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Schlaflos in Düsseldorf (2)

14 Mai 11
14. Mai 2011


Foto: Imre Grimm

Es ist dann, wie das Foto vom Anfang der Woche anschaulich illustriert, doch gut, dass morgen alles vorbei sein wird. Aber vorher läuft dann endlich das Finale des Eurovision Song Contest, von dem Thomas Lückerath schreibt: „Eine spektakulärere Show hat das deutsche Fernsehen noch nicht gesehen“, was überschwänglich klingen mag, aber doch nur stimmt.

Wenn man sich nur ein bisschen für Fernsehunterhaltung interessiert, muss man das gesehen haben. Was Florian Wieder, Jerry Appelt und all die anderen mit der LED-Wand, dem Licht, der Bühne und ungezählten, sagen wir: Wunderkerzen zaubern, ist einmalig. Tobi Baumann (der uns als Regisseur unseren BILDblog-Werbespot geschenkt hat), hat etwas kitschige, aber zauberhafte Postkarten aus Deutschland produziert. Stefan Raab zeigt in den ersten, atemberaubenden Minuten seine Entertainer-Qualitäten, Judith Rakers hat schöne Moderationsmomente, Anke Engelke ist überragend als Gastgeberin und Punkteeinsammlerin. Jan Delay wird den Saal rocken. Und spätestens, wenn die große Wand aufgeht und den Green Room mit den Künstlern zum Teil der Halle macht, wird klar, dass es den Verantwortlichen und Kreativen nicht nur darum ging, etwas Großes zu machen, sondern etwas Besonderes.

Man wird nach der Veranstaltung kritisch über die Art der Zusammenarbeit mit Brainpool reden müssen — nicht nur, weil sie in einem unguten Maße die Berichterstattung im Fernsehen dominierten –, aber ich bin sicher, dass Deutschland als Gastgeber nach diesem Abend gewonnen haben wird.

Wer den Wettbewerb gewinnen wird, vermag ich beim besten Willen nicht zu sagen. Über Finnland würde ich mich am meisten freuen, Italien wäre sensationell, Serbien sympathisch, Aserbaidschan als Reiseziel fürs nächste Jahr der Hammer, und wenn Lena es allen zeigte und noch einmal gewönne, wäre das eine grandiose Pointe. Wirklich ärgern würde ich mich nur, wenn am Ende die blöden Poser aus Dänemark mit ihrem Blümchen-Song vorne liegen (was womöglich gar nicht unwahrscheinlich ist).

Was auch kommt, es wird morgen in der vierzehnten und vorerst letzten Folge von Duslog.tv zu sehen sein. Und schon heute Abend bloggen wir wieder live aus dem Pressezentrum. Jetzt lege ich mich noch eine Stunde hin und wünsche: Gute Unterhaltung!

Als der Song Contest noch Song Contest hieß

12 Mai 11
12. Mai 2011

Es hätte ein großer Abend werden können, gestern in der Düsseldorfer Tonhalle. Der WDR hatte geladen und sein Sinfonieorchester mitgebracht. Heldinnen und Helden der Grand-Prix-Geschichte wie Mary Roos, Ingrid Peters, Katja Ebstein und Johnny Logan waren gekommen, um die Klassiker aus dem Wettbewerb noch einmal live und im Orchester-Arrangement zu singen und sich feiern zu lassen, von der dankbaren, treuen Fangemeinde.

Es sind große, unvergessene Schlager: „Wunder gibt es immer wieder“, „Nur die Liebe lässt uns leben“, „Über die Brücke gehn“, „Aufrecht gehn“… Das Publikum sang begeistert mit, nahm raunend zur Kenntnis, was für eine coole Sau Nino de Angelo ist, der Toto Cutugnos „Insieme“ interpretierte, und freute sich über die groovende Swing-Nummer, die Guildo Horn aus Michelles „Wer Liebe lebt“ machte und die sogar Versatzstücke von Monty Pythons „Always Look On The Bright Side Of Life“ enthielt. Die Künstler strahlten, als hätten sie seit Jahren nicht mehr einen solchen Zuspruch erfahren (was womöglich stimmt), und ließen sich zu der frenetisch geforderten Zugabe überreden.

Es hätte ein großer Abend werden können — sogar trotz Ralph Morgenstern, der ihn zu moderieren versuchte — nostalgisch natürlich, aber mitreißend. Aber diese „Grand Prix Classics“ waren nicht nur ein Begleitprogramm zur Finalwoche in Düsseldorf; sie waren auch ein Gegen-Programm. Sie wurden zu einer Demonstration derjenigen, die sich gegen die Modernisierung sträuben, die der Wettbewerb in den vergangenen gut zehn Jahren erlebt hat und in deren Geist auch das Finale von Düsseldorf stattfindet. Sie sehnen sich nach dem zurück, was der Grand Prix einmal war, oder genauer: wozu sie ihn verklärt haben.

Das fängt schon an mit dem auch und insbesondere unter Journalisten nicht ausrottbaren Irrglauben, die Veranstaltung heiße erst seit kurzem „Eurovision Song Contest“. Dies ist die Schrifttafel zu Beginn des vermeintlichen „Grand Prix Eurovision de la Chanson“ 1983 in München:

Warum es überhaupt besser sein soll, den Liederwettbewerb im Deutschen mit einem französischen Namen zu benennen, erklärt sich vermutlich aus der Ablehnung des Englischen als böse, böse Sprache, die alle anderen (und nicht zuletzt die deutsche) aufzufressen drohe.

Entsprechend die andere Klage, die immer wieder erklingt: Dass die Länder beim Grand Prix nicht mehr wie früher™ in ihrer Landessprache singen müssen. (Diese Regel galt übrigens keineswegs von Anfang an und gab es auch in den siebziger Jahren zeitweise nicht.)

Beim WDR-Abend in der Tonhalle verhedderte sich Katja Ebstein heillos beim Versuch, gegen das Singen auf Englisch zu plädieren.

Katja Ebstein: Ich finde, intelligente Menschen können auch gut auf deutsch singen. (Demonstrativer Recht-hat-sie-Beifall aus dem Publikum.) Auch wenn es nicht so geschmeidig ist wie das Englische. Wir wollen was erzählen. Und die Menschen, die da zuhören, zumindest in unserem Land, brauchen das Deutsche, weil sie dem Text der Geschichte sonst nicht folgen können. Und ich finde, wenn man die Beliebigkeit sieht – wir haben gestern mal reingeschaut, in diese Vorconteste da, die singen jetzt alle, ob Russen, Türken, wer auch immer, alles singt englisch. Kein Mensch hört mehr auf die Geschichten, weil die es ja gar nicht hören können, verstehen können, bis auf eine Zeile. Das ist zuwenig.

Ralph Morgenstern: Aber es ist doch ein internationaler Wettbewerb.

Katja Ebstein: Macht doch nichts.

Also, ich persönlich verstehe eventuelle Geschichten in den russischen, türkischen und aserbaidschanischen Beiträgen besser, wenn sie mir auf englisch erzählt werden statt in der jeweiligen Landessprache. Wenn Verständlichkeit das Argument wäre, wäre es ein Argument dafür, alle auf englisch singen zu lassen.

Natürlich hat Katja Ebstein Recht, wenn sie die Gefahr der Beliebigkeit anspricht. Natürlich ist es merkwürdig, wenn ein Land wie Aserbaidschan Beiträge schickt, die moderner, internationaler und, mutmaßlich, unaserbaidschaniger klingen als alle anderen im Wettbewerb. Aber sagt uns das nicht mehr über das Land und wie es sich der Welt darstellen will als ein aserbaidschanischer Chanson?

Wenn es – jenseits der unfreiwilligen Komik, die allein einen solchen Wettbewerb aber nicht über 55 Jahre am Leben erhalten hätte – etwas gibt, das den Eurovision Song Contest faszinierend macht, dann doch das: Dass man sehen kann, wie sich Künstler aus verschiedenen Ländern auf dieser Bühne präsentieren, und interpretieren kann, was das über diese Länder aussagt. Und während der Punktevergabe kann man auch noch spekulieren, warum wer wem Punkte gab, und was das wiederum über Europa aussagt.

Der Grand Prix lebt von seiner Vielfalt. Er ist für Länder wie Aserbaidschan und Armenien der Versuch, sich mithilfe von Popmusik als moderne Länder im westlichen Sinne darzustellen. Er ist für Länder wie Griechenland und die Türkei immer wieder ein Anlass, neue Verknüpfungen von traditionellen einheimischen Rhythmen mit internationalem Pop zu suchen. Die Franzosen kommen in diesem Jahr mit einem Tenor, der auf korsisch singt, und glauben, dass gerade das die perfekte Kombination ist um mal wieder weit vorne zu landen. Und wer weiß, womöglich haben sie recht? (Ich glaube nicht.)

Dieser Wettbewerb soll besser sein, wenn man den Ländern vorschreibt, in welcher Sprache sie zu singen haben, und möglichst auch noch, dass für uns exotische Völker gefälligst für uns exotisch klingende Musik von zuhause mitbringen müssen? Wie kleingeistig.

Es sind jedes Jahr viele merkwürdige Beiträge dabei, was kein Wunder ist, denn es handelt sich um einen merkwürdigen Wettbewerb. Ein europäisches Wettsingen — was für eine grandiose Quatschidee. Natürlich geht es dabei nicht nur um die Qualität von Musik (als ob die sich irgendwie objektiv messen ließe), es geht um Sympathien gegenüber Künstlern, Auftritten und Nationen, es geht um Entertainment und es geht darum, wer es schafft, den Funken überspringen zu lassen und die Herzen der unterschiedlichsten Menschen vor den Bildschirmen zu erreichen, und sei es nur für exakt drei Minuten.

Natürlich kann man sagen, dass diesem Großereignis jede Relevanz fehlt, aber trifft das nicht auf alle Unterhaltung zu, nicht zuletzt auf Fußball? Ich habe das schon vor über zehn Jahren mal in einen Artikel geschrieben, aber das Gefühl, es täglich wieder irgendwohin schreiben zu müssen. Der Grand Prix ist — wie Fußball — exakt so wichtig, wie man ihn nimmt:

Fußball ist unser Leben, und der Grand Prix auch. Nicht für dieselben Leute, klar, auch nicht für ganz so viele, aber doch. Der europäische Schlagerwettbewerb ist genau so unendlich wichtig wie eine Europameisterschaft. Und natürlich genau so unendlich egal. Aber erheben sich vor dem Endspiel oder nach einem 0:3 gegen Kroatien mahnende Stimmen, die sagen: „Regt Euch ab, ist doch nur Fußball?“ Also.

Aber ironischerweise kann man, wenn man ihn dann wichtig nimmt, den Grand Prix, viel Spaß haben. Oder, natürlich, sich in seiner eigenen Engstirnigkeit einmauern. Und so sitzen sie da, die alten Grand-Prix-Knacker in der Tonhalle in Düsseldorf, und jammern, dass alles nicht mehr so „gemütlich“ ist, wie es vor 40 Jahren war, als ob irgendetwas anderes noch so „gemütlich“ wäre wie vor 20, 30, 40 Jahren. („Gemütlich“ ist auch nicht das erste Wort, das mir einfiele, um etwa die Anmutung des Song Contest 1983 in München zu beschreiben). Sie klagen, dass es kein Orchester mehr gibt, was tatsächlich schade ist – andererseits aber auch nur reflektiert, dass moderne Musik heute nicht von Orchestern gespielt wird. Und überhaupt ist ihnen das alles nicht geheuer. Und dann kommt natürlich, wie immer, der Hinweis, dass es sich nicht um einen Sänger-, sondern einen Komponistenwettstreit handele. Das ist richtig, aber dem Publikum herzlich egal, und zwar immer schon. Ich glaube nicht, dass jemand anders als Lena 2010 mit „Satellite“ den Eurovision Song Contest gewonnen hätte.

Leider treffen die Nostalgiker und Dogmatiker bei denjenigen, die für den Song Contest von heute verantwortlich sind, umgekehrt auf ähnliche Ignoranz. Stefan Raab und seine Leute haben sich nach meiner Wahrnehmung noch nie besonders für die Historie dieses Wettbewerbs oder die ihn umgebene schwule Kultur interessiert, die wiederum ihnen nicht geheuer ist (von deren Tauglichkeit als Zielscheibe für Spott natürlich abgesehen).

Lena muss in diesen Tagen übrigens für diverse Einspielfilme der Produktionsfirma Brainpool Kartoffelsalat an die verschiedenen Delegationen verteilen. Der Gedanke, dass sie mit den anderen Sängerinnen und Sängern musizieren könnte, war offenbar zu abwegig.

Das Vorabendgrauen zum Eurovision Song Contest

10 Mai 11
10. Mai 2011

Wie schwer kann es sein, eine kleine Show zu produzieren, die in der Woche des Eurovision Song Contest über das Spektakel berichtet?

Seit einer Woche wird hier in Düsseldorf geprobt. Delegationen aus 43 Ländern sind vor Ort, schrille Kandidaten und ernsthafte Künstler, es findet ununterbrochen irgendein Termin statt, um die Journalistenmeute mit Stoff zu versorgen, es ließe sich, wie in der Vorberichterstattung zu einer Fußball-WM, über Favoriten, Strategien, Technik und historische Parallelen diskutieren, man könnte die vielen unterschiedlichen Menschen miteinander musizieren lassen.

Selbst für einen Sender mit der Unterhaltungsinkompetenz der ARD müsste es möglich sein, aus diesem Grand-Prix-Zirkus eine sehenswerte oder wenigstens ansehbare oder immerhin doch nicht völlig peinliche Vorabendshow zu kondensieren. Es ist ihm nicht gelungen.

Alles, einfach alles an der Premiere der „Show für Deutschland“ war grauenvoll: Der Sendungstitel. Der Moderator. Das muffige Design. Das überflüssige Quiz-„Duell“. Der Moderator. Die Idee, Jan Feddersen als Experten in eine Ecke des Studios zu setzen, in die der Moderator nur mit Halsverrenkungen sehen kann. Der Moderator. Der Verzicht darauf, mit Katja Ebstein, wenn sie schon mal da ist, auch ein Gespräch zu führen. Hab ich schon „Der Moderator“ gesagt?

Wer kommt auf die Idee, eine solche Sendung von Frank Elstner moderieren zu lassen, einem Mann, der an besseren Tagen vielleicht weniger verwirrt durch eine Sendung stolpert, dem aber ohnehin jeder Bezug zu dieser Veranstaltung fehlt? Die Fassungslosigkeit von Lena Meyer-Landrut über die Ahnungslosigkeit und Ungeschicklichkeit des Mannes war unübersehbar und nachvollziehbar. Es entwickelten sich Dialoge wie der folgende:

Frank Elstner: Sie sind der einsamste Mensch da unten auf der Bühne.

Lena Meyer-Landrut: Nein, ich habe fünf Mädchen bei mir.

Elstner: Aber doch nicht auf der Bühne. Hinter Ihnen, die mit Ihnen tanzen!

Meyer-Landrut: Auf der gleichen Bühne, auf der ich auchsstehe, sind auch die fünf Mädchen.

Elstner: Ja, aber wenn Sie singen und Ihnen der Text nicht einfallen lassen würde, dann, kein Mensch kann Ihnen helfen. Dann sind Sie in dem Moment einsam.

Meyer-Landrut: Das ist richtig. Da werde ich dann in Fantasiesprache improvisieren.

(…)

Elstner: Der Herr Raab, der sich ja um Sie kümmert, Sie entdeckt hat, Ihr Pate ist, der für Sie viel produziert hat…

Meyer-Landrut: (lacht) Mein Pate! Der überweist mir jeden Monat zwei Mark fünfzig.

Elstner: Der Stefan, der wird doch irgendwo Kontakt zu Ihnen halten während Ihres Auftritts, oder? Gibt es Geheimzeichen?

Meyer-Landrut: Nein. Nein, tatsächlich nicht. Ich weiß auch überhaupt gar nicht, wo der ist, während meines Auftritts. Keine Ahnung, der wird vermutlich hier vorne irgendwo stehen und moderieren.

(…)

Elstner: Und jetzt wollen wir mal was ganz anderes zeigen. Das hier war ja früher mal ein Fußballstadion.

Meyer-Landrut: Isses auch immer noch.

Elstner: Wie hat man aus einem Fußballstadion so eine Showbühne gezaubert? Dahinter stecken natürlich sehr viele Handwerker, sehr viele fleißige Menschen, Hundertschaften, die hier wochenlang gearbeitet haben. Wollen Sie die Handwerker mal ganz herzlich grüßen und Danke sagen?

Meyer-Landrut: Danke, Handwerker.

Elstner war das größte Problem der Sendung, aber nicht das einzige. Er behauptete munter, es seien auch Länder aus Nordafrika dabei. In einem Einspielfilm wurde die Größe der LED-Wand auf 60 mal 80 Meter vervierfacht. Reporter Thorsten Schorn dokumentierte, wie die schrillen irischen Teilnehmer Jedward nichts anderes taten, als Lena Blumen zu überreichen. Seine Kollegin Sabine Heinrich musste in einem Filmbericht den Tagesablauf von Lena nacherzählen – über weite Strecken ohne Lena. Im Tonfall eines Unterrichtsfilms dokumentierte der Sprecher:

„Lena steigt mit Team und Presse direkt in den Bus. Der Zeitplan ist eng, wie an jedem Song-Contest-Tag.“

Danach konfrontierte Frank Elstner Lena noch mit einer Statistik, die zeigte, welche Farben die Kleider der Sieger in der Geschichte des Eurovision Song Contest hatten, und suggerierte, dass ihr Schwarz dann ja kein gutes Omen sei. (Dass sowohl Lena als auch Nicole ein schwarzes Kleid bei ihren Siegen trugen, war offenbar niemandem in der Vorbereitung aufgefallen.)

Es ist ein Programm voller Verzweiflung und zum Verzweifeln – in der zweiten Folge heute befragte man im Rausch der Ideen- und Sinnlosigkeit eine Kartenlegerin, wer den Wettbewerb gewinnen wird.

Schaut man in den Abspann, wer diesen Unfall zu verantworten hat, stößt man auf einen interessanten Namen: Die täglichen ARD-Vorabendsendungen zum Eurovision Song Contest werden von der Firma Brainpool produziert. Die produziert praktischerweise auch die täglichen ProSieben-Spätabendsendungen zum Eurovision Song Contest. Sie hat auch die (überaus uninspirierte) Aufzeichnung des Konzertes von Lena Meyer-Landrut produziert. Und sie ist der wichtigste Partner der ARD bei der Produktion des Eurovision Song Contest selbst. Ihr Chef Jörg Grabosch hat die entscheidende Funkton „Producer TV Show“ inne.

Die Beteiligten geben sich große Mühe, die Kooperation als unspektakulär darzustellen und betonen, dass Brainpool nur eine von mehr als hundert Firmen ist, mit denen der NDR zusammenarbeitet. Sie tun das aber so angestrengt, dass erst recht der Eindruck entsteht, dass es sich um ein Politikum handelt. Der ARD-Grand-Prix-Chef Thomas Schreiber sagte vor einigen Wochen, man arbeite mit Brainpool unter anderem deshalb zusammen, weil die Firma schon in der Düsseldorfer Arena produziert hat und es nicht viele Produktionsfirmen und Sender gebe, die mit solchen Dimensionen umgehen könne. Er räumte ein, dass es auch intern kritische Fragen gebe. Er hoffe aber, dass auch die Kritiker nach der gelungenen Show einsähen, dass es eine gute Kooperation war.

Nun ja. Tatsächlich macht das, was man in Düsseldorf von den Grand-Prix-Shows sehen kann, einen hervorragenden Eindruck. Drumherum gibt es aber einiges Grummeln bei ARD-Mitarbeitern, die sich als Mitarbeiter zweiter Klasse behandelt fühlen. Kameraleute vom NDR dürfen oder müssen vor Ort die Pressekonferenzen filmen und zusehen, wie dafür Brainpool-Leute beim Produzieren fürs Fernsehen das tun, was ihrer Meinung nach ihre Aufgabe wäre.

Für die „Show für Deutschland“ müssten sie sich jedenfalls beide schämen. Die ARD. Und Brainpool.

Keine große Leuchte

08 Mai 11
8. Mai 2011
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Wie die LED das Fernsehen verändert hat und es aufregender und einfallsloser machte.

Manchmal ist Größe doch alles. Wenn in Düsseldorf in der kommenden Woche ein pausbäckiger Finne mit seiner Gitarre auf einer Bühne steht und sein Lied von dem kleinen Paul singt, der hinausging, die Welt zu retten, funkelt hinter ihm ein gewaltiger Sternhimmel. Und dann: geht die Erde auf.

Das ist die mit Abstand naheliegendste Idee, einen solchen Schlager zu illustrieren, doch so hat man das noch nie gesehen. Die Dimensionen dieses blauen Planeten, der sich da langsam von unten ins Bild schiebt, sind ungeheuerlich. Die Leinwand, auf der er erscheint, ist zehnmal so hoch wie der Mann, der vor ihr steht, und breit wie ein Fußballfeld. Fast provozierend detailgetreu drehen sich Wolken, Meere und Kontinente. Es wirkt so erhaben und monumental, als hätte jemand einen Weltraumspaziergang bei perfekten Bedingungen in hochauflösender Qualität gedreht.

Eine Unzahl kleiner Leuchtdioden, die aneinandergesteckt in einem Gerüst von der Decke des Studios hängen, das eigentlich ein Fußballstadion ist, bilden diesen über tausend Quadratmeter großen temporären Bildschirm. Wenn in der kommenden Woche der Eurovision Song Contest ausgetragen wird, werden darauf mit den Moldauern bunte irre Zeichentrickmännchen tanzen, zum griechischen Beitrag surreal große Vorhänge ionische Säulen umwehen und hinter den Sängern aus Mazedonien scheinbar ganze Räume rotieren.

Florian Wieder ist ungefähr der Einzige, der sich nicht überwältigt zeigt von den Dimensionen dieser Spielfläche. „Die Arena ist groß, deshalb musste die LED-Wand auch so groß werden“, sagt er achselzuckend. Er hat es leicht, sich unbeeindruckt zu geben, denn er ist als Designer nicht nur für die Bühne beim Grand Prix verantwortlich, sondern hat schon ungezählte Materialschlachten geschlagen, um Fernsehshows imposant aussehen zu lassen. Dass er heute mit seiner Firma weltweit gefragt ist, hängt nicht zuletzt mit dieser Technik zusammen, die in den vergangenen zehn Jahren das Fernsehen erobert und verändert hat: der LED.

Ihren Siegeszug begann die Light Emitting Diode unauffällig: als Beleuchtung von Kanten und Bühnenrändern. Wer früher eine Lichtleiste setzen wollte, musste Glühlampen nehmen, die groß waren, heiß wurden und nur jeweils eine Farbe haben konnten. Leuchtdioden waren viel handlicher und flexibler. Die Revolution begann damit, die Lichtpunkte zu ganzen Bildern zusammenzusetzen. Über Computer, sogenannte Mediaserver, erfahren die Dioden, wann sie wie zu leuchten haben. Jede LED wird zu einem Pixel, und im richtigen Abstand wird aus den Pixeln ein Bild. Am Anfang, als er die Technik im Bühnenbild der RTL-2-Show einsetzte, erzählt Rainer Otto von der Firma OM Design, sei dieses Bild so grobkörnig gewesen, dass es nur ganz hinten oben im Publikum gut aussah. Inzwischen ist die Auflösung so hoch, dass die Bilder erstaunlich realistisch wirken. Wenn da schwarze Riesendiamanten durch den Raum fliegen, fliegen da schwarze Riesendiamanten durch den Raum.

Die LED-Technik, aber auch moderne Projektionen mit Beamern, sind die Erfüllung des Traums, ohne große Umbauarbeiten beliebige Kulissen herbeizaubern zu können – ein Traum, der in psychedelisch bunten Farben schon in den frühen siebziger Jahren geträumt wurde. Damals war die Technik der Blue-Box neu, bei der die Akteure vor einem einfarbigen Hintergrund stehen, der herausgestanzt und durch andere Aufnahmen ersetzt wird. Die Begeisterung darüber war so groß, dass einige Jahre lang alles getan wurde, was möglich war, egal, ob es sinnvoll war.

Manchmal scheint es, als befinde sich das Fernsehen gerade in Bezug auf LED-Wände in einer ähnlichen Phase. Einerseits sind die kreativen Möglichkeiten, die sie bieten, schier grenzenlos. Andererseits verführen sie dazu, schon das Aufstellen einer technisch eindrucksvollen Wand mit einer kreativen Idee zu verwechseln. Berüchtigt sind Standard-Animationen von Wolken, die sich günstig einkaufen lassen und immer passen, also nie. „Es gibt schon einen Hang dazu, viel Geld für die Technik auszugeben und dann am Grafiker zu sparen, der gute, maßgeschneiderte Inhalte erstellt“, kritisiert Rainer Otto.

Die RTL-Castingsoap „Deutschland sucht den Superstar“ zeigt gut Chancen und Fluch des LED-Einsatzes. Das Studio ist voll von LED-Wänden, -Tonnen,

-Bändern, -Stegen und -Bühnen. Florian Wieder, der es gestaltet hat, machte sich damit international einen Namen – unter anderem mit der Idee, LEDs auch im Boden auszulegen und es aussehen zu lassen, als träten die Kandidaten auf ihren eigenen, animierten Konterfeis auf. Nichts an dieser Präsentation ist Understatement, „alles ist 150 Prozent, fast schon eine Parodie auf die Inszenierung von Weltstars“, räumt Wieder ein. Es ist eine faszinierende Flimmerwelt, die in Sekundenschnelle auf eine andere Stimmung umschalten kann, in der ununterbrochen Namen durchs Bild flackern und meterhohe Zeitlupenaufnahmen der Auftritte zu sehen sind; ein gewollter Overkill, eine Reizüberflutung für ein Publikum, dem man sicherheitshalber keine Sekunde zumuten möchte, nur einem vermeintlichen Nachwuchssänger zusehen zu müssen.

„Ich nutze dieses Zeug jetzt seit zehn Jahren“, sagt Florian Wieder, „und je länger ich das mache, umso weniger tue ich es eigentlich. LEDs sind ja nur ein Mittel zum Zweck. Die Idee besteht eher darin, über Video Inszenierungen zu kreieren. Wenn man das clever einsetzt, kann es sehr cool sein.“ Er gerät ins Schwärmen, vom aufregenden Spiel mit der Perspektive oder dem Auftritt von Taylor Swift bei den Video Music Awards von MTV im vergangenen Jahr, die sehr klein und sehr groß in einem riesigen schwarzen Raum stand, in dem Wörter auftauchten und wieder zerbröselten. Die Flächen sind faszinierende Leinwände für Videokünstler wie Falk Rosenthal, der für den Inhalt der LED-Wand beim Eurovision Song Contest verantwortlich ist.

Aber die Gefahr ist, dass die Technik mit all der Opulenz, die sie ermöglicht, nicht mehr der Inszenierung des Künstlers dient, sondern der Künstler nur noch Bestandteil einer Bühnen-Inszenierung ist. (Angesichts einiger Kandidaten beim Grand-Prix ist das natürlich nicht immer das Schlimmste, das passieren kann.)

Angesichts der Allgegenwart der mit „Content“ bespielten Flächen fällt es schwer, sich zu vergegenwärtigen, wie jung diese Technik ist. Beim Eurovision Song Contest 1983 in München steckte der künstlerische Ehrgeiz in Blumengestecken, die die Nationalflaggen nachbildeten; das Bühnenbild war ein Geflecht aus einer Art Heizdraht, das im Rhythmus der Musik aufglimmte. Erst seit 2000 erobert die LED-Wand den Bildschirm, dann aber mit Macht. Die Serben bauten aus Leuchtdioden die Mündung der Save in die Donau als Bühnenbild nach, die Russen verbauten vor zwei Jahren den größten Teil aller damals überhaupt verfügbaren LED-Flächen und ließen sie teilweise über der Bühne rotieren.

Mehr geht kaum, besser vermutlich schon. Auf der Düsseldorfer Eurovisions-Bühne kontrastieren Florian Wieder und der Licht-Designer Jerry Appelt die Videos auf der LED-Wand auffallend oft mit wärmer und greifbarer wirkenden Scheinwerferstrahlen, die durch feinen Dauernebel in der Halle sichtbar gemacht werden. Wenn es nach den Veranstaltern gegangen wäre, hätten auch mehr Länder mit realen Gegenständen auf der Bühne gestanden, um einen Kontrast zur Virtualität hinter ihnen zu bilden. Aber die meisten Delegationen wollten das nicht. Einige müssen ohnehin mit der Enttäuschung fertig werden, dass die Riesenleinwand, von der sie so viel gehört hatten, bei ihnen gar nicht genutzt wird – um eine Abwechslung in der Dramaturgie zu erzeugen.

Florian Wieder steht oben in den Rängen, schaut hinunter in die Arena, die vollgepackt ist mit Tausenden beweglichen Scheinwerfern aller Art, in der sich bespielbare LED-Flächen unter der Decke ausbreiten und am Boden von der Bühne bis weit in den Zuschauerraum, und erzählt, dass man eigentlich noch sehr viel mehr „Spielzeuge“ hätte gebrauchen können, um die 43 Titel abwechslungsreich in Szene zu setzen.

Und dann gab es noch die Idee, die Zuschauer in der Halle alle mit einem LED-Element auszustatten, jeder Mensch ein Pixel, und daraus lebende Bilder zu malen. Das war aber zu aufwendig. Für dieses Mal.

Armenien? Und Lena auf Platz 5?

29 Mai 10
29. Mai 2010

Jetzt höre ich seit über einer Woche Proben, verfolge öffentliche Auftritte, rede mit Kollegen — und bin kein bisschen schlauer, wer wohl den Eurovision Song Contest 2010 gewinnen wird. Nach wie vor glaube ich nicht an einen deutschen Sieg — allerdings fällt mir auch niemand ein, auf den es stattdessen hinauslaufen müsste. Wenn man heute Abend zum Auftakt der Show „Fairytale“ von Alexander Rybak (in einem gewagten neuen Arrangement) hört und sieht, wird wieder klar, was das Zwingende dieses Titels im vergangenen Jahr war, das kein Kandidat in diesem Jahr hat: diese Mischung aus Eingängigkeit und So-noch-nicht-Gehörtem, aus folkloristischen Elementen und schlichtem Pop, und diese Energie.

Lenas Chance ist klar: in dem Potpourri höchst durchinszenierter Auftritte, perfekt einstudierter Bewegungen, überladener Choreographien und operettenhafter Stimmen durch Natürlichkeit und Reduktion aufzufallen. Das könnte schon gelingen, aber bei der ersten Durchlaufprobe gestern hatte ich andererseits auch nicht das Gefühl, dass sie so sehr auffällt und in Erinnerung bleibt, wie es nötig wäre.

Ich tippe jetzt einfach mal, um irgendwas zu tippen, auf Platz 5.

Allen Finalisten in diesem Jahr fehlt für meinen Geschmack das gewisse Etwas. Vieles ist nett, professionell, wenig komplett misslungen — aber trotz meiner Schwäche für große Grand-Prix-Hymnen packt mich weder Irland noch Portugal noch Norwegen so richtig. Vielleicht funktionieren inmitten der ganzen Balladen die Gute-Laune-Nummern aus Griechenland und Frankreich, vielleicht reicht es, wenn ganz Ex-Jugoslawien auf diese merkwürdige Balkanpopnummer aus Serbien abfährt, vielleicht haben Armenien oder Aserbaidschan das Geheimrezept gefunden, regionale Identifikationsmöglichkeiten mit westeuropäisch kompatiblen, halbmodernen Songs zu kombinieren, und ganz möchte ich nicht einmal ausschließen, dass wir uns nächstes Jahr in Minsk wiedersehen, was auch eine sehr spezielle Erfahrung werden dürfte. (Und nichts gegen die tollen aufklappenden Schmetterlingsflügel!)

Die größte Enttäuschung für mich wäre ein Sieg für die plastikhafteste Nummer von allen: Dänemark.

Ich tippe jetzt einfach mal, um irgendwas zu tippen, auf Armenien.

In ein paar Stunden sind wir schlauer. Und das Schöne am Grand Prix ist, dass es sich mit ihm verhält wie mit Fußball: Es ist total wichtig, wer gewinnt. Und fast völlig egal.

Der kleine Grand-Prix-Führer findet sich diesmal natürlich nebenan im Oslog!

Nachtrag, 20.45 Uhr. Wir bloggen live aus dem Pressezelt.