50 60 Jahre »Bild«

Zen­tra­les Leit­mo­tiv der Fei­er­lich­kei­ten zum sech­zigs­ten Geburts­tag der »Bild«-Zeitung ist die Behaup­tung, das Blatt sei nun in der Mitte der Gesell­schaft ange­kom­men. Und die viel­leicht am häu­figs­ten dis­ku­tierte Frage ist die, wie sehr sich das Blatt ver­än­dert hat.

Ent­schei­den Sie selbst. Dies ist ein Arti­kel von mir aus der »Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Sonn­tags­zei­tung«, erschie­nen heute vor zehn Jahren.

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Nichts zu dan­ken. Die »Bild«-Zeitung wird fünf­zig Jahre alt — und alle, alle gra­tu­lie­ren. Doch gibt es was zu feiern?

Viel­leicht muß man das ein­fach mal erlebt haben, daß einem Fami­li­en­mit­glie­der weg­ster­ben in einem furcht­ba­ren Unfall und man am nächs­ten Tag nicht die paar Schritte von der Haus­tür zum Auto gehen kann, weil Foto­gra­fen und Repor­ter von der »Bild«-Zeitung am Grund­stück lau­ern und einen ver­fol­gen und foto­gra­fie­ren und wenig spä­ter anru­fen und fra­gen, ob man sich wirk­lich ganz sicher sei, daß man nicht in einem Inter­view über die eigene Trauer reden wolle, weil man die Fotos von einem selbst und sei­nen Ange­hö­ri­gen ver­öf­fent­li­chen werde, so oder so, aber so wäre es viel­leicht besser.

Viel­leicht muß man das ein­fach mal erlebt haben, daß man mit sei­nem Las­ter einen tra­gi­schen Unfall ver­ur­sacht, der zwei Men­schen das Leben kos­tet, um fest­zu­stel­len, daß damit der Tief­punkt noch nicht erreicht ist, son­dern erst am nächs­ten Tag, als die »Bild«-Zeitung ein rie­si­ges Foto von einem abdruckt und einen Pfeil und dane­ben die Schlag­zeile: »Er hat gerade zwei Ber­li­ner totgefahren.«

Viel­leicht muß man das ein­fach mal erlebt haben, daß man vor Gericht steht, weil man mög­li­cher­weise als Hand­wer­ker einen Feh­ler gemacht hat und durch eine unglück­li­che Ver­ket­tung von Umstän­den ein Kind einen Strom­stoß erlei­det, der blei­bende Schä­den bei ihm aus­löst, und am nächs­ten Tag sein eige­nes Gesicht in der »Bild«-Zeitung sehen und dane­ben die Frage: »Hat der Elek­tri­ker Timmi auf dem Gewissen?«

Viel­leicht würde es schon rei­chen, wenn man ein­mal erlebt hätte, wie das ist, als halb­wegs pro­mi­nen­ter Mensch von der Klatsch-Kolumnistin der »Bild«-Zeitung ange­ru­fen zu wer­den und sinn­ge­mäß gesagt zu bekom­men: »Sag mir, mit wem du vögelst. Wenn du es mir nicht sagst, schrei­ben wir mor­gen, du vögelst mit XY.«

Wahr­schein­lich wüßte man dann, daß die »Bild«-Zeitung lügt, wenn sie, wie ges­tern, schreibt: »,Bild‹ fei­ert Geburts­tag. Ganz Deutsch­land freut sich, ganz Deutsch­land fei­ert mit.« Wahr­schein­lich würde man dann ver­su­chen, die Jubi­lä­ums­fei­er­lich­kei­ten in der »Bild«-Zeitung weit­räu­mig zu umfah­ren. Und wahr­schein­lich würde man dann ver­zwei­feln, weil man fest­stel­len müßte, daß »Bild« in die­sen Tagen nicht nur Geburts­tag hat, son­dern hei­lig­ge­spro­chen wird, nicht nur von den ange­schlos­se­nen Springer-Blättern, nicht nur von den Kon­ser­va­ti­ven und Staats­tra­gen­den, son­dern auch von der hal­ben libe­ra­len Presse. Vor ein paar Jah­ren war es noch so, daß »Bild« bäh war; alle lasen sie, aber wer sich bekannte, es gerne und inter­es­siert zu tun, war in auf­ge­klär­ten Krei­sen schnell ein Außen­sei­ter. Heute ist es so, daß »Bild« cool ist; alle lesen sie, und wer sich bekennt, sie für ein ent­setz­li­ches men­schen­ver­ach­ten­des Blatt zu hal­ten, ist in auf­ge­klär­ten Krei­sen schnell ein Außenseiter.

Sie hat sich diese schil­lernde Ober­flä­che aus Neben­säch­li­chem, Harm­lo­sig­kei­ten und Selbst­iro­nie zuge­legt, die Medi­en­pro­fis und Intel­lek­tu­el­len gefällt. Die freuen sich über den Ein­fall, zum Fußball-Spiel am frü­hen Mor­gen die »Bild«-Zeitung mit zwei Titel­sei­ten erschei­nen zu las­sen — je nach Sieg oder Nie­der­lage. Sie inter­pre­tie­ren öffent­lich, wie man das zu wer­ten habe, daß die »Bild«-Zeitung, im kal­ku­lier­ten Schein-Tabubruch, vor dem USA-Spiel schreibt: »Ami go home«, höhö. Sie sind süch­tig nach dem täg­li­chen Brief von Franz-Josef Wag­ner und nei­disch auf seine Fähig­keit, den Wirr­warr in sei­nem Kopf ohne Umweg über Fil­ter im Gehirn auf die Sei­ten flie­ßen zu las­sen. Sie schauen mit ein biß­chen Abscheu und viel Fas­zi­na­tion auf die Abgründe, die sich jeden Tag auf Seite eins auf­tun, auf die x-te Wen­dung im Uschi-Glas-Drama, stau­nen, wie »Bild« es an guten Tagen schafft, wenn man glaubt, nun könnte ihnen dazu unmög­lich noch etwas ein­fal­len, sogar meh­rere Dauer-Handlungsstränge zusam­men­lau­fen zu las­sen und die Schick­sale von Klaus-Jürgen Wussow, Uschi Glas und Ireen Sheer unend­lich kunst­voll inein­an­der zu verweben.

Sie lesen die »Bild«-Zeitung, kurz gesagt, als Fik­tion. Und die »Bild«-Zeitung för­dert das, indem sie — selbst­be­wußt und selbst­re­fle­xiv, fest ver­an­kert im post­mo­der­nen und pos­tideo­lo­gi­schen Zeit­al­ter — ihre eigene Rolle im Blatt zum Thema macht und zum Bei­spiel das end­los wei­ter­ge­drehte Wussow-Scheidungsdrama selbst zur Soap erklärt und mit eige­nem Logo »Die Wussows« samt Angabe der »Folge« versieht.

»Kam­pa­gnen« hat man dem Chef­re­dak­teur Kai Diek­mann kurz nach sei­nem Amts­an­tritt vor­ge­wor­fen, und er hat das empört von sich gewie­sen. So ein Unfug: Seit Diek­mann Chef­re­dak­teur ist, fin­den auf der Seite eins der »Bild«-Zeitung fast aus­schließ­lich Kam­pa­gnen statt — nur daß man sie, ange­sichts der The­men, eher »Fort­set­zungs­ro­mane« nen­nen müßte. Jedes Thema wird über Tage, Wochen, Monate gar wei­ter­ge­dreht, bis auch die letzte dra­ma­tur­gi­sche Wen­dung und irre Pointe her­aus­ge­preßt ist. Im Februar stan­den an vier­zehn von vier­und­zwan­zig Erschei­nungs­ta­gen die pri­va­ten Sor­gen von Uschi Glas und ihrer Fami­lie auf der Titel­seite der »Bild«. Ein Thema so ernst zu neh­men ver­langt einen gewis­sen Unernst, ein Augen­zwin­kern. Das ist hohe Kunst. Da staunt die Bran­che. Und lacht.

Ob es auch dem durch­schnitt­li­chen Leser gefällt, ist eine andere Frage. Aus­ge­rech­net im ers­ten Quar­tal, jenem mit den Uschi-Glas-Trennungs-Festspielen, sackte die Auf­lage der »Bild«-Zeitung um 200 000 Stück gegen­über dem Vor­jahr ab, ein Rück­gang um hef­tige fünf Pro­zent. Diek­mann erklärt das damit, daß die Leser nicht mehr abge­zählte Gro­schen rüber­schie­ben konn­ten, son­dern nach Cent kra­men muß­ten. Frage: Würde die »Bild«-Zeitung einem Wirt­schafts­boß oder Minis­ter diese Erklä­rung durch­ge­hen lassen?

In einer Lob­hu­de­lei attes­tierte die »Welt« ihrem Schwes­ter­blatt in der ver­gan­ge­nen Woche, daß »das heu­tige Blatt erheb­lich jün­ger und sexier wirkt als die Pro­tes­tie­ren­den von damals« (was natür­lich kein Kunst­stück ist, da es Men­schen ein biß­chen schwe­rer fällt als Zei­tun­gen, den Alte­rungs­pro­zeß durch den Aus­tausch von Chef­re­dak­teu­ren auf­zu­hal­ten). Die »Welt« wei­ter: »Die Intel­lek­tu­el­len haben auf­ge­hört, sich über ›Bild‹ auf­zu­re­gen.« Das Furcht­bare an die­sem Satz ist, daß er in dop­pel­ter Hin­sicht stimmt. Er beinhal­tet näm­lich auch die Ana­lyse, daß es nicht die »Bild«-Zeitung ist, die sich ver­än­dert hat, zah­mer gewor­den sei etwa, son­dern die Intel­lek­tu­el­len die­je­ni­gen sind, die sich geän­dert haben. Die Ori­en­tie­rungs­punkte haben sich ver­scho­ben, die Medi­en­welt ins­ge­samt, nur des­halb ist »Bild« plötz­lich kein Schmud­del­kind mehr. Heute erzählt der nette Herr Röbel, der bis vor ein­ein­halb Jah­ren »Bild«-Chefredakteur war, im »Tages­spie­gel« ganz offen, wie das geht, die­ses Wit­wen­schüt­teln, das ihm sein Chef beige­bracht hat, über den er »nichts Schlech­tes sagen« kann: »Hatte man etwa bei einem Unglück die Adresse von Hin­ter­blie­be­nen her­aus­ge­fun­den, ist man sofort hin­ge­fah­ren, klar. Beim Abschied aber hat man die Klin­gel­schil­der an der Tür heim­lich aus­ge­tauscht, um die Kon­kur­renz zu ver­wir­ren. Ich war damals oft mit dem­sel­ben Foto­gra­fen unter­wegs, wir hat­ten eine per­fekte Rol­len­auf­tei­lung. Er hatte eine Stimme wie ein Pas­tor und begrüßte die Leute mit einem dop­pel­ten Hän­de­druck, herz­li­ches Bei­leid, Herr … Ich mußte dann nur noch zuhö­ren. So kamen wir an die bes­ten Fotos aus den Fami­li­en­al­ben.… Es war ein­fach geil.«

Schwer zu sagen, ob all die Intel­lek­tu­el­len, die sich nicht mehr auf­re­gen, all die libe­ra­len Jour­na­lis­ten mit ihren Eigentlich-ist-sie-doch-gut-Artikeln zum Geburts­tag, ob sie diese Metho­den auch geil fin­den oder ob sich ihre »Bild«-Lektüre auf die wit­zi­gen, schrä­gen, span­nen­den ers­ten bei­den Sei­ten, den Sport und den Klatsch am Schluß beschränkt. Dazwi­schen näm­lich, vor allem in den Lokal­tei­len, läuft das Blut wie eh und je. Es ver­geht kein Tag, ohne daß zum Bei­spiel »Bild Ber­lin« der Leser­schaft die Betei­lig­ten eines Unfalls, eines Pro­zes­ses, irgend­ei­ner Tra­gö­die mit gro­ßen Fotos zum Fraß vor­wirft. Eine Vier­tel­seite füllt das Foto von Chris­tian S. neben der Schlag­zeile: »Ich habe eine nette Oma tot­ge­fah­ren. Was ist mein Leben jetzt noch wert?« Ver­däch­tige wer­den nicht dann zu Mör­dern, wenn sie ver­ur­teilt sind, son­dern wenn »Bild« sie dazu erklärt: »Anna (7) in Schul­toi­lette ver­ge­wal­tigt. Er war’s« steht dann da und ein Pfeil und ein Bild, und im Text ist schon vom »Beweis sei­ner Schuld« die Rede.

Jeder Betei­ligte wird abge­bil­det und trotz eines Alibi-Balkens über sei­nen Augen (den auch nicht alle bekom­men) mit Vor­na­men, abge­kürz­tem Nach­na­men und Orts­an­gabe für sein Umfeld ein­deu­tig iden­ti­fi­zier­bar. »Weil sie sich mit ihrem Freund amü­sierte — diese Ber­li­ner Mut­ter ließ ihren Sohn ver­hun­gern«, »Domi­nik (15) erhängte sich auf dem Dach­bo­den« — sie alle dür­fen wir sehen. Es reicht schon, eine blinde Hün­din aus­ge­setzt haben zu sol­len, um mit Foto an den »Bild«-Pranger gestellt zu werden.

Das Blatt Axel C. Sprin­gers kämpft immer noch jeden Tag die alten Kämpfe. Wenn die PDS mit­re­giert in Ber­lin, schreibt »Bild«: »PDS krallt sich drei Senatoren-Posten«. Wenn Gre­gor Gysi Wirt­schafts­se­na­tor wird, steht da an einem Tag die Frage: »Was wird jetzt aus Ber­lin« und an einem ande­ren Tag die Ant­wort: »Gute Nacht, Ber­lin« und nur ganz klein dar­un­ter in Klam­mern: « … sagt Edmund Stoi­ber«. »Neue Stasi-Akten über Gysi gefun­den«, heißt die Über­schrift neben einem Bild, auf dem man ihm den bösen Spit­zel schon anzu­se­hen glaubt, doch im Text sagt ein Spre­cher der Gauck-Behörde nur: »Hier und da wurde noch ein Blatt über ihn gefun­den« und der Autor ergänzt: »Ob bri­sant, dazu wur­den keine Anga­ben gemacht«. Wenn es sein muß, wie vor eini­gen Mona­ten in Bre­men, wird täg­lich neu gegen »Schein-Asylanten« gehetzt. Sexu­al­straf­tä­tern wird kon­se­quent das Mensch-Sein abge­spro­chen; sie sind »Mons­ter«, deren Leben »im Knast schö­ner« wird, »bei­nahe wie im Hotel«. Die Leser ver­ste­hen, ohne daß »Bild« es hin­schrei­ben müßte: Ihre Zei­tung kämpft täg­lich für die Todes­strafe für Kin­der­schän­der und –mörder.

Nein, neu ist das alles nicht. Das ist es ja: Im Kern ist die »Bild«-Zeitung die alte. Ein ent­setz­li­ches, men­schen­ver­ach­ten­des Blatt.

Bit­ter daran, daß dies von wei­ten Tei­len der ver­öf­fent­lich­ten Mei­nung nicht mehr so gese­hen wird, ist auch, daß es Kai Diek­mann ermun­tert, ein Bild von sei­ner Arbeit und sei­ner Zei­tung zu zeich­nen, das höchs­tens in einem Sprin­ger­schen Par­al­lel­uni­ver­sum Berüh­rungs­punkte zu dem hat, was täg­lich nach­zu­le­sen ist. Der Mann, des­sen Zei­tung vom Pres­se­rat immer wie­der wegen der immer glei­chen Ver­stöße gerügt wird, die­ser Mann sagt gegen­über der Katho­li­schen Nach­rich­ten­agen­tur: Die Gren­zen des Bou­le­vards seien dort, »wo Men­schen ver­letzt wer­den könn­ten« — daher messe sich die Zei­tung regel­mä­ßig an den jour­na­lis­ti­schen Leit­li­nien des Deut­schen Pres­se­rats. Mes­sen schon, nur ver­fehlt sie sie regelmäßig.

Der »Frank­fur­ter Rund­schau« erzählt Diek­mann: »Ich bin ein Strei­ter für jour­na­lis­ti­sche Sorg­falt, gegen die Ver­lu­de­rung der Sit­ten.« Jeder Repor­ter müsse selbst ent­schei­den, wo die Gren­zen sind, aber er sage ihnen: »,Lie­ber haben wir drei­mal das Bild nicht, als daß wir den Ange­hö­ri­gen der Opfer zu nahe tre­ten.‹ Schließ­lich sind das Men­schen, die ohne eige­nes Zutun ins Licht der Öffent­lich­keit gerückt sind.« Das ist ein Satz, der so atem­be­rau­bend ist, daß er in jedes Schul­buch gehört. Und dane­ben der »Bild«-Artikel samt Foto von dem Mau­rer, der in sei­nem Dach­stuhl ver­brannt ist. Oder der »Bild«-Artikel samt Foto von dem drei­zehn­jäh­ri­gen Unfall­op­fer: »Tot, weil er eine Sekunde nicht auf­ge­paßt hat«. Oder der »Bild«-Artikel samt Foto von dem Vize­bür­ger­meis­ter, der sich »in Pfütze tot­ge­fah­ren« hat. Oder der »Bild«-Artikel samt Foto von dem Acht­zehn­jäh­ri­gen, der nach einem Unfall auf regen­nas­ser Straße im Auto sei­nes bes­ten Freun­des starb.

Dann sagt Kai Diek­mann der »Frank­fur­ter Rund­schau« noch dies: »Ganz im Ernst: Wer wirk­lich pri­vat sein will, kann das selbst­ver­ständ­lich sein. Es gibt Men­schen, Poli­ti­ker, die set­zen bewußt ihre Fami­lie ein. Und andere, wie Gün­ther Jauch oder Harald Schmidt, tun’s nicht. Die haben unbe­ding­ten Anspruch auf Schutz ihrer Pri­vat­sphäre.« Wirk­lich pri­vat wollte, nach eige­nen Anga­ben, Alfred Bio­lek mit sei­nem Part­ner sein. Kai Diek­manns »Bild«-Zeitung gewährte ihm diese Ehre nicht. Zwei Tage lang zele­brierte sie eine Home-Story, die auch noch den Ein­druck erweckte, sie sei von Bio­lek selbst initi­iert. Wirk­lich pri­vat wollte auch Anke S. sein, die Geliebte des Ehe­manns von Uschi Glas. Anders als die »Luder«-Fraktion wollte sie ent­schie­den nicht in die Presse, ging gegen die Ver­öf­fent­li­chung ihrer Bil­der vor, doch im Februar gab es Zei­ten, in denen sie Tag für Tag auf der ers­ten Seite der »Bild«-Zeitung nackt abge­bil­det war, einen schwar­zen Bal­ken nicht über den Augen, son­dern ihrem Busen, als wäre der das Merk­mal, an dem sie zu erken­nen wäre. Bio­lek und Anke S. gehen juris­tisch gegen die »Bild«-Zeitung vor, wie Hun­derte Pro­mi­nente vor ihnen. Einige bekom­men vor Gericht recht, die meis­ten eini­gen sich irgend­wie mit der Zei­tung, weil Recht eine Sache ist, die Feind­schaft der »Bild«-Zeitung eine andere.

Selbst einige von jenen, denen die »Bild«-Zeitung übel mit­ge­spielt hat, haben ihre Ein­wil­li­gung gege­ben, daß der Ver­lag ihr Foto für die Jubiläums-Kampagne benut­zen darf, die auf geschickte Weise offen­läßt, ob »Bild« ihnen dankt oder sie »Bild« dan­ken. Öffent­lich nicht mit­fei­ern wol­len nur die Wall­raffs die­ser Welt, die man leicht als Ewig­gest­rige, Mie­se­pe­ter, Spiel­ver­der­ber dar­stel­len kann. Ach, und viel­leicht der ein oder andere Mensch, des­sen pri­va­tes Unglück so ungleich uner­träg­li­cher dadurch wurde, daß die »Bild«-Zeitung davon lebt, es der gan­zen Nation zu zeigen.

Wo Kai Diekmann arbeitet, werden Fehler gemacht

»Bild«-Chefredakteur Kai Diek­mann beherrscht eine Art Zau­ber­trick. Sein Standard-Vortrag, mit dem er vor eini­gen Jah­ren vor ihm gewo­ge­ne­ren Zuschau­ern auf­trat, war in wei­ten Tei­len ein Appell zur Selbst­kri­tik. Er sagte darin Sätze wie: »Beim Bou­le­vard ist Hal­tung und der Mut, Feh­ler ein­zu­ge­ste­hen, beson­ders wich­tig.« Er zählte dann viele, viele Feh­ler auf. Kein ein­zi­ger war von ihm.

Und wer nicht genau auf­ge­passt hat, ging mit dem Gefühl nach Hause, dass die­ser Diek­mann ein wirk­lich vor­bild­lich selbst­kri­ti­scher Jour­na­list ist, ohne dass er es tat­säch­lich sein musste.

Das habe ich vor zwei­ein­halb Jah­ren geschrie­ben, aber das kann man ja immer wie­der schrei­ben. Man kann alles immer wie­der schreiben.

Der Bran­chen­dienst turi2 stellt heute ein aktu­el­les Zitat von Diek­mann heraus:

»Wo gear­bei­tet wird, wer­den Feh­ler gemacht. Das heißt aber nicht, dass da, wo mit gro­ßen Buch­sta­ben gear­bei­tet wird, zwangs­läu­fig die Feh­ler grö­ßer sind.«

Es stammt aus einem Inter­view mit dem MDR und war Diek­manns Schein-Antwort auf die Frage: »Gibt es Ent­schei­dun­gen, die Sie am Ende bereut haben? Wo Sie gesagt haben, okay, das hätte in unse­rer Zei­tung so nicht ste­hen dürfen?«

Er nannte natür­lich kein Bei­spiel. Die alte Masche funk­tio­niert also immer noch. Er muss sie nicht ein­mal variieren.

»Wo gear­bei­tet wird, wer­den Feh­ler gemacht. Das heißt aber nicht: Wer mit beson­ders gro­ßen Buch­sta­ben arbei­tet, macht des­halb auch grö­ßere Feh­ler als andere. Wenn Feh­ler gemacht wer­den, muss man dazu aber auch stehen.«

(Kai Diek­mann, Juni 2012, im Inter­view mit dpa.)

»Dort, wo gear­bei­tet wird, wer­den auch Feh­ler gemacht. Das gilt für ›Bild‹ genauso wie für alle ande­ren Zei­tun­gen und Medien. Feh­ler bei ›Bild‹ sind aller­dings oft beson­ders auf­fäl­lig, weil wir mit so gro­ßen Buch­sta­ben arbeiten.«

(Kai Diek­mann, März 2012, im Inter­view mit »Die Presse«.)

»Wo gear­bei­tet wird, wer­den Feh­ler gemacht. Macht ›Bild‹ mal einen Feh­ler, ist es gleich eine bös­ar­tige Kam­pa­gne, wenn nicht gleich eine Fäl­schung. Feh­ler pas­sie­ren allen.«

(Kai Diek­mann, 2006, in einem Vor­trag über den »Erfolg der Marke ›Bild‹«.)

»Wo gear­bei­tet wird, wer­den Feh­ler gemacht, lei­der. Große Buch­sta­ben bedeu­ten aber nicht große Fehler.«

(Kai Diek­mann, 2005, im Inter­view mit Maria Elle­bracht und Kat­rin Zeug für das »Trend­buch Journalismus«.)

Wo gear­bei­tet wird, da wer­den Feh­ler gemacht. Das heißt nicht, daß wo mit beson­ders gro­ßen Buch­sta­ben gear­bei­tet wird, des­halb auch beson­ders große Feh­ler gemacht würden.

(Kai Diek­mann, 2004, in einem Brief an seine Mitarbeiter.)

»Wo gear­bei­tet wird, wer­den Feh­ler gemacht.«

(Kai Diek­mann, 2001, im Inter­view mit dem »Spiegel«.)

Ich kann ver­ste­hen, wenn Kai Diek­mann sich lang­weilt.

Perpetuum Mobile

Am ver­gan­ge­nen Mon­tag, 2. Januar, berich­tete »Spie­gel Online« exklu­siv:

Nach Infor­ma­tio­nen von SPIEGEL ONLINE tele­fo­nierte Wulff auch mit dem Vor­stands­vor­sit­zen­den der Sprin­ger AG, Mathias Döpf­ner, um die­sen zu bit­ten, bei Diek­mann Ein­fluss zu neh­men. Doch der Kon­zern­chef, in des­sen Haus die »Bild« erscheint, soll ihm in knap­per Form beschie­den haben, sich nicht in die Belange der Redak­tion ein­mi­schen zu wollen.

Der Springer-Verlag ant­wor­tete zunächst nicht auf eine Anfrage von SPIEGEL ONLINE, ob es ein Tele­fo­nat mit Döpf­ner gab. Am Nach­mit­tag bestä­tigte dann der Ver­lag den Gesprächs­ver­such Wulffs mit dem Vorstandschef.

Was danach geschah:

dapd, 2. Januar, 16:14:

Wulff inter­ve­nierte auch bei Springer-Chef Döpf­ner wegen Artikel

(…) Wulff habe neben dem Chef­re­dak­teur der »Bild«-Zeitung, Kai Diek­mann, auch beim Vor­stands­vor­sit­zen­den der Axel Sprin­ger AG, Mathias Döpf­ner, inter­ve­niert, sagte ein Spre­cher des Kon­zerns am Mon­tag der Nach­rich­ten­agen­tur dapd.

Er bestä­tigte damit einen Bericht von »Spie­gel Online«. (…)

epd, 2. Januar, 16:16:

»Süd­deut­sche Zei­tung«: Wulff rief auch bei Springer-Chef Döpf­ner an

Mün­chen (epd). Bun­des­prä­si­dent Chris­tian Wulff hat nach Infor­ma­tio­nen der »Süd­deut­schen Zei­tung« auch mit einem Anruf beim Vor­stands­vor­sit­zen­den des Springer-Verlages, Mathias Döpf­ner, ver­sucht, die Bericht­er­stat­tung der »Bild«-Zeitung über die Finan­zie­rung sei­nes Pri­vat­hau­ses zu ver­hin­dern. »Es ist kor­rekt, dass der Bun­des­prä­si­dent auch Mathias Döpf­ner in die­ser Ange­le­gen­heit ange­ru­fen hat und es ist auch kor­rekt, dass Herr Döpf­ner auf die Unab­hän­gig­keit der Redak­tion hin­ge­wie­sen hat«, heiße es in einer schrift­li­chen Stel­lung­nahme des Ver­la­ges, aus der die »Süd­deut­sche Zei­tung« in ihrer Diens­tags­aus­gabe zitiert. (…)

dpa, 2. Januar, 17:39:

Wulff wollte »Bild«-Bericht ver­hin­dern — Kri­tik und Protest

(…) Wie die »Bild«-Zeitung am Mon­tag bestä­tigte, ver­suchte Wulff per­sön­lich, die erste Ver­öf­fent­li­chung von Recher­chen zur Finan­zie­rung sei­nes Pri­vat­hau­ses zu ver­hin­dern. Bei »Bild«- Chef­re­dak­teur Kai Diek­mann habe er mit straf­recht­li­chen Kon­se­quen­zen für den ver­ant­wort­li­chen Redak­teur gedroht. Auch bei Springer-Chef Mathias Döpf­ner inter­ve­nierte Wulff erfolg­los. Das bestä­tigte der Verlag. (…)

dpa, 3. Januar, 15:37:

Der öffent­li­che Druck auf Wulff wird stärker

Ber­lin (dpa) — Wegen eines umstrit­te­nen Kre­dits und sei­nes Umgangs mit den Medien gerät Bun­des­prä­si­dent Chris­tian Wulff immer mehr unter Druck. Ein Rückblick:

12. Dezem­ber 2011: Bun­des­prä­si­dent Wulff besucht die Golf­re­gion und ver­sucht, »Bild«-Chefredakteur Kai Diek­mann zu errei­chen, um die Ver­öf­fent­li­chung von Recher­chen zur Finan­zie­rung sei­nes Pri­vat­hau­ses zu ver­hin­dern. Bei Springer-Chef Mathias Döpf­ner ruft er eben­falls an — und laut einem Bericht auch bei Springer-Mehrheitsaktionärin Friede Springer. (…)

epd, 4. Januar, 8:47:

(…) Seit­dem nach dem Jah­res­wech­sel öffent­lich wurde, dass der Bun­des­prä­si­dent »Bild«-Chefredakteur Kai Diek­mann sowie Springer-Vorstandschef Mathias Döpf­ner ange­ru­fen hatte, um Bericht­er­stat­tung über den Kre­dit zu ver­hin­dern, ver­schärfte sich der öffent­li­che Druck auf Wulff noch ein­mal deutlich. (…)

dpa, 4. Januar, 18:56:

Bun­des­prä­si­dent Chris­tian Wulff hat ARD und ZDF am Mitt­woch ein Inter­view gegeben. (…)

Ulrich Dep­pen­dorf: »Jetzt kom­men wir mal zu den Kri­tik­punk­ten, die Ihnen vor­ge­wor­fen wer­den. Sie sind in den letz­ten Tagen beson­ders in die Kri­tik gera­ten wegen der Anrufe bei dem Chef­re­dak­teur der »Bild«-Zeitung, Kai Diek­mann, und bei dem Vor­stands­vor­sit­zen­den des Springer-Konzerns, Herrn Döpf­ner. Ihnen wird Ver­let­zung des Grund­rechts der Pres­se­frei­heit vor­ge­wor­fen. Sie sol­len auf dem Band beide Her­ren bedroht haben. Sie spre­chen von Krieg füh­ren, vom end­gül­ti­gen Bruch. (…)«

epd, 5. Januar, 8:57:

(…) Seit­dem nach dem Jah­res­wech­sel Wulffs Anrufe bei Diek­mann sowie Springer-Vorstandschef Mathias Döpf­ner bekannt­ge­wor­den waren, hatte sich der öffent­li­che Druck auf den Prä­si­den­ten noch ein­mal deut­lich erhöht. (…)

dpa, 6. Januar, 15:20

»Bild« con­tra Wulff — ein Rückblick

Ber­lin (dpa) — Es war ein Bericht der »Bild«-Zeitung, der Bun­des­prä­si­dent Chris­tian Wulff Mitte Dezem­ber in Erklä­rungs­not brachte. Jetzt strei­ten beide über einen omi­nö­sen Tele­fon­an­ruf. Ein Rückblick:

12. Dezem­ber 2011: Bun­des­prä­si­dent Wulff besucht die Golf­re­gion und ver­sucht, »Bild«-Chefredakteur Kai Diek­mann zu errei­chen, um die Ver­öf­fent­li­chung von Recher­chen zur Finan­zie­rung sei­nes Pri­vat­hau­ses zu ver­hin­dern. Bei Springer-Chef Mathias Döpf­ner ruft er ebenso an. (…)

Reu­ters, 7. Januar, 17:58:

Spie­gel — Wulff soll auch Springer-Chef Döpf­ner gedroht haben

Ber­lin, 07. Jan (Reu­ters) — Bun­des­prä­si­dent Chris­tian Wulff soll einem Medi­en­be­richt zufolge neben dem »Bild«-Chefredakteur auch Springer-Verlagschef Mathias Döpf­ner mit schar­fen Wor­ten gedroht haben, um die Ver­öf­fent­li­chung eines Berichts über seine Kre­ditaf­färe zu verhindern. (…)

dapd, 7. Januar, 18:08:

Spie­gel: Wulff soll auch Springer-Chef Döpf­ner gedroht haben

Ber­lin (dapd). Bun­des­prä­si­dent Chris­tian Wulff soll auch Springer-Vorstandschef Mathias Döpf­ner gedroht haben. (…)

dpa, 7. Januar, 18:34:

»Spie­gel«: Wulff soll auch Döpf­ner gedroht haben

Ber­lin (dpa) — In der Affäre um einen Anruf von Bun­des­prä­si­dent Chris­tian Wulff beim Chef­re­dak­teur der »Bild«-Zeitung, Kai Diek­mann, kom­men wei­tere Details ans Licht. Nach Infor­ma­tio­nen des Nachrichten-Magazins »Der Spie­gel« soll Wulff dem Vor­stands­vor­sit­zen­den des Springer-Verlags, Mathias Döpf­ner, mit ähn­li­chen Wor­ten gedroht haben wie dem »Bild«-Chef. Eine Stel­lung­nahme des Prä­si­di­al­am­tes war am Sams­tag­abend zunächst nicht zu erhal­ten, ebenso wenig vom Springer-Verlag. (…)

dpa, 7. Januar, 19:22

Sprin­ger bestä­tigt Bericht über Wulff-Drohung bei Döpfner

Ber­lin (dpa) — Der Springer-Verlag hat einen Medi­en­be­richt bestä­tigt, dem­zu­folge Bun­des­prä­si­dent Chris­tian Wulff in der Kre­ditaf­färe auch Ver­lags­chef Mathias Döpf­ner gedroht haben soll. »Wir kön­nen die Dar­stel­lung des »Spie­gels« bestä­ti­gen, wol­len das aber nicht wei­ter kom­men­tie­ren«, sagte der für die »Bild«-Zeitung zustän­dige Spre­cher Tobias Fröh­lich am Sams­tag­abend auf Anfrage. (…)

dapd, 7. Januar, 19:36:

Wulff soll auch Springer-Chef Döpf­ner gedroht haben
(Neu: Bestä­ti­gung Verlagssprecher) (…)

»Spie­gel Online«, aktuell:

Gratiskultur Print

In den zehn Jah­ren, die Kai Diek­mann Chef­re­dak­teur der »Bild«-Zeitung ist, ist die Auf­lage um fast ein Drit­tel zurück­ge­gan­gen. Täg­lich wer­den heute fast ein­ein­halb Mil­lio­nen »Bild«-Exemplare weni­ger ver­kauft als 2001; in die­sem Win­ter wird die durch­schnitt­li­che Auf­lage wohl unter drei Mil­lio­nen sinken.

Kai Diek­mann sagt, andere Zei­tun­gen ver­lö­ren auch an Auf­lage, bei dem Schnee gin­gen die Men­schen nicht zum Kiosk, andere Medien mach­ten heute viel mehr Bou­le­vard als frü­her, vor allem aber: Auf­grund des erhöh­ten Ver­kaufs­prei­ses erlöse »Bild« auch mit der nied­ri­ge­ren Auf­lage mehr Geld als früher.

Und dann erklärt er im gro­ßen »Focus«-Interview die Zahl der ver­kauf­ten Exem­plare für weit­ge­hend irrelevant:

Die 3-Millionen-Grenze halte ich aber ohne­hin für eine Schi­märe. Wich­tig für Anzei­gen­kun­den ist vor allem unsere Reich­weite, und »Bild« hat laut Media-Analyse 12,53 Mil­lio­nen Leser — fast der höchste Wert ihrer Geschichte.

Es stimmt: Wäh­rend die Zahl der Käu­fer kon­ti­nu­ier­lich sinkt, pen­delt die täg­li­che Leser­zahl, wie sie die »Media Ana­lyse« auf­grund von Umfra­gen regel­mä­ßig ermit­telt, seit Jah­ren um die zwölf Millionen:

Eine Erklä­rung für die erstaun­li­che Schere wäre, dass die Werte der »Media Ana­lyse« ein­fach nicht ver­läss­lich die tat­säch­li­che Zahl der Leser eines Medi­ums ange­ben. Viel­leicht ver­fälscht die starke Prä­senz der Marke »Bild« im deut­schen All­tags­le­ben die Ant­wor­ten der Menschen.

Die Daten der »Media Ana­lyse«, die von Medien und Wer­be­wirt­schaft als Wäh­rung behan­delt wer­den, sind häu­fi­ger selt­sam. Ein ein­drucks­vol­les Bei­spiel ist die Onanier-Zeitschrift »Coupé«: Der sind zwi­schen 2004 und 2008 drei Vier­tel der Käu­fer ver­lo­ren gegan­gen. Laut »Media Ana­lyse« schrumpfte die Leser­zahl in die­sem Zeit­raum aber nur um rund ein Vier­tel. 2008 müsste nach die­sen Wer­ten jede Aus­gabe von »Coupé« durch zehn bis 13 Paar Hände gegan­gen sein, was man sich wirk­lich nicht vor­stel­len möchte.

Aber neh­men wir ein­mal an, die Reich­weite, die die »Media Ana­lyse« ermit­telt hat, stimmt, und die »Bild«-Zeitung wird täg­lich von über 12 Mil­lio­nen Men­schen gele­sen. Das würde bedeu­ten, dass jeder, der sich eine Aus­gabe kauft, sie im Schnitt an drei andere Leute wei­ter­gibt — was ange­sichts der in Kan­ti­nen oder Zügen her­um­flie­gen­den Exem­plare nicht völ­lig undenk­bar ist.

Anders gesagt: Jeden Tag lesen neun Mil­lio­nen Men­schen die »Bild«-Zeitung, ohne dafür zu bezah­len, Ten­denz seit Jah­ren stei­gend. Ihre Zahl ist drei­mal so hoch wie die der­je­ni­gen, die brav für das Blatt zahlen.

Man muss diese Leute nicht gleich Raub­ko­pie­rer nen­nen, um fest­zu­stel­len: In der Print­welt hat sich eine gewal­tige Kos­ten­lo­skul­tur ent­wi­ckelt. Mas­sen von Men­schen glau­ben, für Zei­tun­gen nicht zah­len zu müs­sen, und nut­zen sie skru­pel­los Tag für Tag umsonst — ohne sich zu fra­gen, wovon der Bauer denn leben soll, wenn der Super­markt seine But­ter ver­schenkt.

Und die Ver­lage stö­ren sich nicht daran, son­dern sind auch noch stolz dar­auf. Je häu­fi­ger die »Bild«-Zeitung wei­ter­ge­reicht wird, desto mehr Geld kön­nen sie von den Anzei­ge­kun­den verlangen.

In Wahr­heit haben die Mathias Döpf­ners die­ses Lan­des trotz des gan­zen Geheu­les, dass Leis­tung hono­riert wer­den müsse, kein Pro­blem mit Men­schen, die ihre Medien nut­zen, ohne dafür zu bezah­len. Sie ver­die­nen auch an die­sen Men­schen, weil sie deren Auf­merk­sam­keit an die Wer­be­kun­den wei­ter­ver­kau­fen können.

Die Mathias Döpf­ners die­ses Lan­des haben nur im Inter­net ein Pro­blem mit nicht-zahlenden Lesern, weil die Wer­be­er­löse dort so nied­rig sind, dass sich höhere Leser­zah­len nicht ent­spre­chend loh­nen. Des­halb sol­len an vie­len Stel­len die Bezahl­schran­ken her­un­ter­ge­las­sen wer­den: Die Leser sol­len mit Ver­triebs­er­lö­sen das aus­glei­chen, was an Wer­be­er­lö­sen fehlt.

Mit der angeb­li­chen Gra­tis­kul­tur im Inter­net hat das unge­fähr nichts zu tun.

Die Methode Diekmann

»Was sagen Sie zu Katha­rina Blum«, fragt eine Frau aus dem Publi­kum spitz, als hätte Hein­rich Böll seine Erzäh­lung über eine fik­tive große deut­sche Bou­le­vard­zei­tung, die mit ihrer Bericht­er­stat­tung eine Frau zur Mör­de­rin wer­den lässt, gerade erst ver­öf­fent­licht. Kai Diek­mann, Chef der rea­len gro­ßen deut­schen Bou­le­vard­zei­tung, im blauen samt­ar­ti­gen Anzug mit rosa Hemd ohne Kra­watte, ist nicht beein­druckt. »Ich weiß nicht, wann Sie das Buch zum letz­ten Mal gele­sen haben«, fragt er in die Runde ein­fluss­rei­cher Ham­bur­ger Kauf­leute, denen er gerade den »Erfolg der Marke BILD« erklärt hat. »Ich habe es vor zwei Jah­ren getan.« Und er müsse sagen: Immer­hin habe Katha­rina Blum ja einen Ter­ro­ris­ten ver­steckt! »Ich kann bis heute nicht ver­ste­hen, was falsch daran sein soll, dass man sich mit einer sol­chen Figur publi­zis­tisch beschäf­tigt.« Er halte die geschil­der­ten jour­na­lis­ti­schen Metho­den für »völ­lig zulässig«.

Die Ant­wort ist typisch für Kai Diek­mann: Sie ist nicht grüb­le­risch und defen­siv, son­dern selbst­be­wusst und angriffs­lus­tig, über­ra­schend, unter­halt­sam und beim Publi­kum erfolgreich.

Und falsch. Denn der Mann, den Katha­rina Blum ver­steckt, ist kein Ter­ro­rist. Er wird nur ver­däch­tigt, einer zu sein. Für alle, die den Unter­schied nicht ver­ste­hen, hat Böll in einem Nach­wort spä­ter hin­zu­ge­fügt: »Es gibt in die­ser Erzäh­lung kei­nen ein­zi­gen Ter­ro­ris­ten.« Was es aller­dings gibt, in sei­ner Erzäh­lung, ist ein Repor­ter, der Tat­sa­chen erfin­det und ver­dreht, der lügt und ver­leum­det, der der Blum vor­schlägt, »dass wir jetzt erst ein­mal bum­sen«, und ihre Mut­ter sehen­den Auges in den Tod treibt.

Ver­mut­lich sollte man Kai Diek­mann also in sei­nem eige­nen Inter­esse nicht glau­ben, wenn er sagt, dass er an die­sen, nun ja: fik­ti­ven Recher­che­me­tho­den nichts aus­zu­set­zen habe. Sicher hat er das nur gesagt, weil es in die­sem Moment die ein­drucks­vollste Ant­wort war. Da unter­schei­det sich der Chef­re­dak­teur nicht von sei­ner Zei­tung, die auch die Wahr­heit im Zwei­fels­fall so opti­miert, dass sie kurz­fris­tig beson­ders ein­drucks­voll wirkt.

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Die Epi­sode ist aus dem Jahr 2006. Sie stammt aus einem län­ge­ren Text über Kai Diek­mann, den ich im Auf­trag des »SZ-Magazins« geschrie­ben habe, das ihn dann aber nicht dru­cken wollte.

Heute kommt mir das unver­öf­fent­lichte Stück von damals merk­wür­dig aktu­ell vor. Denn die Methode des »Bild«-Chefredakteurs, die ich darin zu beschrei­ben ver­su­che, hat er in den ver­gan­ge­nen 99 Tagen in sei­nem Blog, das er am Mitt­woch wie­der abschal­ten will, auf die Spitze getrieben.

Damals fragte ich mich, ob das viel­leicht eine Berufs­krank­heit ist: Viel­leicht lässt einen die Macht, die man als »Bild«-Chef täg­lich erlebt und demons­triert, grö­ßen­wahn­sin­nig wer­den. Viel­leicht ver­liert man im täg­li­chen Spiel mit Halb– und Vier­tel­wahr­hei­ten irgend­wann den Über­blick. Viel­leicht muss der Chef­re­dak­teur einer Zei­tung, die einen Poli­ti­ker angreift, weil er angeb­lich »Geld mit ›tabu­lo­sen Girls‹ macht«, und auf der­sel­ben Seite eine drei­stel­lige Zahl von Anzei­gen von tabu­lo­sen Girls druckt, zu einem gewis­sen Grad schi­zo­phren wer­den. Kai Diek­mann sagt, »nur Mora­lis­ten kön­nen gute Jour­na­lis­ten sein«.

Heute würde ich Diek­manns Schi­zo­phre­nie nicht mehr als »Berufs­krank­heit« bezeich­nen. Sie ist sein Erfolgsrezept.

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Screen­shot: kaidiekmann.de

Im Jour­na­lis­mus gilt im Zwei­fels­fall die alte Kobold-Regel: Was sich reimt, ist gut. Und weil Kai Diek­mann seine Kri­tik an der »Süd­deut­schen Zei­tung« und der Jury des »Medium Maga­zin« in sei­nem Blog in Form einer Büt­ten­rede vor­trug, ging eine kleine La-Ola-Welle durch die Fach­presse. Fazi­niert doku­men­tier­ten »Mee­dia«, »Turi2«, »DWDL«, und »w&v« die Rede im Wort­laut, und kei­ner fragte, ob das über­haupt stimmt, was er sich da zusammenreimt.

Es ging um die Frage, auf wes­sen Konto die wich­ti­gere Ent­hül­lung über den Ein­satz der Bun­des­wehr gegen die von den Tali­ban ent­führ­ten Tank­last­züge in Kun­dus ging: »Bild« oder die »Süd­deut­sche Zei­tung«. Das ist eine Frage, die außer­halb der klei­nen Jour­na­lis­ten­welt nur wenige inter­es­siert. Aber Kai Diek­mann hätte gerne, dass sein Blatt neu­er­dings als Ort für inves­ti­ga­tive Recher­che respek­tiert wird. Dabei geht es nicht nur um die Aus­zeich­nung »Jour­na­list des Jah­res« des »Medium Maga­zins«, son­dern auch um den »Henri-Nannen-Preis«, den der »Stern« und Gruner+Jahr im Mai wie­der ver­ge­ben — und nach Mög­lich­keit nicht an »Bild« ver­ge­ben möch­ten. Hin­ter den Kulis­sen geht es da wohl schon rund.

Jeden­falls beschloss das »Medium Maga­zin«, in Sachen Kun­dus einen »Son­der­preis für poli­ti­sche Bericht­er­stat­tung« zu ver­ge­ben. An Ste­fan Kor­ne­lius, weil er in der »Süd­deut­schen Zei­tung« am 12. Dezem­ber 2009 ent­schei­dende Details des »Schlüs­sel­do­ku­ments in der Auf­klä­rung des Bombardement-Befehls in Kundus/Afghanistan« öffent­lich gemacht habe: dass der Angriff laut dem gehei­men Bericht von ISAF-Kommandeur Stan­ley McChrys­tal nicht den Fahr­zeu­gen galt, son­dern den Menschen.

Diek­mann kotzte. Sei­ner Mei­nung nach hätte die »Bild«-Zeitung die­sen Preis ver­dient, weil sie (als Teil einer PR-Kampagne für den neuen Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Karl-Theodor zu Gut­ten­berg) zwei Wochen zuvor Details aus einem ande­ren Bericht öffent­lich gemacht hatte, die zu meh­re­ren pro­mi­nen­ten Rück­trit­ten führ­ten. »Bild« ent­hüllte auf der Grund­lage eines Feld­jä­ger­be­rich­tes, dass Oberst Georg Klein vor dem Befehl zum Angriff zivile Opfer nicht aus­schlie­ßen konnte und Infor­ma­tio­nen über sol­che Opfer früh­zei­tig vorlagen.

Nun kann man dar­über strei­ten, wel­che der bei­den Zei­tun­gen damit den grö­ße­ren, den wich­ti­ge­ren Bei­trag zur Auf­klä­rung über den kon­kre­ten Angriff und die Natur des Bundeswehr-Einsatzes ins­ge­samt geleis­tet hat. Unbe­streit­bar ist aller­dings, dass das, was Kor­ne­lius in der SZ berich­tete, eine Neu­ig­keit war, die er aus »Bild« schon des­halb nicht abschrei­ben konnte, weil sie nicht in »Bild« stand.

Genau diese Lüge aber ver­brei­tet Diek­mann in sei­ner Büt­ten­rede:

Denn die Recher­che war echt schwer.
Zum Kiosk hin in München-Mitte
»Ein­mal die Bild — doch heim­lich, bitte« (…)

So wurde aus der Bild-Geschichte,
Gewinn für Münch­ner Leicht­ge­wichte.
Doch trotz der Kränze, Freu­den­mär­sche
Ein Makel haf­tet der Recher­che:
Denn für die Infos floss a Geld
An irgend­ei­nen Kiosk-Held.
Denn für die Bild, da muss man ble­chen
Will man kopie­ren, kos­tets Zechen.

Dass das eine Ver­leum­dung ist, hat aber kei­nen inter­es­siert. Viel wich­ti­ger ist doch: Geil. Der Diek­mann. Reimt. Höhö.

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Als Kai Diek­mann mit dem Blog­gen begann, habe ich mich gefragt, was wohl der Aus­lö­ser für ihn war, plötz­lich zum Selbst­dar­stel­ler zu wer­den. In den Jah­ren zuvor hatte er sich nicht in die Öffent­lich­keit gedrängt, im Gegen­teil. Er ist nicht durch die Talk­shows getin­gelt, ging nur ein­mal in eine Gesprächs­sen­dung des SWR, deren Mode­ra­to­rin Bir­gitta Weber sich gleich meh­rere Schich­ten Samt­hand­schuhe über­ein­an­der ange­zo­gen hatte. Er mied Auf­tritte, bei denen mit allzu kri­ti­schen Fra­gen zu rech­nen war. Nach einer Podi­ums­dis­kus­sion beim öku­me­ni­schen Kir­chen­tag 2003, bei der das Publi­kum nicht auf sei­ner Seite war, soll er diese Ent­schei­dung gefällt und gesagt haben: »Wenn ich da keine Chance habe, mache ich das nicht mehr.«

Die Kon­fron­ta­tion mei­det er nach wie vor. Alle Anfra­gen, öffent­lich mit jeman­dem von BILD­blog zu dis­ku­tie­ren, lehnt er immer noch ab. Aber mit einem Mal tourt er durch die Medien, wird schein­bar zum Show­mann, den man fast mit sei­nem lang­jäh­ri­gen Freund Die­ter Boh­len ver­wech­seln könnte. Was ist da passiert?

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Womög­lich nicht viel. Viel­leicht ist es gar nicht erstaun­lich, dass Diek­mann plötz­lich eine Unter­hal­tungs­of­fen­sive als Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stra­te­gie für sich ent­deckte. Viel­leicht ist das Erstaun­li­che, dass er so lange dafür gebraucht hat.

In gewis­ser Weise hat sich mit dem Diek­blog ein Kreis geschlos­sen. Als wir vor fünf­ein­halb Jah­ren mit BILD­blog anfin­gen, wehr­ten wir uns vor allem gegen die weit ver­brei­tete Hal­tung, die »Bild«-Zeitung als »lus­ti­ges Quatsch­blatt« zu lesen; zu sagen: Hey, das ist doch lus­tig, ist doch egal, ob das stimmt, geile Über­schrift jeden­falls. Man amü­sierte sich auf einer iro­ni­schen Meta­ebene mit »Bild« und über­sah dabei die Fol­gen ihrer jour­na­lis­ti­schen Feh­ler, die ethi­schen Abgründe und die Opfer, die »Bild« produzierte.

Genau diese Hal­tung hat sich Diek­mann mit sei­nem Blog wie­der zunutze gemacht. Er hat gemerkt, dass es eine viel bes­sere Mög­lich­keit gibt, sich kri­ti­schen Nach­fra­gen zu ent­zie­hen, als sich hin­ter der Schwei­ge­mauer der Springer-Pressestelle zu ver­ste­cken: näm­lich die Jour­na­lis­ten durch Unter­halt­sam­keit und Unbe­re­chen­bar­keit von den Inhal­ten abzulenken.

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Diek­mann beherrscht eine Art Zau­ber­trick. Sein Standard-Vortrag, mit dem er vor drei Jah­ren vor ihm gewo­ge­ne­ren Zuschau­ern auf­trat, war in wei­ten Tei­len ein Appell zur Selbst­kri­tik. Er sagte darin Sätze wie: »Beim Bou­le­vard ist Hal­tung und der Mut, Feh­ler ein­zu­ge­ste­hen, beson­ders wich­tig.« Er zählte dann viele, viele Feh­ler auf. Kein ein­zi­ger war von ihm.

Und wer nicht genau auf­ge­passt hat, ging mit dem Gefühl nach Hause, dass die­ser Diek­mann ein wirk­lich vor­bild­lich selbst­kri­ti­scher Jour­na­list ist, ohne dass er es tat­säch­lich sein musste.

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Ich habe bis heute nicht ver­stan­den, warum so viele Kol­le­gen mei­nen, Diek­manns Blog sei »selbst­iro­nisch«. Ja, gele­gent­lich demons­triert er eine gut­ge­launte Dis­tanz zu sich selbst, und manch­mal kari­kiert er auch die Kari­ka­tur, die seine Kri­ti­ker von ihm zeich­nen. Aber das waren nur Spu­ren­ele­mente und Ablen­kun­gen in einem Blog, das im Wesent­li­chen dazu diente, mit sei­nen Geg­nern abzu­rech­nen. Man muss schon sehr geblen­det sein von der bun­ten, fröh­li­chen, spie­le­ri­schen Ober­flä­che des Gan­zen (und dem unbe­streit­ba­ren Charme sei­nes Namens­ge­bers), um hin­ter der Fas­sade einen locke­ren Spaß­ma­cher zu sehen und nicht einen rach­süch­ti­gen Mann mit Macht, der min­des­tens fünf­stel­lige Rechts­kos­ten in Kauf nimmt und neh­men kann, um seine Geg­ner anzugreifen.

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So funk­tio­niert Jour­na­lis­mus heute, und natür­lich nicht nur in die­sem Fall: Poli­tik wird von den Mas­sen­me­dien vor allem als Sym­pa­thie– und Schönheits-Wettbewerb wahr­ge­nom­men und insze­niert (die Über­hö­hung Gut­ten­bergs ist gutes Bei­spiel). Ganz ähn­lich redu­zie­ren die klas­si­schen Medien die Aus­ein­an­der­set­zun­gen, die Diek­mann in sei­nem Blog ange­zet­telt hat, auf Box­kämpfe, bei denen sie ihre Auf­gabe darin sehen, die Tref­fer zu zäh­len und Hal­tungs­no­ten zu ver­tei­len. Als Diek­mann sich an der »taz« abar­bei­tete, war er von einer vir­tu­el­len Traube von Schau­lus­ti­gen umringt, die ihn anfeu­er­ten, wäh­rend er einen Tref­fer nach dem ande­ren lan­dete, und sein Geg­ner ori­en­tie­rungs­los vor sich hintau­melte und sich noch nicht ein­mal über die Kampf­re­geln im Kla­ren war. Nun war die Art, wie sich die »taz« von Diek­mann vor­füh­ren ließ (und vor allem den Feh­ler machte, sich über­haupt auf seine Art von »Spiel« ein­zu­las­sen), sicher keine Glanz­stunde für die alter­na­tive Tages­zei­tung. Aber es war auch ein unglei­cher Kampf: Auf der einen Seite eine Viel­zahl von Idea­lis­ten, die Über­zeu­gun­gen haben und in auf­rei­ben­den Debat­ten dafür kämp­fen, das Rich­tige zu tun. Auf der ande­ren Seite die selbst­ge­schaf­fene Kunst­fi­gur eines Chef­re­dak­teurs, der keine Skru­pel hat und keine Werte kennt; der heute das Gegen­teil von dem tun kann, was er ges­tern gefor­dert hat; der kei­nen Ruf zu ver­lie­ren hat.

Wer in die­sem Kampf bes­ser aus­se­hen würde, war von vorn­her­ein klar.

Oder die Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Ber­li­ner Rechts­an­walt Johan­nes Eisen­berg. Natür­lich kann man inter­es­siert das juristisch-publizistische Ping-Pong-Spiel ver­fol­gen und sich, wenn man will, dar­über amü­sie­ren, wie Diek­mann Eisen­berg immer wie­der mit dem Stin­ke­fin­ger pro­vo­ziert. Aber man kann doch dar­über nicht ver­ges­sen, was den Kern des Ver­hält­nis­ses aus­macht: Eisen­berg ist des­halb Diek­manns Geg­ner, weil er regel­mä­ßig erfolg­reich Men­schen ver­tritt, die Opfer der Metho­den der »Bild«-Zeitung wur­den. Und weil er Diek­mann bei des­sen Ver­such, die »taz« wegen einer Satire zu einem Schmer­zens­geld zu ver­ur­tei­len, eine emp­find­li­che Teil-Niederlage zuge­fügt hat. Das ver­sucht »Bild« dem Rechts­an­walt seit Jah­ren heimzuzahlen.

Die­ser Hin­ter­grund spielt aber gar keine Rolle mehr bei der Kom­men­tie­rung des von Diek­mann ange­zet­tel­ten Kamp­fes, als des­sen Sie­ger er ohne­hin fest­steht. Wenn er juris­tisch ver­liert, gewinnt er, dass er sich als Opfer insze­nie­ren kann.

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Man muss Diek­mann dazu gra­tu­lie­ren, wie erfolg­reich seine Stra­te­gie war und wie sehr ihm die unter­hal­tungs­süch­ti­gen Jour­na­lis­ten auf den Leim gegan­gen sind. Er steht nun sogar tat­säch­lich als Kämp­fer für das unbe­dingte Recht auf Satire da, was sehr abwe­gig ist, nicht nur, weil er selbst noch vor weni­gen Mona­ten einen Volon­tär teuer abmah­nen ließ, der in harmlos-satirischer Form sein Foto ver­wen­dete, um als »Der­Chef­red« zu twittern.

Das Spiel ist fast erschüt­ternd leicht: Diek­mann muss nur plötz­lich nach Jah­ren des Schwei­gens einen win­zi­gen Bruch­teil sei­ner Feh­ler zuge­ben, um für seine Offen­heit gefei­ert und mit dem Rest nicht mehr behel­ligt zu wer­den. Natür­lich ist es eine tolle Idee, wenn sich Diek­mann eine Mini-Kamera auf die Brille mon­tie­ren lässt und sei­nen Arbeis­tag filmt und ver­öf­fent­licht. Und er muss nicht ein­mal die Stelle her­aus­schnei­den, in der man sieht, wie eine Schlag­zeile for­mu­liert wird, von der der Chef selbst annimmt, dass sie falsch ist. Der Auf­merk­sam­keits­wert der Kamera-Aktion an sich ist viel grö­ßer ist als das, was man dadurch tat­säch­lich erfährt.

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Vor drei Jah­ren schrieb ich: Der ganze Grö­ßen­wahn der »Bild«-Leute, sich alles erlau­ben zu kön­nen, ver­bin­det sich mit einem Min­der­wer­tig­keits­kom­plex, von nie­man­dem wirk­lich gemocht oder geschätzt zu wer­den. Fragt man Leute, die ihn ein biss­chen ken­nen, was Diek­mann eigent­lich antreibt, ob er Macht will, die Welt ver­än­dern, berühmt wer­den, sagen einige auch: Er will geliebt wer­den. Er kann sich mit den gan­zen Wich­ti­gen schmü­cken, die mit ihm reden, aber wie viele davon tun es wirk­lich frei­wil­lig und gerne? Natür­lich kann ein »Bild«-Chef eigent­lich nicht geliebt wer­den. Natür­lich weiß Diek­mann das auch. Aber das Wis­sen genügt halt nicht immer.

Das war der Stand damals. Mit dem Blog­gen hat er sich einen Traum erfüllt. Jetzt wird er ein biss­chen geliebt und musste dafür nicht ein­mal ein bes­se­rer Mensch werden.

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