Archiv zum Stichwort: Homosexualität

Heuchler

13 Apr 08
13. April 2008

Manchmal ist es schwer, im BILDblog eine angemessene Form zu finden, die der moralischen und menschlichen Verkommenheit der „Bild“-Zeitung und ihrer Mitarbeiter gerecht wird. Ich weiß gar nicht, was ich an dieser Geschichte abstoßender finde: Die „Bild“-Zeitung, die es sich nicht nehmen lässt, die Homosexualität eines aus dem Libanon stammenden jungen Mannes öffentlich zu machen, und dabei (wissentlich oder fahrlässig) in Kauf nimmt, dass er oder seine Familie dort in Gefahr geraten könnten. Oder die „Bild am Sonntag“, die sich am nächsten Tag an dieser Gefahr berauscht, scheinbar besorgt die Konsequenzen des Outings ihrer Schwesterzeitung beschreibt und nicht einmal den Anstand hat, das hinzuschreiben: dass es die „Bild“-Zeitung war, die ihn in diese von „Bild am Sonntag“ detailliert beschriebene Gefahr gebracht hat. Und weil Herausgeber beider Zeitung Kai Diekmann ist, kann er mit sich selbst Good-Cop-Bad-Cop spielen, darf gleichzeitig unbeschwert vor sich hin zündeln und vor den Risiken des Zündelns warnen.

Man darf auch „Bild“-Mitarbeiter nicht beleidigen, anspucken oder schubsen (und ich meine das nicht als rhetorische Floskel). Aber ich würde mir wünschen, dass alle, die für dieses Blatt arbeiten, wenigstens in den nächsten paar Tagen ununterbrochen gefragt werden, wie sich das anfühlt. Ob man sich häufiger duschen muss als andere Leute. Wie man schafft, in den Spiegel zu sehen, ohne sich in die Augen zu blicken. Und ob da nichts mehr ist: kein Gefühl, keine Zweifel, keine Angst, keine Erinnerung an Raimund Harmstorf, um nur einen zu nennen.

Sie bilden ein perfektes Team, die „Bild“-Zeitung und die „Bild am Sonntag“. Und Bild.de ergänzt die Verantwortungslosigkeit der einen und die Scheinheiligkeit der anderen noch um Unfähigkeit. Das hier war der Bild.de-Aufmacher in der vergangenen Nacht (Unkenntlichmachung von mir):

Nachtrag, 14. April, 14:30 Uhr. Ich habe mich entschieden, den Namen des Betroffenen auf dem Screenshot nachträglich unkenntlich zu machen. Das mag merkwürdig wirken, weil sich sein Name leicht herausfinden lässt und die Geschichte auf ungezählten Seiten nachzulesen ist. Andererseits: Die „Bild“-Zeitung hat kein Recht, das Privatleben des Sängers öffentlich zu machen — insbesondere, wenn er es geheim gehalten hat und offenbar gute Gründe dafür hatte. Und wenn die „Bild“-Zeitung kein Recht dazu hat, darüber zu berichten, habe ich kein Recht dazu, für eine weitere Verbreitung zu sorgen — egal wie klein mein Anteil daran auch sein mag.

Sodomobil revisited

01 Nov 07
1. November 2007

Ein Gericht hat die sogenannte Westboro Baptist Church von Fred Phelps dazu verurteilt, dem Vater eines im Irak getöteten amerikanischen Soldaten insgesamt elf Millionen Dollar zu zahlen. Die Mitglieder der Organisation, die sich als Baptisten bezeichnen, demonstrieren mit Sprüchen wie „God Hates Fags“ nicht nur bei Beerdigungen von Schwulen und feiern öffentlich den Tod von Opfern wie Matthew Shepard. Sie nehmen auch Beerdigungen von Soldaten ins Visier, weil sie zu glauben behaupten, der Krieg sei eine Strafe Gottes für die Homosexualität in den USA.

Das Urteil, das mit etwas Glück den finanziellen Ruin der Truppe bedeutet, ist ein schöner Anlass, den Ausschnitt zu zeigen, wie Michael Moore in seiner Fernsehsendung „The Awful Truth“ 1999 gegen Fred Phelps und seine Anhänger vorging — mit dem Sodomobil:

Außerdem angucken:
BBC-Doku: Louis Theroux lebt mit der Phelps-Familie.
[via nobbi]

Ahnungslose Hassprediger

28 Mai 07
28. Mai 2007

Ich bin mir nach all den Monaten immer noch nicht sicher, ob ich es beruhigend oder beunruhigend finde, dass bei den Hasspredigern des erfolgreichen Anti-Islam-Blogs „Politically Incorrect“ die Ahnungslosigkeit immer noch größer ist als der Hass.

Wenn der Grünen-Politiker Volker Beck und andere beim Versuch, in Moskau für Versammlungsfreiheit und Grundrechte für Schwule und Lesben zu demonstrieren, geschlagen und zeitweise festgenommen werden, erntet er von „PI“-Macher Stefan Herre und seinen Mitstreitern dafür nur Häme und Beschimpfungen. Unter dem Eintrag überbieten sich „PI“-Stammkommentatoren in schwulenfeindlichen Kommentaren: Sie nennen Beck eine „dämliche *****tel“ („bah was widert einen dieser Typ an: kotz brech würg“), „Sodomist“ und „bekennenden Pädophilen“, malen sich aus, wie er im Iran mit einem „seiner warmen Brüder“ am Baukran erhängt wird, und nennen Homosexualität einen „genetischen Defekt“. Das ist der Hass.

Und das ist die Ahnungslosigkeit: „PI“-Macher Stefan Herre wirft Beck vor, dass er nach Moskau reist, anstatt sich „zur Abwechslung einmal für die Versammlungsfreiheit der Schwulen und Lesben in Kreuzberg oder Neukölln“ [einzusetzen]. Herre suggeriert, dort könne keine Schwulenparade stattfinden — wegen der dort herrschenden und durch die Grünen mitzuverantwortenden „islamischen Gegenkultur“. Und Dutzende Kommentoren empören sich mit Herre darüber, was das für ein Skandal ist, dass in Kreuzberg und Neukölln keine Schwulen demonstrieren können wegen der vielen Moslems. Und keiner lässt sich das schöne Vorurteil dadurch kaputt machen, dass Schwule und Lesben seit 1998 jährlich durch Kreuzberg und teilweise Neukölln ziehen und demonstrieren und feiern: Auf dem „Transgenialen CSD“.

europa = tolerancja

15 Mai 07
15. Mai 2007

Ich unterstütze, wie viele andere, den Warschauer Pakt 2007. Und, nein, das hat nichts mit der Punktevergabe beim Grand-Prix zu tun.

„Die Rechte Homosexueller sind Bürgerrechte. In Polen häufen sich weiterhin massive homophobe Äußerungen von Politikern. Wir als Bürger der Europäischen Union nehmen das nicht hin.

Wir fordern die polnische Regierung auf, im Einklang mit der Europäischen Menschenrechtskonvention die Rechte von Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transgender zu achten. Wir solidarisieren uns mit allen Menschen in Polen, die für Bürgerrechte eintreten.“

Udo Walz

09 Dez 06
9. Dezember 2006

Gerade gemerkt, dass ich mich noch nicht genug über Udo Walz aufgeregt habe. Der hätte die Ehrendoktorwürde angenommen, die ihm die offensichtlich demokratiefeindliche, rechtsextreme „Deutsche Nationalakademie“ verleihen wollte — wenn sie nicht nur eine Erfindung und ein Test der Zeitschrift „Tempo“ gewesen wäre.

Und irgendwie haben ihn die ganzen Zitate aus „Mein Kampf“ im Anschreiben wohl verwirrt, jedenfalls sagte er dem „Tagesspiegel“* hinterher, er habe gehört, dass diese Akademie „wohl ein wenig links“ stehen könnte.

Zu Udo Walz und dieser Geschichte hat im „Tagesspiegel“ ausnahmsweise auch Peter Hahne einen schlichten, schönen, wahren Satz gesagt:

„Udo Walz besitzt die Chuzpe zu glauben, dass er als Friseur einen Ehrendoktor kriegt.“

Mit Udo Walz bin ich fertig, seit er im September in „Bild“ (anmoderiert als „einer, der es wissen muss“) Auskunft gab zur Frage, ob Deutschland reif sei für einen schwulen Kanzler. Walz nahm Anstoß am Wort „schwul“ und sagte:

„Die meisten denken dann gleich an Darkrooms und Analverkehr. Und ich kann Ihnen versichern, dass Homosexualität damit nichts — ausschließlich — zu tun hat.“

Und allein die aufschlussreiche grammatische Un-Konstruktion in diesem Satz, mit der Udo Walz die ihm offensichtlich unangenehme Möglichkeit, dass Schwule Analverkehr haben, vollständig ausschließt, ohne sie vollständig auszuschließen, würde vermutlich ausreichen, seine Krankenkasse von der Notwendigkeit einer Therapie zu überzeugen.

Später führte Walz, der sich selbst als zum Glück „sehr maskulin“ bezeichnete, noch aus, dass es ihn stört, wenn Männer sich in der Öffentlichkeit küssen:

„… küssende Männer gehören nicht auf die Straße.“

Bei Heteros gilt das für ihn nur „mit Abstrichen“.

Udo Walz ist ein Grund, sich zu schämen, schwul zu sein.

*) Komischerweise ist der „Tagesspiegel“-Artikel nicht mehr in seiner ursprünglichen Form online. Das Zitat steht nur noch im Schwesterblatt „BusinessNews“.