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Manfred Güllner, der Volks-Vertreter

25 Aug 15
25. August 2015

Manfred Güllner ist besorgt. Mit großem Unbehagen beobachtet er, dass die Eliten des Landes zunehmend auf das hören, was im Netz gesagt wird. Und nicht auf das Volk.

Das ist womöglich schlecht für das Land, denn die Leute, die sich im Internet artikulieren, sind nicht unbedingt repräsentativ für das Volk. Ganz sicher aber ist es schlecht für ihn, denn Güllner ist Meinungsforscher und lebt davon, anderen zu erzählen, was das Volk denkt und meint.

Wenn Forsa-Chef Manfred Güllner sich wortreich darum sorgt, dass die Politik nicht mehr auf das Volk hört, sorgt er sich in Wahrheit, dass die Politik nicht mehr auf ihn hört.

Das vergessene Volk

„Das vergessene Volk“ heißt Güllners Artikel, den heute mehrere Zeitungen, darunter der „Kölner Stadt-Anzeiger“ und die „Frankfurter Neue Presse“, als Gastbeitrag veröffentlicht haben. Anlass ist vorgeblich das 6. Hessisch-Thüringische Mediengespräch. Es findet zwar erst am 1. Oktober statt, aber man kann mit dem Vordenken ja nicht früh genug anfangen.

Man könnte Güllners Artikel leicht als eines der üblichen staatstragenden Essays missverstehen, die aus solchen Anlässen formuliert werden. Aber Güllner geht es um viel mehr als die Gesellschaft. Es geht ihm um sich selbst.

Das Forsa-Chef wettert gegen „das Netz“ und vor allem gegen das Missverständnis, dass es sich bei der großen Zahl von Bloggern, Kommentatoren, „Followern“ und „Freunden“ um einen „auch nur annähernd repräsentativen Querschnitt des gesamten Volkes“ handle:

Die angeblich den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärkenden „Communities“ bestehen überwiegend aus Vertretern von Partikular-Interessen – die ja durchaus legitim sein mögen -, meist aber aus Extremisten jedweder Couleur, Querulanten, in der Gesellschaft zu kurz Gekommenen – wie jenes „Medienjournalisten“, bei dem es zu einem ordentlichen Journalisten nicht gereicht hat – oder selbst ernannten Advokaten, die unter dem Deckmantel „hehrer Ziele“ nur ihre ideologischen oder persönlichen Süppchen kochen wollen – zum Beispiel solch undurchsichtigen Gebilden wie „Lobby-Control“, etc..

Huch, „Medienjournalist“? Er wird doch nicht schon wieder mich gemeint haben?

Für das Publikum der Tageszeitungen, die sich von Güllner vollschreiben ließen, dürfte das eine eher rätselhafte Referenz sein. Aber vielleicht tun ja einige der Leser das, was ich gemacht habe, weil ich über das für mich ähnlich rätselhafte Abwatschen von „Lobby-Control“ gestolpert bin, und googlen ein bisschen und werden schlauer.

Wenn man nach Lobby-Control und Güllner sucht, findet man auch sehr schnell eine gute Erklärung für den kleinen Wutpickel in Güllners Text: „Lobby-Control“-Aktivist Timo Lange hat Meinungsforscher wie Forsa vor ein paar Jahren in einem „Handelsblatt“-Interview kritisiert:

Diese Institute liefern zum Teil bestellte Wahrheiten. Forsa beispielsweise hat mal eine Umfrage für die Deutsche Bahn zur Bahnprivatisierung gemacht, vermittelt über eine Agentur. Gefragt wurde nach den Vorteilen einer Privatisierung, die Nachteile wurden erst gar nicht thematisiert. Platziert wurden die Ergebnisse dann sehr geschickt am Tag der Expertenanhörung zur Bahnprivatisierung im Bundestag. Das floss dann natürlich in die mediale Berichterstattung mit ein, mit dem Tenor: Experten sehen Privatisierung kritisch, die Bürger versprechen sich aber davon einen besseren Service.

(Dass die Forsa-Fragen „einseitig bahnfreundlich formuliert“ waren, hatte 2009 auch der PR-Rat festgestellt.)

Güllners Essay lässt sich also auch als Bewerbung zum Präsidenten des Retourkutscherverbandes lesen. Unter dem Deckmantel „hehrer Ziele“ kocht er seine persönlichen Süppchen – Moment, wo hatte ich das gerade noch gelesen?

Nun sind die Fragen, die Güllner scheinbar aufwirft, wichtig und richtig: Wie gehen Entscheider in Gesellschaft, Medien und Politik mit den Wortmeldungen im Netz um? Wie ordnet man sie ein, welche Bedeutung misst man ihnen bei? Wie verhindert man es, sich von einem vermeintlichen „Shitstorm“ von einer Handvoll lautstarker Krakeeler einschüchtern zu lassen, erkennt aber, wenn nötig, auch die darin enthaltene Relevanz?

Güllner ist aber an dieser Diskussion nicht gelegen, denn er hat eine einfache Antwort auf diese Fragen: Alles ignorieren. Wenn ich wissen will, was das Volk bewegt, darf ich auf keinen Fall ins Netz gucken. Ich muss in die Markt- und Meinungsforschung gucken, die ich bei einem Institut wie, sagen wir, Forsa in Auftrag gegeben habe. Güllner vertritt das Volk (und nicht etwa das komische Volk, das sich im Netz äußert).

Der Forsa-Geschäftsführer sagt nicht nur, das die Wort-Meldungen im Netz nicht repräsentativ sind. Er erklärt sie für vollständig irrelevant:

Sie können (…) nicht als eine Art „Schwarm-Intelligenz“ gewertet werden; denn anders als bei dem historischen Beispiel der „Ochsenfleischzählung“ von 1906, als das Gewicht des Ochsen trotz großer Abweichungen der individuellen Schätzungen im Durchschnitt exakt eingeschätzt wurde, finden sich im „Netz“ ja durchweg nur von der Mehrheit völlig abweichende Positionen, so dass die behauptete identitätsstiftende Wirkung des „Netzes“ nicht stattfinden kann.

Nach Güllners Worten finden sich im Netz „durchweg nur von der Mehrheit völlig abweichende Positionen“. Die Mehrheitsmeinung, die Ansichten des Mainstreams, sie sind für ihn hier nicht nur unterrepräsentiert. Sie sind nicht vorhanden. Normale Menschen mit normalen, vernünftigen Mehrheitsmeinungen äußern sich nicht im Netz. Alle im Netz sind bekloppt.

Und für den Fall, dass der Leser glauben könnte, dass Güllner da in seiner Wut vielleicht einfach mal etwas übertrieben formuliert hat – sagt er es sicherheitshalber drei Sätze später noch einmal:

Die im Netz vorzufindenden Äußerungen und Kommentare werden [von politischen und gesellschaftlichen Eliten] missinterpretiert als Meinung des Volkes, obwohl es sich ja in der Regel nur um völlig abwegige Artikulationen von Minderheiten handelt.

In der Regel nur um völlig abwegige Artikulationen von Minderheiten.

Die Demütigung, die er mit dem Verlust der Deutungshoheit erfährt, scheint für Manfred Güllner unerträglich zu sein. Und dann muss er auch noch Widerspruch und Kritik von Leuten hinnehmen, die nicht selbst Manfred Güllner sind! Er macht, was er dem „Netz“ vorwirft: durchweg extremisieren. Und größere Zeitungen des Landes geben ihm dafür und für ein paar billige Polemiken gegen seine Kritiker gerne das dafür notwendige Papier.

Wer in erster Linie auf das „Netz“ hört, verliert (…) schnell das Gespür dafür, was das Volk insgesamt wirklich umtreibt, bewegt, besorgt oder beunruhigt. Damit aber verärgert man die große Mehrheit des Volkes nachhaltig. Zu Recht beklagen ja die immer zahlreicher werdenden Nichtwähler, dass die politischen Akteure sich zu sehr an den Meinungen und Interessen von Minoritäten orientieren, die Interessen der großen Mehrheit des Volkes aber unberücksichtigt lassen.

Ja, das beklagen Nichtwähler. Ich bin mir aber nicht sicher, ob sie damit meinen, dass Politiker zu sehr auf das Netz hören. Vor allem aber haben Nichtwähler mit dem Netz überhaupt erst die Möglichkeit zu sagen, warum sie nicht wählen, und sie tun es in Scharen.

Güllner aber setzt seine Geisterbahnfahrt fort:

Noch reagiert dieser Teil des Volkes, der sich nicht mehr verstanden und vertreten fühlt, nicht mit aggressivem Wahlverhalten, sondern „nur“ mit Wahlverweigerung. Doch die historische Erfahrung in Deutschland mit der Zerklüftung und Polarisierung der Gesellschaft sollte Warnung genug sein, um ähnlich gefahrvolle Entwicklungen nicht wieder entstehen zu lassen. Nicht um „communities“ sollten sich deshalb die Eliten der Politik, Wirtschaft, Kultur und Medien kümmern, sondern um das Volk insgesamt, das sich immer mehr vergessen vorkommt.

Es ist sicher kein Zufall, dass Güllner hier immer vom „Volk“ als Ganzem spricht und nicht vom Bürger als einzelnem. Er plädiert nicht für Bürgernähe, die man zum Beispiel als Politiker zum Beispiel in sozialen Medien und vor Ort erreichen kann. Er plädiert dafür, herauszufinden, was „das Volk“ will. Und wer könnte das für einen herausfinden, wenn nicht ein Forschungsinstitut wie Forsa?

Wenn die Eliten des Landes aber zu sehr auf das Netz hören, droht mindestens der Untergang des Abendlandes, vielleicht sogar von Forsa.

Forsa-Chef Güllner entkräftet Kritik von drei Leuten an seiner Umfrage

20 Jul 15
20. Juli 2015

Manfred Güllner, der Chef des Meinungsforschungsinstitutes Forsa, hat am Wochenende im Deutschlandfunk Stellung genommen zur Kritik an den Methoden einer „Stern“-Umfrage. Unter dem Hashtag #forsafragen hatten sich viele Menschen auf Twitter über die Art der Fragestellung lustig gemacht, bei der man nur zwischen den Alternativen wählen konnte, Merkel für ihre Griechenland-Politik zu loben oder für einen erzwungenen Grexit zu sein. Auch renommierte Sozialforscher hatten Forsa handwerkliche Fehler vorgeworfen.

Martin Zagatta, Deutschlandfunk: (…) Ihr Institut ist ja zu dem Ergebnis gekommen in der jüngsten Umfrage, glaube ich, die Mehrheit hier in Deutschland sei mit Merkels Griechenland-Kurs zufrieden und vor allem vielen Anhängern der Grünen gefalle die Griechenland-Politik von Frau Merkel. Das ist von Experten ganz heftig kritisiert worden. Bleiben Sie bei diesen Aussagen oder war da die Fragestellung doch etwas verkürzt?

Manfred Güllner: Nein. (…) Wir haben ja hier tatsächlich danach gefragt, ob das, was Merkel an dem konkreten Wochenende gemacht hat, von der Mehrheit der Menschen gebilligt wird, und das ist eindeutig gebilligt worden, da gibt es ja auch andere Zahlen. Und die Kritik kam ja nur von drei Leuten, wenn ich das richtig sehe. Das eine war Herr Niggemeier, nun, dem haben wir mal versucht …

Zagatta: Ein Blogger.

Güllner: Ja, der schreibt ab und zu mal irgendwas …

Zagatta: Ja, der bekannteste Blogger in Deutschland.

Güllner: Ja, was heißt Blogger? Wir müssen auch immer sehen, repräsentieren die Blogger nun auch 80 Millionen Menschen in Deutschland und über 60 Millionen Wahlberechtigte. Und wenn da Herr Niggemeier mal ein paar Leute lesen, ist das ja weiß Gott nicht die Mehrheit.

Zagatta: Ja, aber Ihre Umfrage ist ja auch kritisiert worden von relativ renommierten Universitätsprofessoren.

Güllner: Ja, das sind zwei Leute. Ich habe gerade einen davon, das Buch hier, das ist der Herr Diekmann, der ein Buch über empirische Sozialforschung geschrieben hat, was ich meinen Studenten immer nicht empfehle zu lesen, weil es ein merkwürdiges Buch ist. Der sagt beispielsweise, um 1.000 Leute zu befragen, braucht man drei Wochen. Stellen Sie sich mal vor, wir würden für Sie eine Umfrage machen und würden Ihnen in drei Wochen Ergebnisse liefern, dann ist das doch schon längst im Hut! Nein, das sind Leute, die ich natürlich kenne und wie gesagt …

Zagatta: Ja, Herr Güllner, in diese Fachdiskussion will ich mich auch gar nicht einmischen!

Wann Forsa begann, für die SPD schwarz zu sehen

23 Jun 13
23. Juni 2013

Kommen wir noch einmal zurück auf Forsa, das Umfrageinstitut, das zuverlässig die spektakulärsten Umfrageergebnisse liefert und dabei die SPD besonders schlecht aussehen lässt.

Das war nämlich nicht immer so. Es gab eine Zeit, in der die Zahl der Menschen mit SPD-Wahlabsicht, die Forsa bei den Sonntagsfragen ermittelte, keineswegs nach unten von den Ergebnissen der Konkurrenz abwich. Es ist relativ einfach, diese Zeit zu umschreiben: Es war die Regierungszeit von Gerhard Schröder.

Forsa-Chef Manfred Güllner war einer der wichtigsten Berater des Bundeskanzlers. Die beiden kannten sich schon länger. Schröder war angeblich fasziniert davon, dass Güllner im Wahlkampf 1994 früh deutlich gesagt habe: „Der Scharping schafft’s nicht.“ Und Güllner schätzt Schröder noch heute außerordentlich, weil er der einzige Politiker gewesen sei, den er erlebt habe, der richtig mit Umfrageergebnissen umgehen konnte.

Der SPD war Güllner suspekt, weil sie meinte, dass er Schröder darin bestärkte, die „falsche“ Politik zu machen — Politik, die laut Güllner von einer Mehrheit der Bevölkerung gutgeheißen wurde.

Die Zeitschrift „Cicero“ beschrieb es 2007 in einem Portrait so:

Der Forsa-Chef misstraut dem SPD-Apparat und der SPD-Apparat misstraut Forsa. Aber vermutlich trägt genau die­se Erfahrung dazu bei, dass Manfred Güllner und Gerhard Schröder schnell Freunde werden. Schließlich war Schröder schon früh davon überzeugt, dass er nicht mit der SPD, sondern nur gegen sie Kanzler werden kann. Da es bei Schröder gelegentlich recht populistisch zugeht, kann er Güllners Zahlen gut gebrauchen. Und als es der sozialdemokratische Außenseiter 1998 endlich geschafft hat, geht Güllner anders als im Willy-Brandt-Haus im Kanzleramt ein und aus. Auf die Forsa-Zahlen hört Schröder mehr als auf seine Genossen.

Güllner galt als „Schröders Freund“, was ihm und seinem Forsa-Institut nach eigener Einschätzung in der Wirtschaft sehr geschadet hat, aber in der SPD auch nichts brachte. Als Schröder abgewählt wurde, endete damit auch der unmittelbare Einfluss Güllners.

Güllner und die SPD — das ist die Geschichte einer enttäuschten Liebe. Es ist faszinierend, vor dem Hintergrund dieser Beziehung die Umfragewerte der SPD zu analysieren, die Forsa liefert.

In der aktuellen Wahlperiode liegt die SPD bei Forsa, wie gesagt, rund drei Prozent schlechter als im Schnitt der anderen Umfrageinstitute. In der ersten Amtszeit Schröders war das ganz anders. Vor allem nach dem Rücktritt Lafontaines fügten sich die Forsa-Zahlen unauffällig ins Gesamtbild ein:

Nach der Bundestagswahl 2002 ein ähnliches Bild. Es ist die Forschungsgruppe Wahlen, die die SPD konsequent abweichend bewertet: deutlich stärker als die Konkurrenz. Forsa aber neigt in keiner Weise dazu, die Wahlchancen der Sozialdemokrten auffallend negativ zu beurteilen:

Die von Forsa ermittelten SPD-Zahlen brechen dann aber nach unten aus, nachdem Güllners Freund Schröder das Kanzleramt verlassen hat und die SPD kein Interesse zeigt, weiter auf seinen Rat zu hören. Vor allem in der Zeit, in der Kurt Beck den Bundesvorsitz führt, aber schon beginnend unter Matthias Platzeck entfernen sich Forsas SPD-Zahlen von denen der anderen Institute: nach unten. Erst unter dem kommissarischen Vorsitz von Schröders früherem Vertrauten Frank-Walter Steinmeier springt die Forsa-Kurve plötzlich wieder in den Bereich der anderen Umfragen.

Nun kann man allerhand Verschwörungstheorien entwickeln, ob jemand ein Interesse daran hatte, Beck mit besonders negativen Zahlen aus dem Amt zu drängen. Tatsache aber ist, dass die Abweichung der Forsa-Werte für die SPD von denen der anderen Institute, ja nach Parteivorsitzendem deutlich anders ausfällt.

SPD-Vorsitzender Forsa Emnid Infratest FW Allensb.
Lafontaine 38,5 40,2 40,2 43,6 38,2
Schröder 35,2 35,2 34,9 36,2 33,8
Müntefering 29,4 28,9 29,0 29,8 29,0
Platzeck 30,0 30,5 31,7 32,9 31,6
Beck 24,5 28,4 29,0 28,3 28,7
Müntefering 23,3 25,1 24,7 24,9 24,7

(Tabellendaten umfassen nur Zeitraum zwischen BTW 98 und BTW 09.)

Fassen wir zusammen: Forsa hat nicht immer schon die Wahlchancen der SPD besonders niedrig eingeschätzt. Zur Amtszeit von Kanzler Schröder und insbesondere während dessen Zeit als SPD-Vorsitzender wichen die ermittelten Umfragewerte von Forsa kaum von denen der Konkurrenz ab. Danach aber tat sich eine Kluft auf, besonders unter Kurt Beck als SPD-Vorsitzendem. Im Schnitt um vier Prozentpunkte lagen die Forsa-Werte zu seiner Amtszeit unter denen der Konkurrenz.

Auf Nachfrage der „Süddeutschen Zeitung“ sagte Güllner 2007:

Ich sitze nicht hier und denke mir aus: Wie kann ich Herrn Beck schaden oder der SPD? (…) Wir würden zu Recht verprügelt, wenn ich persönliche Rachegelüste verfolgen würde. Wir referieren nur, was die Menschen uns sagen.

Die Menschen scheinen Forsa damals plötzlich etwas anderes gesagt zu haben als den anderen Umfrageinstituten. Und heute wieder.

(Hinweis, falls das nicht eh klar ist: Meine Berechnungen und Diagramme genügen keinen wissenschaftlichen Ansprüchen, sondern sind relativ grobe Näherungen. Quelle aller Umfragedaten: wahlrecht.de)

Forsa, das Institut mit dem Umfrage-Schock-Generator

20 Jun 13
20. Juni 2013

Manfred Güllner hat es noch drauf. Nach all den Jahren und trotz der Flut von Umfragen konkurrierender Unternehmen schafft er es immer noch zuverlässig, mit seinem Forsa-Institut Werte in der „Sonntagsfrage“ zu ermitteln, die die größten Schlagzeilen produzieren.

„SPD stürzt in Umfrage auf 22 Prozent ab“, titelte Reuters. „Umfrage: SPD fällt auf 22 Prozent — Mehrheit für Schwarz-Gelb“, meldete dpa.

Die Online-Medien drehten bei der Übernahme dieser Nachricht routiniert den Lautstärkeregler auf: Einen „Umfrage-Schock für die SPD“, diagnostiziert Bild.de, „Die SPD macht schlapp“, formuliert n-tv.de; „Katastrophale Wahl-Umfrage“, krakeelt „Focus Online“. Und beim „Stern“, gemeinsam mit RTL Auftraggeber der Umfrage, ist der Konjunktiv tabu und deshalb die Wahl schon gelaufen: „Schwarz-Gelb hat die Mehrheit“.

Die aktuelle Forsa-Umfrage ist im Schnitt nicht aktueller als die, die Infratest Dimap am vergangenen Freitag veröffentlicht hat. Über die hat aber allem Anschein nach niemand berichtet. Warum auch? Die SPD verliert einen gerade erst gewonnenen Prozentpunkt wieder und kommt auf 26 Prozent, die Grünen gewinnen einen Prozentpunkt, die FDP bleibt bei 4 Prozent, alles wie gehabt. Wenn die Leute von Infratest Dimap in die Schlagzeilen wollen, müssen sie sich schon ein bisschen mehr anstrengen, aufregendere Ergebnisse zu produzieren.

Auch die gerade veröffentlichten Ergebnisse von Allensbach, wonach SPD und CDU gegenüber dem Vormonat leicht verlieren, Grüne und Linke leicht gewinnen, scheinen es nicht über die Aufmerksamkeitsschwelle geschafft zu haben.

Bei Forsa dagegen ist immer was los. Wenn nicht gerade die SPD abstürzt, kracht die FDP in den Keller: Zwei Prozent wollten Anfang Januar der Partei angeblich nur noch ihre Stimme geben. Bei keinem anderen Umfrageinstitut war der Höhenrausch der Piraten so heftig: Bis auf 13 Prozent ließ Forsa sie im Bund steigen.

Bei Forsa explodierten die Werte der Grünen bundesweit nach der erfolgreichen Landtagswahl in Baden-Württemberg im Frühjahr 2011 innerhalb von drei Wochen von 15 auf 28 Prozent. Und nur bei Forsa lagen die Grünen dann viele Wochen teils mit großem Vorsprung vor der SPD, was dafür sorgte, dass aufgeregt die Frage diskutiert werden musste, ob sie nicht einen eigenen Kanzlerkandidaten stellen sollten.

Dank der Mechanismen der Medienwelt werden solche Ausreißer nicht mit entsprechender Vorsicht behandelt, sondern produzieren die größten Schlagzeilen. Das Unwahrscheinliche ist nicht unwahrscheinlich, sondern sensationell. Skepsis hat eine umso kleinere Chance, je notwendiger sie wäre.

Als ich vor ein paar Monaten für den „Spiegel“ darüber geschrieben habe, erzählte mir Klaus-Peter Schöppner, Geschäftsführer von TNS Emnid, dass er sich von seinen Auftraggebern gelegentlich fragen lassen müsse: „Wieso habt ihr nicht ständig die schönen Zacken in euren Kurven?“

Doch die Zahlen von Forsa neigen nicht nur grundsätzlich zur Überreaktion; sie schätzen systematisch die Chancen der SPD niedriger ein als sämtliche andere Institute. Es gibt Theorien, warum die besondere Beziehung von Güllner zu der Partei dafür verantwortlich sein soll. Man kann die glauben oder nicht. Tatsache ist: Forsa ist immer für „Umfrage-Schocks“ für die SPD gut.

Ich habe mir mal die Mühe gemacht, alle SPD-Ergebnisse der Sonntagsfragen von Emnid, Allensbach, Infratest Dimap, der Forschungsgruppe Wahlen und Forsa seit der letzten Bundestagswahl in einem Diagramm aufzutragen:

Klicken macht groß, aber schon in der verkleinerten Version ist unübersehbar, wie konsequent Forsa die Absicht der Menschen, die SPD zu wählen, geringer einschätzt als die anderen.

Über den Zeitraum seit der Bundestagswahl kam die SPD im Wochenschnitt bei den einzelnen Instituten auf folgende Werte:

Forschungsgruppe Wahlen: 28,5 %
Allensbach: 28,0 %
Infratest Dimap: 27,7 %
Emnid: 26,9 %
Forsa: 24,7 %

Das ist bemerkenswert: Der Abstand von Forsa zu dem nächsten Institut ist größer als die Varianz zwischen den vier anderen Instituten. Die Abweichung begann schon kurz nach der Bundestagswahl (SPD: 23 Prozent), als Forsa die Partei auf unter 20 Prozent fallen sah.

Nun beweist die systematische Abweichung keineswegs, dass Forsa konsequent daneben liegt. Möglich ist auch, dass Forsa als einziges Institut die niedrigen Wahlchancen der Partei realistisch einschätzt. Das ist allerdings nicht ganz so wahrscheinlich.

Die Abweichung ist das, was der amerikanische Statistik-Freak Nate Silver als „House Effekt“ bezeichnet. Silver wurde nach der amerikanischen Präsidentschaftswahl in ungefähr allen deutschen Medien gefeiert für seine Analysen und Auswertungen der Meinungsumfragen.

Das deutsche Wahlsystem ist nicht so komplex, dass es eines Nate Silvers bedürfte. Es würde schon reichen, wenn die Medien die Umfrageergebnisse von Forsa als das einordnen würde, was sie sind: eine auffallende Minderheitenmeinung.

Die Agentur dpa hat das zumindest sehr indirekt gestern mit dem Satz gemacht:

Zwar werden dem Institut Forsa im Willy-Brandt-Haus tendenziöse Umfragezahlen unterstellt.

Aber nur, um die Zahlen in der Folge wieder als Realität zu nehmen und als Ausgangspunkt, um darüber zu spekulieren, was es für Folgen für Sigmar Gabriel hätte, wenn die SPD im Bund ihr bisher schlechtestes Wahlergebnisses von 23 Prozent (2009) im 150. Jahr des Bestehens der Sozialdemokratie unterbieten würde.

Ein Szenario, das im Moment nur laut Forsa der aktuellen politischen Stimmung entspräche.

(Quelle aller Umfragendaten: wahlrecht.de)