Tag Archive for: Ich bin ein Star holt mich hier raus

Ist die Dschungelshow nur was für Doofe?

14 Jan 08
14. Januar 2008

Dinge, die so sind, wie man sich das immer gedacht hat, sind oft gar nicht so.

Die „Süddeutsche Zeitung“ zum Beispiel schrieb am vergangenen Freitag über „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“:

Je gebildeter ein Zuschauer, desto weniger interessiert ihn die Dschungelshow, brachte die Zuschauerforschung hinsichtlich der beiden ersten Staffeln heraus. Es wird niemanden überrascht haben. Eigene Misere befördert die Bereitschaft, Gefallen an Programmen wie diesem zu finden, bei denen es am Ende eben um Erniedrigung, Zirkus, Gladiatorenkämpfe und um Sadismus geht.

Reflexion und Rache eigenen Nicht-Genügens und selbst erfahrener Kränkungen: Ich bin ein Star — Holt mich hier raus! ist das Fernsehen der Gekränkten und Beleidigten.

Das ist ein bisschen kurzgeschlossen von „wenig Bildung“ auf „eigene Misere“, aber abgesehen davon: Stimmt das überhaupt? Ist die Dschungelshow eine Sendung für Doofe? Für Leute, die es nicht geschafft haben, einen so tollen Job zu haben wie die Autorin der „Süddeutschen Zeitung“?

Nicht ganz. In der merkwürdigen Debatte vor drei Jahren über das angebliche „Unterschichtenfernsehen“ schon sagte der damalige RTL-Geschäftsführer Gerhard Zeiler: „Die Dschungelshow haben mehr junge Akademiker eingeschaltet als die Tagesschau.“

Und auch bei der dritten Staffel, die am Freitag begann, geben die Zahlen wenig Anlass, von oben auf das Publikum herabzuschauen. Die „Süddeutsche“ hat zwar grundsätzlich Recht: Leute mit Abitur haben die ersten drei Shows weniger eingeschaltet als die nicht so gebildeten Menschen. Aber auch in dieser Gruppe betrug der Marktanteil 23,3 Prozent — mit anderen Worten: Fast jeder vierte Unter-50-Jährige mit Abitur, der zu dieser Zeit den Fernseher anhatte, schaute „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“. (Alle Angaben beziehen sich auf 14- bis 49-Jährige.) Auch nach dem beruflichen Status sortiert gibt es bei den Marktanteilen zwar ein Gefälle hin zur Elite, aber kein massenhaftes Abschalten. Ein Misserfolg ist die Dschungelshow nur bei den Über-50-Jährigen: Bei ihnen betrug der Marktanteil gerade einmal 9,6 Prozent.

Die Lust der Gutgebildeten und beruflich Etablierten auf den vermeintlichen Trash zeigt sich auch in absoluten Zahlen. Bei den jungen Leitenden Angestellten, Beamten und Selbstständigen waren die ersten beiden Folgen von „Ich bin ein Star…“ die meistgesehenen Sendungen des Wochenendes (14- bis 49-jährige, Freitag bis Sonntag). Zum Vergleich: „Anne Will“ sahen am Sonntag 50.000 Menschen aus dieser Alters- und Berufsgruppe; die dritte Folge von „Ich bin ein Star“, die etwas später begann, 120.000.

Ein ähnliches Bild ergibt sich bei den 14- bis 49-Jährigen, die mindestens Abitur haben: In der Hitliste lagen an den drei Tagen „Tagesschau“, „Die Insel“, „Die Bourne Identität“, „Polizeiruf 110“ und „Wilsberg“ nach absoluten Zahlen vorne — aber dann folgten die Freitags- und Samstagsausgabe der Dschungelshow, weit vor Sendungen wie „heute journal“, „Weltspiegel“ oder „Politbarometer“.

Man kann es natürlich, wenn man will, für entsetzlich halten, dass selbst kluge und gut situierte Menschen solchen Schrott gucken. Man sollte nur nicht so tun, als wäre es anders.

Programmhinweis

11 Jan 08
11. Januar 2008

Und weil es nicht gesund sein kann, sich immer nur mit so Trash auseinanderzusetzen, werde ich nachher lieber schön den Auftakt der neuen Staffel von „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ live mitbloggen.

Ab 22.15 Uhr, nebenan beim „Fernsehlexikon“.

Die Dschungelkönigin

14 Nov 04
14. November 2004
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Die Moderatorin Sonja Zietlow hat gezeigt, wie lustig sie sein kann. Sie will das aber nicht immer zeigen müssen.

Frau Zietlow, wir müssen über diese dicke weiße Made sprechen, die sich von Willi Herren erst noch mehrmals stupsen und quetschen lassen mußte, bevor er ihr dann endlich den Kopf abgebissen hat.

Ja, der Dirk Bach stand auch sehr betrübt daneben. Ich habe hinterher zu ihm gesagt: Ich finde das zwar auch nicht toll, aber letztlich kennen wir Willi, der Willi war immer nur so. Ich habe hinterher zu Dirk gesagt: Du mußt dir doch im klaren darüber sein, wenn wir diese Sendung machen, gehört auch dazu, einer Made den Kopf abzubeißen. Sie tat mir dann letztendlich auch leid, als dann die zweite Made allein auf dem Teller war, und das abgebissene Köpfchen von der ersten lag noch da, und die Made robbte sich zu diesem Köpfchen — aber dann denke ich mir, meine Güte, es ist ‚ne Made, Herrgottnochmal!

Dirk Bach hatte sich in den Vertrag schreiben lassen, daß die Tiere nicht gequält werden.

Ach, wir haben schon immer aufgepaßt. In der ersten Staffel sollte der Sarg, in den sich Daniel Küblböck dann legte, eigentlich mit Ratten gefüllt sein. Und dann würde der mit Wasser gefüllt, so daß die Ratten sich auf den Menschen als Insel retten. Aber dann haben wir diese ganzen Ratten gesehen, und die taten mir wirklich leid: Die haben einen so angeguckt und mit ihren Füßchen an den Glaskasten gekratzt, und dann haben wir gesagt: Nein, das geht nicht. Das war dann meine Idee zu sagen: Laßt uns doch statt dessen ganz viele Kakerlaken nehmen!

Daniel Küblböck kann sich bei Ihnen also persönlich bedanken für die Kakerlaken.

Die Ratten können sich bei mir bedanken!

Diese Neuigkeit ist natürlich prima für Ihr Image als RTL-Domina.

Ich glaube, bei Ratten kann man sich theoretisch noch mehr Infektionen holen. Die können ganz schön heftig beißen. Man könnte also auch sagen: Ich hab‘ ihn gerettet vor den Ratten.

Kriegen Sie jetzt gezielte Angebote?

Als Domina?

Ja, in der Werbung und so was.

Ach, die ganze zweite Staffel war ich eigentlich schon nicht mehr die „Domina“, bis hinterher „Bild“ das noch mal geschrieben hat. Aber die anderen haben es, glaube ich, begriffen, von daher hab‘ ich in der Medienlandschaft nicht dieses Image. Das ist schon mal ganz gut.

Die „Bild“-Zeitung fragt: „Was hat diese Frau so hart gemacht?“

Ja, Dirk Bach ist das lustige Gummibärchen, und ich bin die Harte. Da denke ich auch manchmal: Wo haben die das her? Sicherlich, ich habe nicht soviel Furcht vor Dingen. Wenn der Tiertrainer mit einer Schlange ankommt und sie mir gibt, dann denke ich: Das wird schon nichts sein. Und wenn sie mich jetzt doch beißt, was soll denn dann passieren? Ich bin sicherlich auf manchen Gebieten tougher. Ich weiß ziemlich genau, was ich will. Ich vergleiche das immer mit einem Fußballtrainer. Wenn der seine Jungs anschreit, ist das ein Fußballtrainer, und jetzt stellen Sie sich mal vor, wenn das eine Frau machen würde! Bei den Dschungelprüfungen mit Willi zum Beispiel habe ich mir gedacht: Ich weiß, wenn er das jetzt macht, dann ist er hinterher stolz auf sich. Wenn ich ihn anschreie: „Mach es!“ Eine Domina erniedrigt Menschen, so was würde ich nie tun.

Wann wird Sonja Zietlow weich?

Gestern habe ich die Wiederholung von „The Swan“ geguckt, und als sich dann die Kandidatinnen nach den Schönheitsoperationen das erste Mal im Spiegel gesehen haben, dachte ich: Gib dir nicht die Blöße und wein!

Aber das ist doch eine schreckliche Sendung.

Also, ich bin da völlig der Otto Normalzuschauer, ich mag das sehen. Die meisten sind hinterher glücklich oder auch nicht. Aber ich denke mir, die wissen schon, was sie machen. Die machen das freiwillig. Ich verstehe nicht, wenn die Kritiker sagen: Muß man nicht die Leute vor sich selbst schützen? Die Leute leben ja auch sonst und wählen unseren Bundeskanzler und arbeiten und so weiter. Warum soll ich denn einen erwachsenen Menschen vor sich selbst schützen, das wäre ja anmaßend! Und wer schützt mich vor den Menschen, die meinen Bundeskanzler wählen? Das wäre doch das gleiche, zu sagen: Du gehst jetzt mal lieber nicht wählen, denn du weißt nicht, was du da tust.

Das Besondere an der Dschungelshow war, daß man den beiden Moderatoren anmerkte, wieviel Spaß sie dabei hatten.

Ja, wir hatten Riesenspaß, zumal die Pointen von Autoren geschrieben wurden, die einen sehr feinen Sinn für Humor haben. Manchmal waren die Witze so gut, daß ich die Pointen erst in der Sendung verstanden habe, obwohl ich sie vorher schon zweimal in den Proben gelesen hatte.

Das würde allerdings die gute Laune in der Sendung erklären.

Genau, nach dem Motto: Ha ha ha, was hab‘ ich gerade gesagt!

Sie konnten auch ganz neue Seiten von sich zeigen.

Ja, jetzt heißt es, bei mir wären neue Talente entdeckt worden, ich könnte Leute und Stimmen nachmachen. Dabei konnte ich das schon immer.

Haben Sie aber nie gezeigt.

Doch, in der Talkshow habe ich häufiger gesächselt oder so. Da kann sich nur keiner mehr dran erinnern, weil ich zwischendurch einfach nur eine seriöse Quizshowmoderatorin war, weil es das Konzept so verlangt hat. Als ich „Deutschlands klügste Kinder“ gemacht habe, hieß es zwischendurch: Ich peitsche die Kinder da durch. Da denke ich auch: Puh. Ich muß denen halt Fragen stellen, was soll ich denn machen? Soll ich sie dabei in den Arm nehmen?

Na, Sie müßten ja so eine merkwürdige Show gar nicht machen.

Aber es war toll!

Jedenfalls zwingt Sie keiner, solche Rollen zu übernehmen.

Natürlich nicht. Aber mir machen unterschiedliche Sachen Spaß. Ich möchte jetzt auch nicht immer nur das Dschungelcamp moderieren. Ich bin halt jemand, der ein Breitbandinteresse hat. Und jetzt gibt’s Angebote, etwas zu machen, was ein bißchen ins Komödiantischere geht. Aber das ist noch nicht spruchreif.

In der ersten Staffel waren Sie noch nicht so mit Parodien und Dialekten aufgefallen. Sie sind jetzt mehr aus sich herausgegangen?

Ja, ich bin niemand, der sich — das hört sich jetzt komisch an — unbedingt so in den Vordergrund spielen will.

Hört sich wirklich komisch an.

Das mit den Parodien war eigentlich auch nicht vorgesehen für mich. Ich kann ja nicht sagen: Ich kann das aber toll, und nachher ist das gar nicht toll. Man weiß das ja selber nicht, ob man Leute nachmachen kann oder nicht. Das fing eigentlich mit dem Dustin Semmelrogge an, der Kandidat in der ersten Staffel war. Die Autoren hatten in der zweiten Staffel als Regieanweisung einmal geschrieben: „Dirk gibt uns den Semmelrogge.“ Und Dirk sagte: Ich kann das überhaupt nicht. Und dann habe ich das mal vorgemacht, wie Dustin immer war, so: „Hey“ und „Voll cool“. Dann hieß es: Ja, dann mach du das doch. Und dann hab‘ ick det irgendwann auch mal mit der Désirée so gemacht, das ergab sich einfach so, als ich erzählt habe, was passiert ist, und alle haben sich kaputtgelacht.

Und vorher wußte keiner, daß Sie dieses Talent haben?

Ich habe mit der Kindersendung „Bim Bam Bino“ angefangen. Da habe ich schon ein paar Stories geschrieben, und wenn man die mal rauskramen würde, würde man sehen: Da habe ich schon verschiedene Dialekte gesprochen, mich verkleidet, habe eine Türkin gespielt mit Kopftuch und „Muß isch putzen, war isch türkische Putzfrau“ …

Aber irgendwie hat es keinen interessiert.

Nein.

Aber jetzt, und jetzt machen Sie was draus.

Weiß ich nicht. Weiß ich wirklich nicht!

Aber wäre Ihnen das egal?

Ob man was draus macht oder nicht? Ja. Ich glaube, daß ich lustig sein kann. Ich glaube nicht, daß ich immer lustig bin auf Abruf. Und ich hätte Angst davor, immer lustig sein zu müssen.

Also werden Sie jetzt wieder langweilige Standard-Shows wegmoderieren? Mein Arbeitstitel für diesen Artikel lautete: „Warum ist sie sonst nicht so toll?“

Eine Anke Engelke war sehr lange relativ unkomisch im Fernsehbusineß, bevor sie in der „Wochenshow“ entdeckt wurde. Da wächst man ja auch erst mal rein. Und jetzt ist sie „die Komikerin“. Stellen Sie sich mal vor, die Leute würden sagen: Die Sonja ist immer so lustig, und dann moderiere ich demnächst eine Sendung, die einfach kein komödiantisches Talent fordert, und dann sagen alle: Och, jetzt war sie aber nicht lustig. Ich fände das schon bedrückend, immer komisch sein zu müssen.

Was für Shows würden Sie gerne moderieren?

Ich habe einen Exklusiv-Vertrag mit RTL. Ich bin schon immer RTL-Gucker und -Fan gewesen. Ich kann mir unheimlich viele unterschiedliche Sachen vorstellen. Nächstes Jahr kommt eine Sendung, da kann ich noch mal ein anderes Talent zeigen, wo alle nur gestaunt haben, was ich mich alles traue, was ich aushalte und mitmache. Das war auch toll.

Ihre Texte in der Dschungelshow schrieb Ihr Mann Jens Oliver Haas. Muß man mit der Moderatorin verheiratet sein, um so gute Texte zu schreiben? Muß man mit dem Autor verheiratet sein, um so flockig moderieren zu können?

Nee, muß man nicht. Mein Mann war schon, bevor er mich geheiratet hat, ein wunderbarer Autor. Ich habe ihn bei „Der Schwächste fliegt“ kennengelernt. Er war aber selber nie auf die Idee gekommen, mir lustige Texte zu schreiben. Weil er sagt, Comedy ist sehr schwierig, da gehört viel Timing dazu. Eigentlich war für die Dschungelshow auch geplant, daß Dirk Bach der Lustige ist und ich die Seriöse, die das Heft in der Hand hält. Ich moderiere, und er hat die Pointen. So war das in der ersten Staffel ja auch eher. Diesmal habe ich gesagt: Ich fänd’s ganz schön, wenn auch mal ein Lacher bei mir wäre … Und so haben wir uns das getraut und haben gesehen, hey, das geht ja auch.

Und jetzt schreibt Ihnen Ihr Mann eine Sitcom.

Neee. Aber so was wie improvisierte Comedy wollte ich schon immer mal machen. Ich würde gern wissen, ob ich so was auch könnte. Ich glaube, ich habe eine relativ gute Einschätzung von mir, was ich kann und was nicht. Wobei mein Mann sagte: Oh, das ist aber ganz schwer, nach dem Motto: Übernimm dich da mal nicht. Und vielleicht hat er recht.

Ein bißchen auf den Geschmack gekommen sind Sie also.

Ich habe schon vor zwei Jahren gesagt, RTL soll mich mal für Comedy-Sendungen casten, aber es kam halt noch keine. Was soll man machen.

Aber jetzt.

Weiß man nicht.

Doch, wenn die Leute diesen Artikel gelesen haben.

Hm. Mit der Überschrift „Warum ist sie sonst nicht toll“!?

Ist es nicht schwer, nach der Dschungelshow wieder eine ganz normale Show zu moderieren? Der Unterschied muß doch riesengroß sein.

Der ist auch riesengroß. Es gibt eigentlich keine Produktion, wo wir soviel ausprobieren konnten. Ab und zu haben wir uns auch über die Merchandising-Produkte lustig gemacht. Die CD zur Sendung haben wir beim ersten Mal ins Tischaquarium geworfen. Dann kam natürlich sofort von irgendwo ein Anruf: Das könnt ihr doch nicht machen! Und wir so: Na gut, machen wir nicht.

Das nächste Mal haben Sie die CD als Bumerang benutzt.

Und beim dritten Mal haben wir sie sogar in den Kuchen gesteckt. Zum Glück hatten wir einen entspannten Redakteur von RTL, der auch mal ein Auge zugedrückt hat. Es half sehr, daß die Sendung live war. Daß es keine Zeit gab, alles mit allen bis ins letzte Detail abzustimmen. Die Beschwerden kamen dann hinterher.

Als Sie die Leute aufriefen, Carsten Spengemann in die Dschungelprüfungen zu wählen.

Genau. Den haben wir da ja eigentlich reingetextet — auch um für mehr Abwechslung bei den Prüfungen zu sorgen. Das fanden nicht alle Verantwortlichen toll. „Das darf man nicht machen“, hieß es. Da haben wir gesagt: Okay …

Und statt dessen eine freundliche Empfehlung für Willi abgegeben.

Stimmt.

Das war fast ein Experiment: Stimmen die Zuschauer wirklich für jemanden, wenn zwei lustige Moderatoren ihnen das ans Herz legen?

Ja, in diesem Fall hat es sogar geklappt — das hat mir fast Angst gemacht. Aber die Zuschauer wissen eben auch, was gut ist.