Monster, unautorisiert

Ges­tern ist eine Bera­te­rin von Barack Obama zurück­ge­tre­ten, die Hil­lary Clin­ton in einem Inter­view ein »Mons­ter« genannt hatte. Saman­tha Power hatte unmit­tel­bar hin­zu­ge­fügt, die Bemer­kung sei »off the records«, also nicht zur Ver­öf­fent­li­chung bestimmt. Kri­ti­ker war­fen der bri­ti­schen Zei­tung »The Scots­man«, die das Inter­view führte, des­halb vor, sie hätte das Zitat nicht ver­wen­den dür­fen. Der »Scots­man« dage­gen betont, es sei ver­ein­bart gewe­sen, das Inter­view »on the record« zu füh­ren — was der Gesprächs­part­ner dann sagt, dürfe auch ver­öf­fent­licht wer­den; ein nach­träg­li­ches Zurück­zie­hen gebe es nicht.

In Deutsch­land ist es immer noch die Regel, dass alle Inter­views nach­träg­lich auto­ri­siert wer­den. Wenn ein Inter­view­part­ner (oder sein Pres­se­spre­cher) hin­ter­her poin­tierte Bemer­kun­gen und offen­her­zige Kom­men­tare bereut, kann er sie in aller Regel und Ruhe nach­träg­lich revi­die­ren. Was Frau Power wirk­lich von Frau Clin­ton hält, hätte bei einem deut­schen Print­me­dium ver­mut­lich nie­mand je erfahren.

Ande­rer­seits kam auch die neue wei­che Linie von Kurt Beck gegen­über der Links­par­tei im Wes­ten offen­bar dadurch an die Öffent­lich­keit, dass ein Jour­na­list der »Neuen Presse« gegen die Gepflo­gen­heit aus einem Hin­ter­grund­ge­spräch mit dem SPD-Chef berich­tete und die ver­ein­barte Ver­trau­lich­keit brach.

Der »Monster«-Fall beschäf­tigte auch den kon­ser­va­ti­ven ame­ri­ka­ni­schen Fern­seh­mo­de­ra­tor Tucker Carl­son (mit dem sich der Komi­ker und Medi­en­kri­ti­ker Jon Ste­wart vor Jah­ren eine denk­wür­dige Aus­ein­an­der­set­zung lie­ferte). In sei­ner MSNBC-Show »Tucker« stellte Carl­son die bri­ti­sche Jour­na­lis­tin zur Rede, die das Inter­view mit Saman­tha Power geführt hatte, und schuf einen die­ser Fern­seh­mo­mente, die so schreck­lich sind, dass man weder hin– noch weg­se­hen kann:

(»Acquie­scent« heißt übri­gens »füg­sam« oder »ergeben«.)

Es lohnt, sich auf MSNBC.com auch einen län­ge­ren Aus­schnitt aus der »Tucker«-Sendung anzu­se­hen. Car­son scheint ein grö­ße­res Pro­blem mit bri­ti­schen Medien zu haben — und schon den Gebrauch der Lan­des­be­zeich­nung »United King­dom« für exzen­trisch zu halten.

(via Huf­fing­ton Post)

Nach­trag: Einige lesens­werte Gedan­ken zur »off the record«-Praxis ste­hen im Time-Blog von James Ponie­wo­zik.

Hillary Clinton

Plä­do­yer für die Zicke. Die Regeln der Medien sind grau­sam: Warum Obama nur gewin­nen und Hil­lary Clin­ton nur ver­lie­ren kann.

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Ist denn nie­mand für Hil­lary? War­ten alle nur dar­auf, dass sie end­lich auf­gibt? Oder ist es fast schö­ner, sie noch län­ger ver­lie­ren zu sehen, Vor­wahl um Vor­wahl, noch ein biss­chen zu rech­nen, wie aus­sichts­los ihr Kampf längst ist, noch ein biss­chen zu läs­tern, über den Ein­satz ihres Man­nes, noch ein biss­chen zu zei­gen, wie hin­ter ihr im Publi­kum immer ältere Leute ste­hen, wäh­rend bei Barack Obama die Jugend, die Zukunft ist?

Fast möchte man schon des­halb für Hil­lary Clin­ton sein, um gerade nicht Teil die­ser erstaun­li­chen Welle zu sein, von der Obama getra­gen wird. Und auch, um sich den Mecha­nis­men der Medien zu wider­set­zen, die einen wesent­li­chen Anteil daran haben, dass alles gegen Hil­lary Clin­ton zu spre­chen scheint.

Ganz einig sind sie sich noch nicht, ob der rich­tige Fach­aus­druck nun »Oba­mo­men­tum« oder »Oba­men­tum« ist. Aber dass man über den Sie­ges­zug von Barack Obama nicht reden kann, ohne das Phä­no­men des »Momen­tums« zu beschrei­ben, steht außer Frage. Das Fas­zi­nie­rende an die­sem Phä­no­men ist, dass es schon dadurch ent­steht, dass man seine Exis­tenz behauptet.

Einen äuße­ren Anlass braucht es auch, und bei Barack Obama war einer der wich­tigs­ten der Sieg bei den ers­ten Vor­wah­len in Iowa. Zu gewin­nen gab es dort zwar kaum Wahl­män­ner, aber eben: Momen­tum, und schon am Wahl­abend konnte man zum Bei­spiel auf CNN sehen, wie der Schwung ent­steht, den ein Kan­di­dat angeb­lich durch eine sol­che sym­bo­li­sche Wahl bekommt: dadurch, dass Dut­zende Kom­men­ta­to­ren, Mode­ra­to­ren, Exper­ten und Kor­re­spon­den­ten den gan­zen Abend behaup­ten, dass die­ser Sieg dem Kan­di­da­ten die­sen Schwung besche­ren werde.

Men­schen sind eher bereit, sich zu Sie­gern zu beken­nen. Diese Wir­kung wird durch die Medien — ins­be­son­dere in einem Bio­top wie der ame­ri­ka­ni­schen Vor­wahl, in dem aus sehr begrenz­tem Mate­rial unend­li­che Men­gen con­tent pro­du­zie­ren wer­den müs­sen — so mas­siv ver­stärkt, dass sich ein Rück­kopp­lungs­ef­fekt ein­stellt, der alles über­la­gert. Am Ende ist es egal, ob es ursprüng­lich wirk­lich ein Momen­tum gab: Wenn die Medien der Mei­nung sind, es gebe einen sol­chen Schwung, und das oft genug beteu­ern, wird es ihn auch geben.

Es gibt eine Reihe sol­cher sich selbst ver­stär­ken­den Effekte in die­sem Vor­wahl­kampf, und fast alle funk­tio­nie­ren zuguns­ten von Obama. Da ist etwa die Frage, ob die Super­de­le­gier­ten, die nicht durch das Votum in den Bun­des­staa­ten gebun­den sind, einen wach­sen­den Druck ver­spü­ren, mas­sen­haft zu Obama über­zu­lau­fen — weil es den Wäh­lern schwer zu ver­mit­teln wäre, wenn sie anders stimm­ten als das Fuß­volk. Ver­mut­lich gab es tat­säch­lich, bevor auch nur ein ein­zi­ges Medium die­sen Gedan­ken for­mu­lierte, Super­de­le­gierte, die die­sen Druck ver­spür­ten. Aber so rich­tig ent­stand die­ser Druck natür­lich erst dadurch, dass die Medien die Frage breit dis­ku­tier­ten, ob es die­sen Druck gebe. (Ohne­hin wird in sol­chen Debat­ten gerne so getan, als gebe es eine fak­ti­sche über­wäl­ti­gende Stim­men­mehr­heit und nicht nur eine wach­sende, aber immer noch knappe Mehr­heit — plus ein gewal­ti­ges Momen­tum, natürlich.)

Die Erzähl­struk­tur, die Dra­ma­tur­gie und Rol­len­ver­tei­lung haben sich inzwi­schen so ver­fes­tigt, dass selbst Hil­lary Clin­tons Erfolge ent­spre­chend umge­deu­tet wer­den. Sie bekam vorige Woche viel Applaus für eine Bemer­kung am Ende einer Fern­seh­de­batte: Was immer geschehe, ihnen bei­den, ihr und Barack Obama, werde es gut­ge­hen — die Frage, um die es wirk­lich gehe, sei, ob es Ame­rika gut­ge­hen werde. Das all­ge­meine Lob für die­sen Moment wurde schnell ver­gif­tet, als die ers­ten Kom­men­ta­to­ren frag­ten, ob das nicht ein guter Satz wäre, sich mit Würde aus dem Ren­nen zu verabschieden.

Der Auf­stieg Oba­mas vom Außen­sei­ter zum Favo­ri­ten beruht natür­lich nicht aus­schließ­lich dar­auf, dass ihn die Regeln begüns­ti­gen, nach denen Medien aus Ent­wick­lun­gen Thea­ter­stü­cke machen und aus Ereig­nis­sen Sze­nen darin. Obama reflek­tiert das echte Bedürf­nis vie­ler Ame­ri­ka­ner nach einer ande­ren Art von Prä­si­den­ten. Und so wie sein siche­res Auf­tre­ten viele Beob­ach­ter über­rascht hat, so kata­stro­phal waren viele Feh­ler, die Clin­tons Kam­pa­gne machte. Dass die Dra­ma­tur­gie in die­sem Maße gegen sie spricht, ist auch ihre eigene Schuld. Sie hat ver­sucht, die Rolle der unver­meid­li­chen Kan­di­da­tin zu spie­len. Das hätte funk­tio­nie­ren und alle ande­ren Mit­be­wer­ber mar­gi­na­li­sie­ren kön­nen. Aber schon ein ein­zi­ges Ergeb­nis wie das in Iowa reichte aus, die­ses Rol­len­bild als unrea­lis­tisch zu ent­lar­ven — und ihre Wunsch­dra­ma­tur­gie zu ver­nich­ten. Fortan war Obama immer in der leich­te­ren, attrak­ti­ve­ren Posi­tion: der des Her­aus­for­de­rers, des Under­dogs, des­je­ni­gen, der auf­holt. Obama konnte nur gewin­nen, Clin­ton nur ver­lie­ren. Jeder Sieg für ihn war ein ver­nich­ten­der Schlag gegen sie. Jeder Sieg für sie war das eigent­lich nor­male Ergeb­nis, über das er sich nicht grä­men musste.

Erstaun­li­cher­weise hat sich diese Les­art bis heute erhal­ten — obwohl Obama jetzt in jeder Hin­sicht führt. Clin­ton muss unbe­dingt Punkte machen, und er gewinnt schon, wenn sie ihn nicht ver­nich­tend schlägt. Sie muss ackern, er nichts tun, außer gele­gent­lich ihre Angriffe abzu­weh­ren — oder abtrop­fen zu lassen.

Ihre Behaup­tung, dass sie, im Gegen­satz zu ihm, genug Erfah­rung mit­bringe, um vom ers­ten Tag der Amts­zeit an das Land füh­ren zu kön­nen, macht sie angreif­bar. Schon der kleinste Feh­ler, wie das Stol­pern über den Namen des nächs­ten rus­si­schen Prä­si­den­ten, genügt schein­bar als Beweis dafür, dass es mit die­ser Behaup­tung nicht so weit her sein kann. Sie muss ihre behaup­te­ten Qua­li­tä­ten jeder­zeit bewei­sen. Ihm reicht es, wenn er gele­gent­lich kom­pe­ten­ter ist, als sie ihm unter­stellt. (Und, keine Frage: Das gelingt ihm regelmäßig.)

Selbst wenn man all diese Regeln kennt, nach denen Medien funk­tio­nie­ren, und die Rol­len iden­ti­fi­ziert hat, die die Kan­di­da­ten spie­len oder zuge­schrie­ben bekom­men haben (und wer wie Obama glei­cher­ma­ßen mit John F. Ken­nedy und Ronald Rea­gan ver­gli­chen wird, hat fast schon gewon­nen), selbst dann ist es erstaun­lich, mit wie viel Häme die Kom­men­ta­to­ren jeden Feh­ler, jede Nie­der­lage Clin­tons kommentieren.

Wie tra­gisch ist das für sie: In jedem ande­ren Wahl­kampf hätte sie, schon weil sie eine Frau ist, als Sym­bol für den Wan­del, für einen radi­ka­len Wan­del Ame­ri­kas gegol­ten. Außer natür­lich im Wett­be­werb mit einem Schwar­zen. Wenn Clin­ton öffent­lich davon spricht, wie sehr ihre Wahl auch bedeu­ten würde, dass eine Frau die »glä­serne Decke« durch­brä­che, ern­tet sie ange­sichts ihres Geg­ners und der ungleich grö­ße­ren Revo­lu­tion, die seine Wahl dar­stel­len würde, vor allem Spott — was ebenso nach­voll­zieh­bar wie unge­recht ist.

Betrach­tet man die Kan­di­da­ten­kür der Demo­kra­ten als Wett­streit zwi­schen zwei Ver­tre­tern unter­re­prä­sen­tier­ter sozia­ler Grup­pen, ist Hil­lary Clin­ton eben­falls im Nach­teil: Jedes auch nur annä­hernd ras­sis­ti­sche Argu­men­ta­ti­ons­mus­ter ist ein star­kes Tabu; sexis­ti­sche Äuße­run­gen dage­gen gel­ten nur als nicht beson­ders fair — die Unzu­läs­sig­keit von sol­chen Sprü­chen wie dem des rech­ten Radio-Mannes Rush Lim­baugh, Ame­rika sei noch nicht bereit, zuzu­se­hen, wie sein Prä­si­dent vor ihren Augen »sich in eine alte Frau ver­wan­delt«, lässt sich verlachen.

Es muss eine beson­dere Genug­tu­ung gewe­sen sein für Hil­lary Clin­ton, nach all den (teils selbst ver­schul­de­ten) Zumu­tun­gen durch die Medien, dass sich am ver­gan­ge­nen Wochen­ende wenigs­tens die tra­di­ti­ons­rei­che Come­dy­sen­dung »Satur­day Night Live« auf ihre Seite schlug -– und über den merk­wür­dig unter­schied­li­chen Umgang mit den bei­den Kan­di­da­ten mokierte. In einem ebenso lus­ti­gen wie offen­sicht­lich ernst gemein­ten Mono­log brach Mode­ra­to­rin Tina Fey eine Lanze für Clin­ton. Sie mokierte sich über die schein­bare Angst der Ame­ri­ka­ner, mit Hil­lary gleich­zei­tig einen Co-Präsidenten Bill Clin­ton zu wäh­len, und kom­men­tierte iro­nisch: »Ja, das wäre furcht­bar: Zwei intel­li­gente, qua­li­fi­zierte Men­schen zu haben, die gemein­sam daran arbei­ten, Pro­bleme zu lösen. Warum sollte Starsky mit Hutch reden? Ich will die Show ‚Starsky‹ sehen!« Dann schwärmte sie noch davon, dass Clin­ton selbst­ver­ständ­lich eine bitch sei, eine fiese Zicke, denn Zicken erreich­ten etwas im Leben, und rief: »Bitch is the new black!«

Es war ein wohl­tu­en­der und not­wen­di­ger Kon­trast zur »Oba­ma­nia«, ver­mut­lich aber ein fol­gen­lo­ser. Wenn Hil­lary Clin­ton und ihre Leute nun anfan­gen, sich über echte und ver­meint­li­che Benach­tei­li­gun­gen in der Bericht­er­stat­tung zu beschwe­ren, macht das die Sache nur noch schlim­mer. Selbst berech­tigte Kri­tik stößt auf Häme und Empö­rung und wird als Rund­um­schlag einer schlech­ten Ver­lie­re­rin gewer­tet. Egal, was sie tut: Es scheint unmög­lich, aus ihrer Rolle herauszukommen.

James Ponie­wo­zik, der Medi­en­kri­ti­ker von »Time«, sieht immer­hin eine kleine Chance, dass es Clin­ton gelin­gen könnte, einige Wäh­ler in den ent­schei­den­den Vor­wah­len in der kom­men­den Woche davon zu über­zeu­gen, dass eine Stimme für sie eine Stimme gegen die Medien wäre und gegen die unge­rechte Behand­lung, die ihr zuteil­wird — in schmerz­haf­ter Erin­ne­rung an die unge­rechte Behand­lung, die den Demo­kra­ten so oft zuteilwurde.

Wenn Barack Obama tat­säch­lich die Vor­wah­len gewinnt, wird er den Gegen­wind der kon­ser­va­ti­ven Mei­nungs­ma­cher, die es immer noch schaf­fen, die Tages­ord­nung zu bestim­men, mit vol­ler Wucht zu spü­ren bekom­men. Dann wer­den die Rol­len in dem Drama neu ver­teilt. Obama wird nicht mehr der Under­dog sein, son­dern der Favo­rit, und anders als im inner­de­mo­kra­ti­schen Ren­nen wer­den all die Res­sen­ti­ments, die sich gegen ihn und seine Her­kunft wecken las­sen, ins Spiel gebracht. Die ers­ten kon­ser­va­ti­ven Radio­mo­de­ra­to­ren lau­fen sich schon warm und nen­nen kon­se­quent und bedeu­tungs­schwan­ger Oba­mas zwei­ten Vor­na­men: »Hussein«!

© Frank­fur­ter All­ge­meine Sonntagszeitung

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Quel­len und wei­ter­füh­rende Links:

»Huf­fing­ton Post«: »Go Hard Or Go Home? The Media Drum­beat For A Hil­lary Exit«

»Tuned-in«-Blog von »Time«: »Live from New York Ohio: Hillary’s SNL Defense.…«

Howard Kurtz, »Washing­ton Post«: »›Soft‹ Press Shar­pens Its Focus on Obama«

»Bos­ton Globe«: »The Dou­ble Standard«

Tina Fey über Hil­lary Clin­ton in »Satur­day Night Live«:

Hil­lary Clin­ton zu Gast in der »Daily Show«:

Je ferner, desto lauter

Einige deut­sche Online-Medien behan­deln es gerade als eine Sen­sa­tion: Der Wahl­kampf von Hil­lary Clin­ton wird ab sofort von einer ande­ren Frau gelei­tet. Bei Bild.de lief die Nach­richt sogar in einem »Brea­king News«-Laufband über die Seite. Sie schei­nen sich einig zu sein: Clin­ton hat Patti Solis Doyle wegen Erfolg­lo­sig­keit ent­las­sen. Bei den bei­den füh­ren­den Laut­spre­chern unter den Online-Medien liest es sich natür­lich beson­ders dramatisch:

Komisch nur, dass das auf ame­ri­ka­ni­schen Nach­rich­ten­sei­ten anders klingt, unspek­ta­ku­lä­rer, nicht ganz so über­ra­schend, sogar ohne den Kon­flikt, den das Wort »Raus­wurf« sug­ge­riert. Bei vie­len Medien ist es nicht ein­mal der Auf­ma­cher, auch in den Fern­seh­nach­rich­ten von CNN Inter­na­tio­nal gerade war es nur eine kurze Meldung.

Das Politik-Blog der »New York Times« zitiert einen Clinton-Sprecher, dass Frau Solis Doyle wei­ter­hin eine »Schlüs­sel­rolle« inner­halb des Teams ein­neh­men werde. Das Politik-Blog der »Washing­ton Post« berich­tet, dass es schon seit Wochen Gerüchte gege­ben habe, Mag­gie Wil­liams werde Patti Solis Doyle erset­zen. »Poli­tico« schreibt, dass der ver­stärkte Ein­fluss von Mag­gie Wil­liams, ohne­hin wie Solis Doyle eine lang­jäh­rige Bera­te­rin Clin­tons, sich bereits seit Wochen bemerk­bar gemacht habe und keine offen­sicht­li­che Ver­schie­bung der Macht­struk­tu­ren inner­halb des Wahl­kampf­teams bedeute. Selbst Fox News, alles andere als ein Freund von Hil­lary Clin­ton, spricht nur von einem »Rück­tritt« und berich­tet, dass Solis Doyle auch in Zukunft Clin­ton gele­gent­lich bei ihren Wahl­kampf­rei­sen beglei­ten werde.

Wie wird auf dem Weg von Ame­rika zu uns aus einer inter­es­san­ten Mel­dung eine Sen­sa­tion? Wie aus einem Rück­tritt, der mit den jüngs­ten Wahl­nie­der­la­gen oder mit Feh­lern im Zusam­men­hang mit der Vor­wahl in Iowa vor fünf Wochen zu tun haben, aber auch die pri­vate Ent­schei­dung einer Mut­ter von zwei klei­nen Kin­dern sein könnte, die wie fast alle dachte, dass zu die­sem Zeit­punkt das Ren­nen längst ent­schie­den sei, wie wird dar­aus ein ein­deu­ti­ger »Raus­wurf« oder gar das »Feu­ern« einer Frau, die doch anschei­nend wei­ter eine füh­rende Bera­te­rin bleibt?

Sind die deut­schen Online-Medien selbst in der Spät­schicht am Sonn­tag­abend bes­ser infor­miert, weni­ger naiv als die ame­ri­ka­ni­schen? Oder ist es eher so, dass sie den Man­gel an Hin­ter­grund­wis­sen durch Sen­sa­tio­na­lis­mus und Ein­sei­tig­keit ausgleichen?

Kurz verlinkt (13)

The most import­ant dis­tinc­tion in this race, at least at this stage, is not bet­ween the Demo­cra­tic Party and the Repu­bli­can Party. It is bet­ween the Poe­try Party and the Prose Party.

Michael Dobbs, »Washing­ton Post«.

Pinocchionasen für Romney, Obama & Co.

Und der Pinocchio-Preis 2007 in der Kate­go­rie »Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten« geht an… Mitt Rom­ney für sei­nen Satz: »Ich habe mei­nen Vater mit Mar­tin Luther King mar­schie­ren sehen«. Die Aus­zeich­nung berück­sich­tigt nicht nur, dass George Rom­ney allem Anschein nach nie mit Mar­tin Luther King mar­schiert ist, son­dern auch: dass die Behaup­tung Rom­neys nicht in freier Rede fiel; dass er sie seit 1978 wie­der­holt; dass er nach­träg­lich ver­suchte, die Behaup­tung dadurch zu wahr erschei­nen zu las­sen, dass er das Wort »sehen« ori­gi­nell inter­pre­tierte, und dass sein Team, anstatt den Feh­ler zu kor­ri­gie­ren, ver­meint­li­che Augen­zeu­gen mit ihren trü­ge­ri­schen Erin­ne­run­gen an die Medien vermittelte.

Michael Dobbs hat diese Wahl der »Flun­ke­rei des Jah­res« getrof­fen. Für die Web­seite der »Washing­ton Post« schreibt er das Blog »The Fact Che­cker«, über­prüft dort zwei­fel­hafte Aus­sa­gen der Kan­di­da­ten im Vor­wahl­kampf der USA und ver­gibt bis zu vier Pinoc­chios, je nach Grad der Wahrheitskrümmung.

Die Fälle, die er sich vor­nimmt, sagen mehr aus über die Kan­di­da­ten als nur, wie genau sie es mit der Wahr­heit neh­men. Da ist das Zitat Fred Thomp­sons, die Ame­ri­ka­ner hät­ten »mehr Blut für die Frei­heit ande­rer Natio­nen gege­ben als jede andere Staa­ten­gruppe in der Welt­ge­schichte« (vier Pinocchios), da ist Mitt Rom­neys Beteue­rung, er hätte nur beim Thema Abtrei­bung seine Mei­nung fun­da­men­tal geän­dert (noch keine Wertung), da ist Barack Oba­mas wie­der­holte Behaup­tung, es seien mehr junge schwarze Ame­ri­ka­ner im Gefäng­nis als in Uni­ver­si­tä­ten und Col­le­ges, und nicht zuletzt die per­fide Dis­kus­sion um Oba­mas Schul­zeit in einer Madrasa.

Für beson­ders ehr­li­che Aus­sa­gen gibt es gele­gent­lich auch das Gepetto-Häkchen. (Eines bekam Barak Obama für sein erfri­schend auf­rich­ti­ges State­ment über sei­nen frü­he­ren Dro­gen­ge­brauch: »The point was to inhale. That was the point.«)

»The Fact Che­cker« ist ein wun­der­ba­res Bei­spiel für das Poten­tial, das das Medium Watch­blog hat. Es ist aktu­ell, außer­or­dent­lich rele­vant und leicht zugäng­lich, bemüht sich um Unab­hän­gig­keit und ist dabei doch nicht unper­sön­lich. Der offen­kun­dige Wille, mög­lichst genau zu sein, geht nicht auf Kos­ten der Unter­halt­sam­keit und umge­kehrt (eine Kom­bi­na­tion, die im anglo-amerikanischen Jour­na­lis­mus ohne­hin häu­fi­ger ist als im deutschen).

Und »The Fact Che­cker« ist nicht ein­fach nur irgend­eine Inter­net­seite einer gro­ßen Tages­zei­tung, son­dern ein Blog im bes­ten Sinne: Redak­teur Dobbs belegt seine Aus­sa­gen mit zahl­rei­chen Links, sowohl zu Ori­gi­nal­quel­len, als auch zu ande­ren Medien — zur »New York Times« ebenso wie zu »Fox News«. Er lädt seine Leser zu Dis­kus­sio­nen über die ange­mes­sene Bewer­tung einer Lüge oder Mani­pu­la­tion ein und greift auf ihre Vor­schläge zurück, wel­che zwei­fel­haf­ten Aus­sa­gen über­prüft wer­den sol­len. Er zögert nicht, eigene Feh­ler zuzu­ge­ben und Ein­schät­zun­gen zu revi­die­ren. Seine Ein­träge las­sen sich nach Kan­di­da­ten, The­men oder Zahl der ver­ge­be­nen Pinoc­chios sortieren.

Und die Recher­chen aus dem Blog fin­den ihren Weg immer wie­der in die gedruckte Zei­tung, teil­weise sogar auf die erste Seite — und die Arti­kel ver­wei­sen wie­der auf das Blog. Es ist, kurz gesagt, eine vor­bild­li­che Zusam­men­ar­beit von pro­fes­sio­nel­len Jour­na­lis­ten und Recher­cheu­ren mit dem Publi­kum, eine orga­ni­sche Kom­bi­na­tion von klas­si­schem Medium und Blog.

Ich weiß gar nicht, was mich mehr beein­druckt: die aus­führ­li­che, sorg­fäl­tige Art der Beweis­füh­rung, die gründ­li­che, nach­voll­zieh­bare Recher­che, das Bemü­hen, alle Sei­ten zu hören — oder das völ­lige Feh­len von Pre­di­ger­tum und Über­heb­lich­keit, wie es schon die Selbst­be­schrei­bung aus­drückt:

All judg­ments are sub­ject to debate and cri­ti­cism from our rea­ders and inte­res­ted par­ties, and can be revi­sed if fresh evi­dence emer­ges. We invite you to join the dis­cus­sion on these pages and con­tact the Fact Che­cker directly with tips, sug­ges­ti­ons, and com­plaints. If you feel that we are being too harsh on one can­di­date and too soft on ano­ther, there is a sim­ple remedy: let us know about mis­state­ments and fac­tual errors we may have overlooked.