Archiv zum Stichwort: Olympia

Olympia und die Fragen der Journalisten

24 Aug 08
24. August 2008

Channel 4 News, 14. August 2008:

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Thomas Kistner, „Süddeutsche Zeitung“, 19. August 2008:

Die Luft war täglich dicker geworden im Hauptpressezentrum der Spiele, jetzt verhängten Internationales Olympisches Komitee (IOC) und das Veranstalterbüro Bocog einen Presseboykott light. Nachdem die Sprecher beider Organe am Samstag und auch am Sonntag die täglich terminierten Konferenzen mit der Weltpresse gestrichen hatten, beendete Bocog-Sprecher Sun Weide die wie üblich stark kontroverse Gesprächsrunde am Montag mit dem Hinweis: „Die nächste Konferenz ist Mittwoch, die übernächste am Freitag.“ Fragen nach dem Grund der restriktiven Informationspolitik brachten IOC-Sprecherin Giselle Davies in Rage: „Es gibt doch Handys und E-Mail, oder?“ (…)

Der Bocog-Vize findet, es sei Zeit für die Gegenattacke. Er muss hier ein Problem lösen, das er dem IOC solange dargelegt hat, bis die es begriffen haben: Es geht nicht um die Ausländer, es geht um die eigene Presse, die von den Fremden infiziert werden könnte. Das ausländische Publikum hat man fern– und das Gros der Stadien halbwegs leerhalten können — die tägliche gemeinsame Medienkonferenz von Bocog und IOC aber ist das letzte gefährliche Fenster zur Außenwelt. Was hier abläuft vor all den Kameras und Mikros, ist offiziell und könnte nach innen berichtet werden, sofern sich einer traut. Das Fenster muss geschlossen werden, die Fragen der Weltpresse sind wie ein Virus geworden, das täglich in den Staatskörper einzudringen versucht. (…)

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Thomas Kistner, „Süddeutsche Zeitung“, 21. August 2008:

(…) Irgendwann (…) die Chance für eine Frage: „Warum sind die Transkripte der Konferenzen hier nie korrekt verfasst, wer entscheidet über die Veränderung der Inhalte?“

Bocog-Vize Wang Wei pariert die Peinlichkeit vorbildlich: „Das entscheidet die Internet-Redaktion, wir akzeptieren es.“

Der Nächste, bitte.

Der Nächste will zwecks Nachfrage das Mikrofon nicht wieder rausrücken, das ihm der Volunteer gereicht hat. Seine Frage gilt den 77 Protestaktionen, die bei Pekings Behörden für die freizügig angekündigten Protestzonen in der Stadt beantragt worden sind. 77 davon wurden abgeschmettert, zwei mit der Begründung, dass Kinder dabei gewesen wären, die sind vor Missbrauch zu schützen. Da blitzt sie auf, die neue Offenheit. Chinas Kinder werden ja sonst gern von klein auf zu harter Arbeit rangezogen, manche sogar in olympischen Drillcamps, dies ist bei den Spielen hier gut an den Gold-Küken um Turnerin Ke Hexin zu erkennen.

„Geben Sie das Mikro zurück!“, bellt Presseoffizier Sun Weide vom Podium, „Volunteers! Sie haben zu arbeiten!“

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Und ARD und ZDF senden Propagandafilme des IOC. Nicht irgendwo, nachts, versteckt im Digitalprogramm. Sondern zum Beispiel vor der „Tagesschau“. Anscheinend sind sie zur Ausstrahlung vertraglich verpflichtet. Aber sie senden sie nicht mit einem Vor– und Abspann, in dem es heißen könnte: „ARD und ZDF sind zur Ausstrahlung dieser Olympia-Werbespots verpflichtet. Verantwortlich für den Inhalt ist allein das IOC.“ Sie geben nicht einmal den Absender der Werbefilme an.

Auf Nachfrage von „Welt Online“ sagt Rudolf Küffner, Sprecher des Bayerischen Rundfunks, über die PR-Spots:

„Es handelt sich nicht um PR-Spots, sondern um redaktionell abgenommene Sendungen.“

Weiter berichtet „Welt Online“:

Eine Sprecher der bei der ARD verantwortlichen Sendeanstalt NDR sagte WELT ONLINE zu der Frage, wie oft die Spots schon verbreitet worden seien: „Wir haben die Trailer passend zum Programmfluss eingesetzt und werden dies auch weiterhin an geeigneter Stelle tun.“ Das ZDF antwortete auf eine schriftliche Anfrage gar nicht.

Auch Fragen des Branchendienstes epd-Medien zur Olympia-Berichterstattung wollte das ZDF in dieser Woche übrigens nicht beantworten. Man muss anscheinend aufpassen, wenn man vom ZDF Antworten haben will, dass man nicht die falschen Fragen stellt. Oder dass nicht der Falsche die Fragen stellt.

Ich weiß, dass der Vergleich hinkt, aber ich werde den Gedanken nicht los, dass manche Leute bei den öffentlich-rechtlichen Sendern den Umgang des IOC mit kritischen Journalisten ganz inspirierend fanden.

stern.de zeigt Dias aus Polympia

19 Aug 08
19. August 2008

Es müssen nicht immer Videos sein. Man kann sich auch mit animierten Standbildern lächerlich machen, wenn die Spezie nur gestählert genug ist — wie uns die Kollegen von stern.de heute beweisen.




(Den Hochglanz, den die ambitionierte Animation der stummen Diashow verleiht, kann ich mit den Screenshots natürlich nicht einmal im Ansatz reproduzieren, also unbedingt im Original anschauen.)

Nachtrag, 20.05 Uhr. stern.de hat die Diaschau, die auf der Startseite von stern.de als „Top-Video“ angepriesen wurde, entfernt. Es handelte sich, wie Ralf Klassen, Digital-TV-Chef von stern.de in den Kommentaren erklärt, nicht um eine Eigenproduktion von stern.de, sondern ein Produkt aus dem Hause dpa — und man wolle es bei dem Experiment belassen.

In anderer Form kann man die Präsentation noch bei der „Allgäuer Zeitung“ bewundern: Hier werden die Texte nicht stumm eingeblendet, sondern in all ihrer Eleganz von einer Sprecherin vorgelesen.

Michael Johnson trifft Johannes B. Kerner

15 Aug 08
15. August 2008

Gestern abend im ZDF:

Johannes B. Kerner: Zwei Mitglieder [der amerikanischen 4x400-Meter-Staffel von Sydney] sind des Dopings überführt worden. Einer hat gesagt, er hat’s getan. Sie haben gesagt, Sie haben nicht gedopt. Können Sie verstehen, dass es kritische Stimmen gibt, die sagen: Mensch, ausgerechnet der schnellste aus der Staffel von damals, der soll nichts genommen haben?

Michael Johnson: That’s a stupid question and I’m not gonna answer it.

Mal abgesehen davon, dass es schade ist, dass Senta Berger und Margarethe Schreinemakers nicht dabei sein konnten — gibt es wirklich niemanden im ZDF, dem sich die Fußnägel aufrollen, wenn er diese Gespräche sieht?

Es ist gut und richtig, dass Michael Johnson sich diese Fragen anhören muss. Es ist nur ein billiges Ablenkungsmanöver, wenn Michael Johnson am Ende daraus eine Verirrung der Deutschen oder des deutschen Fernsehens machen will.

Aber müsste Kerner nicht irgendwann erkennen (oder müsste ihn nicht irgendwann jemand vom ZDF beiseite nehmen und sagen), dass seine Form, Gespräche zu führen, untauglich ist, wenn ihm jemand anderes gegenübersitzt als Verona Pooth?

Er hat sie in seiner Sat.1-Vormittagstalkshow entwickelt, seine spezielle Form der Uneigentlichkeit, des Nicht-Fragens, und in seiner ZDF-Talkshow perfektioniert. Es ist seine Möglichkeit, tief im Schmutz zu wühlen, ohne selbst dreckig zu werden. Er, Kerner, hat ja immer nur gefragt und manchmal nicht einmal das. Nur zitiert, was andere meinen könnten. Angesprochen, was andere angesprochen haben, ohne es selbst angesprochen zu haben. Besonders eindrucksvoll demonstrierte er diese Methode, als vor Jahren die Schlagersängerin Michelle zu Gast war, der damals eine Affaire mit Oliver Kahn nachgesagt wurde. Das Gespräch begann so:

Kerner: Hallo Michelle, herzlich willkommen. Ja, übrigens Oliver Kahn war eigentlich angesagt für diese Sendung. Der FC Bayern hat ihm nach den glorreichen Spielen zuletzt verboten, die Stadt zu verlassen, und deshalb konnten wir das schöne Treffen mit Ihnen… Hätten Sie ihn gerne mal kennengelernt?

Michelle: Das ist schade, weil man sagt ja, ich hätte ein Verhältnis mit ihm, und ich hätte ihm zumindest vorher gerne einmal die Hand geschüttelt.

Kerner: Ach, Sie haben ihn noch nie getroffen?

Michelle: Nein, ich kenne ihn leider nicht.

Kerner: Ich kannte das Gerücht. Ich hätte nicht die Frechheit besessen, Sie darauf anzusprechen. Aber er ist ja glücklich verheiratet, wird Vater, zum zweiten Mal, das müßten Sie eigentlich wissen?

Nun versucht er, mit dieser Methode kritischen, nachhakenden, mutigen Journalismus zu simulieren: Michael Johnson, „Können Sie verstehen, dass es kritische Stimmen gibt, die sagen“? Er traut sich nicht selbst aus der Deckung, weshalb es auch so unwürdig ist, ihm dann beim Zurückschliddern zuzusehen. Bei seinem Kampf, seine Frage gleichzeitig als zulässig zu verteidigen, aber auch klarzumachen, dass es gar nicht seine Frage war. Bei seinem Rückzug auf ein schlichtes Rollenspiel, in dem Johnson und er nur tun, was sie tun müssen.

Und bei seiner nachhaltigen Irritation, dass er das Publikum plötzlich gegen sich hat. Wäre er kritischer Journalist und würde nicht nur gelegentlich in diese Rolle zu schlüpfen versuchen, wüsste er, dass es von den Fans natürlich keinen Applaus gibt für die Spielverderber, die ihre schönen Spiele kaputtmachen und an ihren Idolen sägen wollen. Kerner aber ist Showmaster.

Das ganze Gespräch in der ZDF-Mediathek

sid beruft Olympia-Mann ab

04 Aug 08
4. August 2008

Der Sport-Informations-Dienst (sid) hat seinen Redaktionsleiter Dieter Hennig abberufen. Das hat sid-Geschäftsführer Michael Cremer gegenüber dem Journalisten Jens Weinreich bestätigt. Weinreich berichtet, dass es in der sid-Redaktion „härtere Auseinandersetzungen um die Berichterstattung und den Kurs von Hennig“ gegeben haben soll. Geschäftsführer Cremer wollte das nicht bestätigen, sagte laut Weinreich aber:

„Wir müssen in Peking differenziert berichten und dürfen uns nicht nur auf den rein sportlichen Aspekt beschränken. Wir dürfen nicht in so eine Hurra-Falle laufen.“

Die IOC-Berichterstattung wird von heute an aus dem Berliner Büro des sid geleitet. Dieter Hennig darf auf Vorschlag des IOC (ebenso wie vier andere Journalisten aus anderen Ländern) am Mittwoch in Peking die olympische Fackel tragen. Cremer sagte:

“Dieter Hennig wird als Privatmann am olympischen Fackellauf teilnehmen, aber nicht als Redaktionsleiter des sid.“

Der sid-Geschäftsführer fügte hinzu, „anders als unterstellt wurde“ habe es „keinen Zusammenhang zwischen der Berichterstattung des sid und dem Fackellauf von Dieter Hennig gegeben“. Hennig vertrete seine Linie seit Jahrzehnten.

Ich habe keinen Zweifel, dass das stimmt. Ich habe nie vermutet, dass Hennig vergangene Woche so IOC-freundlich (und falsch) berichtet hat, weil er für den Fackellauf nominiert wurde. Meine Vermutung ist, dass er für den Fackellauf nominiert wurde, weil er seit Jahrzehnten so IOC-freundlich berichtet hat. (Auch das ist allerdings eine Unterstellung.)

Weitere Informationen in Jens Weinreichs Blog.
Mehr zur Vorgeschichte hier und hier.

Die Peking-Enten des sid

03 Aug 08
3. August 2008

Den ganzen Freitag, in nicht weniger als fünf Meldungen, verbreitet die Nachrichtenagentur Sport-Informationsdienst (sid) die exklusive Falschmeldung, China habe die „Internet-Zensur aufgehoben“. Während andere Journalisten und die Konkurrenz von dpa korrekt berichten, dass keine Rede davon sein konnte, dass China das Internet „komplett freigegeben“ habe, beharrt der sid auf seiner Ente, und sid-Redaktionsleiter Dieter Hennig lästert in einem Kommentar über die „Schnellschuss-Kommentatoren“, die das IOC wegen seiner nicht eingehaltenen Versprechen kritisieren.

Am Samstagmorgen räumt der sid seinen Fehler ein und zieht die falschen Meldungen mit folgendem Hinweis zurück:

Wir bedauern den Fehler und senden bis 14 Uhr MESZ einen neuen Situationsbericht, der die Lage angemessen wiedergibt.

Das ist offensichtlich nicht ernst gemeint.

Denn der „neue Situationsbericht“, den der sid um 12:52 Uhr über die Ticker schickt und der ebenfalls das Kürzel von Dieter Hennig trägt, überrascht mit der Überschrift:

Verbruggen: „Mehr erlaubt als zugesagt„
IOC würdigt weitere Lockerung der Internetzensur

Was für eine hübsche Idee, die negative Neuigkeit für sid-Abonnenten, dass es doch noch eine Internetzensur gibt, hinter einer positiven Formulierung zu verstecken. Vor allem aber: Eine weitere Lockerung? Vielleicht kann jemand bei Dieter Hennig oder dem sid nachfragen, was er damit meint. Sein Text verrät es nicht.

Auch in anderen Medien, die nicht vollauf damit beschäftigt sind, das IOC und die chinesischen Organisatoren im besten Licht dastehen zu lassen, ist zu diesem Zeitpunkt von „weitergehenden“ Aufhebungen der Zensur die Rede — aber als Forderung, nicht als Tatsache.

Nach einer Pressekonferenz von IOC-Präsident Jacques Rogge berichtet dpa:

Rogge rudert zurück: Nur noch «größtmöglichen» Internet-Zugang

Peking (dpa) — In der Kontroverse um die chinesische Internet– Zensur ist IOC-Präsident Jacques Rogge von seinem Versprechen eines «freien und unzensierten» Zugangs bei den Olympischen Spielen zurück gerudert. Auf seiner ersten Pressekonferenz in der Olympia-Stadt Peking machte der Belgier am Samstag deutlich, dass es nur noch um «größtmöglichen» Zugang für die 25 0000 Journalisten gehe. (…)

Beim sid liest sich das so:

Großes Lob für Chinas Vorbereitungen
Rogge: „Was zählt, ist der Fortschritt“

(…) Peking (sid) IOC-Präsident Jacques Rogge hat die Zugeständnisse Chinas beim Internet-Zugang als „beispiellos für dieses Land“ gewürdigt. (…)

Indirekt machte der Belgier klar, dass die Wünsche des IOC nicht in vollem Umfang erfüllt wurden. (…)

sid-Mann Dieter Hennig darf (wie gesagt) laut einem Bericht des „Sportjournalist“ am 6. August auf Vorschlag des IOC ein Stück weit die olympische Fackel tragen.

(Und überrascht es Sie, wenn ich Ihnen sage, dass die vom sid zurückgezogenen Falschmeldungen noch immer von den Online-Auftritten von „Rheinischer Post“ und n-tv weiterverbreitet werden?)