Tag Archive for: Murat Kurnaz

Factually Incorrect

18 Sep 07
18. September 2007

Beate Klein, eine der Hauptautorinnen beim erfolgreichen Hass- und Hetzblog „Politically Incorrect“ (PI), schreibt:

Als relativ häufig aufgerufene Internetseite gegen den Mainstream ist PI immer wieder Zielscheibe linker Journalisten, die in Schmähartikeln ihre oft vor Un- und Halbwahrheiten strotzenden Diffamierungen verbreiten. Da die eigentlichen Beiträge für diese Medien zwar ärgerlich, in der Regel aber nicht angreifbar sind, zieht man einzelne Kommentare heran, um die Bösartigkeit und radikale Gesinnung PIs „beweisen“ zu können.

Ja, das ist echt blöd, dass die eigentlichen Beiträge von PI so selten angreifbar sind.

Gut, jetzt mal abgesehen von Beate Kleins Eintrag über das angebliche Blog von Murat Kurnaz, den sie den „zotteligsten Unschuldigen aller Zeiten“ nennt. Das Blog war nicht von Murat Kurnaz, was Frau Kleins Eintrag, sagen wir: angreifbar machte. Sie hat ihn sicherheitshalber nicht korrigiert, sondern ohne Erklärung gelöscht.

Ach so, und mal abgesehen von dem Eintrag von Jens von Wichtingen, der in Südafrika Sprachkurse veranstaltet und bei PI für Übersetzungen zuständig ist, über die angebliche Wandlung der BBC zur „Stimme Mekkas“.

Er berichtet:

Bei der BBC hat man sich entschlossen, den ganzen Schritt zu machen. In Zukunft wird man jedesmal bei Nennung des moslemischen Propheten Mohammed den bei Moslems gebräuchlichen Zusatz (Friede sei mit ihm) verwenden. Begründet wird das mit religiöser Toleranz – weil man dies ja auch bei anderen Religionen machen würde, wenn sie denn einen solchen Brauch hätten.

Die BBC-Seite, die seine Quelle für diesen Hammer ist, der bei den PI-Kommentatoren Fassungslosigkeit auslöst, ist allerdings vom 9.3.2006. Was laut PI „in Zukunft“ passiert, scheint also mindestens seit eineinhalb Jahren Praxis zu sein.

Und schon mit einfachsten Englischkenntnissen könnte man der Quelle entnehmen, dass die BBC dem Namen Mohammeds keineswegs „jedesmal“ die Worte „Friede sei mit ihm“ (peace be upon him / pbuh) hinzufügen wird. Die Regelung betrifft nur die Islamrubrik der Religionsseiten auf bbc​.co​.uk. Eine einfache Suche zeigt, dass die BBC den Zusatz auf den Nachrichtenseiten nicht verwendet.

(PI-Kommentator Phygos ist dennoch so erschüttert, dass er erklärt, dass England damit für ihn „endgültig als Urlaubsland flach fällt“, während PI-Leser Bokito vor Überreaktionen warnt: Schließlich könne man auch „jeden Samstag in Düsseldorf auf der Königsallee Heerscharen von Schleierschlampen beim Shoppen in den Nobel-Boutiqen anschauen. (…) Vor den Anhängern eines Kinderf**ers auf dem Boden zu kriechen ist die schlimmste Demütigung, die sich ein denkender Mensch vorstellen kann.“)

Ach so, und „angreifbar“ sind natürlich auch die PI-Einträge, in denen immer noch die Mär verbreitet wird, britische Banken hätten die Sparschweine abgeschafft, um die Gefühle muslimischer Kunden nicht zu verletzen — eine längst widerlegte Falschmeldung, die auch Henryk Broder und Udo Ulfkotte verbreiten, was dann wiederum PI aufgreift usw usf.

Ja, die PI-Autoren, für die „Gutmensch“ ein anderes Wort für „Nazi“ ist und die Andersdenkende als „dummdeutsche Multikultischwuchteln“ bezeichnen, sind gerne nicht nur politisch, sondern auch faktisch inkorrekt.

Als die „Berliner Morgenpost“ es wagt, einen Deutschen, der einen Rabbi angegriffen hat, einfach als „Deutschen“ zu bezeichnen, obwohl seine Eltern aus Afghanistan stammen, veröffentlicht ein PI-Gastautor bedeutungsschwanger die E-Mail-Adresse für Leserbriefe der Zeitung. Und die Kommentatoren überbieten sich in empörten Leserbriefen an die Zeitung, und keiner merkt, dass unter dem Artikel die Worte „AP“ stehen, weil es sich um eine Agenturmeldung handelt.

Der PI-Beitrag fordert, den mutmaßlichen Täter nicht als Deutschen, sondern als „afghanischen Moslem“ zu bezeichnen. Und die Kommentatoren erkennen die Gesinnung dahinter und sprechen offen aus, was die PI-Autoren nur andeuten. Ein „Junker“ schreibt:

Er ist kein TATSÄCHLICHER Deutscher, sondern ein “Passdeutscher”. Wenn ein Dackel ein Schild mit der Aufschrift “Schäferhund” um den Hals trägt, bleibt er ein Dackel, bis zu seinem seligen Ende!

Der Täter ist Afghane mit deutschem Pass, hat seiner Religion entsprechend einen Juden fast getötet und wartet nun darauf, das Selbe mit einem Christen machen zu können.

Wenig später spricht ein „Beowulf“ von einem „Kanakenmob“, und ein „Entfernungsmesser“ gerät ins Onanieren:

Meine Freundin kam von der Arbeit nach Hause. Ich hatte Besuch von zwei Freunden. Wir saßen im Hof, hinter uns mein alter Bundeswehrunimog. Meine Freundin erzählte uns, sie sei von drei Kanaken in einem roten BMW-Cabrio angemacht worden: Hy Alde, willst figgen?

Als Deutscher Hauptfeldwebel und PzZgFhr habe ich nach kurzer Lagebeurteilung meinen Entschluß gefasst und in die Worte “Aufsitzen, Männer” artikuliert. Wir also den Mog gestartet und auf den Innenstadtring gefahren. Das ist das bevorzugte Cruisin-Gebiet der Kamelf…er! Vor der übernächsten Ampel überholt uns ein rotes BMW-Cabrio. Bestzung: 3 Kanaken. Die halten vo der roten Ampel, wir nicht!

Schön mit gut Schmackes denen den Kofferraum verkleinert. Die guggten wie Säue am Samstag. Meine Männer und ich abgesessen, denen kalr gemacht, wer wir si´nd und was wir machen wenn sie die Fresse aufreisen. Die waren sehr kooperativ. Meine Versicherung hat den Schaden am BMW gelöhnt. Den Schaden am 1,5-Tonner habe ich mit was Farbe und nem Pinsel beseitigt!

„Beowulf“ antwortet ihm: „gefällt mir“, und ein „Bavarian“ kommentiert: „Gut gemacht!“

Ich weiß nicht, ob Beate Klein, Stefan Herre, Jens von Wichtingen und die anderen PI-Macher auch davon träumen, „Kanaken“ in den BMW zu fahren. Bestimmt finden sie schon den Gedanken „diffamierend“. Was können sie schon dafür, dass sich in ihrem Wohnzimmer ein rassistischer Mob trifft, dem sie mehrmals täglich frisches Popcorn und was zu lesen geben?

Murat Kurnaz bloggt nicht

06 Sep 07
6. September 2007

Testfrage: Wer ist dieser Mann?

Nein, es ist nicht Murat Kurnaz. Er sieht ihm, genau genommen, nicht einmal ähnlich. Da scheint jemand eine andere Gesichtspartie in ein bekanntes Foto von Murat Kurnaz kopiert zu haben.

Nächste Testfrage: Von wem ist dieses Blog?

Nein, es ist nicht von Murat Kurnaz.

Aber wäre es nicht toll, wenn es von ihm wäre? Wir könnten alle bloggen: „Murat Kurnaz bloggt!“, und uns an dem, was wir da lesen, abarbeiten.

Es ist kein Zufall, dass „Politically Incorrect“ mit seinem neorassistischen Umfeld zu den ersten gehörte, die auf das Blog hinwiesen und behaupteten, es stamme von Kurnaz:

Der zotteligste Unschuldige aller Zeiten — Murat Kurnaz — hat jetzt einen eigenen Internetauftritt. Dort findet man Aussagen wie diese: „Steinmeier… ein Bürokrat des Todes, der deutschen Lagerverwaltungstradition folgend“.

Zu diesem Zeitpunkt fanden sich in dem Fake-Blog auch noch Formulierungen wie diese:

„Nach einigen Tagen bei meiner Familie nun wieder alleine in der Stadt. Egal wohin ich gehe: man kennt mich bereits. Egal — jeden Abend Kokain, mit einem Amerikaner aus L.A. der mir wie ein CIA-Mann vorkommt. Paranoid? An jedem Abend 1000 Euro, die den Besitzer wechselten und das Kokain war offenbar gerade noch okay… Was soll’s jetzt ist es vorbei.“

Gemeinsam mit den Lesern schafften es die „Politically Incorrect“-Macher sogar später in den Kommentaren, selbst die Vermutung, die Texte seien nicht echt, noch gegen Kurnaz auszulegen: Das Deutsch sei viel zu gut, als dass er, der Türke, der Hauptschüler, es geschrieben haben könnte.

Auch kein Zufall, dass ein Mitglied der „Achse des Guten“ von Broder & Co., die auch so gerne politisch unkorrekt wäre, das Blog aufgriff und nutze, sich über Kurnaz lustig zu machen. David Harnasch hält sich nur eine Klammer lang mit der Möglichkeit einer Fälschung auf („so er [Kurnaz] seinen Blog wirklich selbst schreibt und das hier keine Persiflage ist“), um sie im übrigen zu ignorieren:

Welcome to the Blogosphere, Murat!

Wenn ich kurz nach dem 11.9. 2001 zur Kur nach Pakistan gereist wäre (ohne meiner Familie davon zu erzählen), man mich dann nach Afghanistan und Guantanamo verschleppt und dort gefoltert hätte, dann wäre ich auch paranoid. (…)

Zwei Tipps:
1. Weniger koksen, das macht nämlich paranoid.
2. Weniger im Blog drüber schreiben, dass man kokst und das Zeug auch noch käuflich erwirbt, denn zumindest zweiteres ist strafbar und führt, wenn man sich derart sackblöde anstellt, recht zuverlässig tatsächlich zur Strafverfolgung.

Auch die Blog-üblichen Belanglosigkeiten fehlen nicht: „Heute Abend überbacke ich im Ofen Chilli-Nachos mit Käse und rauche einen Joint mit schwarzem Afghanen. Dann nehme ich mir ein Buch und lese. Ich bekam in letzter Zeit viele Bücher geschenkt. Zum Glück, denn Fernsehen macht mich irgendwie verrückt, weil es dort überhaupt nichts zu sehen gibt.“

Apropos „sackblöde“: Das sind die Leute, die sich damit brüsten, „unkonventionell“ zu „denken“? Jede Wette: Wenn auf dem kleinen Foto im Blog Murat Kurnaz mit roter Karnevalsnase abgebildet gewesen wäre, Harnasch und seine Achsenfreunde hätten es immer noch nicht gemerkt und auch das gegen den echten Kurnaz ausgelegt.

Man kann es natürlich auch ganz unideologisch sinnlos machen, wie das Blog medienrauschen (und ähnlich viele andere Blogger):

Kurnaz bloggt

Seit einem Jahr nun ist Murat Kurnaz, „der deutsche Guantánamo-Häftling“ — wie der Stern einmal schrieb –, wieder in seiner Heimat Deutschland.
Nach diversen Medienschauläufen, Aussagen und einem Buch kommt Kurnaz scheinbar so langsam zur Ruhe — oder einem gewissen Alltag. Und in dem spielt ein Weblog auch eine Rolle.
Echt oder Fake?

Was für eine Nullnachricht. Eine Mail an Bernhard Docke, den Rechtsanwalt von Murat Kurnaz, hätte genügt, um zu erfahren, dass er nichts mit diesem Blog zu tun hat und nun dagegen vorzugehen versucht.

Update, 7. September. Als Urheber hat sich ein Moritz […] zu erkennen gegeben, der die Fälschung im Blog nun mit einigem Geschwurbel als „gelebte Literatur“ verbrämt.

„Politically Incorrect“ bleibt bei seiner Darstellung — vermutlich sind die Verantwortlichen voll und ganz damit ausgelastet zu hassen.

Und Gutachsist David Harnasch, der sich als „Journalist für TV, Print und Radio“ bezeichnet, erklärt nun, ihm habe „schlicht die Zeit“ für eine Recherche gefehlt. Na sowas: Die Zeit, Murat Kurnaz öffentlich zu diffamieren und verhöhnen, die hat er irgendwie gefunden.

(Kommentare geschlossen.)