Time to say goodbye

Lett­land gewinnt den Grand Prix, und Deutsch­land muß sich nach dem 21. Platz etwas Neues überlegen.

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TALLINN, 26. Mai. Ein Radio­re­por­ter schaffte es, die ganze Ver­zweif­lung in eine Frage zu ste­cken. »Was ist los in Europa, daß ihr klei­nen Län­der immer gewinnt«, fragte er die sieg­rei­che Let­tin. »Was machen wir Deut­schen falsch?« Und Marija Naum­ova hatte eine erstaun­lich kon­krete Ant­wort: »Ihr müßt Wärme aus­strah­len. Ihr müßt auf die Bühne gehen und ver­ges­sen, was ihr macht, ver­ges­sen, daß ihr Deut­sche seid, den ers­ten Platz ver­ges­sen und ein­fach eine warm­her­zige Show abliefern.«

Wer sagt noch, der Song Con­test sei eine bedeu­tungs­lose Ver­an­stal­tung? Im ver­gan­ge­nen Jahr bot der deut­sche Vor­ent­scheid die Bühne für die öffent­li­che Hin­rich­tung der Medi­en­fi­gur »Zlatko«, in die­sem Jahr war das Finale der Rah­men für die end­gül­tige Demon­tage des Mythos Ralph Sie­gel. Wenn er es an die­sem Sams­tag nicht gemerkt hat, wird er es nie mer­ken. Dies­mal hat ihm die gesamte euro­päi­sche Fern­seh­ge­meinde mit­ge­teilt, daß die Zeit sei­ner bis zur Unkennt­lich­keit auf Sieg getrimm­ten Pro­dukte vor­bei ist. Aus kei­nem Land gab es mehr als vier Punkte, aus den meis­ten Län­dern über­haupt kei­nen Punkt, Corinna May kam in Tal­linn auf den viert­letz­ten Platz. Nach­dem selbst einige sei­ner Mit­ar­bei­ter schon begon­nen hat­ten, sich von ihm abzu­wen­den, ent­zog ihm ges­tern auch noch die »Bild«-Zeitung die Unter­stüt­zung: »Noch eine gute Nach­richt gibt es seit der Grand-Prix-Katastrophe ges­tern Abend«, for­mu­lierte sie mit böser Iro­nie. »Ralph Sie­gel wird nie mehr beim gro­ßen Schlager-Wettstreit für Deutsch­land antreten.«

Die ers­ten Ver­schwö­rungs­theo­rien mach­ten am Sams­tag abend im fas­sungs­lo­sen Fantroß die Runde, der bereits Sieges-T-Shirts gedruckt und getra­gen hatte: Der Sieg der Let­tin, die mit fünf Tän­ze­rin­nen und Tän­zern eine große latein­ame­ri­ka­ni­sche Show auf der Bühne zeigte und dabei mehr­fach ihr Kleid wech­selte, zeige, daß nicht das beste Lied gewinne, son­dern die auf­fäl­ligste Show. Hät­ten sie recht, wären aller­dings nicht die unprä­ten­tios, aber ein­dring­lich vor­ge­tra­ge­nen Bal­la­den von Groß­bri­tan­nien und Frank­reich so weit nach vorne gekom­men. Marija Naum­ova, die im ver­gan­ge­nen Jahr mit moder­nen Ver­sio­nen fran­zö­si­scher Chan­sons auf­fiel und am Ent­ste­hen ihres Lie­des »I Wanna« selbst mit­wirkte, hält dage­gen ihre auf­fäl­lige Show für einen wesent­li­chen Grund für den Sieg. »Die­ser Wett­be­werb heißt zwar Song Con­test, aber wenn er wirk­lich einer wäre, würde er im Radio statt­fin­den. Dies hier ist Fern­se­hen. Es geht nicht darum, was man hat, son­dern wie man es präsentiert.«

Sie hatte eine nette Ricky-Martin-Nummer, trat auf vol­ler Leich­tig­keit und Lebens­freude und bekam aus ganz Europa dafür Punkte, von Spa­nien bis Israel. Und weil Ähn­li­ches schon in den ver­gan­ge­nen Jah­ren pas­siert war, ist das kata­stro­phale Abschnei­den Deutsch­lands für den ARD-Grand-Prix-Chef Jür­gen Meier-Beer ein posi­ti­ves Signal: »Die Esten haben den Song Con­test wie noch nie zuvor als eine moderne Pop­show insze­niert«, sagte er. »Auf die­ser Bühne sah der deut­sche Bei­trag beson­ders alt­ba­cken aus. Die ein­deu­tige Nie­der­lage gibt mir die Mög­lich­keit, jetzt auch in Deutsch­land end­gül­tig vom alten Grand-Prix-Image weg­zu­kom­men.« Deutsch­land habe in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ent­we­der tra­di­tio­nelle, kon­ser­va­tive Schla­ger ins Ren­nen geschickt oder — mit Ste­fan Raab und Guildo Horn — die schräge Par­odie dar­auf. Am meis­ten Erfolg, das zeig­ten die Siege der ver­gan­ge­nen Jahre, ver­spre­che aber moder­ner Pop, der Leich­tig­keit aus­strahle. Er hat sich zum Ziel gesetzt, im kom­men­den Jahr einen Vor­ent­scheid zu orga­ni­sie­ren, der einen Gewin­ner mit solch unver­krampf­ter Leich­tig­keit produziert.

Die Let­ten dür­fen sich unter­des­sen an die ungleich grö­ßere Auf­gabe machen, den Song Con­test aus­zu­rich­ten und sich einen Platz im öffent­li­chen euro­päi­schen Bewußt­sein zu sichern. Der let­ti­sche Minis­ter­prä­si­dent sagte bereits zu, daß seine Regie­rung es hal­ten werde wie die Esten im ver­gan­ge­nen Jahr: Die meh­re­ren Mil­lio­nen Euro Kos­ten, die dem aus­rich­ten­den Sen­der trotz Erlö­sen aus Spon­so­ring und Kar­ten­ver­kauf ent­ste­hen, sol­len aus dem Staats­haus­halt bezahlt wer­den. In Est­land sind diese Aus­ga­ben angeb­lich allein durch zusätz­li­che Steu­er­ein­nah­men und das Geld, das die ange­reis­ten Fans und Dele­gier­ten im Land lie­ßen, wie­der her­ein­ge­kom­men, hinzu kommt ein unschätz­ba­rer Image­ge­winn. Das Land, unter dem sich die meis­ten im Aus­land bis­her ein Brach­land kurz vor Sibi­rien vor­stell­ten, prä­sen­tierte sich Hun­der­ten Mil­lio­nen Zuschau­ern — allein fast zehn Mil­lio­nen in Deutsch­land — als moder­nen, krea­ti­ven und ehr­gei­zi­gen Teil Euro­pas. Erst­mals in der Geschichte des Gesangs­wett­be­werbs gab es ein Thema, »ein moder­nes Mär­chen«, aus dem Design, Büh­nen­bild, alle Ele­mente der Show ent­wi­ckelt wur­den. Und weil man so eine schein­bar harm­lose Gele­gen­heit nicht unge­nutzt las­sen sollte, waren die klei­nen Postkarten-Filme vor den ein­zel­nen Bei­trä­gen voll bedeu­tungs­schwan­ge­rer Anspie­lun­gen. In einem ver­glich sich Est­land mit Dorn­rös­chen, das jahr­hun­der­te­lang erstarrt war — unschwer als Meta­pher auf die rus­si­sche Besat­zung zu ver­ste­hen. Und aus­ge­rech­net vor dem Titel der ver­haß­ten Rus­sen stand ein Film, der mit dem Wort »Frei­heit« endete. Den Fin­nen wie­derum mach­ten die Esten die Erfin­dung der Sauna strei­tig. Daß jedoch aus­ge­rech­net vor dem Auf­tritt der blin­den Corinna May ein holz­ge­schnitz­ter Pinoc­chio zum Behin­der­ten wurde, indem ihm die Nase abfiel, soll unglück­li­cher Zufall gewe­sen sein.

Fast alle Favo­ri­ten fie­len bei der Abstim­mung durch. Anders als Deutsch­land, das als einer der größ­ten Geld­ge­ber der Euro­vi­sion gesetzt ist, müs­sen viele Län­der, die sich noch Stun­den zuvor Hoff­nung auf einen Tri­umph gemacht hat­ten, im nächs­ten Jahr aus­set­zen. Doch so über­ra­schend das Ergeb­nis war, so über­ein­stim­mend war das Votum aus den unter­schied­lichs­ten Län­dern. Auch das macht die Fas­zi­na­tion die­ses Wett­be­werbs aus: Es gibt ganz offen­sicht­lich ein gemein­sa­mes euro­päi­sches Bewußt­sein — nur kennt es niemand.

Die Esten fei­er­ten den Song Con­test mit einer Party auf dem mit­tel­al­ter­li­chen Markt­platz ihrer Haupt­stadt Tal­linn. Unter dem in die­ser Jah­res­zeit nie ganz dun­kel wer­den­den Him­mel und im gel­ben Schein der Later­nen stan­den Esten, Rus­sen und inter­na­tio­nale Fans zu Tau­sen­den in gefähr­li­cher Enge, um bei ihren Bei­trä­gen in Ekstase zu gera­ten. Als sich abzeich­nete, daß Est­land nicht mehr als einen her­vor­ra­gen­den drit­ten Platz errin­gen könnte, ver­la­ger­ten sich die Sym­pa­thien zu den sonst nur bedingt geschätz­ten Nach­barn aus Lett­land, die sich bis zum Schluß ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Malta lie­fer­ten. Daß deren glat­ter ultra­kom­mer­zi­el­ler Pop, der vor allem bei den Län­dern ankam, die nicht die Zuschauer, son­dern Jurys abstim­men lie­ßen, dank des Votums der Nach­barn aus Litauen vom ent­spann­ten Lati­no­sound aus Lett­land über­run­det wurde, rief auf den Stra­ßen Freu­den­feste hervor.

Ralph Sie­gel aber hielt es, wie Corinna May, tap­fer und pflicht­be­wußt eine gute Weile auf der Aftershow-Party aus. Er wünschte sei­nen Nach­fol­gern ein glück­li­che­res Händ­chen und sagte, es gebe Wich­ti­ge­res als den Grand Prix. Er wird nur noch her­aus­fin­den müs­sen, was es ist.

© Frank­fur­ter All­ge­meine Zeitung

Ralph Siegel

He can’t live wit­hout music. Ralph Sie­gel braucht den Sieg beim Grand Prix d’Eurovision in Tallinn

TALLINN, 24. Mai. Nichts braucht er mehr als die­sen Sieg, und nie­mand braucht die­sen Sieg mehr als er. Er muß gewin­nen, er glaubt, er kann gewin­nen, und bei­des zusam­men macht ihn halb wahn­sin­nig. Die Mit­ar­bei­ter sei­ner Plat­ten­firma, die mit­ge­reist sind nach Tal­linn, haben es sich in die­sen letz­ten Tagen zur Haupt­auf­gabe gemacht, Ralph Sie­gel von Corinna May und ihren fünf Beglei­te­rin­nen fern­zu­hal­ten. Damit sich sein Wahn­sinn nicht auf die Sän­ge­rin­nen über­trägt. Damit der Druck, den er mit sei­ner Auf­re­gung her­vor­ruft, nicht noch grö­ßer wird, als er schon ist. Damit sie eine Chance haben, das hier eini­ger­ma­ßen zu überstehen.

Des­halb len­ken sie ihn weg von den sechs Frauen und las­sen ihn lie­ber noch ein­mal über die Details sei­nes pri­va­ten Abend­es­sens gehen, das er am Don­ners­tag abend für sein Team und einige Jour­na­lis­ten und Ehren­gäste gibt, etwa 50 Per­so­nen ins­ge­samt. Das Restau­rant Glo­ria ist das Beste der Stadt, der Papst hat hier geges­sen, aber Sie­gel ist unsi­cher, zwei­felt am Menü, sucht akri­bisch die rich­ti­gen Weine aus und grü­belt immer wie­der über der Tisch­ord­nung. Auch das hier muß per­fekt sein, wie alles, was mit dem Grand Prix zu tun hat. Zum Glück ist seine Freun­din Kriem­hild an sei­ner Seite, die ihn in sei­ner Manie gele­gent­lich bremst und beru­higt. Mit sei­ner außer­or­dent­li­chen Auf­merk­sam­keit, die seine Mit­ar­bei­ter an ihm rüh­men, der posi­ti­ven Kehr­seite des oft schwer erträg­li­chen Per­fek­tio­nis­mus, hat er beim Essen noch gese­hen, daß einige Kol­le­gen etwas unglück­lich fernab saßen, und eigen­hän­dig gehol­fen, Tische und Stühle her­über­zu­tra­gen. Dann, nach dem zwei­ten Gang, steht er auf und hält eine Rede. Und in die­ser Rede, in die­ser knap­pen hal­ben Stunde, steckt das ganze Drama um Ralph Sie­gel und sei­nen Grand Prix. Sein Pathos erfüllt den Raum schon nach dem ers­ten Satz, in dem er sich nur bei dem Pia­nis­ten des Restau­rants bedankt. Er sagt: »Thank you for the music!«

Musik, sagt Ralph Sie­gel, haben die Men­schen schon vor Jahr­tau­sen­den gebraucht, nicht nur Essen und Liebe. Was er selbst braucht, ist viel kon­kre­ter: »Der Grand Prix«, sagt er, »ist mein Lebens­eli­xier.« Dann fällt sein Blick auf den Tex­ter Bernd Mei­nun­ger, für den der Grand Prix kein Lebens­eli­xier ist, son­dern eine Ver­rückt­heit, die er aus Loya­li­tät und Freund­schaft zu Sie­gel mit­macht. Er sagt: »Bernd, wir schaffen’s doch immer wie­der« und erin­nert sich an die vie­len gemein­sa­men Jahre und Abend­es­sen wie diese, und er muß das Mikro­fon für ein paar Sekun­den zur Seite neh­men, weil Trä­nen in ihm auf­stei­gen, seine Kehle zuschnü­ren und seine Augen fül­len. Seine engs­ten Freunde und Mit­ar­bei­ter befin­den sich in die­sem Raum, aber ver­mut­lich nie­mand, der wirk­lich ver­ste­hen kann, was ihn immer wie­der zu die­sem Wett­be­werb treibt. »Ralph, nicht noch ein­mal Grand Prix«, haben sie ihn ange­fleht. Und er hat gesagt: »Laßt es uns noch ein­mal pro­bie­ren, Kinder.«

Für ihn ist der Grand Prix wie die Teil­nahme an den Olym­pi­schen Spie­len, und er meint damit nicht die Flos­kel, daß dabei­sein alles ist. Er meint damit, daß es um natio­nale Ehre geht, wes­halb er auch nicht ver­steht, wie Jour­na­lis­ten und Komi­ker so abfäl­lig über ihn oder Corinna May schrei­ben kön­nen, wo beide doch auch für sie kämpf­ten, für die Deut­schen, für Deutsch­land. Und er meint damit, daß die­ser Wett­be­werb nicht ein­fach ein Witz ist, wo man mal hin­fährt und sieht, wo man lan­det, son­dern wo man alles, alles dafür tut, daß man gewinnt. Den Sän­ge­rin­nen hat er Mitte der Woche erzählt, sie müß­ten nicht unbe­dingt gewin­nen, Platz zwei und drei seien auch in Ord­nung. Aber ers­tens glaubt ihm das hier kaum einer. Und zwei­tens bedeu­tet das ja auch, daß Platz vier schon nicht mehr in Ord­nung ist.

Kein ande­res Land setzt sich in die­sem Jahr einem sol­chen Druck aus. Aber nie­mand anders als Sie­gel hat auch mit einer sol­chen Akri­bie fast ein Jahr lang auf den Sieg hin­ge­ar­bei­tet. Im ver­gan­ge­nen Juli schon setzte er sich mit Mei­nun­ger zusam­men und suchte nach einem pas­sen­den Titel zum Thema Musik, bis sie schließ­lich auf »I can’t live wit­hout music« kamen. Auf den Text kom­po­nierte Sie­gel zehn ver­schie­dene Melo­dien und über­legte drei Monate, bis er wußte: »Die ist es.« Doch auch dann hörte er nicht auf zu bas­teln und zu schrau­ben. Die kom­pli­zierte Struk­tur des Lie­des zeugt davon, daß er letzt­lich so viele Ele­mente aus den ande­ren Fas­sun­gen wie mög­lich in die­ses eine Stück ret­ten wollte. »Ich schreibe Titel gerne mal an einem Wochen­ende, aber hieran habe ich viele Monate gefeilt«, sagt er. Ralph Sie­gel hat sich nicht hin­ge­setzt, einen Bei­trag für die deut­sche Vor­ent­schei­dung oder für Tal­linn zu schrei­ben. Er hat sich hin­ge­setzt, den Sie­ger­ti­tel des dies­jäh­ri­gen Grand Prix zu schreiben.

Und jetzt, bei die­sem halb­öf­fent­li­chen Abend­es­sen, beschwört er alles, was dafür spre­chen könnte, daß die­ses Pro­jekt den ein­zi­gen ange­mes­se­nen Abschluß fin­det. Johnny Logan, der zwei­ma­lige Grand-Prix-Sieger aus Irland, hat ein hand­ge­schrie­be­nes Fax mit »bes­ten Wün­schen« geschickt: »Wenn das kein gutes Zei­chen ist!« Fast über­all in Europa set­zen die Buch­ma­cher Deutsch­land auf Platz eins, was ja bedeute, erklärt Sie­gel, daß Men­schen so sehr an sein Stück glaub­ten, daß sie sogar Geld dafür aus­gä­ben. »Da habe ich doch das Gefühl, daß wir nicht so falsch lie­gen.« In Inter­net­fo­ren fin­det er Zustim­mung, Anru­fer wün­schen ihm Glück. »Das Feed­back ist so schön, daß man’s gar nicht glau­ben kann«, sagt er. Und: »Ganz Deutsch­land drückt dir, Corinna, die Dau­men aus gan­zem Herzen.«

Er sagt, er wolle gewin­nen, um die alte Enter­tai­ner– und Sportler-Regel »They never come back« zu wider­le­gen, aber das ist nur die halbe Wahr­heit. Sie­gel braucht die­sen Sieg, um all die Demü­ti­gun­gen der ver­gan­ge­nen Jahre zu über­win­den. Die Nie­der­la­gen in den Vor­ent­schei­den, das schlechte Abschnei­den vor fünf Jah­ren im Finale, die trau­ri­gen Ver­kaufs­zah­len vie­ler sei­ner Künst­ler, die Behaup­tung, er sei einer von ges­tern. In die­ser Rede in Tal­linn tau­chen sie alle wie­der auf. Er erzählt von der Gruppe Sür­priz, mit der er 1999 den drit­ten Platz belegte — »aber das hat man in Deutsch­land nie so rich­tig bemerkt«. Er erzählt von Ste­fan Raab, »der mit allen Was­sern gewa­schene und mit allen Talen­ten geseg­nete Ste­fan Raab«, der ver­hin­dert habe, daß er und Corinna May im Jahr dar­auf den Vor­ent­scheid gewan­nen. Er erzählt von den Leu­ten in den Medien, »die nicht gecheckt haben, was für eine wun­der­bare Per­sön­lich­keit du bist, Corinna, und was für eine groß­ar­tige Stimme du hast«.

Dann ver­liert er noch ein­mal die Fas­sung, kämpft wie­der gegen die Trä­nen und läßt sich vom Pathos voll­ends über­wäl­ti­gen. Dankt den Background-Sängerinnen, die, das sagt er wirk­lich, »devot und trotz­dem sehr enga­giert ihre Unter­stüt­zung geben«. Dankt dem deut­schen Kom­men­ta­tor Peter Urban, der ja das Glück habe, jedes Jahr die Reise zum Song Con­test antre­ten zu dür­fen — »ich darf sie ja nur manch­mal machen«. Dankt Mark Pit­tel­kau von der »Bild«-Zeitung, daß er täg­lich Geschich­ten schreibt, »die wir mal mit Freude, mal mit Ver­bit­te­rung lesen, aber auch das ist ja eine Leis­tung«. Und er dankt Corinna May — »so wie du singst, kenne ich sel­ten jeman­den, obwohl ich viele Künst­ler gehört habe« — und schwärmt von dem Album, das er gerade mit ihr auf­ge­nom­men habe, in wochen– und mona­te­lan­ger har­ter Arbeit, das so etwas Beson­de­res sei. Spä­ter läuft die Platte im Hin­ter­grund, aber es fällt schwer, mehr darin zu hören als sehr kon­ven­tio­nelle Cover-Versionen sehr nahe­lie­gen­der Ever­greens wie »Come on baby light my fire« oder »Blo­wing in the wind«.

Schließ­lich greift noch der Prä­si­dent des deut­schen Grand-Prix-Fanclubs OGAE nach dem Mikro­fon und hält eine atem­be­rau­bend devote Hymne auf Sie­gel. Er bedankt sich, daß der Meis­ter nur die Ehren­na­del sei­nes Clubs trage (und nicht die des ver­fein­de­ten ande­ren deut­schen Fan­clubs) und fleht Sie­gel an, nicht wie — wie­der ein­mal — ange­kün­digt, zum letz­ten Mal für Deutsch­land beim Grand-Prix teil­ge­nom­men zu haben. Ohne seine Betei­li­gung seit inzwi­schen genau 30 Jah­ren hätte Deutsch­land all die gro­ßen, wun­der­ba­ren, zau­ber­haf­ten Erfolge nicht fei­ern kön­nen, sagt er und setzt den Höhe­punkt die­ses höchst natio­na­len und höchst per­sön­li­chen Abends mit einer Hand­be­we­gung auf die jun­gen Background-Sängerinnen und dem Satz: »Ihr seid eine Zierde für unser Land.«

Ralph Sie­gel aber been­det seine Anspra­che mit den Wor­ten: »Wenn ich bei all den Anstren­gun­gen der letz­ten Monate das Lachen manch­mal ver­lo­ren habe — ich hoffe, daß ich es am Sams­tag wie­der­finde.« Nicht aus­zu­den­ken, wenn es anders käme.

© Frank­fur­ter All­ge­meine Zeitung

Bernd Meinunger

Höchs­tens ein biß­chen Frie­den. Warum Bernd Mei­nun­ger, der Song­schrei­ber von Corinna May, den Grand-Prix per­vers fin­det und eigent­lich nicht gewin­nen möchte.

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TALLINN, 23. Mai. Es ist nicht so, daß alle hier ver­rückt wären nach die­ser Ver­an­stal­tung. Bernd Mei­nun­ger hat sich auf die Suche nach einem Golf­platz in der Nähe gemacht und einen gefun­den, keine drei­ßig Kilo­me­ter von Tal­linn ent­fernt, den ein­zi­gen in Est­land. Dort hat er mit sei­ner Frau Golf gespielt, wie er das jedes Jahr tut, wenn ein Lied sei­nes Freun­des und Kol­le­gen Ralph Sie­gel Deutsch­land beim Song Con­test ver­tritt und er wie­der den Text geschrie­ben hat. Beim Emp­fang des Bür­ger­meis­ters ist Mei­nun­ger schnell ver­schwun­den, da waren ihm zu viele Leute; das Gedränge in der Resi­denz des deut­schen Bot­schaf­ters am Tag dar­auf hielt er kaum eine Minute aus. Und wäh­rend Sie­gel durch die Hal­len tigert, auf­ge­kratz­ter noch als frü­her, und in jedes Mikro­fon dik­tiert, mit dem Her­zen glaube er zu gewin­nen, nur sein Ver­stand mahne ihn, sich nicht sicher zu sein, ist Mei­nun­ger eher genervt, sich über­haupt eine Stunde mit einem Jour­na­lis­ten hin­set­zen zu sol­len. »Der Grand-Prix ist per­vers«, sagt er und krault sich den grauen Bart, »ich ver­stehe nicht, warum sich der Ralph da so rein­stei­gert und wo er die­sen unglaub­li­chen Enthu­si­as­mus her­nimmt. Sicher würde ich mich freuen, wenn wir gewin­nen. Aber soviel Ener­gie da rein­ste­cken? Dafür ist mir das nicht wich­tig genug.«

Dann sagt er noch, daß es irgend­wie auch schade wäre, wenn Deutsch­land gewänne, schade für Nicole, die dann nicht mehr unsere Ein­zige wäre, wenn aus­ge­rech­net Sie­gel zwan­zig Jahre spä­ter den Erfolg wie­der­hole. Das ist ein Satz, der an Blas­phe­mie grenzt, aber Mei­nun­ger darf so was sagen. Er und Sie­gel arbei­ten seit einem Vier­tel­jahr­hun­dert zusam­men, und ihre Bezie­hung lebt von dem Kon­trast zweier Men­schen, die unter­schied­li­cher nicht sein könn­ten: Sie­gel, der Getrie­bene, der die totale Öffent­lich­keit genießt und alles zu einem Kampf um Ehre, natio­nale und per­sön­li­che, ver­klärt. Mei­nun­ger, der Abge­klärte, der am liebs­ten im Hin­ter­grund bleibt und schreibt, was andere bei ihm bestellen.

Seit 1978 sind die Texte des gelern­ten Agrar­wis­sen­schaft­lers die All­tags­ly­rik und das Grund­rau­schen der Deut­schen. Als er das letzte Mal nach­zählte in sei­nem Com­pu­ter, kam er auf 3800 Titel, die Plat­ten hat er archi­viert, »aber ich höre sie mir eigent­lich nie an«. Die gro­ßen Sie­gel­schen Grand-Prix-Nummern wie »Ein biß­chen Frie­den«, »Dschin­gis Khan«, »Thea­ter« stam­men von ihm, die spä­ten Plat­ten von Rex Gildo und die frü­hen von Peter Maf­fay, er tex­tet heute für Nicole und für Gaby Alten­burg, leis­tet sich begeis­tert Aus­flüge in deut­schen Rap und erfüllt pflicht­ge­mäß Anfra­gen aus der volks­tüm­li­chen Musik. Er sagt, daß er kaum einen sei­ner Texte aus­wen­dig könne und viele nicht ein­mal wie­der­er­ken­nen würde.

Mei­nun­gers Texte sind schlicht und han­deln von der Liebe. Und wenn man ihn fragt, ob das nicht ein biß­chen wenig ist, schaut er treu­her­zig und fragt, ob es über­haupt ein ande­res wich­ti­ges Thema gebe, aber er sieht dabei aus, als wüßte er, daß das weder die Frage noch die Ant­wort ist. Mor­gens um neun setzt er sich in sei­nem Büro in Mün­chen an den Com­pu­ter, meis­tens bekommt er per E-Mail die Melo­die, einen hal­ben Tag spä­ter ist die neue Herzschmerz-Kombination fer­tig. Er sieht sich als Hand­wer­ker und lehnt auch den Aus­druck »Fließband-Arbeit« nicht ab, aber er legt Wert dar­auf, das Opti­male für den Zweck abzu­lie­fern, nicht die­sen »pein­li­chen Schrott«, der seit zehn Jah­ren die deut­sche Schla­ger­land­schaft ver­hunze. Es sind Auf­trags­pro­duk­tio­nen, bei denen sich Mei­nun­ger sel­ber aus­den­ken muß, wor­über der Sän­ger wohl gerne sin­gen würde, weil der oft nicht ein­mal das selbst for­mu­lie­ren kann. »Ich arbeite extrem künst­ler­ori­en­tiert; ich schreibe nicht, was ich denke und fühle«, beteu­ert er. Und er fragt sich, warum nicht viel mehr Men­schen den Beruf aus­üben, gerade 300 sind es in Deutsch­land bei fünf­mal so vie­len Kom­po­nis­ten, wo er doch der ein­fachste der Welt sei.

»Schla­ger haben nur eine Bot­schaft: Fühlt euch wohl!«, sagt er. All­er­gisch sei er gegen den Wunsch, daß Lie­der »The­men anpa­cken« sol­len. Doch zu sei­nem Leid­we­sen seh­nen sich offen­bar auch die Künst­ler nach Bedeu­tungs­schwere. »Nach Jah­ren, in denen sie erfolg­reich über Liebe und sonst nichts gesun­gen haben, kom­men sie plötz­lich an und wol­len was über See­hunde. Aber da sage ich: Nicht mit mir!« Ein Umwelt-Lied namens »Ver­lo­re­nes Para­dies«, das er für Vicky Lean­d­ros geschrie­ben hat, hört er heute nur noch »mit Schau­dern«. Aber beim Grand gel­ten ja eben andere Regeln. »Ein Grand-Prix-Lied braucht natür­lich eine Bot­schaft«, sagt Mei­nun­ger, weil Sie­gel das sage. »Da bin ich von Ralph inzwi­schen gedrillt, da muß alles kal­ku­liert sein: Das Stück muß in Deutsch­land ankom­men, um die Vor­ent­schei­dung zu über­ste­hen, es muß über­all in Europa gefal­len, sogar in Öster­reich, es muß per­fekt zum Künst­ler pas­sen, und frü­her, als es noch Jurys gab, mußte immer noch ein biß­chen Kunst drin sein. Absurd, oder?« Der Sie­ger­ti­tel 1982 ent­stand, weil Sie­gel in dem Jahr unbe­dingt ein Frie­dens­lied machen wollte, Mei­nun­ger aber auf gar kei­nen Fall ein Frie­dens­lied schrei­ben wollte, und er irgend­wann sagte: »Höchs­tens ein biß­chen Frie­den«. Damit war der Titel, die soge­nannte »Zeile«, gefun­den. Und Mei­nun­ger schwört, daß die Geschichte nicht nur schön, son­dern auch wahr sei.

Die »Zeile« sei das aller­wich­tigste, wich­ti­ger oft noch als die Musik. Zu Mei­nun­gers unan­ge­nehms­ten Auf­ga­ben gehört, wenn Sie­gel anruft und sagt, er brau­che jetzt schnell eine Hand­voll Zei­len für Nicole, oder, schlim­mer, ein Pro­du­zent mal eben fünf­zig Zei­len für die Kas­tel­ru­ther Spat­zen bestellt. Die meis­ten davon lan­den im Papier­korb, zu den weni­gen ande­ren darf Mei­nun­ger spä­ter den rest­li­chen Text dazu­er­fin­den. Des­sen Stel­len­wert sei aber nicht mehr hoch. Bei »I can’t live wit­hout music« für Corinna May komme es eigent­lich nur auf die Per­son der Sän­ge­rin, die Musik und die Titel­zeile an. Der Rest ist kaum mehr als Füllmaterial.

»Zudring­li­che Welt­be­schwö­rungs­phan­ta­sien« fin­det der Grand-Prix-Experte Jan Fed­der­sen Jahr für Jahr in Mei­nun­gers Tex­ten. Dahin­ter steckt ein Hand­werk, das aus wenig mehr zu beste­hen scheint, als die Begriffe »Traum« und »Frei­heit« immer neu zu kom­bi­nie­ren. 1987: »Gib dem Traum ein biß­chen Frei­heit«. 1999: »Wir haben einen Traum, der nie die Kraft ver­liert. Leben ist eine Reise, die nach mor­gen führt« (wohin sonst?). 1992, unge­wöhn­lich kon­kret und dadurch beson­ders per­fide: »Siehst du dort das junge Mäd­chen, auf dem Bahn­steig stehn/Sie glaubt einer von den Zügen/wird in die Frei­heit gehn/Und der Mann, der sei­nen Job verlor/träumt, daß er’s allen zeigt/Wie Phö­nix aus der Asche steigt.« Das Werk trug den Titel »Träume sind für alle da«, der Mei­nun­gers gan­zes Ruhigstellungs-Pathos und lee­res Glücks­ver­spre­chen wie kein ande­rer auf den Punkt bringt.

Nicht, daß er ein Reak­tio­nä­rer wäre. Er enga­gierte sich poli­tisch auf der Uni, war im lin­ken SDS, fand nichts ent­setz­li­cher als Chris-Roberts-Schlager. Sie­gel lernte er ken­nen, weil er ein Stück für sich selbst geschrie­ben hatte: »Song of eman­ci­pa­tion«. Am Ende san­gen ihn andere und brach­ten ihm 25 Pfen­nig Tan­tie­men ein, und Mei­nun­ger ver­ab­schie­dete sich von den Idea­len und begann mit dem Geld­ver­die­nen. »Was für Ideale soll man beim Schla­ger­tex­ten haben? Das inter­es­siert kein Schwein.« Und Michael Kunze, auch ein erfolg­rei­cher Tex­ter, der Schla­ger wie das »Ehren­werte Haus« für Udo Jür­gens und »Auf­recht gehn« für Mary Roos geschrie­ben hat, die genau das Maß an Sozi­al­kri­tik und Lebens­wahr­heit ent­hal­ten, die so ein klei­nes Lied ent­hal­ten kann — hat der es nicht geschafft, sich ein paar Ideale zu bewah­ren? Das sei die Aus­nahme, sagt Mei­nun­ger. »Neun­zig Pro­zent von dem, was Kunze schreibt, ist auch ganz bra­ver Schlager.«

»Bra­ver Schla­ger« ist einer der freund­li­che­ren Aus­drü­cke für die Musik, die er haupt­säch­lich pro­du­zie­ren hilft. Das Adjek­tiv »beschis­sen« benutzt er für einen Acht­und­fünf­zig­jäh­ri­gen mit der Aus­strah­lung eines ruhi­gen baye­ri­schen Brumm­bä­rens erstaun­lich oft, auch für den Disco-Trash der Gruppe »E-Rotic«, der er mit viel Spaß Texte wie »Max don’t have sex with your ex« bescherte. Peter Maf­fay warf ihm ein­mal vor, daß er neben sei­ner Arbeit für ihn für so viele andere ent­setz­li­che Leute arbeite. Mei­nun­ger erwi­derte, er sei Archi­tekt: »Ich kann nicht jeden Tag Vil­len zau­bern, ich muß auch viele Gara­gen bauen.« Viel­leicht fünf Pro­zent des­sen, was er so getex­tet habe, sei »ganz schön«, zu dem Rest sagt er: »Es wäre genauso gut gewe­sen, wenn ich es nicht gemacht hätte« — auch in finan­zi­el­ler Hin­sicht, weil sich das meiste dann doch nicht ver­kauft. Ande­rer­seits kann er sich nicht vor­stel­len, daß ihm je die Lust ver­geht, auch noch den fünf­tau­sends­ten Schlager-Text aufzuschreiben.

Er hat Chris Roberts dann irgend­wann ken­nen­ge­lernt und gemerkt, daß das ein ganz bele­se­ner, klu­ger Mann ist. Und er hat sich in einem ähn­li­chen Maß von der Bran­che kor­rum­pie­ren las­sen, wie er es bei ihm und ande­ren fest­stellte. Nur die Lei­den­schaft, die läßt er sich nicht abspre­chen. »Ich habe nicht weni­ger Lei­den­schaft als Ralph Sie­gel, aber ich bin rea­lis­ti­scher. Ich lebe nicht mehr in der Zeit vor zwan­zig Jah­ren, als der Grand Prix wich­tig war und Plat­ten ver­kaufte und Kar­rie­ren begann.« Aber ins Schwär­men kommt er nur bei den alten Geschich­ten, wenn er über die anstren­gende Zusam­men­ar­beit mit Maf­fay redet und dar­über, wie­viel Spaß es machte, für Dschin­gis Khan zu schrei­ben, die nie eine Bot­schaft hat­ten. Und dann schwärmt er noch für Rein­hard May, der All­tags­ge­schich­ten so gran­dios erzähle, wie er es nicht könne. Und wie er schon in des­sen aller­erste Platte »rein­ge­kro­chen« ist.

In wel­ches Lied von Bernd Mei­nun­ger möchte man reinkriechen?

© Frank­fur­ter All­ge­meine Zeitung

Ein bißchen Soufflé

Viel heiße Luft beim deut­schen Grand-Prix-Vorentscheid.

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Der Grand Prix ist wie ein über­fah­re­nes Tier auf der Land­straße. Man mag es nicht sehen und kann doch nicht auf­hö­ren hin­zu­gu­cken. Und so sehen wir eine junge, blinde Frau, die es im drit­ten Ver­such end­lich geschafft hat, für Deutsch­land beim Song Con­test sin­gen zu dür­fen, wes­halb sie für die drei­ßig, vier­zig Foto­gra­fen und Kame­ra­män­ner, die sich vor ihr auf­ge­baut haben, immer und immer wie­der die Arme zu einer Sie­ger­pose hoch­rei­ßen muß. Auf Zuruf der Foto­gra­fen reißt sie die Fäuste mit abge­win­kel­tem Ellen­bo­gen hoch, und alle knip­sen, und nie­mand sagt ihr, wie trau­rig das aussieht.

Und wir sehen neben ihr auf dem Podium Ralph Sie­gel, den sie »Mis­ter Grand Prix« nen­nen, weil bei ihm Lebens­werk und Schla­ger­wett­streit eine fast tra­gi­sche Ver­bin­dung ein­ge­gan­gen sind. Und neben ihm Bernd Mei­nun­ger, über den man ähn­li­ches nur des­halb nicht sagt, weil der Tex­ter meist im Hin­ter­grund steht, der aber Sie­gel fast immer die Texte zu sei­nen Melo­dien schreibt. Mei­nun­ger sagt, die Inspi­ra­tion zu den Zei­len, die er für Corinna May geschrie­ben habe — »Ich kann nicht ohne Musik leben, nur du läßt mich wei­ter­ma­chen« -, die Inspi­ra­tion dazu stamme von der Künst­le­rin, für die Musik wirk­lich alles sei, ein­fach alles, und er sagt es, als habe er die Musik­welt damit revo­lu­tio­niert, als hät­ten nicht Tau­sende Künst­ler die glei­chen Zei­len, die glei­che Wahr­heit mil­lio­nen­fach for­mu­liert. Und Sie­gel sagt, seine Kom­po­si­tion sei »ein­fach ein so gelun­ge­nes Lied, auch von der Musik her« und fügt tat­säch­lich hinzu, daß diese Musik, eine Mischung aus Boney M. und den immer glei­chen Siegel’schen Ver­satz­stü­cken, höchst modern sei, ja, Musik, wie Kylie Mino­gue sie gerade mache. So sit­zen die bei­den da und loben die »Super-Konkurrenz« und erzäh­len, in wie­viele Spra­chen das Lied über­setzt werde, falls man im Mai in Est­land gewinne, und plötz­lich ist es 1982 und man wird den Gedan­ken nicht mehr los, wie Sie­gel jetzt nach Hause fährt, eine Gitarre weiß lackie­ren läßt und ein schwar­zes Glit­zer­kleid kauft, denn Corinna May wird in Est­land mit der Start­num­mer 18 auf­tre­ten, genau wie Nicole damals in Har­ro­gate, wo sie gewann: »ein gutes Omen«.

Es ist diese Mischung aus unend­li­cher Bana­li­tät und unend­li­cher Wich­tig­keit, die dazu führt, daß man den Grand Prix nicht anse­hen kann und es trotz­dem immer wie­der tut. Dabei ist der Grand Prix auch eine Ver­an­stal­tung, in der Spaß und Geschäft und, ja, so etwas wie Talent­för­de­rung sich wun­der­bar ver­bin­den. Um das zu erle­ben, hilft es hin­zu­fah­ren, in die­sem Jahr also in die Ost­see­halle nach Kiel.

Aus­ver­kauft ist sie nicht, kein Wun­der — bis zu 50 Euro pro Karte, aber knapp 6000 Zuschauer sol­len gekom­men sein. Anders als in den Jah­ren, als Guildo Horn antrat oder Ste­fan Raab, ist es schwer, die Besu­cher nach Kli­schees zu sor­tie­ren und den Teil­neh­mern zuzu­ord­nen. Erstaun­lich viele Frauen mitt­le­ren Alters sind gekom­men, unauf­fäl­lig, ein biß­chen her­aus­ge­putzt. Es ist nicht das Musikantenstadl-Publikum, auch kein rei­ner Tun­ten­treff, es sind viele junge Leute dar­un­ter, die nicht wei­ter auf­fal­len. Man fragt sich, ob viele davon viel­leicht nur wegen der Abwechs­lung hier sind, weil das Fern­se­hen eher sel­ten nach Kiel kommt, doch dann tre­ten, nach­dem eine Auf­wär­me­rin des Schla­ger­ra­dios »NDR Welle Nord« alles ver­sucht hat, das Publi­kum ein­zu­schlä­fern, die Wea­t­her Girls auf die Bühne, und der Laden explo­diert. Inner­halb einer Sekunde ist das Publi­kum mit­ge­ris­sen, applau­diert, tram­pelt, schwenkt Fähn­chen und freut sich, dabei­sein zu dür­fen. Sie schei­nen wirk­lich Spaß zu haben, nicht in sei­ner iro­ni­schen Bre­chung als »Kult«, ein­fach: Spaß. Wie die Wea­t­her Girls, die offen­sicht­lich glück­lich sind, den Laden (und mut­maß­lich Mil­lio­nen zu Hause) in Schwung zu brin­gen; wie vier Punks aus Cott­bus namens SPN-X, die eine halbe Stunde vor der Sen­dung noch an der Bar im Pres­se­zelt leh­nen und Bier trin­ken, und dann auf die Bühne gehen, ihre Show machen, sich freuen, daß sie damit nicht nur ihren klei­nen ange­reis­ten Fan­trupp, son­dern die halbe Halle mit­rei­ßen, und hin­ter­her fin­den, daß die ganze Ver­an­stal­tung zwar »irgend­wie pein­lich« gewe­sen sei, aber auch gut, weil die Kol­le­gen nett waren und sie gar nicht so als Exo­ten behan­delt haben. Diese Jungs sind beim Grand Prix, weil sie für ihre Musik leben und nicht für den Grand Prix.

Es geht trotz­dem um viel. Nach Jah­ren völ­li­ger Belang­lo­sig­keit ist die Ver­an­stal­tung zumin­dest für die Plat­ten­in­dus­trie höchst rele­vant. Außer bei »Wet­ten, daß…« gibt es keine Mög­lich­keit, einen Künst­ler mit einem Schlag so vie­len Mil­lio­nen Men­schen zu prä­sen­tie­ren, und bei »Wet­ten, daß…« hat Nach­wuchs eher keine Chance. Die Pro­fes­sio­na­li­sie­rung der Sen­dung und Titel­aus­wahl führt lei­der auch dazu, daß sich spä­tes­tens nach der drit­ten wohl­ge­plan­ten Mainstream-Ballade Lan­ge­weile im Saal breit macht. Aber zum ers­ten Mal seit Jah­ren ist mehr als die Hälfte der Vor­ent­schei­dungs­teil­neh­mer tat­säch­lich eini­ger­ma­ßen talen­tiert, stimm­ge­wal­tig und sogar in der Lage, live zu sin­gen. Das ist doch was.

Bei sol­cher Bedeu­tung über­läßt man lie­ber wenig dem Zufall, und so beste­hen die Fan­clubs, die man im Fern­se­hen jubeln sieht, über­wie­gend aus Mit­ar­bei­tern der Plat­ten­firma oder Freun­den und Ver­wand­ten der Künst­ler. Der wahre Fan gibt sich mit so etwas nicht ab, und so sitzt auf der Tri­büne eine sehr blonde junge Frau, die sich alle Mühe gibt, trotz kur­zer Arme ihr selbst­ge­stal­te­tes gro­ßes Pla­kat ins Bild zu brin­gen, des­sen Text sie eher als Ama­teur im Pla­kat­ge­stal­ten aus­weist: »Go Linda Go« hat sie dar­auf geschrie­ben, und dar­un­ter: »3 P steht für Musik mit Qua­li­tät, darum sind wir für die neue Soul-Königin«. Zwi­schen ein paar fröh­lich pöbeln­den Hools, die ein Ord­ner mit gro­ßer, aber letzt­lich nicht aus­rei­chen­der Aus­dauer immer wie­der ermahnt, nicht auf die Stühle zu stei­gen, sitzt eine Rot­haa­rige, um deren Ober­kör­per nur eine Art gold­far­bene Ser­vi­ette schlab­bert, die gele­gent­lich ihren hand­ge­mal­ten Satz »SPN-X ich will ein Kindl von Euch« hoch­hält, ein Kum­pel in der Reihe vor ihr hat sich für die schlichte Aus­sage ent­schie­den: »Bern­hard Brinkts nicht«. (Dabei wer­den die Jungs von der Band spä­ter sagen, daß Bern­hard Brink, der in der Halle gna­den­los aus­ge­buht wurde, ein duf­ter Typ sei und sie die ein­zi­gen waren, die mor­gens beim Früh­stücks­tisch über seine Witze lachen konn­ten.) Außer bei der Kelly Family und der von »Bild« und Die­ter Boh­len ins Ren­nen geschick­ten jun­gen Isa­bel schien sich das Publi­kum mit allem anfreun­den zu kön­nen, was ihnen gebo­ten wurde: Die Anhän­ger des Mäd­chen­duos Unity 2 zogen sich, nach­dem ihre Favo­ri­tin­nen fer­tig waren, die Einheits-Fan-T-Shirts aus, hiel­ten sie an den Ärmeln hoch und schwenk­ten sie im Takt. Und ein ein­sa­mes Mäd­chen im Par­kett fand, daß es völ­lig reichte, ihre Werbe-Baseballkappe mit »Quam«-Aufdruck ein paar Zen­ti­me­ter über dem Kopf zu schwen­ken. Und zu Hause saßen — trotz Olym­pia und Gün­ther Jauch — nicht weni­ger als acht­ein­halb Mil­lio­nen Zuschauer vor ihren Fern­se­hern und sahen sich an, wie Corinna May vor Joy Fle­ming, der Christen-Boygroup Nor­mal Gene­ra­tion und den Kel­lys gewann.

Es war ein merk­wür­di­ger Kon­trast zwi­schen der genüg­sa­men Menge im Publi­kum und dem unglaub­li­chen Auf­wand die­ser Live-Sendung. Zwi­schen den unauf­fäl­li­gen Plät­scher­stü­cken und den Skandal-Geschichten, die die »Bild«-Zeitung täg­lich erfand. Noch nie, auch nicht zu Guildo-Horn-Zeiten, war das Medi­en­in­ter­esse an einem Grand-Prix-Vorentscheid so groß wie die­ses Mal, 550 Jour­na­lis­ten waren akkre­di­tiert. Und noch nie war die Dis­kre­panz so groß zwi­schen die­sem offen­sicht­li­chen Inter­esse und dem, was sie an Sub­stanz vor­fan­den, wobei Grand-Prix-Organisator Jür­gen Meier-Beer gerne dar­auf hin­weist, daß auch das beste Souf­flé zur Hälfte aus Luft besteht. Aber viel­leicht spie­gelt sich in die­sem schein­ba­ren Wider­spruch ja nur eine Grand-Prix-Normalität, die in den Jah­ren der Ver­wahr­lo­sung, aber auch den fol­gen­den Jah­ren des Irr­wit­zes abhan­den gekom­men war: eine Mischung aus höchs­ter Auf­re­gung um eine schlichte Ver­an­stal­tung, die inzwi­schen höchst pro­fes­sio­nell auf musi­ka­lisch nicht ganz so hohem Niveau orga­ni­siert wird. So gese­hen scheint der Grand Prix end­lich zu Hause ange­kom­men: in den frü­hen acht­zi­ger Jah­ren, bei Nicoles biß­chen Frie­den und mit Corinna Mays biß­chen Musik.

© Frank­fur­ter All­ge­meine Sonntagszeitung

König der Zwerge

Die Sonne geht unter, der Schlager-Grand-Prix kommt.

Ich steh hier für euch / Das Mikro in der Hand / Ich steh hier mei­nen Mann / Tu alles was ich kann. / Ich steh hier für euch / Ich sag’s total direkt / Ich bin zwar nicht per­fekt / Doch ich geh hier nicht weg. / Denn wir ham keine Angst …

Falsch! Wir ham Angst! Das Schlimmste ist nicht, dass Zlatko mit die­sem Lied bei der Vor­ent­schei­dung zum Schlager-Grand-Prix antritt. Das Schlimmste ist, dass ihm trotz­dem der Titel des pein­lichs­ten Bei­tra­ges nicht gewiss ist. Dass es soweit gekom­men ist, dass man der Bild-Zeitung recht geben muss in ihrem furcht­ba­ren Lamento, wie weit es gekom­men ist. Und dass man am Ende erleich­tert sein wird, falls Michelle gewinnt, die ein kon­ven­tio­nel­les Schla­ger­lied im Stil der 80er über die Liebe singt, aber wenigs­tens eins, bei dem man von »Lied« und »Stil« und »sin­gen« spre­chen kann.

Drei Arten von Bei­trä­gen tre­ten am 2. März an: die Unauf­fäl­li­gen, die Gut­ge­mein­ten und die Durch­ge­knall­ten. Michelle gehört zur ers­ten Gruppe, wie ein Trio um Joy Fle­ming. Nett, belang­los, Grand-Prix-Material halt, das noch in zehn Jah­ren auf kul­ti­gen Par­ties beju­belt wird und sonst nir­gends. Mit gutem Wil­len kann man auch zwei Bei­träge Ralph Sie­gels dazu zäh­len, der seine alten Ideen mit neuen Sän­gern recy­celt, aber vor­sich­tig sein sollte mit der For­de­rung, man­che Bei­träge zu ver­bie­ten, weil er sonst selbst halb im Knast stünde.

Dann sind da die, die sich erschre­cken­der­weise für die Ret­ter des Grand Prix hal­ten: Wolf Maahn, der die Idee zu sei­nem Lied in Sara­jewo hatte und am Anfang ruft: »Wel­come, yeah, this is Radio Open Mind, broad­cas­ting to all human­kind. « Oder anstän­dige Jungs namens Tag­träu­mer, die man für Pur hal­ten könnte, wäre ihr Lied nicht weit­ge­hend eine Kopie des Hits Never had a dream come true von S Club 7. Womit wir bei Zlakto und den Durch­ge­knall­ten wären. Natür­lich haben auch Leute, die kei­nen Ton tref­fen, das Recht zu sin­gen. Aber doch nicht die Pflicht! An einem selbst für Billig-Techno-Verhältnisse ent­setz­lich ent­setz­li­chen Stück haben fünf Leute mit­ge­schrie­ben! Und Donna Mos­ham­mer groovt: »Hier spricht der König der Welt. «

Was soll das? Fra­gen wir die Gruppe Illegal2001: »Ist Die­ter Boh­len musi­ka­lisch oder fehlt im das Talent? Hat unser Schumi nen klei­nen Penis, weil er so große Autos fährt? Kann man dem lie­ben Gott ver­trauen, wenn’s ihn wirk­lich gibt? Ich weiß es nicht, und trotz­dem bin ich am Leben. Doch steht die Sonne tief am Him­mel, wer­fen Zwerge lange Schat­ten, und dann weiß ich, dass ich nicht klein und unbe­deu­tend bin. «

Eine geplante Striptease-Nummer der Mäd­chen­combo Love Rocket hat der NDR gerade noch ver­hin­dert. Trotz­dem steht die Sonne ver­dammt tief vor der ARD.

© Süd­deut­sche Zeitung