»Sie haben die Krawatte gewechselt.«

(Okay, es ist schon über eine Woche alt. Aber immer noch schön.)

Am 19. Januar fragte Jörg Schö­nen­born im ARD-Brennpunkt über den Orkan »Kyrill« beim ARD-Wettermann Jörg Kachel­mann nach, wie gut er denn mit sei­nen Pro­gno­sen gele­gen habe. Und um die Ant­wort (sehr gut) zu unter­mau­ern, zeigte Kachel­mann Stand­bil­der von sei­ner Vor­her­sage. Was einen etwas, nun ja, beun­ru­hi­gen­den Effekt hatte:


Im Ori­gi­nal hier anzu­schauen (etwa ab 16:30 Min). Sehr schön auch das Kicher­schnau­fen Schö­nen­borns, das man im Hin­ter­grund hört.

Jörg Kachelmann

Der zweit­größte Erfolg im Leben des Jörg Kachel­mann war es, 1998 nach der Mode­ra­tion einer »Einer wird Gewinnen«-Pilotsendung, die der Hes­si­sche Rund­funk aus bud­get­tech­ni­schen Grün­den nicht unge­sen­det weg­wer­fen durfte, nicht von den Kan­di­da­ten wegen Ver­sto­ßes gegen die Gen­fer Men­schen­rechts­kon­ven­tion ver­folgt wor­den zu sein. Der größte: Dass man ihn auch hin­ter­her noch Sen­dun­gen mode­rie­ren ließ, in denen nicht nur Blu­men­kohl­wol­ken und Tages­the­men­strö­mungs­filme zu Gast sind.

Seit vor­ges­tern ist er wie­der Gast­ge­ber der MDR-Talkshow »River­boat«. Als es um Schwan­ger­schaf­ten ging, sagte er iro­nisch in Rich­tung der Schau­spie­le­rin Uta Schorn, die 60 ist, aber eher wie 61 aus­sieht: »Bei ihr ist das Thema seit fünf Jah­ren durch.« Als das Gespräch dar­auf kam, dass Nadine Krü­ger im Früh­stücks­fern­se­hen die ange­nehme Schicht ab acht machen darf, wäh­rend Andrea Kie­wel frü­her um 5.30 Uhr anfan­gen musste, sagte er: »Das ist eben der Unter­schied, wenn man aus­sieht wie Nadine Krü­ger.« Kie­wel saß ihm dabei als Co-Moderatorin gegen­über. So ist der Kachel­mann. Er meint das nicht böse. Er kann nicht anders.

Der MDR hatte ihm für die Pre­miere offen­sicht­lich den Bart gestutzt und ver­sucht, den Haa­ren so etwas wie eine Form zu geben. Es nutzte alles nichts. Kachel­mann sieht außer­halb sei­ner Wet­ter­schauen immer aus wie einer, den man gerade kurz­fris­tig als Not­lö­sung von der Straße geholt hat und der hier eigent­lich gar nicht hin­ge­hört, und genau das ist das Ange­nehme an Kachel­mann. Er schafft kei­nes die­ser schein­hei­li­gen Fern­seh­ri­tuale, ohne es ent­we­der bewusst zu iro­ni­sie­ren oder unge­schickt zu ver­sem­meln. Und wenn das DDR-Urgestein Ger­hard »Adi« Adolph her­ein­kommt, auf des­sen Kopf gerade ein Tier ver­en­det zu sein scheint, kann Kachel­mann nicht anders, als zu fra­gen: »Die Haare nicht gefärbt?« Auch wenn man dabei nur mit erheb­li­cher Kon­trär­fas­zi­na­tion zuse­hen kann, ist es irgend­wie gut für die Hygiene des Fern­se­hens, dass sie wenigs­tens einen rein­las­sen, der so mot­zel­bä­rig ist wie er.

Das Wort »mot­zel­bä­rig« ist von ihm. Schön oder?

© Frank­fur­ter All­ge­meine Sonntagszeitung

Einer wird gewinnen

Tomate Lean­d­ros. Fern­seh­kri­tik: Einer wird gewin­nen (ARD).

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Als es 21.04 Uhr wurde am Sams­tag­abend, lehn­ten sich einige Mana­ger des Pri­vat­fern­se­hens ent­spannt zurück, schal­te­ten das Erste aus und wuß­ten, daß sie die Show-Offensive der ARD in aller Ruhe auf sich zukom­men las­sen konn­ten. Um diese Zeit rief ein Regie-Assistent in der Meirotels-Halle in Roten­burg an der Fulda Mode­ra­tor Jörg Kachel­mann live zu, die Zuschauer hät­ten das gerade gespielte Spiel nicht ver­stan­den. Das war nicht wei­ter ver­wun­der­lich, denn auch den bei­den Kan­di­da­tin­nen konnte Kachel­mann die Regeln nur erklä­ren, indem er sie ihnen direkt ins Ohr brüllte. Hin­ter ihnen stand näm­lich als Teil des Spiels ein toben­der, sin­gen­der, trö­ten­der Mob von Fuß­ball­fans aus 21 Län­dern. Das hätte eigent­lich auch schon wäh­rend der Pro­ben so gewe­sen sein müs­sen — falls der Hes­si­sche Rund­funk sich nicht ein­fach auf seine jahr­zehn­te­lange Erfah­rung mit dem Blauen Bock ver­las­sen und dar­auf kom­plett ver­zich­tet hatte.

Dabei pro­du­ziert die Neu­auf­lage von Einer wird gewin­nen kein Gerin­ge­rer als Wolf­gang Penk, Ex-Unterhaltungschef des ZDF. Er und sein Team haben sich von den erfolg­rei­chen Shows der Pri­va­ten eini­ges abge­guckt: zum Bei­spiel, daß das Saal­pu­bli­kum nett ange­leuch­tet wer­den sollte. Wie man das so macht, daß es nicht nach drei rotie­ren­den 60-Watt-Lämpchen im Par­ty­kel­ler aus­sieht, haben sie lei­der nicht in Erfah­rung brin­gen kön­nen. Nette Com­pu­ter­tricks bas­tel­ten sie um die Vor­stel­lung der ein­zel­nen Kan­di­da­ten und dach­ten sich: Eine Ver­sion davon wird wohl rei­chen, die kann man ja acht­mal zei­gen. Und irgend­wann wer­den sie viel­leicht ler­nen, wie man Vicky Lean­d­ros in wabern­den roten Nebel ein­hül­len kann, ohne daß sie aus­sieht wie eine Tomate.

Dabei ist das alte EWG-Konzept durch­aus 90er-Jahre-tauglich. Inter­es­san­ten Leu­ten zuzu­se­hen, wie sie raten, wofür ein aus­län­di­scher Wer­be­spot wirbt oder aus wel­chem Land eine Wet­ter­fee kommt, kann durch­aus für nette andert­halb Stun­den vor dem Fern­se­her mit Fami­lie und Chips sor­gen. Doch dann müs­sen das Timing stim­men und diese gan­zen Klei­nig­kei­ten, die aus einem blö­den Rate­spiel eine »große« Sams­tag­abend­show machen.

An Kachel­mann lag’s am wenigs­ten. Der arme Kerl war nicht nur furcht­bar ner­vös (und über­zog eine halbe Stunde), er hatte sich auch noch erkäl­tet. Rich­tig glück­lich wirkte er in sei­ner neuen Show (»ein klei­ner Schritt für die Mensch­heit, ein gro­ßer Sprung für mich«) nicht, er redete wie­der­holt von den Zei­tun­gen, die er am Mon­tag lie­ber nicht lesen wolle, und vom »Gene­ral­an­schiß« nach der Sen­dung. In guten Momen­ten aber schaffte er die Balance zwi­schen den Ritua­len öffentlich-rechtlicher Unter­hal­tung und iro­ni­scher Dis­tanz. Als der deut­sche Kan­di­dat, den seine Freun­din gerade ver­las­sen hat, mit null Punk­ten aus­schied, sagte Kachel­mann: »Jetzt ver­stehe ich, warum sie gegan­gen ist.«

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