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Folge 3911 der Serie „Der irre Varoufakis“ ist eine Wiederholung

20 Jun 15
20. Juni 2015

Es muss, um es mit dem Online-Liveticker des Nachrichtensenders n-tv zu sagen, ein wirklich denkwürdiges Treffen der Euro-Finanzminister gewesen sein am Donnerstag:

Zumindest, wenn man einem Bericht der

Die Kollegen vom Online-Liveticker des „Focus“ finden es fast schon nicht mehr denkwürdig in seiner Denkwürdigkeit:

Der Auftritt von Janis Varoufakis beim Treffen der Finanzminister scheint einem Bericht der

Und so steht es auch in der „Welt“, auf die sich „Focus Online“ und n-tv.de beziehen. Jedenfalls im Vorspann und auf der Startseite:

Athens Reformliste ist eine Sammlung von Stichworten. Mit einem Kamerateam im Schlepptau und einer 30-minütigen Rede erschien Janis Varoufakis beim Finanzministertreffen. Doch seine Vorschläge reichen den Euro-Kollegen nicht. Sie setzen ihm eine Frist.

Im Artikel selbst zeigt dann aber eine interessante Sollbruchstelle:

Der griechische Finanzminister Janis Varoufakis schätzt es, Licht in die Treffen der Amtskollegen zu bringen, die doch eigentlich hinter verschlossenen Türen stattfinden. Zu seinem ersten Treffen mit den Finanzministern der Euro-Gruppe erschien er Schilderungen zufolge mit einem Kamerateam im Schlepptau, was ihm eine Rüge von Euro-Gruppe-Chef Jeroen Dijsselbloem einbrachte. Und wie man hört, neigt er zu langen Reden in dem Gremium.

So auch am Donnerstag. …

Da steht genau genommen gar nicht, dass Varoufakis jetzt ein Kamerateam mitbrachte, sondern dass er das bei „seinem ersten Treffen mit den Finanzministern“ tat. Der „Welt“-Korrespondent hat das nur nochmal erzählt, um zu illustrieren, was für ein bizarrer Typ dieser Varoufakis ist (neigt zu langen Reden!), der Dinge gern für die Öffentlichkeit dokumentiert, wie er das auch diese Woche tat, indem er seinen Redetext „auf seinem Internetblog“ veröffentlichte.

Tatsächlich ist die Geschichte mit dem Kamerateam alt. Am 17. Februar, vor über vier Monaten also, berichtete dpa:

Der forsche Stil der neuen griechischen Regierung sorgte beim Eurogruppen-Treffen für reichlich Irritationen. Als Varoufakis erst eine halbe Stunde nach Verhandlungsbeginn den Raum betrat, sprach gerade der Präsident der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi. Varoufakis platzte nach Angaben aus Verhandlungskreisen mit einem Kameramann im Schlepptau ins Zimmer — der dann zügig herauskomplimentiert wurde.

Oder in der Schilderung der „Stuttgarter Zeitung“ von damals:

Zu Sitzungsbeginn um 15 Uhr, berichten Diplomaten übereinstimmend, fehlte die Hauptperson. Als der griechische Kollege Giannis Varoufakis auch nach einer halben Stunde noch nicht erschienen war, weil er die Ergebnisse seiner Vorgespräche mit Premier Alexis Tsipras besprach, fing die Runde ohne ihn an. Athens Vertreter betrat erst um 15.58 Uhr den Saal, entgegen den Gepflogenheiten verfolgt von einem Kameramann. Sitzungspräsident Jeroen Dijsselbloem musste den gerade redenden Zentralbankchef Mario Draghi unterbrechen und Varoufakis darum bitten, den Fernsehmenschen abzuschütteln. „Das kam gar nicht gut an“, berichtet einer, der die Sitzung verfolgen konnte. Dann habe Varoufakis „wieder nur lange geredet, statt endlich etwas Konkretes auf den Tisch zu legen“.

Der „Welt“-Korrespondent hat gestern einfach die alte Geschichte noch einmal erzählt, und in der Redaktion haben sie nicht gemerkt, dass das eine alte Geschichte ist und sie als neue Geschichte verkauft, und in den Newsticker-Abteilungen von n-tv.de und „Focus Online“, wo man vermutlich ohnehin nicht viel merkt, wurde das gleich ein aufregender neuer Punkt.

Und bei „Focus Online“ haben sie bei der Gelegenheit noch Varoufakis‘ Äußerung, das einzige Gegenmittel gegen „Propaganda und bösartige Informationslecks“ sei Transparenz, die sich auf die Veröffentlichung des Redetextes in seinem Blog bezog, in den falschen Kontext mit dem Kamerateam gestellt.

Nur ein weiteres, winziges falsches Detail in der besinnungslosen Berichterstattung über die Griechenland-Krise. Falls es Ihnen also so vorkommt, als würde seit Monaten immer wieder dasselbe vermeldet, kann es auch daran liegen, dass es tatsächlich so ist.

Super-Symbolfoto (104)

15 Mai 14
15. Mai 2014

[eingesandt von Martin Fuchs]

Supr-Symbolfotos

04 Aug 09
4. August 2009

Vielleicht sollte ich ernsthaft ins Super-Symbolfoto-Geschäft einsteigen. Die Investitionen halten sich in Grenzen (für den Anfang: eine Kamera und ein Scrabble-Spiel), und anspruchslosere Kunden als unsere Online-Medien sind ja kaum vorstellbar.

„Welt Online“:

n-tv.de:

(Es gibt übrigens auch eine ähnlich sinnlose, aber richtig buchstabierte Variante, bei der ist aber leider nur ein „U“ übrig.)

[eingesandt von Matthias Breitinger]

Bilderbuch-Journalismus

09 Mai 08
9. Mai 2008

Die Art, wie n-tv.de gestern abend auf der Startseite zwei Bilderserien zum Thema Barbara Rudnik und „die sexiesten Frauen der Welt“ bewarb, hatte einen verstörenden Effekt.

Das war, womöglich, unbeabsichtigt. Bei der Rudnik-Bilderserie selbst handelt es sich dagegen nach Auskunft von n-tv.de nicht um ein Versehen.

Erzählt wird die Geschichte von Rudniks Krebserkrankung darin als Bildergeschichte mit fortlaufendem Text — eine Form der Aufbereitung, die bei n-tv.de inzwischen einen erheblichen Teil der Berichterstattung ausmacht und unter anderem auch bei sueddeutsche.de bevorzugt eingesetzt wird. Nun hat n-tv.de allerdings keine aktuellen Fotos von Frau Rudnik. Die sind für die von n-tv.de gewählte Form der Bildergeschichte aber auch entbehrlich. Und die geht so:

Wenn n-tv.de die Aussage von Frau Rudnik zitiert, viele Menschen bekämen sicher einen Schreck, wenn sie sie sähen, sehen wir ein Foto von Frau Rudnik, wie sie ganz erschrocken guckt:

Und wenn es im Text heißt: „Jetzt lebe sie bewusster und glücklicher als vor drei Jahren, weil sie jeden Tag genieße“, sehen wir ein Foto von Frau Rudnik, auf dem sie richtig glücklich aussieht (obwohl es schon über neun Jahre alt ist: Sie dirigiert da zufällig gerade in einer Art Hochzeitskleid mehrere Rappen bei „Stars in der Manege“).

Die Bilder zeigen also nicht, was der Text beschreibt, sondern illustrieren es. Es sind allesamt Symbolfotos. Das ist sehr unjournalistisch und ein bisschen gewöhnungsbedürftig, aber gewöhnen ist gar keine gute Idee: Sonst fängt man nämlich an, Fragen zu stellen: Warum n-tv.de zum Beispiel den Text „Drei Monate später sei der Krebs zurückgekommen und sie habe mehrere Zyklen Chemotherapie hinter sich“ mit einem Bild von einer schwungvoll über den Roten Teppich laufenden Rudnik bebildert. Steht das für die Rückkehr?

„Andere Schauspieler wussten bis jetzt nichts vom Schicksal ihrer Kollegin und reagieren bestürzt“, steht unter einem Foto, das offensichtlich die Wörter „andere Schauspieler“ illustriert, aber nicht die Bestürzung:

„Alle wünschen ihr Kraft und Zuversicht“ steht auf der nächsten Seite, und anscheinend sind „alle“ vor allem SPD-Politiker:

Wie illustriert n-tv.de Rudniks Plan, sich „erhobenen Hauptes“ und mit ihren „kurzen ungefärbten Haaren“ der Öffentlichkeit zu zeigen? Mit einem Foto von ihr mit langen, gefärbten Haaren und dem Zusatz: „(Foto von 2003)“.

Und der Satz „Für eine Operation sei die Krankheit schon zu weit fortgeschritten gewesen, da der Krebs auch Leber und Knochen befallen habe“, wird von n-tv.de so bebildert:

Eines der freundlicheren Wörter, das mir zu dieser Bilderserie einfällt, ist gaga.

Tilman Aretz, einer der beiden Chef der Berliner Nachrichtenmanufaktur GmbH, die für n-tv den Online-Auftritt bestückt, kann weder mein Problem mit dieser Bilderserie verstehen, noch einen unfreiwilligen Humor darin erkennen. Von einer Text-Bild-Schere könne gar keine Rede sein, sagt er, ebenso wenig wie bei der Geschichte neulich, als n-tv.de eine Steinigung mit einem Foto von einem Galgen bebilderte. Es handele sich bei den Texten eben nicht um Eins-zu-Eins-Erklärungen der Fotos, das sei ja auch langweilig und redundant; ein gewisses „Abstraktionsvermögen“ gehöre schon dazu. Andererseits sei es aber auch nicht so, dass man nur den Text hinschreibe und irgendwelche Fotos dazustelle. Falsch sei im übrigen auch der immer wieder geäußerte Verdacht, mit solchen Bildergalerien nur Klicks generieren zu wollen — die mit Rudnik zum Beispiel ist ja auch nur 30 Bilder lang.

Auch im Fernsehen, sagt Aretz, würde man bei einem Bericht über die Krebserkrankung Rudniks ähnliche Archivbilder sehen. Dabei ist das ja gerade eine der Schwächen des Mediums Fernsehen: Dass es auf Bilder angewiesen ist, während Online-Journalisten zwischen bildlastigen und textbasierten Erzählweisen wählen können. Theoretisch. Es sei denn, sie entscheiden sich, wie n-tv.de, auch dann um den Preis aberwitziger Text-Bild-Scheren und unfreiwilliger und unangemessener Komik jedesmal für die dutzend– und hundertfach klickbringende Bilderserie.

Aretz fand es beleidigend, dass ich seinem Team neulich „Unfähigkeit“ vorgeworfen habe. Vermutlich war das wirklich insofern ungerecht, als es sich nicht um Versehen handelt, sondern Methode.

In der Rudnik-Serie hat n-tv.de über den Satz „Ihre Filmtochter ist Sophia Thomalla, die Tochter von Schauspielerin Simone Thomalla“ ein Foto gestellt, das weder Sophia noch Simone Thomalla zeigt.

Meine Frage, ob der Firmenname „Nachrichtenmanufaktur“ ironisch gemeint sei, hat Aretz nicht verstanden.

[via Lukas]

Die fiesen Typen von n-tv.de

15 Okt 07
15. Oktober 2007

Noch hat sueddeutsche.de das Rennen um die Marktführerschaft im Segment der abwegigen Massenklickproduktion nicht endgültig für sich entschieden. Die Kollegen von n-tv.de wollen sich nicht geschlagen geben.

Vor ein paar Wochen fragten sie ihre Leser:

Ich weiß nicht, ob n-tv.de-Leser für ihre besonders sensiblen Mägen bekannt sind. Jedenfalls lösen bei ihnen anscheinend u.a. die Herren George W. Bush, Oskar Lafontaine, Michael Glos, Donald Rumsfeld, Gerhard Schröder, Wladimir Putin und Ronald Pofalla Brechreiz aus.

Aus diesen Wahlergebnissen gestaltete n-tv.de nun eine knapp 90-teilige Bildergalerie, in die neben die 20 fiesesten Typen noch Fotos gepackt wurden von Darth Vader, einem zerstörten Krankenhaus, Braunkohle-Tagebau, J. R. Ewing, Godzilla, Asiaten vor einem frühen Internet-Browser, Robert Hoyzer, einem Stoppschild, den Moderatoren von 9live, den Spielern des FC Bayern, einer Müllkippe und einer Trommel. Dazu schrieb jemand launige Texte und zeigte als grenzwertige Schlusspointe den „fiesen“ George W. Bush mit zwei amerikanischen Kriegsversehrten und schrieb darunter: „Selbst die Opfer können ihm nicht böse sein. Und hätten ihn niemals in diese Liste gewählt.“

So weit, so abwegig — und so alltäglich im Online-Medien-Geschäft heute.

Das Beste aber ist, dass n-tv.de diese Bildergalerie nun immer einsetzen kann, wenn einer der Fieslinge von der Liste in den Nachrichten ist.
Michael Glos fliegt viel mit der Luftwaffe? Bilderserie „Fiese Typen „. Sarkozy bald wieder Solo? Bilderserie „Fiese Typen“. Informant sagt in Bohlen-Prozess nicht aus? Bilderserie „Fiese Typen“.

Bei n-tv.de mag man die Galerie so sehr, dass sie sogar eingesetzt wird, wenn die „fiesen Typen“ selbst gar nicht im Mittelpunkt der Nachrichten stehen, sondern ihre Verbündeten oder Gegenspieler: Al Gore kriegt den Friedensnobelpreis? Bilderserie „Fiese Typen“ (wegen Bush). Prowestliche Parteien gewinnen Wahl in der Ukraine? Bilderserie „Fiese Typen“ (wegen Putin). Juschtschenko warnt vor Wahlfälschung? Bilderserie „Fiese Typen“ (wegen Putin).

Dabei hat n-tv.de längst eine viel-viel-teilige Bildergalerie von hinreichender Abwegigkeit, die in ungefähr alle Artikel eingebaut wird, die entfernt etwas mit Russland zu tun haben: „Von Caesar bis Honecker: Diktatoren der Welt“.

[Mit Dank an Sebastian!]