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Klatschvieh (3): Sehen und gesehen werden

13 Feb 14
13. Februar 2014

Nur die Liebe zählt, Köln, 1999.

„Als das Saalpublikum ins Fernsehen kam, war ein Stimmungsaufheller, eine belebte Kulisse von Menschen gefunden, die dem Bühnengeschehen Ereignischarakter geben und es durch Augenzeugenschaft beglaubigen sollten, Repräsentanten derer zu Hause, mit dem Unterschied, dass die im Saal erst abgefüllt und aufgepeitscht, dann der Realität eines Geschehens ausgesetzt wurden, das der Zuschauer daheim nur vermittelt erlebte. Am Saalpublikum sollte er sich entzünden, in dessen Freude sollte er die eigene wiederfinden, auch wenn zunächst keine Freude aufrichtiger schien als die der Lust, selbst im Fernsehen zu sein.“

Roger Willemsen in „Audience“.

Oliver Geissen, Köln, 2006.

Seit 1999 fotografiert Egbert Trogemann das Publikum in Fernsehstudios. Mit einer schweren Plattenkamera auf einem Stativ stellt er sich vor Beginn der Aufnahme in die Mitte und zeigt das Publikum aus einer Perspektive und in einer Situation, die die Zuschauer zuhause sonst nicht sehen: noch nicht animiert, aber unverkennbar Teil der Dekoration. „Audience“ heißt das Projekt, und Trogemann beschreibt seine Tiefe so:

Es begegnen sich Blicke, treten in ein Wechselspiel von Sehen und Gesehen werden — im Blick geschieht die Begegnung mit dem Anderen. Dieses Andere zeigt sich als Ambivalenz von Homogenität und Heterogenität, zwischen Individualität und Auflösung im Raum. So verweisen diese Arbeiten auch in Auseinandersetzung mit Gruppenportraits auf Diskurse um Subjekt und Masse.

Unbedingt groß klicken!

Hast Du Töne, Köln, 2000.

5 gegen 5, Köln, 2006.

Berlin Mitte, Berlin, 2008.

Absolut Schlegel, Köln, 2002.

Dancing on Ice, Köln, 2006.

(Alle Abbildungen mit freundlicher Genehmigung des Fotografen.)

Ein Buch mit rund 60 Aufnahmen und mehreren philosophischen und mediengeschichtlichen Texten ist vor kurzem im Hatje Cantz Verlag erschienen.

Noch bis zum 27. April 2014 zeigen die Kunstsammlungen der Ruhr-Universität Bochum die Ausstellung „Audience“.

Klatschvieh (2): Wie das Fernsehen an der Dehydrierung seines Publikums arbeitet

06 Feb 14
6. Februar 2014

Die Aufzeichnung der Oliver-Pocher-Show „Alle auf den Kleinen“ zieht sich. Die Sprecherin von RTL hatte mich vorher gewarnt, ich solle Sitzfleisch mitbringen: Das könne auch sechs Stunden dauern. Und in der Tat. Alles fängt schon verspätet an, woran wohl Boris Becker Schuld ist, der sich an diesem Tag mit Pocher duelliert. Dann entstehen lange Pausen, ein ganzes Spiel klappt erst nicht, dann immer noch nicht, dann immer noch nicht und wird schließlich aus der Show geworfen. Die Stimmung ist im Keller.

René, der Warm-Upper, versucht sein Bestes, das Publikum bei Laune zu halten. Bald werden seine Ansagen in den Umbaupausen zu Durchhalteparolen: Nach Spiel neun, verspricht er, werde Wasser verteilt werden, und keine Sorge: Es sei genug für jeden da. Die ersten Worte der Mitarbeiterin, die endlich mit einem Gebinde von Plastikflaschen die Treppe herunterkommt, als Spiel vier, fünf, sechs, sieben, acht und neun vorbei sind, lauten dann: „Könnt ihr es euch bitte einteilen, wir haben nicht genug für alle.“

Seit rund fünf Stunden sitzt das Publikum zu dieser Zeit in der Halle. Es dauert danach noch zwei.

Man kann beim Fernsehen den Eindruck gewinnen, es arbeitete systematisch an der Dehydrierung seines Publikums.

Nicht alle Zuschauer machen das mit. Bei der Pocher-Show entscheidet sich eine ganze Reihe, dass sie im Zweifel dann doch darauf verzichten können, den Ausgang des groß angekündigten Duells zu erleben, und verlassen vorzeitig das Studio. Die Reihen lichten sich.

Zum Glück wird an diesem Abend in einem Nachbarstudio noch eine andere Show aufgezeichnet: „Jungen gegen Mädchen“. Die sind früher fertig. Deren Zuschauer werden gefragt, ob sie nicht Lust haben, noch ein Stückchen zu bleiben und sich Boris Becker anzugucken.

Manchmal, wenn der Produzent verantwortungsvoll ist und schon im Voraus fest steht, dass eine Aufzeichnung sehr lang wird, wird bereits vorher „Nachschubpublikum“ geordert, einhundert Zuschauer, die gegen eine kleine Aufwandsentschädigung zu einem späteren Zeitpunkt kommen. Frisch und noch nicht leergeklatscht ersetzen sie die ermattet und durstig Ausgeschiedenen.

Die Sache mit dem Wasser ist das für mich größte Rätsel am Umgang deutscher Fernsehproduzenten mit dem Studio-Publikum ihrer Shows. Das war schon damals so, als ich über die Umstände einer Aufzeichnung von „Das Supertalent“ staunte. Und das bestätigte sich bei meiner kleinen Tournee durch Fernsehstudios Ende vergangenen Jahres.

Es gibt natürlich Ausnahmen. Bei der Aufzeichnung einer Thorsten-Havener-Show für RTL mit dem irreführend brisanten Titel „Geheimnisse der Körpersprache“ durfte sich einfach jeder Zuschauer am Eingang bedienen. (Die Gefahr dabei ist natürlich, wie ein Warm-Upper erzählt, dass die Leute das Wasser schon ausgetrunken haben, bevor er überhaupt mit dem Aufwärmprogramm fertig ist.) Bei der Produktionsfirma Brainpool konnte man gar nicht verstehen, wie das Thema Wasser ein Drama sein könnte: Bei „Schlag den Raab“ gebe es für jeden soviel Wasser, wie er wolle, und er könne es dann auch wieder wegbringen.

Das ist eher nicht die Regel. An Wasser wird gespart. Und wenn sich herausstellt, dass es doch nicht ohne geht, weil sich eine Aufzeichnung so lange hinzieht, wird spät abends eilig noch der Praktikant losgeschickt, die Tankstellen in der Umgebung auf der Suche nach Wasser abzuklappern.

Günther Jauchs Produktionsfirma i&u scheint ganz besonders sparsam zu sein bei Getränken. Sie produziert unter anderem „Alle auf den Kleinen“ (siehe oben) und hat auch die beiden Jubiläumsshows „30 Jahre RTL“ hergestellt. Die waren auf eine Aufnahmezeit von viereinhalb Stunden angelegt. Der Warm-Upper hatte die Verantwortlichen vorher gefragt, ob es da nicht gut wäre, die Zuschauer zwischendurch mal mit Flüssigkeit zu versorgen, bekam er die Antwort: Geht auch ohne.

Auch das „Jahresquiz“ der ARD wird von i&u produziert, weshalb man auch dort als Zuschauer eng gedrängt auf dem Trockenen sitzt und zusieht, wie die Prominenten auf der Bühne angesichts der vielstündigen Aufnahmezeit immer wieder mit Getränken und irgendwelchen Riegeln versorgt werden. Dabei sind eigentlich auch wir, das Publikum, zum Arbeiten hier, zum Klatschen und Amüsiertsein auf Kommando. Aber mit uns kann man es machen.

Ich habe bis jetzt nicht herausgefunden, warum viele Fernsehproduzenten gerade eine so günstige Ressource wie Wasser als zu vernachlässigenden Posten und Sparfaktor behandeln. Es kann natürlich daran liegen, dass man Leuten, die etwas trinken, auch die Möglichkeit geben muss, im Lauf von vielen Stunden auf die Toilette zu gehen. Aber das wäre doch ohnehin ein feiner Zug.

Meine Anfrage an i&u mit der Bitte um eine Erklärung brachte eher keine Aufklärung. „Wir haben diese Dinge bislang nie als mögliches Problem gesehen“, antwortete die Unternehmenssprecherin. „Bei den zahlreichen von i&u produzierten Shows gab es bisher keine Klagen über einen möglichen Wassermangel.“ Und „unter besonderen Umständen“ werde das Publikum von i&u „durchaus“ mit Wasser versorgt.

Haben Sie etwas Interessantes mit oder ohne Wasser im Fernsehstudio erlebt? Schreiben Sie es mir oder in die Kommentare!