N24 mit Problemen im Lebensbereich

Der »Spie­gel« berich­tet heute über Pläne der Sen­der­gruppe ProSiebenSat.1, bei N24 zu spa­ren und die Zahl der Nach­rich­ten­sen­dun­gen noch wei­ter zu redu­zie­ren. Falls es dabei auch zu Kün­di­gun­gen käme, wäre das beson­ders bit­ter. Schließ­lich ist nicht jeder N24-Mitarbeiter auf dem Arbeits­markt leicht vermittelbar…

[gefun­den von Andrea Kleemann]

Diesen Absturz präsentiert Ihnen TUI

Ich war ges­tern Abend weder am Fern­se­her noch am Com­pu­ter, aber Thors­ten Loh­mann und Hen­drik Runte waren es, und sie haben freund­li­cher­weise fest­ge­hal­ten, wie das aus­sah, als der Nach­rich­ten­sen­der N24 live von der Not­lan­dung eines Pas­sa­gier­flug­zeugs im Hudson-River berichtete:



Der ein­ge­blen­dete Wer­be­spruch lau­tet: »Will­kom­men an Bord«.

Ein Nepal für ein Tibet vormachen

So und so ähn­lich sehen sie aus, die TV-Nachrichten in die­sen Tagen:

Klei­nes Pro­blem: Das da hin­ter dem Mode­ra­tor ist nicht Tibet.

Und so und so ähn­lich sehen sie aus, die Inter­net­sei­ten in die­sen Tagen:

Klei­nes Pro­blem: Das da auf dem Foto ist nicht Tibet.

Es gibt offen­bar hef­tige Unru­hen in Tibet, und die chi­ne­si­sche Poli­zei geht offen­bar mit gro­ßer Härte gegen die Pro­tes­tie­rer vor. Es gibt nur lei­der fast keine Fotos und Videos davon. Zum Glück für die Medien gibt es aber Fotos und Videos von gewalt­sa­men Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit tibe­ti­schen Demons­tran­ten an ande­ren Orten in der Welt — die wer­den dann von Sen­dern wie N24 und RTL, aber auch von ande­ren ein­fach umdeklariert.

Das Foto von RTL.de oben zum Bei­spiel ist nicht in Lhasa ent­stan­den, son­dern offen­bar in Kath­mandu, wo es Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen Poli­zei und tibe­ti­schen Demons­tran­ten gab. Und das Bild auf N24 (»Tote bei Kra­wal­len in Tibet«) stammt aus Indien, nicht aus China — unschwer an der Haut­farbe und Uni­form des Man­nes rechts im Bild zu erkennen.

Der Misch­sen­der N24 hat es heute geschafft, zu einer Mel­dung über die Aus­wei­sung der letz­ten Jour­na­lis­ten aus Tibet, die Ver­haf­tung vie­ler Men­schen in Lhasa und das Ein­frie­ren deut­scher Ver­hand­lun­gen mit China Bewegt­bil­der zu zei­gen, von denen offen­bar kein ein­zi­ges in Tibet oder China auf­ge­nom­men wurde. Die Auf­nah­men schei­nen zwar das bru­tale Vor­ge­hen Chi­nas per­fekt zu bele­gen, sind aber (an den Uni­for­men zu erken­nen) eben­falls in Nepal entstanden:

Auch n-tv wählte ein ein­drucks­vol­les dpa-Bild aus Nepal und schrieb »Neue Pro­teste in Tibet« dar­über. Und Bild.de baute zwei dra­ma­tisch aus­se­hende Fotos von Zusam­men­stö­ßen in Nepal zu einem Tea­ser »Hun­derte Tote bei Unru­hen in Tibet« zusammen.

Im Forum der deutsch-chinesischen Seite kaiyuan fin­den sich wei­tere Bei­spiele. (Über den poli­ti­schen Hin­ter­grund die­ser Seite weiß ich nichts; die dort genann­ten Bei­spiele, die ich nach­re­cher­chie­ren konnte, sind aber alle zutreffend.)

Auch bei den Auf­nah­men, die tat­säch­lich aus Tibet stam­men, ist in vie­len Fäl­len nicht ein­deu­tig zu erken­nen, was sie wirk­lich zei­gen. Zei­gen die Auf­nah­men von dem Mann, dem zwei Uni­for­mierte unter die Arme gegrif­fen haben, wirk­lich des­sen bru­tale Fest­nahme? Oder brin­gen sie in Wahr­heit einen Ver­letz­ten aus der Gefah­ren­zone? Die Betex­t­ung sol­cher Fotos in vie­len Medien las­sen diese Frage nicht offen. Jedes Bild scheint für sie ein wei­te­rer Beweis zu sein für die Grau­sam­keit von chi­ne­si­scher Poli­zei und Militär.

Einige der beun­ru­hi­gen­den Fotos, die jetzt um die Welt gehen, stam­men von dem ame­ri­ka­ni­schen Blog­ger Kad­fly, der seit eini­gen Wochen durch Asien reist — eines davon schaffte es auf die erste Seite der »New York Times«. Kad­fly selbst beklagte dar­auf­hin, wie ein­sei­tig die gro­ßen Medien diese Bil­der inter­pre­tier­ten, und dass sie wich­tige Tat­sa­chen in Bezug auf seine Fotos ignorierten:

Yes, the Chi­nese govern­ment bears a huge amount of blame for this situa­tion. But the pro­tests yes­ter­day were NOT peace­ful. The ori­gi­nal pro­tests from the past few days may have been, but all of the eye­wit­nes­ses in this room agree the pro­tes­ters yes­ter­day went from attacking Chi­nese police to attacking inno­cent people very, very quickly.

Ich habe kei­nen Zwei­fel daran, dass den Tibe­tern gro­ßes Unrecht geschieht. Und dass die letz­ten Jour­na­lis­ten Tibet ver­las­sen muss­ten und China Berichte über Tibet zen­siert, spricht eine deut­li­che Spra­che über die Art von Staat, mit dem wir es hier zu tun haben.

Aber gerade die Tat­sa­che, dass die Rol­len von Gut und Böse in die­sem Kon­flikt so klar ver­teilt zu sein schei­nen, ver­führt dazu, es uns als Beob­ach­ter und Bericht­er­stat­ter gefähr­lich bequem zu machen. So bequem wie Franz Josef Wag­ner, der am Mon­tag in »Bild« behaup­tete:

Kein Tibe­ter schlägt nach einer Fliege, die ihn beläs­tigt, die Fliege könnte seine ver­stor­bene Groß­mut­ter sein. Der Tibe­ter glaubt an die Wiedergeburt.

(…) Ein Tibe­ter tötet nicht. Mord ist für einen Tibe­ter unvorstellbar.

Irgend­wie ist an Wag­ner vor­bei­ge­gan­gen, dass eine Gruppe von Tibe­tern in den vor­aus­ge­hen­den Tagen mög­li­cher­weise nicht damit beschäf­tigt war, Flie­gen zu ret­ten, son­dern Chi­ne­sen und ihre Geschäfte anzu­grei­fen. Man mag darin auch eine Form von Not­wehr sehen. Man darf es nur nicht leugnen.

Auch die Chi­ne­sen haben ein Recht dar­auf, dass die Medien keine Auf­nah­men fäl­schen, um mit­hilfe prü­geln­der nepa­le­si­scher Poli­zis­ten die für uns nicht sicht­bare Bru­ta­li­tät chi­ne­si­scher Poli­zis­ten zei­gen zu kön­nen. Vor allem aber haben wir ein Recht darauf.

[via René per Mail]

Lesens­wert auch: Der »Spie­gel­fech­ter« betrach­tet einen ande­ren Aspekt des­sel­ben Phänomens.

Nach­trag, 25. März. RTL.de räumt den Feh­ler jetzt ein und »bedau­ert« ihn — ver­wir­ren­der­weise nicht unter der Über­schrift »RTLaktuell.de ent­schul­digt sich« oder »RTLaktuell.de kor­ri­giert sich«, son­dern »RTLaktuell.de berich­tet unab­hän­gig«.

Wenn »Bild« das schreibt, wird’s stimmen

Kom­men wir zu wei­te­ren Ant­wor­ten auf die beliebte Frage: »Wer glaubt schon, was in der ›Bild‹-Zeitung steht?«

Die Nach­rich­ten­agen­tur AP glaubt es. Sie über­nahm bekannt­lich aus »Bild« die ebenso doofe wie fal­sche Behaup­tung, das »Geran­gel um die Aust-Nachfolge … zieht offen­sicht­lich auch die Auf­lage [des ›Spie­gel‹] nach unten«, die »Bild« zufäl­lig ein­fiel, nach­dem der »Spie­gel« über den Auf­la­gen­rück­gang von »Bild« berich­tete.

Die »taz« glaubt es auch. Sie ließ die Quelle »Bild« weg, machte sich die Inter­pre­ta­tion aber zu eigen und ver­mel­dete sie sogar unter der Über­schrift »Nach Posse um Chef­re­dak­tion / »Spiegel«-Verkauf bricht ein«:

(…) Die Ein­zel­ver­käufe sind im vier­ten Quar­tal 2007 auf 337.500 Exem­plare gesun­ken. (…) Ein Ein­bruch von fast 20 Pro­zent und das schlech­teste Ergeb­nis seit 2003. Mög­li­cher­weise liegt das an der schlech­ten Presse, die im vier­ten Quar­tal ord­ner­weise über den Spie­gel erschien und nicht gut fürs Image war.

Und im Zwei­fel glaubt es auch »turi2«, der »Auf­stei­ger unter den Bran­chen­dienst für Medien und Kom­mu­ni­ka­tion« und BILDblog-Kritiker, der ges­tern berich­tete:

Übri­gens hat die dilet­ta­ni­sche [sic] Nach­fol­ger­su­che für Aust dem »Spie­gel« einen erheb­li­chen Image­scha­den ver­passt: Im vier­ten Quar­tal 2007 ging der Ein­zel­ver­kauf laut IVW um 20 Pro­zent zurück.

(Von einem Rück­gang um 20 Pro­zent zu spre­chen, wie »taz« und »turi2« es tun, ist ohne­hin unzu­läs­sig, weil nur ein Ver­gleich mit dem Vor­jah­res­quar­tal aus­sa­ge­kräf­tig ist; nicht der des Herbs­tes mit dem Sommer.)

taz.de und turi2.de demons­trie­ren auch schön die Attrap­pen­haf­tig­keit vie­ler Kom­men­tar­funk­tio­nen. Unter bei­den Arti­keln ste­hen Kom­men­tare von Lesern, die unter Ver­weis auf BILD­blog schrei­ben, dass der behaup­tete Zusam­men­hang zwi­schen der Per­so­na­lie Aust und dem Auf­la­gen­rück­gang nicht stim­men könne. Und bei bei­den Arti­keln gibt es keine Reak­tion auf diese Hin­weise: Keine Kor­rek­tur, Ergän­zung oder wenigs­tens Ant­wort eines Redak­teurs oder Mit­ar­bei­ters in den Kom­men­ta­ren. Das ist so inter­ak­tiv und Web-2.0-ig wie ein Anrufbeantworter.

Und wer glaubt noch, was in der »Bild«-Zeitung steht? Das Fern­se­hen natür­lich. Die Mär, dass der Hai, der auf einem »Bild«-Leserreporter-Video zu sehen ist, 3,50 Meter lang sein soll, ver­brei­te­ten nach Infor­ma­tio­nen von BILDblog-Lesern ges­tern »Bri­sant« (ARD) und »Hallo Deutsch­land« (ZDF), Pro­Sie­ben und der »Nach­rich­ten­sen­der« N24 — und beton­ten dabei teil­weise auch noch diese unglaub­li­che Länge, die schon bei einem Blick auf das Video selbst noch unglaub­li­cher wird.

Interviewsimulation der Woche

Dies­mal [pdf] im »Inter­view der Woche« mit »V.i.S.d.P.«, dem »Maga­zin für Medi­en­ma­cher«: N24-Geschäftsführer Tors­ten Rossmann.

V.i.S.d.P.: Herr Ross­mann, neu­er­dings droht Ihnen Kon­kur­renz aus dem Inter­net, seit­dem dort immer mehr Videos zu sehen sind. Wie posi­tio­nie­ren Sie sich dage­gen mit Ihrem Onlineangebot?

Tors­ten Ross­mann: Natür­lich muss das Inter­net für einen Nach­rich­ten­sen­der im Fokus ste­hen. Des­halb star­tet N24 im Jahr 2007 eine Newsof­fen­sive in der digi­ta­len Welt.

V.i.S.d.P.: »Newsof­fen­sive in der digi­ta­len Welt« ist lus­tig. Zur Zeit fül­len Sie Ihren Internet-Auftritt nicht ein­mal selbst mit Nach­rich­ten, son­dern las­sen das von der Net­zei­tung über­neh­men!

Tors­ten Ross­mann: Sie haben ja Recht. Das war, unter uns, auf Dauer kein Zustand für einen Nach­rich­ten­sen­der, für den das Inter­net natür­lich im Fokus ste­hen muss, son­dern ein Armuts­zeug­nis: Nach­rich­ten­sen­der ohne eigene Nach­rich­ten im Inter­net… Aber wir arbei­ten dran. Fra­gen Sie mich, wie kon­kret, viel­leicht sag ich’s Ihnen.

(via Zeit­schrif­ten­blog und Peer­blog)