Tag Archive for: Google

A Street View Named Desire

31 Mrz 09
31. März 2009

Die Leute glauben alles.

Zuerst ging heute die Meldung um die Welt, dass eine Frau die Scheidung eingereicht habe, weil sie auf „Google Street View“ den Wagen ihres Mannes entdeckte. Der stand vor dem Haus seiner Geliebten, während er eigentlich auf Geschäftsreise sein sollte. 

Die „Sun“ berichtete unter der Überschrift „Google Cheat View“ — und diverse Medien schrieben die Geschichte unter Berufung auf die notorisch unzuverlässige britische Boulevardzeitung ab: „Golem“, „20 Minuten“, „Tagesanzeiger“, „Fox News“, „Österreich“.

Dann meldete sich ein Blogger, der sich „Idiot Forever“ nennt, und behauptete, alles nur erfunden zu haben. Er habe die „Sun“ reingelegt und ihr zwei E-Mails geschrieben. Eine, in der er sich als Bekannter der betrogenen Frau ausgab, und eine, in der er sich „Mark Stephens“ nannte und ihre Geschichte bestätigte. Zufällig sei der von ihm willkürlich gewählte Name „Mark Stephens“ auch der Name eines bekannten britischen Medienanwaltes, deshalb habe die „Sun“ den Fall begeistert aufgegriffen. 

Und so macht sich neben der „Wie Google Street View eine Scheidung verursachte“-Geschichte jetzt auch die „Wie ein Blogger die ‚Sun‘ reinlegte“-Geschichte auf den Weg um die Welt, letztere naturgemäß noch mit geringerer Aufmerksamkeit („Anorak News“, „Golem“), dafür aber begeistert weitererzählt von Bloggern, die wissen, dass Medien ohnehin jeden Unsinn ungeprüft abschreiben. 

Der Witz ist nur: Die zweite Geschichte ist falsch. Die „Sun“ verdankt ihre Meldung nämlich nicht irgendeinem gefälschten E-Mail-Hinweis; sie hat sie aus der „Times“. Dort erschien sie schon am vergangenen Donnerstag und verfasst hat sie tatsächlich: Der Anwalt Mark Stephens von der Kanzlei „Finers Stephens Innocent“.

Seine Erzählung erscheint mir zwar auch zweifelhaft, weil unklar bleibt, woher die Ehefrau wusste, vor wessen Haus sie gucken musste und wann das Foto gemacht wurde. Aber diese Ungereimtheiten müssten all die Medien, die diesen Fall irgendwie relevant für ihre Leser fanden, mit der „Times“ und Mr. Stephens ausmachen (wenn es ihnen nicht eh völlig egal wäre). Die „Sun“ jedenfalls ist nicht von einem Blogger reingelegt worden, ihre Meldung kein Fake.

Die traurigste Rolle in dieser ganzen Geschichte aber spielen die Leute von „Golem“, die ihre Nachrichten „IT-News für Profis“ nennen und erst die „Sun“-Geschichte brachten und dann als Update hinzufügten:

Nachtrag vom 31. März 2009, 14:07 Uhr
Inzwischen ist ein Blogger namens Idiot Forever aufgetaucht, der behauptet , er habe die Geschichte erfunden, um der Sun einen Streich zu spielen. Nachprüfen lässt sich für uns weder die eine, noch die andere Version.

Diese armen Journalisten sind gezwungen, Nachrichten zu veröffentlichen, von denen sie überhaupt nicht wissen, ob sie stimmen. Denn was sollen sie tun? Recherchieren?

Nachtrag, 0:40 Uhr. Oh je. Bei „Gulli“ hat man die eigene „Ehemann erwischt“-Meldung zum Thema um den Nachtrag ergänzt:

Offenbar sind wir mit dieser Story neben Golem und vielen anderen Medien auf einen hübschen Hoax reingefallen. Ein Blogger mit dem Namen „Idiot Forever“ soll angegeben haben, die Zeitung „The Sun“ verulkt zu haben, indem er den Redakteuren der Sun zwei gefakte E-Mails schickte. (…) Tja, eigentlich ist die Geschichte, so falsch wie sie ist, noch viel älter — die Times hat sie noch früher gebracht. Und obwohl erst morgen der April beginnt, fielen zahlreiche Newsticker auf die hybsche Zeitungs-Ente rein — unsere Gratulation an den findigen Blogger! Und vielen Dank an Mario Sixtus für den Hinweis!! (via Stefan Niggemeier, thx!)

Daran ist nun alles falsch. Noch einmal zum Mitlesen: Die Meldung aus der „Sun“ ist vermutlich keine Ente. Der Blogger, der behauptet, die „Sun“ reingelegt zu haben, sagt nachweislich die Unwahrheit. Anders gesagt: Der Hoax ist die Behauptung vom Hoax.

Wie „Welt Online“ andere Medien ausbeutet

19 Mrz 09
19. März 2009

Christian Stöcker hat auf „Spiegel Online“ einen ziemlich schlecht gelaunten Artikel über Google News veröffentlicht. Er ärgert sich darüber, dass Google bei seiner News-Suche nicht mehr nur auf die Online-Medien verlinkt, sondern zunehmend gleich auf die Agenturenmeldungen selbst, die nun auf von Google vermarkteten Seiten veröffentlicht werden. Bei der Berechnung dessen, was wichtig sei, greife Google aber auf die redaktionelle Arbeit der anderen Medien zurück, weshalb Stöcker steil titelt: „Wie Google News Redaktionen ausbeutet“.

Das wäre eine ziemlich indirekte Form der Ausbeutung. Es geht viel direkter. Die Suchmaschinenprofis von „Welt Online“ zeigen, wie.

Auf jeder „Welt Online“-Seite findet sich abgelegen rechts unten eine Rubrik namens „Zweite Meinung“, in der automatisch die aktuellen Nachrichtenfeeds verschiedener Online-Medien einlaufen. Das wurde beim großen Relaunch der Seite als Beispiel für ihre „offene Struktur“ gepriesen, war aber für den Leser immer schon fast ohne praktischen Nutzen.

Nun ist es aber so, dass die Google-News-Maschine offenbar ziemlich dumm ist. Sie hält diese Texte von anderen Medien für einen Teil der jeweiligen Nachricht von „Welt Online“ und indiziert sie entsprechend. Das hat verblüffende Folgen.

Wenn man zum Beispiel bei Google News gerade nach den neuesten Meldungen zu Mark van Bommel sucht („nach Datum sortieren“), führen gleich sieben der ersten zehn Treffer zu „Welt Online“…

…aber kein einziger davon zu einer Meldung über Mark van Bommel. Mit dem Familiendrama in Hildesheim hat der Bayern-Spieler genauso wenig zu tun wie mit dem Zweimonatshoch des Euro oder dem Steuerfluchtstreit mit der Schweiz.

All diese Meldungen tauchen deshalb in den Suchergebnissen auf, weil Bild​.de gerade eine aktuelle Meldung über Mark van Bommel veröffentlicht hat und der Bild.de-Feed auf den „Welt Online“-Seiten als „Zweite Meinung“ angezeigt wird. 

Das funktioniert mit vielen Suchbegriffen zu aktuellen Nachrichten. Bizarr ist auch das Ergebnis, wenn man bei Google News gerade nach der Schauspielerin Natasha Richardson sucht. 

Oben ballen sich die relevanten Meldungen über ihren Skiunfall — aber den Rest der ersten Trefferseite dominiert „Welt Online“ mit den abwegigsten Artikelvorschlägen. Dass die Textanläufe auf englisch sind, lässt sich leicht erklären: Es ist der Nachrichtenfeed von CNN​.com, der auf den ganzen Artikelseiten von „Welt Online“ abgebildet wird und gerade aktuell mehrere Meldungen über Richardson enthält. So profitiert „Welt Online“ von diesen Inhalten anderer Medien, die man als scheinbar großzügigen Akt eingebunden hat. 

Ich weiß nicht, ob „Welt Online“ das absichtlich so programmiert hat oder ob sich dieser Effekt versehentlich ergibt. Ich würde nur wetten, dass er sich angesichts der überragenden Bedeutung, die die Suchergebnisse von Google für den Besucherverkehr der Online-Medien hat, ganz gut bezahlt macht. 

Dass die meisten dieser Treffer für denjenigen, der wirklich nach Informationen über Mark van Bommel oder Natasha Richardson sucht, eine Produktenttäuschung bedeuten, wird man bei „Welt Online“ nicht als Problem sehen. Auf langfristige Kundenzufriedenheit ist die Seite eh nicht angelegt.

[entdeckt hat’s der Lukas]

„Welt Online“ geht in Fremdfederführung

22 Okt 08
22. Oktober 2008

Toll: Das Google-Handy ist gerade in den USA auf den Markt gekommen — und „Welt Online“ hat es schon getestet:

Ein bisschen erstaunlich ist natürlich, dass sich der „Welt Online“-Test auch bei „Spiegel Online“, in der „Netzeitung“ und auf den Internetseiten der „Frankfurter Rundschau“ findet. 

Die Erklärung ist leicht: „Welt Online“ hat das Google-Handy gar nicht ausprobiert. Die Nachrichtenagentur AP hat es getan. Vermutlich als Teil seiner anhaltenden Qualitätsoffensive (und um seine Leser zu beeindrucken) hat der Internetauftritt der „Welt“ die Quelle entfernt und den Artikel umdeklariert.

Nachtrag, 14:54 Uhr. „Welt Online“ hat den Vorspann geändert. 

Googlelos

06 Mrz 08
6. März 2008

Ich gehöre zu den (offensichtlich zahlreichen) Leuten, bei denen Google seit rund einer Stunde nicht erreichbar ist. Und wenn ich „Google“ sage, meine ich nicht nur die Suchmaschine, bei der ich im Fall ihrer Nicht-Erreichbarkeit nach Ersatz-Suchmaschinen suchen würde. Ich meine auch den Feedreader meiner Wahl. Und, vor allem: das Mailprogramm meiner Wahl.

Gut, ich wusste immer schon, dass ich von Google abhängiger bin, als gut sein kann. Aber ich hatte immer gedacht, das würde sich in einer Form rächen, dass meine Mails oder die systematische Auswertung meiner Suchanfragen der letzten zehn Jahre an den Meistbietenden versteigert würden. Nicht, dass Google mich einfach eines Tages ausschließen würde.

Das Gefühl ist schlimm. So kündigt sich in unseren Zeiten die Apokalypse an: „Google ist down“. Der Anfang vom Ende. Beunruhigende Gedanken: …soeben ist nun auch in den südlichen Server ein Flugzeug gestürzt…

Dazu die Unfähigkeit, die Tatsache zu akzeptieren, den Computer auszumachen und, sagen wir, das Eisfach abzutauen. Nein. F5. Geht es, wenn ich google​.fr eingebe? Nix. Google News? Nix. Google Reader? Nix. Hängt YouTube auch? YouTube hängt auch. Sogar die Google-Ads werden nicht angezeigt. Nochmal nach was suchen. F5. Escape. F5. Ins Postfach gucken. Geht nicht. Jetzt? Jetzt? Jetzt? Jetzt? Jetzt?

Jetzt?

Nachtrag, 17.31 Uhr: Jetzt.

Wer betextet Google-Suchergebnisse?

16 Apr 07
16. April 2007

Wer bei Google nach „Knut“ sucht, erhält ungefähr auf der dritten Ergebnisseite diesen Treffer:

Das ist schön, und auch die Beschreibung ist ganz treffend. Nur: Woher kommt die? Aus dem entsprechenden BILDblog-Eintrag nicht. Und irgendwo eingegeben haben wir sie auch nicht.

Woher kommt diese Beschreibung? Gibt es eine Google-Redaktion, die sich Suchergebnisse anguckt und knapp zusammenfasst? Und bei welchen Suchergebnissen macht sie sich diese Mühe? Oder wie?