Tag Archive for: Jörg Kachelmann

Der Wetter-Astrologe

03 Jan 12
3. Januar 2012

In Hamburg, Köln und Berlin wurden am 2. Weihnachtstag mehr als zehn Grad gemessen. Es ist warm in Deutschland.

So warm, dass der Online-Auftritt von „Bild“ von einem „Tropenwinter“ spricht. Dabei sind die Temperaturen auch ein persönlicher Affront gegen das Blatt. Offenbar will sich das Wetter partout nicht an den Trend halten, den „Bild“ Ende Oktober vorgegeben hatte:

(Die warmen Tage der vergangenen Woche sind das, was auf der Grafik mit dem tiefsten roten Punkt, der Schneewolke und dem blauen „-12°C“ beschriftet sind.)

Seit einiger Zeit veröffentlicht die „Bild“-Zeitung alle drei Monate solche Langfristprognosen über das Wetter. Sie denkt sie sich nicht selber aus, sondern lässt sie sich ausdenken von den Experten von wetter.net.

Redaktionsleiter von wetter.net ist Dominik Jung. Er bezeichnet sich als „Diplom-Meteorologe und Langfrist-Experte“. Er lässt sich nicht davon beirren, dass seriöse Meteorologen sagen, man könne das Wetter gar nicht für mehrere Monate im Voraus vorhersagen. Er hat vor zehn Jahren ein Langfristmodell entwickelt, das er „Prognostica Magna“ nennt und für einen Erfolg hält.

In publizistischer Hinsicht stimmt das sicher. Jung und sein kommerzieller Wetterdienst, der zur Firma Q.met gehört, schaffen es mit ihren Langfristtrends immer wieder in die Medien. Sie erscheinen nicht nur regelmäßig in „Bild“, Bild.de und „Bild am Sonntag“, sondern wurden u.a. auch von „Focus Online“, „Freier Presse“, „Express“, „Berliner Zeitung“, „tz“, „Wiesbadener Kurier“ und dpa erwähnt.

Aber die Zukunft vorherzusagen, ist leicht. Das Kunststück besteht darin, sie richtig vorherzusagen.

Nun:

  • Für Anfang Dezember 2010 hatte wetter.net in „Bild“ Temperaturen von plus zehn bis 15 Grad vorausgesagt. Tatsächlich herrschte in ganz Deutschland zu dieser Zeit Dauerfrost. Das Land lag unter einer geschlossenen Schneedecke. Auch die außerordentlich schneereichen Tage um Weihnachten herum ließen sich aus der wetter.net-Langfristprognose nicht erahnen.
  • Dafür sagte wetter.net für den Januar Dauerfrost vorher. Nun aber war es vor allem Mitte des Monats sehr mild. Die Temperaturen sanken erst Ende Januar / Anfang Februar — genau in dem Zeitraum, für den wetter.net mildes Wetter vorhergesehen hatten.
  • Der Februar 2011 sollte laut wetter.net klirrend kalt werden. Er war zwei Wochen lang sehr mild.
  • Die Langfristprognose für den Juli: „überdurchschnittlich warm“. Tatsächlich lagen die Temperaturen fast überall unter dem langjährigen Mittel.
  • Für Mitte Juli hatte wetter.net vorausgesehen, dass die Temperaturen die 40-Grad-Marke erreichen; auch der August sollte „heiß und trocken beginnen“. Die Abweichungen zwischen der Vorhersage und der tatsächlichen Temperatur betrugen in diesem Zeitraum teilweise 20 Grad.
  • Dann war da der November 2011 — ein Monat, der eher zu warm war und extrem trocken und der mit außerordentlich hoher Sonnenscheindauer für Furore sorgte. Die Aussichten von wetter.net lauteten: Der „graue Monat“ werde „besonders dunkel ausfallen und auch bei der Sonnenscheindauer unter dem langjährigen Schnitt landen.“
  • Laut wetter.net-Prognose hätte bereits Ende November der Winter beginnen sollen. Für Dezember, Januar und Februar kündigte Dominik Jung einen „schneereichen“ und „knackig kalten“ Winter an. Die Chancen auf weiße Weihnachten stünden gut. Tatsächlich war der Dezember bekanntlich außerordentlich warm; der große Schnee blieb bislang aus.

Natürlich lag Jungs „Prognostica Magna“ keineswegs immer daneben — das wäre aber auch schon rein statistisch nicht anzunehmen.

Jung sagt, seine „Langfristtrends“ seien nicht so genau wie Wettervorhersagen, gäben aber „die Marschrichtung vor“. Gegenüber der Fernsehzeitschrift „Gong“ gab er die Trefferquote dieser „Trends“ mit „65 bis 70 Prozent“ an. Wenn er ein bisschen großzügig rechnet, was noch als „Treffer“ gilt, ist er damit gar nicht so weit von der fünfzigprozentigen Trefferquote entfernt, die ich mit meiner erfundenen „Prognostica Gorilla“ erziele, deren Vorhersagen im Wesentlichen auf einer Auswertung beruhen, ob die tägliche Exkrementmenge eines Dutzend speziell dafür trainierter Affen eine gerade oder ungerade Zahl Pfund wiegt.

Bereits Mitte September hatte Jung für Deutschland den „vierten zu kalten Winter in Folge“ prognostiziert und versucht, den PR-Effekt noch zu verstärken, indem er Fallhöhe und Zahl der Konjunktive erhöhte: Er malte sich aus, was möglicherweise passieren könnte, wenn das, was er aus seinen Karten las, einträfe:

Droht uns diesen Winter der große Blackout?

(…) „Der Jahreszeitentrend unseres Langfristmodells Prognostica Magna geht für die Wintermonate Dezember, Januar und Februar erneut von einem ‚zu kalten‘ Winter aus. (…) Das wäre der vierte zu kalte Winter in Folge und damit eine kleine Sensation.“ (…)

Der kommende Winter könnte somit nach der Projektion von WETTER.NET das von den Strombetreibern angemahnte Szenario schneller wahr werden lassen, als uns lieb ist. Durch die Kälte würde der Stromverbrauch erneut sprunghaft in die Höhe schnellen. Und das nicht nur in Deutschland. Auch unsere unmittelbaren Nachbarn wären betroffen und müssten mit höherem Stromverbrauch rechnen. (…)

Jungs Warnung: Dieser Winter kann ziemlich „heiß“ werden — allerdings nur im übertragenen Sinn! Der Winter startet Ende November und es gibt in Deutschland noch viel zu tun!

(Kann natürlich sein, dass ich Jung unrecht tue und er hier gar nicht PR für seine Firma macht, sondern für die Atomstromlobby der Energiekonzerne.)

Die Leute von wetter.net veröffentlichten sogar eine Infografik, aus der eine genaue „Mitteltemperatur für den Winter in Deutschland“ hervorgeht (minus 1 Grad und damit 1,2 Grad unter dem langjährigen Mittel).

Jung schreibt mir auf Nachfrage, jedes Medium werde von wetter.net bei den Langfristprognosen „ausführlich auf die Unsicherheiten hingewiesen. Wir argumentieren hier immer mit entsprechenden Eintreffwahrscheinlichkeiten.“ Angesichts seiner eigenen Pressemitteilungen, die weitgehend ohne solche Warnungen und Argumente auskommen, ist es unwahrscheinlich, dass das stimmt.

Er räumt ein, dass es „derzeit für meinen Wintertrend in der Tat nicht gut aussieht“ — im Gegensatz zu den drei vorangegangenen Jahreszeiten, bei denen er „durchaus eine gewisse Trefferquote sieht“. Ein abschließendes Urteil über die Winterprognose sei aber erst am 1. März 2012 möglich.

Jung meint deshalb auch nicht, dass seine ausführliche Warnung vor Stromengpässen und Problemen bei der Bahn (die „mächtig in die Bredouille geraten dürfte“) voreilig gewesen sei.

Natürlich kann das alles noch kommen, der Horrorwinter, das Schnee- und Energiechaos, vielleicht Ende Januar, womöglich im Februar, sogar im März. Falls ja, wird Jung das sicher als Beweis dafür verkaufen, dass sein Modell funktioniert. Falls nicht, dann eben den nächsten Frühling, Sommer oder Herbst, wann immer er mal wieder richtig liegt.

Jung legt Wert auf die Feststellung, dass die Langfristprognosen nichts mit den Wettervorhersagen zu tun haben, die sein Unternehmen Medien und anderen Kunden verkauft:

Das Thema Langfristtrend läuft bei uns quasi als kleiner Bereich nebenher. Wir haben dafür in den letzten Jahren ein entsprechendes Modell entwickelt bzw. arbeiten daran. Fertig wird man mit so etwas bekanntlich nie, da man immer nur versuchen kann die Qualität hier und da etwas zu verbessern.

Unsere Trends stellen wir dann kostenfrei allen unseren Kunden regelmäßig zur Verfügung. Wie diese dann weiterverarbeitet werden, obliegt den jeweiligen Redaktionen.

Das klingt nach einem erstaunlichen Konzept: mit kostenlosen halbseidenen Prognosen Aufmerksamkeit zu wecken, um damit Kunden für seriösere Arbeiten zu gewinnen. Falls das funktioniert, dann nur deshalb, weil vielen Medien letztlich egal ist, ob die spektakulären Prognosen von Jung je eintreten. Für sie zählt nur, dass es spektakuläre Prognosen sind. Wer anbietet, was die Konkurrenz nicht anbietet, weil sie es für unseriös hält, hat es nicht schwerer, sondern leichter, in die Medien zu kommen — nicht nur in die „Bild“.

Jörg Kachelmann, dessen Firma Meteomedia ein Konkurrent von wetter.net ist, arbeitet sich auf Twitter schon seit einiger Zeit an Jungs schiefen Prognosen ab. Jung prahlte damit sogar in einer Pressemitteilung und schrieb: „Erst vor kurzem hatte Alt-Wettermann Jörg Kachelmann voller Neid gegen Jung´s erfolgreiche Langfristtrends gewettert.“

Kachelmanns Attacken sorgten im Frühjahr schon einmal für Nachrichten — brachten aber die meisten Journalisten nicht dazu, herausfinden zu wollen, ob vielleicht eine Seite recht hat. Viele Medien interpretierten das einfach als eine Art Zickenkrieg: „Bild am Sonntag“ suggerierte böswillige Rufschädigung und unterstellte „Eitelkeiten“ (und vergaß natürlich den Hinweis, dass man selbst Partei ist weil wetter.net dem Blatt die Wetterdaten liefert).

RTL vermutete sendertypisch gehässig-ahnungslos: „Ist das Neid oder kann der gefallene Wetterkönig Kachelmann seinen Imageschaden nicht verschmerzen?“ und urteilte schlicht: „Jörg Kachelmann sorgt mal wieder für Negativ-Schlagzeilen.“

Ein Wetter-Astrologe, der die Zukunft falsch aus dem Kaffeesatz liest, tut das erstaunlicherweise nicht.

[Offenlegung: Jörg Kachelmann hat hier mal einen Gastbeitrag geschrieben.]

Eine Vorzeigejournalistin

03 Jul 11
3. Juli 2011

Kuno Haberbusch: Im Rückblick: Das ist kein Ruhmesblatt für unsere Branche generell, die Kachelmann-Berichterstattung, oder?

Sabine Rückert, „Die Zeit“: Ich bin mit meiner sehr zufrieden.

(Dialog auf der Jahrestagung des „Netzwerkes Recherche“ am vergangenen Freitag; irreführende Links von mir.)

Sonnengrüße von der Tanja May

07 Jun 11
7. Juni 2011

Jörg Kachelmann hat heute Mittag über Twitter ein Dokument veröffentlicht, das einen interessanten Einblick in die journalistischen Methoden des Burda-Verlages bietet. Es ist nach seinen Angaben eine Nachricht, die die „Bunte“-Chefreporterin Tanja May zusammen mit einem großen Blumenstrauß an eine Zeugin verschickt hat. Darin bat sie die Zeugin darum, sie doch noch vor ihrer Aussage vor Gericht zu treffen.

Leider ist das Foto auf Twitpic jetzt gelöscht worden. Von wem oder warum, weiß ich nicht, jedenfalls nach Kachelmanns Angaben nicht von ihm selbst.

So sah das aus:


(Verpixelung von Handynummer und E-Mail-Adresse von mir.)

Kachelmann twittert dazu:

Wann wird man durch Hubert Burda befördert?

Wenn man solche Telegramme mit gaaaanz viel Blumen an Zeuginnen schickt. Man beachte: Erst zu BUNTE, dann Gericht. http://twitpic.com/586fia

Huberts bunte Blumen wurden gegen Ende August verschickt. Woher kannte Burdabunte die Ladungsliste des Gerichts?Woher die Zeuginnenadressen

Zur Vorgeschichte: Die „Bunte“ hatte drei Zeuginnen bis zu 50.000 Euro dafür bezahlt, noch vor der Hauptverhandlung in der Illustrierten ausführlich gegen Kachelmann auszusagen, und war vom Gericht dafür gerügt worden. „Bunte“-Chefredakteurin Patricia Riekel, die die einseitige Berichterstattung ihres Blattes „ausgewogen und neutral“ nannte, hatte gegenüber der FAZ erklärt, es habe sich um Standardverträge gehandelt, wie sie „in allen Redaktionen üblich“ seien. Der Verdacht, Zeuginnen zu manipulieren, sei „ehrverletzend und diskriminierend“.

Kachelmann hat bereits mehrmals auf Twitter auch Paparazzi gezeigt, die er fotografierte, während sie ihm auflauerten. Da er inzwischen weder auf einen Ruf als Sympathieträger noch auf das Wohlwollen der Medien Rücksicht nehmen muss, kann er fast ungehemmt die Auswüchse des Spektakels um ihn herum dokumentieren. Das können bemerkenswerte Einblicke in den journalistischen Alltag in Blättern wie der „Bunten“ werden — wie die Fleurop-Recherche von Tanja May.

Nachtrag, 21:15 Uhr. Die Tanja May schrieb laut NDR-Medienmagazin „Zapp“ übrigens bereits im März 2010 auch an das angebliche Opfer:

Wie ich Ihnen schon mehrfach geschrieben habe, habe ich Ihnen von Anfang an geglaubt, was Herr Kachelmann Ihnen angetan hat. [...] Sonnengrüße schickt Ihnen die Tanja May.

[via Theo in den Kommentaren]

Herdentriebtäter

03 Jun 11
3. Juni 2011

Die elementarste Aufgabe [der Medien], das Doppelleben des netten Herrn Kachelmann zu enthüllen, war lange vor Prozessbeginn erledigt.

Schreibt Georg Altrogge, Chefredakteur des Braanchendienstes „Meedia“.

Auf mehrmalige Nachfrage von Kommentatoren, ob er (sinngemäß) noch alle Vokale im Alphabet hat, begründet Altrogge diese Definition der „elementarsten Aufgabe“ mit der „Medienrealität“:

Nennen Sie mir ein Leitmedium, das nicht detailreich über eben dieses Thema berichtet hätte. Und natürlich gehört es zu den Aufgaben der Medien, bei prominenten Personen im Zusammenhang mit einem öffentlich geführten Gerichtsverfahren auch über diese Dinge zu berichten. Das war nie anders und wird nie anders sein. Niemand, der in der Branche operativ Verantwortung trägt, würde diesen Grundsatz ernsthaft in Zweifel ziehen.

Bereits vor einem Jahr hatte Altrogge in ähnlichem Zusammenhang erklärt, dass es „rufschädigend für den Journalismus“ sei, auch nur öffentlich darüber nachzudenken, ob es nötig ist, sich an der rufschädigenden Berichterstattung über einen möglicherweise Unschuldigen zu beteiligen. Er kommentierte damals im Blog von Michalis Pantelouris:

Ich kapiere das nicht: Ganz Deutschland diskutiert über den Fall Kachelmann, und Herr Pantelouris würde all das gern wegzensieren. Damit steht er außerhalb der Leitmedien wie Spiegel & Co. Wer so denkt, sollte sich vielleicht einen anderen Job suchen, denn mit Journalismus hat eine solche Einstellung m.E. nichts zu tun.

Ich glaube ihm inzwischen, dass er das wirklich nicht verstehen kann. Vielleicht ist es ein genetischer Defekt. Er kann sich nicht vorstellen, dass das, was alle tun, falsch sein kann. Leitmedien, glaubt Altrogge, heißen Leitmedien, weil man sich danach richten kann, soll und muss, was sie tun.

Er ist nicht nur ein überzeugter Mitläufer. Er verklärt das Mitlaufen zur höchsten Pflicht und Tugend.

Und wenn alle Medien, wie unter Zwang, im Privatleben eines Prominenten wühlen, dann muss das wohl, ja: ihre „elementarste Aufgabe“ sein.

(Ich versuche wirklich, „Meedia“ nicht mehr zu lesen. Ich habe alle Feeds aus meinem Feedreader gelöscht. Aber dann schicken mir Leute sowas per Mail und ich kann mir nicht helfen.)

Vorgerichterstattung und Nachverurteilung: Das Kachelmann-Urteil im Fernsehen

31 Mai 11
31. Mai 2011

Reporterin: Wieso äußert sich Herr Kachelmann denn jetzt nicht vor der Presse?

Anwalt Johann Schwenn: Warum sollte er das tun? Damit Sie ihn fragen, wie es ihm geht?

* * *

Eines muss man den n-tv-Leuten lassen: Sie schaffen es, ihre eigene Hölle anzumoderieren, als sei sie das Paradies.

Stolz und Vorfreude spiegeln sich im Gesicht von Moderator Ulrich von der Osten, als er um 8.30 Uhr eine Sondersendung zum Kachelmann-Prozess mit den Worten eröffnet:

„Um 9 Uhr verkündigt die Strafkammer des Landgerichts Mannheim das Urteil gegen den ehemaligen Wettermoderator, und wir werden ganz viel bis dahin auch schon nach Mannheim schalten.“

Natürlich hatte n-tv auch zuvor schon „ganz viel“ nach Mannheim geschaltet, zu einem routinierten und doch bemitleidenswerten Reporter namens Thomas Präkelt. Erst dreizehn Minuten zuvor hat der Moderator ihn gefragt: „Wann werden die ersten Beteiligten im Gerichtsgebäude erwartet?“ Und Präkelt hat die Schlange von Zuschauern vor dem Gebäude gezeigt und die „relative Leere“ im Foyer: „Es sind also noch nicht so viele Kollegen reingekommen“, stellt er fest, als hätte das irgendeine Bedeutung für ihn, die Zuschauer, Jörg Kachelmann, das Gericht, die Welt.

* * *

Das tollste und schlimmste an Tagen wie diesen ist immer die Vorberichterstattung im Fernsehen. Der Zuschauer ist das von Sportereignissen so gewohnt, dass man nicht erst anfängt, wenn es losgeht, und für einen Sender wie n-tv ist so ein Prozess („einer der aufsehenerregendsten in der deutschen Nachkriegsgeschichte“) auch nichts anderes als ein Sportereignis. Konsequenterweise bezeichnet n-tv die Urteilsverkündung als „Finale“ im Kachelmann-Prozess.

8.32 Uhr, Nachfrage beim Reporter: „Thomas, was tut sich denn bei Ihnen? Herrscht so kurz vor dem Urteilsspruch weiter reger Andrang?“ Man wünschte sich, er antwortete nur einmal: „Nein, Ulrich, die Leute sind jetzt plötzlich alle nach Hause gegangen, um sich das lieber im Fernsehen anzusehen.“

Er weiß zu berichten, dass Kachelmann „in wenigen Minuten in die Tiefgarage des Landgerichtes einfahren wird“. Er habe den Kopf wieder auf die Hand gestützt, so dass man sein Gesicht nicht so gut erkennen könne: „Auch an diesem letzten, finalen Tag hat er sich der Öffentlichkeit verweigert.“ Im Gerichtssaal sei jede Form von elektronischen Gerät verboten, mit dem man die Urteilsverkündung aufnehmen könne, was streng kontrolliert werde, erzählt Präkelt und weiß auch wieso: „Ich glaube, dass YouTube und andere Verbreitungswege sehr dankbar wären, wenn es sowas gäbe.“ YouTube und andere Verbreitungswege, natürlich.

Zwei Stunden später wird der n-tv-Kameramann hinter dem Wagen hinterherlaufen, in dem Kachelmann und zwei seiner Anwälte sitzen. „Jeder versucht natürlich, jetzt nochmal ein Foto von Jörg Kachelmann in Freiheit zu bekommen“, erklärt Präkelt. Der n-tv-Kameramann beweist in dem ganzen Chaos besondere Sprintqualitäten, erwischt den Wagen noch einmal an der nächsten Kreuzung und filmt erneut ins Innere. Präkelt kommentiert: „Zufrieden, aber auch auf der Flucht vor der Öffentlichkeit, fährt Kachelmann jetzt nach 43 Verhandlunngstagen in die Freiheit.“

Wohin genau, weiß er nicht zu sagen, es klingt aber so, als hätte Kachelmann noch eine Verabredung mit dem Sonnenuntergang – und wer, wenn nicht Kachelman, wüsste, wo der zu treffen ist?

Etwas später, in „Punkt 12“, nutzt Moderatorin Katja Burkard die Gelegenheit, in dieser wichtigen Sache noch einmal nachzuhaken: „Thomas, wo ist Jörg Kachelmann jetzt? Was wird er heute und in den nächsten Tagen tun, was meinen Sie?“ Thomas Präkelt weiß es nicht, meint aber:

„Er wird sich jetzt natürlich Ruhe gönnen. Er wird auch seine Frau wiedersehen wollen und einige Tage der Ruhe seien ihm auch zu gönnen nach diesem Freispruch.“

Es bleibt unklar, was der RTL- und n-tv-Mann meint, wo Kachelmann in den vergangenen Monaten eingekerkert war.

* * *

Bei der Konkurrenz von N24 ergibt sich nach der Urteilsverkündung die verwirrende Situation, dass der Sender zu seiner Reporterin schaltet, die vor dem Gerichtsgebäude steht und deshalb leider noch nicht die Frage beantworten kann, wie genau das Gericht denn seine Entscheidung begründet habe. Gleichzeitig sieht man aber auf dem Split-Screen, wie Menschen vor dem Saal, aus dem sie gerade gekommen sind, genau das erzählen. Man sieht sie, aber man hört sie nicht, denn zu hören ist ja die N24-Moderatorin draußen. Bis die Regie sich endlich entschließt, sie einfach für den Moment rabiat vom Sender zu nehmen.

* * *

Aus Berlin ist bei n-tv, wie so oft, der Medienbewohner Jo Groebel zugeschaltet. Vor der Urteilsverkündung fragt ihn die Moderatorin, ob in der Berichterstattung über den Prozess oft über das Ziel hinausgeschossen wurde. Groebel antwortet:

„Ganz ehrlich? Ich möchte auch da mit meinem Urteil etwas zurückhaltend sein.“

Um unmittelbar hinzuzufügen:

„Aber mein Eindruck ist, dass hier sehr häufig übers Ziel hinausgeschossen wurde. Ich fand’s, ganz ehrlich, atemberaubend.“

Groebel hat irgendwas mit Medien studiert, deshalb kann er fundiert analysieren, warum dieser Prozess die Menschen und Medien so bewegt hat:

„Sex & Crime, das ist jetzt sehr flapsig formuliert, aber sehr ernst gemeint, Sex & Crime ist natürlich immer etwas, das sehr, sehr, sehr interessant für Menschen ist.“

Das klingt vielleicht banal. Andererseits hätte eine Fernsehserie mit dem Arbeitstitel „Dinge, die sich Jo Groebel vorstellen kann“ durchaus große surreale Momente:

„Ich kann mir gut vorstellen, dass [Kachelmann] im Sinne einer Fast-Rehabilitation auch für sich selbst durchaus vor die Kamera strebt. Nicht als der nette Mann, aber vielleicht als ein Talkmaster für eine Gesprächsrunde, in der schwere menschliche Dramen herauskommen. Und da weiß er dann wahrlich, was er fragen muss und wovon er spricht.“

* * *

Einig ist sich Groebel dennoch mit ungefähr allen Fernsehleuten, dass Kachelmann trotz oder wegen des Freispruchs, den insbesondere RTL konsequent als „Freispruch zweiter Klasse“ bezeichnet, erledigt ist:

„Kachelmann hat nicht nur einen Karriere-Knick, der hat einen kompletten Karriere-Einbruch, eine Karriere-Katastrophe erlebt.“

ZDF-Vormittags-Frau Nadine Krüger formuliert in „Volle Kanne“ volle Kanne:

„Gibt es eine Entschädigung für den verlorenen Ruf? Die Karriere ist ja nun hin, das kann man ja so sagen.“

Bei n-tv wusste die Moderatorin das schon morgens um sechs in den (offenkundig aufgezeichneten) Nachrichten:

„Eines ist klar: Ob das Ergebnis nun gut oder schlecht ausfällt für Kachelmann – Spott und Verachtung werden bleiben.“

Es ist eine typische Form einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung: Je häufiger Medien behaupten, dass Kachelmanns Rückkehr auf den Bildschirm undenkbar ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass das schließlich auch stimmt.

* * *

Aber für irgendeine Form von Selbstreflexion ist an diesem Vormittag keine Zeit, geben wir lieber noch einmal zu Thomas Präkelt, der vor dem Gerichtssaal gerade in Bezug auf Kachelmanns Anwalt Johann Schwenn formuliert:

„Verteidigung ist Krieg.“

Und Medienberichterstattung, mutmaßlich, auch. Bei RTL gibt man sich jedenfalls alle Mühe, den Eindruck zu erwecken, Kachelmann sei jedenfalls ein Täter. Gleich in der ersten Minute von „Punkt 12“ heißt es zweimal: „Sie konnten ihm die Tat nicht nachweisen“ bzw.: „Man konnte ihm die Vergewaltigung nicht nachweisen“ – so als habe sie zweifellos stattgefunden.

Die Zusammenfassung des Prozessverlaufes ist dann bemerkenswert:

Off-Sprecher: Zuerst sah es so aus, als würde sich die Schlinge um [Kachelmanns] Hals immer weiter zuziehen. Reinhard Birkenstock war Kachelmanns Verteidiger. Doch er hatte immer wieder Probleme, seinen Mandanten als glaubwürdig darzustellen.

Birkenstock: Dieser Prozess (…) wird zu dem Ergebnis kommen, dass Jörg Kachelmann unschuldig ist.

Off-Sprecher: Obwohl genau das jetzt eingetroffen ist: Kachelmann ist offenbar unzufrieden, wechselt den Anwalt.

Das ist eine hübsche Verrückung des Zeit-Kontinuums sowie der Kausalitäten: Obwohl Kachelmann heute freigesprochen wurde, hat er damals den Anwalt gewechselt.

Weiter im Text:

„Kachelmann punktet immer mehr. Und die Nebenklägerin, das angebliche Opfer Sabine W., gerät, wie es aussieht, immer mehr in die Situation, beweisen zu müssen, dass sie Opfer ist.“

Sie geben sich bei RTL also offensichtlich Mühe, dass die vorproduzierten Beiträge sich nicht zu positiv von den hektischen Live-Berichten absetzen. Und Katja Burkard formuliert den hübschen Satz:

„Dann stürmen Journalisten aus dem Saal, um die Nachricht wie ein Lauffeuer zu verbreiten.“

* * *

Bei n-tv hatte sich die Moderatorin, als alles vorbei war und alle alles gesagt hatten, von dem Reporter mit den Worten verabschiedet:

„Vielen Dank für den Moment. Und wir behalten die Lage in Mannheim natürlich weiter im Auge.“

Man weiß nicht, was da noch hätte passieren können. Aber als Abmoderation passt das natürlich immer. Ob da in Mannheim ein Haus brennt, ein Kind weint oder ein Prozess zuende geht.