Heucheln und heucheln lassen

Ste­fan Win­ter­bauer, der Blinde unter den Ein­äu­gi­gen beim Bra­an­chen­dienst »Mee­dia«, hat das Spiel längst abge­pfif­fen. Die »taz« sei zum wie­der­hol­ten Male beim Ver­such geschei­tert, »Bild«-Chef Kai Diek­mann vor­zu­füh­ren. »Genauso wie Lucy Char­lie Brown in letz­ter Sekunde den Ball weg­zieht, lässt sich die taz immer wie­der von Kai Diek­mann am Nasen­ring durch die Medi­en­ma­nege füh­ren«, urteilte er ges­tern.

Die »taz« hatte Diek­mann öffent­lich Fra­gen gestellt zum undurch­sich­ti­gen Umgang sei­nes Blat­tes mit der Nach­richt, die Bun­des­prä­si­dent Chris­tian Wulff auf sei­ner Mail­box hin­ter­las­sen hatte. Diek­mann machte erst einen Witz dar­aus, der von »Mee­dia« gleich auf­ge­regt nach­er­zählt wurde, und ließ die Pres­se­stelle dann ant­wor­ten. »Die Ant­wor­ten der Bild«, urteilt Win­ter­bauer, »ent­hiel­ten nichts Bri­san­tes oder Neues, son­dern aus­führ­lich dar­ge­stellt noch ein­mal die Anga­ben zu den Abläu­fen und die redak­tio­nel­len Erwä­gun­gen, warum die Mailbox-Nachricht zunächst in der Bericht­er­stat­tung the­ma­ti­siert wurde.«

(Er meint ver­mut­lich: nicht.)

Dabei ist die Ant­wort von »Bild« in mehr­fa­cher Hin­sicht ent­lar­vend. Zum Bei­spiel schreibt die Pressestelle:

Nach­dem die Redak­tion die Abschrift der Nach­richt an das Büro des Bun­des­prä­si­den­ten über­mit­telt hatte, häuf­ten sich bei der Axel Springer-Pressestelle Anfra­gen von Jour­na­lis­ten zum voll­stän­di­gen Inhalt der Nach­richt. In Gesprä­chen wur­den einige der bereits bekann­ten Pas­sa­gen erläutert.

Wer in sei­nem Beruf ein biss­chen mit Ant­wor­ten von Pres­se­stel­len zu tun hat, kann erah­nen, dass die For­mu­lie­run­gen im letz­ten Satz wohl vor allem der Ver­schleie­rung die­nen. Jour­na­lis­ten rufen bei Sprin­ger an, wol­len den kom­plet­ten Text wis­sen und die Pres­se­stelle »erläu­tert« »einige der bereits bekann­ten Pas­sa­gen«? Was bedeu­tet das über­haupt? Man muss ver­mut­lich bei einem PR-affinen Unter­neh­men wie »Mee­dia« arbei­ten, um das für eine befrie­di­gende oder gar erschöp­fende Ant­wort von »Bild« zu halten.

In Wahr­heit war es offen­bar so, dass »Bild« meh­re­ren Jour­na­lis­ten zu ver­schie­de­nen Zeit­punk­ten die Abschrift der Nach­richt am Tele­fon vor­ge­le­sen hat — unter der Maß­gabe, das Gespräch nicht mit­zu­schnei­den und es nicht voll­stän­dig zu veröffentlichen.

Inso­fern stimmt es in einem sehr engen, sehr wört­li­chen Sinne womög­lich auch, wenn »Bild« der »taz« antwortet:

Eine Abschrift der Nach­richt wurde von der Pres­se­stelle an keine Zei­tung oder Zeit­schrift geschickt. Es gab kei­nen Auf­trag an Redak­teure von Bild, die Nach­richt oder Pas­sa­gen dar­aus weiterzugeben.

Nicht nur an die­ser Stelle klaf­fen grö­ßere Lücken in der Ant­wort von »Bild«. Genau genom­men äußert sie sich nur über ihr Ver­hal­ten vor dem 1. Januar und nach dem 5. Januar — das ist lei­der der »taz« eben­so­we­nig auf­ge­fal­len wie Win­ter­bauer. Dabei ist gerade der Zeit­raum dazwi­schen inter­es­sant, in dem die Geschichte in die »Süd­deut­sche Zei­tung« kam und dann explo­dierte. In dem die »Bild«-Zeitung so tat, als habe sie nichts mit der Bericht­er­stat­tung zu tun. Wes­halb sie dann ganz schein­hei­lig den Bun­des­prä­si­den­ten fra­gen konnte, ob sie die Nach­richt ver­öf­fent­li­chen dürfe, und ganz schein­an­stän­dig dar­auf ver­zich­tete, als er ablehnte.

Ich würde unter­stel­len, dass die Leer­stel­len in den Ant­wor­ten von »Bild« sehr bewusste Leer­stel­len sind. Es wirkt ein biss­chen, als würde man gefragt, ob man eine Geschäfts­be­zie­hung zu einem Unter­neh­mer gehabt habe, und ver­neint, weil man ja nur mit sei­ner Ehe­frau einen Kre­dit­ver­trag hatte.

Als ich den »Bild«-Sprecher für »Spie­gel Online« nach eini­gen die­ser Leer­stel­len fragte, war es plötz­lich vor­bei mit der Trans­pa­renz, die man dem Publi­kum und Leu­ten wie Win­ter­bauer vor­ge­spielt hat. Es gab auf keine mei­ner Fra­gen eine Ant­wort. Das ist kein Wun­der, denn das ist das nor­male Ver­hal­ten des »Bild«-Sprechers. Zu lau­fen­den Ver­fah­ren, zu redak­tio­nel­len Ent­schei­dun­gen, zu Per­so­nal­spe­ku­la­tio­nen, zu Interna, zu Thema XY äußert er sich grund­sätz­lich nicht.

Wenn die­ser Ver­lag, wenn die­ses Blatt, jeman­den anders zu Trans­pa­renz und Wahr­haf­tig­keit auf­for­dert, dann ist das selbst dann ein böser Witz, wenn die For­de­rung berech­tigt sein sollte.

Aber Kai Diek­mann sagt auf kri­ti­sche Nach­fra­gen manch­mal etwas Lus­ti­ges, das man aus der Ferne mit Selbst­iro­nie ver­wech­seln könnte. Nicht nur für die Leute von »Mee­dia« ist das mehr wert als jede Wahr­heit. Auch des­halb kommt »Bild« so oft mit ihren Halb­wahr­hei­ten und Heu­che­leien durch.

Journalistische Qualität und Glaubwürdigkeit

Was viele nicht wis­sen: der Bra­an­chen­dienst »Mee­dia«, »Deutsch­lands füh­ren­des Medien-Portal«, lässt zu jeder sei­ner »Top-Stories« auf­wen­dig eine eigene Foto­mon­tage anfertigen.

Die Res­sour­cen muss man natür­lich an ande­rer Stelle ein­spa­ren.
 

FAZ-Eigen-PR redak­tio­nel­ler »Meedia«-Beitrag
Die Frank­fur­ter All­ge­meine Sonn­tags­zei­tung (F.A.S.) gibt es jetzt auch auf dem iPad. Ein eige­nes Team küm­mert sich nicht nur darum, dass alle Inhalte der gedruck­ten Aus­gabe für das mobile End­ge­rät auf­be­rei­tet wer­den, son­dern ergänzt diese auch durch inter­ak­tive Gra­fi­ken, Bil­der und Videos. Damit wird die preis­ge­krönte jour­na­lis­ti­sche Qua­li­tät und Glaub­wür­dig­keit einer der erfolg­reichs­ten deut­schen Sonn­tag­zei­tun­gen mit der Fas­zi­na­tion einer neuen, mul­ti­me­dia­len Erleb­nis­welt verknüpft. Die Frank­fur­ter All­ge­meine Sonn­tags­zei­tung (FAS) gibt es jetzt auch auf dem iPad. Ein eige­nes Team küm­mert sich nicht nur darum, dass alle Inhalte der gedruck­ten Aus­gabe für das mobile End­ge­rät auf­be­rei­tet wer­den, son­dern ergänzt diese auch durch inter­ak­tive Gra­fi­ken, Bil­der und Videos. Damit wird die preis­ge­krönte jour­na­lis­ti­sche Qua­li­tät und Glaub­wür­dig­keit der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Sonn­tags­zei­tung mit der Fas­zi­na­tion einer neuen, mul­ti­me­dia­len Erleb­nis­welt verknüpft.
Jeweils sonn­tags ab 6 Uhr mor­gens ist die neue ipad Aus­gabe ver­füg­bar und lässt sich nach dem Down­load off­line lesen. Auf Gerä­ten mit der neuen iOS5 Soft­ware lässt sich die die F.A.S. App auch über den „Apple Zei­tungs­ki­osk“ laden. Abon­nen­ten haben die Option, neue Aus­ga­ben jeweils auf ihr Gerät gespielt zu bekom­men, wenn sich das Gerät im häus­li­chen WLAN befindet. Jeweils sonn­tags ab 6 Uhrhttp://UrlBlockedError.aspx/ mor­gens ist die neue iPad-Ausgabe ver­füg­bar und lässt sich nach dem Down­load off­line lesen. Auf Gerä­ten mit der neuen iOS5-Software ist die FAS-App auch über den Apple News­stand erhält­lich. Abon­nen­ten haben in Kürze die Option, neue Aus­ga­ben jeweils auf ihr Gerät gespielt zu bekom­men, wenn sich das Gerät im WLAN befindet.
Die F.A.S. App ist kos­ten­los mit einer Test­aus­gabe über www.faz.net/apps oder direkt im iTu­nes Store erhältlich. Die FAS-App ist kos­ten­los mit einer Test­aus­gabe über www.faz.net/apps oder direkt im iTu­nes Store erhält­lich. Die Ein­zel­aus­gabe kos­tet 2,99 Euro, das Monats­abo 10,99 Euro. Für den Quar­tals­be­zug fal­len 31,99 Euro, für ein Jah­res­abo 124,99 Euro an.
Die Frank­fur­ter All­ge­meine Sonn­tags­zei­tung wurde mehr­fach für ihre redak­tio­nelle und gra­fi­sche Qua­li­tät aus­ge­zeich­net. Bereits vier Mal gewann sie als „World’s Best Desi­gned News­pa­per“. Auch mit ihrer iPad Aus­gabe setzt sie neue gestal­te­ri­sche Maß­stäbe. Gra­fisch am klas­si­schen Zei­tungs­de­sign ange­lehnt, ver­bin­det die F.A.S. iPad App eine attrak­tive Auf­be­rei­tung der Inhalte mit einer ein­fa­chen Bedie­nung und her­vor­ra­gen­den Les­bar­keit. Die Über­sichts­funk­tion ermög­licht es, die umfang­rei­che Zei­tung kom­for­ta­bel zu über­flie­gen und jeden Arti­kel direkt aufzurufen. Die iPad-Ausgabe der FAS will neue gestal­te­ri­sche Maß­stäbe set­zen. Gra­fisch ist sie am klas­si­schen Zei­tungs­de­sign ange­lehnt und soll die Leser mit ein­fa­cher Bedie­nung und guter Les­bar­keit über­zeu­gen. Die Über­sichts­funk­tion ermög­licht es, die umfang­rei­che Zei­tung zu über­flie­gen und jeden Arti­kel direkt aufzurufen.
Hol­ger Steltz­ner, Her­aus­ge­ber der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Sonn­tags­zei­tung: „In der Sonntagszeitungs-App für das iPad wer­den die Vor­züge einer unter­halt­sa­men Qua­li­täts­zei­tung mit den Vor­tei­len der elek­tro­ni­schen Welt kom­bi­niert, bei ein­fa­cher Bedie­nung und Kon­zen­tra­tion auf das Wesent­li­che. Die Her­aus­for­de­rung, das Lay­out der wie­der­holt zur schöns­ten Zei­tung der Welt gekür­ten Sonn­tags­zei­tung auf einen klei­nen Bild­schirm zu über­tra­gen, hat unser Art Direc­tor (KB) auf ganz eigene Art und Weise gemeis­tert. Wir sind gespannt, wie den Lesern unsere digi­tale Sonn­tags­zei­tung gefal­len wird.“ Hol­ger Steltz­ner, Her­aus­ge­ber der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Sonn­tags­zei­tung: »In der Sonntagszeitungs-App für das iPad wer­den die Vor­züge einer unter­halt­sa­men Qua­li­täts­zei­tung mit den Vor­tei­len der elek­tro­ni­schen Welt kom­bi­niert, bei ein­fa­cher Bedie­nung und Kon­zen­tra­tion auf das Wesent­li­che. Die Her­aus­for­de­rung, das Lay­out der wie­der­holt zur schöns­ten Zei­tung der Welt gekür­ten Sonn­tags­zei­tung auf einen klei­nen Bild­schirm zu über­tra­gen, hat unser Art Direc­tor auf ganz eigene Art und Weise gemeis­tert. Wir sind gespannt, wie den Lesern unsere digi­tale Sonn­tags­zei­tung gefal­len wird.«
Gemeint sind hier vor allem neue Käu­fer­schich­ten, denn die Hemm­schwelle für Bestands­kun­den ist hoch: Anders als bei den Digi­tal­aus­ga­ben ande­rer Medi­en­häu­ser bie­tet die FAS kein Upgrade zu einem schma­len Preis für Abon­nen­ten der Zei­tung an. Wer als Print­le­ser die FAS auf dem iPad ken­nen­ler­nen möchte, muss den vol­len Digi­tal­preis zah­len. Nach Anga­ben eines Spre­chers gegen­über MEEDIA sei ein Kombi-Angebot auch künf­tig »nicht vorgesehen«.

Nach­trag, 16.23 Uhr: Stimmt gar nicht. Auf eine auf­wen­dige Foto­mon­tage hat »Mee­dia« hier sogar ver­zich­tet.

Gaby Köster und der »seltsame Beigeschmack«

Drei­ein­halb Jahre lang haben Gaby Kös­ter und ihr Manage­ment fast jeden Bericht über ihre schwere Erkran­kung juris­tisch ver­hin­dert. Nun hat sie ein Buch über ihr Schick­sal geschrie­ben und wirbt dafür, indem sie in einer Viel­zahl von Medien und Talk­shows all das erzählt, was sie vor­her ver­bie­ten ließ. Wer dabei einen üblen Beige­schmack emp­fin­det, soll sich von mir aus daran elend verschlucken.

Ges­tern hatte die Komi­ke­rin bei »Stern-TV« ihren ers­ten Fern­seh­auf­tritt seit einem Schlag­an­fall im Januar 2008. Ihre lin­ker Arm ist gelähmt, auch ihr lin­kes Bein hat sie immer noch nicht ganz unter Kon­trolle. Gehen und Ste­hen fällt ihr schwer; ihr Gesicht wirkt um Jahr­zehnte geal­tert. Als ihre Beglei­te­rin erzählt, dass sie Fort­schritte mache, sagt Gaby Kös­ter mit ihrem bru­ta­len Gaby-Köster-Humor: »Ja, noch meh­rere hun­dert Jahre, dann geht es viel­leicht wie­der.« Sie raucht — »weil das was ist, was ich alleine machen kann«.

Sie soll in den nächs­ten Tagen noch beim »Köl­ner Treff«, bei »Volle Kanne« und bei »Tiet­jen & Hirschau­sen« auf­tre­ten sowie im Novem­ber bei »River­boat«. Sie hat mit der »Bild der Frau« über ihre Erfah­run­gen gespro­chen und mit dem »Stern«, der dar­aus eine Titel­ge­schichte gemacht hat.

Es gibt Leute, die ihr das nach der vor­he­ri­gen Nach­rich­ten­sperre übel neh­men. Jour­na­lis­ten, vor allem. Man kann ein Belei­digt­sein sogar zwi­schen den Zei­len einer dpa-Meldung erah­nen, die erst Kös­ters PR-Termine auf­zählt und dann anfügt:

Gegen die Bericht­er­stat­tung über ihre Krank­heit hatte sich Kös­ter vor mehr als drei Jah­ren noch juris­tisch gewehrt. Jetzt tritt sie selbst damit in die Öffent­lich­keit und ver­mark­tet gleich­zei­tig ihr Buch »Ein Schnup­fen hätte auch gereicht — Meine zweite Chance«.

»Welt Online« ver­mu­tet, dass Gaby Kös­ter »nicht gut von einem Manage­ment bera­ten war, das eine völ­lige Infor­ma­ti­ons­sperre ver­hängte«. »Focus Online« spricht von einer »Medien-Strategie, die zumin­dest frag­wür­dig ist«. Und in einem selbst für »Meedia«-Verhältnisse erbärm­li­chen Arti­kel stellt die Auto­rin Chris­tine Lüb­bers »einen selt­sa­men Beige­schmack« fest. Sie spe­ku­liert, die Buch-PR »dürfte zumin­dest bei den Medien für Ver­wun­de­rung und Dis­kus­sio­nen sor­gen, die zuvor Unter­las­sungs­er­klä­run­gen im Zusam­men­hang mit der Krank­heit Kös­ters abge­ge­ben haben«.

Es scheint für diese belei­dig­ten Jour­na­lis­ten unmög­lich, die Wahr­heit zu akzep­tie­ren: Gaby Kös­ter darf selbst ent­schei­den, wann und wie sie die Öffent­lich­keit über eine Erkran­kung infor­miert. Das ist ihr Recht, und zu die­sem Recht gehört nicht nur die Mög­lich­keit, Bericht­er­stat­tung zu unter­bin­den, son­dern auch die Frei­heit, sie wie­der zuzu­las­sen und sogar zu for­cie­ren. Den Zeit­punkt, zu dem sie das tut, darf sie frei wäh­len und sich dabei ganz von der Frage lei­ten las­sen, was für sie ideal ist — per­sön­lich, gesund­heit­lich, geschäftlich.

Es ist, auch wenn sie eine Per­son der Öffent­lich­keit war, wenigs­tens bei etwas so Inti­mem wie einer Krank­heit: ihr Leben. Es gehört nicht »Bild«, nicht ihren Fans und schon gar nicht »Meedia«.

Natür­lich ist es zuläs­sig, jetzt öffent­lich zu dis­ku­tie­ren, ob das Vor­ge­hen von Gaby Kös­ter oder ihrem Manage­ment und ihren Anwäl­ten geschickt war — geschickt im Sinne von: güns­tig für Gaby Kös­ter. Aber das Schmol­len und Rau­nen der Medien, der impli­zite Vor­wurf der Bigot­te­rie, sind unan­ge­mes­sen und abstoßend.

Sie füh­len sich offen­bar benutzt: Erst dür­fen wir nichts schrei­ben und nun sol­len wir ihr bei der PR helfen.

Nur gibt es gar keine Pflicht dazu, Teil von Gaby Kös­ters Ver­mark­tungs­stra­te­gie zu wer­den. Nie­mand zwingt »Mee­dia«, für Kös­ters Auf­tritt bei »Stern-TV« zu trom­meln. Gaby Kös­ter hat »Welt Online« nicht dazu ver­pflich­tet, in einer sechs­tei­li­gen Bil­der­ga­le­rie und über einem hal­ben Dut­zend Arti­keln (inklu­sive Klick­stre­cke: »Die bes­ten Über­le­bens­mit­tel: US-amerikanische For­scher haben in getrock­ne­ten Apfel­rin­gen einen star­ken Cho­le­ste­r­in­blo­cker gefun­den«) über Kös­ters Rück­kehr in die Öffent­lich­keit zu berich­ten. So unvor­stell­bar das ins­be­son­dere für die meis­ten Online-Redaktionen zu sein scheint: Es gäbe die Mög­lich­keit, dar­über nicht zu berichten.

Wenn die »Meedia«-Beigeschmackstesterin fragt:

»Wenn all das über lange Zeit als Pri­vat­sa­che geschützt wurde, warum soll nun plötz­lich und quasi auf Knopf­druck alles wie­der von öffent­li­chem Inter­esse sein?«

Lau­tet die Ant­wort: Weil sie, ers­tens, jetzt gerade gesund genug ist, das aus­zu­hal­ten, und es, zwei­tens, ihre ver­dammte Ent­schei­dung ist.

Der stell­ver­tre­tende Chef­re­dak­teur von »Mee­dia« fragt dann in den Kom­men­ta­ren unter dem Bei­trag noch:

gel­ten für Krank­hei­ten andere Spiel­re­geln der Bericht­er­stat­tung? (…) Wann wer­den aus Per­so­nen öffent­li­chen Inter­es­ses wie­der pri­vate Per­so­nen? Und wann wer­den sie wie­der öffent­lich? Wer legt das fest?

Er nennt das »offene Fra­gen«, dabei sind sie längst beant­wor­tet — von Gerich­ten und vom Deut­schen Pres­se­rat, der fest­stellt: »Kör­per­li­che und psy­chi­sche Erkran­kun­gen oder Schä­den fal­len grund­sätz­lich in die Geheim­sphäre des Betrof­fe­nen.« Das Wort »Geheim­sphäre« ist dabei kein Syn­onym für »Pri­vat­sphäre«, son­dern ein noch stär­ker geschütz­ter Bereich.

Aber selbst wenn die Jour­na­lis­ten von »Bild«, »Mee­dia« & Co. das ver­stün­den, wür­den sie es nicht akzeptieren.

Im »Focus Online«-Artikel sagt ein Medi­en­ethi­ker, der »Kom­mu­ni­ka­ti­ons­be­ruf«, den Kös­ter als »TV-Unterhalterin« aus­übe, bringe »doch gewisse Pflich­ten mit sich«. In vie­len Vari­an­ten heißt es dort, das Manage­ment hätte doch wenigs­tens kurz sagen kön­nen, dass Gaby Kös­ter krank ist, aber lebt. Schon Anfang 2009 schrieb »Focus Online«, die Fans woll­ten doch »nur etwas mehr Gewiss­heit. Wird die Kaba­ret­tis­tin jemals wie­der auf einer Bühne ste­hen?« Diese »Gewiss­heit« hätte sicher auch Gaby Kös­ter gerne gehabt. Vor allem aber: Was für eine rüh­rende Nai­vi­tät, zu den­ken, die Medi­en­bran­che funk­tio­niere so, dass man den Leu­ten von »Bild« oder RTL einen klei­nen Infor­ma­ti­ons­bro­cken hin­wirft und die sich dann damit zufrie­den geben und nicht wei­ter ver­su­chen, Schnapp­schüsse von Frau Kös­ter im Roll­stuhl zu erhaschen.

Die ganze Infa­mie von »Mee­dia« in einem Satz:

Und man­cher wird sich fra­gen, ob die juris­ti­sche Unter­drü­ckung der Bericht­er­stat­tung nicht vor allem dazu gedient haben könnte, die Ware Infor­ma­tion in die­ser Sache über einen lan­gen Zeit­raum künst­lich zu ver­knap­pen, damit anschlie­ßend der Auf­merk­sam­keits– wie Ver­mark­tungs­wert der Story umso grö­ßer ist.

Auf wel­chen Zeit­raum mag sich Frau Lüb­bers bezie­hen? Meint sie, die Bericht­er­stat­tung wurde unter­drückt, als Gaby Kös­ter noch im Kran­ken­haus zwi­schen Leben und Tod war, um bes­tens gerüs­tet zu sein für den Fall, dass sie ein Buch schrei­ben will, für den Fall, dass sie über­lebt? Oder wäh­rend der Zeit, als sie daran arbei­tete, in ein Leben zurück­zu­fin­den, in dem sie die über­haupt in der Lage sein würde, ein Buch zu schreiben?

Und selbst wenn es so wäre, dass die ganze Infor­ma­ti­ons­wa­ren­ver­knap­pung nur dazu gedient hätte, den Ver­mark­tungs­wert zu stei­gern — wäre das nicht legi­tim? Gaby Kös­ter hat sich den Schlag­an­fall ja nicht aus­ge­sucht, um ihrer Kar­riere eine ori­gi­nelle Wen­dung zu geben. Sie habe, sagt sie im »Stern«, in den ver­gan­ge­nen drei­ein­halb Jah­ren, ihre »Rente ver­bla­sen«. Es ist völ­lig unklar, ob sie je wie­der in ihrem Beruf als Komi­ke­rin oder Schau­spie­le­rin arbei­ten kann. Kann man ihr es dann nicht gön­nen, wenigs­tens das meiste aus die­sem Buch herauszuholen?

Ein Medienporno

Das ist der Stoff, aus dem heute Medi­en­auf­re­ger sind: Vor vier Wochen ist in einem Film­be­richt im Regio­nal­fern­se­hen des Saar­län­di­schen Rund­funks für drei Sekun­den klein der Name einer Por­no­seite zu lesen gewe­sen. Auf einem Rei­ter (»Tab«) im Brow­ser konnte man sehen, dass sie hin­ter der gezeig­ten Seite des Lebens­mit­tel­händ­lers Rewe auf­ge­ru­fen war.

»Saue­reien auf Gebüh­ren­kos­ten«, nennt Hol­ger Krey­meier das in der aktu­el­len Aus­gabe sei­nes Maga­zins fernsehkritik.tv. »Die Sau hat neben­bei auf […] her­um­ge­surft. Unglaublich!«

Der öster­rei­chi­sche »Stan­dard« behaup­tet:

Ein Redak­teur des Saar­län­di­schen Rund­funks (SR) wurde nun dabei ertappt, dass er sich wäh­rend der Arbeits­zeit Schmud­del­filme ansieht.

Der Bran­chen­dienst »kress« berich­tet unter der Über­schrift:

Auf […] erwischt:
 SR-Bericht zeigt Jour­na­lis­ten bei der Arbeit

Der Arti­kel beginnt sarkastisch:

Es war bestimmt die Recher­che im Internet-Porno-Milieu, die hin­ter dem fri­vo­len Browser-Tab […] steckt.

Auch »Mee­dia« hat die Story abauf­ge­schrie­ben. Hier steht sie mit dem schö­nen Satz:

Wozu der Jour­na­list eines öffentlich-rechtlichen Sen­ders wäh­rend der Arbeits­zeit auf einer Web­seite für Por­no­vi­deos surfte — unklar.

(Felix Schwen­zel hält die bescheu­erte Aus­drucks­weise für eine Marotte der »Meedia«-Konkurrenz »turi2«, aber in Wahr­heit ist sie ers­tens ursprüng­lich von Kress.de und zwei­tens von begrü­ßens­wer­ter Hal­behr­lich­keit. Noch trans­pa­ren­ter wäre es natür­lich, wenn »Mee­dia« statt »— unklar« schrei­ben würde: »wis­sen wir nicht«, »stand da nicht«, »uns doch egal«, oder, wenn es unbe­dingt eine Ellipse sein soll: »— unrecherchiert«.)

Jeden­falls: Wenn »Mee­dia« die Frage, wozu der Jour­na­list auf einer Porno-Website surfte, nicht bloß in den Arti­kel geschrie­ben, son­dern dem SR gestellt hätte, hätte die Ant­wort wie folgt gelautet:

Der Bericht dreht sich um den Hacker-Angriff auf eine REWE-Datenbank. Dort hat­ten sich über­wie­gend Kin­der und Jugend­li­che ange­mel­det, um Tier­sti­cker zu tau­schen. Durch den Angriff besteht nach unse­ren Recher­chen die große Gefahr, dass die betrof­fe­nen Kin­der ver­stärkt mit Spam– und Phis­hing­mails bom­bar­diert wer­den, unter ande­rem auch mit por­no­gra­phi­schen Angeboten.

Meh­rere die­ser »Ange­bote« wur­den vom Kame­ra­team abge­filmt. Im end­gül­ti­gen Schnitt hat sich der Autor aber dafür ent­schie­den, diese Bil­der nicht im Vor­abend­pro­gramm zu zei­gen — auch nicht elek­tro­nisch verfremdet.

So erklärt sich der bild­li­che Zusam­men­hang zwi­schen der REWE-Datenbank und dem win­zi­gen Tab zu einer Pornoseite. (…)

Das Schlimmste, das man dem SR und sei­nem Autor vor­wer­fen kann, ist also, ver­se­hent­lich den Namen einer aus beruf­li­chen Grün­den besuch­ten Por­no­seite öffent­lich gemacht zu haben. Im Film­be­richt war er, wie gesagt, rund drei Sekun­den klein zu sehen. Kress.de nennt ihn mit­samt des­sen Slo­gan wer­be­wirk­sam in der Schlag­zeile, »Mee­dia« im Vorspann.

Kress.de hat aller­dings immer­hin die Erklä­rung des Saar­län­di­schen Rund­funks nach­ge­tra­gen (und dabei unauf­fäl­lig auch die Über­schrift geän­dert). Bei »Mee­dia« und dem »Stan­dard« ste­hen wei­ter die skan­da­li­sie­ren­den Original-Versionen. Bestimmt fehlt den Mit­ar­bei­tern dort die Zeit zur Kor­rek­tur, weil sie schon die nächste geile Geschichte, äh, recherchieren.

stern.de: Anatomie einer Attrappe (3)

Der Bra­an­chen­dienst »Mee­dia« hat mit Chef­re­dak­teur Frank Thom­sen über meine Kri­tik an stern.de gespro­chen. Thom­sens Kern­aus­sage ist möglicherweise:

Eine News-Seite ist ein kom­ple­xes Gebilde aus ver­schie­dens­ten Din­gen, die auch gewür­digt wer­den von Usern.

Die Tat­sa­che, dass stern.de sys­te­ma­tisch Bil­der­ga­le­rien, Videos, aber auch Arti­kel ver­viel­fäl­tigt und umda­tiert und so zum Bei­spiel auch eine vier Jahre alte Falsch-Meldung als aktu­ell aus­gibt, hält Thom­sen für »sehr tief­ge­hende Technik-Diskussionen und viel Klein-Klein«. Das Ver­öf­fent­li­chungs­da­tum eines Arti­kels für das Ver­öf­fent­li­chungs­da­tum eines Arti­kels zu hal­ten, nennt er ein »Missverständnis«.

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