Tag Archive for: Lutz Marmor

Der NDR stellt sich seinen Zuschauern: „Da könn’Se aber mal applaudieren!“

08 Jun 14
8. Juni 2014

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk muss sich viele lästige Fragen anhören in diesen Tagen. Fragen wie: Warum seid ihr so gut? Wie schafft ihr es, so unfassbar gut zu sein? Und: Ist es euch nicht schon peinlich, wie gut ihr seid?

Glücklicherweise hat der Norddeutsche Rundfunk ein Forum, um sich solchen Fragen zu stellen: die Sendung „Unser NDR — Reden wir drüber.“ Auf dem „Landpartie“-Fest in Worpswede standen die Verantwortlichen des Senders vor zwei Wochen Rede und Antwort.


von rechts: Bettina Tietjen, „der XXL-Ostfriese“, Pferd, NDR-Intendant Lutz Marmor

Die erste Frage, die der NDR ausgewählt und vorher aufgezeichnet hat, kommt von Bernd und Swaantje Reimers (die der NDR „Reime“ nennt) aus Himmelpforten und lautet so:

„Es passiert so viel in der Welt. Und der NDR deckt auch unheimlich viel auf. Woher bekommt der NDR eigentlich die Informationen, so zum Beispiel den Fall Snowden, so etwas aufzudecken? Der Weihnachtsmann aus unserem Ort, der weiß natürlich vieles. Aber wo bekommt der NDR halt diese Informationen her? Das würde mich halt sehr interessieren.“

„Ja“, flötet Moderatorin Bettina Tietjen, „die Frage gebe ich gleich mal weiter an Anja Reschke“, und gibt sie weiter an Anja Reschke, die dann bestätigt, dass es der Weihnachtsmann meistens eher nicht ist.

Tietjen nutzt die Gelegenheit, dass NDR-Intendant Lutz Marmor höchstselbst nach Walsrode Worpswede gekommen war, um bei ihm direkt nachzufragen:

„Macht Sie das auch ein bisschen stolz, dass sie so ein exzellentes Recherche-Team da am Start haben?“

Marmor kann ihr das bestätigten, aber Tietjen hakt sicherheitshalber nochmal beim Hörfunkdirektor des Senders nach:

„Und Joachim Knuth, der Hörfunk spielt da ja auch ‚ne ganz, ganz wichtige Rolle, bei diesen Recherchen.“

Knuth bestätigt ihr, dies sei in der Tat der Fall.

Bettina Tietjen erklärt nun, wie „hip“ der NDR ist:

„Sie können die Sendung zum einen auf ndr​.de live verfolgen; Sie können auf Facebook, Twitter oder per E-Mail Ihre Fragen in die Live-Sendung reingeben. Das zeigt doch, wie hip wir sind vom NDR. Immer auf der Höhe der Zeit. Ganz dicht dran an diesen Kommunikationsmitteln, die jungen Leuten ja so wichtig sind. Denn dieser Dialog, der ständige Dialog mit den Zuhörern und den Zuschauern, der liegt uns vom NDR sehr am Herzen.“

Ein junger Mann hat vorab freundlich-zweifelnd in die Kamera formuliert, ob der NDR nicht vielleicht ein bisschen mehr für seine Generation machen könnte, nicht nur so punktuell. Bettina Tietjen gibt die Frage weiter an den Intendanten, nicht ohne sicherheitshalber auch den winzigen Hauch Restschärfe vorher komplett zu herauszufiltern:

„Ist ja schon jung, unser Programm, aber manchen noch nicht jung genug.“

Ja, hey, gut 60 Jahre Altersdurchschnitt beim NDR-Fernsehen, viel jünger kann man sich so ein Programm ja kaum vorstellen.

Lutz Marmor dreht aus der Vorlage die Aufforderung an die Politiker, den Sendern den Auftrag zu geben, einen Jugendkanal zu machen, „das ist ein Appell an die Länder, das können wir selbst nicht machen“.

NDR-2-Moderatorin Elke Wiswedel hat derweil mit den Besuchern vor Ort gesprochen und muss erstmal etwas sagen:

Was ich sagen muss: Ganz viel Lob gibt’s hier aus dem Publikum für den NDR-Hörfunk und das NDR-Fernsehen.

Sie hat aber doch eine Besucherin mit einer kritischen Frage gefunden: Warum ist die Sendung „Mein Nachmittag“ am Nachmittag nicht länger?

NDR-Niedersachsen-Moderatorin Tina Zemmerich stellt eine Frau vor, die „ganz großer NDR-Fan“ sei, sich aber beschweren müsse: Sie komme beim Bingo nie durch. Der Intendant will sich darum mal kümmern.

Elaiza sind zu Gast und singen zwei ihrer Lieder, und für einen winzigen Moment sieht es so aus, als wollte Bettina Tiejen die Gruppe loben. Aber was ist schon das Talent solche Künstler gegen die Leistung des NDR?

„Dass Elaiza, dass diese tolle Band, die wirklich vorher keiner kannte, also jedenfalls die breite Masse nicht, dass die es geschafft haben, dank! — dank! — unserer, dem NDR, dass wir so weit vorne sind mit den sozialen Netzwerken, dass wir es geschafft haben — per YouTube! — diese Mädels ganz nach oben zu holen, das ist doch ne dolle Leistung, oder?“

Lutz Marmor merkt kurz was und widerspricht, mit Geste zu den Künstlerinnen: „Das ist vor allem ihre Leistung.“ Naja, pfff.

Zurück zu Elke Wiswedel ins Publikum, die dort den Auftrag hat, Fragen einzusammeln, aber schon wieder erstmal was sagen muss:

„Ich muss sagen, ich hab vor allem ganz viel Lob. Ich lauf‘ rum und sage: Habt ihr ne Frage? Und die Leute sagen: ‚Wir finden alles ganz großartig!‘“

Es finden sich, über voraufgezeichnete Einspielfilme, aber dann doch eine Reihe kritischer Fragen: Warum öffentlich-rechtliche Inhalte im Netz nach einiger Zeit depubliziert werden müssen (aber dafür kann der NDR ja nichts), warum auch Radiohörer den ganzen Rundfunkbeitrag zahlen müssen (aber dafür kann der NDR ja nichts) und warum das NDR-Fernsehen nicht mehr in Bayern zu empfangen ist (aber dafür kann der NDR ja nichts).

Die Redaktion hat für die Sendung eine Frau ausgewählt, die in die Kamera sagt, dass sie morgens gerne Regionales im Radio hört. Sie hat zwar keine Frage, aber Bettina Tietjen improvisiert einfach eine:

Die einen haben gerne Internationales zum Frühstück, die anderen haben lieber Regionales zum Frühstück. Wie teilen Sie das auf? Sie müssen ja alles abdecken.

Das ist das Stichwort für Arno Beyer, den Chef des Landesfunkhauses Hannover, der für diesen Posten offenbar eine vielversprechende Karriere auf dem Fischmarkt, in der Fußgängerzone oder in einem Shopping-Sender aufgegeben hat:

Das versuchen wir möglichst vernünftig aufzuteilen. (…) Wir haben eine Menge Fans. Denn zwei Millionen Menschen schalten täglich morgens NDR 1 Niedersachsen ein, weil sie wissen, sie bekommen: Alles aus der weiten Welt. Alles aus Deutschland. Alles aus Niedersachsen. Und! Vor allen Dingen: alles aus Ihrer Region. 7:30 Uhr, 8:30 Uhr, für Worpswede, zuständig das Studio Oldenburg, wenn die nicht ausreichen noch das Studio Lüneburg, dann haben wir noch unseren Korrespondenten in Otterndorf bei Cuxhaven, und! Wir! Haben! Eine! Korrespondentin! Für! Verden! Das alles für Worpswede und umzu!

An dieser Stelle dreht sich Bettina Tietjen zum Publikum und ruft:

„Da könn’Se aber mal applaudieren, oder?“

Das Publikum applaudiert.

Die aufgezeichnete Frage von Imke Wemken aus Emden hat es auch in die Sendung geschafft. Sie lautet:

Wir fragen uns: Wie findet der NDR immer diese tollen, spannenden Themen aus den Regionen?

Später findet Bettina Tietjen noch Gelegenheit, den überraschenden Satz in der Sendung unterzubringen: „In Sachen Unterhaltung macht uns beim NDR keiner was vor.“

Ungefähr an dieser Stelle entwickelte ich den dringenden Wunsch, dass alle NDR-Verantwortlichen nach dem ganzen Geklopfe wenigstens wochenlang schlimme Hämatome an den Schultern von dieser Sendung zurückbehalten mögen.

Es wäre ein schwacher Trost, aber worauf soll man sonst hoffen? Einsicht?

Ich habe die einstündige Sendung, die sicher unter dem Arbeitstitel entwickelt wurde: „Der NDR ist das Tollste, was es überhaupt gibt auf der Welt“, zufällig und etwas verspätet entdeckt, als ich für die FAZ über die zweite Ausgabe des „WDR-Check“ schrieb, in dem sich Intendant Tom Buhrow den Fragen des Publikums stellt. Auch die WDR-Sendung ist einigermaßen harmlos, überwiegend läppisch und sichtlich nur daran interessiert, den Eindruck einer kritischen Auseinandersetzung mit dem eigenen Programm zu erwecken. Aber immerhin hat der WDR gemerkt, dass es eine gute Idee ist, diesen Eindruck zu erwecken.

Der NDR verfilmt stattdessen original, wie eine Eigen-Propagandasendung des DDR-Staats-Fernsehens aussehen würde, wenn es das heute noch gäbe.

Minus mal Minus ergibt EinsPlus: Das Digitalkanalelend von ARD und ZDF

17 Apr 13
17. April 2013

Heute lernen wir, wie die ARD sich vorstellt, in Zukunft junge Zuschauer für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk begeistern zu können. Keine Sorge: Um Inhalte geht es dabei nicht.

Zur Einstimmung hilft eine Übung: Wir versuchen, die Digitalkanäle der ARD voneinander zu unterscheiden.

Lassen wir tagesschau24 mal weg, das ist zu leicht, da laufen den ganzen Tag Nachrichten und abends Wiederholungen aktueller Magazine, Talkshows und Dokumentationen.

Aber es gibt ja noch Einsfestival und EinsPlus.

Laut „Programmkonzept Digitale Fernsehprogramme der ARD“ ist Einsfestival ein „innovatives, kulturell orientiertes Angebot mit jüngerer Ausrichtung“. EinsPlus hingegen sei zu einem „öffentlich-rechtlichen Service-, Ratgeber- und Wissensangebot weiterentwickelt“ worden, „das schnell Akzeptanz bei den Fernsehzuschauern gefunden hat“.

Marktanteile I/2013
ZDFneo 0,8 Prozent
ZDFinfo 0,6 Prozent
ZDFkultur 0,2 Prozent
Einsfestival 0,3 Prozent
EinsPlus 0,1 Prozent
tagesschau24 0,1 Prozent
Zuschauer ab 3 Jahren. Quelle: ARD

EinsPlus brachte es im ersten Quartal 2013 auf einen Marktanteil von 0,1 Prozent. Das ist ungefähr das Maß an Zuschauer-„Akzeptanz“, das entsteht, wenn mehrere Leute beim Durchzappen versehentlich drei Sekunden bei einem Sender hängen bleiben.

Die Definitionen sind also offenbar nicht hilfreich. Die Namen schon gar nicht. Aber vielleicht hilft ein Blick ins Programm:

Auf EinsPlus läuft die „LateLine mit Jan Böhmermann“. Auf Einsfestival läuft der „1Live Talk“ mit Sabine Heinrich.

EinsPlus zeigt aktuelle Musikvideos in der Sendung „EinsPlus Charts“. Einsfestival zeigt aktuelle Musikvideos in der Sendung „Clipster“.

EinsPlus bringt „Es geht um mein Leben“ mit Pierre M. Krause. Einsfestival bringt die „SWR3 latenight“ mit Pierre M. Krause.

Gut, andererseits zeigt EinsPlus „Die allerbeste Sebastian Winkler Show“ am Dienstagabend und Einfestival am Donnerstagabend. Und der aktuelle „Tatort“ läuft auf Einsfestival am jeweiligen Sonntag nochmal um 21:45 und 23:45 Uhr und auf EinsPlus gar nicht.

Es hilft, das zu wissen, um zu verstehen, warum die Intendanten der ARD dem ZDF am Montag öffentlich vorgeschlagen haben, die jeweils drei Digitalkanäle der beiden zu fusionieren. Die ARD ist mit dem, was man euphemistisch eine Digital-„Strategie“ nennen könnte, umfassend gescheitert. Sie veranstaltet zwei Sender mit irreführenden Namen und unklarem Profil, die niemand auseinanderhalten kann und keiner guckt, sowie eine Nachrichtendauerschleife. Es gelingt ihr nicht, ein klares unterscheidbares Profil für die beiden Kanäle EinsPlus und Einsfestival zu entwickeln, weil das Konzept in Wahrheit darin besteht, dass das eine Programm vom SWR gemacht wird und das andere vom WDR.

Deshalb ist es für die ARD auch unmöglich, das zu tun, was naheliegend wäre: einen ihrer beiden Möchtegernjugendkanäle zu schließen. Denn dann müssten ja der WDR oder der SWR etwas aufgeben. Und wenn ARD-Anstalten so etwas könnten, gäbe es keine fünf wöchentlichen Talkshows und das ARD-Wirtschaftsmagazin „Plusminus“ würde nicht im Wechsel von fünf verschiedenen Moderatoren präsentiert.

Doch nun hat die ARD doch noch eine sinnvolle Verwendung für ihre vermurksten Digitalkanäle gefunden: Sie bietet an, sie zu opfern, und nutzt sie gleichzeitig als Pfand, um das ZDF in eine Senderehe zu zwingen.

Die ARD hat angesichts der dokumentierten Erfolglosigkeit ungefähr nichts zu verlieren, aber einiges zu gewinnen: Gemeinsam mit dem ZDF würde ein Neustart möglich, der nicht nur gesichtswahrend ist, sondern sogar imageträchtig: Es wirkt ungemein einsichtig und sparsam und politisch vorauseilend, mit dem Vorschlag, drei Sender einzusparen, nach vorne zu preschen. Gemeinsam könnten die Kanäle mehr Geld haben. Und auf eine bizarre Art ist es aus ARD-Sicht womöglich sogar tatsächlich einfacher, die Rivalitäten zwischen den eigenen Anstalten zu lösen, wenn man Gemeinschaftssender mit dem ZDF bildet.

Alles würde besser werden. Durch „intensivere Kooperationen“ wäre es möglich, die Digitalkanäle „weiter und besser zu profilieren“ — sagt der Senderverbund, dem es nicht einmal im Ansatz gelungen ist, zwei eigenen Kanälen ein eigenes Profil zu geben.

Wenn die sechs Digitalsender zu dreien zusammengelegt würden, biete das „die Chance zu einer weiteren Profilschärfung der schon bestehenden Gemeinschaftsprogramme Phoenix und 3sat“, träumt die ARD. Als ob es da bislang an „Chancen“ gemangelt hätte und nicht am Willen! Was die ARD und das ZDF bisher daran hindert, das Profil von Phoenix und 3sat zu schärfen, verrät die Pressemitteilung der ARD nicht.

Der Plan der ARD sieht vor, EinsPlus und ZDFkultur zu einem neuen Kanal für 14- bis 29-Jährige zu vereinen und Einsfestival und ZDFneo zu einem für 30- bis 49-Jährige. (Dass die ARD letztere als „jüngere Erwachsene“ bezeichnet, spricht Bände.)

Das öffentlich vorzuschlagen und das ZDF so unter Druck zu setzen, ist frech. Aber schon das Konzept auf der Grundlage einer solchen Altersaufteilung an sich ist Unsinn. Ist „Mad Men“ eine Sendung für 30- bis 49-Jährige? Wie groß ist die Übereinstimmung zwischen dem, was ein frisch Pubertierender und ein Familienvater mitten im Berufsleben sehen will? Angesichts der gründlich dokumentierten Schwierigkeit der Öffentlich-Rechtlichen, überhaupt Zuschauer unterhalb von 50 Jahren anzusprechen, wäre „ambitioniert“ ein schillernder Euphemismus für den Versuch, diese dann auch noch nach zwei Altersgruppen zu differenzieren.

Aber genau so scheint sich die ARD die zukünftige öffentlich-rechtliche Lebensbegleitung der Menschen vorzustellen. Erst gucken sie den gemeinsamen Kika, mit einsetzender Pubertät schalten sie zum gemeinsamen Jugendkanal um, mit 30 wechseln sie dann zum gemeinsamen jüngeren Älterenkanal.

Deshalb sei es auch keine Lösung, dass die ARD einfach einen ihrer Digitalkanäle abschalte und sich mit dem anderen auf ein junges Publikum konzentriert, sagte Lutz Marmor, der NDR-Intendant und amtierende ARD-Vorsitzende, heute Vormittag bei der Pressekonferenz nach der Frühjahrstagung der Intendanten: Wie soll das gehen? „Die ARD hat die ganz Jungen, und dann wechseln sie zu ZDFneo?“

Mit keinem Wort wurde bei der weit über einstündigen Pressekonferenz angesprochen, was jüngere Leute überhaupt sehen wollen, welche Formen der Ansprache richtig wären, welche Inhalte fehlen. „Die Zielgruppen fächern sich auf, deshalb brauchen wir Zusatzangebote für diese Zielgruppen“, sagte Marmor — als ließen sich diese Zielgruppen formal-technisch aufgrund ihres Alters unterscheiden.

Das ZDF hatte mit seinen Digitalkanälen ZDFkultur und ZDFneo ein besseres Konzept: ZDFkultur ist elitär, ZDFneo populär. Auf ZDFkultur liefen Konzerte, auf ZDFneo Serien wie „Mad Men“ und „30 Rock“. Gleich drei Sendungen von ZDFkultur sind in diesem Jahr für einen Grimme-Preis nominiert worden. Kein Wunder.

Dass das ZDF mit seinen Kanälen ungleich erfolgreicher ist als die ARD, liegt aber auch daran, dass es besonders schamlos ist, was das besinnungslose Wiederholen von zuschauerträchtigen Programmen angeht. Auf ZDFkultur läuft pro Woche 12-mal „Unser Charly“, 13-mal „Ein Heim für Tiere“, 15-mal „Tierarzt Dr. Engel“ und 39-mal die „Hitparade“. ZDFneo macht seine Quoten nicht zuletzt mit Wiederholungen von irgendeiner „Soko“, „Inspector Barnaby“, „Raumschiff Enterprise“ und der schon von RTL endlos wiederholten „Nanny“. Und ZDFinfo punktet mit Hitler.

Eigentlich hat der feine „Elektrische Reporter“ seine Heimat auf ZDFinfo. Sein origineller regulärer Sendetermin scheint inzwischen der Sonntagvormittag um 11:30 Uhr zu sein. ZDFinfo wiederholt die Sendung aber auch montags gegen 4:40 Uhr, mittwochs gegen 4:35 Uhr, donnerstags gegen 0:20 Uhr, samstags gegen 4:30 Uhr und sonntags gegen 4:45 Uhr. Es scheint eine interne Vorschrift zu geben, die Sendung nicht zu einer Zeit ins Programm zu nehmen, in der mehr als zwei Dutzend Menschen sie zufällig entdecken und schätzen lernen könnten.*

Was aus dem einstigen Anspruch (oder wenigstens: Versprechen) von ZDFneo („Wenn ich mich nur berieseln lassen will, geh ich unter die Dusche“) geworden ist, hat Peer Schader neulich anschaulich dokumentiert. Zwischen den ganzen Wiederholungen und dem „Hollywood-Freitag“ fand er in einer Woche exakt 45 Minuten neues eigenproduziertes Programm. Sein Fazit über den Kanal:

Bloß ein auf Quotenoptimierung getrimmter Programmplanersender, der sein Publikum ausschließlich als Zahl hinter der Kommastelle bei der Marktanteilsauswertung kennt.

Und ZDFkultur ist praktisch schon Geschichte: Der Sender, der mit seiner Spezialisierung insbesondere auf Musik immerhin eine klare Identität hatte, eine höchst öffentlich-rechtliche noch dazu, soll „so rasch wie möglich“ auf ein „Wiederholungs- und Schleifenmodell umgestellt werden“, wobei eh längst schon nicht mehr klar ist, woran man erkennen können sollte, wann damit begonnen wird.

Ausgerechnet diesen — von Intendant Thomas Bellut ungeliebten — Sender glaubt sich das ZDF nicht mehr leisten zu können. Und hat dadurch, dass es ihn quasi schon als eingestellt betrachtet, den Trumpf in der Hand, dass der Etat, den es nach den Träumen der ARD mit in eine Jugendkanalehe einbringen soll, gar nicht mehr vorhanden ist.

„Wir haben ein Manko“, sagte Marmor. „Wir haben kein klar definiertes Angebot für die ganz jungen, die 14- bis 29-Jährigen.“
Und ich dachte, dass EinsPlus genau so ein Angebot sein wollte und sich bloß mangels Ausstattung, Kreativität und Kompetenz dabei nicht gut anstelle.

Was hätte das ZDF davon, mit der ARD zu kooperieren? Marmor sagte, man könne sich heute schon vorstellen, wie attraktiv ein Sender wäre, der die Stärken, die ZDFneo und Einsfestival haben, kombiniert. Worin die „Stärken“ von Einsfestival aktuell bestehen, sagte er nicht. Andererseits deutete er an, dass sich, wenn man Einsfestival und ZDFneo zusammenlegte, vielleicht Geld sparen könnte, das man dann wiederum in den Jugendkanal stecken könnte.

Wie sich tagesschau24 und ZDFinfo sinnvoll zusammenlegen ließen, weiß die ARD auch noch nicht. Aber das klingt natürlich erstmal gut, und der Privatsenderverband VPRT klatschte prompt Beifall.

Die Diskussion um die Zahl der Digitalkanäle ist ohnehin irreführend. Es kommt nicht darauf an, ob es sechs sind, fünf oder drei, sondern darauf, wie die Sender sie nutzen und ob sie einen klaren Mehrwert darstellen, und sei es auch nur für eine kleine Gruppe. ZDFkultur hat das im Ansatz gezeigt. Aber ZDFkultur wird gerade abgewickelt.

*) Nachtrag, 16:30 Uhr. ZDFinfo weist mich darauf hin, dass der „Elektrische Reporter“ um 0:20 Uhr nicht versteckt wird, sondern dort erwiesenermaßen mehr Zuschauer finde, auch in absoluten Zahlen, als wenn er nicht so spät in der Nacht liefe.

Bei Witzen versteht der NDR keinen Spaß

12 Feb 08
12. Februar 2008

In der „Süddeutschen Zeitung“ erschien gestern ein längeres Portrait über Lutz Marmor, den neuen Intendanten des NDR. Es analysierte sportliche Hobbys, Wandschmuck, Schreibtischmodell und Anzugwahl, um zum Ergebnis zu kommen: „Er ist freundlich, grundsätzlich gut gelaunt (…). Ein vergnügter, ehrgeiziger Rheinländer.“

Um die Frage zu klären, ob der neue Intendant des NDR Humor hat, hätte allerdings ein Blick auf einen Text genügt, der nur einen Bruchteil so lang war und am Tag zuvor in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ erschien. Er lautete:

Gegendarstellung

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung hat am 20. Januar 2008 auf Seite 50 den Artikel „Bitte nicht weitersagen“ veröffentlicht. Darin heißt es: „Als am Freitag vor einer Woche der NDR-Intendant Jobst Plog mit einer Gala im ‚Studio Hamburg‘ verabschiedet wurde, war sie (Anmerkung: gemeint ist Anne Will) trotzdem nur eine Notlösung. Denn eigentlich hätte Günther Jauch die Verabschiedung des Senderchefs moderieren sollen — sagte aber ab …“ Hierzu stellen wir fest: Günther Jauch ist nie um die Moderation gebeten worden. Er hat deswegen auch nie abgesagt. Anne Will sollte die Moderation von Anfang an übernehmen.

Hamburg, den 23. Januar 2008
Lutz Marmor, Intendant des Norddeutschen Rundfunks
Dr. Werner Hahn, Justitiar des Norddeutschen Rundfunks

Ich hoffe, irgendwer hat den beiden inzwischen den Witz erklärt.