»Mit Blau kann man nichts falsch machen«

Der Pres­se­rat ist ein komi­scher Verein.

Vor ein paar Tagen gab er bekannt, die »Rhei­ni­sche Post« wegen Schleich­wer­bung gerügt zu haben. Es geht um einen Arti­kel, der am 9. April 2011 unter der Über­schrift »Urlaub im Luxus­bus« erschie­nen ist:

Rei­sen mit kom­for­ta­blen Bus­sen boo­men. Die Tou­ris­ten schät­zen die Rundum-Betreuung und die viel­fäl­tige Aus­wahl. Mein­hold Hafer­mann berich­tet aus Erfahrung.

Er gehört zu den zehn größ­ten Unter­neh­men die­ser Bran­che in Deutsch­land, beför­dert jähr­lich rund 50 000 Urlau­ber, die an in ganz Nordrhein-Westfalen ver­teil­ten Hal­te­sta­tio­nen zu– und aus­stei­gen, und machte 2010 satte 19 Mil­lio­nen Euro Umsatz. Die Rede ist vom renom­mier­ten Bus­rei­se­ver­an­stal­ter »Hafer­mann Rei­sen«. Von der Zen­trale in Wit­ten aus steu­ern Mein­hold Hafer­mann (59) und seine Schwes­tern Chris­tel und Monika den Fami­li­en­be­trieb, der als Trans­port­un­ter­neh­men mit einer Pfer­de­droschke Fahrt auf­nahm und jüngst 100-jähriges Beste­hen feierte.

Über zehn eigene Rei­se­busse, sechs davon gleich­sam nagel­neu, unter­hält Hafer­mann, rund 1000 Busse char­tert er jähr­lich hinzu. Jede Woche sind 50 bis 80 Busse im Auf­trag des Wit­te­ners unter­wegs zu tou­ris­ti­schen Zielen.

Es fol­gen einige Infor­ma­tio­nen, die das Rei­sen mit moder­nen Bus­sen all­ge­mein als ange­sagte und ange­nehme Urlaubs­form dar­stel­len, und der Hin­weis auf die Tele­fon­num­mer und Inter­net­adresse des Busunternehmens.

In der­sel­ben Aus­gabe der »Rhei­ni­schen Post« habe das Bus­un­ter­neh­men eine Wer­be­an­zeige geschal­tet, auf die sich zudem ein Verlags-Gewinnspiel bezog, notiert der Pres­se­rat. Er beklagt »Schleich­wer­bung« und greift zum schärfs­ten aller stump­fen Schwer­ter, die ihm zur Ver­fü­gung ste­hen: die öffent­li­che Rüge.

Nicht nur das Wit­te­ner Bus­un­ter­neh­men Hafer­mann fei­ert in die­sem Jahr sei­nen 100. Geburts­tag. Auch »Nivea« wird 100.

Im April 2011 erscheint in der Zeit­schrift »Bri­gitte Woman« unter der Über­schrift »Ein Blau geht um die Welt« eine acht­sei­tige Foto­stre­cke, die wie folgt anmo­de­riert wird:

Die Welt ist bunt. Aber es gibt da ein blaues Kos­me­tik­pro­dukt, das fin­det man in nahezu jedem Land der Erde — und an den merk­wür­digs­ten Plät­zen. Eine Geschichte in Bildern.

Die Fotos, die teil­weise direkt vom Her­stel­ler der Creme stam­men, zei­gen »Nivea«-Werbung an ver­schie­de­nen Orten, zum Beispiel:

USA

Sil­ves­ter 2010. In weni­gen Stun­den wer­den sich tau­sende von Men­schen am New Yor­ker Times Square küs­sen — das Bill­board emp­fiehlt dazu eine blaue Lip­pen­pflege [von »Nivea«]

ÄTHIOPIEN

Fuß­ball ist eine der popu­lärs­ten Sport­ar­ten, Kopf­schutz für die Zuschauer wich­tig. Ein schwar­zer Regen­schirm? Nicht prak­ti­ka­bel. Bes­ser: ein wei­ßes Tuch Aber der Ren­ner schei­nen blaue Schirm­müt­zen [von »Nivea«] zu sein

KENIA

Ein gutes Gefühl, wenn die Haut nicht mehr so tro­cken ist, weiß diese Rekla­me­schön­heit: eine Wer­be­ta­fel [für »Nivea«] in Nairobi

Pas­send zu den plump-verdrucksten Bild­tex­ten for­mu­liert die Auto­rin im Text eine Ode schein­bar nicht auf die Creme, son­dern auf die Farbe Blau:

Man muss sich mal vor­stel­len, die Welt wäre irgend­wann ein­mal aus­schließ­lich schwarz und weiß gewe­sen, viel­leicht auch noch rot, gelb und braun. Und in diese Welt wäre dann ein­fach das Blau spa­ziert. Ein­fach, weil es Lust dazu hatte. Mensch, wäre das Blau erfolg­reich mit sei­ner Welt­er­obe­rung gewesen! (…)

In jeder Umfrage wird es von den meis­ten Men­schen als Lieb­lings­farbe genannt: Denn Blau steht für Frei­heit, Ferne, Klar­heit, Har­mo­nie, aber auch bit­ter­süße Sehn­sucht. Mit Blau kann man nichts falsch machen (…).

In der Wer­bung steht ein dunk­les Blau übri­gens für Serio­si­tät und für Ver­trauen. Das sind über­all geschätzte Werte — und viel­leicht mit ein Grund, wes­we­gen das sehr cha­rak­te­ris­ti­sche Blau einer bekann­ten Kos­me­tik­marke in vie­len Län­dern der Erde so prä­sent ist, dass es stän­dig unver­mu­tet auf irgend­wel­chen Rei­se­schnapp­schüs­sen auf­taucht (…). Die Marke fei­ert übri­gens in die­sem Jahr 100-jähriges Jubi­läum. Blau steht ja auch für Treue.

Am Ende der Foto­stre­cke steht ein Hinweis:

Noch mehr blaue Infos …
und viele Tipps zur Haut­pflege gibt es unter
www.brigitte.de/pflegecoach

Die Seite, auf die der Link führt, ist »powered by NIVEA«.

In der­sel­ben Aus­gabe von »Bri­gitte Woman« hat »Nivea« fast drei­ein­halb Sei­ten Wer­be­an­zei­gen geschaltet.

Brigitte.de hat außer­dem ein Gewinn­spiel mit »Nivea« ver­an­stal­tet und »die schöns­ten NIVEA-Geschichten gesucht«. Die drei Gewin­ne­rin­nen durf­ten auf einem Schiff die »NIVEA Skin Jour­ney« mit­ma­chen und bei der Gele­gen­heit der Kosmetik-Chefin von »Bri­gitte« und dem Lei­ter der For­schungs­ab­tei­lung bei Bei­ers­dorf, dem Kon­zern hin­ter »Nivea«, Fra­gen stel­len, die wie­derum im ver­meint­lich redak­tio­nel­len Teil auf brigitte.de ver­öf­fent­licht wur­den.

Der Pres­se­rat sieht in der »Nivea«-Geschichte in »Bri­gitte Woman« keine Schleich­wer­bung; Redak­tion und Wer­bung seien klar getrennt:

Wir sind der Mei­nung, dass es sich bei der Ver­öf­fent­li­chung um eine zuläs­sige Mar­ken­story han­delt. Im Zuge des 100-jährigen Jubi­lä­ums von Nivea stellt die Redak­tion dar, wie weit die Marke ver­brei­tet ist. Dadurch wird die Inter­na­tio­na­li­tät der Marke doku­men­tiert. Unter die­sem Gesichts­punkt konn­ten auch Bil­der des Her­stel­lers ver­wen­det wer­den. (…) Gerade bei einer Marke wie Nivea ist es durch­aus publi­zis­tisch zu begrün­den, wenn in einem redak­tio­nel­len Bei­trag die welt­weite Ver­brei­tung auf­ge­zeigt und doku­men­tiert wird.

Der Pres­se­rat hat nicht nur keine Rüge gegen »Bri­gitte Woman« aus­ge­spro­chen. Er befand die Beschwerde als so »offen­sicht­lich unbe­grün­det«, dass er sie schon bei der Vor­prü­fung aussortierte.

Observationen am offenen Herzen

Man­ches ethi­sche Dilemma löst sich in der prak­ti­schen jour­na­lis­ti­schen Arbeit wie von selbst. Als der »Stern« im Juni ver­gan­ge­nen Jah­res die über 200 Opfer des abge­stürz­ten Air­bus 447 im Bild zeigte, konnte das Blatt nach den Wor­ten von Chef­re­dak­teur Andreas Pet­zold schon des­halb nicht die Geneh­mi­gung von Ange­hö­ri­gen oder Urhe­bern ein­ho­len, weil die Zeit dafür bis zum Redak­ti­ons­schluss viel zu knapp war. Und zei­gen musste der »Stern« die gan­zen Opfer im Bild, weil er sei­nen Lesern laut Pet­zold nur so das ganze Aus­maß der Tra­gö­die deut­lich machen konnte.

Es ist ver­mut­lich ein Fort­schritt, dass der »Stern«-Chefredakteur sich über­haupt zu sol­chen The­men äußert. Im Zusam­men­hang mit dem Amok­lauf von Win­nen­den hatte das Maga­zin Fra­gen nach der Her­kunft der gezeig­ten Opfer­bil­der und dem Ein­ver­ständ­nis der Ange­hö­ri­gen noch mit dem Hin­weis abge­bü­gelt: »Zu Redaktions-Interna ertei­len wir keine Auskunft.«

Aber seit der »Stern« im Früh­jahr berich­tet hat, mit wel­chen Metho­den eine Agen­tur für die »Bunte« das Pri­vat­le­ben von Poli­ti­kern aus­ge­späht hat, ist das Maga­zin in der unwahr­schein­li­chen Rolle des Ver­tei­di­gers jour­na­lis­ti­scher Stan­dards. Und so ritt Pet­zold auf einem sehr hohen Ross in eine Dis­kus­sion über »Gren­zen der Recher­che im People-Journalismus — Anfor­de­run­gen an eine ›lau­tere‹ Recher­che«, zu der der Deut­sche Pres­se­rat am Mitt­woch in Ber­lin gela­den hatte.

Es war ein Gip­fel der Heuchler.

Patri­cia Rie­kel erklärte noch ein­mal, warum es ein öffent­li­ches Inter­esse daran gege­ben habe, Franz Münte­fe­ring aus­zu­spio­nie­ren. (Das Wort »aus­spio­nie­ren«, das Pet­zold benutzt hatte, ver­bat sich Rie­kel empört. Sie hät­ten »recher­chiert«.) Dass der SPD-Politiker mit einer vier­zig Jahre jün­ge­ren Frau zusam­men sei, mache »ver­än­derte Akzep­tan­zen über Part­ner­schaf­ten deut­lich«, das seien Fra­gen, die »gesell­schafts­po­li­tisch rele­vant« seien. Außer­dem erin­nerte sie daran, dass Münte­fe­ring sich zuvor aus der Poli­tik zurück­ge­zo­gen hatte, um seine schwer kranke Frau zu pfle­gen. »Wenn ein Spit­zen­po­li­ti­ker mit einer so emo­tio­na­len Ent­schei­dung an die Öffent­lich­keit geht, öff­net er auch sein Herz, und das Publi­kum schaut hin­ein«, sagte Rie­kel. »Und die­ses Inter­esse bleibt bestehen.«

Rie­kel for­derte zu unter­schei­den zwi­schen dem, was man recher­chie­ren darf, und dem, was man ver­öf­fent­lich darf. Sie betonte, dass die »Bunte« die bereits vor­her aus­ge­kund­schaf­tete Bezie­hung von Münte­fe­ring erst öffent­lich gemacht habe, als er selbst mit der Frau öffent­lich auf­ge­tre­ten sei. »Es darf keine Vor­zen­sur geben, wenn einer Redak­tion ein Ver­dacht oder ein Gerücht bekannt wird.«

Die Richt­li­nien zur Zif­fer 4 des Pres­se­ko­dex, auf die sich Rie­kel berief, erlaubt die »ver­deckte Recher­che« nur im Ein­zel­fall, »wenn damit Infor­ma­tio­nen von beson­de­rem öffent­li­chen Inter­esse beschafft wer­den, die auf andere Weise nicht zugäng­lich sind«. Aber was sind Infor­ma­tio­nen von beson­de­rem öffent­li­chen Inter­esse? Hans Ley­en­de­cker von der »Süd­deut­schen Zei­tung« nannte als Bei­spiel das Thema Tier­trans­porte, bei dem anders als durch Undercover-Recherche die wich­ti­gen Infor­ma­tio­nen nicht beschafft wer­den könn­ten. Rie­kel erwi­derte, sie per­sön­lich inter­es­siere sich auch sehr für Tier­trans­porte, »aber es gibt Men­schen, die inter­es­sie­ren sich nun mal für andere Men­schen. Das sei eine Frage des Standpunktes.«

Sie blieb dabei: Eine »Vor­re­cher­che« bei Gerüch­ten müsse in jedem Fall mög­lich sein. (Auf spä­tere Nach­frage stellte sich her­aus, dass sich eine »Vor­re­cher­che« von einer »Recher­che« dadurch unter­schei­det, dass sie bei der »Bun­ten« so genannt wird.)

Nico­laus Fest aus der »Bild«-Chefredaktion über­raschte Rie­kel und Publi­kum mit der Aus­sage, sein Blatt wäre Münte­fe­ring nicht wegen sei­ner neuen Liebe nach­ge­stie­gen. »Ich weiß nicht, was die poli­ti­sche Dimen­sion die­ser Geschichte sein soll. Es gab keine Pro­tek­tion, es ist reine Pri­vat­sa­che.« Die Rede kam auch auf den Fall des CSU-Vorsitzenden Horst See­ho­fer: Die Dis­kus­si­ons­teil­neh­mer waren sich einig, dass es erlaubt war, seine Ver­hält­nis zu einer Freun­din, die auch ein Kind von ihm erwar­tete, öffent­lich zu machen, weil See­ho­fer mit sei­nem intak­ten Fami­li­en­le­ben Wahl­kampf gemacht hatte und der Lebens­wan­del den Ansprü­chen einer christ­li­chen Par­tei wider­sprach. »Wür­den wir das auch bei einem Poli­ti­ker machen, der freie Liebe pro­pa­giert«, fragte Fest und ant­wor­tete mit Nein.

Ein beson­ders bizar­rer Neben­strang der Dis­kus­sion beschäf­tigte sich mit freien Mit­ar­bei­tern. Die Dis­kus­sion um die Frage, wel­che Gren­zen bei der Recher­che des Pri­vat­le­bens von Poli­ti­kern im Auf­trag von »Bunte« über­schrit­ten wur­den, wird näm­lich dadurch erschwert, dass die Illus­trierte die Recher­che (oder, wie sie sagen würde: »Vor­re­cher­che«) an eine dubiose Agen­tur out­ge­sourct hatte. Des­halb ist umstrit­ten: Was die »Bunte« genau gewusst hat über das Vor­ge­hen der Agen­tur­leute, inwie­weit sie dafür ver­ant­wort­lich ist, aber auch, inwie­fern schon die Aus­la­ge­rung der Recher­che ein Pro­blem ist.

Rie­kel betonte, auf Out­sour­cing könne heute gene­rell nicht ver­zich­tet wer­den, aber die Freien müss­ten sorg­fäl­tig aus­ge­sucht und kon­trol­liert wer­den. Die »Bunte« erar­beite gerade eine Art Ver­hal­tens­ko­dex, in dem sich die Freien zu »kor­rek­ten Recher­che­me­tho­den« ver­pflich­ten. Rie­kel hielt schon in ihrem Ein­füh­rungs­state­ment ein ebenso flam­men­des wie rät­sel­haf­tes Plä­do­yer für die »30.000 Free­lan­cer«, die »nicht bes­ser oder schlech­ter« arbei­te­ten als fest­an­ge­stellte Jour­na­lis­ten. »Der Sta­tus ent­schei­det nicht über die Qua­li­tät eines Journalisten«.

Beim »Stern« sieht man das anders. »Das Kern­ge­schäft darf man nicht out­sour­cen«, for­derte Pet­zold. In Bezug auf inves­ti­ga­tive Recher­chen sagte er: »Jeder freie Mit­ar­bei­ter, den ich beschäf­tige, erhöht das Risiko.«

Nico­laus Fest hatte in der Dis­kus­sion neben Rie­kel und Pet­zold lange Zeit fast ver­nünf­tig und seriös gewirkt (er wies Pet­zold dar­auf hin, dass Freie vor allem bei Spe­zi­al­the­men oft über Kon­takte ver­füg­ten, die die Redak­tion nicht habe, und for­mu­lierte in Bezug auf Recher­che­me­tho­den: »Der Zweck hei­ligt das Mit­tel, aber der Zweck muss stim­men«). Sein sei­nem Wesen eher ent­spre­chende Ein­satz kam erst, als es um Nicht-Prominente ging, um Men­schen, deren Fotos Medien ver­öf­fent­li­chen, weil sie Opfer von Unglü­cken oder Ver­bre­chen gewor­den sind. Zur »Love Parade« sagte er: »Die Leute, die dahin gin­gen, sind zu einem hohen Teil von Exhi­bi­tio­nis­mus oder Voy­eu­ris­mus getrie­ben.« Er ver­stehe nicht das »merk­wür­dige Miss­ver­hält­nis«, dass Men­schen, die kein Pro­blem haben, foto­gra­fiert zu wer­den, wenn sie dort ihre Brüste ent­blö­ßen, ande­rer­seits nicht gezeigt wer­den wol­len, wenn der Anlass ein »jour­na­lis­ti­scher« ist, weil sie näm­lich zum Opfer des Unglücks wur­den. Er beklagte hier eine »Instru­men­ta­li­sie­rung des Per­sön­lich­keits­rech­tes wie bei Pro­mi­nen­ten«: Man sei mit der Ver­öf­fent­li­chung von Fotos ein­ver­stan­den, »solange es schöne Fotos sind«.

Den Leit­fa­den, den der Pres­se­rat gerade zur Bericht­er­stat­tung über Amok­läufe vor­ge­legt hat [pdf], nannte Fest »außer­or­dent­lich pro­ble­ma­tisch«. Er stößt sich schon am ers­ten Satz in der ers­ten Emp­feh­lung, wonach die Redak­tion »sorg­fäl­tig zwi­schen dem öffent­li­chen Inter­esse an dem Gesche­hen und den Per­sön­lich­keits­rech­ten des Täters abwä­gen« müsse. Fest hält eine sol­che Abwä­gung für absurd: Der Amok­lauf bringe ein öffent­li­ches Inter­esse mit sich wie kein ande­res Ver­bre­chen. Über den Täter soll man teil­weise nur anony­mi­siert berich­ten dür­fen, auf die Nen­nung von per­sön­li­chen Details über die Opfer soll ganz ver­zich­tet wer­den: »Das ist ein mas­si­ver Ein­griff in das Bericht­er­stat­tungs­recht«, sagte Fest.

Bei allen Mei­nungs­un­te­schie­den — die Argu­men­ta­ti­ons­mus­ter von Rie­kel, Fest und Pet­zold ähnel­ten sich frap­pie­rend: Wenn ihre spe­zi­elle Form der Sen­sa­ti­ons­be­richt­er­stat­tung nicht erlaubt sei, könne man gar nicht berich­ten und der Jour­na­lis­mus sei ins­ge­samt bedroht. Natür­lich konnte sich auch kei­ner von ihnen zu einem kla­ren Bekennt­nis dazu durch­rin­gen, auf die unge­neh­migte Ver­wen­dung von Pri­vat­fo­tos aus sozia­len Netz­wer­ken zu ver­zich­ten. Nach zwei Stun­den Dis­kus­sion blieb der Ein­druck: Jour­na­lis­ti­sche Ethik ist für sie nicht mehr als der nach­träg­li­che Ver­such, Ent­schei­dun­gen zu recht­fer­ti­gen, die man unter dem Druck von Zeit und Kon­kur­renz und nach dem Kal­kül der Stei­ge­rung von Auf­lage und Auf­merk­sam­keit trifft.

Zum Glück war dann da aber noch Jür­gen Christ, ein freier Foto­graf aus Köln und ein Mann, dem Sonn­tags­re­den fremd zu sein schei­nen. Er achte »pein­lich genau« dar­auf, die Gesetze ein­zu­hal­ten — »aber nur aus prak­ti­schen Grün­den«, um kei­nen Ärger mit der Jus­tiz zu bekom­men. »Jeman­dem mit dem Auto zu ver­fol­gen, ist doch nichts ver­werf­li­ches«, sagte er, und auch am Anmie­ten einer gegen­über­lie­gen­den Woh­nung zur Obser­va­tion konnte er nichts ver­werf­li­ches fin­den — ob der Pres­se­ko­dex sol­che »ver­deckte Recher­che« nun in der Regel unter­sagt oder nicht. Dass die Beschat­ter von Münte­fe­ring einen Bewe­gungs­mel­der in die Fuß­matte ein­bauen woll­ten, fände er hin­ge­gen »nicht gut«: Es gebe doch prak­ti­sche Kame­ras mit Bewegungsmelder!

Fröh­lich erzählte er, wie er ver­sucht hatte, ein Foto von dem Chefs eines Spen­den­ver­eins mit des­sen Luxus­wa­gen zu bekom­men. Als tage­lan­ges Obser­vie­ren nicht half, bat er einen Taxi­fah­rer, ganz dicht am Wagen vor­bei­zu­fah­ren, dann an der Tür zu klin­geln und zu sagen, er habe da viel­leicht eine Schramme ver­ur­sacht. Der Mann hat zwar nur sei­nen Assis­ten­ten nach unten geschickt. Aber er hat aus dem Fens­ter geguckt, und Christ hatte sein Foto.

»Für wen arbei­ten Sie so«, fragte Patri­cia Rie­kel ihn und kannte die Ant­wort natür­lich. »›Spie­gel‹, ›Focus‹, ›Stern‹, ›Bunte‹…«

Die Rügen-Routine, journalismusfrei

Alle drei Monate gibt der Deut­sche Pres­se­rat die Rügen bekannt, die seine Beschwer­de­aus­schüsse aus­ge­spro­chen haben. In knap­per Form nennt er die Medien, beschreibt die Fälle und zitiert die Richt­li­nien des Pres­se­ko­dex, gegen die sie ver­sto­ßen haben. Aus der Pres­se­mit­tei­lung machen dpa, andere Nach­rich­ten­agen­tu­ren und die Bran­chen­dienste dann durch Kür­zen und Umstel­len ein­zel­ner Sätze Mel­dun­gen. Eine Recher­che fin­det nicht statt.

Am Don­ners­tag war es wie­der so weit. Die Pres­se­mit­tei­lung trug dies­mal den Titel »›Erst­klas­sige‹ Schleich­wer­bung: Pres­se­rat rügt Zei­tung für Luxusflug-Reportage«. Die Agen­tur dpa behielt die Über­schrift gleich bei und mel­dete: »Pres­se­rat rügt Zei­tung für Luxusflug-Reportage«. Die Kol­le­gen der Katho­li­schen Nach­rich­ten­agen­tur KNA ent­schie­den sich für: »Pres­se­rat erteilt sechs Rügen«.

»Kress Report«, »W&V«, »Hori­zont«, »Mee­dia«, »DWDL« — sie alle ver­wurs­te­ten die Pres­se­mit­tei­lung zu Online-Meldungen, nicht ohne gele­gent­lich kleine Feh­ler ein­zu­bauen. Bei kress.de wurde aus der öffent­li­chen Rüge für die »Thü­rin­ger All­ge­meine« eine nicht-öffentliche; bei horizont.net aus einer Rüge wegen Dis­kri­mi­nie­rung von Sinti und Roma eine wegen Ver­let­zung der Intim­sphäre. Die Ab– und Umschrei­be­spe­zia­lis­ten von »Mee­dia« über­nah­men beim Copy & Paste ganze Absätze der Pres­se­mit­tei­lung inklu­sive Flüch­tig­keits­feh­ler (»Per­sön­lich­keits­reichte«), miss­ver­stan­den eine zeit­lose Richt­li­nie aus dem Pres­se­ko­dex als aktu­elle Anspie­lung auf den Fall Robert Enke und per­so­na­li­sier­ten auf fast per­fide Weise die Rüge für die »Thü­rin­ger All­ge­meine«, indem sie so taten, als sei der »von der WAZ frei­ge­stellte und in der Dis­kus­sion als Qua­li­täts­jour­na­list eti­ket­tierte« Ex-Chefredakteur Ser­gej Lochtho­fen per­sön­lich geta­delt worden.

Mit Aus­nahme von horizont.net, die immer­hin den Link zu einem der gerüg­ten Arti­kel her­aus­such­ten (aber absur­der­weise zur Illus­tra­tion irgend­eine »Welt am Sonn­tag« zei­gen und nicht die Seite mit dem gerüg­ten Text), hat kei­nes die­ser Medien in irgend­ei­ner Weise selbst recherchiert.

Dabei hätte es nur wenige Minu­ten gedau­ert, die gerüg­ten Online-Artikel zu ergoog­len oder aus den Archi­ven zu suchen. Die Kol­le­gen hät­ten sich die Arti­kel selbst durch­le­sen und sie mit eige­nen Wor­ten beschrei­ben kön­nen, anstatt sich auf die For­mu­lie­run­gen des Pres­se­ra­tes ver­las­sen zu müs­sen. Sie hät­ten sich ein eige­nes Bild machen und die Urteile des Pres­se­ra­tes, der ja nicht unfehl­bar ist, kri­tisch wür­di­gen kön­nen. Sie hät­ten mer­ken kön­nen, dass die eine Wer­be­ge­schichte aus der »Welt am Sonn­tag«, die der Pres­se­rat gerügt hat, von einem nicht unbe­kann­ten Schrift­stel­ler ver­fasst wurde. Sie hät­ten bei Edda Fels, der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­che­fin von Axel Sprin­ger, nach­fra­gen kön­nen, ob die »Welt am Sonn­tag« für den Bericht über die First Class von Sin­g­a­pore Air­lines tat­säch­lich die Kos­ten von rund 9000 Euro selbst bezahlt hat, wie es ihre ach so stren­gen jour­na­lis­ti­schen Leit­li­nien vor­schrie­ben. Sie hät­ten dar­über stol­pern kön­nen, dass die gerüg­ten Online-Medien nur die Arti­kel aus ihren Print-Müttern über­nom­men haben, und beim Pres­se­rat nach­fra­gen, warum er in sol­chen Fäl­len nicht beide Ver­sio­nen rügt.

Es hat mich 15 Minu­ten gekos­tet, her­aus­zu­fin­den, wer der Bür­ger­meis­ter und ehe­ma­lige Bun­des­tags­ab­ge­ord­nete ist, über den sein frü­he­rer Pres­se­spre­cher eine Abrech­nung in der »Thü­rin­ger All­ge­mei­nen« schrei­ben durfte. Ver­mut­lich wäre das mit einem Anruf beim Pres­se­rat auch in drei Minu­ten zu erfah­ren gewesen.

Je nach vor­han­de­nem Inter­esse und ver­füg­ba­rer Zeit hät­ten sich mit einer Inves­ti­tion von weni­gen Minu­ten oder zwei Stun­den auf Grund­lage der Pres­se­mit­tei­lung des Pres­se­ra­tes inter­es­sante, rele­vante, lesens­werte eigene Arti­kel pro­du­zie­ren las­sen. Statt­des­sen haben sich alle Medi­en­dienste sowie die Nach­rich­ten­agen­tu­ren dafür ent­schie­den, nichts wei­ter zu tun, als die Pres­se­mit­tei­lung umzuschreiben.

Das ist typisch ist für die Art, wie in vie­len (Online-)Redaktionen gear­bei­tet und auf die Mög­lich­keit ver­zich­tet wird, sich mit gerings­tem Auf­wand ein eige­nes Bild zu ver­schaf­fen, sich von der Kon­kur­renz zu unter­schei­den und, herrje: jour­na­lis­tisch zu arbei­ten. Und ich glaube, dass sich das nicht nur mit Geld-, Zeit– und Per­so­nal­not erklä­ren lässt. Es ist eine Frage des Hand­werks. Und der Haltung.

Wenn einem jour­na­lis­ti­schen Medium die Mit­tel feh­len, mit einer Pres­se­mit­tei­lung mehr zu tun als sie zu kür­zen, dann feh­len ihm die Mit­tel, ein jour­na­lis­ti­sches Medium zu sein. Und warum sollte es öko­no­misch sinn­voll sein, zuver­läs­sig das­selbe zu pro­du­zie­ren wie die Kon­kur­renz? Worin besteht der Mehr­wert für den Leser?

Jour­na­lis­mus ist in einem erstaun­li­chem Maße durch das rou­ti­nierte, fast mecha­ni­sche Repro­du­zie­ren von Inhal­ten ersetzt wor­den. Ein Teil der Beleg­schaft ist ganz für die Arbeit am Content-Produktions-Fließband abge­stellt, wo selbst der Gedanke an eine Mini-Recherche, wie in die­sem Fall ein Link auf die gerüg­ten Arti­kel des Pres­se­ra­tes, abwe­gig ist.

Es ist ein Jour­na­lis­mus, dem das Inter­esse an sei­nem Gegen­stand abhan­den gekom­men ist. Wer braucht den?

(Nein, die­ser Text hat nicht die ver­steckte Bot­schaft: Seht her, wie toll wir das im Ver­gleich bei BILD­blog machen. Ich ärgere und wun­dere mich nur jedes­mal über den Umgang mit den Presserats-Meldungen und halte sie für ein beson­des anschau­li­ches Bei­spiel dafür, wie Jour­na­lis­mus bloß simu­liert wird.)

Wer andern eine Grube gräbt, ist Journalist

Chris­toph Keese, Außen­mi­nis­ter der Axel-Springer-AG und frü­her selbst Jour­na­list, hat end­lich eine lang­ge­suchte Defi­ni­tion gefunden:

Wer Blog­ger ist und wer Jour­na­list, ergibt sich aus dem Ver­hal­ten. Ein freier Blog­ger sollte »Jour­na­list« genannt wer­den, wenn er objek­tiv, wahr, fair, aus­ge­wo­gen und kor­rekt berich­tet. Umge­kehrt müsste ein mei­nungs­star­ker, aber recher­che­schwa­cher Redak­teur »Blog­ger« hei­ßen, wenn er sub­jek­tive Ein­drü­cke ohne Recher­che verbreitet.

Keese hat einen Auf­satz für das Jahr­buch 2008 des Deut­schen Pres­se­ra­tes geschrie­ben, in dem er anregt, eine Grube für den Qua­li­täts­jour­na­lis­mus zu graben:

Genau dort, wo die Netz­pes­si­mis­ten durch das Seichte waten und am Inter­net ver­zwei­feln, soll­ten sie mit dem Gra­ben begin­nen und einen tie­fen See anle­gen. Das Publi­kum kommt dann von allein. Han­deln wird aber nur, wer genau weiß, was ihn von den Laien unterscheidet.

Man könnte Kee­ses Essay als ein Plä­do­yer für guten Jour­na­lis­mus und zum Bei­spiel für »die sorg­fäl­tige Redi­ga­tur über meh­rere Stu­fen« durch­aus sym­pa­thisch, kon­struk­tiv und not­wen­dig fin­den. Lei­der hat er sich aller­dings dafür ent­schie­den, als Gegen­satz zu »gutem Jour­na­lis­mus« nicht »schlech­ten Jour­na­lis­mus«, son­dern »Blog­ger« zu wäh­len. Wenn Keese dage­gen von »Jour­na­lis­ten« spricht, meint er offen­kun­dig nicht die real exis­tie­rende Berufs­gruppe, deren Anse­hen unge­fähr so schlecht ist wie das von Poli­ti­kern, son­dern ein fer­nes, gold­durch­wirk­tes Journalisten-Ideal:

Blog­ger bli­cken in sich hin­ein, Jour­na­lis­ten aus sich her­aus. Blog­ger unter­wer­fen sich kei­ner Instanz, Jour­na­lis­ten bil­den eine Instanz, die Wah­res von Unwah­rem unter­schei­den will. Blog­ger akzep­tie­ren keine frem­den Regeln, Jour­na­lis­ten arbei­ten nach Standards. (…)

Blog­gern steht es frei, auf­ge­schnappte Gerüchte wei­ter zu ver­brei­ten und damit Hys­te­rie­kas­ka­den in Gang zu set­zen. Jour­na­lis­ten aber soll­ten keine Nach­richt ver­brei­ten, die sie nicht selbst geprüft haben. Jour­na­lis­mus ist die Schwelle, über die eine Hys­te­rie­welle nicht sprin­gen kann.

Sogar Keese selbst scheint an die­ser Stelle auf­ge­fal­len zu sein, wie wirk­lich­keits­fern diese Beschrei­bung ist, und so fügt er ein »Zuge­ge­ben« hinzu:

Zuge­ge­ben, in der Pra­xis sieht das manch­mal anders aus. Aus der Unsitte, das Ver­mel­den einer Nach­richt durch ein ande­res Blatt als das eigent­li­che Nach­rich­te­ner­eig­nis anzu­se­hen und ohne Prü­fung der Urnach­richt an die eigene Leser­schaft wei­ter zu mel­den, ist man­cher­orts eine Sitte gewor­den. Trotz­dem hal­ten zahl­rei­che Redak­tio­nen den Stan­dard ein.

Bei­spiele dafür nennt Keese nicht.

Wehret den Anfängen!

Pres­se­spre­cher bei Sprin­ger ist ver­mut­lich auch kein Traum­job. Die meiste Zeit ver­bringt man damit, auf Pres­se­an­fra­gen zu ant­wor­ten, dass man zu lau­fen­den Ver­fah­ren / Per­so­nal­spe­ku­la­tio­nen / Interna / die­sem Thema grund­sätz­lich nicht Stel­lung nehme.

So gese­hen war »Bild«-Sprecher Tobias Fröh­lich sicher froh, dass er ges­tern end­lich ein­mal etwas Ori­gi­nel­les sagen durfte:

»›Bild­blog‹ han­delt wie ein Abmahn­ver­ein und instru­men­ta­li­siert den Pres­se­rat für eigene kom­mer­zi­elle Inter­es­sen«, sagte Ver­lags­spre­cher Tobias Fröh­lich am 19. Februar dem epd. (…)

Fröh­lich erklärte, es gehe dem Ver­lag nicht um die Anzahl der bis­her von »Bild­blog« ein­ge­reich­ten Beschwer­den, son­dern »um das Prin­zip«. Durch das Auf­kom­men von Blogs sei eine ganz neue mediale Situa­tion ent­stan­den. Man müsse hier auch den Anfän­gen weh­ren, bevor sich Nach­ah­mer fän­den, die den Pres­se­rat miss­bräuch­lich in Anspruch nähmen.

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