Das ist zwar jetzt schon drei Tage alt, aber solche Dinge werden ja nicht wirklich schlecht. Sehen Sie Udo Gümpel, Italienkorrespondent des Rumpelsenders n-tv, im Gespräch mit zwei Überlebenden des Schiffsunglücks von Giglio:
Weiß eigentlich jemand, ob das damals auch schon die Original-Frage war, die Überlebenden der »Titanic« gestellt wurde? Ob Wandern in der Eifel im Nachhinein die bessere Wahl gewesen wäre?
Das Gute an der Sache war, dass man endlich einmal erfuhr, wie das eigentlich aussieht, was Frau Käßmann da überfahren hatte: eine »rote« »Ampel«. Der Fernsehsender n-tv hatte Filmaufnahmen von mehreren Exemplaren aufgetan und zeigte sie viele Dutzend Mal in einer Dauerschleife, zusammen mit Archivbildern von Autos, Polizisten, anderen Autos, anderen Polizisten und einer Szene, bei der jemand der Bischöfin ein Glas Wasser eingießt. Aufgrund einer Panne konnte n-tv am Mittwoch nicht live die Rücktritts-Pressekonferenz übertragen. Also schaltete der Sender nach Berlin statt nach Hannover und ließ dort Heiner Bremer in seiner gewohnt rostigen Art spekulieren, was Käßman wohl »gleich in der Pressekonferenz« tun wird, die längst auf N24 und Phoenix lief.
Nun erweckt der Rumpelsender schon an guten Tagen den Eindruck, man hätte vielleicht ein halbwegs ordentliches Nachrichtenprogramm machen können, wenn bloß nicht dauernd die Nachrichten dazwischen gekommen wäre. Dieses endlose Nichts aber hatte selbst für n-tv-Verhältnisse eine eigene Qualität. Bremer mutmaßte hinter dem Rücktritt einen Racheakt von Scheidungsgegnern in der Kirche und meinte, Käßmann hätte als Alkoholsünderin »glaubwürdiger vor Alkohol warnen können«. Moderatorin Petra Schwarzenberg analysierte ähnlich steil: »Der Schuss ist nach hinten losgegangen: Sie wollte Reue zeigen, und gleichzeitig bedauern jetzt alle den Verlust.« Expertenimitator Jo Groebel erklärte, es sei »von außen ganz schwer zu beurteilen«, ob der Rücktritt notwendig war, aber »wir werden’s ja gleich hören«, und man könne gar nicht spekulieren, wer Käßmann jetzt folgen werde, aber: »Wahrscheinlich eine moderatere Persönlichkeit.« Der n-tv-Internetreporter berichtete, dass es bei Twitter unterschiedliche Meinungen zum Thema gebe.
Nach zwanzig Minuten, in denen die Moderatorin um ebenso viele Jahre gealtert war, stand endlich die Leitung nach Hannover. Der Reporter berichtete live aus dem Raum, in dem Käßmann gerade ihren Rücktritt erläutert hatte, ihre Stimme sei »brüchig« gewesen. Petra Schwarzenberger sagte dann zu ihm: »Sie haben ja sicher schon Reaktionen der Bürger in Hannover eingefangen, bevor die Mitteilung bekannt war.« Und er erwiderte: »Die Reaktionen davor werden genau so sein wie sie jetzt auch sein werden: gespalten«. Es war wieder Alltag eingekehrt bei n-tv.
Wenn’s der ARD passiert wäre, könnten die Kollegen vermutlich ein halbes gähnendes Sommerloch damit stopfen. Aber bei n-tv fehlt dann wohl doch die Fallhöhe.
Wenn in Zukunft jemand fragt, was das eigentlich ist, was wir in Deutschland anstelle eines Nachrichtensenders haben, wird man ihm nur diesen Ausschnitt zeigen müssen.
Es ist fast, als hätte ein Satiriker ein Drehbuch geschrieben, um in knappster Form all die Katastrophen dieser Art von »Berichterstattung« bloßzustellen — bis hin zu der Ironie, dass n-tv, während der Mann am Telefon davor warnt, sofort unkommentierte Bilder vom Tatort zu zeigen, in der Dauerschleife unkommentiert Bilder vom Tatort zeigt.
[via Alexander Svensson, dem auch ein Detail im Laufband aufgefallen ist]
· · ·
Der ähnlich eindrucksvolle Live-Bericht einer RTL-Reporterin aus Winnenden bei »Punkt 12″ (»Es ist Wahnsinn, hier blinken die Lichter. Man hat nicht erwarten können, dass ein solches Großereignis hier heute eintritt. Es ist hier ein Chaos vom Feinsten!«) ist bei YouTube übrigens nicht mehr zu sehen. Stattdessen heißt es:
Das Merkwürdige daran ist, dass RTL beteuert, keine Löschung veranlasst haben. Bei YouTube heißt es dagegen, der Hinweis, der anstelle des Videos angezeigt wird, sei korrekt. Genauere Auskünfte gibt die Firma Google, zu der YouTube gehört, traditionell nicht. Auch auf nochmalige Frage kann man sich bei RTL den Vorgang nicht erklären.
Vielleicht könnte jemand, der den Ausschnitt zufällig hat, ihn nochmal hochladen? (Oder einfach mir schicken.)
Nachtrag, 17.50 Uhr. Georg hat mir freundlicherweise den Auftritt geschickt, so dass man ihn sich jetzt wieder ansehen kann:
· · ·
Unbedingt in Erinnerung blieben sollte von der medialen Aufbereitung dieses Ereignisses auch die »ZDF-Reportage« zum Thema, die nicht unter den hektischen Bedigungen einer Livesendung entstand, sondern am darauffolgenden Sonntag ausgestrahlt wurde.
Sprecher: Tim K., der Amokläufer. Wenig erfährt man über ihn und seine Familie in den Tagen nach der Tat. Die meisten Menschen in Winnenden sind Reportern gegenüber sehr zurückhaltend. Das Elternhaus von Tim K. am Abend nach dem Amoklauf. (…) Die Familie wird als wohlhabend und eher zurückhaltend beschrieben. Bei Nachbarn wollen wir nachfragen.
Reporter: Bei dieser Wohnung, wo da noch Licht brennt, ist das Ihre Wohnung? Dann würde ich da natürlich nicht nochmal klingeln wollen.
Nachbarin: Nein, Sie dürfen im ganzen Haus nicht klingeln. Ich verbiete Ihnen des.
Sprecher: Distanz überall.
Reporter: (an einer Tür) … okay, gut, dann entschuldigen Sie die Störung, ich Danke Ihnen.
Sprecher: Reporterschicksal. Winnenden will Ruhe. Aber Fragen stellen ist nun mal unser Beruf.
Reporter:(an einer anderen Tür) … natürlich. Danke schön.
Sprecher: Deutschland will daheim am Fernseher Neuigkeiten sehen, aber in Winnenden möchte keiner von Reportern an der Haustür belästigt werden. Auch wir spüren den Unmut der Nachbarn.
Reporter:(an einer weiteren Tür) …gut, dann haben wir nicht länger gestört, danke schön.
Sprecher: Rechtschaffene Leute seien Tims Eltern, hören wir, als die Kamera nicht läuft. Ein paar Kilometer vom Wohnort hat der Vater einen Zulieferbetrieb für Verpackungen. Damit schirmen die Mitarbeiter jetzt die Fenster ab. Niemand möchte sich zeigen oder gar mit ihnen sprechen.
Reporter:(zu einem Mann, der gerade mit dem Auto vor dem Haus geparkt hat) Schönen guten Tag, dürfen wir Sie ganz kurz stören? Sie sind sicherlich ein Kunde des Hauses.
Passant: Ich geb dazu keine Antwort.
Reporter: Wie geht’s Ihnen heute mit der Situation?
Kurz nach acht. In Hessen ist ungefähr alles offen: Ob es doch noch für eine CDU/FDP-Koalition reicht, ob die Linke in den Landtag kommt, ob es ein Patt wird. Beim Rumpelsender n-tv musste man sich allerdings aus der aktuellen Berichterstattung ausblenden, um eine dringende Reportage über »Riesenkräne« zu senden.
Aber gerade an solchen Abenden kann man ja auch mal in den Teletext schauen, und da überrascht n-tv mit dieser, nun ja: Exklusivmeldung:
Nachtrag und Korrektur, 21.50 Uhr:
Ich muss mich für meine voreilige Behauptung entschuldigen, n-tv habe für die Riesenkran-Reportage die Wahlberichterstattung unterbrochen. Tatsächlich hat n-tv natürlich für die Wahl kurz seine Riesenkran-Berichterstattung unterbrochen. Die n-tv-Reportage »Riesenkräne« lief zuletzt in der vergangenen Nacht um 0:15 Uhr, gestern um 15:10 Uhr, vorgestern um 22:10 Uhr und am:
24.11.2007
23.11.2007
19.08.2007
18.08.2007 (zweimal)
16.08.2007
01.06.2007 (zweimal)
14.04.2007
13.04.2007
12.04.2007
11.04.2007 (zweimal)
02.12.2006
30.11.2006
24.09.2006
23.09.2006
22.09.2006
22.07.2006
21.07.2006
20.07.2006 (zweimal)
20.05.2006
19.05.2006
18.05.2006
25.03.2006
24.03.2006 (zweimal)
23.03.2006
04.02.2006
03.02.2006
02.02.2006 (zweimal)
03.08.2005
02.08.2005 (dreimal)
01.08.2005.
(Ohne Anspruch auf Vollständigkeit.)