Tag Archive for: Markus Lanz

Was mit „Wetten, dass“ stirbt: Das Genre der „Wetten, dass“-Kritik

13 Dez 14
13. Dezember 2014

Gehen wir zurück ins Jahr 1987 und blenden uns ein in die Rezension der damals noch an einer mittelschweren Parenthesie leidenden „Neuen Zürcher Zeitung“ über die Premiere von Thomas Gottschalk als Moderator von „Wetten, dass“:

Jedenfalls hat der ein überschweres Erbe antretende Gottschalk ein Début gegeben, das sich sehen lassen kann. Nicht mehr der mitunter enervierend „aufgestellte“ Zappelphilipp begegnete einem; zwar nicht domestiziert, aber — zu seinem eigenen Vorteil — zurückgebunden, führte er zunehmend unverkrampfter durch die Wettspielshow, liess die von ihm erwarteten sarkastischen Seitenhiebe nicht missen, dosierte sie aber unter Eliminierung jeder Schnoddrigkeit auf das zuträgliche Mass — und traf mehrheitlich ins Schwarze.

Kann sein, dass das Lampenfieber, das Gottschalk zu Beginn des Abends augenscheinlich gehörig plagte, eine heilsam dämpfende Wirkung zeitigte. Gerade die kleinen Unsicherheiten, die Versprecher, sekundenlang sichtbar werdende Hilflosigkeit, schlagen ja nicht a priori negativ zu Buche. Vielmehr dürften sie die Sympathie des Publikums erhöhen; denn wer mag schon einen perfektionierten Unterhaltungsroboter.

Gelingt es dem zweifellos über eine gute Portion Mutterwitz und handwerkliches Können verfügenden Gottschalk, weder programmierte noch programmierbare menschliche Unmittelbarkeit dieser Art beizubehalten, zugleich die paar negativ wirkenden Misstritte — etwa die abrupte Unterbrechung von Gesprächspartnern oder andere, sofort als Zeichen von Kaltschnäuzigkeit ausgelegte Ungereimtheiten im Umgang mit seinen Gästen — zu vermeiden, ist er auf einem guten Weg.

Mit „Wetten, dass“ stirbt heute auch das Genre der „Wetten, dass“-Kritik. Jemand müsste mal nachhalten, wie viele Quadratkilometer Platz dadurch jährlich in deutschen Tageszeitungen frei werden und wie viele Kapazitäten in den Online-Redaktionen. Abgesehen vielleicht vom „Tatort“ ist wohl keine Fernsehsendung hierzulande so manisch und obsessiv besprochen worden wie diese Show.

Eigentlich wollte ich zu deren Abschied eine ausführliche Würdigung des journalistischen Genres der „Wetten, dass“-Kritik schreiben. Aber der Textkorpus war einfach zu groß. Und die Auswertung zu ermüdend — auch wenn genau das das Ziel der Übung gewesen wäre: die Eintönigkeit und fehlende Originalität über die Jahre zu demonstrieren.

Sprachlich kommt an die oben zitierte NZZ-Kritik natürlich niemand heran. Allerdings bemühte sich auch die FAZ nicht unerfolgreich um eine gewisse Unverständlichkeit. In der Besprechung der ersten „Wetten, dass“-Sendung bestaunte sie am 16. Februar 1981 „die Macht des Apparates“:

Vor allem aber präsentiert das Fernsehen seine technische Potenz. Ein Computer für Zuschauervoten ist da, Direktschaltungen zu fernen Orten gelingen, Bildmontage, Verzerrer und Zeitlupe sind nötig. Aus dem bunten Abend, von dem die Unterhaltungsshow abstammt, ist ein gigantischer Jahrmarkt geworden, der etwas inzwischen Abstraktes vermitteln soll: Freude. Fast selbstverständlich sind die Mitspieler und auch der Moderator dem Apparat unterlegen: Was passiert, soll ganz unvorbereitet wirken. „Natürlich bin ich präpariert“, rief Curd Jürgens dazwischen. Die Kandidaten schmuggeln zwar noch etwas Persönliches in ihr Wettangebot ein, wie etwa die Geburtsdaten der Familie. Die Sendung aber schient etwas anderes von ihnen zu wollen, ein auf die Rolle reduziertes Verhalten. Die beiden Stars im Team mußten noch einmal ihre vergangenen „Images“ spielen, statt den dazu inzwischen gewonnenen Abstand darstellen zu können.

Vielleicht ist das der Grund, warum ihnen das Mitmachen so schlecht gelang. Frank Elstners auf Unmittelbarkeit zielende Gesprächsführung konnte sich nicht gegen den Apparat durchsetzen. Ein gieriger Zuschauer soll bedient werden, der sich am Monströsen ergötzt und alles sofort haben will.

Das Fernsehen bildet, das zeigten viele Elemente der Show, gegen die Beiträge seiner Mitspieler eine eigene Tradition aus, indem es auf frühere Sendungen zum Beispiel von Peter Frankenfeld, Hans-Joachim Kulenkampff und Lou van Burg zurückgreift. Es scheint so, als ginge im Verlauf dieser Tradition der Sinn der Einzelideen langsam verloren.

Sechs Jahre später verabschiedete die NZZ Frank Elstner aus der Show mit folgenden, offenkundig lobend gemeinten Sätzen:

(…) Frank Elstner ist im Grunde kein Showmaster, auch er ist nur ein Präsentator, einer jedoch, der sein Handwerk beherrscht. Dass er stets gut vorbereitet auf die Bühne kommt, dass er von seinen Gästen, die er aus den Reihen der politischen und der Bühnen– sowie der Sportprominenz holt, weiss, was es in diesen Augenblicken der Schaustellung und des leichtzüngigen Geplauders zu wissen gilt, das ist für ihn eine Selbstverständlichkeit. Und dass er dieses zugeschnittene Wissen um Personen und Situationen heiter, gelassen und gängelnd seinem Publikum vorsetzt, lässt ihn sogar als intelligent erscheinen.

Sic!

Was Frank Elstner auszeichnet, womit er spielt, das ist sein Charme, ist die Liebenswürdigkeit, mit der er auf die Menschen, die Gäste also, die wetten, aber auch und vor allem die Konkurrenten im Wettbewerb, zugeht. Er biedert sich ihnen zwar nicht an, aber er ist auf eine ganz natürliche Art freundlich mit ihnen, lässt es an Respekt nie fehlen; er bringt Respekt nicht bloss vor Leuten von politischer Prominenz auf, in diesem Fall vor Oberbürgermeister Diepgen, sondern behandelt den kleinen Mann so umgänglich wie den grossen, und wie er diesem gegenüber nie unterwürfig wird, klopft er dem anderen nie auch in misslicher Jovialität auf die Schulter.

(…) Und auch jenem Zuschauer, dem das Unterhaltungsvergnügen eines solchen Showabends eher fremd ist, empfiehlt er sich in dieser seiner Natur.

Was mutmaßlich ungefähr bedeuten sollte: Natürlich gucke ich, der NZZ-Rezent, sonst so einen Quatsch nicht. Aber auch wenn es Quatsch ist, so ist es doch — zwar, aber — ganz ordentlich gemachter Quatsch.

„Wetten, dass“-Kritiken scheinen fast vom ersten Tag Abgesänge gewesen zu sein. Als Thomas Gottschalk 1987 zum ersten Mal moderierte, begann die „Süddeutschen Zeitung“ ihre Besprechung so:

Die große Samstagabend-Familienshow ist doch längst gegessen, sagen sie alle, die beim Fernsehen für Unterhaltung zuständig sind. Ein urdeutsches Fossil ist das, woanders gibt es so was längst nicht mehr. Wenn erst der Kuli nicht mehr mag und der Carrell aufhört, ist es sowieso aus.

Und als Thomas Gottschalk 1992 zum ersten Mal aufhörte, schrieb die „Welt“:

Gottschalk tritt ab von der Bühne der Samstagabendunterhaltung. Das ist schade, weil mit ihm endgültig auch das Familienfernsehen ihr [sic!] Ende gefunden hat.

Seinen Nachfolger Wolfgang Lippert begrüßte die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ mit perfidem Lob:

Es ging nichts daneben, Lippert ist ein ausgelernter Profi des Gewerbes. Er hat es in der verblichenen DRR gelernt und praktiziert. Wir müssen uns allmählich daran gewöhnen, daß es zu den Eigenschaften totalitärer Staaten gehört, nebenbei eine Bevölkerung, die nicht viel zu lachen hat, mit ordentlich ausgebildeten Volksbelustigern bei Laune zu halten. Die Leute, die das Metier beherrschen wie Lippert, sind ganz einfach gut ausgebildet. In seinem speziellen Fall sind sie sogar auf dem Weg, richtig gut zu werden. Lippert ist schnell, sympathisch, witzig und — völlig humorlos.

Er ist ein Symptom und nicht allein daran schuld, daß einen „Wetten, daß…?“ von Sendung zu Sendung immer verdrießlicher stimmen kann.

Lippert ging wieder, Gottschalk kam wieder, und die FAZ notierte zu seiner Rückkehr im Januar 1994 sorgfältig, was er alles nicht falsch gemacht habe:

Gottschalk unterlief in der Tat kein Fehler. Er entgleiste nicht im Gespräch mit Heinz Rühmann. Den reizenden alten herrn so sanftmütig zu umsorgen zeugte von liebenswürdiger Beißhemmung. Niemand kann hier etwas einwenden. Er beleidigte keine Kandidaten, und er hatte — wohl eher Verdienst der perfekten Logistik seines Teams — mit den „Scorpions“, der am besten als Hard-Rocker verkleideten Combo der Nation, und mit Meat Loaf stromlinienförmige Musikeinlagen.

Man könnte ein Quiz machen mit Versatzstücken aus „Wetten, dass“-Kritiken und fragen, ob sie zwei, zwölf oder zweiundzwanzig Jahre alt sind und in welche Moderatoren-Ära sie gehören. Es wäre ein sehr, sehr schweres Quiz. Das hier zum Beispiel:

Eines steht fest: Hätte der immer zu Gelächter bereite Sonnyboy diese Mischung aus selbstdarstellerischen bzw. nervösen Gesten und nicht gerade von den Sitzen reißenden Wetten vor einem Monat abgeliefert, wären die Kritiker des Moderatorenwechsels in den meisten ihrer Befürchtungen bestätigt gewesen. (…) Die Diskrepanz zwischen penetranter Eigenwerbung der Prominenten aus Politik, Kultur und Sport und ihrer späteren Überflüssigkeit, die läppische Einlösung der Wetteinsätze noch innerhalb der Sendung und die an sich gut gemeinte Kinderwette, aus der aber eine Präsentation von altklugen Vorschulsonderlingen zu werden droht, ist offensichtlich nicht der Weisheit letzter Schluß.

Das würde, mit kleinsten Variationen, zu fast jedem Moderator nach Elstner passen. Es war die Kritik der „Stuttgarter Zeitung“ vom 9. November 1992, also nach der zweiten Sendung mit Wolfgang Lippert.

Oder das hier:

Weil [der Moderator] den Leuten fast auf dem Schoß sitzt, jede Fremdheit leugnend, die erst Neugier möglich macht, kann er keine richtigen Fragen stellen. So fehlen jenseits einer gewissen Flottheit des Augenblicks auch Ironie und Selbstironie in seinem Programm. Anflüge von Humor werden da schon als Höchstleistung gefeiert. Der Rest aber ist Fröhlichkeit zum Anfassen. Auch wenn man gar nicht lacht.

Auflösung: Nicht Gottschalk, nicht Lanz, auch Lippert. In der FAZ aus Anlass seiner „Dernière“ Ende 1993.

All die Abgesänge auf „Wetten, dass“, sie sind in den letzten dreißig Jahren alle schon einmal geschrieben worden. Die „Berliner Zeitung“ im November 2000:

12,8 Millionen Zuschauer, 40 Prozent Marktanteil. Blendende Zahlen für das ZDF. Wie immer mit Gottschalk.

Aber diese Ergebnisse erscheinen inzwischen wie schwerfällige Gewohnheiten, wie ein Echo, dessen kräftiger Anfangsschrei lange zurückliegt. Es ist wie mit einer Ehe, die langsam erlischt, der Sex bleibt auf der Strecke, auch wenn man noch das Bett teilt. Thomas Gottschalk hat an Qualität verloren.

Der „Tagesspiegel“ stimmte einen Monat später zu:

Man ist noch kein Denkmals-Stürmer, wenn man „Wetten, dass…?“ die Qualität des ewigen Selbstläufers abspricht. Die ZDF-Show ist stehen geblieben. Sicher, kaum ein Mega-Star, der sich nicht aufs Sofa quetschen lässt, unbestreitbar, dass Gottschalk seine Live-Sendung fest im Griff hat. Aber das Berechenbare kann auch enttäuschen. Bestimmt wird Gottschalk immer den Unsicheren geben, wenn ein Super-Super-Model auftaucht, er wird Röcke, Selbstgehäkeltes und blondes Wallehaar tragen, mit präsentem Wortwitz punkten. Die Überraschungsmomente sind ganz, ganz klein geworden. Bei den Wetten überfällt den Zuschauer immer öfter das Gefühl, mehr mit Varianten von erprobter Geschicklichkeit als mit origineller Geschicklichkeit gelockt zu werden. In der jüngsten Ausgabe wurde die Reprise einer Wette von 1983 angeboten.

Das einzige, was vielleicht noch berechenbarer war als „Wetten, dass“: die Besprechungen von „Wetten, dass“.

Nachtrag, 16 Uhr. Für die FAZ habe ich zum Abschied der Sendung darüber geschrieben, wie „Wetten, dass“ immer als etwas Bedeutungsvolles behandelt wurde.

Gehirn-Gymnastik mit Hitler und Josef Joffe

13 Feb 14
13. Februar 2014

Josef Joffe, der Herausgeber der „Zeit“, äußert sich in der aktuellen Ausgabe zu Kritik an seiner Arbeit:

Ein Wort in eigener Sache: Dieser Autor hat vor zwei Wochen (Zeitgeist 6/14) mit Blick auf die „Raus mit Lanz“-Petition geschrieben: „In analogen Zeiten hieß es: ‚Kauft nicht beim Juden!‘“ Das geht gar nicht, echauffierten sich die Hohepriester des Digital-Tempels und deren Jünger.

(sic!)

„Die ZEIT sei ein ‚Scheißblatt‘, war einer der subtileren Kommentare. Und: ‚Mir fällt zu diesem Vergleich nichts mehr ein.‘ Dieser Spruch stammt übrigens von Karl Kraus, dem zu Hitler nichts mehr eingefallen war.“

Anscheinend habe ich Joffe also dadurch, dass ich geschrieben habe, dass mir zu seinem Vergleich nichts mehr einfällt, versehentlich mit Hitler verglichen.

Joffe hält den Nazi-Vergleich aber für zulässig, prinzipiell und konkret im Fall der Petition gegen Markus Lanz. Er kritisiert die „Sprachpolizei“ und schreibt:

Die Pauschalverdammung (…) verdeckt die eigentliche Frage: Wann ist der Vergleich legitim? Wieso ist die Kampagne gegen Markus Lanz anders als der Juden-Boykott? Beide kamen aus der Anonymität, beide wollten den Feind wirtschaftlich schädigen, beide mobilisierten das Ressentiment. Was war dann anders? Der Boykott dauerte einen Tag, am 1. April 1933; die Anti-Lanz-Kampagne steht noch heute im Netz. Natürlich ist das, was später für die Juden folgte, in nichts mit dem Fall Lanz zu vergleichen.

Maren Müller aus Leipzig, 54 Jahre alt, Betriebswirtin, alleinstehend, ehemalige SPD-Stadträtin in Borna, früher Mitglied bei Die Linke. Endlich weiß man mal, wie diese viel beschworene Anonymität im Netz aussieht.

Manche [Nazi-]Vergleiche (…) rangieren zwischen unzulässig und infam, manche sind legitim und richtig — zumindest regen sie das Gehirn zur Gymnastik an. Denken ohne Vergleichen ist nicht vorstellbar. Vergleichen ohne Denken ist unverzeihlich. Zum Schluss doch noch ein Rekurs auf Adolf H. Er hat offensichtlich Reflexe in den Hirnen hinterlassen, die selbst siebzig Jahre danach ihre Träger dazu animieren, auch den räsonierten Vergleich der Empörungslust zu opfern. Links wie rechts.

Wenn ich das richtig verstehe, ist der übermäßig Empörungslustige also laut Joffe nicht derjenige, der einen Vergleich mit den Nationalsozialisten anstellt, sondern derjenige, der einen solchen Vergleich als untauglich ablehnt. Letzterer sei ein spätes Opfer Adolf Hitlers.

PS: Joffes Irrtum, es gäbe eine Agentur, bei der man „kommerzielle ‚Shitstorm-Pakete‘“ in unterschiedlichen Größen kaufen könne, korrigiert die „Zeit“ — nicht.

Wie es sich liest, wenn sich „Die Zeit“ einmal fast ein bisschen korrigiert

05 Feb 14
5. Februar 2014

Ich habe vorhin etwas Verrücktes gemacht. Ich habe mir die neue Ausgabe der „Zeit“ gekauft, um nachzusehen, ob darin etwas über den Nazi-Vergleich der Vorwoche steht. Ob die angesehene Wochenzeitung in irgendeiner Weise auf die Kritik daran eingeht, dass ihr Herausgeber Josef Joffe meinte, eine Online-Petition gegen einen öffentlich-rechtlichen Moderator sei das heutige Pendant zum „Kauft nicht beim Juden!“ der Nationalsozialisten in den dreißiger Jahren. Oder ob die angesehene Wochenzeitung wenigstens Joffes Behauptung korrigiert, man könne „‚Shitstorm-Pakete‘ in den Größen von S bis XL“ kaufen, zum Preis „von 5000 bis 20.000 Euro“.

Das Geld hätte ich mir sparen können.

Ich muss mich allerdings in einem Punkt korrigieren.

Joffe hatte die Sache mit der „Shitstorm-Agentur“ ja mutmaßlich aus der „Zeit“. Sein Kollege Peter Kümmel hatte dort vor einem Jahr über ein entsprechendes Unternehmen namens „Caveman“ berichtet, das sich später als Fake herausstellte. Die „Zeit“ hätte ihre Leser nicht darüber informiert, dass sie ihnen eine Ente serviert hatte, schrieb ich.

Das stimmt nicht ganz. In Wahrheit hat Kümmel zwei Wochen nach seinem Original-Artikel noch einmal über „Caveman“ berichtet. Der Text geht so:

Die schönsten Märchen handeln davon, dass sich eine böse in eine gute Macht verwandelt. Zum Beispiel: Aus dem feuerspeienden Drachen wird ein sanftes Wesen. So ein Märchen wird hier erzählt.

Kürzlich berichteten wir in diesem Blatt über einen modernen feuerspeienden Drachen, nämlich über den Shitstorm — also über Menschen, die sich im Internet zur Hetzmeute formieren und sozusagen vermummt über einen unvermummten Einzelnen herfallen (ZEIT Nr. 14/13). Bei der Recherche zu diesem Text begegnete uns auch der für ein gutes Märchen unbedingt erforderliche böse Zauberer. Der böse Zauberer hatte seinen Sitz in einer durchaus angesehenen Eventagentur namens Caveman, zu deren Dienstleistungen es gehörte, Shitstürme zu erzeugen (…).

Andere Zeitungen interessierten sich für den bösen Zauber. Am 5. April interviewte die Süddeutsche Zeitung den Sturm-Magier persönlich, einen Herrn namens Oliver Bienkowski, er ist der Chef der Agentur Caveman. Herr B. erklärte, dass er seine Shitstürme mit der Hilfe armer Menschen säe — er setze Obdachlose an PCs und lasse sie die ganze Arbeit tun. (…)

Noch am selben Tag aber wurde aus dem bösen Zauberer ein wohltätiger Prinz: Herr B., kaum war das Interview in der Welt, verkündete, er betreibe keine Shitstorm-Fabrik, er habe das alles nur erfunden, um die Öffentlichkeit auf die Nöte von Obdachlosen hinzuweisen.

Wir fragen uns nun: Was wäre passiert, wenn nicht eine Zeitung (also wir) die Sache öffentlich gemacht hätte? Was, wenn stattdessen ein Kunde gekommen wäre und der Agentur Caveman den Auftrag gegeben hätte: Lasst einen Shitstorm los! Wie hätte der Zauberer gehandelt? Hätte er mitgespielt? Hat der Shitstorm sich erst im Licht der Öffentlichkeit in einen guten Sturm verwandelt?

Nein, das halten wir für ausgeschlossen! Herr B. hat das Böse vorgetäuscht, um das Gute zu bewirken. Die kleine Geschichte kann einem den Glauben an die Menschheit wiedergegeben. In jedem Shitstorm steckt nämlich ein Aufschrei, ein gemeinschaftlicher Schmerz — ein Flehen um Güte und Mitgefühl. Man muss nur versuchen, es im Sturmgeheul zu hören.

Ich habe diese Zeilen jetzt mehrmals gelesen, und ich möchte nicht ausschließen, dass man in ihnen, wenn man sich erfolgreich durch den dichten Dschungel aus Geschwurbel und Metaphern kämpft, so etwas Ähnliches wie eine Ahnung von einer Annäherung an eine Korrektur findet.

Mehr kann man von dieser Zeitung offenbar nicht erwarten. Auch nicht, dass sie den Fehler ihres Herausgebers korrigiert, der auf eine Ente seine Blattes hereingefallen ist und womöglich auch auf die Art, wie sie ihn (nicht) korrigiert hat. Und auch nicht, dass sie dem alten Artikel im Internet einen Hinweis hinzufügt, dass er in einem entscheidenden Punkt falsch ist.

In der „Zeit“ stehen kluge, lesenswerte Texte. Und für die „Zeit“ arbeiten Menschen, deren Arbeit ich sehr schätze. Aber die „Zeit“ scheint nachhaltig geprägt von einer bestürzenden Kultur der irgendwie bildungsbürgerlich gemeinten Überheblichkeit und Abschottung, kombiniert mit bräsiger Selbstzufriedenheit. Vermutlich deshalb fällt es ihr so schwer, mit Kritik und Fehlern umzugehen. Und mit Phänomenen wie einer Online-Petition, mit der irgendwelche dahergelaufenen Menschen, von denen man nicht einmal weiß, ob sie Hochschulabschluss haben, Gehör und Aufmerksamkeit finden.

Anti-Lanz-Petition erinnert die „Zeit“ an Anti-Juden-Kampagne der Nazis

30 Jan 14
30. Januar 2014

Immerhin ist nun der Tiefpunkt der Debatte erreicht. Gesetzt hat ihn ein Mann namens Josef Joffe, und in jeder Kommentardiskussion im Internet hätte er sich dadurch disqualifiziert, dass er die Nazi-Karte gezogen hat.

Aber das hier ist keine Kommentardiskussion im Internet, das hier ist die superseriöse, superanständige, superbürgerliche Wochenzeitung „Die Zeit“. Josef Joffe ist ihr Herausgeber.

In der aktuellen Ausgabe schreibt er:

Markus Lanz hat ein unprofessionelles, ja nervendes Interview mit der Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht geführt, das — sagen wir’s so — der Wahrheitsfindung nicht gedient hat. Doch der eigentliche Skandal ist der Shitstorm, der nachdenkliche Menschen in die Depression treiben müsste. (…)

Gab’s nicht schon bei den alten Griechen eine tönerne Form des Scheiße-Orkans — das Scherbengericht? Ja, und auch damals ohne formelle Anklage und Verteidiger. Aber: Es musste ein Quorum her von mindestens 6000 Athenern und eine Abkühl-Pause. Zwischen dem Votum für einen Ostrazismus und der eigentlichen Abstimmung über die Verbannung (zehn Jahre) mussten zwei Monate liegen. So wurde verhindert, dass jemand durch eine selbst erwählte Minderheit in der momentanen Aufwallung aus Athen vertrieben wurde (er behielt Bürgerrechte und Besitz).

Ostrazismus ist, wie mir Wikipedia verrät, die latinisierte Version von Ostrakismos (ὁ ὀστρακισμός), und das bedeutet: Scherbengericht. Joffe spart sich durch das Wort also eine weitere Synonymsuche und beruhigt gleichzeitig „Zeit“-Leser, die durch das Wort „Scheiße-Orkan“ aufgeschreckt wurden: Hier schreibt jemand, der alt und gebildet genug ist, um auch die latinisierten Versionen von griechischen Wörtern von deutschen Wörtern zu kennen, und dessen Urteil über Dinge in der Welt also unbedingt zu trauen ist.

Leider weiß dieser gebildete Mann nicht, was eine Petition ist, obwohl das Wort aus dem Lateinischen kommt. Es bedeutet „Bittschrift, Gesuch, Eingabe“. (Ich habe zwar das Latinum, aber sicherheitshalber in der Wikipedia nachgeschlagen.) Es handelt sich — ich wiederhole mich — nicht um eine Abstimmung, die bei ausreichender Stimmzahl zur Folge hat, dass die jeweilige Forderung erfüllt wird. Es handelt sich um eine Bitte, die durch eine größere Zahl von Unterstützern nur lauter zu vernehmen ist, nichts mehr. Deshalb ist Joffes ganzer Quatsch mit dem Quorum und der Abkühl-Pause, nun: Quatsch. (Ich hatte jetzt keine Lust, für „Zeit“-Leser und –Autoren ein eindrucksvolles lateinisches oder griechisches Wort dafür rauszukramen.)

Aber Joffe kennt sich nicht nur in der Antike aus, sondern auch bei den Fallstricken moderner Kommunikation:

Heute bieten die Nachfahren kommerzielle „Shitstorm-Pakete“ in den Größen von S bis XL an — von 5000 bis 20 000 Euro. Warum auch nicht? Denn anders als bei einer rechtsstaatlichen Prozedur sind Klarnamen nicht nötig.

„Shitstorm-Pakete“, woher hat er das? Natürlich aus der einzig wirklich seriösen Quelle: der „Zeit“.

Die berichtete im vergangenen Frühjahr groß über „Shitstorms“ und schrieb:

(…) es gibt Spezialisten, die professionell Shitstorms säen. Die Agentur Caveman zum Beispiel verspricht folgende Dienste: „Wir potenzieren Ihren Unmut und fluten bei Facebook die Fanseiten mit Kommentaren und Likes. Wir halten uns hier streng an moralische Richtlinien. Wir garantieren die Anonymität unserer Auftraggeber.“

Caveman bietet vier „Shitstormpakete“ an: Shitstorm S kostet 4.999 Euro, geboten werden 100 Kommentare und 150 Likes. Shitstorm M: 9.999 Euro, 500 Kommentare, 300 Likes. Shitstorm L: 49.999 Euro, 3.000 Kommentare, 1.500 Likes. Shitstorm XL: 199.000 Euro, 15.000 Kommentare, 5.000 Likes.

Beeindruckend, die Detailfreude, aber in der „Zeit“ ist ja Platz.

Blöd nur, dass das Caveman-Projekt eine Satire war, eine „einzigartige Medienhacking Aktion“, wie es die Verantwortlichen inzwischen selbst nennen. Anfang April 2013 haben sie das zugegeben. Die „Süddeutsche Zeitung“, die auch über „Caveman“ berichtet hatte, entschuldigte sich sofort bei ihren Lesern und informierte sie darüber, „wie das SZ-Feuilleton auf eine fiktive Shitstorm-Agentur hereingefallen ist“.

Die „Zeit“-Redaktion dagegen hat nichts davon mitbekommen oder nichts mitbekommen wollen, jedenfalls ihre Leser nicht darüber informiert, dass sie ihnen eine Ente serviert hat.

Josef Joffe glaubt den Unsinn heute noch und verweist in seiner aktuellen Kolumne sogar auf den Artikel von damals. Er zitiert daraus das Urteil seines Kollegen Peter Kümmel: „Eigentlich handelt es sich beim Shitstorm um eine Steinigungs– und Verwünschungskultur.“ Und hatte wohl das Gefühl, noch einen draufsetzen zu müssen. Und so setzte er noch einen drauf:

In analogen Zeiten hieß es: „Kauft nicht beim Juden!“ Heute ist die Verwünschungskultur digital.

Mir fällt zu diesem Vergleich nichts mehr ein.

Es wäre auch sinnlos. Josef Joffe würde es ohnehin nicht verstehen. Schließlich ist er der Herausgeber der superanständigen, superseriösen, superbürgerlichen Wochenzeitung „Die Zeit“, und seine Texte sind schon deshalb über jeden Zweifel erhaben.

Ich bin mir sicher, er würde auch die Ironie nicht erkennen. Denn er schreibt weiter:

Früher musste ein Leserbriefschreiber noch die klappernde Olympia aus dem Schrank holen, Papier einspannen, tippen, streichen und neu tippen, eine Briefmarke auftreiben, den Brief zum gelben Kasten tragen. Er musste überlegen und formulieren, die Zeit verstrich — und die Wut verflog. Schon war eine Dummheit oder Gemeinheit weniger in der Welt.

Ich habe keine Ahnung, ob Joffe eine klappernde Olympia im Schrank oder auf dem Schreibtisch stehen hat. Aber ich gehe mal davon aus, dass es bei der „Zeit“ ein paar redaktionelle Abläufe gibt, die die Verzögerungsmechnanismen und Reflexionsanlässe, die Joffe hier beschreibt, simulieren, das Überlegen oder wenigstens das Formulieren. Und trotzdem hat es seine Dummheit oder Gemeinheit in die Welt geschafft, und ein paar Tausend oder Zehntausend oder Hunderttausend Leute, die meinten, sie müssten nicht schweigend jede Verirrung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks hinnehmen, den sie bezahlen, sehen sich nun in eine Reihe mit den Nazis gestellt und ihre Kritik an Lanz mit dem Hass auf Juden.

Immerhin: Das lässt sich nun nicht mehr übertreffen.

So mögen sie Gulaschsuppe essen: Eine Kritik der Kritik an der Lanz-Petition

27 Jan 14
27. Januar 2014

[Hier geht es nur am Rande um Markus Lanz. Bitte haben Sie ein paar Zeilen Geduld.]


Illustration: skizzenblog.clausast.de

Norbert Himmler, der Programmdirektor des ZDF, hat einen einfachen Trick gefunden, mit der Aufregung um seinen Star-Moderator Markus Lanz umzugehen. Dem „Spiegel“-Redakteur Alexander Kühn sagte er:

(…) Markus Lanz hat in mehr als 500 Sendungen einen hervorragenden Job gemacht. Dann geht es einmal nicht gut, und das sorgt dann für eine Riesenwelle. Das ist unverhältnismäßig.

Ja, das wäre, wenn es so wäre, wirklich unverhältnismäßig.

Wenn es also nicht so wäre, dass die Sendung mit Sahra Wagenknecht zwar extrem war, aber eigentlich typisch für die Art, wie Markus Lanz über Politik und mit Politikern redet. Und wenn es nicht so wäre, dass man Markus Lanz auch als Symptom und Symbol sehen kann für das, was im öffentlich-rechtlichen Rundfunk allgemein schiefläuft.

Der Programmdirektor des ZDF verleugnet, dass die Kritik an Lanz sich an der Wagenknecht-Show nur entzündet hat, aber grundsätzlicher Natur ist. Das kann man aus seiner Sicht nachvollziehen, so ignoriert sie sich viel leichter.

Erstaunlicher ist es, dass Journalisten dasselbe tun, zum Beispiel eben jener Alexander Kühn. Im „Spiegel“ schreibt er, ganz auf der Linie seines Gesprächspartners:

Tatsächlich hat Lanz sich nur dies zuschulden kommen lassen: Er hat bei einem Interview versagt.

Viele Kollegen beschreiben es ähnlich. Wenn aber so ist, dass Markus Lanz abgesehen von diesem einen blöden Ausrutscher mehr oder weniger untadelig seine Talkshow im öffentlich-rechtlichen Fernsehen moderiert, wie erklärt sich dann das nicht unbeachtliche Ausmaß an Kritik?

Ist doch klar: Weil im Internet ein schlimmer Mob regiert, der per se „unverhältnismäßig“ agiert, weil er es nicht erträgt, wenn seine virtuellen Fackeln und Mistgabeln mal für eine Minute unbenutzt in der Ecke herumstehen.

Kühn unterscheidet zwischen „Zuschauern“ und „dem Internet“:

Die Zuschauer werden es [Lanz] verzeihen. Das Internet tut es nicht.

In der Art, wie die professionellen Medien über die Kritik an Lanz im Netz berichten, werden wieder die Ressentiments der richtigen Journalisten gegen die unqualifizierten Normalbürger sichtbar, die im Netz plötzlich einfach die Absetzung von Moderatoren im öffentlich-rechtlichen Fernsehen fordern dürfen und dafür sogar Aufmerksamkeit bekommen. Beides war früher Journalisten vorbehalten.

Oliver Jungen schreibt auf FAZ.net:

Die Fronten waren klar vor dieser „Wetten, dass..?“-Ausgabe aus Karlsruhe. Die allermeisten Redaktionen sind — vielleicht ein wenig zu humorlos — gegen die Online-Petition gegen Markus Lanz zu Felde gezogen, wohl weil eine Sache in der Medienwelt inzwischen noch deutlich nerviger und aufdringlicher wirkt als der manchmal ungehobelte, oft ungelenke Fragestil von Markus Lanz: das ritualisierte Echauffieren einer selbstherrlichen Netzcommunity.

Da nutzt eine Frau, die sich über Lanz geärgert hat, das Mittel einer Online-Petition, und es finden sich schnell eine Reihe von Leuten, die ihre Wut teilen. Was genau macht daraus „das ritualisierte Echauffieren einer selbstherrlichen Netzcommunity“, wie Jungen lesbar angeekelt formuliert?

Und wie kommen ausgerechnet professionelle Medien, die ritualisiert jede „Wetten dass“-Sendung besprechen, als handele es sich um einen Staatsakt, dazu, anderen „ritualisiertes“ Verhalten vorzuwerfen?

Zum Schluss nennt Jungen die Leute, die Lanz im Internet kritisieren, noch „Netzjunkies“. Er erklärt diese Wortwahl nicht. Anscheinend versteht sich von selbst, dass jemand, der eine Online-Petition startet oder sie unterzeichnet, irgendwie süchtig sein muss. Jedenfalls: unzurechnungsfähig. Wie praktisch.

Ernstzunehmen ist nur die Kritik der nüchternen professionellen Kritiker.

Das wichtigste für die professionellen Lanz-Kritiker ist es, sich von den Laien-Lanz-Kritikern zu distanzieren. Antje Hildebrandt tut es am Anfang ihres Welt.de-Artikels explizit:

Das Bashing überlassen wir den Unterzeichnern einer Online-Petition, die — kein Scherz — die Absetzung von Markus Lanz im ZDF fordern.

Keine Ahnung, was genau sie zu dem Einschub „kein Scherz“ veranlasst hat. Dass die Forderung so abwegig ist? Oder dass es so abwegig ist, dass Leute sie aufstellen, die dafür nicht ausgebildet oder wenigstens von Verlagen bezahlt sind?

Schön aber natürlich die Konjugation unter Journalisten:

Ich kritisiere,
du kritisierst,
er/sie/es basht.

Später spricht Hildebrandt noch von den „Heckenschützen und Trittbrettfahrer[n] in dieser Koalition der Lanz-Hasser“ und behauptet, die Diskussion um die Online-Petition habe gezeigt, „wo das Bashing um des Bashings wegen aufhört und wo die Körperverletzung anfängt“. (Sie verrät dann die erkannte Position der Grenze leider nicht.)

Hajo Schumacher, ein Mann, der aus mir nicht ganz klaren Gründen keine Online-Petition starten muss, um seine Meinung in den Medien unterbringen zu können, bezeichnet die Kritiker der Sendung in der „Berliner Morgenpost“ nicht nur — „kein Scherz“, wie Antje Hildebrandt schreiben würde — als undankbar.

Petitionen seien auch gefälligst für ernsthafte Missstände zu reservieren (vermutlich meint er sowas wie den Skandal, dass das Computerspiel GTA V nicht für den PC erhältlich ist — die entsprechende Petition wurde bislang von 663.000 Unterstützern unterzeichnet). Dass Menschen, die die Talkshow von Markus Lanz mit ihren Rundfunk-Beiträgen mitfinanzieren, sich einfach anmaßen, dessen Arbeit zu kritisieren, ist für Schumacher jedenfalls „digitales Mobbing“. Und ist dann auch sofort bei der Körperverletzung:

Jemandem einfach mal eine reinzuhauen, digital und anonym, das scheint ein ewiges Bedürfnis zu sein, ganz wie früher in der Schule, als sich die Horde großer Jungs sehr stark vorkam, weil sie den bebrillten Schwächling kopfüber in den Mülleimer gestopft hatten. Was manche Schwarm-Intelligenz nennen, ist bisweilen animalische Rudel-Aggression.

Markus Lanz, der bebrillte Schwächling, verprügelt von der mächtigen Frau mit der Online-Petition? (Und womöglich war sich Schumacher nicht sicher, ob die Leser der „Berliner Morgenpost“ wissen, was ein „Rudel“ ist, und hat sicherheitshalber einfach noch „animalisch“ dazu geschrieben.)

Wie genau dürften nach Ansicht dieser Leute Bürger und Beitragszahler gegen etwas demonstrieren, das ihnen nicht gefällt, ohne das Wort vom „Rudel“ zu provozieren? Jeder schön einzeln, per Brief, ohne jemand anderem davon zu erzählen?

Es müsste, jedenfalls, irgendwie mutig sein. Auch das ist ein wiederkehrender Vorwurf an die Unterzeichner der Petition: Dass sie ja gar nicht mutig sind.

Alexander Kühn:

Im Schutz der Anonymität rufen die Ankläger: Ans Kreuz mit ihm! Und kommen sich wohl mutig vor.

Kommen sie wohl? Halte ich für einen völlig abwegigen Gedanken. Vermutlich muss man dafür „Spiegel“-Redakteur sein, um zu glauben, dass Menschen, die nicht den ganzen „Spiegel“-Apparat hinter sich haben, die Dokumentation, das Justiziariat, die Ressortleitung, eine schlichte Meinungsäußerung für „mutig“ halten.

„Spiegel Online“-Redakteur Christoph Sydow schreibt:

Der Schock über den Auftritt von Lanz sitzt offenbar so tief, dass viele erst jetzt den Heldenmut aufbringen, sich offen gegen ihn zu stellen.

Und auch der Moderator (und aktuelle Lanz-Gast) Jörg Thadeusz fomuliert in seiner Kolumne in der „Berliner Zeitung“ sarkastisch:

Wer Markus Lanz auch „irgendwie“ doof findet, bleibt auf dem Sofa liegen und klickt mal kurz. Mutiger Widerstand eben.

Ich weiß gar nicht, wer das behauptet hat, dass es „mutiger Widerstand“ wäre. Es ist ein bloßes Strohmann-Argument, um die schlichte öffentliche Meinungsäußerung von Menschen im Internet zu diskreditieren. Wäre es besser, wenn man solche Petitionen nur unterzeichnen dürfte, wenn man dabei auf einem Bein auf der obersten Stufe einer mindestens zwei Meter hohen Leiter balanciert? Wäre das mutig genug?

Auch David Hugendick betont auf „Zeit Online“ die „Gefahrlosigkeit des Unternehmens“, die aus den Lanz-Kritikern im Internet eine „Hetzmasse“ mache und ihn an das „Scherbengericht“ der Antike erinnert. Er spricht von „jene[r] bequeme[n] Ausprägung der digitalen Steinigungskultur, die ihre Akteure meist nicht mehr kostet als selbstgerechte Häme“.

Antje Hildebrandt sieht eine „merkwürdige Koalition von gefrusteten Gebührenzahlern, von ‚Wetten, dass..?‘-Nostalgikern und Twitter-Piraten“ am Werk, „die sich unter diesem Schirm der Petition versammeln“. Twitter-Piraten, klar. „Man ist geneigt“, fügt sie hinzu, „von einer Hasskampagne zu sprechen.“ Vermutlich ist „man“ sie selbst, aber ob sie nun von einer Hasskampagne sprechen würde oder nicht, bleibt gewohnt unklar.

Anika Riegert stellt im „Hamburger Abendblatt“ schockiert fest, dass sich der Link zu der Petition „wie ein hochansteckendes Virus im Netz“ verbreitet habe, und warnt:

Das Bedenkliche ist, so ein Klick ist gefährlich einfach. Man muss weder in ein Wahllokal gehen noch komplizierte Stimmzettel ausfüllen. Wer Lanz doof findet, kann das mit minimalstem Aufwand unterschreiben.

Klugerweise, ja: „klugerweise“, habe sich das ZDF aber bislang nicht öffentlich dazu geäußert. „Netzdemokratie hat glücklicherweise noch ihre Grenzen.“

Vielleicht müsste man ihr und vielen ihrer Kollegen einmal erklären, was eine Petition ist. Dass es sich um eine Bitte, ein Gesuch handelt, und nicht um eine Form der direkten Demokratie. Wenn sie eine große Zahl von Unterstützern hat, bedeutet das nicht, dass die Forderung erfüllt wird, sondern nur, dass sie entsprechend leichter Gehör findet.

Natürlich kann man die Petition kritisieren, Form und Inhalt von Lanz-Beschimpfungen und überhaupt die Empörungskultur im Netz und anderswo. Doch die Art, wie eine ganze Reihe professioneller Medien über die Petition berichten, zeigt, dass sie ein grundsätzliches und nachhaltiges Problem damit haben, dass ihnen das Kritik– und das Aufmerksamkeits-Monopol abhanden gekommen sind.

Andrian Kreye schreibt in der „Süddeutschen Zeitung“:

Es geht um die Empörung. Und da liegt auch schon das Problem mit der Petition gegen Lanz. Was sich als direkte Demokratie geriert ist nicht viel mehr, als eine Kundenbewertung.

Der Vergleich mit der Kundenbewertung ist nicht ganz falsch, auch wenn der Zuschauer im Fall des öffentlich-rechtlichen Rundfunks viel mehr ist als nur Kunde. Und auch wenn es durchaus nicht abwegig ist, dass die Menschen in Lanz einen echten Missstand sehen, der sich durch schlichtes Abschalten nicht beseitigen lässt.

Aber auch Kreye bemerkt nicht, dass es nicht die Petition ist, die sich „als direkte Demokratie geriert“. Es sind die Medien, die sie als Volksabstimmung behandeln und die Unterstützerzahlen als Sensation und ihr damit überhaupt erst die unangemessene Bedeutung geben, über die sie sich dann hinterher beklagen.

Ist wirklich die Petition Grund dafür, dass die Debatte so ermüdend und hysterisch wirkt? Oder sind es die Reaktions-Reflexe der Medien darauf, die nicht aufhören können, auf die steigende Zahl der Unterzeichner zu starren und auf die Zahl der eigenen Seitenabrufe und aufgrund von beidem glauben, immer neue Artikel zu dem Thema veröffentlichen zu müssen?

Sie verzweifeln daran, dass sie nicht nur ihr Meinungs-Monopol verloren haben, sondern den neuen anderen Stimmen auch noch zusätzlich Gehör verschaffen. Deshalb sehnen sie sich, wie das ZDF, nach Zeiten zurück, als die Leute einfach schweigend konsumiert haben: das Fernsehen und die professionellen Kritiken darüber. Und wenn ihnen etwas nicht gefiel, lieber Gulaschsuppe aßen, anstatt das anzuprangern.

Korrektur, 12:25 Uhr. Ich hatte Christoph Sydow Volontär genannt, er ist aber Redakteur bei „Spiegel Online“.