Supr-Symbolfotos

Viel­leicht sollte ich ernst­haft ins Super-Symbolfoto-Geschäft ein­stei­gen. Die Inves­ti­tio­nen hal­ten sich in Gren­zen (für den Anfang: eine Kamera und ein Scrabble-Spiel), und anspruchs­lo­sere Kun­den als unsere Online-Medien sind ja kaum vorstellbar.

»Welt Online«:

n-tv.de:

(Es gibt übri­gens auch eine ähn­lich sinn­lose, aber rich­tig buch­sta­bierte Vari­ante, bei der ist aber lei­der nur ein »U« übrig.)

[ein­ge­sandt von Mat­thias Breitinger]

Bilderbuch-Journalismus

Die Art, wie n-tv.de ges­tern abend auf der Start­seite zwei Bil­der­se­rien zum Thema Bar­bara Rud­nik und »die sexies­ten Frauen der Welt« bewarb, hatte einen ver­stö­ren­den Effekt.

Das war, womög­lich, unbe­ab­sich­tigt. Bei der Rudnik-Bilderserie selbst han­delt es sich dage­gen nach Aus­kunft von n-tv.de nicht um ein Versehen.

Erzählt wird die Geschichte von Rud­niks Krebs­er­kran­kung darin als Bil­der­ge­schichte mit fort­lau­fen­dem Text — eine Form der Auf­be­rei­tung, die bei n-tv.de inzwi­schen einen erheb­li­chen Teil der Bericht­er­stat­tung aus­macht und unter ande­rem auch bei sueddeutsche.de bevor­zugt ein­ge­setzt wird. Nun hat n-tv.de aller­dings keine aktu­el­len Fotos von Frau Rud­nik. Die sind für die von n-tv.de gewählte Form der Bil­der­ge­schichte aber auch ent­behr­lich. Und die geht so:

Wenn n-tv.de die Aus­sage von Frau Rud­nik zitiert, viele Men­schen bekä­men sicher einen Schreck, wenn sie sie sähen, sehen wir ein Foto von Frau Rud­nik, wie sie ganz erschro­cken guckt:

Und wenn es im Text heißt: »Jetzt lebe sie bewuss­ter und glück­li­cher als vor drei Jah­ren, weil sie jeden Tag genieße«, sehen wir ein Foto von Frau Rud­nik, auf dem sie rich­tig glück­lich aus­sieht (obwohl es schon über neun Jahre alt ist: Sie diri­giert da zufäl­lig gerade in einer Art Hoch­zeits­kleid meh­rere Rap­pen bei »Stars in der Manege«).

Die Bil­der zei­gen also nicht, was der Text beschreibt, son­dern illus­trie­ren es. Es sind alle­samt Sym­bol­fo­tos. Das ist sehr unjour­na­lis­tisch und ein biss­chen gewöh­nungs­be­dürf­tig, aber gewöh­nen ist gar keine gute Idee: Sonst fängt man näm­lich an, Fra­gen zu stel­len: Warum n-tv.de zum Bei­spiel den Text »Drei Monate spä­ter sei der Krebs zurück­ge­kom­men und sie habe meh­rere Zyklen Che­mo­the­ra­pie hin­ter sich« mit einem Bild von einer schwung­voll über den Roten Tep­pich lau­fen­den Rud­nik bebil­dert. Steht das für die Rückkehr?

»Andere Schau­spie­ler wuss­ten bis jetzt nichts vom Schick­sal ihrer Kol­le­gin und rea­gie­ren bestürzt«, steht unter einem Foto, das offen­sicht­lich die Wör­ter »andere Schau­spie­ler« illus­triert, aber nicht die Bestürzung:

»Alle wün­schen ihr Kraft und Zuver­sicht« steht auf der nächs­ten Seite, und anschei­nend sind »alle« vor allem SPD-Politiker:

Wie illus­triert n-tv.de Rud­niks Plan, sich »erho­be­nen Haup­tes« und mit ihren »kur­zen unge­färb­ten Haa­ren« der Öffent­lich­keit zu zei­gen? Mit einem Foto von ihr mit lan­gen, gefärb­ten Haa­ren und dem Zusatz: »(Foto von 2003)«.

Und der Satz »Für eine Ope­ra­tion sei die Krank­heit schon zu weit fort­ge­schrit­ten gewe­sen, da der Krebs auch Leber und Kno­chen befal­len habe«, wird von n-tv.de so bebildert:

Eines der freund­li­che­ren Wör­ter, das mir zu die­ser Bil­der­se­rie ein­fällt, ist gaga.

Til­man Aretz, einer der bei­den Chef der Ber­li­ner Nach­rich­ten­ma­nu­fak­tur GmbH, die für n-tv den Online-Auftritt bestückt, kann weder mein Pro­blem mit die­ser Bil­der­se­rie ver­ste­hen, noch einen unfrei­wil­li­gen Humor darin erken­nen. Von einer Text-Bild-Schere könne gar keine Rede sein, sagt er, ebenso wenig wie bei der Geschichte neu­lich, als n-tv.de eine Stei­ni­gung mit einem Foto von einem Gal­gen bebil­derte. Es han­dele sich bei den Tex­ten eben nicht um Eins-zu-Eins-Erklärungen der Fotos, das sei ja auch lang­wei­lig und redun­dant; ein gewis­ses »Abs­trak­ti­ons­ver­mö­gen« gehöre schon dazu. Ande­rer­seits sei es aber auch nicht so, dass man nur den Text hin­schreibe und irgend­wel­che Fotos dazu­stelle. Falsch sei im übri­gen auch der immer wie­der geäu­ßerte Ver­dacht, mit sol­chen Bil­der­ga­le­rien nur Klicks gene­rie­ren zu wol­len — die mit Rud­nik zum Bei­spiel ist ja auch nur 30 Bil­der lang.

Auch im Fern­se­hen, sagt Aretz, würde man bei einem Bericht über die Krebs­er­kran­kung Rud­niks ähn­li­che Archiv­bil­der sehen. Dabei ist das ja gerade eine der Schwä­chen des Medi­ums Fern­se­hen: Dass es auf Bil­der ange­wie­sen ist, wäh­rend Online-Journalisten zwi­schen bild­las­ti­gen und text­ba­sier­ten Erzähl­wei­sen wäh­len kön­nen. Theo­re­tisch. Es sei denn, sie ent­schei­den sich, wie n-tv.de, auch dann um den Preis aber­wit­zi­ger Text-Bild-Scheren und unfrei­wil­li­ger und unan­ge­mes­se­ner Komik jedes­mal für die dut­zend– und hun­dert­fach klick­brin­gende Bilderserie.

Aretz fand es belei­di­gend, dass ich sei­nem Team neu­lich »Unfä­hig­keit« vor­ge­wor­fen habe. Ver­mut­lich war das wirk­lich inso­fern unge­recht, als es sich nicht um Ver­se­hen han­delt, son­dern Methode.

In der Rudnik-Serie hat n-tv.de über den Satz »Ihre Film­toch­ter ist Sophia Tho­malla, die Toch­ter von Schau­spie­le­rin Simone Tho­malla« ein Foto gestellt, das weder Sophia noch Simone Tho­malla zeigt.

Meine Frage, ob der Fir­men­name »Nach­rich­ten­ma­nu­fak­tur« iro­nisch gemeint sei, hat Aretz nicht verstanden.

[via Lukas]

Die fiesen Typen von n-tv.de

Noch hat sueddeutsche.de das Ren­nen um die Markt­füh­rer­schaft im Seg­ment der abwe­gi­gen Mas­senklick­pro­duk­tion nicht end­gül­tig für sich ent­schie­den. Die Kol­le­gen von n-tv.de wol­len sich nicht geschla­gen geben.

Vor ein paar Wochen frag­ten sie ihre Leser:

Ich weiß nicht, ob n-tv.de-Leser für ihre beson­ders sen­si­blen Mägen bekannt sind. Jeden­falls lösen bei ihnen anschei­nend u.a. die Her­ren George W. Bush, Oskar Lafon­taine, Michael Glos, Donald Rums­feld, Ger­hard Schrö­der, Wla­di­mir Putin und Ronald Pofalla Brech­reiz aus.

Aus die­sen Wahl­er­geb­nis­sen gestal­tete n-tv.de nun eine knapp 90-teilige Bil­der­ga­le­rie, in die neben die 20 fie­ses­ten Typen noch Fotos gepackt wur­den von Darth Vader, einem zer­stör­ten Kran­ken­haus, Braunkohle-Tagebau, J. R. Ewing, God­zilla, Asia­ten vor einem frü­hen Internet-Browser, Robert Hoy­zer, einem Stopp­schild, den Mode­ra­to­ren von 9live, den Spie­lern des FC Bay­ern, einer Müll­kippe und einer Trom­mel. Dazu schrieb jemand lau­nige Texte und zeigte als grenz­wer­tige Schluss­pointe den »fie­sen« George W. Bush mit zwei ame­ri­ka­ni­schen Kriegs­ver­sehr­ten und schrieb dar­un­ter: »Selbst die Opfer kön­nen ihm nicht böse sein. Und hät­ten ihn nie­mals in diese Liste gewählt.«

So weit, so abwe­gig — und so all­täg­lich im Online-Medien-Geschäft heute.

Das Beste aber ist, dass n-tv.de diese Bil­der­ga­le­rie nun immer ein­set­zen kann, wenn einer der Fies­linge von der Liste in den Nach­rich­ten ist.
Michael Glos fliegt viel mit der Luft­waffe? Bil­der­se­rie »Fiese Typen ». Sar­kozy bald wie­der Solo? Bil­der­se­rie »Fiese Typen«. Infor­mant sagt in Bohlen-Prozess nicht aus? Bil­der­se­rie »Fiese Typen«.

Bei n-tv.de mag man die Gale­rie so sehr, dass sie sogar ein­ge­setzt wird, wenn die »fie­sen Typen« selbst gar nicht im Mit­tel­punkt der Nach­rich­ten ste­hen, son­dern ihre Ver­bün­de­ten oder Gegen­spie­ler: Al Gore kriegt den Frie­dens­no­bel­preis? Bil­der­se­rie »Fiese Typen« (wegen Bush). Pro­west­li­che Par­teien gewin­nen Wahl in der Ukraine? Bil­der­se­rie »Fiese Typen« (wegen Putin). Juscht­schenko warnt vor Wahl­fäl­schung? Bil­der­se­rie »Fiese Typen« (wegen Putin).

Dabei hat n-tv.de längst eine viel-viel-teilige Bil­der­ga­le­rie von hin­rei­chen­der Abwe­gig­keit, die in unge­fähr alle Arti­kel ein­ge­baut wird, die ent­fernt etwas mit Russ­land zu tun haben: »Von Cae­sar bis Hone­cker: Dik­ta­to­ren der Welt«.

[Mit Dank an Sebastian!]

Gagagalerien

Formel-1-Fahrer Lewis Hamil­ton hatte am Sams­tag einen schwe­ren Unfall auf dem Nürburgring.

Diese Nach­richt kann man den Lesern natür­lich in ver­schie­de­nen For­men über­mit­teln. Die Kol­le­gen von n-tv.de ent­schie­den sich für die Form einer 32-teiligen Bil­der­ga­le­rie.

Das las sich dann unter ande­rem so:

Das funk­tio­niert ganz gut, um es klei­nen Kin­dern abends vorm Zubett­ge­hen vor­zu­le­sen, die dann immer mit der Maus auf den rech­ten Pfeil kli­cken dür­fen und zei­gen müs­sen, was die Mama vor­liest (Ja, daaa ist der Hamil­ton! Und wo ist das Podest? Sehr schön. Und siehst du den Kran­ken­wa­gen? Zeig der Mama den Krankenwagen…)

Eine andere mög­li­che Erklä­rung wäre natür­lich, dass es zu der kur­zen Mel­dung ein­fach so viele tolle Fotos gibt, die n-tv.de sei­nen Lesern nicht vor­ent­hal­ten wollte, dass der Text des­halb ein biss­chen gestreckt wurde. Diese Erklä­rung wirkt aber, sagen wir, unwahr­schein­lich, wenn man anfängt, einige der vie­len Fotos aus der Bil­der­stre­cke über­sicht­lich anzu­ord­nen:

n-tv.de hat immer wie­der die­sel­ben oder fast iden­ti­schen Fotos in die Bild­stre­cke gepackt, nur unter­schied­lich stark ver­grö­ßert. Das funk­tio­niert ganz gut, um mit nicht ganz so klei­nen Kin­dern abends vorm Zubett­ge­hen Profi-»Memory« zu spie­len. (Und wo hat­ten wir das­selbe Foto eben schon gese­hen? Und war es beim letz­ten Mal näher dran oder wei­ter weg? Hey, super!)

Eine andere Erklä­rung wäre natür­lich, dass es zu den paar Fotos ein­fach so viel tol­len Text gab, den n-tv.de sei­nen Lesern nicht vor­ent­hal­ten wollte, dass die Bil­der des­halb ein biss­chen gestreckt wur­den. Äh, halt.

Jede Wette: Das ist die Zukunft des Onlinejournalismus.

[Mit Dank an Lukas!]

Super-Symbolfotos (19–20)

Der Wahn­sinn hat System.

In Mecklenburg-Vorpommern haben Rechts­ex­tre­mis­ten an einem See aus­län­der­feind­li­che Paro­len gebrüllt, den Hit­ler­gruß gezeigt, Bade­gäste beläs­tigt und mit einer Maschi­nen­pis­tole in die Luft geschos­sen? Da haben die Leute von n-tv doch eine lus­tige Illustrationsidee:

Gut, selbst schuld, wer sich bei n-tv.de info­miert. Bei sueddeutsche.de, das seit eini­gen Mona­ten von einer Qua­li­täts­of­fen­sive erschüt­tert wird, sieht das natür­lich ganz anders aus:

(Nach­dem ich bei n-tv.de nach­ge­fragt habe, ob das ihr Ernst sei, ist das Foto aus­ge­tauscht wor­den.)

[Via Zapp und Theo in den Kom­men­ta­ren]

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