren natür­lich begeis­tert über den Schlag­ab­tausch, aber wie bezeich­nend ist das für die Unver­fro­ren­heit von Kai Diek­mann und sei­nen Leu­ten? Er respek­tiert nicht ein­mal den Wil­len eines Men­schen, nicht als Wer­be­fi­gur für sein Ekel­blatt auf­zu­tre­ten, und schmückt sich noch mit dem Doku­ment der Ablehnung.

Ich weiß nicht, warum sich deut­sche Medien so schwer tun, sich mit han­dels­üb­li­chen jour­na­lis­ti­schen Mit­teln dem Phä­no­men der »Bild«-Zeitung zu wid­men und — wie im Fall des »Spie­gels« vor eini­gen Wochen — in gera­dezu eigen­ruf­schä­di­gen­der Weise schei­tern. Ich fürchte inzwi­schen, dass die meis­ten die­ser Aus­weise der Hilf­lo­sig­keit die »Bild«-Zeitung eher stär­ken als schwächen.

Die »Bild«-Geschichte ist Teil eines gan­zen The­men­hef­tes über Jour­na­lis­mus, und grö­ßere Teile davon sind nicht nur ent­täu­schend, son­dern ärger­lich. Die Arti­kel wir­ken, als woll­ten sie bewei­sen, was im gro­ßen »Zeit«-Titelseiten-Teaser steht: »Im Kri­ti­sie­ren sind Medien gut — Selbst­kri­tik fällt dage­gen schwer.«

Unter der Über­schrift »In eige­ner Sache« berich­ten vier »Zeit«-Journalisten »aus unse­rer Pra­xis«. Es sol­len wohl Bekennt­nisse der eige­nen Unzu­läng­lich­kei­ten sein, des Schei­terns am gro­ßen Anspruch, die »Wahr­heit« zu berich­ten. Der Feuilleton-Redakteur Adam Soboczyn­ski bekennt bei die­ser Gele­gen­heit, dass er im Nach­hin­ein Zwei­fel hat, ob sein Por­trait über den Schrift­stel­ler Gas­ton Sal­va­tore wirk­lich per­fekt war:

Das Por­trät han­delte also vom schwie­ri­gen Umgang der Deut­schen mit einem Chi­le­nen. Sal­va­tore erzählte bei unse­rem Inter­view in Vene­dig, dass er bald einen Roman schrei­ben werde mit dem Titel »Der Lüg­ner«. Er beab­sich­tige, den Roman auf Spa­nisch abzu­fas­sen, obgleich er lange Zeit bei­nahe aus­schließ­lich auf Deutsch geschrie­ben hat. Mein Arti­kel Der Ver­dammte schloss also fol­gen­der­ma­ßen: Sal­va­tore habe jeden­falls die Absicht, bald einen Roman zu schrei­ben. Dies­mal nicht auf Deutsch. Son­dern auf Spa­nisch. Der Arbeits­ti­tel laute: »Der Lügner«.

Das war keine Lüge. Und doch plagt mich eine leise innere Anklage. Am Ende des Arti­kels zu sagen, Sal­va­tore schreibe nicht mehr auf Deutsch, legt nahe, dass er der­art von den Deut­schen ent­täuscht sei, dass er darum auf Deutsch nicht mehr schrei­ben möchte. Das weiß ich, offen gesagt, gar nicht so genau. Ich weiß, dass es stimmt, dass er den Roman auf Spa­nisch und nicht auf Deutsch schrei­ben möchte. Aber viel­leicht möchte er nur sozu­sa­gen zur Abwechs­lung mal auf Spa­nisch schrei­ben. Ich hatte das nicht erfragt. Ich gestehe.

Sind Sie noch wach?

Das ist es also, was »Zeit«-Redakteuren ein­fällt, wenn sie Selbst­kri­tik üben sol­len. Das wäre selbst uns Erb­sen­zäh­lern zu piefig.

Sein Kol­lege Hen­ning Suße­bach berich­tete, wie er eine Repor­tage über einen »Mann am Rande der Gesell­schaft« geschrie­ben hatte, einen »soge­nann­ten Ver­lie­rer«. Es muss, glaubt man Suße­bachs Beschrei­bung von Suße­bachs Arti­kel, ein groß­ar­ti­ger Arti­kel gewe­sen sein, ein­fühl­sam, enga­giert, mit aus­führ­li­chen Zita­ten des Betrof­fe­nen. Das Pro­blem mit dem Arti­kel war, bös­ar­tig zusam­men­ge­fasst, dass er zu gut war.

[…] ich schrieb Sätze, die L. zwar nicht frei­spra­chen von Schuld an sei­nem Schick­sal, aber auch der Gesell­schaft Ver­ant­wor­tung zurech­ne­ten. Schon um die Leser bei der Ehre zu packen. Bis heute bin ich der Mei­nung, dass das rich­tig war. Und doch habe ich L. damit kei­nen Gefal­len getan.

Es klingt schreck­lich arro­gant: Aber für einen Men­schen, für den sich jah­re­lang nie­mand inter­es­siert hat, des­sen bis­he­ri­ges Leben gera­dezu aus Nicht­be­ach­tung bestand, kann ein ein­zi­ger Zei­tungs­ar­ti­kel zu groß sein, zu gewaltig. (…)

Ich traf mich immer wie­der mit L. und merkte: Aus allen soli­da­ri­schen Sät­zen mei­nes Arti­kels hatte er sich eine Hän­ge­matte geknüpft, in die er sich fal­len ließ. Keine Arbeit? Keine Woh­nung? Kein Kon­takt zu den Eltern? Nie war er ver­ant­wort­lich, immer waren es die ande­ren. So hatte er mei­nen Arti­kel ver­stan­den. (So ver­stand ich jetzt jeden­falls ihn.)

Als Suße­bach sei­nem Bericht­ge­gen­stand L. spä­ter sagte, dass er selbst für sich ver­ant­wort­lich sei, habe L. sich ver­ra­ten gefühlt.

Da war er wie­der, der Vor­wurf: Erst heu­chelt der Jour­na­list Ver­ständ­nis, und dann zeigt er sein wah­res, zyni­sches Wesen. In die­sem Fall stimmte das nicht. Genau das macht die Sache so tragisch.

Das ist das Tra­gi­sche an der Geschichte? Dass ein armer »Zeit«-Journalist, der kein Zyni­ker ist, für einen Zyni­ker gehal­ten wird? So ver­dienst­voll es ist, wenn Jour­na­lis­ten sich Gedan­ken machen über die Fol­gen ihrer Arbeit: Das ist keine Selbst­kri­tik, das ist Selbstmitleid.

Es durch­zieht viele der klei­nen Texte, auch die, in denen »Zeit«-Journalisten sich mit Leser-Kritik beschäf­ti­gen. Res­sort­lei­ter Jens Jes­sen erklärt in einer »klei­nen Rede an die Ver­äch­ter des Feuille­tons« (kein Dia­log, wohl­ge­merkt, son­dern eine »Rede an«), dass der Feuille­to­nist gar nicht anders sein kann als einen eli­tä­ren Geschmack zu haben:

Die Kul­tur ist sein Gegen­stand; und mit der Dauer der Beschäf­ti­gung wach­sen die Ansprü­che. Auch wer mit Edgar-Wallace-Krimis im deut­schen Fern­se­hen begann, fin­det irgend­wann Hitch­cock besser.

Die­ses Schick­sal einer unwill­kür­li­chen Erzie­hung des Geschmacks teilt der Feuille­to­nist aber mit sei­nem Publi­kum. Nie­mand, des­sen Lei­den­schaft sich an der Lite­ra­tur ent­zün­det, bleibt bei Harry Pot­ter stehen.

Wer »sel­ten liest, ungern Musik hört und vom Kino nur den Schuh des Manitu erwar­tet«, dürfe aber »gerne umblät­tern«, gestat­tet Jes­sen großmütig.

Das ist eine Kunst: beim Reflek­tie­ren und Nach­den­ken so unein­sich­tig und arro­gant zu wir­ken. Und womög­lich ist das alles sogar gut gemeint. Aber wenn diese »Zeit«-Redakteure über die Unzu­läng­lich­kei­ten ihrer Arbeit und der Arbeit von Jour­na­lis­ten über­haupt reden, wir­ken sie wie ein Por­trait­ma­ler in der Fuß­gän­ger­zone, der irgend­wann zugibt, dass man, wenn ganz genau hin­schaut, viel­leicht doch kleinste Unter­schiede zwi­schen sei­nen Strich­zeich­nun­gen und Fotos erken­nen könnte.

Immer­hin: Heike Fal­ler hat für das Spe­cial in einem lesens­wer­ten Arti­kel nach­voll­zo­gen, warum prak­tisch keine Zei­tung vor der dro­hen­den Finanz­krise warnte und, wich­ti­ger noch: Warum die Mecha­nis­men des Jour­na­lis­mus so sind, dass es auch beim nächs­ten Mal wie­der so käme.

Aber das ist dann alles, was der »Zeit« ein­fällt zum Thema »Was Jour­na­lis­ten anrich­ten«? Chef­re­dak­teur Gio­vanni di Lorenzo warnt im Video die »Zeit«-Leser, die viel­leicht nicht wis­sen, dass außer­halb ihrer Wochen­zei­tung Medi­en­jour­na­lis­mus eine zwar stän­dig bedrohte, aber durch­aus eta­blierte Dis­zi­plin des Jour­na­lis­mus ist, sogar davor, dass das, was man da gewagt habe, »ein biss­chen an Nest­be­schmut­zung« grenze.

Nein, das eigene »Zeit«-Nest hat man schön sau­ber gehal­ten. Die Redak­teure haben sich nicht ein­mal den Hin­weis ver­knif­fen, dass in dem Roman »Ein makel­lo­ser Abstieg«, in dem Mat­thias Frings das Funk­tio­nie­ren der Bou­le­vard­presse beschreibt, die »Zeit« das Vor­bild »für die seriöse Zei­tung« darstelle.

Als ein »recht selbst­zu­frie­de­nes Blatt« hat Oli­ver Gehrs das »Zeit Maga­zin« im ver­gan­ge­nen Jahr — ver­gleichs­weise milde — bezeich­net. Die übli­che Gedie­gen­heit der »Zeit« wird beim Ver­such, selbst­kri­tisch zu sein, zu absto­ßen­der Selbst­ge­rech­tig­keit. Ver­mut­lich ist den Redak­teu­ren wirk­lich beim bes­ten Wil­len nichts ein­ge­fal­len, was sie sich ernst­haft vor­wer­fen könnten.

Ich helfe fürs nächste »Journalismus-Special« gerne mit zwei The­men­tipps aus. Viel­leicht könnte die »Zeit« ihren Lesern ein­mal die bizarre und höchst unjour­na­lis­ti­sche Rolle von Sabine Rück­ert erklä­ren, die für die Zei­tung über den Kachelmann-Prozess berich­tet und dabei in einem Maße mit der Ver­tei­di­gung ver­ban­delt ist, die min­des­tens nach einer Offen­le­gung schreit, wenn sie sie nicht als Auto­rin in die­ser Sache disqualifiziert.

Oder sie könnte die Gele­gen­heit nut­zen, der inter­es­sier­ten Öffent­lich­keit zu erklä­ren, was es mit fol­gen­der Pas­sage in einer Titel­ge­schichte nach dem Rück­tritt von Karl-Theodor zu Gut­ten­berg auf sich hatte:

In der CSU-Vorstandssitzung am Mon­tag­vor­mit­tag in Mün­chen muss sich Gut­ten­berg Sti­che­leien und zwei­deu­tige Sätze sei­ner Par­tei­freunde gefal­len las­sen. Ver­ein­zelt ver­brei­ten Jour­na­lis­ten bereits das Gerücht, es gebe einen Zusam­men­hang zwi­schen einer Text­stelle in der Dok­tor­ar­beit und sei­ner sexu­el­len Neigung.

Das wäre doch mal ein Thema für das nächste Selbstkritik-Special der »Zeit«: Wie man als seriöse Wochen­zei­tung ande­rer Jour­na­lis­ten Gerüchte ver­brei­tet, und zwar gerade vage genug, dass es rich­tig inter­es­sant klingt.

Aber mit etwas Pech fällt Adam Soboczyn­ski bis dahin ein, dass man in einem sei­ner Por­traits ein Komma falsch aus­le­gen könnte, und das geht natür­lich vor.