Marlzeit (5)

So. Fei­er­abend. Jetzt aber wirklich.

Auf dem Rück­weg von Marl habe ich im Zug die ganze Zeit geschla­fen, und als ich in Ber­lin auf­stand, hatte ich das Gefühl, dass mich alle Mit­rei­sen­den im nähe­ren Umkreis mit die­ser Mischung aus Mit­leid und Belus­ti­gung, Neu­gier und Genervt­heit anse­hen, ganz so also, als hätte ich über Stun­den sehr pein­lich geschnarcht, was lei­der nicht unwahr­schein­lich ist.

Jeden­falls fin­det diese dra­ma­ti­sche Arti­kel­se­rie heute ihren Abschluss und Höhe­punkt, indem ich Ihnen mit­tei­len kann: Wir haben fünf Grimme-Preisträger gefun­den, die am 4. April im Stadt­thea­ter Marl aus­ge­zeich­net wer­den. Ihre Namen wird das Insti­tut irgend­wann in den nächs­ten Wochen bei einer Presse-Konferenz bekannt geben, genau wie die der Jurys für Information/Kultur und Unter­hal­tung, und bis dahin darf kei­ner was sagen.

Wir haben am Ende wirk­lich noch gebet­telt, ob es nicht doch eine Mög­lich­keit gäbe, wenigs­tens sechs Preise zu ver­ge­ben, wenn schon nicht die neun oder zehn, die wir eigent­lich gebraucht hät­ten. Zwi­schen­zeit­lich gab es bei einer der vie­len Abstim­mun­gen sogar einen Gleich­stand, aus­ge­rech­net zwi­schen dem fünf­ten und sechs­ten Platz, und als sei das alles nicht ner­ven­auf­rei­bend genug gewe­sen, stellte sich her­aus, dass ein Juror das ganze Abstim­mungs­prin­zip nicht ver­stan­den und sich, nun ja: ver­wählt hatte. Aber ich fürchte, der Ver­such, dar­über zu schrei­ben, ohne die kon­kre­ten Sen­dun­gen zu nen­nen und die Debat­ten, die sich an ihnen ent­zün­de­ten, wäre noch unin­ter­es­san­ter als die Berichte der letz­ten Tage.

Es ist vor­bei, das Ergeb­nis steht fest, es ist, glaube ich, eine ordent­li­che Mischung aus Favo­ri­ten und Über­ra­schun­gen, gro­ßem und klei­nem Fern­se­hen (und vor allem gro­ßem klei­nen), und eine früh­lings­hafte Sonne tauchte die glück­li­che kleine Stadt Marl zum Abschied in ein war­mes Licht.

Marlzeit (4)

So. Fei­er­abend.

Jetzt geht das Feil­schen los. Wir haben alle Sen­dun­gen gese­hen (die Jurys für Information/Kultur und Unter­hal­tung sind schon ganz fer­tig), mor­gen Vor­mit­tag wird noch ein­mal aus­führ­lich dis­ku­tiert und dann abstimmt, wer einen Adolf-Grimme-Preis 2008 in der Kate­go­rie Fik­tion gewinnt. Fünf kön­nen wir ver­ge­ben, aber ernst­hafte Kan­di­da­ten gibt es unge­fähr dop­pelt so viele.

Das ist nicht die Regel. Die Grimme-Verantwortlichen müs­sen ja jedes Jahr für die Presse Sätze sagen wie: »Es war ein beson­ders hoch­wer­ti­ges Fern­seh­jahr«, was sich nicht immer wirk­lich bele­gen lässt. Aber das ver­gan­gene Jahr scheint, was Fern­seh­filme angeht, wirk­lich ein gutes gewe­sen zu sein. Ich kann mich an Jahre erin­nern, in denen wir augen­rol­lend, stirn­run­zelnd und hän­de­übermkopf­zu­sam­men­schla­gend vor vie­len der nomi­nier­ten Bei­träge saßen und uns uns nach der Hälfte der Zeit ernst­haft frag­ten, ob wir über­haupt genug Preis­wür­di­ges sehen wür­den. Die­ses Jahr ist anders. Ich glaube, den meis­ten Juro­ren geht es wie mir, und sie haben min­des­tens sie­ben, acht Filme gese­hen, denen sie drin­gend gerne einen Preis geben würden.

Es gibt ein oder zwei Favo­ri­ten, bei denen es sehr wahr­schein­lich ist, dass sie durch­kom­men. Aber dahin­ter eine große, breite Gruppe von schö­nen Fil­men mit vie­len Fans. Und da geht das Gescha­cher los. Juro­ren ste­hen in klei­nen Grüpp­chen zusam­men und dis­ku­tie­ren, wel­che »Pakete« man schnü­ren könnte, aus Sen­dun­gen, die als Preis­trä­ger ein gutes Gesamt­bild ergä­ben. Beim Bier oder Rot­wein wird dis­ku­tiert, was für Kri­te­rien uns beein­flus­sen soll­ten: Soll ein Film, der viele begeis­tert hat, einen Preis bekom­men, obwohl er schon viele andere Preise bekom­men hat? Oder schon vor Jah­ren im Kino lief? Wäre es doof, wenn am Ende ein ein­zel­ner Sen­der vier unse­rer fünf Preise bekäme? Soll­ten wir es ver­mei­den, dass mehr als ein Film aus­ge­zeich­net wird, in dem es um die DDR geht? Müsste unbe­dingt eine Serie aus­ge­zeich­net werden?

Im Grunde sind viele Argu­mente, die an so einem Abend im Restau­rant des Park­ho­tels Marl aus­ge­tauscht wer­den, leicht durch­schau­bare Tak­tik: Wer einen Favo­ri­ten hat, der kein Krimi ist, fin­det natür­lich schnell Argu­mente gegen ein über­mä­ßi­ges Aus­zeich­nen von Kri­mis. Und wer, um es ein biss­chen kon­kre­ter zu machen, »Eine Stadt wird erpresst« von Domi­nik Graf nicht beson­ders mag, weist natür­lich dar­auf hin, dass Domi­nik Graf schon soundso viele Grimme-Preise gewon­nen hat und ob man nicht mal jemand ande­res… Gele­gent­lich gibt es offen­bar sogar Ver­ab­re­dungs­ver­su­che im Sinne von: Stimmst du für mei­nen Favo­ri­ten, stimm ich für deinen.

Aber die ganze Tak­tie­re­rei hat Gren­zen, und das liegt unter ande­rem an einem aus­ge­klü­gel­ten, kom­pli­zier­ten Abstimm­ver­fah­ren. (Inter­es­siert Sie das wirk­lich? Also gut.)

Zunächst wird ein Stim­mungs­bild erstellt, indem jeder Jurore jedem Nomi­nier­ten zwi­schen 0 und 10 Punk­ten gibt. Das hilft, um zu sehen, wel­che Kan­di­da­ten deut­lich unter­durch­schnitt­lich abschnei­den; die wer­den dann aus der Dis­kus­sion genom­men. Als nächs­tes erstellt jeder Juror in einer wei­te­ren gehei­men Wahl aus den ver­blie­be­nen Kan­di­da­ten eine eigene Rang­liste vom bes­ten zum schlech­tes­ten Film. Auch dar­aus wird ein Durch­schnitt gebil­det. Diese Liste wird dann von vorne nach hin­ten durch­ge­gan­gen und abge­stimmt, ob die Sen­dung einen Grimme-Preis bekom­men soll. (Und zwi­schen­durch natür­lich immer wie­der dis­ku­tiert und gekämpft.) Sobald alle Preise ver­ge­ben sind, endet das Spiel. Klingt unnö­tig kom­plex, hat sich aber bewährt, weil es einer­seits berück­sich­tigt, wenn ein­zelne Juro­ren ein Pro­gramm beson­ders her­aus­ra­gend fin­den, ande­rer­seits aber auch immer eine abso­lute Mehr­heit der Juro­ren voraussetzt.

Wenn Sie jetzt das Gefühl haben: Ui, das scheint ja eine furcht­bar staats­tra­gende Ange­le­gen­heit zu sein, dann haben Sie nicht unrecht. Eine Woche lang tun alle Betei­lig­ten so, als sei nicht nur das Fern­se­hen die wich­tigste Sache der Welt, son­dern als hänge die Welt auch davon ab, wer die­sen Preis bekommt. Das nimmt manch­mal beun­ru­hi­gende Aus­maße an: In einem Jahr soll es sogar zu Trä­nen und Abrei­se­dro­hun­gen über die Frage gekom­men sein, wel­che Sen­dung nicht nur einen nor­ma­len Grimme-Preis, son­dern einen »mit Gold« bekommt. (Inzwi­schen ist diese Unter­schei­dung abge­schafft, ver­mut­lich nicht ein­mal wegen der Trä­nen damals.)

Die­ser Auf­wand und die­ses Gefühl, etwas wirk­lich Bedeu­ten­des zu ent­schei­den, mag manch­mal von außen merk­wür­dig und sogar arro­gant wir­ken. Aber mir gefällt diese Ernst­haf­tig­keit, ins­be­son­dere weil sie dem Medium Fern­se­hen inzwi­schen so sel­ten ent­ge­gen­ge­bracht wird, sowohl von Machern als auch Kri­ti­kern. Und der Grimme-Preis scheint einer zu sein, der immer noch dafür geschätzt wird. Am Diens­tag­abend, beim »Berg­fest«, zu dem tra­di­tio­nell alle Nomi­nier­ten ein­ge­la­den wer­den, war das wie­der zu spü­ren, wel­cher Respekt die­ser Aus­zeich­nung immer noch ent­ge­gen­ge­bracht wird, wel­che Bedeu­tung sie hat, für die Krea­ti­ven und in den Sen­dern. Das liegt, glaube ich, unter ande­rem daran, dass sie die­sen etwas absur­den Auf­wand betreibt. Und daran, dass sie, anders als der »Deut­sche Fern­seh­preis«, zu Recht nicht im Ver­dacht steht, sich von Kri­te­rien lei­ten zu las­sen wie dem Pro­porz der aus­ge­zeich­ne­ten Sen­der oder den Wün­schen des Pro­gramms, das die Ver­lei­hung überträgt.

Übri­gens: Ein fei­ner nomi­nier­ter Fern­seh­film ist bis Mitt­woch in Ber­lin im Kino zu sehen: »Der letzte macht das Licht aus«, eine Komö­die um arbeits­lose deut­sche Bau­ar­bei­ter, die sich dar­auf vor­be­rei­ten, nach Nor­we­gen zu gehen, wo es Arbeit für sie gibt. Es ist ein zau­ber­haf­ter, unter­halt­sa­mer, wun­der­bar beob­ach­te­ter klei­ner Film des Regis­seurs und Autors Cle­mens Schön­born, ein biss­chen in der Tra­di­tion bri­ti­scher Arbei­ter­ko­mö­dien, den das ZDF nach Mit­ter­nacht ver­steckt hat, obwohl er im bes­ten Sinne mas­sen­taug­lich ist. Er läuft im Movie­mento und im Cen­tral am Hacke­schen Markt, und ob er einen Grimme-Preis bekom­men wird, kann ich nicht sagen. Aber dass sich ein Besuch im Kino lohnt.

Marlzeit (3)


Blick vom Rat­haus zum Ein­kaufs­zen­trum Mar­ler Stern.


Pool und See im Stadtzentrum.

Marlzeit (2)

So. Fei­er­abend.

Fast vier­zehn­ein­halb Stun­den haben wir heute mit der Jury getagt, Fern­se­hen geguckt und dis­ku­tiert, und die Frage ist natür­lich berech­tigt, ob der sechste oder siebte Film, den man am Tag sieht, die glei­che Chance hat wie die ande­ren, einen Grimme-Preis zu gewinnen.

Ehr­lich gesagt: Man weiß es nicht, wes­halb die Rei­hen­folge vor­her aus­ge­lost wird. Aber es ist ganz bestimmt nicht so, dass ein Film, der nach dem Abend­es­sen kommt, schon ver­lo­ren hätte. Gerade Komö­dien zum Bei­spiel kom­men dann beson­ders gut an, wenn alle von der geball­ten Ladung Sozi­al­dra­men erschöpft sind; aber auch einem her­aus­ra­gen­den Drama kann es gelin­gen, dass plötz­lich alle auf­hö­ren, mit dem Papier zu rascheln und den Stüh­len zu rücken, und nur noch gebannt auf die Fern­se­her schauen.

Heute war zum Bei­spiel ein Tag, an dem mich per­sön­lich gerade die letz­ten bei­den Filme beson­ders begeis­tert haben. Einer davon hieß »Eine andere Liga«, und war eigent­lich nicht dafür prä­des­ti­niert, mich vom Stuhl zu rei­ßen: Weder Fuß­ball­filme noch Brust­krebs­dra­men sind meine Lieb­lings­gen­res, aber diese Tra­gi­ko­mö­die von Buket Ala­kus, die bei­des ist und so viel mehr, ist so gran­dios geschrie­ben, gespielt und insze­niert, mit einer sol­chen Leich­tig­keit und Tiefe, dass sie mich glei­cher­ma­ßen bewegt und amü­siert hat wie kaum ein Fern­seh­film in der letz­ten Zeit.

In den Kom­men­ta­ren brachte jemand den Gedan­ken auf, ähn­lich wie in »Super­size Me« aus der Jury­sit­zung einen Selbst­ver­such zu machen, wie es einen ver­än­dert, wenn man so viele Stun­den lang Fern­se­hen guckt. Der Ver­gleich mit dem Mc-Donald’s-Fress-Experiment ist lei­der in ande­rer Hin­sicht außer­or­dent­lich pas­send. Ich schätze, dass kaum ein Jury­mit­glied aus Marl mit weni­ger als zwei Kilo Zusatz­ge­wicht zurück­kehrt. Mor­gens ste­hen schon Joghurts und Obst für uns bereit, gegen 11 Uhr kom­men leckere belegte Bröt­chen, nach­mit­tags Berge von Kuchen, abends gibt es ein kom­plet­tes Abend­es­sen mit Nach­tisch, dann Alko­hol in ver­schie­de­nen For­men und diverse Snacks. Gut, theo­re­tisch kann man natür­lich auch 12, 13, 14 Stun­den lang vor dem Fern­se­her sit­zen und Was­ser trin­ken, Wein­trau­ben essen und am Filz­stift kauen, aber mir ist das noch nie gelun­gen. (Wobei es bei mir eine kom­pli­zierte Rela­tion gibt, wonach der Kalo­ri­en­kon­sum sich umge­kehrt pro­por­tio­nal zur Qua­li­tät des zu sich­ten­den Pro­gramms ver­hält und pro­por­tio­nal zur Häu­fig­keit, mit der ich eine Sen­dung schon gese­hen habe.)

Dass ich heute über die Trost­lo­sig­keit von Marl schrei­ben würde, wie ges­tern ange­kün­digt, war natür­lich nur ein Witz. Das mache ich erst morgen.

Marlzeit (1)

So. Fei­er­abend.

Seit Sams­tag tagen in Marl die Jurys für den 44. Adolf-Grimme-Fernsehpreis, und eigent­lich hatte ich vor, täg­lich über die Arbeit in der Jury »Fik­tion« zu blog­gen, in der ich in die­sem Jahr bin (natür­lich ohne kon­krete Ergeb­nisse zu ver­ra­ten). Ich weiß nur kaum, wann ich das schaf­fen soll. Heute waren wir um 22.50 Uhr fer­tig, mor­gen geht’s um 9 Uhr wie­der los, und so ähn­lich geht das bis Don­ners­tag­mit­tag, also erwar­ten Sie bitte nicht zu viel Reflektionstiefe.

Eine der Beson­der­hei­ten bei Grim­mes ist, dass man sich alle nomi­nier­ten Sen­dun­gen gemein­sam ansieht, und zwar ganz. (Nur bei Serien und Mehr­tei­lern gibt es Son­der­re­ge­lun­gen.) Ins­ge­samt 25 Sen­dun­gen sind in der Kate­go­rie »Fik­tion« in die­sem Jahr nomi­niert, das allein macht rund 40 Stun­den reine Fern­seh­zeit, dazu kom­men noch Dis­kus­sio­nen und Abstim­mun­gen. (Bevor jemand fragt: Geld gibt es dafür unge­fähr nicht.)

Zwei der 25 Nomi­nie­run­gen in der Kate­go­rie »Fik­tion« haben wir uns selbst ein­ge­brockt, das liegt an einer wei­te­ren Beson­der­heit Grim­mes: Über die Nomi­nie­run­gen ent­schei­den zwar eigent­lich spe­zi­elle Kom­mis­sio­nen, die mehr­mals im Jahr tagen. Wir als Jury haben aber die Mög­lich­keit, bis zu drei Pro­duk­tio­nen nach­zuno­mi­nie­ren. Das ist nicht so abwe­gig, wie es wirkt, schließ­lich sol­len wir ja ent­schei­den, was die Sen­dun­gen des abge­lau­fe­nen Fern­seh­jah­res waren, »wel­che die spe­zi­fi­schen Mög­lich­kei­ten des Medi­ums Fern­se­hen auf her­vor­ra­gende Weise nut­zen und nach Form und Inhalt Vor­bild für die Fern­seh­pra­xis sein kön­nen«, und des­halb die Mög­lich­keit haben, Sen­dun­gen, die unse­rer Ansicht nach unbe­dingt dazu gehö­ren, ins Ren­nen zu schi­cken, auch wenn die Nomi­nie­rungs­kom­mis­sio­nen sie über­se­hen hat­ten oder schlicht ande­rer Mei­nung waren.

Des­halb begann der erste Tag (nach Begrü­ßun­gen und diver­sen For­ma­lien) damit, über die Nach­no­mi­nie­run­gen zu ent­schei­den. Fünf Kan­di­da­ten gab es, von denen jeweils min­des­tens zehn Minu­ten ange­se­hen wer­den muss­ten, dann gab es Pro­bleme mit dem Ton, Pro­bleme mit dem Beta-Abspielgerät, Plä­do­yers Pro und Con­tra, Dis­kus­sio­nen und meh­rere Abstim­mun­gen, und danach machte sich bei mir schon eine gewisse, viel zu frühe Müdig­keit breit.

Ver­ra­ten darf ich hof­fent­lich, dass es zwei Kan­di­da­ten bei uns als Nach­rü­cker geschafft haben; wel­che das waren, wird das Grimme-Institut ver­mut­lich in den nächs­ten Tagen der Welt­öf­fent­lich­keit mitteilen.

Drei Filme gab es dann heute noch zu »sich­ten«, wie das hier heißt, und im Ver­gleich zur Jury »Infor­ma­tion«, die meh­rere Tage die geballte Ladung Doku­men­ta­tio­nen und Repor­ta­gen über Kriege, Krank­hei­ten und Kata­stro­phen sehen darf, mischt sich bei uns immer­hin das Genre des sozial rele­van­ten Kri­mis (ein Genre, in dem Deutsch­land Welt­spitze ist, und ich meine das nicht iro­nisch) mit der ein oder andere Komö­die und Bezie­hungs­ge­schichte. Heute saßen wir mit 13 Juro­ren im abge­dun­kel­ten Raum vor vier Fern­se­hern, um uns »Duell in der Nacht« mir Iris Ber­ben, »Rose« mit Corinna Har­fouch und die (noch geheime) erste Nach­no­mi­nie­rung anzu­se­hen. Mor­gen ste­hen nicht weni­ger als sie­ben 90-Minüter auf dem Pro­gramm, davon zwei nach dem Abendessen.

Ich darf hier natür­lich noch nicht vor­weg­neh­men, wie die Dis­kus­sio­nen gelau­fen sind, aber ich fand »Rose« ganz außer­or­dent­lich zau­ber­haft. Das ist auch das Schöne für mich, in die­ser Jury zu sein: Mein Fern­se­hall­tag, sowohl pri­vat als auch als Kri­ti­ker, besteht eher aus dem, was man so Trash nennt oder All­tags­fern­se­hen. Viele Serien, Shows, Unter­hal­tung. In Marl sehe ich ein­mal im Jahr die geballte Ladung gutes Fern­se­hen, große Filme, wun­der­bare Schau­spie­ler, Geschich­ten mit Qua­li­tät. (Und danach ist auch erst­mal für ein Jahr wie­der gut — nein, Quatsch.)

Ein biss­chen gefehlt hat mir in die­sem Jahr die Begrü­ßung durch die Mar­ler Bür­ger­meis­te­rin, die irgend­wie ver­hin­dert war. Das Grimme-Institut ist total wich­tig für die­sen Ort, und ein biss­chen tra­gisch ist, dass die klas­si­sche Grimme-Preis-Reportage und der typi­sche Bericht aus der Jury-Sitzung sel­ten dar­auf ver­zich­tet, aus­führ­lich zu beschrei­ben, was für eine trost­lose Stadt das ist. Ein­mal hat ein Stadt­ober­haupt bei der Begrü­ßung die Jour­na­lis­ten sogar gebe­ten, ob man auf die­sen Teil nicht mal ver­zich­ten könnte, schon wegen der man­geln­den Ori­gi­na­li­tät. Tja.

Lesen Sie mor­gen im zwei­ten Teil: So trost­los ist Marl.