»Diebe, Rufmörder, Kinderschänder«

Es gibt eine ganz ein­fa­che Methode, aus Tex­ten über das schlimme Inter­net die Luft her­aus­zu­las­sen. Man ersetze in ihnen ein­fach »digi­tal« durch »ana­log« und »Netz« durch »Welt« und schaue, ob die Aus­sa­gen trotz­dem stimmen.

An einem zen­tra­len Absatz der aktu­el­len »Spiegel«-Titelgeschichte lässt sich das ganz gut demonstrieren:

Im Netz In der Welt tost nicht nur Kar­ne­val, es herrscht auch Krieg. Der Cyber­space Die Welt des 21. Jahr­hun­derts ist in der Hand von glo­ba­len Play­ern des Kom­mer­zes, Finanz­jon­gleu­ren, wirt­schaft­li­chen und poli­ti­schen Tyran­nen. Die Grau­zo­nen die­ser neuen Welt­ord­nung wer­den vom orga­ni­sier­ten Ver­bre­chen genutzt. Wäh­rend an der Ober­flä­che des digi­ta­len ana­lo­gen Reichs tau­send bunte Blu­men blü­hen, Shop­ping, Chats, Schön­geis­ti­ges, wuchert im Wur­zel­werk dar­un­ter ein Pilz­ge­flecht aus Intri­gen, Täu­schung und Terror.

Passt. Was der »Spie­gel« als bemer­kens­werte Eigen­art des Inter­net beschwört, ist also nur eine all­ge­meine Zustands­be­schrei­bung unse­rer Welt.

Man hätte im kon­kre­ten Fall natür­lich auf den Test auch ver­zich­ten kön­nen, weil das Nach­rich­ten­ma­ga­zin im nächs­ten Satz ver­sucht, einen tat­säch­li­chen Gegen­satz zwi­schen »Netz« und »Welt« auf­zu­bauen, und kläg­lich scheitert:

Das Netz, so sehen es man­che, bedroht den Frie­den der Welt.

Der Friede der Welt ist bedroht?? Nein, halt: Es herrscht ein Friede der Welt??

Ich wüsste gerne, ob die Men­schen in der Doku­men­ta­tion des »Spie­gel« wenigs­tens kurz in sich hin­ein­ge­ki­chert haben, als sie das lasen, bevor sie sich wie­der an die ande­ren Arti­kel im Heft über Pira­ten, Ter­ro­ris­ten, den »Kriegs­ein­satz von Ärz­ten«, ein »Kriegs­ver­bre­cher­tri­bu­nal für Ban­gla­desh«, Ver­ge­wal­ti­gun­gen als »All­tag des Krie­ges« im Kongo, die »töd­li­che Logik der Gewalt« in Nah­ost und »Hol­ly­woods Kampf gegen den Irak-Krieg« setzten.

Die These des Auf­ma­chers lau­tet etwa: »Das Inter­net ist kein rechts­freier Raum, kann aber leicht mit einem ver­wech­selt wer­den«, mög­li­cher­weise aber auch: »Das Inter­net ist ein rechts­freier Raum, müsste das aber nicht blei­ben«, ganz genau ist das nicht aus­zu­ma­chen. Das Stück gehört zum belieb­ten »Spiegel«-Multi-Autoren-Genre, in dem das Haupt­ziel ist, so viele Namen, Zitate und Fak­ten­fet­zen wie mög­lich in einem Text unter­zu­brin­gen, die dann not­dürf­tig mit­ein­an­der ver­bun­den werden.

Argu­men­ta­tive Strin­genz ist dabei natür­lich optio­nal. So packen die Redak­teure die Geschichte des Buch­händ­lers Ama­zon, der von ihm ille­gal ver­kaufte digi­tale Bücher auf den Lese­ge­rä­ten sei­ner Kun­den kürz­lich löschte, in das Kapi­tel, in dem sie behaup­ten, dass der »digi­tale Fort­schritt die zivi­li­sierte Welt in die Zeit der Selbst­jus­tiz, des Faust­rechts zurück­füh­ren könnte«. Dabei ist der Fall ein inter­es­san­tes Bei­spiel für das Gegen­teil. Dass es unend­lich dumm war von Ama­zon, die Bücher ein­fach zu löschen, ist das eine. Das andere ist: dass Ama­zon womög­lich im Recht war. Wer gut­gläu­big Die­bes­gut kauft, hat kei­nen Anspruch dar­auf, es behal­ten zu dür­fen. Im »wah­ren Leben« kommt dann zwar auch nicht der Buch­händ­ler und holt ein sol­ches Buch aus dem Regal. Aber das Recht gilt, es lässt sich bloß nicht oder nur unter größ­ten Mühen durch­set­zen. Mit ande­ren Wor­ten: Die ana­loge Welt ist ein rechts­freier Raum. (War­ten Sie nicht auf die ent­spre­chende »Spiegel«-Titelgeschichte.)

Es gäbe unend­lich viele sol­che Bei­spiele, auf die man aber natür­lich nicht kommt, wenn man gleich am Anfang des Arti­kels die ana­loge Welt als Frie­dens­idyll beschrie­ben hat. Bei allem gele­gent­li­chen Ver­such zum Dif­fe­ren­zie­ren ver­lässt der »Spiegel«-Artikel auf sei­nen Mil­lio­nen Zei­len an kaum einer Stelle die Grund­an­nahme, dass es darum gehe, das Inter­net soweit zu zäh­men, dass es so frei und zivi­li­siert wird wie der Rest der Welt. Dass viele Mäch­tige, nicht nur in China, längst erfolg­reich daran arbei­ten, im Inter­net Dinge zu kon­trol­lie­ren, auf die sie außer­halb des Net­zes kei­nen Zugriff haben, passt nicht ins Denk­mus­ter der »Spiegel«-Geschichte. Dabei ver­bin­det sich mit dem Inter­net genau so der Traum von der tota­len Kon­trolle wie der von der tota­len Freiheit.

Per­fide ist der Text gleich am Anfang, als er erst beschreibt, wie ein Poli­zist im Inter­net gegen Kin­der­por­no­gra­phie kämpft, und dann fortfährt:

Sie sind ganz schön weit, die Kämp­fer um die staat­li­che Hoheit im Cyberspace.

Die an der ande­ren Front aber auch. Die Flagge mit dem schwar­zen Segel auf wei­ßem Grund weht schon in unmit­tel­ba­rer Nähe des Ber­li­ner Regie­rungs­zen­trums: Die Pira­ten­par­tei hat Ende Juni ihr Wahl­kampf­büro für die Bun­des­tags­wahl eröffnet.

»Die an der ande­ren Front«? Da muss man schon sehr genau auf­pas­sen beim Lesen, um nicht zu den­ken, dass die Pira­ten­par­tei für den freien Zugang zu Kin­der­por­no­gra­phie kämpft.

Was der »Spie­gel« aber mit den merk­wür­di­gen Sät­zen meint, dass es mit Infor­ma­tio­nen im »Par­al­lel­uni­ver­sum« (gemeint ist das Inter­net) schlim­mer sei »als mit Atom­müll« (»Sie haben nicht ein­mal eine Halb­werts­zeit. Im Inter­net gibt es keine Zeit und kei­nen Zer­fall.«), tes­tet der­weil eine »Spiegel«-Redakteurin mit einem denk­wür­di­gen Auf­tritt im »ZDF-Morgenmagazin«:

 
Lesen­werte Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit dem »Spiegel«-Titel:

  • Felix Schwen­zel (1): »so ist das beim spie­gel. arschi­ges ver­hal­ten ist beim spie­gel OK, bei ande­ren ist es ver­gleich­bar mit dem wir­ken eines poli­zei­staa­tes.« (wirres.net)
  • Felix Schwen­zel (2): »schlimm und skan­da­lös fin­det der spie­gel auch, dass der urhe­ber eines hass­vi­deo gegen einen baye­ri­schen latein­leh­rer nie gefun­den wer­den konnte. nur ob das wirk­lich etwas mit dem inter­net zu tun haben muss oder viel­leicht der man­gel­haf­ten welt in der wir leben (oder gar schlech­ter poli­zei­ar­beit), kommt den besorg­ten auto­ren nicht in den sinn. ich erin­ner mich zum bei­spiel daran, dass die schü­ler die einem leh­rer an mei­ner schule hun­de­scheisse auf die win­schutz­scheibe und die lüf­tung schmier­ten ebenso wie die, die den vor­gar­ten des direk­tors ver­wüs­te­ten und sein haus mit klo­paier schmück­ten, nicht iden­ti­fi­ziert wer­den konn­ten.« (wirres.net)
  • Alex­an­der Svensson: »Dass das Domain­na­men­sys­tem den Über­gang vom Wissenschaftler-Internet zum glo­ba­len Netz­werk mit mehr als einer Mil­li­arde Nut­zern eini­ger­ma­ßen unbe­scha­det über­stan­den hat, ohne völ­lig aus­ein­an­der­zu­flie­gen, ist schon eine Leis­tung. Was für ein Wahn­sinn ist da ein Plä­do­yer, ICANN bin­nen zwei Mona­ten in »eine supra­na­tio­nale unab­hän­gige Instanz« zu ver­wan­deln und mit »weit­rei­chen­den Befug­nis­sen und Mit­teln« aus­zu­stat­ten, ohne auch nur ein­mal über Legi­ti­ma­tion und Kon­trolle zu reden, von den genauen Auf­ga­ben ganz zu schwei­gen.« (»Wort­feld«)
  • Chris­tian Stö­cker: »Ins­ge­samt aber muss, wer das Inter­net für über­wie­gend schäd­lich hält, ein Men­schen­feind sein. Das Netz ist vor allem eins: Der größte Infor­ma­ti­ons­ver­mitt­ler und –spei­cher, den die Mensch­heit jemals zur Ver­fü­gung hatte. Vor nicht allzu lan­ger Zeit herrschte im alten Europa noch Kon­sens dar­über, dass mehr Infor­ma­tion in der Regel bes­ser ist als weni­ger Infor­ma­tion. Dass die Mög­lich­keit, Bil­dung und Wis­sen zu erwer­ben, begrü­ßens­wert ist, dass die Welt dadurch zu einem bes­se­ren, freie­ren, womög­lich glück­li­che­ren Ort wird.

    Manch­mal kann man die­ser Tage den Ein­druck bekom­men, die­ser alte Kon­sens gelte nun nicht mehr: Weil unter der vie­len Infor­ma­tion im Netz auch so viel ist, das dem einen oder ande­ren nicht behagt. (»Spie­gel Online«)

(Das letzte ist natür­lich nicht wirk­lich eine Ant­wort auf den »Spiegel«-Artikel. Liest sich aber so.)

Doof wie Broder

Der zen­trale Satz von Hen­ryk Bro­der, der im »Tages­spie­gel« aus uner­find­li­chen Grün­den etwas über die Seu­che Inter­net schrei­ben durfte, lautet:

Wenn die »New York Times« den­sel­ben Zugang zur Öffent­lich­keit hat wie eine Kannibalen-Selbsthilfegruppe, wird sich die Öffent­lich­keit auf Dauer nicht auf dem Niveau der »New York Times« ein­pe­geln, son­dern auf dem der Kannibalen-Selbsthilfegruppe.

Herr Bro­der erklärt uns nicht, warum das so ist.

Viel­leicht hat er den Satz erst hin­ge­schrie­ben, weil er ihm auf irgend­eine irra­tio­nale Art plau­si­bel erschien, dann dar­über nach­ge­dacht und fest­ge­stellt, dass ihm kein Beleg dafür ein­fällt, und ihn dann ach­sel­zu­ckend ohne Begrün­dung ste­hen­ge­las­sen. Wahr­schein­lich ist, dass er gar nicht erst dar­über nach­ge­dacht hat.

Wel­ches Niveau haben Kannibalen-Selbsthilfegruppen eigentlich?

Der Stoff, aus dem Alpträume sind

Sie­ger des in die­sem Jahr erst­mals aus­ge­tra­ge­nen Neu­jahrs– Synchronsprech-Wettbewerbs wur­den Guido Wes­ter­welle und Guido Westerwelle.

(via Indis­kre­tion Ehren­sa­che)

E-Mail von Stefan Kornelius

[dies ist die Ant­wort auf diese E-Mail von mir]

Lie­ber Herr Niggemeier,

eigent­lich hatte ich Sie als akku­ra­ten Recher­cheur und ernst­zu­neh­men­den Men­schen in Erin­ne­rung. Wenn Sie aber die Din­ger der­art undif­fe­ren­ziert aus dem Zusam­men­hang rei­ßen und offen­bar nicht ohne Pro­fi­lie­rungs­drang öffent­lich Häme ver­brei­ten, dann haben Sie sich wohl verändert.

Mein Kom­men­tar ana­ly­siert die Fol­gen der Film­auf­nah­men von der Hin­rich­tung Sad­dam Husseins. Ein nicht unwich­ti­ger Aspekt ist, dass die Bil­der ver­brei­tet wur­den. dadurch erzie­len sie eine große poli­ti­sche Wir­kung — beab­sich­tigt oder nicht. Die »Seu­che Inter­net« beschreibt in die­sem Zusam­men­hang genau das: Die extrem nega­ti­ven Sei­ten des Medi­ums. Oder wol­len Sie es etwa als Errun­gen­schaft der Mensch­heit bezeich­nen, dass ich eine Hin­rich­tung welt­weit anschauen kann? Hal­ten Sie es für einen mora­li­schen Gewinn, dass mit Lynch-Bilder Poli­tik gemacht wird? Ist es für Sie ethisch zwin­gend, dass all dies nun für Kin­der zugäng­lich ist? Ent­schul­di­gung: Ich ver­öf­fent­li­che diese Bil­der nicht auf Seite 1, so weit reicht die Dif­fe­ren­zie­rungs­gabe. Ich hatte auch ein­mal ein VHS-Gerät und habe trotz­dem keine Kin­der­por­nos gekauft.

Sorry, lie­ber Herr Nig­ge­meier, Ihr Zynis­mus ist reich­lich platt. Aber viel­leicht nut­zen Sie ja die Gele­gen­eit, um sich ein­zu­ge­ste­hen, dass auch das Inter­net, so sehr ich es selbst mag, das eine oder andere Pro­blem auf­wirft. Und übri­gens: Sie bie­ten groß­zü­gig an, die Anwort auf Ihre mail zu ver­öf­fent­li­chen. Da Sie bereits die Mail selbst ver­öf­fent­licht haben und offen­bar auf eine nor­male Kom­mu­ni­ka­tion kei­nen Wert legen: Machen Sie doch damit, was Sie wollen.

Mit freund­li­chen Grüßen

Ste­fan Kornelius

E-Mail an Stefan Kornelius

Sehr geehr­ter Herr Kornelius,

Sie schrei­ben in Ihrem heu­ti­gen »SZ«-Kommentar im Zusam­men­hang mit dem Video von Sad­dam Husseins Hin­rich­tung von der »Seu­che Inter­net«. Ich frage mich, ob das ein Tipp– oder Über­mitt­lungs­feh­ler war, ob beim Kür­zen irgend­eine iro­ni­sche Dis­tan­zie­rung ver­lo­ren gegan­gen ist — oder ob Sie das wirk­lich so mei­nen: Dass das Inter­net eine Art anste­ckende Krank­heit ist, eine Seu­che, die Pest.

Wür­den Sie im Zusam­men­hang mit CDs mit rechts­ex­tre­men Tex­ten, die Neo­na­zis vor Schu­len ver­tei­len, auch von der »Seu­che Musik« spre­chen? Muss man ange­sichts der anti­se­mi­ti­schen Fern­seh­se­rien u.a. auf den Hisbollah-Sendern von der »Seu­che Fern­se­hen« reden? Finde ich in irgend­ei­nem Archiv einen Arti­kel von Ihnen, in dem Sie wegen der Ver­brei­tung von Kin­der­por­nos die »Seu­che VHS-Kassette« anprangern?

Und ist es nicht inter­es­sant, dass im Inter­net ein Video wie jenes von Sad­dam Hus­sein zwar immer nur zwei Klicks ent­fernt ist, dass es aber immer­hin zwei Klicks ent­fernt ist, wäh­rend eine Zei­tung wie »Bild« ihren Lesern die bes­ten Fotos dar­aus gleich auf Seite 1 zeigt und die Leser keine Wahl haben, ob sie die eigent­lich sehen und viel­leicht mit ihren Kin­dern angu­cken wol­len oder nicht? (Ich würde des­halb trotz­dem nicht von der »Seu­che Zei­tung« reden.)

Mit freund­li­chen Grü­ßen
Ste­fan Niggemeier

[die Ant­wort auf diese E-Mail steht hier.]

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