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Der „Bild“-Chef im NDR-Kreuzverhör

11 Feb 07
11. Februar 2007

„Der Presserat in Deutschland erteilt Rügen bei journalistischen Fehlleistungen. Ich hab‘ mir das mal angeguckt, die Statistik des vergangenen Jahres, das ist gut verteilt, also, da ist ‚Bild‘ durchaus nicht führend, was die Rügen angeht.“

Nein, diese Sätze sind nicht von Kai Diekmann oder einem anderen „Bild“-Mitarbeiter. Diese Sätze sind von der NDR-Journalistin Kerstin von Stürmer. Sie formulierte sie in ihrem Gespräch mit Diekmann für die Sendung „Treffpunkt“ der Hamburger Landeswelle NDR 90,3 am vergangenen Freitag.

Und ich kann durchaus nachvollziehen, dass man so ein Gespräch zwischen Schlagern und Oldies eher kuschelig als konfrontativ anlegt (auch wenn das dazu führte, dass Diekmann sich schon selbst bemüßigt fühlte, ein paar kritischen Positionen zu sich und seiner Zeitung zu formulieren, wenn es seine seine Interviewerin schon nicht tat). Aber hätte Frau von Stürmer dann nicht wenigstens konsequent bei ihren Fragen nach Tagesablauf, Familie und Lieblingssendungen im Fernsehen bleiben können?

Von den 42 Rügen, die der Presserat 2006 ausgesprochen hat, gingen 9 an die „Bild“-Zeitung. Sie liegt damit weit vor dem zweitplatzierten „Express“, der 3 Rügen kassierte.

„Durchaus nicht führend“, Frau von Stürmer?

Die einzigen Zeugen

01 Sep 02
1. September 2002
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

„9/11“: Jules und Gédéon Naudet filmten die Feuerwehrleute beim Einsturz des World Trade Center.

Der Körper eines Menschen, der aus dem 90. Stockwerk eines Hochhauses springt, macht beim Aufprall kein dumpfes „Fump“. Es ist ein lautes, krachendes Scheppern, als würde ein Auto aus großer Höhe auf dem Asphalt zerschellen. Es ist ein Geräusch, das einen mit entsetzlicher Klarheit begreifen läßt, warum ein Feuerwehrmann, der am 11. September von einem Menschen getroffen wurde, der aus dem World Trade Center sprang, sofort tot war.

Alle dreißig bis vierzig Sekunden hört Jules Naudet dieses Geräusch, eine Stunde lang, während er in der fensterscheibenlosen Lobby des brennenden Nordturmes steht. Er filmt keinen der Aufschläge. Er filmt nur die Gesichter der Feuerwehrleute, wie sie jedesmal innehalten und ruckartig für eine Sekunde aufschauen — aber: Das „nur“ in diesem Satz ist falsch.

Er hat auch die brennende Frau nicht gefilmt, an der er vorbeigegangen ist. Das war keine bewußte Entscheidung. Es war das Gefühl, daß schon, was er aus dem Augenwinkel gesehen hatte, mehr war, als ein Mensch sehen sollte. „Das Bild war so furchtbar, daß ich bereute, es mit meinen eigenen Augen gesehen zu haben. Ich wußte, daß es nichts Gutes bringen könnte, so ein Bild zu sehen.“ Die Kamera darauf zu richten war keine Option.

Aber Jules Naudet filmt. Er filmt, während die Leiter der Brigaden in der Lobby ihre Befehlszentrale aufbauen und immer neue ankommende Trupps in die Treppenhäuser schicken. Er filmt, als eine Welle von Staub und Lärm und Dunkelheit alles überrollt genau in dem Moment — wie er später erfahren wird -, in dem der andere Turm zusammenbricht. Er filmt, wie Chief Joseph Pfeiffer alle Kollegen per Funkgerät auffordert, den Nordturm sofort zu evakuieren, während er durch eine graue Wand eine stillstehende Rolltreppe hoch rennt.

Er leuchtet mit der Lampe seiner Kamera in das Chaos, bis die Feuerwehrleute ihren Geistlichen gefunden und geborgen haben, den sie später auf einen Altar legen und mit der Opfernummer 00001 registrieren werden. Er hält die Kamera in der Hand, als der zweite Turm einstürzt und er wieder um sein Leben rennt und wieder denkt, daß er jetzt stirbt.

Jules Naudet hat am 11. September die einzigen Aufnahmen aus dem Inneren des World Trade Centers gemacht und vorher die einzigen vom ersten Flugzeug, wie es in den Turm rast. Aber das weiß er in diesem Moment nicht. Was er weiß, ist, daß er wahnsinnig würde, wenn er die Kamera jetzt nicht laufen ließe. Wenn er nicht durch den Sucher oder das kleine LCD-Display blicken könnte, mit dem Rahmen, der Distanz, die sie dem Unvorstellbaren geben, das um ihn geschieht. „Ohne etwas, auf das du dich konzentrieren kannst, brichst du zusammen.“

Es ist eine Kette unglaublicher Zufälle, die dazu führt, daß Jules Naudet, 28, hier mit seiner Kamera steht und sein Bruder Gédéon, 31, einen Block weiter das Inferno auf der Straße filmt. Aber Jules spricht nicht von Zufall. Er sagt: „Geschichte sucht sich einen Zeugen, der alles aufzeichnet, und das waren wir.“ Er sagt das ohne Pathos. Es klingt zwangsläufig. Anders ließe sich ihre Geschichte auch kaum erklären.

Sie waren Ende der achtziger Jahre aus ihrer Heimat Paris nach New York gekommen, wo man an der Universität Filmemachen dadurch lernt, daß man einfach eine Kamera in die Hand bekommt und filmt. Sie haben mehrere, später preisgekrönte Dokumentarfilme gedreht, immer über Menschen, in deren Welten sie sich über Monate eingearbeitet, eingelebt haben. Weil ein Freund von ihnen, der Schauspieler James Hanlon, seit acht Jahren bei der New Yorker Feuerwehr arbeitet und ihnen immer wieder davon vorschwärmt, nehmen sie sich dieses Thema vor.

Ein Jahr dauern die Vorbereitungen. Feuerwehrleute sind verschlossene, skeptische Menschen, zum letzten Mal ließen sie sich in New York von der BBC bei der Arbeit zugucken. Das war vor 27 Jahren. Es soll ein Film über „Helden“ werden, über „gewöhnliche Menschen, die Außergewöhnliches tun“, wie sie sagen.

Ohne die Hollywood-Klischees vom Feuerwehrmann, der stolz als letzter aus dem brennenden Haus kommt, das Baby im Arm. Sie wollen einen jungen Auszubildenden während der neun Monate Probezeit begleiten, sehen, wann und wie ein Junge zum Mann wird — diese kitschige amerikanische Formulierung.

Es ist nicht so, daß die Welt auf so einen Film gewartet hätte. Alle Fernsehsender sagen dankend ab, die Naudets nehmen Kredite auf, um die Ausrüstung zu kaufen, und hoffen, daß sie mehr Glück haben, wenn sie erst einmal Bilder zeigen können, wie der Neuling seinen ersten Einsatz hat; James Hanlon soll mit einer speziellen Kamera hinter ihm ins Feuer gehen, so etwas hatte es noch nicht gegeben. Sie finden den perfekten Protagonisten: Tony, 21 Jahre alt, klug, völlig unerfahren. Einer mit der schlichten Mission: „Ich will Menschen helfen. Ich wollte etwas tun, womit ich leben kann. Hiermit kann ich leben.“

Im Nachhinein paßt alles zusammen, in fast beängstigendem Maße: Daß Tony in der Feuerwache Ladder 1 in der Douane Street arbeitet, nur ein paar Blocks vom World Trade Center entfernt, wo die beiden Türme den natürlichen Hintergrund bei den Aufnahmen vor dem 11. September bilden. Daß Tony monatelang auf sein erstes richtiges Feuer warten muß. Daß der Anschlag sein erster Einsatz überhaupt wird, er aber zunächst allein die Wache hüten muß, zurückgelassen, voller Unruhe, Wut, Frust und vor allem dem Drang, dahin zu gehen, wo die anderen sind.

Daß alle Mitglieder von Ladder 1 überleben und heil zurückkehren, nur Tony nicht. Daß er erst Stunden nach dem letzten Kollegen eintrudelt — er hat brav bis zum traditionellen Schichtwechsel ausgehalten. Im Hintergrund die Tragödie, davor das lang herausgezögerte Happy-End — „Wenn Hollywood sich das ausgedacht hätte, würde man ihnen vorwerfen, die Geschichte wäre völlig unglaubwürdig“, sagt Gédéon Naudet. Kein Zweifel.

Die Dramaturgie ist perfekt, nur die Helden sind anders als die aus Hollywood. Diese hier gehen niedergeschlagen nach Hause, am Tag nach dem Desaster, als sie nur einen Menschen lebend aus den Trümmern bergen konnten, und können nicht glauben, daß halb New York an den Straßen steht und ihnen zujubelt.

Gédéon und Jules Naudet hätten reich werden können mit ihren Aufnahmen. Sie haben nur einen Sekunden-Schnipsel von dem ersten Flugzeugangriff verkauft, um sich von dem Geld neue Videokassetten zu kaufen. Sie haben die besten Angebote abgelehnt, weil sie das Gefühl hatten, daß es den meisten nur auf das Sensationelle ankam, nicht auf „Respekt“. Sie wollten die Geschichten der Feuerwehrleute erzählen und nicht nur die Schlüsselszenen zeigen, in Zeitlupe, mit kitschiger Musik, immer und immer wieder.

Vorher stand die Aufgabe, alle Feuerwehrleute, die Jules in der Lobby gefilmt hat, die vielleicht nur für eine Sekunde halb verdeckt zu sehen sind, zu identifizieren und die Aufnahmen den Angehörigen zu zeigen. 74 der 343 Feuerwehrmänner, die an diesem Tag starben, waren auf seinem Film.

„9/11“, wie der Film im Original heißt, wird am 11. September noch einmal auf CBS gezeigt — und auf 142 Sendern der Welt, darunter Al-Dschazira. Der Großteil der Einnahmen geht an eine Stiftung, die den Kindern von getöteten Feuerwehrleuten eine Zukunft ermöglichen will.

In Deutschland zeigt das Erste den Film. Der NDR hat den Brüdern angeboten, ihre nächsten beiden Projekte mitzufinanzieren — nicht nur das nächste, weil das nach der besonderen Aufmerksamkeit von „9/11“ schwierigem Druck ausgesetzt sei, sagt NDR-Kulturchef Thomas Schreiber.

„Alle werden vom nächsten Film enttäuscht sein“, sagt Gédéon Naudet. „Wir können es nicht erwarten, damit anzufangen. Und dann geraten wir langsam wieder in Vergessenheit.“ Es ist ihm unangenehm, seit Wochen durch die Welt zu reisen und im Mittelpunkt zu stehen.

Alles hat sich für sie am 11. September 2001 geändert. „Man überdenkt die Prioritäten im Leben“, sagt Jules Naudet. „Es sind nicht Geld, Ruhm, Macht. Es sind Familie, Freunde und etwas im Leben zu tun, worauf man stolz ist.“ Er hat kurz danach geheiratet, in der Feuerwache, seine Frau ist schwanger. Jules und Gédéon sind immer wieder bei Ladder 1. „Es fühlt sich wie ein sicherer Ort an“, sagt Jules. So wie die Anwesenheit und organisierte Routine der Feuerwehrleute ihm das Gefühl von Sicherheit gegeben haben, als er mit ihnen in der Lobby des Nordturms stand. Was eine Illusion war und doch die Wahrheit.

Sie geben den beiden am Tag danach Feuerwehruniformen und nehmen sie heimlich mit zum „Ground Zero“. Drei Wochen lang graben sie mit den anderen, mit bloßen Händen, Schaufeln und Plastikeimern, in Schutt, in dem das größte zusammenhängende Einzelteil, das einer herausfischt, eine halbe Telefontastatur ist. Zwischendurch filmen sie, vor allem, weil die Feuerwehrmänner darauf bestehen.

Dann treibt sie das Adrenalin, ihre Bänder noch einmal durchzusehen und mit der Arbeit am Film zu beginnen. Sie durchleben noch einmal die Todesangst oder bekommen die Wut, weil es so unfaßbar ist, in dieser Situation, auf der Straße, im Staub, hinter einem Auto, einen Feuerwehrmann auf und einen verschwindenden Wolkenkratzer neben sich, eine Kamera weiterlaufen zu lassen.

Es kostet alle Kraft, dann auch noch eine Version für DVD zu produzieren und die französische Synchronisation zu beaufsichtigen. Aber auch Therapie ist das, die Dämonen vertreiben, dadurch, daß man das Geschehene wieder und wieder erlebt. Inzwischen sind sie soweit, daß sie ihren Film nicht mehr sehen wollen und können. Aber „die Angst hat uns nie verlassen“, sagt Gédéon Naudet. Die schlaflosen Nächte, die Anspannung, die Schuldgefühle. Wann wurde ihnen klar, daß sie nicht nur riesiges Pech hatten, in diesem Moment an diesem Ort gewesen zu sein, sondern auch eine Art Glück, das Elend, den Einsatz, den Mut für die Nachwelt festhalten zu können? „Gar nicht. Ich wünschte bis heute, ich wäre nicht dabeigewesen.“ Am 11. September 2002 werden Gédéon und Jules Naudet in New York im Feuerwehrhaus sitzen, mit allen Brüdern aus der Wache.