Tag Archive for: Irak

Gnade für den Schuhwerfer

von Nils Minkmar
12 Mrz 09
12. März 2009

Es ist nicht die feine Art, Schuhe auf ausländische Staatsgäste zu schleudern.

Bei dem verklemmten und verdrucksten Ton, der bei Bush-Pressekonferenzen herrschte, und der wohl aus einer Mixtur aus Fremdschämen und Ehrfurcht herrührte, hätte es sicher gereicht, wenn Muntasar al-Saidi etwas gerufen hätte. Jede kleine Geste kommt in diesem durchchoreografierten Event als grosser Protest rüber.

Ich war mal bei so einer Pressekonferenz von Bush, in Stralsund. Es waren gespenstische Veranstaltungen. Vorher wurde man durchsucht, durchsucht und dann nochmal durchsucht. Das BKA sagte an, wann die letzte Gelegenheit zum Toilettenbesuch sei. Man ging dann eingerahmt von Sicherheitsbeamten zum Klo.

Bush hatte Spaß daran, so oft wie möglich das Wort pig auszusprechen, das es am Abend in Trinwilershagen für ihn geben sollte. Als ein Kollege ihn auf den beginnenden Krieg Israels gegen Hezbollah ansprach, konterte er: „I thought you’d gonna ask me about the pig“, und dann kam sein berüchtigtes keckerndes Lachen. Irgendwann rollte selbst Angela Merkel bei der Erwähnung des Schweins nur noch genervt die Augen.

Ich hatte mir auch eine Frage überlegt: „As someone who’s been to Bagdad a few times, could you help us understand the problem by explaining the shism between Shia and Sunni?“

Nahm mich aber keiner dran.

Und doch verdiente dieser Wurf keine solch hohe Strafe. Drei Jahre Haft sind zuviel. Der Irak wurde nicht von Saddam befreit, der den Personenkult bis zum Exzess betrieben hat, damit solch ein drakonisches Urteil gegen symbolischen Protest gefällt wird.

Das macht doch den Eros des Westens aus: Du kannst, anders als in allen arabischen Ländern, den Präsidenten beschimpfen, und dir geschieht nichts.

Und es ist nicht so, dass Protest ungerechtfertigt wäre. Bush trifft eine persönliche Schuld an der mangelnden Planung der Post-Invasionsphase, die durch bürgerkriegähnliches Chaos und Bandenkriege geprägt war. Irakische Kulturgüter, Museen, Bildungseinrichtungen blieben völlig ungeschützt. Viele unschuldige Menschen haben diese Nachlässigkeit das Leben gekostet. Wenigstens die Akten hätte der amerikanische Oberbefehlshaber lesen müssen. Dass er es nicht tat, wissen wir von vielen Büchern seiner ehemaligen Mitarbeiter, die dieses Verhalten entsetzt hat. Vielleicht hätten sie auch mal mit dem Schuh auf den Tisch klopfen sollen, wie Chruschtschow. Eine Mitarbeiterin hat es immerhin mal getan, verbal jedenfalls. Auf die Frage, wie es denn das Leben in Bagdad so sei, antwortete sie ihm — es war der Höhepunkt der Bürgerkriege: Es ist die Hölle, Mr President.

Aber keine Nachfrage von Bush. Gegen diese willkürliche Ignoranz einen Schuh zu schleudern ist kein Verbrechen, das mit einer so hohen Freiheitsstrafe belegt werden sollte.

Alltag im Irak

15 Okt 08
15. Oktober 2008

Ich kann mir nicht vorstellen, was es bedeutet, in Bagdad oder überhaupt im Irak zu leben. Was für eine Art Alltag sich entwickelt zwischen der Bedrohung durch Terroristen und Aufständische und der Willkür durch amerikanische Besatzer. Was Normalität bedeutet zwischen den besonders verheerenden Anschlägen, die es in unsere Nachrichten schaffen.

Eine Gruppe von irakischen Journalisten, die für den großen amerikanischen Zeitungsverlag McClatchy arbeitet, schreibt solche Geschichten auf, in dem Blog „Inside Iraq“.

Sie berichten, wie in dem Bus, der plötzlich eine andere Route nimmt und durch ein gefährliches Viertel Bagdads fährt, die Passagiere anfangen zu diskutieren, ob Frauen, alte Leute und Kinder sich auch Sorgen machen müssen oder nicht. Wie Autobomben dafür sorgen, dass Leute plötzlich, ganz banal, im Stau stecken und zu spät zur Arbeit kommen, was aber nicht schlimm ist, weil alle anderen auch im Stau stecken und zu spät zur Arbeit kommen. Und wie amerikanische Soldaten, wenn sie wollen, sich einfach alles erlauben können:

About 5:40 on Saturday afternoon; the Iraqi security forces blocked the main street of Jadiriyah neighborhood because one of the Iraqi officials was passing through. The drivers were waiting for the convoy to pass. While they were waiting, a US military convoy came from behind. The driver of the first humvee saw the real long of the stooped cars and I’m sure he knows for sure they stooped because the street was blocked. Yet; he didn’t stop. He used the horn and he kept hitting a sedan Mercedes in front of his humvee. The driver of the Mercedes took his hand out of the car and waved to the humvee driver as if he was telling him to stop hitting the car because the man doesn’t have any choices but the American soldier kept hitting the car. He kept doing that for more than three minutes. I was on the other side of the street trying to get a taxi to go home. I left the street while the American soldier was enjoying hitting and bothering the poor Iraqi man who could do nothing because he knows for sure that he might be killed if he thought about going out of his car and tried to ask the soldier to stop. No one would even blame the US soldier if he killed him and simply the poor man would be considered a TERRORIST who tried to kill the innocent poor American liberator. The principle of the US soldier is (Im the one who has the gun. SO; I’m above law.)

Ihre Schilderungen machen das Grauen ein bisschen begreifbarer.

McClatchy: Inside Iraq

[via Buchstaben in Bewegung]

Leading To War

08 Mai 08
8. Mai 2008

Heute geht es nicht mehr um die Frage nach Krieg oder Frieden. Heute zählen keine abgewogenen Argumente mehr. Den Krieg vor Augen, gibt es für die freie Welt, für jedes Land und für jeden einzelnen von uns nur noch eine Wahl: Mit den Amerikanern oder gegen sie?

Es ist alles gesagt. Der Krieg wird kommen. Heute können wir uns noch einmal entscheiden. Die Entscheidung der WELT steht fest.

„Welt“-Chefredakteur Jan-Eric Peters am Vorabend des Irak-Krieges

„Leading To War“ ist vielleicht der einfachste Film über den Irak-Krieg. Es gibt keinen Erzähler und keine Schauspieler, keine Reporter vor Ort und keine Undercover-Aufnahmen, keinen Michael Moore, der Passanten und Politiker vorführt. Es gibt nicht einmal eine Dramaturgie jenseits der Chronologie der Ereignisse. Es gibt nur die Fernsehauftritte von George Bush und seinen Mitstreitern, mit denen sie die Nation und die Welt in den Irak-Krieg führen, von Bushs Rede von der „Achse des Bösen“ vor dem Kongress am 29. Januar 2002 und bis zum offiziellen Kriegsbeginn am 19 März 2003.

„Leading To War“ ist sicher einer der wichtigsten Filme über den Irak-Krieg. Er zeigt in erschütternder Klarheit, mit wieviel Kalkul, Konsequenz und Skrupellosigkeit die amerikanische Regierung eine Stimmung schuf, in der der Öffentlichkeit ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg gegen den Irak nicht nur sinnvoll, nicht nur wünschenswert, sondern sogar unvermeidlich schien. Er zeigt, wie sie Lüge auf Lüge stapelten und durch einen nicht enden wollenden Propagandabrei miteinander verbanden. Er zeigt ihre Kunstfertigkeit, mithilfe vager Andeutungen und irreführender Antworten Tatsachen zu verdrehen und nicht existierende Zusammenhänge erscheinen zu lassen. Er zeigt, wie sie mit ihren Lügen und Manipulationen ein Klima aus Furcht und Kriegseuphorie schufen.

Man muss sich manchmal gewaltsam daran erinnern, dass die Verantwortlichen, denen man in diesem Film beim Lügen und Kriegstreiben zusehen kann, nicht das Regime eines Schurkenstaates sind, sondern unsere Verbündeten, demokratisch gewählt, die Führer der freien Welt, die sich in diesem Kampf explizit als Verteidiger des Weltfriedens und der westlichen Zivilisation als Ganzes ausgaben. Und es ist kaum erträglich, sich das anzusehen, und sich daran zu erinnern, dass keiner von ihnen für die folgenschwere Manipulation der Wahrheit zur Rechenschaft gezogen wurde, ja, die wichtigsten immer noch in Amt und Würden sind.

Man muss sich das ansehen und lernen. Einige der Lügen lassen sich erst rückblickend als solche enttarnen. Aber die Rhetorik war damals schon eindeutig. „Wer nicht auf unserer Seite ist, ist unser Gegner — ein Dazwischen gibt es nicht.“ Wie Bush, Powell, Rice, Rumsfeld und die anderen die Öffentlichkeit mit Sprache manipulierten, mal mit der Brechstange, mal subtil, das muss man sich ansehen. Und weiterzeigen. Und daraus lernen.

Die Autoren formulieren es so:

LEADING TO WAR is also intended as a historical record for future generations, who will not have had firsthand experience of the precise, incremental steps taken by the government in presenting its case for war.

Der Film von Regisseur Barry J. Hershey und den Produzenten Lewis D. Wheeler und Beth Sternheimer soll die größtmögliche Verbreitung finden. Es gibt ihn mit Untertiteln in 17 Sprachen. Man kann ihn sich einfach kostenlos online ansehen oder herunterladen oder für 10 Dollar als DVD kaufen.

Auf der Homepage zum Film finden sich nicht nur ausführliche Gegenüberstellungen der Behauptungen der amerikanischen Regierung mit den Tatsachen, sondern auch die vollständigen Transkripte der Ansprachen und Interviews, aus denen die Zitate im Film stammen, so dass sie sich im Kontext bewerten lassen.

„Leading To War“ zeigt in 72 Minuten, wie die amerikanische Regierung die Nation nicht fahrlässig, sondern systematisch in einen Krieg geführt hat, der nach konservativen Schätzungen 100.000 Menschenleben und allein die USA 500 Milliarden Dollar gekostet hat. Es ist wichtig zu wissen, wie sie das gemacht hat.

Ansehen:
„Leading To War“