Grimme-Kandidaten gucken (3)


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Die Über­schrift ist nur noch so halb sinn­voll, weil die dies­jäh­ri­gen Grimme-Preisträger ja längst fest­ste­hen. Ich möchte trotz­dem dar­auf hin­wei­sen, dass das Erste mor­gen den bezau­bern­den Fern­seh­film »Rose« zeigt, der nomi­niert war — und den Preis auch ver­dient gehabt hätte. Corinna Har­fouch spielt eine allein­er­zie­hende Mut­ter, die sich nach beweg­ten Zei­ten als Haus­be­set­ze­rin vor vie­len Jah­ren aufs Land zurück­ge­zo­gen hat, vom Schrei­ben von Gro­schen­ro­ma­nen lebt und in einem manch­mal sym­pa­thi­schen, manch­mal bedroh­li­chen Chaos mit ihren drei schon ziem­lich gro­ßen Kin­dern lebt. An der Geschichte, wie diese Fami­lie ihre Soll­bruch­stel­len fin­det, ist das Beson­dere, wie voll­stän­dig sie durch die Liebe zu ihren Figu­ren alle Kli­schees mei­det. Sie ist leicht, ohne schlicht zu sein.

»Rose«, aus­ge­zeich­net mit dem Deut­schen Fern­seh­preis 2007 als bes­ter Fern­seh­film, Mitt­woch, 20.15 Uhr, im Ersten.

Grimme-Preis 2008

Am Ende war es so span­nend, dass man die Ent­schei­dung live im Fern­se­hen hätte zei­gen und von einem Sport­re­por­ter kom­men­tie­ren las­sen kön­nen. Erst hätte er erzählt, wie erstaun­lich dicht das Feld hin­ter dem ein­sam Füh­ren­den bei­sam­men lag. Dann atem­los beschrie­ben, wie der Schieds­rich­ter hin­zu­ge­zo­gen wer­den musste, als sich her­aus­stellte, dass ein Juror ver­se­hent­lich seine Punkte falsch ver­ge­ben hatte. Als nächs­tes in Zeit­lupe die ent­schei­den­den letz­ten Abstim­mun­gen per Hand­zei­chen gezeigt, die teil­weise wie­der­holt wer­den muss­ten, weil es Unklar­hei­ten bei der Zäh­lung gab. Und schließ­lich hätte er ganz sicher von einem sen­sa­tio­nel­len »Foto-Finish« gespro­chen, von dem knappst­mög­li­chen Ergeb­nis, mit dem sich das 70er-Jahre-Ost-Drama »An die Grenze« beim Ren­nen um den letz­ten zu ver­ge­ben­den Grimme-Preis 2008 der Jury »Fik­tion« an dem 60er-Jahre-West-Drama »Con­ter­gan« vorbeischob.

Aber das Drama in die­ser Jury in die­sem Jahr war eines der bes­ten Art: Es gab ein­fach zu viele gute Sen­dun­gen. Lächer­li­che fünf Preise konn­ten wir ver­ge­ben — ver­mut­lich hät­ten sich für zehn Nomi­nierte Mehr­hei­ten fin­den las­sen. Und einen fei­nen Kan­di­da­ten hat­ten wir ange­sichts des Qua­li­täts­über­schus­ses sogar schon wei­ter­ge­reicht in die Jury »Unter­hal­tung«: die ori­gi­nelle Krimi-Comedy-Serie »Dr. Psy­cho« mit Chris­tian Ulmen. Nicht weil sie nicht auch Fans in unse­rer Jury Fik­tion hatte, son­dern weil abzu­se­hen war, dass sie sich gegen die gro­ßen Fern­seh­spiele schwer tun würde und bes­sere Chan­cen in der Kate­go­rie »Unter­hal­tung« hätte.

(Hat auch geklappt: »Dr. Psy­cho« und das gran­diose Sat.1-Special »Fröh­li­che Weih­nach­ten mit Wolf­gang und Anne­liese« mit Anke Engelke und Bas­tian Pas­tewka sind die bei­den Grimme-Preis-Träger der Jury »Unter­hal­tung« in die­sem Jahr, was mich sehr freut.)

Aber zurück zur Jury »Fik­tion«: Es war ein Jahr, in dem viele ver­meint­lich kleine Filme glänz­ten, eher die leise und genau erzähl­ten Geschich­ten als die auf­merk­sam­keits­hei­schen­den High­lights, Mate­ri­al­schlach­ten und Viel­tei­ler. Viel­leicht ist es dafür sogar ganz sym­pto­ma­tisch, dass am Ende auch noch — wie gesagt: ganz knapp — der Zwei­tei­ler an einem Grimme-Preis vor­bei­schrammte, der (teils unfrei­wil­lig) beson­ders viel Auf­merk­sam­keit bekom­men hatte: »Con­ter­gan«. Nicht gereicht hat es am Ende lei­der auch für bezau­bern­den Film »Rose« mit Corinna Har­fouch, der mit außer­or­dent­li­cher Liebe zu den Per­so­nen und ohne jedes Kli­schee die Geschichte einer allein­er­zie­hen­den Mut­ter erzählt. Zu mei­nen per­sön­li­chen Favo­ri­ten gehörte auch »Kleine Her­zen«, ein außer­ge­wöhn­li­cher »Tat­ort« aus Mün­chen, der völ­lig aus dem Krimi-Genre her­aus­fällt. Es geht um soziale Ver­wahr­lo­sung, die Über­for­de­rung einer jun­gen Mut­ter, aber erzählt ohne jede leichte Ant­wort und bil­lige Erklä­rung, dra­ma­tisch undra­ma­tisch insze­niert und mit einem her­aus­ra­gen­den Spiel von Janina Stop­per. Und schließ­lich tut es mir leid um »Der Letzte macht das Licht aus«, den Debüt zwei­ten Film von Cle­mens Schön­born, der aber zum Glück nicht leer aus­geht: Der Regis­seur bekommt das Mercedes-Benz-Förderstipendium (das im Gegen­satz zu den Grimme-Preisen auch mit einem Geld­se­gen ver­bun­den ist).

Aber dies hier sind sie, die fünf Gewin­ner, die wir nach einer knap­pen Woche in Marl, teil­weise 13-, 14-stündigen Sich­tungs– und Dis­kus­si­ons­ma­ra­thons, Hun­der­ten beleg­ten Bröt­chen und ins­ge­samt sicher einem Dut­zend Abstim­mun­gen zu Grimme-Preisträgern in der Kate­go­rie Fik­tion küren durften:

»Eine andere Liga»

Es gibt Filme, die erle­di­gen ganz allein jede Dis­kus­sion um Stra­te­gien, Sta­tu­ten und Regu­la­rien. »Eine andere Liga« ist schon ab 2004 pro­du­ziert wor­den, war 2005 beim Film­fest Emden zu sehen, lief Anfang 2006 in eini­gen Kinos. Erst 2007 kam der Film ins Fern­se­hen, für das er vor allem pro­du­ziert wurde: im Januar zeigte ihn arte, im August das ZDF. Es spricht also viel dage­gen, die­sem Film Anfang 2008 noch einen Preis zu geben. Dafür spricht: der Film. Ich glaube, kein ande­rer Bei­trag hat uns kol­lek­tiv so mit­ge­ris­sen wie die­ser. Und ob es merk­wür­dig wirkt, die­ser Preis mit die­ser Ver­spä­tung — mit der Frage haben wir uns kaum eine Minute auf­ge­hal­ten. Die Geschichte einer jun­gen deutsch-türkischen Fuß­ball­spie­le­rin, der nach einer Krebs­dia­gnose eine Brust abge­nom­men wer­den muss, ist so gran­dios erzählt, insze­niert und gespielt – und über­zeugt gerade des­halb, weil es wahr­lich nicht man­gelt an Brust­krebs­dra­men und Fil­men über Frauen, die sich in einem Män­ner­sport durch­set­zen wol­len. Ich war mir vor­her sehr sicher, keine Multikulti-Brustkrebs-Frauenfußballer-Tragikomödie sehen zu wol­len, aber dem Sog und Charme von »Eine andere Liga« kann man sich nicht ent­zie­hen. Der Film ist uner­wart­bar, frisch, leicht, aber auch auf­rich­tig, schmerz­haft, bewe­gend. Es ist ein Ver­gnü­gen, den Haupt­dar­stel­lern Karo­line Her­furth und Ken Duken zuzu­se­hen, und Thierry Van Wer­veke darf in einer wun­der­ba­ren Rolle zei­gen, dass er viel mehr kann, als nur den Dep­pen vom Dienst zu spielen.

»Eine Stadt wird erpresst»

Der siebte Grimme-Preis für Domi­nik Graf (damit liegt er gleich­auf mit Hein­rich Bre­loer). Aber es ist nicht so, wie es wir­ken könnte, dass Herr Graf ein­fach nur einen Film machen muss und dafür auto­ma­tisch dann einen Grimme-Preis bekommt. Gerade die Zahl der vor­he­ri­gen Aus­zeich­nun­gen bedeu­tet, dass die Schwelle höher liegt. Dass in der Dis­kus­sion die Frage auf­kommt: Ist die­ser Film gut genug, den vie­len Grimme-Preisen für die­sen Regis­seur einen wei­te­ren hin­zu­zu­fü­gen? Mein per­sön­li­cher Favo­rit war »Eine Stadt wird erpresst« nicht, aber die große Mehr­heit der Jury war hin und weg von der Art, wie Graf das Genre sprengte und aus einem Poli­zei­thril­ler ein Sozi­al­drama machte.

»Guten Mor­gen, Herr Gro­the»

Na bravo: Ein Schul­drama. Die Dis­kus­sion um den Zustand unse­rer Haupt­schu­len, nach Rütli, in einen Film geron­nen? Will man das sehen? Wenn es so daher­kommt wie die­ser Film: unbe­dingt. »Guten Mor­gen, Herr Gro­the« ist ein lei­ser Film zu einer lau­ten Debatte, kein ver­film­tes The­sen­pa­pier und keine melo­dra­ma­ti­sche Anklage. Er mei­det schlichte Bot­schaf­ten und Kli­schees, er denun­ziert seine Prot­ago­nis­ten nicht. Weil der Film keine bil­li­gen Ant­wor­ten lie­fert, ist es umso schwe­rer, sich den Fra­gen, die er auf­wirft, zu ent­zie­hen. Es ist ein außer­or­dent­lich inten­si­ver, genauer Film, der nicht über­höht, son­dern einen Aus­schnitt aus unse­rer Welt zeigt, der ver­mut­lich typisch und rea­li­sitsch ist. Das Buch von Beate Lang­maack roman­ti­siert nicht die Situa­tion an den deut­schen Haupt­schu­len und die Mög­lich­kei­ten, durch per­sön­li­ches Enga­ge­ment etwas zu ver­bes­sern, es weckt keine fal­schen Hoff­nun­gen, belässt es aber auch nicht bei völ­li­ger Hoff­nungs­lo­sig­keit. Die Regie von Lars Kraume nimmt die Zuschauer mit in den Klas­sen­raum und macht es uns unmög­lich, die Pro­bleme dort als die ande­rer Leute, ande­rer Milieus abzutun.

»An die Grenze»

Auch so ein Film, der leise daher kommt. Nicht der ulti­ma­tive Event-Zweiteiler zum Mau­er­bau oder das über­all bewor­bene Geschichts­drama zum Mau­er­fall, mit all den Kom­pro­mis­sen, die diese Spek­ta­kel machen müs­sen, den Ver­ein­fa­chun­gen und Über­trei­bun­gen. »An die Grenze« erzählt die Geschichte eines jun­gen Grenz­sol­da­ten, der ver­mut­lich typisch ist für viele, ohne des­halb für sie alle ste­hen zu müs­sen. Er ist kein ange­pass­ter Kar­rie­rist, aber auch kein Revo­lu­tio­när und wird, wie sie alle, mit der unmög­li­chen Pflicht kon­fron­tiert, im Zwei­fel auf die eige­nen Lands­leute schie­ßen zu müs­sen. »Pris­ma­tisch« ver­an­schau­li­che der Film das Leben zwi­schen Lan­ge­weile und Gewalt und die »mora­li­schen Zumu­tun­gen einer Dik­ta­tur«, schrieb der Sen­der. Das stimmt, und er tut das mit einer sol­chen Genau­ig­keit, ohne Über­heb­lich­keit oder schril­len Töne.

»KDD – Kri­mi­nal­dau­er­dienst»

Ein Teil des Prei­ses müsste an das ZDF gehen, allein für den Mut, eine Kri­mi­se­rie wie diese pro­du­zie­ren zu las­sen, und dann noch für den Frei­tag­abend, wo sonst »Der Alte« ver­sucht, sich so lange nicht zu bewe­gen, bis der Fall gelöst ist. Ein »Courage«-Grimme? Nein, denn »KDD« ist nicht nur mutig, son­dern auch gelun­gen: Die Serie ist extrem schnell und hart, ver­stö­rend, modern, mischt Hand­lungs­stränge, die sich über viele Fol­gen erstre­cken, mit Epi­so­den­fäl­len, die manch­mal nicht mehr als vier, fünf Minu­ten dau­ern. Erzählt einer­seits rea­lis­ti­sche und bedrü­ckende Geschich­ten von Ver­wahr­lo­sung und Nie­der­gang im deut­schen All­tag und scheut sich ande­rer­seits nicht vor abwe­gi­gen Wen­dun­gen, die der Span­nung und der Unter­hal­tung die­nen, fast wie eine Soap. Der Grimme-Preis für »KDD« ist, so blöd das klingt, ein beson­ders wich­ti­ger. Er soll nicht zuletzt ein Ansporn sein, wei­ter sol­che Ver­su­che zu wagen, krea­tiv zu sein und neue Wege zu gehen, auch wenn sie nicht sofort mit den Quo­ten belohnt wer­den, die sie ver­dient hätten.

Alle Grimme-Preisträger, auch aus der Kate­go­rie »Infor­ma­tion«, ste­hen hier — zusam­men mit den aus­führ­li­chen Begrün­dun­gen der Jurys.

(Mein klei­nes Jury-Tagebuch »Marl­zeit« in fünf Tei­len: 1, 2, 3, 4, 5.)

Experten-Casting bei »Zapp«

Eine Zeit­lang war ich so oft als »Experte« im NDR-Medienmagazin »Zapp« zu sehen, dass sich schon Leute lus­tig gemacht haben. Diese Woche woll­ten sie mich nicht haben.

Vor ein paar Tagen rief eine Kol­le­gin von »Zapp« an und sagte, sie woll­ten etwas dar­über machen, dass »Extreme Activity« den Grimme-Preis gewin­nen würde, und ob ich das nicht auch schlimm fände. Ich sagte ihr, dass ich das nicht schlimm fände. Sie sagte, dass ich dann lei­der nicht der geeig­nete Inter­view­part­ner zum Thema sei, und fragte noch, ob ich nicht jeman­den wüsste, der das schlimm fände. Ich emp­fahl ihr Jana Hen­sel, aber wenn ich mich recht erin­nere, war sie auf die schon selbst gekommen.

Lus­ti­ger­weise weiß ich inzwi­schen von einem Kol­le­gen, dass er genau so einen Anruf von »Zapp« bekom­men hat, lei­der auch nicht mit Empö­rung die­nen konnte und des­halb eben­falls als Gesprächs­part­ner ausschied.

Der fer­tige »Zapp«-Beitrag zeigt dann, dass es nicht darin lag, dass man schon 27 Für­spre­cher für »Extreme Activity« gefun­den hatte. Son­dern weil man kei­nen Für­spre­cher in dem Bei­trag haben wollte.

Damit es keine Miss­ver­ständ­nisse gibt: Ich halte das nicht für einen Skan­dal. Ich finde es nur ein klei­nes, anschau­li­ches Bei­spiel dafür, wie Jour­na­lis­ten arbeiten.

Und damit auch der letzte »Zapp«-Zuschauer ver­steht, was für ein Skan­dal es ist, einer sol­chen Kin­der­gar­ten­show den Adolf-Grimme-Preis zu ver­lei­hen, schraubt die Anmo­de­ra­tion des Bei­trags die Fall­höhe ins Schwindelerregende:

Adolf Grimme war ein Mann mit Mut. Uner­schro­cken enga­gierte er sich für die »Frei­heit des Wor­tes« — ob im Wider­stand gegen das NS-Regimes oder spä­ter als ers­ter Gene­ral­di­rek­tor des Nord­west­deut­schen Rund­funks. Mit dem nach ihm benann­ten Fern­seh­preis des Deut­schen Volkshochschul-Verbandes sol­len des­halb Sen­dun­gen und Filme gewür­digt wer­den, die im Sinne Adolf Grim­mes vor­bild­lich sind.

Wow. Wel­che Fern­seh­sen­dung würde die­sem Anspruch genü­gen: dem Vor­bild des uner­schro­cke­nen Freiheit-Verteidigers und NS-Widerstandskämpfers zu fol­gen? Zum Glück ist das — anders als uns »Zapp« glau­ben machen will — kei­nes­wegs der Maß­stab für einen Grimme-Preis. Die aus­ge­zeich­ne­ten Sen­dun­gen sol­len »nur« vor­bild­lich für die »Pro­gramm­pra­xis« sein.

Ungleich ein­sei­ti­ger, irre­füh­ren­der und bös­ar­ti­ger als der Grimme-Beitrag ist aller­dings der »Zapp«-Beitrag über Gün­ther Jauch und sei­nen ver­lo­re­nen Pro­zess gegen einen »Bild am Sonntag«-Reporter. Aber ich weiß noch nicht, ob ich Lust habe, mich damit hier im Detail auseinanderzusetzen.

Großer Murks

Das Schöne am Grimme-Preis ist, dass man über ihn dis­ku­tie­ren darf. Dass die Jury ihre Ent­schei­dun­gen begrün­det und es nicht nur erlaubt, son­dern sogar gewollt ist, den Ent­schei­dungs­pro­zess in Arti­keln trans­pa­rent zu machen.

Inso­fern geht es auch völ­lig in Ord­nung, dass Jana Hen­sel, die mit sie­ben Kol­le­gen und mir in der neu geschaf­fe­nen Jury »Unter­hal­tung« saß, nun in der »Süd­deut­schen Zei­tung« schreibt, unsere mehr­heit­lich getrof­fene Ent­schei­dung sei »gro­ßer Murks«. Und natür­lich kann man dar­über strei­ten, ob denn eine Sen­dung wie »Extreme Activity«, die nicht mehr ist als ein lus­ti­ger Kin­der­ge­burts­tag (aber, bei einer guten Folge, ein sehr lus­ti­ger Kin­der­ge­burts­tag) einen Preis gewin­nen soll, dem man gerne Adjek­tive wie »renom­miert« oder auch »alter­wür­dig« schenkt. Man soll sogar dar­über streiten.

Ich hatte mich eher für »Schlag den Raab« stark gemacht, weil ich das für die muti­gere Sen­dung halte. Ande­rer­seits hat sie nicht nur unfass­bare Län­gen, son­dern ist auch in vie­ler Hin­sicht noch unfer­tig, vor allem in der Pre­mieren­sen­dung, um die es bei Grimme ging. »Extreme Activity« ist dage­gen viel risi­ko­lo­ser, aber per­fekt pro­du­ziert. Das Tempo stimmt, die Beset­zung, das Stu­dio, die Mode­ra­tion, die Spiel­re­geln; alles ist sehr kurz­wei­lig. Ja: flüch­tig auch, da gibt es kei­nen, aber wirk­lich: kei­nen Anspruch jen­seits des­sen, die Zuschauer 60 Minu­ten zu amü­sie­ren. Aber das muss man ja erst ein­mal schaffen.

Und dafür einen Grimme-Preis? Wie gesagt: dar­über darf man strei­ten. Aber viel­leicht müsste man nicht gleich so tun, als erschüt­tere diese Ent­schei­dung den Preis in sei­nen Grund­fes­ten, und über den Text schrei­ben: »Bis­her war der Grimme-Preis in der Medi­en­bran­che gleich­be­deu­tend mit einem Rit­ter­schlag«, als sei das nun nicht mehr der Fall.

Frau Hen­sel macht noch einen Exkurs in die Geschichte:

Ein kur­zer Blick zurück: Beim Deut­schen Fern­seh­preis hat man in der Kate­go­rie »Unter­hal­tung« Erfah­rung, denn in ihr hier wird die beste Unter­hal­tungs­sen­dung gekürt. Als 2005 Cle­ver und 2006 Genial dane­ben mit Hugo Egon Bal­der gewann, kom­men­tier­ten die Beob­ach­ter diese Ent­schei­dung mit den betre­te­nen Wor­ten, im nächs­ten Jahr wür­den diese Preis­trä­ger ohne­hin ver­ges­sen sein.

Taten sie? Wer? Und warum? »Genial dane­ben« gewann den Preis 2004, die Sen­dung war eine echte Inno­va­tion und läuft immer noch.

Wei­ter im Text:

Tat­säch­lich jedoch, und das zeigt der Grimme-Preis für Extreme Activity, hat sich das Pro­blem längst ver­ste­tigt: In Deutsch­land scheint nie­mand zu wis­sen oder sagen zu kön­nen, was gute Unter­hal­tung ist.

Nie­mand, außer Frau Hen­sel natürlich:

Dabei wären es auch hier so sim­ple Kate­go­rien wie Krea­ti­vi­tät und Inno­va­tion, die man aus­zeich­nen könnte.

Die sim­ple Kate­go­rie Krea­ti­vi­tät, soso. Na dann ist es ja ein­fach. Man setzt sich hin, lässt sich von einem Exper­ten (sagen wir: Jana Hen­sel) erklä­ren, wel­che Sen­dung krea­tiv ist, wel­che nur mit­tel­krea­tiv und wel­che superk­rea­tiv, und zeich­net Letz­te­res aus.

Die Jury jedoch, das wurde in der inter­nen Dis­kus­sion deut­lich, tappte in die Falle. Man freute sich am meis­ten über die Sen­dun­gen, die die meis­ten Lacher pro­du­zier­ten, die am bes­ten sinn­frei unter­hal­ten konn­ten, so, als setze die Kate­go­rie »Unter­hal­tung« die Ver­ab­schie­dung von allen ana­ly­ti­schen, benenn­ba­ren Kate­go­rien voraus.

Nun ist aber mal gut. Soweit ich mich erin­nere, hat sich nie­mand in der Jury von ana­ly­ti­schen Kate­go­rien ver­ab­schie­det. Es gab ein­fach unter­schied­li­che Mei­nun­gen, wel­che »ana­ly­ti­schen Kate­go­rien« ent­schei­dend sein soll­ten und inwie­weit sie erfüllt waren. Und die Mehr­heit fand, dass Kri­te­rien wie »Tempo«, »gute Mode­ra­tion«, »gelun­ge­nes Cas­ting« oder »funk­tio­nie­ren­des Spiel­prin­zip« in einer Jury, die sich expli­zit und aus­schließ­lich mit »Unter­hal­tung« aus­ein­an­der­set­zen sollte, durch­aus rele­vant waren. (Und was spricht eigent­lich gegen die eher empi­ri­sche als ana­ly­ti­sche Kate­go­rie: »pro­du­ziert die meis­ten Lacher«?)

Frau Hen­sel war ande­rer Mei­nung. Viel­leicht müsste sie uns ande­ren den­noch nicht gleich zu Idio­ten erklären.