Ausgestrunzt

Claus Strunz räumt sei­nen Pos­ten als Chef­re­dak­teur des »Ham­bur­ger Abend­blat­tes« und ver­ant­wor­tet von Juli an die Bewegtbild-Inhalte der Axel Sprin­ger AG, was inso­fern kon­se­quent ist, als Videos ja jour­na­lis­tisch bestimmt in den Kreis der Top vier neben »FAZ«, »Süd­deut­sche Zei­tung« und »Welt« gehö­ren. Außer­dem geht Herr Strunz gerne dann, wenn es am Schöns­ten ist, und schö­ner wäre es beim »Abend­blatt« unter ihm ver­mut­lich nicht mehr geworden.

Der Bra­an­chen­dienst »Mee­dia« schwur­belt:

Ein Blick auf die Auf­la­gen­ent­wick­lung von Abend­blatt zeigt, dass der Käu­fer­markt für das ren­di­te­starke Regional-Flaggschiff von Sprin­ger unter Druck steht (…).

Das soll wohl hei­ßen: Immer weni­ger Men­schen kau­fen das »Ham­bur­ger Abend­blatt«. Und seit Claus Strunz dort vor zwei­ein­halb Jah­ren Chef­re­dak­teur wurde, ist alles noch schlim­mer geworden.

Der Ein­zel­ver­kauf ist im ers­ten Quar­tal gegen­über dem Vor­jahr um erstaun­li­che 13,5 Pro­zent zurück­ge­gan­gen. Die Zahl der Abon­nen­ten sank im glei­chen Zeit­raum um fast fünf Pro­zent — so schnell wie die zehn Jahre zuvor nicht.

Dabei hatte Strunz ein Jahr nach sei­nem Antritt behaup­tet, die Print-Auflage »wei­test­ge­hend sta­bi­li­siert« zu haben (was auch damals schon halb gelo­gen war); Sprin­ger hatte von einer Trend­wende gespro­chen. Dass sich kein Auf­schwung ein­stel­len wollte, kann jeden­falls nicht an man­geln­der hei­ßer Luft gele­gen haben. Strunz erfand sogar den Begriff »Abend­blatt 3.0″. Der sollte ste­hen für: das Jahr 3000, einen mehr als »2.0″ sowie die drei Säu­len Loka­les, Regio­na­les und Bundesweites.

Nun darf Strunz nicht ein­mal drei Jahre voll machen.

Aber man muss den Springer-Verlag als Arbeit­ge­ber für die Treue zu sei­nem Lei­tungs­per­so­nal bewun­dern: Bis­lang fand sich für jeden immer noch ein Titel und ein Schreib­tisch, wo er — unbe­las­tet von den Unhei­l­an­rich­tungs­mög­lich­kei­ten des Tages­be­triebs — vor sich hin­wer­keln konnte. Für Strunz wurde der Bereich »TV– und Video­pro­duk­tio­nen« neu geschaf­fen. Strunz berich­tet sicher­heits­hal­ber direkt an den Vorstandsvorsitzenden.

Ver­mut­lich cas­tet er in die­sem Moment schon vor dem Bade­zim­mer­spie­gel Mode­ra­to­ren für neue Videoformate.

Wider die Kostenloskultur im Netz

Aussichtslos, selbstmörderisch, unverschämt

Die Axel Sprin­ger AG hat also das »Ham­bur­ger Abend­blatt« dazu erko­ren, der Bran­che vor­zu­ma­chen, wie Bezahl­in­halte (»Paid Con­tent«) im Inter­net ver­mut­lich nicht funktionieren.

Ohne jede Ankün­di­gung stan­den die Leser heute plötz­lich vor geschlos­se­nen Schran­ken mit Euro-Zeichen. Und nicht nur die Leser: Auch viele Mit­ar­bei­ter wuss­ten nichts davon, dass die Ange­bote, für die sie arbei­ten, nicht mehr frei zugäng­lich sind. Die Online-Inhalte der Lokal­aus­ga­ben sind kom­plett kos­ten­pflich­tig; in den Haupt-Ressorts ist es eine grö­ßere Auswahl.

Wer alle Texte lesen will, muss ent­we­der Abon­nent der gedruck­ten Zei­tung sein oder für 7,95 Euro im Monat Abon­nent der Online-Ausgabe wer­den. Sich einen ein­zel­nen Arti­kel, an dem man beson­ders inter­es­siert ist oder über den man viel­leicht bei Google gesto­ßen ist, für ein paar Cent frei­zu­schal­ten, ist nicht mög­lich. Damit folgt das »Abend­blatt« exakt der töd­li­chen Stra­te­gie der Musik­in­dus­trie, die sich jah­re­lang gewei­gert hatte, dem offen­kun­di­gen und tech­nisch leicht zu erfül­len­den Wunsch der Kund­schaft nach­zu­kom­men, ein­zelne Musik­ti­tel erwer­ben zu kön­nen. Die Musik­in­dus­trie aber wollte um jeden Preis am für sie lukra­ti­ven Geschäfts­mo­dell der CD fest­hal­ten — mit dem Ergeb­nis, dass sie fast am Ende ist und bran­chen­fremde Unter­neh­men wie iTu­nes jetzt groß im Geschäft sind.

Die Zei­tungs­bran­che glaubt aber immer noch, dass ihr Geschäft so läuft, dass die Leser die Inhalte gefäl­ligst so zu kau­fen haben, wie die Ver­lage sie ver­kau­fen wol­len. Die Ver­le­ger glau­ben offen­kun­dig, dass sich bei Jour­na­lis­mus nicht um eine Dienst­leis­tung han­delt, bei der die erfolgs­ver­spre­chendste Stra­te­gie die ist, die den Wün­schen der Kund­schaft so weit wie mög­lich ent­ge­gen­kommt. Sie hal­ten sich für unver­zicht­bar und ihre Pro­dukte für uner­setz­bar. Sie fol­gen der Musik­bran­che in den Abgrund.

Das Bezahl-»Konzept« des »Abend­blat­tes« ist kein neues Geschäfts­mo­dell. Es ist der ver­zwei­felte Ver­such, das alte, für die Ver­lage kom­for­ta­ble Geschäfts­mo­dell des Abon­ne­ments und des Kaufs gan­zer Zei­tun­gen, in ein neues Medium zu ret­ten, das die Kun­den von den Fes­seln sol­cher Geschäfts­mo­delle befreit.

Man muss den Text »In eige­ner Sache« vom stell­ver­tre­ten­den »Abendblatt«-Chefredakteur Mat­thias Iken lesen, der heute auf der Start­seite von abendblatt.de steht. Man könnte den­ken, dass ein Händ­ler, der plötz­lich eine so radi­kale Ver­teue­rung sei­nes Ange­bo­tes bekannt geben muss, alles dafür tut, seine Kun­den zu umwer­ben, ihm treu zu blei­ben. Ikens Text aber ist eine Frech­heit. Er liest sich fast, als müsste man sich als Leser von Online-Medien schä­men, dafür so lange nichts gezahlt zu haben. Das muss man erst ein­mal brin­gen: Bei der Bewer­bung sei­nes eige­nen »Qua­li­täts­jour­na­lis­mus« Absätze lang rum­zu­schimp­fen wie ein ein­ar­mi­ger Ren­ter 1968 über die lang­haa­ri­gen Studenten.

Viele Nut­zer, schreibt er, hät­ten »eine echte Frei­bier­men­ta­li­tät ent­wi­ckelt«. Man kann nicht oft genug wie­der­ho­len, dass das Pro­blem der Ver­lage im Inter­net nicht die angeb­lich dort herr­schende Kostenlos-Mentalität ist. Eigent­lich wür­den sich die Online-Inhalte auch allein durch Wer­bung finan­zie­ren las­sen, da die Ver­triebs– und Druck­kos­ten weg­fal­len und die Reich­weite grö­ßer ist. Der Grund, warum die Wer­be­ein­nah­men in den meis­ten Fäl­len (noch) nicht aus­rei­chen, hat nichts mit den Lesern und ihrer »Frei­bier­men­ta­li­tät« zu tun, son­dern damit, dass die Medien im Inter­net ihr Mono­pol als Wer­be­flä­chen ver­lo­ren haben. Frü­her musste ein Unter­neh­men, das Kun­den mit Wer­bung errei­chen wollte, auf Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten, Fern­se­hen, Radio und Außen­me­dien zurück­grei­fen. Heute kann es auf eine Viel­zahl wei­te­rer Wer­be­flä­chen zurück­grei­fen, dar­un­ter sol­che, die in vie­len Fäl­len ein weit­aus erfolg­ver­spre­chen­de­res Umfeld dar­stel­len als Jour­na­lis­mus: Such­ma­schi­nen zum Bei­spiel. Vor allem des­halb sind die Wer­be­er­löse im Inter­net so frus­trie­rend nied­rig: Das Ange­bot an Wer­be­flä­chen ist viel grö­ßer. Man nennt das Markt.

Und wenn der »Abendblatt«-Vize ernst­haft glaubt, dass in der Anfangs­zeit des Web vor lau­ter Begeis­te­rung über die tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten die Frage der Ein­nah­men »ver­ges­sen« wor­den sind — viel­leicht könnte ihm jemand erklä­ren, wie das zum Bei­spiel war mit Google. Wo auch alle jah­re­lang dach­ten, die hät­ten kein Geschäfts­mo­dell, dabei hat Google nur eine inter­es­sante Rei­hen­folge gewählt: Das Unter­neh­men hat erst alles daran gesetzt, die größt­mög­li­che Reich­weite auf­zu­bauen und seine Kun­den glück­lich bis süch­tig zu machen. Und dann Wege gesucht und gefun­den, diese Reich­weite und diese Treue in Geld zu ver­wan­deln. Mag sein, dass das mit Jour­na­lis­mus schwe­rer ist als mit einer Such­ma­schine. Aber wenn man die Augen fest vor der Rea­li­tät ver­schließt, ist es unmöglich.

Das Geschäfts­mo­dell der ver­gan­ge­nen Jahre nennt Iken das »Mutter-Theresa-Prinzip«, was ver­mut­lich tat­säch­lich der Selbst­wahr­neh­mung vie­ler sei­ner Kol­le­gen ent­spricht: Sie haben ihre Inhalte nicht ins Inter­net gebracht, um ihre Reich­weite zu ver­grö­ßern; um neue, junge Leser zu errei­chen; um eine Zukunft zu haben, wenn in abseh­ba­rer Zeit kaum noch Men­schen Zei­tung lesen; um mit Tex­ten, die ohne­hin durch die Print-Ausgabe schon finan­ziert waren, noch zusätz­li­che Wer­be­er­löse zu gene­rie­ren, nein: Sie haben ihre Inhalte kos­ten­los ins Inter­net gebracht als gute Gabe für die armen Men­schen, die sonst nicht wüss­ten, was in der Welt pas­siert. Das »Mutter-Theresa-Prinzip«.

Der Gedanke, dass Medien sich zumin­dest teil­weise über Wer­bung finan­zie­ren, kommt in Ikens ver­lo­ge­nem Text nicht ein­mal so vor. Er behaup­tet, man habe »ver­ges­sen, Geld zu ver­die­nen«. Er schreibt: »Wer Qua­li­täts­jour­na­lis­mus zum Null­ta­rif will, will kei­nen Qua­li­täts­jour­na­lis­mus.« Was für ein »Null­ta­rif«? Ikens Text ist umge­ben von Wer­be­flä­chen. Man kann dar­über reden, inwie­fern eine voll­stän­dige Abhän­gig­keit von Wer­be­ein­nah­men gefähr­lich sein kann für unab­hän­gi­gen Jour­na­lis­mus, aber mit jeman­dem, der so unred­lich ist wie Iken, kann und muss man dar­über nicht reden.

Iken behaup­tet, dass der Leser von abendblatt.de etwas »Wert­hal­ti­ges« bekommt (womög­lich hat irgend­ein ver­se­hent­lich ein­ge­bau­ter Rea­li­tät­scheck im Redak­ti­ons­sys­tem ver­hin­dert, dass er »wert­voll« schreibt). Er schreibt:

Längst ist der Online-Journalismus zu einer eige­nen Gat­tung gewor­den. Das ein­fa­che Ver­füg­bar­ma­chen von Tex­ten aus der Zei­tung im Netz war noch wenig ori­gi­nell, inzwi­schen aber sind neue und auf­wen­dige For­mate hinzugekommen.

Ja, »ori­gi­nell« war es natür­lich vom »Ham­bur­ger Abend­blatt«, Inhalte so für das Inter­net auf­zu­be­rei­ten, dass man Dut­zende Male kli­cken musste, um sie lesen zu kön­nen, was inso­fern natür­lich ein »auf­wen­di­ges For­mat« ist — für den Leser. Es lohnt sich übri­gens, die gewal­tige Zahl von empör­ten Leser­kom­men­ta­ren unter Ikens Text zu lesen, die kei­nes­wegs nur je zur Hälfe aus Ange­trun­ke­nen und Durs­ti­gen beste­hen, die ihr Frei­bier ver­mis­sen, son­dern auch aus ent­täusch­ten »Abendblatt«-Lesern (die ohne­hin damit geschla­gen sind, in einer Millionen-Metropole zu leben, in der das die ein­zige ernst­zu­neh­mende Lokal­zei­tung ist wäre). Das heißt: Es würde sich loh­nen, die Kom­men­tare zu lesen, wenn die qua­li­täts­be­wuss­ten Leute von abendblatt.de das nicht geschickt so pro­gram­miert hät­ten, dass man immer nur drei Bei­träge ange­zeigt bekommt. Für die aktu­ell über 300 Kom­men­tare müsste man also 100-mal klicken.

Iken fragt:

Ist es zu viel ver­langt, in Zei­ten, wo auf­ge­schäum­ter Kaf­fee im Papp­be­cher drei Euro kos­tet oder das Tele­fon­vo­ting für sinn­be­freite Casting-Shows min­des­tens 50 Cent, für das Pro­dukt Qua­li­täts­jour­na­lis­mus knapp 30 Cent am Tag zu bezahlen?

Was er offen­sicht­lich nicht ver­stan­den hat: Die Ant­wort auf diese Frage gibt nicht er. Die Ant­wort geben die Men­schen, denen viel­leicht tat­säch­lich der »Kaf­fee im Papp­be­cher« drei Euro wert ist, aber der Arti­kel aus dem »Abend­blatt«, und sei er noch so auf­wen­dig recher­chiert, keine drei Cent. Weil sie der Kaf­fee glück­lich macht, und sie sich nicht von irgend­ei­nem daher­ge­lau­fe­nen Vize-Chefredakteur bei Sprin­ger erzäh­len las­sen wol­len, ob die Casting-Show, bei der sie mit­fie­bern und mit­wäh­len, »sinn­be­freit« ist.

Die ein­zige Chance, die der Jour­na­lis­mus hat, liegt darin, den Men­schen etwas anzu­bie­ten, das sie lesen wol­len. Das einen Wert hat für sie, weil sie sich gut infor­miert füh­len oder gut unter­hal­ten oder bei­des. Das sie so gut und so wich­tig fin­den, dass sie dar­auf nicht ver­zich­ten wol­len und bereit sind, dafür etwas zu geben: Zu aller­erst ihre Zeit. Das ist der eigent­li­che Tausch, der da statt­fin­det: Leser beloh­nen Medien dadurch, dass sie ihnen Auf­merk­sam­keit schen­ken, ein rares Gut. Und viel­leicht geben sie sogar Geld. Aber dazu las­sen sie sich nur über­zeu­gen durch ein Ange­bot, das ihnen Geld Wert ist — und ver­mut­lich nicht durch das Gefühl, dass so Jour­na­lis­mus ja theo­re­tisch wich­tig ist und jemand dafür zah­len sollte. Und ganz sicher nicht durch einen Ver­käu­fer, der ihnen Vor­würfe macht, dass sie ihr Geld für sinn­lose Sachen wie »Kaf­fee in Papp­be­chern« ausgeben.

Ikens Text ist ein not­dürf­tig als Wer­be­text getarn­ter Abwas­ser­rohr­bruch. Er endet mit den Worten:

Viel­leicht ist es aus­sichts­los. Viel­leicht ist es selbst­mör­de­risch. Viel­leicht ist es auch unver­schämt. Doch vor allem ist es eins: Es ist alternativlos.

Anschei­nend glau­ben die Ver­ant­wort­li­chen beim »Abend­blatt«, die Redens­art vom »Selbst­mord aus Angst vor dem Tode« sei keine War­nung, son­dern ein Ratschlag.

Nach­träge, 17. Dezember.

Warum Paid-Content-Versuche gut sind

»Wir müs­sen als Ver­le­ger alles ver­su­chen, um eine Wirt­schafts­grund­lage für die digi­tale Welt zu schaffen.«

Das hat Mathias Döpf­ner, der Vor­stands­vor­sit­zende der Axel-Springer-AG, nicht gesagt. Gesagt hat er:

»Wir haben als Ver­le­ger gera­dezu eine hei­lige Ver­ant­wor­tung, alles zu ver­su­chen, um eine Wirt­schafts­grund­lage für die digi­tale Welt zu schaffen.«

So groß ist die Hybris die­ser Men­schen. So unge­trübt ihr Glaube an das Heils­brin­gende, das gera­dezu Gött­li­che der eige­nen Existenz.

In einem Inter­view mit der »FAZ« kün­digte Döpf­ner am Frei­tag an, bei den Online-Auftritten der Regio­nal­zei­tun­gen des Ver­la­ges ein »Freemium-Modell« einzuführen:

»All­ge­meine Nach­rich­ten sind für den Leser gra­tis, Pre­mi­um­in­halte kos­ten Geld. Wer etwa die Exklu­siv­ge­schichte aus der Stadt­ver­ord­ne­ten­sit­zung lesen möchte, das Archiv oder den Stau­mel­der nut­zen will, muss zahlen.«

Nun gibt es zwar weder in Ber­lin noch Ham­burg über­haupt Stadt­ver­ord­nete, und ich habe weder auf den Sei­ten des »Ham­bur­ger Abend­blat­tes« noch der »Ber­li­ner Mor­gen­post« Stau­mel­der gefun­den (dafür aber — kos­ten­los — auf denen von NDR und RBB), aber ver­mut­lich darf man einem Kreuz­rit­ter nicht mit so lächer­li­chen Details kom­men. So ein Döpf­ner denkt in ganz ande­ren, hei­li­gen, Kate­go­rien, und meint, dass die Leser »über Jahr­hun­derte« bewie­sen hät­ten, dass sie für wirk­lich attrak­tive Inhalte auch Geld bezah­len würden.

Nun ja.

Ganze Heer­scha­ren von Ver­le­gern haben der angeb­li­chen »Kostenlos-Kultur« im Inter­net den Kampf ange­sagt. Ange­führt von Rupert Mur­doch wol­len sie ihre Inhalte — oder wenigs­tens einen Teil davon — nur noch zah­len­den Kun­den zugäng­lich machen. Dafür ern­ten sie viel Spott von Blog­gern und Netzaktivisten.

Doch bei aller Skep­sis, ob die Pläne auf­ge­hen: Ihre Ver­su­che sind eine große Chance, weil sie die Ver­lage zu einem ent­schei­den­den Umden­ken zwin­gen. Wer über­haupt eine Chance haben will, Leser zum Bezah­len für seine Inhalte zu brin­gen, muss Qua­li­tät liefern.

Dass der deut­sche Online-Journalismus in einem so trost­lo­sen Zustand ist, liegt nicht nur an den gerin­gen Ein­nah­men. Es liegt auch daran, dass er in wei­ten Tei­len gar nicht für Leser gemacht ist, son­dern für die Klick­zäh­ler der IVW und für Google.

Jour­na­lis­mus ist eine Dienst­leis­tung, und über Jahr­tau­sende, wie Döpf­ner sagen würde, ver­such­ten gute Jour­na­lis­ten, Nach­rich­ten so auf­zu­schrei­ben, dass die Leser mög­lichst viel davon hat­ten. Ob es darum ging, Sach­ver­halte mög­lichst ein­fach oder knapp zu erklä­ren oder in gro­ßer Tiefe ver­ständ­lich zu machen — Geschäfts­grund­lage war der Ver­such, den Leser zufrie­den zu stel­len und zu einem glück­li­chen Kun­den zu machen.

Im real-existierenden Online-Journalismus geht es darum häu­fig nicht. Nicht ein­mal die komi­schen Leute vom »Ham­bur­ger Abend­blatt« wer­den anneh­men, dass sich ihre Leser freuen, wenn ihnen »alle 68 neuen Fahr­rad­sta­tio­nen« in der Stadt auf 68 ein­zel­nen Sei­ten ver­teilt prä­sen­tiert wer­den. Oder dass sie es zu schät­zen wis­sen, dass sie bis zu 175-mal kli­cken dür­fen, wenn sie her­aus­zu­fin­den wol­len, ob sie mit ihrem Auto »Gewin­ner und Ver­lie­rer bei der neuen Kfz-Steuer« sind.

Diese Klick­stre­cken sind nicht nur ein merk­wür­di­ger Spleen, sie sind ein Sym­bol für die Per­ver­sion des jour­na­lis­ti­schen Selbst­ver­ständ­nis­ses in vie­len Online-Medien. Die Unzu­frie­den­heit des Lesers wird in Kauf genom­men, um die Klick­zah­len in die Höhe zu treiben.

Außer auf die IVW ist diese Inhal­te­pro­duk­tion auch auf die Such­ma­schi­nen hin opti­miert. Ob zum Bei­spiel die Über­schrift über einem Arti­kel den Lesern gefällt, ist häu­fig nur noch ein Zweitar­gu­ment neben der wich­ti­ge­ren Frage, ob sie Google gefällt, sprich: Ob der Auf­bau und die ent­hal­te­nen Schlag­wör­ter dazu füh­ren, dass der Arti­kel weit oben in den Such­er­geb­nis­sen auftaucht.

Bei bezahl­ten Ange­bo­ten sind sol­che Kri­te­rien nach­ran­gig. Wer in einem Umfeld aus kos­ten­lo­sen Inhal­ten Geld neh­men will, kann über­haupt nur eine Chance haben, wenn er den Leser als Kun­den ernst nimmt und alle ande­ren Erwä­gun­gen sei­ner Zufrie­den­heit unter­ord­net. Ver­lage, die Inhalte kos­ten­pflich­tig machen wol­len, wer­den gezwun­gen zu über­le­gen, was ihre Ange­bote bes­ser macht als die der Kon­kur­renz oder wenigs­tens ein­zig­ar­tig. Sie wer­den Anders­ar­tig­keit als Chance ent­de­cken müs­sen und nicht mehr auf bloße Repro­duk­tion des Vor­han­de­nen set­zen kön­nen. Sie wer­den Kon­zepte ent­wi­ckeln müs­sen, wie Leser mit mög­lichst wenig Klicks an gewünschte Infor­ma­tio­nen kom­men und nicht mit mög­lichst vie­len. Viel­leicht ent­de­cken sie auch andere The­men als lukra­tiv, weil sich zwar Tril­li­ar­den von Men­schen für die neu­es­ten Britney-Spears-Gerüchte inter­es­sie­ren, wenn man sie frei Haus bekommt, aber doch eher nur einem Bruch­teil von ihnen das auch Geld wert wäre, und plötz­lich Rele­vanz wie­der ein Aus­wahl­kri­te­rium wer­den könnte. Sie wer­den so attrak­tiv sein müs­sen, dass sie Men­schen etwas wert sind, und nicht mehr bloß attrak­tiv genug, um kos­ten­los ange­klickt zu wer­den. Womög­lich wer­den die Medien sogar trans­pa­rent wer­den und ihre Feh­ler kor­ri­gie­ren, weil jemand, der für Jour­na­lis­mus zahlt, das zukünf­tig erwartet.

Okay, ein Traum.

Aber genau darum geht es ja: Die Ver­le­ger träu­men davon, für ihre jour­na­lis­ti­schen Inhalte im Inter­net Geld neh­men zu kön­nen. Sie wer­den das, wenn über­haupt, nur mit guten Jour­na­lis­ten und gutem Jour­na­lis­mus errei­chen — was bis­her nicht unbe­dingt die domi­nie­ren­den Mit­tel im Wett­lauf um Klicks und Wer­be­ein­nah­men waren.

Ich freue mich auf den Versuch.

Geht sterben (9)

(Viel­leicht machen Sie sich ein­fach den Spaß und den­ken beim Lesen die­ses Ein­tra­ges daran, wie sehr die Ver­lage die ver­meint­li­che »Kostenlos-Kultur« im Inter­net ver­flu­chen, und fra­gen sich, für wel­che der jour­na­lis­ti­schen Leis­tun­gen, die Ihnen gleich begeg­nen, Sie bereit wären, Geld zu bezah­len, und sei es noch so wenig.)

Seit eini­gen Tagen zün­det das »Ham­bur­ger Abend­blatt« ein ein­drucks­vol­les Wahl-Werbe-Feuerwerk für Ursula von der Leyen. Es mel­det, dass die Fami­li­en­mi­nis­te­rin eine mög­li­che Schwei­ne­grip­pe­imp­fung von den Kran­ken­kas­sen bezah­len las­sen will. Es berich­tet (gleich zwei­mal), dass die Fami­li­en­mi­nis­te­rin mehr Unter­stüt­zung für allein­er­zie­hende Eltern for­dert. Es freut sich (gleich zwei­mal), dass die Fami­li­en­mi­nis­te­rin Ham­burgs Fami­li­en­po­li­tik für »vor­bild­lich« hält. Es mel­det, dass die Fami­li­en­mi­nis­te­rin kri­ti­siert, dass die Dienst­wa­gen­af­färe von Ulla Schmidt dem Anse­hen der Poli­tik schade (was eine gewisse Iro­nie hat, wenn man nicht nur das »Abend­blatt« liest). Und es freut sich, dass die Fami­li­en­mi­nis­te­rin den Kampf gegen »den Schmutz« im Inter­net ver­stär­ken will.

Der Wort­wech­sel zwi­schen den »Abendblatt«-Redakteuren Jochen Gau­gele und Maike Rött­ger und der Minis­te­rin über die Säu­be­rung des Inter­nets ist ein Doku­ment jour­na­lis­ti­scher Arbeits­ver­wei­ge­rung. Nicht nur, dass den Text offen­bar vor der Ver­öf­fent­li­chung nie­mand mehr gele­sen hat. Fast jede Frage ist in dem Bewusst­sein for­mu­liert, dass Fra­ge­stel­ler und Gefragte sich einig sind. Die »Abendblatt«-Leute legen ihr einen Ball nach dem ande­ren vors Tor, damit sie ver­wan­deln kann. Sie behel­li­gen sie mit kei­nem ein­zi­gen Argu­ment der Geg­ner der Netz­sper­ren, die sogar ein ehe­ma­li­ger Bun­des­ver­fas­sungs­rich­ter für ver­fas­sungs­wid­rig hält. Sie fra­gen zum Bei­spiel auch nicht, ob die Anhän­ger der jun­gen »Pira­ten­par­tei« ein legi­ti­mes Anlie­gen haben. Sie fra­gen, ob von der Leyen nicht die Sorge habe, dass auch Unions-Wähler sich davon ange­zo­gen füh­len kön­nen. (Ant­wort: über­haupt nicht.) Am Ende machen sie sich nicht ein­mal mehr die Mühe, eine echte Frage zu formulieren.

Die Pira­ten­par­tei hat den ehe­ma­li­gen SPD-Politiker Jörg Tauss auf­ge­nom­men, der20wegen [sic] des Besit­zes von Kin­der­por­no­gra­fie ange­klagt ist. Wie kommt Ihnen das vor?

Ja, wie mag Frau von der Leyen das wohl vor­kom­men, als poli­ti­sche Geg­ne­rin von Tauss, wenn schon die »Abendblatt«-Leute es offen­kun­dig total dane­ben fin­den. (Mal abge­se­hen davon, dass Tauss noch gar nicht ange­klagt ist — vor­her muss min­des­tens noch die Immu­ni­tät des Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten auf­ge­ho­ben wer­den. Aber wen küm­mern so läs­tige Details des Rechts­staa­tes, wenn wir von ekli­gen Kin­der­schän­dern und ihren Ver­tei­di­gern reden?)

Noch bevor sie ihr Schmie­ren­stück im eige­nen Online-Auftritt ver­öf­fent­lich­ten, reich­ten die »Abendblatt«-Leute es an die Nach­rich­ten­agen­tur dpa wei­ter, die prompt dar­aus eine Mel­dung mit dem Titel »Von der Leyen will gegen rechte Inhalte vor­ge­hen« machte.

Diese Über­schrift ist in jeder Hin­sicht über­ra­schend, denn Frau von der Leyen hatte gegen­über dem »Abend­blatt« nichts der­glei­chen gesagt. Die ent­schei­dende Stelle lautet:

abendblatt.de: Sie argu­men­tie­ren, Grund­re­geln unse­rer Gesell­schaft müss­ten online wie off­line gel­ten. Warum sper­ren Sie dann nicht auch Inter­net­sei­ten, die Nazi­pro­pa­ganda ver­brei­ten oder Gewalt gegen Frauen verherrlichen?

Von der Leyen: Mir geht es jetzt um den Kampf gegen die unge­hin­derte Ver­brei­tung von Bil­dern ver­ge­wal­tig­ter Kin­der. Der Straf­tat­be­stand Kin­der­por­no­gra­fie ist klar abgrenzbar.20Doch [sic] wir wer­den wei­ter Dis­kus­sio­nen füh­ren, wie wir Mei­nungs­frei­heit, Demo­kra­tie und Men­schen­würde im Inter­net im rich­ti­gen Maß erhal­ten. Sonst droht das großar tige [sic] Inter­net ein rechts­freier Cha­os­raum zu wer­den, in dem man hem­mungs­los mob­ben, belei­di­gen und betrü­gen kann. Wo die Würde eines ande­ren ver­letzt wird, endet die eigene Frei­heit. Wel­che Schritte für den Schutz die­ser Gren­zen not­wen­dig sind, ist Teil einer unver­zicht­ba­ren Debatte, um die die Gesell­schaft nicht herumkommt.

Was Frau von der Leyen for­dert, ist eine Debatte. Von »Nazi­pro­pa­ganda« spricht allein das »Abend­blatt«. Die dpa-Schlagzeile »Von der Leyen will gegen rechte Inhalte vor­ge­hen« ist durch das Inter­view nicht gedeckt. Sie ist nicht ein­mal durch die Agen­tur­mel­dung selbst gedeckt. An kei­ner Stelle nimmt der dpa-Text jen­seits der Über­schrift auch nur Bezug auf »rechte Inhalte«. Der erste Satz zum Bei­spiel lautet:

Nach der Sper­rung kin­der­por­no­gra­fi­scher Sei­ten will Bun­des­fa­mi­li­en­mi­nis­te­rin Ursula von der Leyen (CDU) gegen wei­tere rechts­wid­rige Inhalte im Inter­net vorgehen.

»Rechts­wid­rige« — viel­leicht. »Rechte« — keine Rede.

Das ist schon ein außer­or­dent­lich gro­ber Schnit­zer für eine Nach­rich­ten­agen­tur. Aber kön­nen wir bitte auch end­lich über die unsäg­li­che Pra­xis reden, dass es genügt, dass irgend­ein Medium eine E-Mail mit angeb­li­chen Vorab­in­for­ma­tio­nen an eine Nach­rich­ten­agen­tur schickt, um sämt­li­che die weni­gen ver­blie­be­nen Prüf­maß­stäbe außer Kraft zu setzen?

Ich meine, ein Blatt wie »Die Aktu­elle«, das sich nicht schämt, über einen Men­schen auf sei­nen Titel zu schrei­ben, er habe sich »zum Ster­ben in die Berge« zurück­ge­zo­gen, ein Blatt, das, wenn es nicht auf Papier, son­dern im Inter­net erschiene, Frau von der Leyen und ihren Freun­den vom »Abend­blatt« sofort als Beweis für die Not­wen­dig­keit einer Schmutz-Säuberung diente, ein sol­ches Blatt teilt dpa mit, was es her­aus­ge­fun­den hat, und dpa bringt das dann unters Volk.

Ande­res Bei­spiel: »Die Welt« tut so, als habe sie exklu­si­ven Zugriff auf eine EU-Studie über Arbeits­zei­ten, und dpa, Reu­ters, epd, AP ver­brei­ten die ein­sei­tige »Welt«-Interpretation, ohne die zehn Minu­ten zu inves­tie­ren, die es dau­ern würde, sich bei der Quelle selbst zu infor­mie­ren und ein eige­nes Bild zu verschaffen.

Und diese unge­prüf­ten Agen­tur­mel­dun­gen wer­den dann wie­der unge­prüft wei­ter­ver­brei­tet. Und nicht nur von all den Online-Medien, bei denen das auto­ma­tisch pas­siert. Unter dem »Spie­gel Online«-Artikel über die Arbeitszeiten-Studie ste­hen nicht weni­ger als drei Agen­tur­kür­zel. Der Mit­ar­bei­ter hat sich rich­tig Mühe gege­ben, sei­nen Text aus meh­re­ren Quel­len zusam­men­zu­set­zen — Quel­len, die alle auf der­sel­ben ein­sei­ti­gen Inter­pre­ta­tion durch die »Welt« beru­hen. Den Weg zur Quelle suchte er nicht — so wenig wie seine Kol­le­gen von »Focus Online« und viele andere. Noch ein­mal: Er bräuchte dazu keine Kon­takte nach Brüs­sel. Er braucht nur eine Such­ma­schine und Eng­lisch­kennt­nisse und ein klei­nes biss­chen Zeit und einen Wider­wil­len gegen unnö­ti­ges Abschreiben.

Aber zurück zur Inter­net­ge­schichte vom »Abend­blatt« und Frau von der Leyen. Obwohl einem Redak­teur schon bei einer flüch­ti­gen Prü­fung auf­fal­len müsste, dass die dpa-Überschrift nicht von der dpa-Meldung gedeckt ist, tauchte die grenz­wer­tige Mel­dung mit der Fal­schüber­schrift zum Bei­spiel bei »Focus Online« auf.

Heute Nach­mit­tag hatte die Agen­tur dann end­lich ihre Haus­auf­ga­ben gemacht — viel­leicht hat sich auch nur das Fami­li­en­mi­nis­te­rium selbst gemel­det, um auf den Irr­tum hin­zu­wei­sen –, jeden­falls brachte dpa um 15:23 Uhr eine Art Kor­rek­tur mit dem Titel:

Minis­te­rium: Von der Leyen nicht für mehr Internetsperren

Und damit kom­men wir zum erwart­ba­ren, vor­läu­fi­gen Ende die­ses Trau­er­spiels mit vie­len Betei­lig­ten. Denn die Leute von »Focus Online« brin­gen zwar nun die neue rich­tige dpa-Meldung statt der alten fal­schen, aber wei­sen natür­lich an kei­ner Stelle dar­auf hin, dass sie selbst meh­rere Stun­den lang das Gegen­teil des­sen behaup­tet hat­ten, was sie jetzt behaup­ten. Die alte Adresse (http://www.focus.de/…/familie-von-der-leyen-will-gegen-rechte-inhalte-vorgehen…) lei­tet ein­fach auf die neue um (http://www.focus.de/…/familie-ministerium-von-der-leyen-nicht-fuer-weitere-sperren…) Auch bei »Focus Online« wer­den nicht ein­mal die ele­men­tars­ten Regeln für einen trans­pa­ren­ten Umgang mit Kor­rek­tu­ren eingehalten.

Dar­über müs­sen wir end­lich reden — über Min­dest­stan­dards beim Recher­chie­ren und Kor­ri­gie­ren. Und dann kön­nen wir gerne über neue Bezahl­mo­delle reden. Die Leis­tung, die die betei­lig­ten Medien am Sonn­tag wie­der zeig­ten, ist selbst umsonst noch zu teuer.

(Kunst­pause.)

Und wäh­rend all diese ver­meint­lich pro­fes­sio­nel­len Jour­na­lis­ten mit Nicht­nach­den­ken und Nicht­re­cher­chie­ren beschäf­tigt waren, hat der Rechts­an­walt Udo Vet­ter in sei­nem Law­blog diese fun­dierte Ana­lyse der tat­säch­li­chen Äuße­run­gen von der Ley­ens ver­öf­fent­licht.

[via Spie­gel­fech­ter]

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