Wenn der Abmahner zweimal klingelt

Clau­dia Pech­stein ver­mu­tet, dass Jens Wein­reich gedopt war, als er über sie schrieb, dass vie­les dafür spricht, dass sie gedopt hat, aber das hier wird kein Text über Leute, die Dinge sport­lich neh­men. Im Gegenteil.

Jens Wein­reich (die Älte­ren wer­den sich noch an seine Aus­ein­an­der­set­zung mit DFB-Präsident Theo Zwan­zi­ger erin­nern) ist einer von den Kol­le­gen, nach denen auf irgend­wel­chen Podien über Qua­li­tät im Jour­na­lis­mus dau­ernd geru­fen wird. Er ist einer der weni­gen inves­ti­ga­ti­ven Sport­jour­na­lis­ten, kri­tisch und unab­hän­gig, er recher­chiert statt abzu­schrei­ben, er ver­beißt sich in The­men, auch wenn sie gerade keine Kon­junk­tur haben. In sei­nem Blog zapft er das Wis­sen sei­ner Leser an und ver­öf­fent­licht Original-Dokumente, damit sich jeder selbst ein Bild machen kann. Und wenn er etwas nicht weiß, schreibt er das ebenso auf, wie wenn er etwas falsch gemacht hat.

Er ist, mit ande­ren Wor­ten, eine unfass­bare jour­na­lis­ti­sche Ner­ven­säge, und es gibt sicher eine erheb­li­che Zahl von Leu­ten, die nur dar­auf war­ten, dass sie ihm an den Kar­ren fah­ren können.

Am ver­gan­ge­nen Don­ners­tag berich­tete er über die Blutdoping-Fernsehshow der Eis­schnell­läu­fe­rin Clau­dia Pech­stein und machte einen Feh­ler. Er schrieb zum Bei­spiel in der Online-Ausgabe der »Frank­fur­ter Rundschau«:

Inhalt­li­che Schwer– und Reiz­punkte setz­ten die bei­den von der Ver­tei­di­gung beauf­trag­ten und bezahl­ten Gut­ach­ter: Hol­ger Kie­se­wet­ter aus Ber­lin und Rolf Kruse vom Referenz-Institut für Bio-Analytik in Bonn.

Wein­reich selbst hatte in der Pres­se­kon­fe­renz nach der Bezah­lung gefragt, aber die Ant­wort teil­weise falsch ver­stan­den. Kie­se­wet­ter bekam Geld für sein Gut­ach­ten, Kruse nicht.

Nun hätte es ver­mut­lich aus­ge­reicht, Wein­reich eine kurze Mail mit der Bitte um Kor­rek­tur zu schrei­ben, und alles spricht dafür, dass er die­ser Bitte auch dann sofort nach­ge­kom­men wäre. Aber Wein­reich erhielt keine Bitte um Kor­rek­tur, son­dern noch am sel­ben Abend per Fax eine Abmah­nung von Simon Berg­mann, dem Anwalt von Clau­dia Pech­stein. Er wurde auf­ge­for­dert, eine Unter­las­sungs­er­klä­rung abzugeben.

So eine rich­tige Abmah­nung hat gegen­über einer blo­ßen Auf­for­de­rung zur Rich­tig­stel­lung einen schö­nen Neben­ef­fekt: Sie kos­tet den Abge­mahn­ten Geld, sogar dann, wenn er der For­de­rung sofort nach­kommt. Im kon­kre­ten Fall sind es Abmahn­ge­büh­ren in Höhe von 775,64 Euro inklu­sive Mehr­wert­steuer für die Arbeits­zeit des Anwalts.

Das kann man natür­lich machen. Womög­lich ist es im bes­ten Inter­esse von Clau­dia Pech­stein, wenn ihr Anwalt gleich mit gro­ßer Wucht gegen fal­sche Dar­stel­lun­gen ihrer Ver­tei­di­gungs­stra­te­gie vor­geht, viel­leicht war das auch ein Anlie­gen von Frau Pech­stein selbst, die »Wein­rich« für den »naivs­ten Sport­jour­na­lis­ten« hält, von dem sie »bis­lang je etwas lesen durfte«. Und natür­lich muss ein Jour­na­list für seine Feh­ler gera­de­ste­hen — auch wenn er in die­sem Fall einen unver­hält­nis­mä­ßig hohen Preis für ein offen­kun­di­ges Miss­ver­ständ­nis zahlt.

So weit, so alltäglich.

Am nächs­ten Tag bekam Jens Wein­reich eine wei­tere Abmah­nung. Er sollte sich noch ein­mal ver­pflich­ten, den bereits ein­mal abge­mahn­ten Satz nicht mehr zu wie­der­ho­len. Dies­mal trat Simon Berg­mann aller­dings nicht als Anwalt, son­dern als Kli­ent auf. Absen­der des Schrei­bens war sein Sozius Chris­tian Schertz.

Das ist ein lus­ti­ger Trick. Man behaup­tet, dass die fal­sche Aus­sage über Rolf Kruse und die »Ver­tei­di­gung« von Pech­stein nicht nur die Rechte von Pech­stein ver­letze, son­dern auch die ihres Anwalts. Und ver­dop­pelt so die Zahl der Abmah­nun­gen. Und die Höhe der gefor­der­ten Abmahn­ge­büh­ren: auf schlappe 1551,28 Euro.

Hier ist Simon Berg­mann nicht mehr für Clau­dia Pech­stein im Ein­satz. Hier han­deln er und Chris­tian Schertz quasi auf eigene Rech­nung. Und womög­lich hat­ten sie davon noch eine offen. Denn Wein­reich und Schertz ken­nen sich per­sön­lich — von der Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen dem Jour­na­lis­ten und Theo Zwan­zi­ger. Schertz ver­trat dabei den DFB und sei­nen Prä­si­den­ten und musste eine Reihe pein­li­cher juris­ti­scher Nie­der­la­gen hinnehmen.

Die Frage, ob Schertz im Recht ist und Berg­mann einen Anspruch gegen­über Jens Wein­reich jen­seits der (längst erfolg­ten) Kor­rek­tur des Feh­lers hat, über­lasse ich gerne Juris­ten. Aber was die Moti­va­tion des Vor­ge­hens angeht, spe­ku­liere ich gerne: Es könnte ein per­sön­li­cher Akt der Revan­che sein. Oder der Ver­such, einen kri­ti­schen, läs­ti­gen Jour­na­lis­ten ein­zu­schüch­tern. Es geht nicht um Gerech­tig­keit (und um die Wahr­heit schon gar nicht); es geht um Scha­dens­ma­xi­mie­rung. Wer es wagt, kri­tisch über Pech­stein und ihre Fern­seh­show zu berich­ten, wer sich traut, kri­tisch über Simon Berg­mann und seine PR– und Ver­tei­di­gungs­stra­te­gie zu berich­ten, wer hart­nä­ckig nervt, soll gewarnt sein: Schon ein blö­der Feh­ler kann rich­tig teuer werden.

Chris­tian Schertz hat uns bei BILD­blog und mich bei den juris­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen um die­ses Blog sehr unter­stützt. Aber ich habe mich (auch weil es schon frü­her Anlass für Zwei­fel gab) ent­schie­den, mich in Zukunft nicht mehr von der Kanz­lei Schertz-Bergmann ver­tre­ten zu lassen.

DFB zwingt Jens Weinreich in die Knie

Jens Wein­reich und der Deut­sche Fußball-Bund haben ihren Rechts­streit beige­legt.

Der Sport­jour­na­list Wein­reich erklärt, dass er DFB-Präsident Theo Zwan­zi­ger nicht in die Nähe eines Volks­ver­het­zers rücken wollte, als er ihn einen »unglaub­li­chen Dem­ago­gen« nannte. Der DFB erklärt, dass er Wein­reich nicht in sei­ner Arbeit behin­dern wollte, als er Lügen über ihn ver­brei­tete (das mit den Lügen erklärt der DFB natür­lich nicht).

Der DFB wird sein bis­lang erfolg­lo­ses Unter­las­sungs­ver­fah­ren gegen Wein­reich nicht wei­ter ver­fol­gen. Und Wein­reich wird nicht dar­auf behar­ren, dass der DFB die Gegen­dar­stel­lung ver­öf­fent­li­chen muss, die er gericht­lich bereits durch­ge­setzt hatte.

Ich ver­stehe sehr gut, dass Jens sich auf die­sen Ver­gleich ein­ge­las­sen hat. Aber er bedeu­tet aus mei­ner Sicht, dass der DFB, der sowohl juris­tisch als auch publi­zis­tisch in die­ser Aus­ein­an­der­set­zung bis­lang der klare Ver­lie­rer war, nun als Sie­ger vom Platz geht. Dass der Ver­band nicht ein­mal dazu gebracht wer­den konnte, eine Gegen­dar­stel­lung gegen seine ver­leum­de­ri­sche Pres­se­mit­tei­lung über Wein­reich abzu­dru­cken, spricht Bände.

Die Zer­mür­bungs­tak­tik des DFB und sei­nes Anwal­tes (des­sen Kanz­lei in ande­ren Fäl­len auch mich ver­tritt) ist voll auf­ge­gan­gen. In den vier Ver­fah­ren, die das ehe­ma­lige Call-TV-Unternehmen Cal­lac­tive und ihr Geschäfts­füh­rer Ste­phan May­er­ba­cher gegen mich ange­strengt haben (der mir neu­er­dings unauf­ge­for­dert Mails mit mög­li­cher­weise bri­san­ten Doku­men­ten über angeb­li­che Mau­sche­leien zwi­schen 9Live und der Baye­ri­schen Lan­des­me­di­en­an­stalt schickt), habe ich erlebt, wie­viel Kraft, Zeit und Geld eine sol­che Aus­ein­an­der­set­zung kos­tet. Wäh­rend ein Mann wie Theo Zwan­zi­ger einen gan­zen Stab von Juris­ten und PR-Leuten kom­man­die­ren kann, um mit allen Mit­teln seine Ehre und sei­nen Stolz zu ver­tei­di­gen, ist für einen Freien Jour­na­lis­ten wie Jens Wein­reich jede Ver­hand­lung nicht nur mit Kos­ten, son­dern auch mit Ein­nah­me­ver­lus­ten und einer erheb­li­chen psy­chi­schen Belas­tung verbunden.

Jens Wein­reichs Bitte um Spen­den hat eine ver­diente und, wie ich finde, sen­sa­tio­nelle Reso­nanz gefun­den: Rund 860 ver­schie­dene Men­schen gaben ins­ge­samt knapp 22.000 Euro. Das ist nicht nur, aber auch ein Beweis dafür, wie­viel Soli­da­ri­tät im regel­mä­ßig ver­fluch­ten Inter­net zu fin­den ist und ich bin ein biss­chen stolz dar­auf, einen klei­nen Bei­trag dazu geleis­tet zu haben.

Aber letzt­lich ist es mit all dem Geld nicht getan. Es geht darum, immer wie­der die Kraft auf­zu­brin­gen, die Zumu­tun­gen und Dro­hun­gen der Gegen­seite aus­zu­hal­ten. Und es geht darum, für sich die Ent­schei­dung zu tref­fen, ob man wirk­lich einen erheb­li­chen Teil des eige­nen Lebens mit einer so unpro­duk­ti­ven Aus­ein­an­der­set­zung ver­schwen­den will, die man letzt­lich nicht gewin­nen kann, egal wie sie for­mal aus­geht: Weil jeder Sieg so teuer mit eige­ner Ener­gie erkauft ist, wäh­rend die Gegen­seite gelas­sen den Ein­satz immer wei­ter erhö­hen kann.

Wie gesagt: Ich ver­stehe die Ent­schei­dung von Jens sehr gut, und ver­mut­lich ist es sogar die rich­tige Ent­schei­dung. Aber machen wir uns nichts vor: Der DFB hat durch den Ver­gleich klar gewon­nen. Jedem Kri­ti­ker, der es wagen könnte, von sei­ner Mei­nungs­frei­heit Gebrauch zu machen und den DFB-Präsidenten in einer Form zu kri­ti­sie­ren, die ihm nicht passt, wird es eine War­nung sein.

Nach­trag. Auch lesens­wert: Alex­an­der Svens­sons Inter­pre­ta­tion des Ver­gleichs, die sich eigent­lich nicht so sehr von mei­ner unter­schei­det, aber einen deut­lich posi­ti­ve­ren Tenor hat.

Zwanziger gegen Zwanziger

Wenig Stoff hier im Moment, tut mir leid, und die nächste Zeit wird es nicht bes­ser. Ich fahre mor­gen ein paar Tage weg und muss dann auch wie­der die Kom­men­tar­bür­ger­steige hochklappen.

Aber vor­her muss ich noch über die Sache mit Jens Wein­reich geschrie­ben haben. Das ist der sehr geschätzte Kol­lege, der es wagte, sich in einem Blog-Kommentar kri­tisch über den Prä­si­den­ten des Deut­schen Fußball-Bundes, Theo Zwan­zi­ger, zu äußern — was der mit juris­ti­schen Schrit­ten und einer Dif­fa­mie­rungs­kam­pa­gne beant­wor­tete (meine Blog-Beiträge zum Thema). Die Gerichte haben Jens Wein­reich zwar in diver­sen Ent­schei­dun­gen Recht gege­ben. Trotz­dem ist die Aus­ein­an­der­set­zung für ihn nicht nur extrem zeit­rau­bend und anstren­gend, son­dern auch mit erheb­li­chen Kos­ten ver­bun­den. Ein fünf­stel­li­ger Betrag ist inzwi­schen zusam­men­ge­kom­men. Für einen freien Jour­na­lis­ten (mit Fami­lie) ist das sehr viel Geld.

Nach lan­gem Zögern hat er sich jetzt ent­schlos­sen, um Spen­den zu bit­ten, und ich möchte mich dem gerne anschlie­ßen. Das hat nicht nur Jens ver­dient. Das haben auch Theo Zwan­zi­ger und seine Leute verdient.

Ich finde es empö­rend, wie Zwan­zi­ger es aus­nutzt, dass er es sich leis­ten kann, die Aus­ein­an­der­set­zung in die Länge zu zie­hen und das finan­zi­elle Risiko immer grö­ßer wer­den zu las­sen. Ich finde es eklig, wie Zwan­zi­ger noch damit koket­tiert, dass er im Falle einer Nie­der­lage Geld für einen guten Zweck spen­det (aber natür­lich nicht für Wein­reich, den er bis dahin in den Ruin getrie­ben haben könnte). Ich finde es wider­lich, dass der DFB sich immer noch wei­gert, seine Lügen zuzu­ge­ben, rich­tig zu stel­len und sich dafür zu ent­schul­di­gen. Ich finde es skan­da­lös, dass der DFB-Kommunikationsdirektor Harald Sten­ger noch im Amt ist, obwohl ihm inzwi­schen Gerichte beschei­nigt haben, dass er Unwahr­hei­ten über Wein­reich ver­brei­tet hat, und dass der DFB-Generalsekretär Wolf­gang Niers­bach noch im Amt ist, der Sten­gers Lügen stolz an eine drei­stel­lige Zahl wich­ti­ger Men­schen ver­schickt hat, mit der Auf­for­de­rung, sie zu verbreiten.

Wenn man ver­folgt hat, wie unge­schickt, dumm und ent­lar­vend der DFB agierte, und wie groß die Sym­pa­thie­welle war, die Jens Wein­reich (nicht nur) im Inter­net trug, kann man leicht zu dem Schluss kom­men, dass der David in die­sem Spiel nur gewin­nen und der Goli­ath nur ver­lie­ren kann. Aber der David kämpft gerade ums Über­le­ben, und Goli­ath und seine Appa­rat­schiks sit­zen, mit ein paar blaue Fle­cken, brä­sig und ohne Exis­tenz­angst auf ihren Positionen.

Daran wer­den wir nichts ändern kön­nen. Aber wir kön­nen ver­hin­dern, dass ihre Geg­ner sogar beim Recht­ha­ben und Recht­be­kom­men noch auf der Stre­cke blei­ben. Des­halb: Zwan­zi­ger gegen Zwan­zi­ger! (Über klei­nere und grö­ßere Bei­träge freut er sich aber bestimmt auch.)

DFB findet Wundermittel gegen Internet

DFB-Präsident Theo Zwan­zi­ger will nun doch nicht mehr wie ursprüng­lich ver­spro­chen zurück­tre­ten, falls ihm ein Gericht abschlie­ßend bestä­tigt, dass er sich unter bestimm­ten Bedin­gun­gen »unglaub­li­cher Dem­agoge« nen­nen las­sen muss. Das berich­tet die »Frank­fur­ter All­ge­meine Zei­tung«:

In der Prä­si­di­ums­sit­zung des Deut­schen Fußball-Bundes (DFB) am ver­gan­ge­nen Frei­tag seien die Vor­aus­set­zun­gen geschaf­fen wor­den, [sagte Zwan­zi­ger,] um sich im Inter­net künf­tig »bes­ser gegen unge­recht­fer­tigte Angriffe weh­ren zu kön­nen. Das ist der Schutz, den ich erwarte und der in ers­ter Linie durch aktive und ver­bes­serte Internet-Kommunikation gewähr­leis­tet wer­den muss und kann. Wenn dies geschieht, dann hat das Amt des DFB-Präsidenten wei­ter die Fas­zi­na­tion, die es immer für mich hatte.«

Im Kampf, den Theo Zwan­zi­ger gegen den unbe­que­men freien Jour­na­lis­ten Jens Wein­reich führt, hat der DFB unter­des­sen eine wei­tere Nie­der­lage erlit­ten: Das Land­ge­richt Ber­lin lehnte sei­nen Wider­spruch gegen die einst­wei­lige Ver­fü­gung ab, die Wein­reich gegen eine mit Halb– und Unwahr­hei­ten gespickte Pres­se­mit­tei­lung des DFB erwirkt hatte.

[via Jens Wein­reich]

Nach­trag, 31. Januar. Jens Wein­reich hat in sei­nem Blog die schrift­li­che Urteils­be­grün­dung des Gerich­tes ver­öf­fent­licht. Über die Pres­se­mit­tei­lung, mit der der DFB Wein­reich dif­fa­mierte, heißt es darin, der DFB schil­dere »den Her­gang und die Ent­wick­lung der Unstim­mig­kei­ten bewusst ein­sei­tig und ver­fäl­schend unter Ver­schwei­gen essen­ti­el­ler Umstände«. Die Pres­se­er­klä­rung sei »bewusst unvoll­stän­dig«. Der Leser müsse die Aus­sa­gen in einer Weise ver­ste­hen, die »nicht der Wahr­heit entspricht«.

Das Gericht urteilt also, dass der DFB in der Pres­se­er­klä­rung, für die DFB-Kommunikationsdirektor Harald Sten­ger ver­ant­wort­lich zeigt und die von DFB-Generalsekretär Wolf­gang Niers­bach stolz an Hun­derte pro­mi­nente Emp­fän­ger ver­schickt wurde, bewusst gelo­gen hat. Das ist aber bestimmt bei einem so ehren­wer­ten Ver­ein wie dem DFB kein Rück­tritts– oder Entlassungsgrund.

Zwanziger droht Gericht mit Rücktritt

Woher kommt eigent­lich der Glaube, dass ein guter Ruf vor allem durch ande­rer Leute Mei­nungs­äu­ße­run­gen gefähr­det wird und nicht durch das eigene Han­deln? Nichts hätte der Jour­na­list Jens Wein­reich über den DFB-Präsidenten Theo Zwan­zi­ger sagen kön­nen, was die­sem auch nur halb so viel gescha­det hätte wie seine eigene Reak­tion dar­auf — die Lügen sei­nes Ver­ban­des, die Klage gegen Wein­reich, die immer neuen Demons­tra­tio­nen von Unbe­lehr­bar­keit und Starrsinn.

Was kaum mög­lich schien, hat Zwan­zi­ger heute geschafft: Die Aus­ein­an­der­set­zung noch wei­ter zu eska­lie­ren. Am Rande einer DFB-Pressekonferenz drohte er mit dem Rück­tritt von sei­nem Amt, falls er vor Gericht gegen Wein­reich unter­lie­gen sollte. Der hatte ihn bekannt­lich im Som­mer im Zusam­men­hang mit einem Auf­tritt einen »unglaub­li­chen Dem­ago­gen« genannt. Die Nach­rich­ten­agen­tur dpa zitiert Zwan­zi­ger mit den Worten:

»Wenn das ver­fas­sungs­recht­lich zuläs­sig ist, werde ich sehr ernst­haft erwä­gen, ob ich die­ses Amt wei­ter­führe. Das kann ich nicht auf mir sit­zen las­sen. Es wird ein Urteil geben. Ich werde meine per­sön­li­che Ehre nicht auf dem Altar des Amtes opfern.«

Hin­ter die­ser Aus­sage steht eine erneute Erhö­hung des Ein­sat­zes. Die Logik ist offen­sicht­lich: All die vie­len Leute, die ihn für den bes­ten DFB-Präsidenten aller Zei­ten hal­ten, sol­len auf Linie gebracht und gegen Wein­reich ein­ge­schwo­ren wer­den. Denn der ris­kiert mit sei­ner Reni­tenz und dem Behar­ren auf das Recht der freien Mei­nungs­äu­ße­rung, dass unser Land viel­leicht auf die­sen fan­tas­ti­schen DFB-Präsidenten ver­zich­ten müsste.

In einem Land, in dem es gesetz­lich erlaubt ist, ihn unter bestimm­ten Umstän­den einen »unglaub­li­chen Dem­ago­gen« zu nen­nen, möchte Theo Zwan­zi­ger nicht DFB-Präsident sein.

Aber dass kei­ner der grauen Män­ner in sei­ner Umge­bung es schafft, ihn bei­seite zu neh­men und zu sagen: »Theo, das ist gerade ein biss­chen kon­tra­pro­duk­tiv, was Du hier machst. Wir hat­ten so viele andere schöne The­men auf unse­rer Pres­se­kon­fe­renz, und nun beginnt eine Mel­dung nach der ande­ren mit die­sem Weinreich-Scheiß…«?!

Nach­trag, 18:25 Uhr. Die F.A.Z. kom­men­tiert:

[Zwan­zi­ger] macht seine unver­söhn­li­che Sicht in die­ser Causa zu einer der­art öffent­li­chen Ange­le­gen­heit, dass er damit auch Scha­den für sein Amt bil­li­gend in Kauf nimmt. Denn nicht jeder muss am Ende so bein­hart wie Zwan­zi­ger eine Äuße­rung ver­ur­tei­len, die zwei­fel­los unan­ge­mes­sen anmutet.

Mit ähn­li­chen, für Zwan­zi­ger uner­träg­li­chen Situa­tio­nen wer­den auch andere Amts– und Wür­den­trä­ger immer wie­der kon­fron­tiert. Die meis­ten Poli­ti­ker, Wirt­schafts­bosse oder Sport­funk­tio­näre gehen damit aller­dings pro­fes­sio­nel­ler und gelas­se­ner um. Zwan­zi­ger kann und will das nicht. Des­halb ist die Frage erlaubt, ob die­ser Prä­si­dent bei all sei­nen Ver­diens­ten dau­er­haft für eine Auf­gabe geeig­net ist, in der manch­mal auch die Fähig­keit gefragt ist, sou­ve­rän zu blei­ben, selbst wenn es per­sön­lich weh tut.

Und die »Süd­deut­sche Zei­tung« urteilt:

DFB-Chef Theo Zwan­zi­ger lähmt mit sei­nem Vor­ge­hen den gan­zen DFB, gibt ein wei­te­res Bei­spiel für Funk­tio­närs­hy­bris und legt ein bedenk­li­ches Rechts­ver­ständ­nis an den Tag.

Nach­trag, 19:40 Uhr. Die »Frank­fur­ter Rund­schau« hat noch mehr Zitate von Zwanziger:

Es han­dele sich um eine »klas­si­sche Schmäh­kri­tik«, so der auf­ge­brachte Prä­si­dent, der sich auch von Medi­en­chef Harald Sten­ger nicht stop­pen ließ: »Dem­nächst heißt es, ich sei ein Mas­sen­mör­der, nur hat es keine Lei­chen gegeben.«

Seine Rück­tritts­an­kün­di­gung für den Fall der Nie­der­lage vor Gericht, ergänzte Zwan­zi­ger auf FR-Nachfrage, habe »nichts mit einer Dro­hung oder einer Ein­schüch­te­rung« zu tun, er sei über­zeugt, dass der Rich­ter unab­hän­gig vom öffent­li­chen Schar­müt­zel objek­tiv ent­schei­den werde.

Nach­trag, 0:52 Uhr. Das wird ein har­ter Tag für die Leute, die den DFB-Pressespiegel zusam­men­stel­len. Der »Köl­ner Stadt-Anzeiger« kommentiert:

Der Jurist Theo Zwan­zi­ger offen­bart ein schrä­ges Rechts­ver­ständ­nis: Die Ankün­di­gung des DFB-Präsidenten, von sei­nem Amt zurück zu tre­ten, falls ein Gerichts­be­schluss nicht nach sei­nem Gusto aus­fällt, ist unfassbar.

Und — nach mei­ner Wahr­neh­mung als ers­ter — schafft es der Kom­men­tar, eine direkte Linie von Zwan­zi­gers Ver­hal­ten jetzt zum Aus­gang des gan­zen Streits zu ziehen:

Das Selbst­ver­ständ­nis des DFB und sei­nes Prä­si­den­ten offen­ba­ren sich am kras­ses­ten in dem Fall, von dem alles aus­geht. Der Ver­band und die Deut­sche Fußball-Liga waren vom Kar­tell­amt wegen des Ver­dachts auf Abspra­chen durch­sucht wor­den. Der Ver­dacht bestä­tigte sich zwar nicht, aber der DFB ist bis heute zutiefst gekränkt und lässt nicht nach in sei­nem Bemü­hen, das Vor­ge­hen des Kar­tell­am­tes zu gei­ßeln. In die­sem Zusam­men­hang hat Wein­reich gegen Theo Zwan­zi­ger die strit­tige Bezeich­nung »unglaub­li­cher Dem­agoge« verwendet.

Prü­fun­gen staat­li­cher Organe muss jeder über sich erge­hen las­sen, sei es in Steu­er­fra­gen, Stra­ßen­ver­kehr oder sonst wo. Wer würde es wagen, sich einer PKW-Kontrolle zu ent­zie­hen mit den Wor­ten: »Sie wis­sen wohl nicht, wen sie vor sich haben? Wie kön­nen Sie es wagen, mein Fahr­zeug auf Ver­kehrstaug­lich­keit und mei­nen Atem auf Genuss von Alko­hol zu unter­su­chen?« Wer so etwas tut, macht sich hoch­gra­dig lächer­lich und zeigt, dass er nicht ver­stan­den hat, für wen Recht gel­ten muss: für jeden.

Die »Stutt­gar­ter Zei­tung« meint:

Der Vor­gang offen­bart aber ein­mal mehr das selt­same Gebah­ren des Ver­bands, und vor allem sei­nes Prä­si­den­ten, der viel Gutes für den Fuß­ball getan hat, hier aller­dings nach Guts­her­ren­ma­nier agiert.

Die von Zwan­zi­ger so gerne pos­tu­lierte »Kom­mu­ni­ka­ti­ons­herr­schaft« hat der Ver­band längst ver­lo­ren, und mit ihr auch die Kon­trolle über einen bis­lang ein­ma­li­gen Vor­gang im deut­schen Sport, der immer stär­ker Züge einer Posse annimmt.

Im »Tages­spie­gel« heißt es unter der Über­schrift »Sein Fehler«:

Unab­hän­gig davon, dass Zwan­zi­ger alles andere als ein Dem­agoge ist, wirft der juristisch-öffentliche Furor, den er in die­ser neben­säch­li­chen Frage an den Tag legt, eine viel gewich­ti­gere Frage auf: Ist Theo Zwan­zi­ger wirk­lich ein guter DFB-Präsident?

Bis­her fiel als Ant­wort ein Ja nicht schwer. Bisher.

Blättern: 1 2 3 4