Archiv zum Stichwort: Internet

„Diebe, Rufmörder, Kinderschänder“

12 Aug 09
12. August 2009

Es gibt eine ganz einfache Methode, aus Texten über das schlimme Internet die Luft herauszulassen. Man ersetze in ihnen einfach „digital“ durch „analog“ und „Netz“ durch „Welt“ und schaue, ob die Aussagen trotzdem stimmen.

An einem zentralen Absatz der aktuellen „Spiegel“-Titelgeschichte lässt sich das ganz gut demonstrieren:

Im Netz In der Welt tost nicht nur Karneval, es herrscht auch Krieg. Der Cyberspace Die Welt des 21. Jahrhunderts ist in der Hand von globalen Playern des Kommerzes, Finanzjongleuren, wirtschaftlichen und politischen Tyrannen. Die Grauzonen dieser neuen Weltordnung werden vom organisierten Verbrechen genutzt. Während an der Oberfläche des digitalen analogen Reichs tausend bunte Blumen blühen, Shopping, Chats, Schöngeistiges, wuchert im Wurzelwerk darunter ein Pilzgeflecht aus Intrigen, Täuschung und Terror.

Passt. Was der „Spiegel“ als bemerkenswerte Eigenart des Internet beschwört, ist also nur eine allgemeine Zustandsbeschreibung unserer Welt.

Man hätte im konkreten Fall natürlich auf den Test auch verzichten können, weil das Nachrichtenmagazin im nächsten Satz versucht, einen tatsächlichen Gegensatz zwischen „Netz“ und „Welt“ aufzubauen, und kläglich scheitert:

Das Netz, so sehen es manche, bedroht den Frieden der Welt.

Der Friede der Welt ist bedroht?? Nein, halt: Es herrscht ein Friede der Welt??

Ich wüsste gerne, ob die Menschen in der Dokumentation des „Spiegel“ wenigstens kurz in sich hineingekichert haben, als sie das lasen, bevor sie sich wieder an die anderen Artikel im Heft über Piraten, Terroristen, den „Kriegseinsatz von Ärzten“, ein „Kriegsverbrechertribunal für Bangladesh“, Vergewaltigungen als „Alltag des Krieges“ im Kongo, die „tödliche Logik der Gewalt“ in Nahost und „Hollywoods Kampf gegen den Irak-Krieg“ setzten.

Die These des Aufmachers lautet etwa: „Das Internet ist kein rechtsfreier Raum, kann aber leicht mit einem verwechselt werden“, möglicherweise aber auch: „Das Internet ist ein rechtsfreier Raum, müsste das aber nicht bleiben“, ganz genau ist das nicht auszumachen. Das Stück gehört zum beliebten „Spiegel“-Multi-Autoren-Genre, in dem das Hauptziel ist, so viele Namen, Zitate und Faktenfetzen wie möglich in einem Text unterzubringen, die dann notdürftig miteinander verbunden werden.

Argumentative Stringenz ist dabei natürlich optional. So packen die Redakteure die Geschichte des Buchhändlers Amazon, der von ihm illegal verkaufte digitale Bücher auf den Lesegeräten seiner Kunden kürzlich löschte, in das Kapitel, in dem sie behaupten, dass der „digitale Fortschritt die zivilisierte Welt in die Zeit der Selbstjustiz, des Faustrechts zurückführen könnte“. Dabei ist der Fall ein interessantes Beispiel für das Gegenteil. Dass es unendlich dumm war von Amazon, die Bücher einfach zu löschen, ist das eine. Das andere ist: dass Amazon womöglich im Recht war. Wer gutgläubig Diebesgut kauft, hat keinen Anspruch darauf, es behalten zu dürfen. Im „wahren Leben“ kommt dann zwar auch nicht der Buchhändler und holt ein solches Buch aus dem Regal. Aber das Recht gilt, es lässt sich bloß nicht oder nur unter größten Mühen durchsetzen. Mit anderen Worten: Die analoge Welt ist ein rechtsfreier Raum. (Warten Sie nicht auf die entsprechende „Spiegel“-Titelgeschichte.)

Es gäbe unendlich viele solche Beispiele, auf die man aber natürlich nicht kommt, wenn man gleich am Anfang des Artikels die analoge Welt als Friedensidyll beschrieben hat. Bei allem gelegentlichen Versuch zum Differenzieren verlässt der „Spiegel“-Artikel auf seinen Millionen Zeilen an kaum einer Stelle die Grundannahme, dass es darum gehe, das Internet soweit zu zähmen, dass es so frei und zivilisiert wird wie der Rest der Welt. Dass viele Mächtige, nicht nur in China, längst erfolgreich daran arbeiten, im Internet Dinge zu kontrollieren, auf die sie außerhalb des Netzes keinen Zugriff haben, passt nicht ins Denkmuster der „Spiegel“-Geschichte. Dabei verbindet sich mit dem Internet genau so der Traum von der totalen Kontrolle wie der von der totalen Freiheit.

Perfide ist der Text gleich am Anfang, als er erst beschreibt, wie ein Polizist im Internet gegen Kinderpornographie kämpft, und dann fortfährt:

Sie sind ganz schön weit, die Kämpfer um die staatliche Hoheit im Cyberspace.

Die an der anderen Front aber auch. Die Flagge mit dem schwarzen Segel auf weißem Grund weht schon in unmittelbarer Nähe des Berliner Regierungszentrums: Die Piratenpartei hat Ende Juni ihr Wahlkampfbüro für die Bundestagswahl eröffnet.

„Die an der anderen Front“? Da muss man schon sehr genau aufpassen beim Lesen, um nicht zu denken, dass die Piratenpartei für den freien Zugang zu Kinderpornographie kämpft.

Was der „Spiegel“ aber mit den merkwürdigen Sätzen meint, dass es mit Informationen im „Paralleluniversum“ (gemeint ist das Internet) schlimmer sei „als mit Atommüll“ („Sie haben nicht einmal eine Halbwertszeit. Im Internet gibt es keine Zeit und keinen Zerfall.“), testet derweil eine „Spiegel“-Redakteurin mit einem denkwürdigen Auftritt im „ZDF-Morgenmagazin“:

 
Lesenwerte Auseinandersetzungen mit dem „Spiegel“-Titel:

  • Felix Schwenzel (1): „so ist das beim spiegel. arschiges verhalten ist beim spiegel OK, bei anderen ist es vergleichbar mit dem wirken eines polizeistaates.“ (wirres.net)
  • Felix Schwenzel (2): „schlimm und skandalös findet der spiegel auch, dass der urheber eines hassvideo gegen einen bayerischen lateinlehrer nie gefunden werden konnte. nur ob das wirklich etwas mit dem internet zu tun haben muss oder vielleicht der mangelhaften welt in der wir leben (oder gar schlechter polizeiarbeit), kommt den besorgten autoren nicht in den sinn. ich erinner mich zum beispiel daran, dass die schüler die einem lehrer an meiner schule hundescheisse auf die winschutzscheibe und die lüftung schmierten ebenso wie die, die den vorgarten des direktors verwüsteten und sein haus mit klopaier schmückten, nicht identifiziert werden konnten.“ (wirres.net)
  • Alexander Svensson: „Dass das Domainnamensystem den Übergang vom Wissenschaftler-Internet zum globalen Netzwerk mit mehr als einer Milliarde Nutzern einigermaßen unbeschadet überstanden hat, ohne völlig auseinanderzufliegen, ist schon eine Leistung. Was für ein Wahnsinn ist da ein Plädoyer, ICANN binnen zwei Monaten in „eine supranationale unabhängige Instanz“ zu verwandeln und mit „weitreichenden Befugnissen und Mitteln“ auszustatten, ohne auch nur einmal über Legitimation und Kontrolle zu reden, von den genauen Aufgaben ganz zu schweigen.“ („Wortfeld“)
  • Christian Stöcker: „Insgesamt aber muss, wer das Internet für überwiegend schädlich hält, ein Menschenfeind sein. Das Netz ist vor allem eins: Der größte Informationsvermittler und –speicher, den die Menschheit jemals zur Verfügung hatte. Vor nicht allzu langer Zeit herrschte im alten Europa noch Konsens darüber, dass mehr Information in der Regel besser ist als weniger Information. Dass die Möglichkeit, Bildung und Wissen zu erwerben, begrüßenswert ist, dass die Welt dadurch zu einem besseren, freieren, womöglich glücklicheren Ort wird.

    Manchmal kann man dieser Tage den Eindruck bekommen, dieser alte Konsens gelte nun nicht mehr: Weil unter der vielen Information im Netz auch so viel ist, das dem einen oder anderen nicht behagt. („Spiegel Online“)

(Das letzte ist natürlich nicht wirklich eine Antwort auf den „Spiegel“-Artikel. Liest sich aber so.)

Doof wie Broder

10 Jan 07
10. Januar 2007

Der zentrale Satz von Henryk Broder, der im „Tagesspiegel“ aus unerfindlichen Gründen etwas über die Seuche Internet schreiben durfte, lautet:

Wenn die „New York Times“ denselben Zugang zur Öffentlichkeit hat wie eine Kannibalen-Selbsthilfegruppe, wird sich die Öffentlichkeit auf Dauer nicht auf dem Niveau der „New York Times“ einpegeln, sondern auf dem der Kannibalen-Selbsthilfegruppe.

Herr Broder erklärt uns nicht, warum das so ist.

Vielleicht hat er den Satz erst hingeschrieben, weil er ihm auf irgendeine irrationale Art plausibel erschien, dann darüber nachgedacht und festgestellt, dass ihm kein Beleg dafür einfällt, und ihn dann achselzuckend ohne Begründung stehengelassen. Wahrscheinlich ist, dass er gar nicht erst darüber nachgedacht hat.

Welches Niveau haben Kannibalen-Selbsthilfegruppen eigentlich?

Der Stoff, aus dem Alpträume sind

05 Jan 07
5. Januar 2007

Sieger des in diesem Jahr erstmals ausgetragenen Neujahrs– Synchronsprech-Wettbewerbs wurden Guido Westerwelle und Guido Westerwelle.

(via Indiskretion Ehrensache)

E-Mail von Stefan Kornelius

03 Jan 07
3. Januar 2007

[dies ist die Antwort auf diese E-Mail von mir]

Lieber Herr Niggemeier,

eigentlich hatte ich Sie als akkuraten Rechercheur und ernstzunehmenden Menschen in Erinnerung. Wenn Sie aber die Dinger derart undifferenziert aus dem Zusammenhang reißen und offenbar nicht ohne Profilierungsdrang öffentlich Häme verbreiten, dann haben Sie sich wohl verändert.

Mein Kommentar analysiert die Folgen der Filmaufnahmen von der Hinrichtung Saddam Husseins. Ein nicht unwichtiger Aspekt ist, dass die Bilder verbreitet wurden. dadurch erzielen sie eine große politische Wirkung — beabsichtigt oder nicht. Die „Seuche Internet“ beschreibt in diesem Zusammenhang genau das: Die extrem negativen Seiten des Mediums. Oder wollen Sie es etwa als Errungenschaft der Menschheit bezeichnen, dass ich eine Hinrichtung weltweit anschauen kann? Halten Sie es für einen moralischen Gewinn, dass mit Lynch-Bilder Politik gemacht wird? Ist es für Sie ethisch zwingend, dass all dies nun für Kinder zugänglich ist? Entschuldigung: Ich veröffentliche diese Bilder nicht auf Seite 1, so weit reicht die Differenzierungsgabe. Ich hatte auch einmal ein VHS-Gerät und habe trotzdem keine Kinderpornos gekauft.

Sorry, lieber Herr Niggemeier, Ihr Zynismus ist reichlich platt. Aber vielleicht nutzen Sie ja die Gelegeneit, um sich einzugestehen, dass auch das Internet, so sehr ich es selbst mag, das eine oder andere Problem aufwirft. Und übrigens: Sie bieten großzügig an, die Anwort auf Ihre mail zu veröffentlichen. Da Sie bereits die Mail selbst veröffentlicht haben und offenbar auf eine normale Kommunikation keinen Wert legen: Machen Sie doch damit, was Sie wollen.

Mit freundlichen Grüßen

Stefan Kornelius

E-Mail an Stefan Kornelius

03 Jan 07
3. Januar 2007

Sehr geehrter Herr Kornelius,

Sie schreiben in Ihrem heutigen „SZ“-Kommentar im Zusammenhang mit dem Video von Saddam Husseins Hinrichtung von der „Seuche Internet“. Ich frage mich, ob das ein Tipp– oder Übermittlungsfehler war, ob beim Kürzen irgendeine ironische Distanzierung verloren gegangen ist — oder ob Sie das wirklich so meinen: Dass das Internet eine Art ansteckende Krankheit ist, eine Seuche, die Pest.

Würden Sie im Zusammenhang mit CDs mit rechtsextremen Texten, die Neonazis vor Schulen verteilen, auch von der „Seuche Musik“ sprechen? Muss man angesichts der antisemitischen Fernsehserien u.a. auf den Hisbollah-Sendern von der „Seuche Fernsehen“ reden? Finde ich in irgendeinem Archiv einen Artikel von Ihnen, in dem Sie wegen der Verbreitung von Kinderpornos die „Seuche VHS-Kassette“ anprangern?

Und ist es nicht interessant, dass im Internet ein Video wie jenes von Saddam Hussein zwar immer nur zwei Klicks entfernt ist, dass es aber immerhin zwei Klicks entfernt ist, während eine Zeitung wie „Bild“ ihren Lesern die besten Fotos daraus gleich auf Seite 1 zeigt und die Leser keine Wahl haben, ob sie die eigentlich sehen und vielleicht mit ihren Kindern angucken wollen oder nicht? (Ich würde deshalb trotzdem nicht von der „Seuche Zeitung“ reden.)

Mit freundlichen Grüßen
Stefan Niggemeier

[die Antwort auf diese E-Mail steht hier.]