Archiv zum Stichwort: Qualitätsjournalismus

Wer andern eine Grube gräbt, ist Journalist

28 Jul 08
28. Juli 2008

Christoph Keese, Außenminister der Axel-Springer-AG und früher selbst Journalist, hat endlich eine langgesuchte Definition gefunden:

Wer Blogger ist und wer Journalist, ergibt sich aus dem Verhalten. Ein freier Blogger sollte „Journalist“ genannt werden, wenn er objektiv, wahr, fair, ausgewogen und korrekt berichtet. Umgekehrt müsste ein meinungsstarker, aber rechercheschwacher Redakteur „Blogger“ heißen, wenn er subjektive Eindrücke ohne Recherche verbreitet.

Keese hat einen Aufsatz für das Jahrbuch 2008 des Deutschen Presserates geschrieben, in dem er anregt, eine Grube für den Qualitätsjournalismus zu graben:

Genau dort, wo die Netzpessimisten durch das Seichte waten und am Internet verzweifeln, sollten sie mit dem Graben beginnen und einen tiefen See anlegen. Das Publikum kommt dann von allein. Handeln wird aber nur, wer genau weiß, was ihn von den Laien unterscheidet.

Man könnte Keeses Essay als ein Plädoyer für guten Journalismus und zum Beispiel für „die sorgfältige Redigatur über mehrere Stufen“ durchaus sympathisch, konstruktiv und notwendig finden. Leider hat er sich allerdings dafür entschieden, als Gegensatz zu „gutem Journalismus“ nicht „schlechten Journalismus“, sondern „Blogger“ zu wählen. Wenn Keese dagegen von „Journalisten“ spricht, meint er offenkundig nicht die real existierende Berufsgruppe, deren Ansehen ungefähr so schlecht ist wie das von Politikern, sondern ein fernes, golddurchwirktes Journalisten-Ideal:

Blogger blicken in sich hinein, Journalisten aus sich heraus. Blogger unterwerfen sich keiner Instanz, Journalisten bilden eine Instanz, die Wahres von Unwahrem unterscheiden will. Blogger akzeptieren keine fremden Regeln, Journalisten arbeiten nach Standards. (…)

Bloggern steht es frei, aufgeschnappte Gerüchte weiter zu verbreiten und damit Hysteriekaskaden in Gang zu setzen. Journalisten aber sollten keine Nachricht verbreiten, die sie nicht selbst geprüft haben. Journalismus ist die Schwelle, über die eine Hysteriewelle nicht springen kann.

Sogar Keese selbst scheint an dieser Stelle aufgefallen zu sein, wie wirklichkeitsfern diese Beschreibung ist, und so fügt er ein „Zugegeben“ hinzu:

Zugegeben, in der Praxis sieht das manchmal anders aus. Aus der Unsitte, das Vermelden einer Nachricht durch ein anderes Blatt als das eigentliche Nachrichtenereignis anzusehen und ohne Prüfung der Urnachricht an die eigene Leserschaft weiter zu melden, ist mancherorts eine Sitte geworden. Trotzdem halten zahlreiche Redaktionen den Standard ein.

Beispiele dafür nennt Keese nicht.

Klickdoping mit 16 Buchstaben

15 Jul 08
15. Juli 2008

Ja, das wirkt sehr unspektakulär, das „gute alte Kreuzworträtsel“, das „Welt Online“ seinen Lesern täglich neu präsentiert. Der Clou ist unsichtbar: Das Spiel ist so programmiert, dass jeder einzelne Buchstabe, den ein Leser hier einträgt, als ein Seitenaufruf zählt. Eine einzelne Kniegeige verbessert die Bilanz von „Welt Online“ um fünf PageImpressions; wer das Rätsel komplett löst, produziert über 100 PageImpressions mindestens.

Das ist eine stattliche Zahl verglichen mit den Klicks, die sich durch einzelne Artikel oder sogar Bildergalerien produzieren lassen — vom minimalen Aufwand ganz zu schweigen. Und deshalb ist der Trick auch keine exklusive Erfindung von „Welt Online“. Der Online-Auftritt der „Süddeutschen Zeitung“ hat sein Sudoku genauso produziert: Jede einzelne Zahl, die in das Gitter eingetragen wird, wird als kompletter Seitenaufruf der IVW übermittelt, deren Werte die Standardwährung im Online-Werbegeschäft sind.

Dasselbe gilt für dieses Sudoku der „Zeit“:

Das Puzzle „Klick it like Beckham“, das sueddeutsche.de in immer neuen Varianten auflegt, ist sogar so programmiert, dass jeder Spielzug gleich zwei Klicks produziert:

Mit allen Mitteln versuchen die Online-Medien die Zahl ihrer PageImpressions künstlich in die Höhe zu treiben, denn diese Zahl wird gerne fälschlicherweise für eine Messgröße für Erfolg und gar Qualität gehalten. Die Vermarkter werben mit ihr, Medienjournalisten erstellen Rankings und küren Sieger und Verlierer.

Das künstliche Aufblähen dieser Zahlen durch entsprechend programmierte Rätsel und Spiele widerspricht dabei nach Ansicht der IVW nicht einmal ihren Regeln. Danach gilt als PageImpression zwar nur, wenn durch die Aktion eines Nutzers (also einen Klick oder eine Eingabe) „eine wesentliche Veränderung des Seiteninhaltes“ bewirkt wird. Aber wenn da in einem Kreuzworträtsel nicht mehr „CELL“, sondern „CELLO“ steht, sieht die IVW darin schon eine „wesentliche Veränderung des Seiteninhaltes“.

Und man kann sich nicht einmal darauf verlassen, dass die auf diese Weise massenhaft produzierten PageImpressions in der IVW-Statistik unter „Spiele“ ausgewiesen werden. Die Medien dürfen sie auch als „redaktionellen Content“ deklarieren, in der Rubrik „Entertainment & Lifestyle“, als handele es sich um journalistische Inhalte. Das Sudoku von „Zeit Online“ zum Beispiel lässt auf diese Weise das redaktionelle Angebot attraktiver erscheinen als es ist.

Hans-Jürgen Jakobs, Chefredakteur von sueddeutsche.de, mag darin kein Problem sehen: „Wie Sie wissen, bieten viele Zeitungen und Zeitschriften auf Papier Rätsel– und Sudoku-Ecken an, weil sie zurecht davon ausgehen, hier auf Publikumsinteresse zu stoßen. Sollen wir solche Formen ignorieren? Geht es nicht immer daran, eine Mischung anzubieten — aus Information, Investigation, Bildung und auch Unterhaltung?“

Per E-Mail teilte er mit mit: „Seien Sie versichert, dass wir uns — so wie die FAZ — ganz nach den Vorgaben der IVW richten.“ Nun ja: Die IVW hat angekündigt, eine frühere Version von „Kick it like Beckham“ kritisch zu überprüfen. Es handelte sich um eine Art Puzzle, das selbst dann eine PageImpression zählte, wenn das Puzzlestück, das der Leser einzusetzen versuchte, nicht passte und zurück an seinen alten Platz schnappte. Das entspricht womöglich nicht einmal nach Ansicht der IVW einer „wesentlichen Änderung“.

Auf meine Frage, ob er sich vorstellen kann, auf solches Klickdoping zu verzichten, wenn sich andere Verlage auch dazu verpflichten — analog seiner Forderung nach gemeinsamen Beschränkungen der Suchmaschinen-Manipulation — antworte Jakobs klar mit Nein: „Spiele habe ich nicht gemeint.“

In der Pressestelle der Axel-Springer-AG stellt man sich dumm, was die Problematik dieser Art von Klickdoping angeht, und erklärt, mein Anliegen „verwundere“ die Kollegen von „Welt Online“. Verlagssprecher Dirk Meyer-Bosse fügt hinzu: „Wir bewegen uns mit all unseren Angeboten auf WELT ONLINE, also auch mit Online-Spielen, voll und ganz im Rahmen der Richtlinien der IVW, mit der wir auch im engen Austausch stehen“.

Was Meyer-Bosse nicht sagt: Dieser „enge Austausch“ kann auch darin bestehen, dass die IVW die Zählung beanstandet. Neulich stellte sich heraus, dass „Welt Online“ die Klicks, die das Kreuzworträtsel generierte, als Zugriffe auf „Nachrichten“ auswies. Sicher waren die Kollegen von „Welt Online“ verwundert, als das herauskam.

Der Sprecher deutet aber zumindest begrenzte Aussagekraft der IVW-Zahlen an, indem er sagt, für „Welt Online“ sei „die wichtigste Zählgröße die AGOF“, eine repräsentative Studie, die aus verschiedenen Erfassungsmethoden die Reichweite der Online-Medien berechnet. (Das hindert Springer natürlich nicht, mit den durch groteske Klickstrecken und eben Kreuzworträtsel aufgepumpten PageImpressions regelmäßig zu prahlen.)

Im vertraulichen Gespräch räumen Verantwortliche von Online-Medien durchaus ein, dass das IVW-Verfahren Unsinn ist und die Zahlen nur noch wenig Aussagekraft haben. Auch bei der IVW sieht man die Notwendigkeit zur Reform. „Alle sind sich darüber im Klaren, dass wir daran gehen müssen“, sagt Online-Bereichsleiter Jörg Bungartz, der von einer „sich verschärfenden Problematik“ spricht. Als Beispiel nennt er auch Videos, die so programmiert sind, dass es schon als PageImpression gewertet wird, wenn der Zuschauer zwischendurch bloß die Pausetaste drückt. Immer wieder stelle sich die Frage: „Ist es das, was wir zählen wollen?“ Die IVW wolle aber nicht voreilig die Definitionen ändern, um einzelne Lücken zu schließen, sondern arbeite an einer zukunftssicheren Reform. Die ist für nächstes Jahr geplant.

Die Zeit, bis es soweit ist, können Sie ja nutzen, um bei faz.net ihr Gehirn zu trainieren, zum Beispiel mit dem Silbenrätsel. Und ärgern Sie nicht, wenn Sie Fehler machen. Jeder einzelne Klick, sogar ein falscher, zählt als PageImpression und poliert die Online-Bilanz von faz.net auf. Das ist doch auch was.

Wie es zum „NPD-Eklat“ kommen konnte

28 Mai 08
28. Mai 2008

Was ist da heute passiert?

Ich glaube, der Hype um den angeblichen Nazi-Eklat im sächsischen Landtag, der heute kollektiv die deutschen Medien erfasste, ist ein Lehrstück dafür, welch beunruhigende Wirkung die Dominanz von „Spiegel Online“ als einsames Internet-Leitmedium entwickeln kann.

Eigene Recherche oder auch nur der Rückgriff auf vorhandenes Expertenwissen spielen im Alltag deutscher Online-Redaktionen kaum eine Rolle. Dort sitzen überwiegend Menschen, die nicht mehr tun, als am Fließband die unaufhörlich eintrudelnden Meldungen von Nachrichtenagenturen in Form zu bringen (besten– oder schlechtestenfalls ergänzt um blind aus „Bild“ übernommene Meldungen). Auf der Suche nach Orientierung tun sie das, was auch die meisten Leser machen: Sie schauen auf „Spiegel Online“ nach.

„Spiegel Online“ aber ist ein Boulevardmedium. Und das eigentliche Problem daran ist nicht, dass „Spiegel Online“ Boulevardgeschichten breiten Raum gibt. Sondern dass „Spiegel Online“ auch die anderen Themen nach den Regeln des Boulevard aufbereitet: Meldungen werden zugespitzt, Kleinigkeiten zu Sensationen hochgeschrieben, Themen personalisiert. Die Welt, wie sie ein „Spiegel Online“-Leser erlebt, ist hundertmal aufregender als die Welt, die tagesschau.de präsentiert. Im Minutentakt durchleben hier Politiker, Prominente und Wirtschaftsbosse persönliche Niederlagen und Triumphe; jagen einander Skandale und Eklats, historische Umfragetiefs und verheerende Katastrophen.

„Spiegel Online“ zeichnet sich nicht nur durch einen hohen Anteil von selbst geschriebenen Artikeln aus. Auch Agenturmeldungen bekommen den „Spiegel Online“-typischen erregten Tonfall und fast immer einen kommentierenden Drall.

So geschah es auch mit der dpa-Meldung von heute, 10:50 Uhr, die im Original so begann:

CDU-Politiker Stanislaw Tillich neuer Ministerpräsident in Sachsen

Dresden (dpa) — Der CDU-Politiker Stanislaw Tillich ist neuer Ministerpräsident des Landes Sachsen. Der 49-Jährige erhielt am Mittwoch im Landtag bereits im ersten Wahlgang die erforderliche Mehrheit. Tillich kam auf 66 von 121 möglichen Stimmen. Der Kandidat der rechtsextremen NPD, Johannes Müller, erhielt 11 Stimmen und damit 3 mehr als die Fraktion Sitze hat. (…)

Der letzte Satz war korrekt, aber irreführend, weil er die ehemaligen NPD-Fraktionsmitglieder außer acht ließ. Aber der dpa-Mann scheint keinen erhöhten Puls gehabt zu haben, als er die Meldung schrieb.

Anders als der „Spiegel Online“-Mensch, der aus der Meldung eine Eilmeldung machte und aus dem vielleicht wenig überraschenden Stimmverhalten einen „Eklat“. Um 10:55 Uhr erschien sein Artikel online.

Ich kann es nicht beweisen, aber ich glaube, dass es diese Vorgabe von „Spiegel Online“ war, die die Berichterstattung der anderen Medien so fatal beeinflusst hat. Das Wort „Eklat“ oder auch „Skandal“ zum Beispiel, das sie in so großer Zahl gewählt haben, taucht in Bezug auf die heutige Wahl in keiner Agenturmeldung auf.

Bezeichnend ist, wie sich die Berichterstattung auf „Welt Online“ veränderte. Der Artikel über die Wahl ging dort bereits um 10:54 Uhr online. Er enthielt die irreführende Formulierung: „Sein Gegenkandidat von der NPD war zwar chancenlos, aber er erhielt drei Stimmen mehr, als seine Fraktion groß ist. Woher die zusätzlichen Stimmen kamen, ist unklar.“ Aber die Überschrift lautete schlicht: „Tillich zum neuen Regierungschef gewählt“. Erst nachdem „Spiegel Online“ „Eklat“ rief, änderte „Welt Online“ die Überschrift zu: „NPD-Eklat bei Tillichs Wahl zum Regierungschef?“ (Inzwischen ist „Welt Online“ wieder zur ursprünglichen Überschrift zurückgerudert.)

Es kann natürlich sein, dass nicht jedes Medium, das die dpa-Meldung bekam, erst den Anstoß von „Spiegel Online“ brauchte, um daraus einen Eklat zu konstruieren. Die markante Art von „Spiegel Online“, Themen aufzubereiten, ist im deutschen Online-Journalismus fast zu einer Art Standard geworden — vermutlich greifen viele ganz alleine zu solchen Schlagworten. Das ist natürlich auch eine schlichte Konsequenz aus dem verschärften Wettbewerb im Internet: Im Zweifel gewinnt derjenige die Aufmerksamkeit und die Klicks der Leser, der aus einer Nachricht den größeren Skandal macht. Voraussetzung dafür war in diesem Fall allerdings, dass man ungefähr noch nie mit der Berichterstattung über den sächsischen Landtag zu tun hatte — sonst wäre der Denkfehler aufgefallen.

Jedenfalls nahm die Eklatomanie ihren Lauf, und möglicherweise war sie auch Schuld daran, dass um 12:24 Uhr ein besonders blöder Satz in eine dpa-Meldung geriet:

Gerätselt wurde, wer von CDU, SPD, FDP, Grünen oder der Linken für den Rechtsextremisten gestimmt hat.

Gut möglich, dass dpa-Korrespondent Jörg Schurig den Satz nicht selbst geschrieben hat, sondern er ihm von jemandem in der Zentrale hineinredigiert wurde, der beobachtet hatte, wie plötzlich tatsächlich von ahnungslosen Medien wie Bild.de genau das „gerätselt wurde“. Ein Indiz dafür ist auch, dass Schurig nur eine gute halbe Stunde später einen ausführlichen Korrespondentenbericht schickte, der die ganz und gar eklatfreie Überschrift „Neustart ohne Nebengeräusch“ trug und in dem es korrekt heißt:

Das Resultat des rechtsextremen Kandidaten Johannes Müller lag drei Stimmen über der Zahl der NPD-Mandate. Trotzdem wurde das [von der Regierungskoalition] als Randnotiz abgetan: Da die NPD nach Austritten und einem Rauswurf auf acht Sitze und damit zwei Drittel ihrer einstigen Stärke schrumpfte, gibt es im Landtag vier Fraktionslose mit unklarer Stimmungslage.

Die Kollegen von stern.de aber krempelten diesen Bericht — ich vermute, angesichts des Tonfalls der anderen Online-Medien — zu einem Artikel um, unter dem zwar noch der Name „Jörg Schurig“ stand, in dem aber plötzlich ebenfalls von einem „Eklat“ die Rede war, und davon, dass die NPD in Dresden „gepunktet“ habe.

„Spiegel Online“ hatte die übergeigte eigene Meldung zu diesem Zeitpunkt längst aufgegeben und sich dafür entschuldigt — aber die ursprüngliche Interpretation beherrschte noch die Berichterstattung und war nur mühsam aus der Welt zu bekommen. Um 14:39 Uhr gab dpa eine Meldung raus, in der der Satz „Gerätselt wurde, wer von CDU, SPD, FDP, Grünen oder der Linken für den Rechtsextremisten gestimmt hat“ explizit gestrichen wurde. Gleichzeitig veröffentlichte dpa eine neue, korrekte Zusammenfassung. (Die Agenturen AP und Reuters hatten um 12:35 Uhr bzw. 13:08 Uhr in längeren Meldungen ebenfalls auf die Ex-NPD’ler hingewiesen.)

So also funktioniert der Qualitätsjournalismus im Internet, von dem die Verlage so schwärmen: Ein Agenturkorrespondent, der sich nicht ganz klar ausdrückt, ein Online-Leitmedium, das im Schlagzeilen– und Klickrausch den größtmöglichen Verstärker mit Verzerrer einschaltet, und Dutzende Kopiermaschinen, die ohne Wissen, Recherche und jeden eigenen Gedanken hinterhertaumeln.

Ich glaube nicht, dass die Geschichte mit dem „NPD-Eklat“ ein Sonderfall war. Ich glaube, das passiert so ähnlich, nur viel weniger anschaulich, jeden Tag.

Der sächsische NPD-Eklat-Eklat

28 Mai 08
28. Mai 2008

Glaubt man „Spiegel Online“ und „Welt Online“, ist heute etwas Schlimmes im Sächsischen Landtag passiert:

Tja, von welcher anderen Partei mögen wohl die Stimmen für den NPD-Kandidaten gekommen sein? Ich weiß es auch nicht, hätte aber einen Verdacht: Für die NPD sind vor dreieinhalb Jahren nicht acht, sondern zwölf Abgeordnete in den Landtag eingezogen; vier davon schieden später teils freiwillig, teils unfreiwillig aus der NPD-Fraktion aus und sind jetzt fraktionslos.

Den Gedanken, dass drei Abgeordnete, die für die NPD in den Landtag gezogen sind, für einen Ministerpräsidentenkandidaten der NPD stimmen, finde ich sehr, sehr uneklatiös.

Aber jede Wette, dass die „Eklat“-Artikel um ein vielfaches häufiger geklickt werden als alle Nicht-„Eklat“-Berichte über die Wahl. Ahnungslosigkeit und Lautstärke — eine Erfolgskombination im Online-Journalismus.

[mit Dank an Martin]

Nachtrag, 12.39 Uhr. Bei „Spiegel Online“ ist von einem Eklat nicht mehr die Rede:
Anm. d Red.: In der ursprünglichen Fassung dieses Artikels war in der Überschrift von einem "Eklat" bei der Wahl Tillichs zum sächsischen Regierungschef die Rede. Dies bezog sich auf die Anzahl der Stimmen für den NPD-Kandidaten Müller. Die Redaktion hat dabei nicht bedacht, dass mehrere frühere NPD-Abgeordnete inzwischen als Unabhängige im Landtag sitzen, die möglicherweise bei der geheimen Wahl für Müller votiert haben. Wir bitten um Entschuldigung.

Nachtrag, 13.00 Uhr. Bild.de, natürlich:

Und wie gerne würde ich in solchen Fällen auf tagesschau.de und heute.de als positive Gegenbeispiele verweisen können. Keine Chance:

Nachtrag, 13.19 Uhr. Die „taz“ weiß es auch nicht besser:
Pseudo-Demokraten stimmen für NPD. Entsetzen über die Ministerpräsidenten-Wahl in Sachsen: Der NPD-Kandidat erhielt drei Stimmen mehr als die Fraktion Sitze hat. CDU-Politiker Tillich ist erwartungsgemäß neuer Landeschef. ... Doch es gibt noch eine andere Nachricht: Der Kandidat der rechtsextremen NPD, Johannes Müller, erhielt 11 Stimmen und damit 3 mehr als die Fraktion Sitze hat. Das heißt: Er wurde er von mindestens drei Abgeordneten einer demokratischen Partei gewählt. Es ist nicht das erste Mal, dass ein rechtsextremer Kandidat bei einer Ministerpräsidentenwahl in Sachsen mehr Stimmen bekommt, als seine Partei im Landtag über Mandate verfügt.

Nachtrag, 13:40 Uhr. Stern.de kommt spät, aber darum nicht weniger falsch. Im Gegenteil:

NPD punktet in Sachsen. Ein Erfolg der rechtsextremen NPD überschattet die Wahl des CDU-Politikers Stanislaw Tillich zum neuen sächsischen Ministerpräsidenten. Drei Abgeordnete der anderen Parteien haben für den NPD-Gegenkandidaten gestimmt. Schon bei der Wahl von Tillichs Vorgänger war es zu einem ähnlichen Eklat gekommen. Die rechtsextreme NPD hat bei der Wahl des sächsischen Ministerpräsidenten unverhofft einen Erfolg verzeichnen können: Ihr Kandidat wurde zwar nicht zum Regierungschef gekürt, erhielt aber mit elf Stimmen drei mehr als die Fraktion Sitze hat. Demnach haben mindestens drei Abgeordnete der anderen Parteien - im sächsischen Landtag vertreten sind noch die CDU, die SPD, die Linkspartei und die Grünen - für den rechtsextremen Kandidaten Johannes Müller gestimmt. Neu ist dieses Wahlverhalten in Sachsen allerdings nicht. Bei der Wahl von Georg Milbradt (CDU) im Herbst 2004 hatte der Bewerber der rechtsextremen NPD zwei Stimmen mehr erhalten als die Partei Mandate besaß.

Nachtrag, 14:10 Uhr. Und so profiliert sich das „Hamburger Abendblatt“:

Nachtrag, 14:55 Uhr. Wie konnte ich vergesse, bei meinen Freunden von der Netzeitung vorbeizuschauen?
Eklat im sächsischen Landtag: NPD-Kandidat unerwartet beliebt

Nachtrag, 15:10 Uhr. stern.de hat den Artikel geändert und zeitweise folgende Erklärung hinzugefügt:

Korrektur: Liebe Leser, in einem Artikel zur Wahl des sächsischen Ministerpräsidenten haben wir ursprünglich behauptet, dass die rechtsextreme NPD bei der Wahl des Ministerpräsidenten einen Überraschungserfolg verbuchen konnte, weil ihr Kandidat drei Stimmen mehr erhalten hat, als die NPD-Fraktion Mitglieder hat. Diesen Sachverhalt haben wir auch in die Überschrift genommen. Die Meldung erschien uns wichtig, weil das auf den ersten Blick zu bedeuten schien, dass Abgeordnete aus anderen Parteien sich für den rechtsextremen NPD-Kandidaten entschieden haben. Erst nachträglich haben wir bemerkt, dass es im sächsischen Landtag vier Fraktionslose gibt, die früher der NPD-Fraktion angehörten. Insofern liegt die Vermutung nahe, dass es sich bei den Stimmen für den NPD-Kandidaten nicht um Stimmen von Abgeordneten aus anderen Parteien handelt, sondern die Stimmen von diesen Fraktionslosen kommen. Wir haben die Ausrichtung des Artikels deshalb nachträglich geändert. Für die unsaubere Darstellung bitten wir um Entschuldigung. Stern.de.

Inzwischen ist diese Erklärung aber wieder entfernt worden.

Nachtrag, 15.55 Uhr. Nun ist sie wieder da.

neue-oz.de/katholikentag

21 Mai 08
21. Mai 2008

In Osnabrück ist seit heute Katholikentag. Das ist eine große Sache. Der Bundespräsident kommt, die Bundeskanzlerin kommt, und der noch amtierende SPD-Chef kommt auch.

Ich habe mich gerade gefragt, was da aktuell so passiert, und dachte, ich sehe einfach im Online-Angebot der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ nach, für die ich vor ziemlich genau 20 Jahren meine ersten Artikel schrieb.

Was für eine abwegige Idee.

Die Startseite von neue-oz.de sieht gerade so aus:

Klickt man auf das große Aufmacherbild, kommt man zu einem Text, der so beginnt:

Katholikentag in Osnabrück startet mit Eröffnungsfeier
Osnabrück.
Osnabrück steht bis zum Sonntag ganz im Zeichen des 97. Deutschen Katholikentages. Mit einer großen Eröffnungsfeier und einem anschließenden bunten Abend sollte das von den katholischen Laien organisierte Treffen am Mittwochabend starten.

„Sollte starten“? Richtig: Der Text ist nicht nur ein dröger Agenturtext (AFP), sondern auch die Fassung von 15:37 Uhr. Immerhin findet sich unter ihm ein Link zu einer Bildergalerie (mit lustigem Schreibfehler) …

… und ein Hinweis auf ein „Online-Spezial“. Dahin führte, zugegeben, auch ein großes Banner weiter unten auf der Startseite, das ich übersehen oder für Werbung gehalten hatte. Dort also wird die „Neue Osnabrücker Zeitung“, eine der großen deutschen Monopolzeitungen, sicher ein Feuerwerk von aktuellen Berichten, eigenen Reportagen, bunten Splittern und –

Nein, wird sie nicht.

Aufmacher im Katholikentags-Special von neue-oz.de ist ein vier Wochen altes Text-Narkotikum, das wie folgt die Aufmerksamkeit der Leser zu verlieren versucht:

Gespräche über Jugend, Umwelt und Frieden
Osnabrück.
Mehrere Zehntausend Teilnehmer werden zum 97. Deutschen Katholikentag vom 21. bis 25. Mai in Osnabrück erwartet. Nach 1901 ist es das zweite Katholikentreffen in Osnabrück. (…)

Immerhin ist der Artikel darunter sowohl aktuell, als auch eine Eigenleistung der „Neue OZ“-Redaktion. Er lautet so:

Nein, da ist kein Link. Ja, das ist der vollständige Artikel.