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Früher war auch mehr Lichterkette: Wie alte Aufnahmen in einen aktuellen „Tagesschau“-Film kamen

21 Okt 15
21. Oktober 2015

„Die ARD hat eingeräumt, einen Bericht in der ‚Tagesschau‘ über eine Lichterkette für Flüchtlinge in Berlin manipuliert zu haben.“ So berichtet es die rechte Wochenzeitung „Junge Freiheit“ in ihrem Online-Auftritt.

Und tatsächlich waren in der kurzen Nachricht im Film am vergangenen Samstag neben aktuellen Aufnahmen auch Bilder von 2003 zu sehen. Damals hatten kurz vor dem Beginn des Irak-Krieges über 100.000 Menschen eine Lichterkette für den Frieden gebildet. Diesmal nahmen nach Polizeiangaben nur sieben- bis achttausend Leute teil; der Veranstalter sprach von 20.000 Teilnehmern. Durch die Verwendung von Archiv-Aufnahmen wirkte die aktuelle Lichterkette in der „Tagesschau“ also erfolgreicher.

Der Chefredakteur von ARD-aktuell, Kai Gniffke, räumte gegenüber der „Jungen Freiheit“ zwar keine Manipulation, aber einen Fehler ein. Die Archivbilder hätten natürlich nicht verwendet werden dürfen. Und: „Wenn die ‚Tagesschau‘ Material sendet, das nicht vom gleichen Tage ist, blenden wir normalerweise ein Datum beziehungsweise den Hinweis ‚Archiv‘ ein.“

Aber: Wie kann sowas passieren? Wie können in eine aktuelle Nachrichtensendung zwölf Jahre alte Archivaufnahmen rutschen?

Gniffke hat eine Erklärung dafür. Die steht allerdings nicht in der „Jungen Freiheit“. Sie geht so:

Dieser Nachrichtenfilm hatte eine Länge von 22 Sekunden und basierte auf dem Mitschnitt einer Live-Sendung des RBB vom gleichen Abend. In dieser Sendung wurde auch Archivmaterial aus dem Jahr 2003 verwendet, aus dem auch in der Tagesschau insgesamt rund drei Sekunden gezeigt wurden. Während im RBB im Text darauf hingewiesen wurde, dass es sich um Archivmaterial handelt, unterblieb in der Tagesschau dieser Hinweis.

RBB-Reporter Ulli Zelle meldete sich in der Berliner Nachrichtensendung „Abendschau“ zweimal live vom Brandenburger Tor. Er sprach unter anderem mit dem Organisator und mit Teilnehmern der Lichterkette und zeigte, wie es kurz vorher am Ernst-Reuter-Platz und an der Siegessäule aussah – noch ziemlich mickrig:

Dann fuhr er fort:

Also, es wird sich dann tatsächlich eine Kette bilden, wenn alles so klappt, und dann wird es so aussehen. Hier sind die Bilder aus 2003. Berlin wirklich durchzogen von einer Lichterkette, damals noch gegen den Irak-Krieg.

Die „Tagesschau“ hatte kaum mehr als zehn Minuten Zeit, daraus einen Film zu schneiden. Und so lässt sich tatsächlich nachvollziehen, wie die alten Bilder in den aktuellen Nachrichtenfilm kommen konnten.

Aber: Wirklich verstehen kann ich es trotz des Zeitdrucks nicht. Der RBB hatte zwar keine Jahreszahl eingeblendet, aber der Wechsel in die Vergangenheit ist deutlich – nicht nur durch den Off-Text, sondern auch dadurch, dass Ulli Zelle zwischendurch wieder ins Bild kam. Dass die 2003-Aufnahmen älter sind, kann man auch anhand der schlechteren Bildqualität erahnen.

Der Verdacht (natürlich auch der politisch klar positionierten „Jungen Freiheit“) liegt nahe, dass die ARD die Pro-Flüchtlings-Demonstration größer und erfolgreicher aussehen lassen wollte, als sie war. Die „Manipulation“ scheint die Vorbehalte der schärfsten Medienkritiker und -gegner zu bestätigen.

Bemerkenswert ist, dass der Redakteur, der aus dem Live-Material schnell den Film zusammenschnitt, nicht das erstbeste gesendete RBB-Material nahm, sondern die Szenen von sehr vereinzelt herumstehenden Menschen am Ernst-Reuter-Platz und der Siegessäule zugunsten der größeren Menschenmengen, die etwas später gezeigt wurden (aber von 2003 stammten), verschmähte.

Ist das ein Zeichen für eine Manipulationsabsicht? Nicht unbedingt. Es ist zunächst einmal ein normaler journalistischer Reflex, die attraktiveren Bilder vorzuziehen. Eine manipulative Absicht im Sinne einer bewussten Verzerrung der Wirklichkeit aus politischen Gründen ist nicht notwendig.

Trotzdem: So etwas darf nicht passieren. Auch nicht für vermeintlich läppische drei Sekunden. Weil die reichen, um weiteres Vertrauen zu erschüttern oder Misstrauen zu zementieren.

Und wenn stimmt, was Kai Gniffke sagt: „Qualitätskontrolle hat bei ARD-aktuell einen sehr hohen Stellenwert“ – dann müsste so etwas ausgeschlossen sein. Auch im Eifer des Gefechts, das in diesem Fall ja nicht einmal eine plötzliche dramatische Nachrichtenlage war, sondern nur der Versuch, eine Demonstration sehr aktuell relativ prominent in der „Tagesschau“ zeigen zu können – ein Ehrgeiz, über dessen Sinnhaftigkeit man ohnehin diskutieren könnte, zumal angesichts der relativ geringen Teilnehmerzahl.

Die Szenen aus der „Abendschau“ des RBB und der Nachrichtenfilm in der „Tagesschau“ im Video:

Nachtrag, 22. Oktober. Die „Junge Freiheit“ hat die Erklärung mit der „Abendschau“ jetzt nachgetragen.

Nachtrag, 13:50 Uhr. Die „Tagesschau“ hat sich auf ihrer Facebook-Seite zu dem Vorgang geäußert und erklärt den Fehler so:

Der Kollege, der zehn Minuten vor der Sendung aus dem Livesignal eine kurze Bilderstrecke schneiden musste, hatte in der Eile versäumt, den Kopfhörer aufzusetzen. Er konnte deshalb nicht hören, dass der RBB-Kommentator an einer Stelle den Hinweis auf eine Sequenz älterer, ähnlicher Bilder gegeben hat.

Puh.

Die „Tagesschau“-Routine

07 Feb 15
7. Februar 2015

Der ARD-Reporter Christoph Maria Fröhder beschwert sich im aktuellen „Spiegel“ über „Tagesschau“ und „Tagesthemen“. Der „Spiegel“ nennt es eine „Abrechnung“. Fröhder scheint vor allem unzufrieden über die Art, wie er und seine Berichte intern behandelt werden. Er hat ein Problem mit Kai Gniffke, dem Ersten Chefredakteur von ARD-aktuell, dem er indirekt vorwirft, dass es ihm nur ums Management geht und nicht um den Journalismus. Aber Fröhder stört sich auch daran, wie diese Nachrichtensendungen das Weltgeschehen aufbereiten.

Er sagt:

Der pseudolockere Ton sagt ja noch nichts über die Haltung. Inhaltlich sind „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ ja weiterhin staatstragend. Der Journalismus dieser Sendungen ist nur noch additiv. Es werden bloß scheinbar relevante Fakten hintereinandergefügt, anstatt sie zu hinterfragen. Da beginnt doch die eigentliche Arbeit. Warum hat sich etwas so entwickelt? Kann es auch anders sein? Wenn ich diese Aufsager vor den Parteizentralen und dem Kanzleramt schon sehe! Die kommen einfach von der Routine nicht weg.

In der vergangenen Woche habe ich in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ ähnliche Kritik an der 20-Uhr-„Tagesschau“ und ihren Rituale formuliert:

(…) Wenn alle Autos vor- und wieder abgefahren sind, kommt der Korrespondent ins Bild und sagt, was das zu bedeuten hat. Im Hintergrund sieht man immer die Akropolis, damit der Zuschauer weiß, dass er in Athen ist.

„Mit geschwellter Brust und geschwollenem Kamm geht diese Regierung an den Start“, sagt ARD-Mann Peter Dalheimer am Montag.

„Alexis Tsipras scheint alles andere als konfliktscheu zu sein“, stellt er am Dienstag an selber Stelle fest.

„Athen lässt die Säbel rasseln – stumpfe Säbel allerdings“, ergänzt seine Kollegin Mira Barthelmann am Mittwoch ebenda.

„Die Löwen in Athen und Brüssel hatten in den vergangenen Tagen gut gebrüllt“, erzählt ihre Kollegin Ellen Trapp am Donnerstag vor derselben Kulisse. „Wie gut, wenn man miteinander spricht.“ Ihre Analyse gipfelt in der Mahnung: „Er ist der neue griechische Ministerpräsident. Das müssen in Brüssel nicht alle gut finden, aber auf jeden Fall sollten sie ihn tolerieren.“

Sie stehen dort nicht, um uns Dinge zu sagen, die wir noch nicht wissen. Sie stehen dort, um uns Dinge zu sagen, die wir schon wissen; die sie uns am Tag vorher schon gesagt haben und am nächsten Tag wieder sagen werden; die unseren Blick auf eine komplexe Entwicklung auf eine einfache, vertraute, im Zweifel bequeme Position verengen. Und Politik oft auf das reduzieren, was sie mit Politikern macht. (…)

Kai Gniffke antwortet darauf in der neuen F.A.S.:

(…) Die „Tagesschau“ wird im Kern bleiben, was sie ist. Aber sie wird sich wandeln. Wir werden noch härter sieben, was den Weg in unser Angebot findet. Es könnte darauf hinauslaufen, dass wir die Zahl der Themen reduzieren, um die verbleibenden ausführlicher aufzubereiten. Dann könnten noch häufiger Hintergrundinformationen in den Korrespondentenberichten enthalten sein, wie Stefan Niggemeier am Beispiel rechtsextremer ukrainischer Truppenteile nicht ohne Grund einfordert.

Unser mediales Umfeld hat sich tiefgreifend verändert. Die Möglichkeiten für jedermann, unsere Arbeit zu überprüfen und nachzurecherchieren, haben sich durch Internet und soziale Netzwerke erheblich ausgeweitet. Das ist ein wesentlicher Grund für das gewaltig angewachsene Feedback. Der Dialog mit dem Publikum nimmt viel Zeit in Anspruch und ist auch nicht immer vergnüglich. Aber er ist wichtig, weil er unsere Sinne zur Einhaltung unserer Standards schärft und zu konstruktiven Diskussionen in der Redaktion wie in dieser Woche führt. Und weil er die Chance bietet, unserem Ziel näher zu kommen, Menschen für den gesellschaftlichen Diskurs zu gewinnen. 

Die „Tagesschau“. Wo man schöne Inszenierungen nicht blöd hinterfragt.

14 Jan 15
14. Januar 2015

Vielleicht könnte die „Tagesschau“ jemand anderes finden, der öffentlich auf Kritik an ihrer Arbeit reagiert? Jemanden, für den eine „Diskussion“ etwas anderes ist als eine Ansprache, der ein irgendwie ausgleichendes Wesen hat und womöglich sogar noch ein Bewusstsein dafür, dass er von uns Zuschauern bezahlt wird? Jemanden, der nicht alles noch schlimmer macht? Kurz gesagt, jemand anderes als Kai Gniffke?

Es gibt ja gerade ein bisschen Aufregung um die Bilder von den Staats- und Regierungschefs beim großen „Republikanischen Marsch“ in Paris am vergangenen Sonntag. „Le Monde“ berichtete, dass die gar nicht in dem Sinne den Zug anführten, wie man es aufgrund der Berichte in den Nachrichtensendungen und der Fotos in den Zeitungen glauben mochte. Sie waren nicht wirklich Teil der Menschenmenge; vor und hinter ihnen war die Straße offenbar abgesperrt. Die „taz“ und „Spiegel Online“ meldeten sogar, dass es sich um eine „einsame Nebenstraße“ gehandelt habe.

Ich kann verstehen, dass Menschen das ärgert, wenn sie das erfahren. Wenn sie Grund haben anzunehmen, dass Journalisten ihnen etwas vormachen und Komplizen bei einer Inszenierung sind, anstatt diese Inszenierung kenntlich zu machen. Natürlich ist jede Auswahl eines Fotos oder eines Filmausschnittes eine subjektive Entscheidung. Es ist aber nicht die Aufgabe von Journalisten, den Aufmarsch von mehreren Dutzend Staats- und Regierungschefs durch eine geschickte Wahl der Perspektive besonders eindrucksvoll wirken zu lassen.

Die Chefredakteurin der „taz“, Ines Pohl, verknüpfte diesen Fall mit der heutigen Kür des Begriffs von der „Lügenpresse“ zum „Unwort des Jahres“. Sie sagte: „Leider belegt der Umgang mit den Bildern des Pariser Marsches der Mächtigen, dass das Wort ‚Lügenpresse‘ nicht nur ein Hirngespinst der Pegida-Anhänger ist, sondern dass die Wirkung der Bilder – übrigens auch für deutsche Medienmacher – manchmal wichtiger ist als die Dokumentation der Realität.“

Das hat bei ARD-aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke eine Halsschlagader platzen lassen. Im „Tagesschau“-Blog schreibt er:

Auch auf die Gefahr hin, dass ich jetzt wieder richtig auf die Fresse bekomme: Mir langt’s.

Der Vorwurf der Inszenierung sei eine „wilde Verschwörungstheorie“ und „kompletter Unfug“.

Er wirft dann mehrere Nebelkerzen und stellte fest, dass es „immer eine Inszenierung“ sei, wenn sich Politiker vor eine Kamera stellen, dass die französische Polizei ihren „Job verfehlt“ hätte, wenn sie die Politiker nicht von den anderen Menschen abgetrennt hätte (was kaum jemand ernstlich bestreitet), und dass, „sorry“, Kameraleute und Fotografen eben nicht immer einen Hubwagen zur Hand hätten. Und nach einem rätselhaften Einschub – „bei aller Selbstkritik“ – beklagt er sich schließlich darüber, dass solche Kritiker seine sensiblen Kollegen ganz kirre machten:

Ich wehre mich dagegen, über jedes Stöckchen zu springen, dass uns Verschwörungstheoretiker hinhalten. Denn sonst sickert noch viel mehr des Giftes der Furcht in unseren Berufsstand ein. Denn diese Diskussionen hinterlassen Spuren in den Redaktionen. Statt unser Bewusstsein für Qualitätsjournalismus zu schärfen, sind sie dazu angetan Redaktionen zu verunsichern.

Mit keinem Wort geht er auf die zentrale Frage ein, warum „Tagesschau“ oder „Tagesthemen“ nicht – und sei es noch so beiläufig, durch einen Halbsatz oder einen Kameraschwenk – deutlich machten, dass die Politiker in einem gehörigen Sicherheitsabstand vom eigentlichen Marsch ein kleines Stück für die Fotografen liefen. Warum seine Redaktion die Menschen nicht in einer Weise informiert hat, die verhindert hätte, dass offenbar eine erhebliche Zahl von ihnen, inklusive mehrerer Zeitungsredaktionen, sich in die Irre geführt fühlten, als sie später das Szenario aus anderer Perspektive sahen. Warum ARD und ZDF mit ihren Formulierungen den Eindruck erweckten, die Politiker hätten sich unter die Massen gemischt und „Seite an Seite“ mit dem Volk demonstriert.

Natürlich ist der Vorwurf einer „Verschwörung“ absurd, wenn etwa das Erste selbst am Nachmittag in seiner Live-Übertragung auch gezeigt hat, wie die Politiker getrennt vom Rest der Menschenmenge liefen. Aber deshalb ist doch nicht die Kritik an den Medien absurd, die in ihren Nachrichten und Fotos einen gegenteiligen Eindruck erweckt haben. Deshalb ist doch nicht die Frage unberechtigt, ob unter anderem die „Tagesschau“ ihren Zuschauern nicht diese Information hätte mitliefern sollen.

Ja, Herr Gniffke, fast alles ist Inszenierung. Und je häufiger Medien in einer Welt, in der das Publikum skeptisch geworden ist und sich aus ungezählten anderen Quellen informieren kann, diese Inszenierungen kenntlich machen, indem sie einfach mal einen Schritt zurücktreten, aufzoomen, zur Seite schwenken, umso größer ist ihre Chance, auch in Zukunft noch als glaubwürdig zu gelten. Wir brauchen viel, viel mehr Dekonstruktionen der Inszenierungen und Scheinwirklichkeiten. Dass Gniffke das nicht nur nicht versteht, sondern auch noch zurückpöbelt, lässt für die „Tagesschau“ das Schlimmste befürchten.

Wenn er weniger wütend gewesen wäre, hätte er es vielleicht geschafft, einen Teil der Kritik sachlich zu entkräften. Die Aufnahmen entstanden nämlich nicht in einer einsamen Seitenstraße, sondern durchaus auf der Strecke, die auch für den Trauermarsch genutzt wurde: auf dem Boulevard Voltaire. Insofern ist die Aussage nicht ganz falsch, dass die Politiker den „Republikanischen Marsch“ anführten – nur halt mit erheblichem Abstand.

Davon liest man bei Gniffke allerdings nichts. Stattdessen appelliert er:

Halten wir es doch einfach mal aus, dass es eine große Geste von Millionen von Menschen und zahlreichen Politikern gab, an der nichts auszusetzen ist.

Andere Journalisten hatten durchaus eine Menge an dieser „großen Geste“ auszusetzen, und das kann man mögen oder lästig finden, aber das gehört durchaus zur Aufgabe eines Journalisten, ein schönes, gefühliges, scheinbar stimmiges Bild zu stören. Es spricht Bände über das Selbstverständnis des Chefredakteurs von ARD-aktuell, dass er lieber die perfekte Inszenierung bewahren will, den Schein, das gute Gefühl: Halten wir das doch einfach mal aus.

Nachtrag, 14. Januar, 18:10 Uhr. Kai Gniffke hat im „Tagesschau“-Blog einen im Ton versöhnlichen Nachtrag veröffentlicht.

Ulrich Deppendorfs Schweißausbruch am Ufer des Sommerlochs

23 Jul 09
23. Juli 2009

Man kann diese Geschichte natürlich als Sommerloch-Thema abtun (schon weil das Sommerloch ihr Thema ist), aber das wäre schade, denn man kann etwas aus ihr lernen, und zwar über das publizistische Selbstverständnis von Ulrich Deppendorf, dem Leiter des Hauptstadtstudios der ARD.

Deppendorf hat sich über seinen Kollegen Kai Gniffke geärgert, der die Redaktion von „ARD aktuell“ leitet und am Dienstag kurz vor Feierabend und Mitternacht im Blog der „Tagesschau“ schnell noch verkündet hatte: „Es ist da!“:

„… heute öffnete das Sommerloch erstmals für diese Saison sein sonnendurchflutetes Maul.“

Es war ein kurzer, launiger Eintrag – einer von dieser Sorte, die Blogs so lesenswert machen, weil sein Inhalt offensichtlich nicht vor der Veröffentlichung vom diensthabenden Bedenkenträger in Abstimmung mit der Stabsabteilung für Kommunikation, Unterabteilung Nichtkommunikation, geprüft wurde. „Wenn wir ehrlich sind“, plauderte Gniffke über die 20-Uhr-Ausgabe der „Tagesschau“ jenes Tages, „hätte man jedes, ja wirklich jedes unserer heutigen Themen auch lassen können.“ Dann scherzte er noch:

„Da schaut man sich gerne mal an, was den Kollegen der anderen Nachrichtensendungen einfällt. Habe schon gewitzelt, ob wir im Erklärraum heute ein 3D-Modell des Sommerlochs sehen.“

Ein „Ulrich Deppendorf“ fand’s nicht so lustig und kommentierte am nächsten Tag lesbar angesäuert:

„Lieber Herr Dr. Gniffke,

wie schön, dass Sie gestern fast jeden Beitrag der Tagesschau um 20 Uhr für entbehrlich hielten. Das hätten Sie uns ja dann auch schon etwas früher mitteilen können. Dann hätten die Kollegen und Kolleginnen aus dem Hauptstadtstudio und in der Republik ja schon eher die Arbeit für die Tagesschau einstellen können. Im Übrigen halte ich keines der Themen gestern für entbehrlich oder dem Sommerloch geschuldet. (…) Nun warten wir jeden Tag auf Ihre Einordnung, was entbehrlich ist. Heute vielleicht Porsche, Opel oder Afghanistan?“

Auch in der tagesschau.de-Redaktion konnten sie es erst nicht glauben, aber dieser „Ulrich Deppendorf“ ist tatsächlich Ulrich Deppendorf. Nun muss man trotz des Tonfalls einen solchen öffentlichen Widerspruch nicht gleich als ARD-internen Zickenkrieg interpretieren – auch dafür sind Blogs ja ein wunderbares Medium, dass sie diese Art von Transparenz herstellen können. Aber Deppendorfs Kommentar ging noch weiter:

„Und warum schielen Sie immer auf das ZDF? Sie sind Chefredakteur von ARD-Aktuell. Bitte mehr Selbstvertrauen. Wir sollten auch nicht mit zu viel Hochmut auf das neue ZDF-Studio schauen. Warten wir erst einmal ab, ob unser neues Studio 2011 der große Hit wird. Ein wenig mehr Solidarität durch Schweigen mit dem anderen öffentlich-rechtlichen System wäre nicht schlecht. Vielleicht benötigen wir dessen Unterstützung ja irgendwann auch einmal.“

Da hört der Spaß aber auf. Ich kenne diese Argumentation aus eigener Erfahrung und der von anderen Medienjournalisten, vor allem aus Zeiten, in denen es den Medien schlecht geht. Berichten wir lieber nicht kritisch über das, was bei den anderen schiefgeht, dann können wir darauf hoffen, dass die anderen auch wattehaft mit uns umgehen. Es ist eine Haltung, die das Gegenteil von Journalismus ist, eine Kombination aus Kumpanei und Kalkül, Duckmäusertum und Angst, von der ich nicht gedacht hätte, dass ein ARD-Hauptstadtstudio-Leiter öffentlich für sie plädieren könnte.

Und nun ist Kai Gniffke wahrlich nicht der Holzer, der mit polemischen Angriffen auf die Konkurrenz im Blog jahrzehntelange Senderdiplomatie zunichte machte. Wenn schon seine harmlosen Frotzeleien über den Virtualitätspomp des ZDF Anlass genug für Deppendorf sind, sich um eine Retourkutsche in zwei Jahren (!) zu sorgen, mag man sich nicht ausmalen, was ernste Kritikversuche für Schweißausbrüche bei ihm auslösten – und wie oft er entsprechende Formen des Journalismus womöglich verhindert.

Gniffke antwortet Deppendorf übrigens im Blog behutsam, dass es „uns vielleicht gut zu Gesicht“ stünde, „etwas weniger breitbeinig durch’s Leben zu gehen“. Als wäre Deppendorfs Problem der breitbeinige Gang. Und nicht der aufrechte.