Ein Kartell nutzt seine Macht: Wie die Verlage für das Leistungsschutzrecht kämpfen

Es ist kein Spaß, sich mit dem Kar­tell aller gro­ßen Häu­ser anzu­le­gen. Wer will Sprin­ger, Burda, »Süd­deut­sche«, »FAZ«, DuMont und die »WAZ«-Gruppe gegen sich haben? Natür­lich sagen Mathias Döpf­ner, Frank Schirr­ma­cher oder Hubert Burda ihren Redak­teu­ren nicht, was sie schrei­ben sol­len. Das wis­sen die schon von allein.

(Jakob Augs­tein)

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Mor­gen Dem­nächst will das Bun­des­ka­bi­nett über ein Presse-Leistungsschutzrecht ent­schei­den. Wenn man den Ver­la­gen glaubt — wozu kein Anlass besteht — geht es um nichts weni­ger als um Leben und Tod der freien Presse in Deutschland.

Seit gut drei­ein­halb Jah­ren kämp­fen die Ver­lage öffent­lich für ein sol­ches Recht, mit dem die geschäft­li­che Nut­zung ihrer frei zugäng­li­chen Inhalte im Inter­net lizenz­pflich­tig gemacht wer­den soll. Ursprüng­lich sollte schon das Lesen von Online-Medien auf geschäft­li­chen Com­pu­tern Geld kos­ten; inzwi­schen ist nur noch eine Lex Google übrig geblie­ben, die Such­ma­schi­nen dafür zah­len las­sen will, dass sie kurze Anrisse aus Ver­lags­tex­ten zei­gen, um Nut­zer zu deren Sei­ten zu leiten.

Es sieht im Moment nicht so aus, als ob die Geschichte, wie die Ver­lage die Bun­des­re­gie­rung dazu brach­ten, ihre Rechte und poten­ti­ell ihre Ein­nah­men durch ein neues Gesetz deut­lich aus­zu­wei­ten, am Ende aus Ver­lags­sicht eine Erfolgs­ge­schichte sein wird. Sie ist trotz­dem ein Lehr­stück: Dafür, wie die füh­ren­den deut­schen Zei­tungs– und Zeit­schrif­ten­ver­lage ein poli­ti­sches Klima her­stell­ten, in dem ein sol­ches Gesetz not­wen­dig erschien, und wie sie ihre publi­zis­ti­sche Macht dazu benutz­ten, ihre poli­ti­sche Lob­by­ar­beit zu unterstützen.

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Perpetuum Mobile

Am ver­gan­ge­nen Mon­tag, 2. Januar, berich­tete »Spie­gel Online« exklu­siv:

Nach Infor­ma­tio­nen von SPIEGEL ONLINE tele­fo­nierte Wulff auch mit dem Vor­stands­vor­sit­zen­den der Sprin­ger AG, Mathias Döpf­ner, um die­sen zu bit­ten, bei Diek­mann Ein­fluss zu neh­men. Doch der Kon­zern­chef, in des­sen Haus die »Bild« erscheint, soll ihm in knap­per Form beschie­den haben, sich nicht in die Belange der Redak­tion ein­mi­schen zu wollen.

Der Springer-Verlag ant­wor­tete zunächst nicht auf eine Anfrage von SPIEGEL ONLINE, ob es ein Tele­fo­nat mit Döpf­ner gab. Am Nach­mit­tag bestä­tigte dann der Ver­lag den Gesprächs­ver­such Wulffs mit dem Vorstandschef.

Was danach geschah:

dapd, 2. Januar, 16:14:

Wulff inter­ve­nierte auch bei Springer-Chef Döpf­ner wegen Artikel

(…) Wulff habe neben dem Chef­re­dak­teur der »Bild«-Zeitung, Kai Diek­mann, auch beim Vor­stands­vor­sit­zen­den der Axel Sprin­ger AG, Mathias Döpf­ner, inter­ve­niert, sagte ein Spre­cher des Kon­zerns am Mon­tag der Nach­rich­ten­agen­tur dapd.

Er bestä­tigte damit einen Bericht von »Spie­gel Online«. (…)

epd, 2. Januar, 16:16:

»Süd­deut­sche Zei­tung«: Wulff rief auch bei Springer-Chef Döpf­ner an

Mün­chen (epd). Bun­des­prä­si­dent Chris­tian Wulff hat nach Infor­ma­tio­nen der »Süd­deut­schen Zei­tung« auch mit einem Anruf beim Vor­stands­vor­sit­zen­den des Springer-Verlages, Mathias Döpf­ner, ver­sucht, die Bericht­er­stat­tung der »Bild«-Zeitung über die Finan­zie­rung sei­nes Pri­vat­hau­ses zu ver­hin­dern. »Es ist kor­rekt, dass der Bun­des­prä­si­dent auch Mathias Döpf­ner in die­ser Ange­le­gen­heit ange­ru­fen hat und es ist auch kor­rekt, dass Herr Döpf­ner auf die Unab­hän­gig­keit der Redak­tion hin­ge­wie­sen hat«, heiße es in einer schrift­li­chen Stel­lung­nahme des Ver­la­ges, aus der die »Süd­deut­sche Zei­tung« in ihrer Diens­tags­aus­gabe zitiert. (…)

dpa, 2. Januar, 17:39:

Wulff wollte »Bild«-Bericht ver­hin­dern — Kri­tik und Protest

(…) Wie die »Bild«-Zeitung am Mon­tag bestä­tigte, ver­suchte Wulff per­sön­lich, die erste Ver­öf­fent­li­chung von Recher­chen zur Finan­zie­rung sei­nes Pri­vat­hau­ses zu ver­hin­dern. Bei »Bild«- Chef­re­dak­teur Kai Diek­mann habe er mit straf­recht­li­chen Kon­se­quen­zen für den ver­ant­wort­li­chen Redak­teur gedroht. Auch bei Springer-Chef Mathias Döpf­ner inter­ve­nierte Wulff erfolg­los. Das bestä­tigte der Verlag. (…)

dpa, 3. Januar, 15:37:

Der öffent­li­che Druck auf Wulff wird stärker

Ber­lin (dpa) — Wegen eines umstrit­te­nen Kre­dits und sei­nes Umgangs mit den Medien gerät Bun­des­prä­si­dent Chris­tian Wulff immer mehr unter Druck. Ein Rückblick:

12. Dezem­ber 2011: Bun­des­prä­si­dent Wulff besucht die Golf­re­gion und ver­sucht, »Bild«-Chefredakteur Kai Diek­mann zu errei­chen, um die Ver­öf­fent­li­chung von Recher­chen zur Finan­zie­rung sei­nes Pri­vat­hau­ses zu ver­hin­dern. Bei Springer-Chef Mathias Döpf­ner ruft er eben­falls an — und laut einem Bericht auch bei Springer-Mehrheitsaktionärin Friede Springer. (…)

epd, 4. Januar, 8:47:

(…) Seit­dem nach dem Jah­res­wech­sel öffent­lich wurde, dass der Bun­des­prä­si­dent »Bild«-Chefredakteur Kai Diek­mann sowie Springer-Vorstandschef Mathias Döpf­ner ange­ru­fen hatte, um Bericht­er­stat­tung über den Kre­dit zu ver­hin­dern, ver­schärfte sich der öffent­li­che Druck auf Wulff noch ein­mal deutlich. (…)

dpa, 4. Januar, 18:56:

Bun­des­prä­si­dent Chris­tian Wulff hat ARD und ZDF am Mitt­woch ein Inter­view gegeben. (…)

Ulrich Dep­pen­dorf: »Jetzt kom­men wir mal zu den Kri­tik­punk­ten, die Ihnen vor­ge­wor­fen wer­den. Sie sind in den letz­ten Tagen beson­ders in die Kri­tik gera­ten wegen der Anrufe bei dem Chef­re­dak­teur der »Bild«-Zeitung, Kai Diek­mann, und bei dem Vor­stands­vor­sit­zen­den des Springer-Konzerns, Herrn Döpf­ner. Ihnen wird Ver­let­zung des Grund­rechts der Pres­se­frei­heit vor­ge­wor­fen. Sie sol­len auf dem Band beide Her­ren bedroht haben. Sie spre­chen von Krieg füh­ren, vom end­gül­ti­gen Bruch. (…)«

epd, 5. Januar, 8:57:

(…) Seit­dem nach dem Jah­res­wech­sel Wulffs Anrufe bei Diek­mann sowie Springer-Vorstandschef Mathias Döpf­ner bekannt­ge­wor­den waren, hatte sich der öffent­li­che Druck auf den Prä­si­den­ten noch ein­mal deut­lich erhöht. (…)

dpa, 6. Januar, 15:20

»Bild« con­tra Wulff — ein Rückblick

Ber­lin (dpa) — Es war ein Bericht der »Bild«-Zeitung, der Bun­des­prä­si­dent Chris­tian Wulff Mitte Dezem­ber in Erklä­rungs­not brachte. Jetzt strei­ten beide über einen omi­nö­sen Tele­fon­an­ruf. Ein Rückblick:

12. Dezem­ber 2011: Bun­des­prä­si­dent Wulff besucht die Golf­re­gion und ver­sucht, »Bild«-Chefredakteur Kai Diek­mann zu errei­chen, um die Ver­öf­fent­li­chung von Recher­chen zur Finan­zie­rung sei­nes Pri­vat­hau­ses zu ver­hin­dern. Bei Springer-Chef Mathias Döpf­ner ruft er ebenso an. (…)

Reu­ters, 7. Januar, 17:58:

Spie­gel — Wulff soll auch Springer-Chef Döpf­ner gedroht haben

Ber­lin, 07. Jan (Reu­ters) — Bun­des­prä­si­dent Chris­tian Wulff soll einem Medi­en­be­richt zufolge neben dem »Bild«-Chefredakteur auch Springer-Verlagschef Mathias Döpf­ner mit schar­fen Wor­ten gedroht haben, um die Ver­öf­fent­li­chung eines Berichts über seine Kre­ditaf­färe zu verhindern. (…)

dapd, 7. Januar, 18:08:

Spie­gel: Wulff soll auch Springer-Chef Döpf­ner gedroht haben

Ber­lin (dapd). Bun­des­prä­si­dent Chris­tian Wulff soll auch Springer-Vorstandschef Mathias Döpf­ner gedroht haben. (…)

dpa, 7. Januar, 18:34:

»Spie­gel«: Wulff soll auch Döpf­ner gedroht haben

Ber­lin (dpa) — In der Affäre um einen Anruf von Bun­des­prä­si­dent Chris­tian Wulff beim Chef­re­dak­teur der »Bild«-Zeitung, Kai Diek­mann, kom­men wei­tere Details ans Licht. Nach Infor­ma­tio­nen des Nachrichten-Magazins »Der Spie­gel« soll Wulff dem Vor­stands­vor­sit­zen­den des Springer-Verlags, Mathias Döpf­ner, mit ähn­li­chen Wor­ten gedroht haben wie dem »Bild«-Chef. Eine Stel­lung­nahme des Prä­si­di­al­am­tes war am Sams­tag­abend zunächst nicht zu erhal­ten, ebenso wenig vom Springer-Verlag. (…)

dpa, 7. Januar, 19:22

Sprin­ger bestä­tigt Bericht über Wulff-Drohung bei Döpfner

Ber­lin (dpa) — Der Springer-Verlag hat einen Medi­en­be­richt bestä­tigt, dem­zu­folge Bun­des­prä­si­dent Chris­tian Wulff in der Kre­ditaf­färe auch Ver­lags­chef Mathias Döpf­ner gedroht haben soll. »Wir kön­nen die Dar­stel­lung des »Spie­gels« bestä­ti­gen, wol­len das aber nicht wei­ter kom­men­tie­ren«, sagte der für die »Bild«-Zeitung zustän­dige Spre­cher Tobias Fröh­lich am Sams­tag­abend auf Anfrage. (…)

dapd, 7. Januar, 19:36:

Wulff soll auch Springer-Chef Döpf­ner gedroht haben
(Neu: Bestä­ti­gung Verlagssprecher) (…)

»Spie­gel Online«, aktuell:

Döpfners rote Linie

Es ist weni­ger ein Inter­view, das die »Süd­deut­sche Zei­tung« mit Mathias Döpf­ner geführt hat, als eine Mög­lich­keit für ihn, aus­führ­lich und unge­stört durch kri­ti­sche Nach­fra­gen die eigene Posi­tion dar­zu­stel­len. Das ist viel­leicht kein Zufall, denn die »Süd­deut­sche Zei­tung« klagt mit der Axel-Springer-AG, deren Vor­stands­vor­sit­zen­der Döpf­ner ist, (und ande­ren Ver­la­gen, dar­un­ter auch dem der FAZ, für die ich regel­mä­ßig arbeite) gegen die kos­ten­lose »Tagesschau«-Anwendung für iPhone und iPad.

Döpf­ner sagt, die ARD habe mit der »Tagesschau«-App (Abb.) eine »rote Linie« über­schrit­ten. Das ist bemer­kens­wert, denn es gibt andere Stel­len, an denen sich eine sol­che Grenze deut­lich kla­rer zie­hen ließe. Man könnte zum Bei­spiel, wenn man wollte, argu­men­tie­ren, dass die öffentlich-rechtlichen Rund­funk­an­stal­ten im Inter­net gar nichts zu suchen haben. Man könnte auch sagen, dass sie im Inter­net nur Videos und Audio-Aufnahmen publi­zie­ren dür­fen, wahl­weise mit der Ein­schrän­kung, dass die auch im Radio oder Fern­se­hen gelau­fen sein müs­sen. Für Döpf­ner sind das aber bes­ten­falls anders­far­bige Linien.

Die Grenze zieht er dort, wo die ARD Inhalte aus ihrem Inter­net­an­ge­bot in einer für Tablets und Smart Pho­nes opti­mier­ten Ver­sion anbie­tet. Das Kri­te­rium gibt ihm die »SZ« freund­li­cher­weise in der Frage vor:

Mar­kiert die Selbst­ver­ständ­lich­keit, mit der auf einem Markt über­wie­gend bezahl­ter Ange­bote ein kos­ten­lo­ses Pro­dukt ein­ge­bracht wird, für Sie die Grenze der zumut­ba­ren Akti­vi­tä­ten von ARD und ZDF?

Döpf­ner bejaht.

Das ist ein erstaun­lich kom­ple­xes Kri­te­rium für eine »rote Linie«. Die Grenze besteht darin, dass es um einen Markt geht, in dem angeb­lich die Mehr­heit der Anbie­ter Geld für etwas nimmt, das die »Tages­schau« auf­grund ihrer Gebüh­ren­fi­nan­zie­rung kos­ten­los anbie­ten kann. Natür­lich hat das Ange­bot von tagesschau.de auch dann einen Wett­be­werbs­vor­teil, wenn man es über einen Internet-Browser auf­ruft, weil es sich nicht durch Wer­bung finan­zie­ren muss. Aber das Inter­net scheint Döpf­ner als Medium, in dem eine »Gra­tis­kul­tur« herr­sche, ohne­hin abge­schrie­ben zu haben. Auf Smart­pho­nes oder Tablets werde dage­gen bezahlt, »für jedes Tele­fo­nat, jede SMS, MMS, für Apps«. Kos­ten­lose Ange­bote wie das der »Tages­schau« bedro­hen nach die­ser Logik die Bezahl­kul­tur auf iPhone und iPad ins­ge­samt und jedes ein­zelne kos­ten­pflich­tige Nachrichtenangebot.

Die Argu­men­ta­tion würde umge­kehrt bedeu­ten, dass es tagesschau.de als kos­ten­lo­ses Ange­bot auch im Internet-Browser nicht geben dürfte, wenn es Döpf­ner und sei­nen Leu­ten gelun­gen wäre oder noch gelänge, eine umfas­sende Bezahl­kul­tur im Inter­net zu eta­blie­ren, was viel­leicht schon eine Ahnung davon ver­mit­telt, wie wenig trag­fä­hig diese Argu­men­ta­tion ist.

Schon eine ein­zige kos­ten­lose App wie die der »Tages­schau«, sug­ge­riert Döpf­ner, kann ein gan­zes Geschäfts­mo­dell zer­stö­ren. Aber wenn sich allein über den Preis sol­che erstaun­li­chen Nut­zer­zah­len errei­chen las­sen, ist das natür­lich eine ver­füh­re­ri­sche Nische auch für einen pri­va­ten Wett­be­wer­ber. In einer Welt vol­ler kos­ten­pflich­ti­ger Apps kann es sich loh­nen, der eine zu sein, der kos­ten­los ist und sich dank enor­mer Reich­weite mit Wer­bung refi­nan­zie­ren kann. Selbst wenn es Döpf­ner und sei­nen Mit­strei­tern gelänge, die »Tages­schau« aus dem Wett­be­werb im App-Store zu ver­ban­nen, wäre das ein erheb­li­ches Risiko.

Schon vor ein­ein­halb Jah­ren hatte Döpf­ner die »Tagesschau«-App mit dem Ver­lust von »Tau­sen­den Arbeits­plät­zen in der Ver­lags­bran­che« in Ver­bin­dung gebracht. Er hat seine These seit­dem eher noch wei­ter zuge­spitzt. Im Grunde scheint das Über­le­ben des gesam­ten Qua­li­täts­jour­na­lis­mus jen­seits öffentlich-rechtlicher Anstal­ten von der Finan­zie­rung durch Apps abzu­hän­gen: »Es geht schlicht um die Frage«, sagt er, »ob Qua­li­täts­jour­na­lis­mus als Geschäfts­mo­dell noch Bestand haben wird.« Auf Papier allein werde er sich nicht mehr finan­zie­ren las­sen, im Inter­net herrscht die angeb­li­che Kos­ten­lo­skul­tur, blei­ben nur die Apps.

So wie er es schil­dert, ist es extrem schwie­rig, in Zukunft über­haupt noch guten Jour­na­lis­mus unter kom­mer­zi­el­len Bedin­gun­gen zu pro­du­zie­ren. Dar­aus schließt er, dass der Staat alles tun muss, um jedes poten­ti­elle Hin­der­nis für die Ver­lage (die wohl syn­onym sind mit Pro­du­zen­ten hoch­wer­ti­ger jour­na­lis­ti­scher Inhalte) aus­zu­räu­men. Das hat natür­lich eine gewisse Logik. Es hat aber auch einen gro­ßen Haken. Nie­mand, auch nicht Döpf­ner, kann garan­tie­ren, dass das Kata­stro­phen­sze­na­rio, das er beschreibt, nicht trotz­dem ein­tritt, obwohl die »Tages­schau« und ähn­li­che öffentlich-rechtliche Ange­bote ver­bo­ten werden.

Es gäbe natür­lich eine andere Ant­wort auf die Her­aus­for­de­rung, die Döpf­ner beschreibt. Wenn unklar ist, wie sich unter den Bedin­gun­gen der digi­ta­len Welt über­haupt hoch­wer­ti­ger Jour­na­lis­mus finan­zie­ren lässt und ob Ver­lage nicht womög­lich mas­sen­haft ein­ge­hen, obwohl die kos­ten­lose »Tagesschau«-App ver­bo­ten wurde, ist es aus gesell­schaft­li­cher Sicht doch begrü­ßens­wert, sich wenigs­tens dar­auf ver­las­sen zu kön­nen, öffentlich-rechtliche Anbie­ter die Men­schen gut informieren.

Döpf­ners Kata­stro­phen­sze­na­rio ver­schafft ARD und ZDF im Netz eine neue mög­li­che Legi­ti­ma­tion, genau genom­men die alte: durch ver­läss­lich und von allen gemein­sam finan­zierte Medien eine umfas­sende Grund­ver­sor­gung sicher­zu­stel­len, selbst wenn die pri­va­ten Anbie­ter in schlech­ten Zei­ten oder aus grund­sätz­li­chen Pro­ble­men das nicht in befrie­di­gen­dem Maße tun kön­nen. Aber das habe ich ja alles schon mal geschrieben.

Es ist bemer­kens­wert, in wel­chem Maß Döpf­ner die »rote Linie«, die ARD und ZDF kei­nes­falls über­schrei­ten dür­fen, davon abhän­gig macht, was pri­vate Unter­neh­men tun. Die Grenze soll davon abhän­gen, wel­che Refi­nan­zie­rungs­mo­dell die Mehr­heit der Unter­neh­men in einem noch extrem jun­gen und beweg­li­chen Markt wie dem der Nach­rich­ten– und Medien-Apps wählt. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, das mit sei­nen Rund­f­un­kur­tei­len das Duale Sys­tem in Deutsch­land maß­geb­lich gestal­tet hat (weil die Poli­tik es noch nie konnte oder wollte), hat die Rechte von ARD und ZDF aber immer aus sich selbst her­aus defi­niert. Was Unter­neh­men, die sich mit jour­na­lis­ti­schen Inhal­ten unter kom­mer­zi­el­len Bedin­gun­gen auf einem Markt bewäh­ren müs­sen, unter bestimm­ten Umstän­den zu leis­ten ver­mö­gen, war für das Gericht bis­lang aus­drück­lich nicht ent­schei­dend, weil es keine Gewähr dafür gab. Ich wüsste gerne, woher die Ver­lage den Opti­mis­mus neh­men, dass das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in die­sem Fall plötz­lich anders urtei­len sollte.

Döpf­ner und seine Mit­strei­ter sind nicht zu benei­den. Sie müs­sen argu­men­tie­ren, dass es erst die App der »Tages­schau« war, durch die die ARD eine end­gül­tige Grenze über­schrit­ten hat, weil sie es ver­säumt haben, schon gegen das Internet-Angebot tagesschau.de vor­zu­ge­hen. Dabei ver­stößt auch das ihrer Mei­nung nach gegen den Rund­funk­staats­ver­trag, weil es nicht nur Videos, son­dern auch Arti­kel ent­hält. (Nach Ansicht des FDP-Medienpolitikerclowns Burk­hardt Müller-Sönksen han­delt es sich des­halb um eine »Prin­t­aus­gabe« der »Tages­schau«.)

Die Kon­zen­tra­tion auf die Kos­ten­lo­sig­keit der »Tagesschau«-App führt zu schmerz­haf­ten Ver­ren­kun­gen der Ver­le­ger. Sprin­gers Außen­mi­nis­ter Chris­toph Keese sagt: »Im Super­markt kann man für den Joghurt auch kei­nen Euro neh­men, wenn dane­ben kos­ten­lose Ware steht.« Dem ist gleich zwei­er­lei zu erwi­dern: Ers­tens, natür­lich kann man. Wenn der eigene Joghurt bes­ser ist als das Gratis-Angebot oder auch nur ein­zig­ar­tig. Men­schen bezah­len für Zei­tun­gen, obwohl es viel­fäl­tige Mög­lich­kei­ten gibt, sich kos­ten­los zu infor­mie­ren — weil sie die beson­dere Qua­li­tät von Zei­tun­gen ins­ge­samt oder ihrer Stamm­zei­tung zu schät­zen wis­sen. Und zwei­tens: Wenn Keese Recht hätte, könnte er seine Joghurt­pro­duk­tion gleich dicht­ma­chen. Es wird immer jeman­den geben, der Nach­rich­ten kos­ten­los im Netz oder auf Smart­pho­nes anbie­tet. Ich fürchte, ein Geschäfts­mo­dell, das nur funk­tio­niert, wenn alle Kon­kur­ren­ten mit­ma­chen und nie­mand andere Wege nutzt, den Joghurt zu finan­zie­ren, ist kein Geschäftsmodell.

Die »Tages­schau« ist nicht die ein­zige kos­ten­lose Anwen­dung, die den kos­ten­pflich­ti­gen Ver­lags­an­ge­bo­ten im App-Store Kon­kur­renz macht. Auch der Fern­seh­sen­der n-tv bie­tet gra­tis eine, Müller-Sönksen würde sagen: dicke Prin­t­aus­gabe an. Nun ist es natür­lich in vie­ler­lei Hin­sicht ein Unter­schied, ob ein pri­vat­wirt­schaft­li­ches Unter­neh­men einen sol­chen Schritt geht oder eine durch »Zwangs­ge­büh­ren« finan­zierte Anstalt. Aber wenn Döpf­ner und Keese mit ihrer Alles-oder-nichts-Argumentation Recht hät­ten, wäre das Ergeb­nis das­selbe: der Tod des Qualitätsjournalismus.

Ich weiß nicht, wie die Gerichte ent­schei­den wer­den. Aber ich bin mir sicher, die rote Linie, die Döpf­ner da auf den Boden gemalt hat, ist keine.

PS: Auf mei­nem iPad ist die angeb­lich kos­ten­pflich­tige »Welt HD«-App aus dem Hause Sprin­ger instal­liert. Das Abo ist angeb­lich »seit 28. Okto­ber 2010″ abge­lau­fen. Aber die App funk­tio­niert. Ist das auch eine Form von Gra­tis­kul­tur? Und ver­sün­dige ich mich am Qua­li­täts­jour­na­lis­mus, wenn ich die App trotz­dem benutze? (Zah­len würde ich dafür aller­dings nicht.)

Kurz verlinkt (45)

Trotz­dem betrach­tet etwa »Springer«-Chef Mat­thias Döpf­ner direkte Bezah­lung für wer­be­fi­nan­zierte Inhalte als gewis­ser­ma­ßen gott­ge­ge­be­nes Vor­recht, das auch für Ver­lage gel­ten müsse. Im Gespräch mit dem »mana­ger maga­zin« sprach er im Zusam­men­hang mit kos­ten­lo­sen Inhal­ten im Netz von »abstru­sen Phan­ta­sien spätideo­lo­gisch ver­irr­ter Web-Kommunisten«. Dass jour­na­lis­ti­sche Ange­bote online fast aus­schließ­lich kos­ten­los ver­brei­tet wer­den, sei ein »Unsinn«. Sprin­ger sei aber »nicht groß genug« gewe­sen, »um die­sen Wahn­sinn allein zu stoppen«.

Döpf­ner sagte nicht, ob er auch die Anteils­eig­ner der ProsiebenSat.1 Media AG für Wahn­sin­nige hält. Oder die Eigen­tü­mer der RTL Group. Wo die doch seit Jahr­zehn­ten die Kos­ten­lo­skul­tur des pri­va­ten Rund­funks näh­ren mit ihren Ange­bo­ten. Sprin­ger selbst besitzt Anteile an meh­re­ren Privatradiosendern.

»Spie­gel Online«-Redakteur Chris­tian Stö­cker ent­larvt die Quatsch-Argumentation von Mathias Döpfner.

Warum Paid-Content-Versuche gut sind

»Wir müs­sen als Ver­le­ger alles ver­su­chen, um eine Wirt­schafts­grund­lage für die digi­tale Welt zu schaffen.«

Das hat Mathias Döpf­ner, der Vor­stands­vor­sit­zende der Axel-Springer-AG, nicht gesagt. Gesagt hat er:

»Wir haben als Ver­le­ger gera­dezu eine hei­lige Ver­ant­wor­tung, alles zu ver­su­chen, um eine Wirt­schafts­grund­lage für die digi­tale Welt zu schaffen.«

So groß ist die Hybris die­ser Men­schen. So unge­trübt ihr Glaube an das Heils­brin­gende, das gera­dezu Gött­li­che der eige­nen Existenz.

In einem Inter­view mit der »FAZ« kün­digte Döpf­ner am Frei­tag an, bei den Online-Auftritten der Regio­nal­zei­tun­gen des Ver­la­ges ein »Freemium-Modell« einzuführen:

»All­ge­meine Nach­rich­ten sind für den Leser gra­tis, Pre­mi­um­in­halte kos­ten Geld. Wer etwa die Exklu­siv­ge­schichte aus der Stadt­ver­ord­ne­ten­sit­zung lesen möchte, das Archiv oder den Stau­mel­der nut­zen will, muss zahlen.«

Nun gibt es zwar weder in Ber­lin noch Ham­burg über­haupt Stadt­ver­ord­nete, und ich habe weder auf den Sei­ten des »Ham­bur­ger Abend­blat­tes« noch der »Ber­li­ner Mor­gen­post« Stau­mel­der gefun­den (dafür aber — kos­ten­los — auf denen von NDR und RBB), aber ver­mut­lich darf man einem Kreuz­rit­ter nicht mit so lächer­li­chen Details kom­men. So ein Döpf­ner denkt in ganz ande­ren, hei­li­gen, Kate­go­rien, und meint, dass die Leser »über Jahr­hun­derte« bewie­sen hät­ten, dass sie für wirk­lich attrak­tive Inhalte auch Geld bezah­len würden.

Nun ja.

Ganze Heer­scha­ren von Ver­le­gern haben der angeb­li­chen »Kostenlos-Kultur« im Inter­net den Kampf ange­sagt. Ange­führt von Rupert Mur­doch wol­len sie ihre Inhalte — oder wenigs­tens einen Teil davon — nur noch zah­len­den Kun­den zugäng­lich machen. Dafür ern­ten sie viel Spott von Blog­gern und Netzaktivisten.

Doch bei aller Skep­sis, ob die Pläne auf­ge­hen: Ihre Ver­su­che sind eine große Chance, weil sie die Ver­lage zu einem ent­schei­den­den Umden­ken zwin­gen. Wer über­haupt eine Chance haben will, Leser zum Bezah­len für seine Inhalte zu brin­gen, muss Qua­li­tät liefern.

Dass der deut­sche Online-Journalismus in einem so trost­lo­sen Zustand ist, liegt nicht nur an den gerin­gen Ein­nah­men. Es liegt auch daran, dass er in wei­ten Tei­len gar nicht für Leser gemacht ist, son­dern für die Klick­zäh­ler der IVW und für Google.

Jour­na­lis­mus ist eine Dienst­leis­tung, und über Jahr­tau­sende, wie Döpf­ner sagen würde, ver­such­ten gute Jour­na­lis­ten, Nach­rich­ten so auf­zu­schrei­ben, dass die Leser mög­lichst viel davon hat­ten. Ob es darum ging, Sach­ver­halte mög­lichst ein­fach oder knapp zu erklä­ren oder in gro­ßer Tiefe ver­ständ­lich zu machen — Geschäfts­grund­lage war der Ver­such, den Leser zufrie­den zu stel­len und zu einem glück­li­chen Kun­den zu machen.

Im real-existierenden Online-Journalismus geht es darum häu­fig nicht. Nicht ein­mal die komi­schen Leute vom »Ham­bur­ger Abend­blatt« wer­den anneh­men, dass sich ihre Leser freuen, wenn ihnen »alle 68 neuen Fahr­rad­sta­tio­nen« in der Stadt auf 68 ein­zel­nen Sei­ten ver­teilt prä­sen­tiert wer­den. Oder dass sie es zu schät­zen wis­sen, dass sie bis zu 175-mal kli­cken dür­fen, wenn sie her­aus­zu­fin­den wol­len, ob sie mit ihrem Auto »Gewin­ner und Ver­lie­rer bei der neuen Kfz-Steuer« sind.

Diese Klick­stre­cken sind nicht nur ein merk­wür­di­ger Spleen, sie sind ein Sym­bol für die Per­ver­sion des jour­na­lis­ti­schen Selbst­ver­ständ­nis­ses in vie­len Online-Medien. Die Unzu­frie­den­heit des Lesers wird in Kauf genom­men, um die Klick­zah­len in die Höhe zu treiben.

Außer auf die IVW ist diese Inhal­te­pro­duk­tion auch auf die Such­ma­schi­nen hin opti­miert. Ob zum Bei­spiel die Über­schrift über einem Arti­kel den Lesern gefällt, ist häu­fig nur noch ein Zweitar­gu­ment neben der wich­ti­ge­ren Frage, ob sie Google gefällt, sprich: Ob der Auf­bau und die ent­hal­te­nen Schlag­wör­ter dazu füh­ren, dass der Arti­kel weit oben in den Such­er­geb­nis­sen auftaucht.

Bei bezahl­ten Ange­bo­ten sind sol­che Kri­te­rien nach­ran­gig. Wer in einem Umfeld aus kos­ten­lo­sen Inhal­ten Geld neh­men will, kann über­haupt nur eine Chance haben, wenn er den Leser als Kun­den ernst nimmt und alle ande­ren Erwä­gun­gen sei­ner Zufrie­den­heit unter­ord­net. Ver­lage, die Inhalte kos­ten­pflich­tig machen wol­len, wer­den gezwun­gen zu über­le­gen, was ihre Ange­bote bes­ser macht als die der Kon­kur­renz oder wenigs­tens ein­zig­ar­tig. Sie wer­den Anders­ar­tig­keit als Chance ent­de­cken müs­sen und nicht mehr auf bloße Repro­duk­tion des Vor­han­de­nen set­zen kön­nen. Sie wer­den Kon­zepte ent­wi­ckeln müs­sen, wie Leser mit mög­lichst wenig Klicks an gewünschte Infor­ma­tio­nen kom­men und nicht mit mög­lichst vie­len. Viel­leicht ent­de­cken sie auch andere The­men als lukra­tiv, weil sich zwar Tril­li­ar­den von Men­schen für die neu­es­ten Britney-Spears-Gerüchte inter­es­sie­ren, wenn man sie frei Haus bekommt, aber doch eher nur einem Bruch­teil von ihnen das auch Geld wert wäre, und plötz­lich Rele­vanz wie­der ein Aus­wahl­kri­te­rium wer­den könnte. Sie wer­den so attrak­tiv sein müs­sen, dass sie Men­schen etwas wert sind, und nicht mehr bloß attrak­tiv genug, um kos­ten­los ange­klickt zu wer­den. Womög­lich wer­den die Medien sogar trans­pa­rent wer­den und ihre Feh­ler kor­ri­gie­ren, weil jemand, der für Jour­na­lis­mus zahlt, das zukünf­tig erwartet.

Okay, ein Traum.

Aber genau darum geht es ja: Die Ver­le­ger träu­men davon, für ihre jour­na­lis­ti­schen Inhalte im Inter­net Geld neh­men zu kön­nen. Sie wer­den das, wenn über­haupt, nur mit guten Jour­na­lis­ten und gutem Jour­na­lis­mus errei­chen — was bis­her nicht unbe­dingt die domi­nie­ren­den Mit­tel im Wett­lauf um Klicks und Wer­be­ein­nah­men waren.

Ich freue mich auf den Versuch.