Lügen wie nicht gedruckt

In sei­nem »Tage­buch« (das ist so etwas wie ein Blog auf Papier) im aktu­el­len »Focus« schreibt Hel­mut Markwort:

Das über dubiose Internet-Quellen ver­brei­tete Gerücht, an geheim gehal­te­nen Orten in Groß­bri­tan­nien werde schon die neue D-Mark gedruckt, ist blü­hen­der Unsinn. Ver­blüf­fen­der­weise gibt es eine Menge Men­schen, die sol­chen Quatsch glau­ben und wei­ter­er­zäh­len mit der Begrün­dung, es habe ja im Inter­net gestanden.

Sie sagen das mit der glei­chen Wich­tig­keit wie den Satz: Es hat ja in der Zei­tung gestan­den. Fak­ten in Zei­tun­gen wer­den im All­ge­mei­nen ver­ant­wor­tungs­be­wusst und seriös geprüft. Im Inter­net hin­ge­gen gibt es nicht nur bekannte und zuver­läs­sige Anbie­ter. Jeder Narr, Des­in­for­mant oder Denun­zi­ant kann dort jeden Blöd­sinn oder auch jede Gemein­heit in die Welt setzen.

Der letzte Satz ist zwei­fel­los rich­tig. In Zei­tun­gen kann nicht jeder jeden Blöd­sinn oder auch jede Gemein­heit in die Welt set­zen, son­dern nur die Nar­ren, Des­in­for­man­ten oder Denun­zi­an­ten, die es in die Redak­tion geschafft haben.

Aus Daffke habe ich mir mal die Mühe gemacht, nach­zu­se­hen, wer den »blü­hen­den Unsinn« ver­brei­tet, dass in Groß­bri­tan­nien schon wie­der die D-Mark gedruckt werde.

wei­ter­le­sen →

Mit Stalkern kennt Frau Riekel sich aus

Was ich ganz ver­ges­sen hatte bei der Geschichte, wie das deut­sche Fach­blatt für Moral, die »Bunte«, Poli­ti­ker mög­li­cher­weise sys­te­ma­tisch bespit­zeln ließ: Mit Stal­kern kennt Chef­re­dak­teu­rin Patri­cia Rie­kel sich ja aus.

Mitte Januar befragte sie der dama­lige Blog­ger Kai Diek­mann am Rande eines dpa-Empfanges, wor­über sie sich in den letz­ten Tagen in den deut­schen Medien am meis­ten geär­gert habe.

Frau Rie­kel antwortete:

»Über Stal­ker. Jour­na­lis­ti­sche Stal­ker, das gibt es auch, ja.«

Auf die Frage, wo sie die sehe, ant­wor­tete sie ausweichend:

»Nicht im Magazinbereich.«

Wen sie meinte, war den­noch kein Geheim­nis: Hans-Jürgen Jakobs, den frü­he­ren Medi­en­re­dak­teur und heu­ti­gen Online-Chef der »Süd­deut­schen Zei­tung«. Der hatte gerade ein gro­ßes Stück im Blatt ver­öf­fent­licht, in dem Hel­mut Mark­wort, der »Focus«-Chef und Lebens­ge­fährte von Frau Rie­kel, nicht so gut weg­kam. Und das geht ja nun gar nicht.

Mark­wort selbst sagte in Diek­manns Kamera:

»Ich bin scho­ckiert, ja, dass die ›Süd­deut­sche Zei­tung‹ (…), dass die einen Stal­ker beschäf­tigt. Die ›Süd­deut­sche Zei­tung‹ hat ja in vie­len Tei­len gute Auto­ren und ver­nünf­tige Jour­na­lis­ten und ist teil­weise ein sehr seriö­ses Blatt. Aber die beschäf­ti­gen einen Stal­ker, der mich seit Jah­ren mit Hass und Neid ver­folgt und spuckt Gift und Galle.«

(Mark­wort spricht das Wort »Stal­ker« übri­gens deutsch aus, so als könnte man Kühe und Pferde darin auf­be­wah­ren, was seine Wut beson­ders nied­lich wir­ken lässt, aber das nur am Rande.)

Der Vor­wurf von Rie­kel und Mark­wort war nicht nur im Affekt dahin­ge­wor­fen. Mark­wort wie­der­holte ihn in einem gro­ßen Inter­view mit der Fach­zei­tung »Horizont«:

Herr Mark­wort, »Focus« wird medial seit Wochen hef­tig unter Feuer genom­men. Den Vogel schoss Hans-Jürgen Jakobs ab, der Sie in der »Süd­deut­schen« auch per­sön­lich hart angreift.

Es ist ja schon das dritte Mal, dass Jakobs mich so atta­ckiert. Für mich ist der Mann ein Stal­ker. Aus irgend­ei­nem Grund ver­folgt Jakobs mich mit Hass, Neid und Wut. Ich staune, dass ein seriö­ses Blatt wie die »Süd­deut­sche Zei­tung« einen sol­chen Fall von Stal­king im Jour­na­lis­mus zulässt.

Das sind harte Vorwürfe.

Was glau­ben Sie, was ich für SMS bekomme! Die Leute fra­gen mich, was ich dem Herrn Jakobs denn ange­tan habe, dass der so um sich schlägt. Auch unbe­fan­gene Leser mer­ken, wie hass­er­füllt die­ser Arti­kel ist. Als Jour­na­list, für den Fair­ness ein hoher Wert ist, bin ich fas­sungs­los, wie fak­ten­frei und agi­ta­to­risch hier über »Focus« geschrie­ben wird.

So über­sicht­lich sind Gut und Böse in der sau­be­ren Welt des Publi­zis­ten­paa­res Markwort-Riekel ver­teilt: Wenn ein augen­schein­lich gut infor­mier­ter Jour­na­list kon­ti­nu­ier­lich und kri­tisch über ihre Arbeit berich­tet, han­delt es sich um »Stal­king«. Wenn ein Klatsch­blatt eine Detek­tei damit beauf­tragt, durch inten­sive Recher­chen im Pri­vat­le­ben dem unge­heu­ren Ver­dacht nach­zu­ge­hen, ein ver­wit­we­ter Poli­ti­ker könne eine neue Freun­din haben, erfüllt es nur seine staats­bür­ger­li­che Pflicht.

BGH erklärt Markwort die Pressefreiheit

Das Urteil ist ein Sieg für die Mei­nungs­frei­heit und den kri­ti­schen Jour­na­lis­mus und eine Nie­der­lage für die Ham­bur­ger Pres­se­kam­mern und den »Focus«-Chef Hel­mut Mark­wort: Der Bun­des­ge­richts­hof (BGH) ent­schied Ende ver­gan­ge­nen Jah­res, dass Markt­wort es hin­neh­men muss, dass die »Saar­brü­cker Zei­tung« vor zwei Jah­ren ein Inter­view mit Roger Wil­lem­sen ver­öf­fent­licht hat, in dem er Mark­wort eine Reihe von Ver­fäl­schun­gen und Feh­lern vor­wirft. Jetzt hat er die lesens­werte Urteils­be­grün­dung ver­öf­fent­licht.

Wil­lem­sen hatte im Sep­tem­ber 2007 im Inter­view gesagt:

»Unser Ver­hält­nis zur Welt wird zuneh­mend iro­ni­scher und unei­gent­li­cher. Es ist nicht mehr wich­tig, ob der Talkshow-Gast ein Pro­blem hat oder es nur fin­giert. Als ich anfing, Talk­shows zu machen, war das noch der Sün­den­fall. Einer wie Tom Kum­mer, der Inter­views fin­giert und jetzt seine Auto­bio­gra­fie geschrie­ben hat, löste eine Ero­sion im Medi­en­ge­schäft aus. Heute wird offen gelogen. (…)

Als Chef­auf­klä­rer in Sachen Tom gerierte sich damals Hel­mut Mark­wort. Bei mei­nen Recher­chen erwies sich der Bock aller­dings als Gärt­ner. Aus der ›Focus‹-Liste der hun­dert bes­ten Ärzte war einer schon lange tot und ein ande­rer saß im Knast, weil er seine Pati­en­ten mit Über­do­sen von Medi­ka­men­ten ver­se­hen hatte. Das ›Focus‹-Interview, das Mark­wort mit Ernst Jün­ger geführt haben will, war schon zwei Jahre zuvor in der ›Bun­ten‹ erschie­nen. Außer­dem haben wir ein ver­fälsch­tes Mitterand-Interview aufgedeckt.«

Die »Saar­brü­cker Zei­tung« hatte das Inter­view unter der Über­schrift »Heute wird offen gelo­gen« ver­öf­fent­licht. Mark­wort wollte diese For­mu­lie­rung sowie den Satz »Das ›Focus‹-Interview, das Mark­wort mit Ernst Jün­ger geführt haben will, war schon zwei Jahre zuvor in der Bun­ten erschie­nen« ver­bie­ten las­sen. Er habe nie­mals behaup­tet, per­sön­lich mit Jün­ger gespro­chen zu haben.

Die Klage Mark­worts hatte für Auf­se­hen gesorgt, weil sie sich gegen die »Saar­brü­cker Zei­tung« rich­tete: Das Blatt habe sich die Aus­sa­gen Wil­lem­sens zu eigen gemacht. Die Ham­bur­ger Pres­se­kam­mern gaben Mark­wort in den ers­ten bei­den Instan­zen Recht. Viele Kri­ti­ker fürch­te­ten damals, dass das Urteil dazu füh­ren könnte, dass Jour­na­lis­ten im Zwei­fel für jede Aus­sage eines Inter­view­part­ners haft­bar gemacht wer­den könnten.

Der BGH wider­sprach Mark­wort und den berüch­tig­ten Ham­bur­ger Kam­mern nun gleich dop­pelt: Ers­tens habe die Zei­tung sich Wil­lem­sens Aus­sa­gen nicht zu eigen gemacht und hafte nicht für sie. Und zwei­tens sei das, was Wil­lem­sen gesagt hat (Über­ra­schung!): die Wahrheit.

Einige Aus­züge aus der Begrün­dung des BGH:

Durch die Ver­öf­fent­li­chung des Inter­views ist die [»Saar­brü­cker Zei­tung«] ersicht­lich als bloße Ver­mitt­le­rin der Äuße­run­gen auf­ge­tre­ten. Bereits aus der Form der Dar­stel­lung ergibt sich für den Leser, dass es sich um die Wie­der­gabe eines Inter­views han­delt. Dar­auf wird auch in der zwei­ten Über­schrift des Arti­kels hin­ge­wie­sen. Die Glie­de­rung in Frage und Ant­wort unter Vor­an­stel­lung des Namens und die danach fol­gende Wie­der­gabe der Ant­wor­ten machen dies offen­kun­dig. Der Fra­ge­stel­ler hat auch [Mark­wort] nicht von sich aus zum Thema des Inter­views gemacht. (…) Die [»Saar­brü­cker Zei­tung«] hat mit­hin die in den Ant­wor­ten ent­hal­te­nen Aus­sa­gen nicht als eigene verbreitet. (…)

[Die Presse ist] zwar grund­sätz­lich in wei­te­rem Umfang als Pri­vate gehal­ten, Nach­rich­ten und Behaup­tun­gen vor ihrer Wei­ter­gabe auf ihren Wahr­heits­ge­halt hin zu über­prü­fen. Dar­aus folgt indes nicht, dass der Presse sol­che Sorg­falts­pflich­ten unein­ge­schränkt abver­langt wer­den dür­fen. Viel­mehr sind die Fach­ge­richte gehal­ten, auch bei der Bemes­sung der Sorg­falts­pflich­ten, die der Presse bei Ver­brei­tung einer frem­den Äuße­rung abzu­ver­lan­gen sind, die Wahr­heits­pflicht nicht zu über­span­nen, um den von Art. 5 Abs. 1 Satz 1 GG [»Jeder hat das Recht, seine Mei­nung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu ver­brei­ten und sich aus all­ge­mein zugäng­li­chen Quel­len unge­hin­dert zu unter­rich­ten«] geschütz­ten freien Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­zess nicht einzuschnüren. (…)

Die Aus­sage »Heute wird offen gelo­gen« (…) bezieht sich nicht auf den Klä­ger per­sön­lich, son­dern auf Bei­träge in dem in der Ver­ant­wor­tung des Klä­gers lie­gen­den Maga­zins »Focus«. Mit der Äuße­rung zieht Roger Wil­lem­sen ein Resü­mee aus den von ihm im Inter­view geschil­der­ten Miss­stän­den in der Medi­en­welt. So kri­ti­siert er, dass einst fin­gierte Pro­bleme von Talk­show­gäs­ten als »Sün­den­fall« gegol­ten, dann aber die erfun­de­nen Inter­views des Jour­na­lis­ten Tom Kum­mer zu einer »Ero­sion« geführt hät­ten. Die Sinn­deu­tung, die Beklagte behaupte, [Mark­wort] oder alle im Inter­view erwähn­ten Per­so­nen wür­den »offen lügen«, liegt danach auch unter Berück­sich­ti­gung der Plat­zie­rung des Sat­zes als Über­schrift des abge­druck­ten Arti­kels fern. (…)

Kern der Äuße­rung [Wil­lem­sens über das Ernst-Jünger-Interview] ist nicht der Vor­wurf, es handle sich um ein vom Klä­ger frei erfun­de­nes per­sön­lich geführ­tes Inter­view, son­dern, dass ein bereits zwei Jahre zuvor in der Zeit­schrift »Bunte« abge­druck­tes Inter­view erneut als aktu­el­les eige­nes Inter­view im Nach­rich­ten­ma­ga­zin »Focus« ver­öf­fent­licht wor­den sei. Diese Aus­sage erweist sich bei der gebo­te­nen Text­ana­lyse als wahr. (…) Roger Wil­lem­sen pran­gert in dem abge­druck­ten Inter­view Lügen der Medien an. Er weist dar­auf hin, dass der Klä­ger zwar als »Chef­auf­klä­rer« gegen den Jour­na­lis­ten Tom Kum­mer auf­ge­tre­ten sei, Bei­träge in dem in der Ver­ant­wor­tung des Klä­gers lie­gen­den Maga­zin »Focus« aber eben­falls Unwahr­hei­ten ent­hal­ten hät­ten und nennt drei Bei­spiele dafür. Für diese Vor­komm­nisse war der Klä­ger als Chef­re­dak­teur des Maga­zins »Focus« unab­hän­gig von der umfas­sen­den eige­nen Kennt­nis der Umstände per­sön­lich ver­ant­wort­lich. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Beru­fungs­ge­richts ist die Äuße­rung von Roger Wil­lem­sen, »Das ›Focus‹-Interview, das Mark­wort mit Ernst Jün­ger geführt haben will, …«, nicht dahin zu ver­ste­hen, dass behaup­tet wird, der Klä­ger habe vor­ge­ge­ben, selbst Ernst Jün­ger inter­viewt zu haben. Dadurch dass der Name des Klä­gers in die­sem Zusam­men­hang fällt, soll viel­mehr die Wir­kung des übri­gen Tex­tes ver­stärkt wer­den, indem »Mark­wort« als Syn­onym für das Maga­zin »Focus« ver­wen­det wird. (…) Mit­hin zielt die Äuße­rung nicht auf die jour­na­lis­ti­sche Ein­zel­leis­tung, also wer kon­kret das Jünger-Interview geführt hat, son­dern auf die jour­na­lis­ti­sche Gesamt­ver­ant­wor­tung, die der Klä­ger als Chef­re­dak­teur für die jewei­lige Aus­gabe des »Focus« innehatte. (…)

Auf Sei­ten der [»Saar­brü­cker Zei­tung«] ist das Inter­esse der Öffent­lich­keit an der Wahr­heit und Serio­si­tät von Ver­öf­fent­li­chun­gen in den Medien und der Auf­de­ckung von unwah­rer Bericht­er­stat­tung zu berück­sich­ti­gen. Zum mei­nungs­bil­den­den Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­zess zählt nicht nur die Ver­öf­fent­li­chung der eige­nen Mei­nung, son­dern auch die Infor­ma­tion über fremde Äuße­run­gen in der aktu­el­len Aus­ein­an­der­set­zung um eine die Öffent­lich­keit wesent­lich berüh­rende Frage. Eine sol­che Infor­ma­tion liegt hier vor. Die Äuße­run­gen sind Teil der von Roger Wil­lem­sen in sei­nem Büh­nen­pro­gramm geüb­ten all­ge­mei­nen Medi­en­kri­tik. Wollte man Äuße­run­gen der vor­lie­gen­den Art unter­bin­den, wäre jede öffent­li­che Dis­kus­sion über The­men, die die All­ge­mein­heit inter­es­sie­ren, in einer Weise erschwert, die mit dem Grund­recht der Mei­nungs– und Pres­se­frei­heit nach Art. 5 Abs. 1 GG unver­ein­bar wäre.

Ist das ganz erstaunlich?

Ich meine nicht nur, dass der alte »Focus«-Mann, der nächste Woche in Ber­lin für sein »Lebens­werk« den Ehren­preis des »Medium Maga­zins« bekommt, es nicht aus­hält, dass ein pro­mi­nen­ter Kri­ti­ker immer wie­der den Fin­ger in alte Wun­den legt (obwohl es längst neue gäbe!), und dass Mark­wort es in sei­ner Rach­sucht sogar in Kauf nimmt, dass die Pres­se­frei­heit Scha­den nimmt.

Ich meine vor allem, dass man in Deutsch­land bis vor den Bun­des­ge­richts­hof zie­hen muss, um von Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten zu pro­fi­tie­ren wie der, dass bei der recht­li­chen Beur­tei­lung einer Äuße­rung ihr Kon­text zu berück­sich­ti­gen ist. Und auf Rich­ter zu sto­ßen, die bei der Abwä­gung einen Gedan­ken daran ver­schwen­den, dass es Fol­gen hat für die Demo­kra­tie eines Lan­des, für die Dis­kus­si­ons­kul­tur, für den Jour­na­lis­mus, wenn jede kri­ti­sche Mei­nungs­äu­ße­rung, jeder Bericht über einen Mis­stand kaum zu erfül­len­den Maß­stä­ben genü­gen muss.

Wer es sich aber nicht leis­ten kann, einen teu­ren Rechts­streit bis vor den Bun­des­ge­richts­hof durch­zu­ste­hen, muss sich wei­ter mit den Urtei­len der Ham­bur­ger Rich­ter abfin­den, deren Ent­schei­dun­gen regel­mä­ßig dar­auf hin­deu­ten, dass sie die Mei­nungs­frei­heit für eine grö­ßere Gefahr hal­ten als ihren Verlust.

Bei Helmut Markworts Ehre

Wenn ich es rich­tig ver­stehe, geht es Hel­mut Mark­wort bei sei­nem juris­ti­schen Kampf gegen ein Zitat von Roger Wil­lem­sen um zwei­er­lei: seine jour­na­lis­ti­sche Ehre. Und die Wahr­heit. Ich fürchte, beide Kämpfe sind hoffnungslos.

Fan­gen wir mit der Wahr­heit an und schauen, wie der Medi­en­dienst »Mee­dia« über den Fall berich­tet. »Mee­dia« hat sich dar­auf spe­zia­li­siert, Mel­dun­gen aus frem­den Quel­len abzu­schrei­ben, ist aber lei­der nicht gut darin, Mel­dun­gen rich­tig aus frem­den Quel­len abzu­schrei­ben. Als Mark­wort am ver­gan­ge­nen Diens­tag vor dem Bun­des­ge­richts­hof unter­lag, schrieb »Mee­dia«:

Es ging um ein Gespräch, das Mark­wort Anfang der 90er-Jahre mit dem Schrift­stel­ler Ernst Jün­ger geführt hatte und vom [sic!] dem Wil­lem­sen nun behaup­tete: »Das ›Focus‹-Interview, das Mark­wort mit Ernst Jün­ger geführt haben will, war schon zwei Jahre zuvor in der ›Bun­ten‹ erschienen.«

Und als Mark­wort am nächs­ten Tag bekannt gab, dass er prü­fen wolle, ob er gegen das Urteil vors Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt zie­hen wolle, schrieb »Mee­dia«:

Es ging um ein Gespräch, das Mark­wort Anfang der 90er-Jahre mit dem Schrift­stel­ler Ernst Jün­ger geführt hatte und vom [wie­derum sic!] dem Wil­lem­sen nun behaup­tete: »Das ›Focus‹-Interview, das Mark­wort mit Ernst Jün­ger geführt haben will, war schon zwei Jahre zuvor in der ›Bun­ten‹ erschienen.«

Nur hat Mark­wort gar kein Inter­view mit Ernst Jün­ger geführt und dies auch nicht behaup­tet. Genau das ist der erschüt­ternd banale sach­li­che Kern des jah­re­lan­gen Rechts­streits. Wil­lem­sens Aus­sage ist falsch, weil das Inter­view nicht Mark­wort, son­dern Axel Tho­rer geführt hat. Ist es nicht eine schöne Iro­nie, dass »Mee­dia« die­sen Feh­ler jetzt wie­der­holt? (Die Kom­men­tare liest dort übri­gens auch niemand.)

Mark­wort beharrt außer­dem dar­auf, dass die Inter­views in »Bunte« und »Focus« nicht iden­tisch gewe­sen seien. Das ist aber eine bloße Nebel­kerze. Tat­sa­che ist, dass der »Focus« nicht nur viele alte Zitate wie­der­holte, son­dern an meh­re­ren Stel­len den fal­schen Ein­druck erweckte, das zwei­ein­halb Jahre alte Inter­view sei aktu­ell ent­stan­den. Der »Spie­gel« berich­tete damals über sei­nen neuen Möch­te­gern­kon­kur­ren­ten:

Nun strei­ten sich Tho­rer und Focus-Chef Mark­wort, »wer wen über den Tisch gezo­gen hat« (Mark­wort). Tho­rer sagt, das Maga­zin habe das alte Inter­view ohne sein Zutun neu ver­packt. Mark­wort spielt den Geleim­ten: Tho­rer habe das ver­gilbte Stück als fri­sche Ware verkauft.

Han­delt es sich um das­selbe Inter­view, wie Wil­lem­sen behaup­tet? Ent­schei­den Sie anhand eini­ger Aus­schnitte selbst:

»Bunte«, 14.03.1991 »Focus«, 13.09.1993
Kam die Wie­der­ver­ei­ni­gung zu schnell — und ist sie zu teuer?

Wenn dein Bru­der vor der Tür steht, lässt du ihn rein und fragst nicht, was er dich kos­ten wird.

Kam die Wie­der­ver­ei­ni­gung zu schnell, wurde sie zu teuer? Jün­ger schüt­telt sein Cäsa­ren­haupt: »Ich war beglückt über die Wie­der­ver­ei­ni­gung, ich hatte sie nicht erwar­tet. Selbst­ver­ständ­lich gibt es Schwie­rig­kei­ten. Aber wenn ein Bru­der vor der Tür steht, laß ich ihn erst ein­mal rein und seh‹ dann, wie ich zurechtkomme.«
Ist die Angst des Aus­lands vor einem neuen Groß­deutsch­land berechtigt?

Ich glaube nicht. Wir haben genug vom Natio­na­lis­mus! Das neue Deutsch­land ist ja nur ein beschränk­tes Deutsch­land, ohne Schle­sien, Pom­mern. Die DDR — das sind 16 Mil­lio­nen Deut­sche, die zu 60 Mil­lio­nen hin­zu­kom­men: eine bes­sere Provinz.

Aber da ist die Angst des Aus­lan­des vor einem neuen Großdeutschland.

Jün­ger: »Ich glaube nicht. Wir haben genug vom Natio­na­lis­mus! Das neue Deutsch­land ist ja auch nur ein beschränk­tes Deutsch­land, ohne Schle­sien, Pom­mern. 17 Mil­lio­nen Deut­sche sind zu 60 Mil­lio­nen hin­zu­ge­kom­men. Eine bes­sere Provinz.«

Hat der gefähr­lichste Moment Ihres Lebens mit Hit­ler zu tun?

Ja. Es war der Tag, an dem Hit­ler mich tref­fen wollte. Durch ein Wun­der hin­derte ihn eine Ände­rung des Rei­se­plans in letz­ter Minute daran. Stel­len Sie sich vor: Fotos, die um die ganze Welt gegan­gen wären! Eine ein­zig­ar­tige Gele­gen­heit für gewisse Leute, mei­nen Ruf nach dem Krieg noch ein wenig mehr zugrunde zu richten.

Kurz zuvor kam es zum »gefähr­lichs­ten Moment sei­nes Lebens«. Es war der Tag, an dem Hit­ler sich bei ihm zu Hause ange­sagt hatte.

Jün­ger: »Wenn der Sie sehen wollte, konn­ten Sie ein­fach nichts machen. Aber durch ein Wun­der hin­derte ihn eine Ände­rung des Rei­se­plans in letz­ter Minute daran. Stel­len Sie sich die Fotos vor, die um die Welt gegan­gen wären! Eine ein­zig­ar­tige Gele­gen­heit für gewisse Leute, mei­nen Ruf nach dem Krieg noch ein wenig mehr zugrunde zu richten.«

Nazi waren Sie jedoch nie. Warum nicht?

Das war für mich eine Frage des Geschmacks, des Stils. Hit­ler war eine min­der­wer­tige Per­sön­lich­keit, gegen die ich von Anfang an Miß­trauen und Abnei­gung emp­fand. Die Bru­ta­li­tät, Vul­ga­ri­tät und Igno­ranz der Par­tei­füh­rung war augen­fäl­lig. Hit­ler war ein his­to­ri­scher Laden­hü­ter. Der Angriff auf die Juden sein Kar­di­nal­feh­ler. Die Zukunft, der Welt­staat, wird keine Ras­sen mehr kennen.

Wieso diese Dis­tanz zu Hit­ler? frage ich.

Jün­ger: »Das war für mich eine Frage des Geschmacks und des Stils. Hit­ler war eine min­der­wer­tige Per­sön­lich­keit, gegen die ich von Anfang an Miß­trauen und Abnei­gung emp­fand. Die Bru­ta­li­tät, Vul­ga­ri­tät und Igno­ranz waren augen­fäl­lig. Hit­ler war his­to­risch ein Laden­hü­ter. Der Angriff auf die Juden sein Kar­di­nal­feh­ler. Die Zukunft, der Welt­staat, wird keine Ras­sen mehr kennen.«

Wer waren die größ­ten Per­sön­lich­kei­ten, die Sie in Ihrem Leben getrof­fen haben?

Ich bin nur zwei Men­schen begeg­net, die einen magi­schen Ein­druck auf mich gemacht haben — dem Maler Pablo Picasso und dem Phi­lo­so­phen Mar­tin Hei­deg­ger. Da spielte sich wirk­lich etwas ab.

Gab es in sei­nem lan­gen Leben Men­schen, die ihn nach­hal­tig beein­druckt haben?

Jün­ger: »Nur zwei. Der Maler Pablo Picasso und der Phi­lo­soph Mar­tin Hei­deg­ger. Da spielte sich etwas ab.«

Wor­auf sind Sie stolz?

Dass ich in den Hand­bü­chern der Ento­mo­lo­gie neun Schmet­ter­linge und Käfer gese­hen habe, die mei­nen Namen tragen.

Und wor­auf ist er stolz?

»Auf die Insek­ten, die mei­nen Namen tra­gen. Nicht auf die Bücher.«

Man ahnt: Es ist weni­ger Wil­lem­sens unge­naue Dar­stel­lung als die Epi­sode selbst, die an Mark­worts gutem jour­na­lis­ti­schem Ruf kratzt (von des­sen Exis­tenz wir jetzt ein­fach mal hypo­the­tisch aus­ge­hen). Inso­fern ist es erstaun­lich, dass Mark­wort glaubte, dass es eine gute Idee wäre, aus­ge­rech­net an die­sem Fall ein Exem­pel zu sta­tu­ie­ren — und nicht gegen Wil­lem­sen, son­dern die »Saar­brü­cker Zei­tung« vor­zu­ge­hen, weil die unter der Über­schrift »Heute wird offen gelo­gen« ein Inter­view mit Wil­lem­sen ver­öf­fent­licht hatte, in dem der halb­fal­sche Satz Wil­lem­sens stand.

Und die Jünger-Geschichte war, wie man so schön sagt, kein Ein­zel­fall. Im Juli 1994 ver­öf­fent­lichte die Illus­trierte ein »Focus-Interview«, das vier Mit­ar­bei­ter der Zeit­schrift »L’Express« vor dem fran­zö­si­schen Natio­nal­fei­er­tag mit dem dama­li­gen Staats­prä­si­den­ten François Mit­ter­rand geführt hat­ten, tat aber so, als hätte es erst danach statt­ge­fun­den. Das Staats­prä­si­dium bezeich­nete die Ver­fäl­schun­gen als »abso­lut unzu­läs­sig«. Und 1995 musste der »Focus« ein­räu­men, dass ein Inter­view mit der ban­gla­de­schi­schen Schrift­stel­le­rin Tas­lima Nas­rin gar nicht statt­ge­fun­den hatte — Mark­wort erklärte damals, er und seine Redak­tion seien von einem freien Mit­ar­bei­ter »her­ein­ge­legt« worden.

Ja, das alles ist lange her. Und viel­leicht sollte man über die Ehre Hel­mut Mark­worts doch eher auf der Grund­lage neue­rer Befunde urtei­len. Es bie­tet sich unter ande­rem diese Geschichte an, bei der sich ein inter­es­san­ter Kon­trast zeigt zwi­schen der Bereit­schaft, andere zu dif­fa­mie­ren, und der feh­len­den Bereit­schaft, kri­ti­sche Berichte dar­über hinzunehmen.

Oder natür­lich die aktu­elle Bericht­er­stat­tung im »Focus« über die angeb­li­che Affäre zwi­schen Oskar Lafon­taine und Sahra Wagen­knecht. Der »Spie­gel« hatte sei­nen Bericht dar­über ja mit dem Hin­weis begrün­det, dass das Pri­vate poli­ti­sche Fol­gen habe. Der »Focus« ver­öf­fent­licht heute genaue Details, wann und unter wel­chen Umstän­den sich die bei­den Linken-Politiker angeb­lich vor zwei Jah­ren in Lafon­tai­nes Woh­nung getrof­fen haben. Jour­na­lis­tisch schein­ge­recht­fer­tigt wird die Ent­hül­lung die­ser pri­va­ten Details mit der Nach­richt, dass beide bespit­zelt wor­den seien.

Das ist der Gip­fel der Heu­che­lei: Man berich­tet dar­über, dass Lafon­taine bespit­zelt wurde, spricht von einem »neuen Wir­bel um Oskar Lafon­taine«, den man selbst erst pro­du­ziert, und legi­ti­miert so die Ver­öf­fent­li­chung der angeb­li­chen Ergeb­nisse der Spitzelei.

Aber damit der kla­ge­freu­dige Herr Mark­wort nicht wie­der sei­nen Anwalt los­schi­cken muss, um seine Ehre zu ver­tei­di­gen, stelle ich sicher­heits­hal­ber klar: Der ver­lo­gene »Focus«-Artikel stammt nicht von ihm, son­dern von »Focus«-Korrespondent Armin Fuh­rer. Mark­wort ist für ihn nur verantwortlich.

»Die Blog-Konfrontation«

Bay­ern 2 hat am ver­gan­ge­nen Sonn­tag in der Rubrik »Zünd­funk — Gene­ra­tor« eine Sen­dung über das Ver­hält­nis der Blo­go­sphäre zu den klas­si­schen Medien aus­ge­strahlt (in der ich auch mit ein paar Sät­zen zu Wort komme). Es ist kein Stück mit bahn­bre­chen­den neuen Ein­sich­ten, aber es ist keine schlechte Ein­füh­rung in den merk­wür­di­gen Kon­flikt (auch wenn es am Ende zu einer Wer­be­sen­dung für Jakob Augs­tein und sei­nen »Frei­tag« wird).

Und den legen­dä­ren Ein­gangs­dia­log zwi­schen »Focus«-Herausgeber Hel­mut Mark­wort, dem »Ers­ten« »Jour­na­lis­ten« von Burda, und dem Demo­kra­tie– und Medi­en­ex­per­ten Ulrich Hoeneß zum Thema »Arti­kel 5 Grund­ge­setz — das kann doch kei­ner wol­len?!« kann man gar nicht oft genug hören und ausstrahlen.

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(Am schöns­ten ist ja, dass Hel­mut »ich als pro­fes­sio­nel­ler Jour­na­list« Mark­wort nur von der »übli­chen jour­na­lis­ti­schen Sorg­falts­pflicht« spricht, die von Medien wie sei­ner Illus­trier­ten und ihrem Online-Ableger ein­ge­hal­ten werde. Das schließt offen­bar die Mög­lich­keit der Ver­leum­dung sowie die Chance, das Gegen­teil des­sen zu ver­öf­fent­li­chen, was stimmt, ohne sich hin­ter­her kor­ri­gie­ren zu müs­sen, nicht aus.

Ich hatte damals, als »Focus« mel­dete, dass Ulla Schmidt unter kei­nen Umstän­den zum Wahl­kampf­team von Frank-Walter Stein­meier gehö­ren würde, was sich als nicht hun­der­pro­zen­tig tref­fend her­aus­stel­len sollte, dem Autor der Geschichte, Kay­han Özgenc, Lei­ter der »Focus«-Parlamentsredaktion, eine Mail geschrieben:

Sehr geehr­ter Herr Özgenc,

ich würde Ihnen gern eine Frage zu Ihrer Exklu­siv­mel­dung von ver­gan­ge­ner Woche stel­len, dass Ulla Schmidt »kei­nes­falls in Stein­mei­ers Wahl­kampf­team nach­rü­cken« werde. Diese Infor­ma­tion hatte sich ja noch vor Erschei­nen des »Focus« als falsch herausgestellt.

Nun habe ich im aktu­el­len »Focus« nach irgend­ei­nem Hin­weis gesucht, einer Kor­rek­tur, viel­leicht auch einem klei­nen Hin­ter­grund­stück, warum der »Focus« in die­sem Fall so falsch lag. Ich habe aber nichts gefun­den. Habe ich etwas über­se­hen? Oder glau­ben Sie nicht, dass ein Medium sol­che Feh­ler rich­tig­stel­len oder ihr Ent­ste­hen erklä­ren sollte — auch als ver­trau­ens­bil­dende Maß­nahme? Oder ist sowas dem »Focus«-Leser egal?

Ich möchte dar­über gern in mei­nem Blog stefan-niggemeier.de/blog berich­ten und würde mich über eine Ant­wort freuen.

Ich habe keine Ant­wort bekom­men. Ver­mut­lich ist Özgenzc als Jour­na­list ein­fach genau so pro­fes­sio­nell wie sein Chef.)

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