Was würde Umberto Eco über Kerner sagen?

Ich wollte mich ja erst reflex­ar­tig echauf­fie­ren über die sagen­haft irre­füh­rende Über­schrift, die der Online-Auftritt der »Rhei­ni­schen Post« sei­ner Pre­mie­ren­kri­tik von »Ker­ner« auf Sat.1 gege­ben hat:

Dann habe ich aber ver­se­hent­lich den Arti­kel selbst gele­sen, und konnte es nicht glau­ben, wie tref­fend und ver­nich­tend der Autor Ulli Tück­man­tel das Wesen des Fern­seh­mo­de­ra­tors Johan­nes B. Ker­ners dekon­stru­iert hat — nicht allein aller­dings, son­dern mit Hilfe eines fast 50 Jahre alten Auf­sat­zes von Umberto Eco über den ita­lie­ni­schen Quiz­mas­ter Mike Bongiorno.

Tück­man­tel schreibt:

(…) wie kann man nicht an Ker­ner den­ken, wenn man so wun­der­volle Sätze liest, wie: »Er ach­tet sorg­fäl­tig dar­auf, den Zuschauer nicht zu beein­dru­cken, indem er sich nicht nur unwis­send zeigt, son­dern auch ent­schlos­sen, nichts dazuzulernen.«

(…) Ker­ner hat keine Ahnung von den Dimen­sio­nen der Komik, die er erschließt, wenn er einen 29-Jährigen Geis­ter­se­her ohne jeden Anflug von Iro­nie fragt, ob Tote im Stu­dio anwe­send sind, und dann in sei­ner buch­hal­te­ri­schen Manier nach­hakt, wie viele Tote es wohl gemes­sen an der Publi­kums­zahl sein könnten.

Und sel­ten habe ich einen Satz gele­sen, der mein manch­mal dif­fu­ses Unbe­ha­gen gegen­über Ker­ner so auf den Punkt bringt wie dieser:

Wie Bon­giorno akzep­tiert er vom Main­stream abwei­chende Mei­nun­gen sei­ner Gäste nicht aus libe­ra­ler Über­zeu­gung, son­dern aus Desinteresse.

(Schön ist aber auch, dass ich nicht der ein­zige bin, der einen sol­chen Arti­kel nicht in die­sem Medium erwar­tet hat. Ein Leser kom­men­tiert: »Sie müs­sen neu im Team der RPO sein. Bitte machen Sie nach Ihrem Prak­ti­kum doch bitte dort wei­ter so!« Nun: Tück­man­tel lei­tet bereits das »Report«-Ressort der Gesamt­aus­gabe der »Rhei­ni­schen Post« und schreibt in die­ser Funk­tion auch Kom­men­tare, die mir gar nicht beha­gen.)

(Meine eigene Kri­tik steht in der »taz«.)

»Bald schon gibt es Kaffee«

Mei­len­steine des Jour­na­lis­mus (1):

Annette Bosetti trifft Iris Ber­ben, »Rhei­ni­sche Post«, 4. Januar 2009.

(…) Ihre Fri­sur ist für den Fest­akt schon hoch­ge­steckt. Ele­gant auch das Make up. Ihre Nägel trägt sie kurz geschnit­ten und unla­ckiert. Hüb­sche Ohr­ringe, das mar­kante Grüb­chen und echte Zähne fal­len auf – keine Kro­nen, wie sonst in der Film­bran­che üblich. Iris Ber­ben wirkt natür­lich. Noch trägt die 1,68 Meter große, mit ihren 57 Kilo recht zier­li­che Frau schwarz­blaue Jeans mit Schlag und einen gemüt­li­chen Pull­over in Schwarz. Am Abend wird sie in Gala-Garderobe auf­tre­ten. Profi, der sie ist, lässt sie sich auf jede Situa­tion hun­dert­pro­zen­tig ein, jetzt eben auf ein Interview.

Bald schon gibt es Kaf­fee, eine Ziga­rette („Ja, ich bin ein Sucht­mensch“) und ein Gespräch von Frau zu Frau – ein Gespräch, das tief grün­delt, spon­tan ist und lus­tige Wen­dun­gen nimmt, am Ende sehr ernst das Thema Leben behandelt. (…)

Was ddp Raimund Harmstorf nicht erspart

Erst hatte ich ange­nom­men, das hier sei ein Fall für meine Rubrik »Doof wie RP-Online«. Aber der Internet-Auftritt der »Rhei­ni­schen Post« hat den Text nur, wie es seine Art ist, zum Eigen­be­richt umde­kla­riert, um die Quelle zu ver­schlei­ern. In Wahr­heit stammt der Arti­kel von der Nach­rich­ten­agen­tur ddp. Sie war es, die die Idee hatte, eine län­gere Mel­dung über die Neu­auf­lage des »See­wolfs« mit fol­gen­dem ori­gi­nel­len Absatz zu beenden:

Es ist davon aus­zu­ge­hen, dass dem bereits inter­na­tio­nal eta­blier­ten Kret­sch­mann (»Der Pia­nist«) ein ähn­li­ches Schick­sal wie Harm­storf erspart bleibt. Die­ser war nach sei­nem Durch­bruch zeit­le­bens in Fern­seh­shows mit der Frage kon­fron­tiert wor­den, ob er tat­säch­lich eine rohe Kar­tof­fel auf diese Weise pürie­ren könne. Die Rol­len wur­den klei­ner, das pri­vate Pech grö­ßer: Bei meh­re­ren Ver­kehrs­un­fäl­len ver­letzte sich der 1,89 Meter große Ex-Zehnkämpfer schwer, sogar von Par­kin­son war die Rede. Im Mai 1998 erhängt sich Harm­storf im Alter von 57 Jah­ren auf dem Dach­bo­den eines Bau­ern­ho­fes im Allgäu.

Das ist die Über­lei­tung aus der Hölle: Es ist davon aus­zu­ge­hen, dass Tho­mas Kret­sch­mann ein ähn­li­ches Schick­sal wie Rai­mund Harm­storf erspart bleibt.

Es ist davon aus­zu­ge­hen, dass Tho­mas Kret­sch­mann ein ähn­li­ches Schick­sal wie Rai­mund Harm­storf erspart bleibt?

Man kann nicht oft genug daran erin­nern, wel­ches Schick­sal Rai­mund Harm­storf nicht erspart blieb. Harm­storfs Lebens­ge­fähr­tin Gudrun Staeb hat es 2002 für das »SZ-Magazin« auf­ge­schrie­ben, Oli­ver Gehrs vor zehn Jah­ren für die »Ber­li­ner Zei­tung«:

Am Sonn­abend, den 2. Mai, stan­den zwei Illustrierten-Reporter mit einer »Bild«-Zeitung vor der Haus­tür von Rai­mund Harm­storfs Bau­ern­haus im All­gäu. »See­wolf Rai­mund Harm­storf in der Psych­ia­trie« stand in gro­ßen Let­tern auf der Titel­seite und wei­ter: »Mit auf­ge­schnit­te­nem Hand­ge­lenk von der Poli­zei auf­ge­grif­fen«. In der dazu­ge­hö­ri­gen Geschichte schmolz sein Leben auf eine Ansamm­lung von Schick­sals­schlä­gen und Unfäl­len zusam­men: Harm­storf mit Gips­bein im Kran­ken­haus, Harm­storfs ver­un­glück­ter Por­sche, Harm­storf mit lee­rem Blick in einer Dreh­pause. »Das ist ja ver­rückt, was da steht«, hat der Schau­spie­ler laut Aus­sage sei­ner Lebens­ge­fähr­tin Gudrun Staeb gesagt. Und immer wie­der: »Das ist mein Todes­ur­teil.« Nur wenige Stun­den spä­ter voll­zog er es. (…)

Die Sache mit dem »zer­schnit­te­nen Hand­ge­lenk«, aus dem »das Blut tropfte«, nahm »Bild« wenige Tage nach Harm­storfs Frei­tod eher bei­läu­fig zurück — in Wahr­heit war der Zwi­schen­fall wesent­lich unblu­ti­ger ver­lau­fen: Der Schau­spie­ler litt seit 1994 an der Par­kin­son­schen Krank­heit, wes­halb er mit einem Medi­ka­ment behan­delt wurde, zu des­sen Neben­wir­kun­gen Alp­träume, Angst­zu­stände und Hal­lu­zi­na­tio­nen zäh­len. Um die Sym­ptome vor der Öffent­lich­keit zu ver­ber­gen und wei­ter­hin Thea­ter spie­len zu kön­nen, nahm Harm­storf ziem­lich viele Tablet­ten — am Abend des 5. April zu viele. Als er bereits kurz vor einer Ohn­macht stand, rief er den Not­arzt. Von der Inten­siv­sta­tion ver­legte man ihn spä­ter auf die psych­ia­tri­sche Sta­tion des Bezirks­kran­ken­hau­ses Kauf­beu­ren — nicht unbe­dingt das, was man gemein­hin unter einem Selbst­mord­ver­such versteht.

Auch lag Rai­mund Harm­storf nie »in der geschlos­se­nen Abtei­lung«, wie »Bild« zu berich­ten wußte (…). Am Mor­gen des 1. Mai wurde er von sei­ner Freun­din Gudrun Staeb aus der Kli­nik abge­holt zu einem Zeit­punkt, als ihn die »Bild«-Reporter noch »völ­lig abge­schot­tet von der Außen­welt« wähn­ten, wie sie am Tag dar­auf rund elf Mil­lio­nen Lesern mitteilten. (…)

Wie groß die Macht von »Bild« wirk­lich ist, zeigte sich wenig spä­ter, als das RTL-Magazin »Explo­siv« den »Bild«-Artikel auf­griff und zwei­ein­halb Mil­lio­nen Zuschauer wis­sen ließ, daß sich Harm­storf nach einem blu­ti­gen Selbst­mord­ver­such in der Psych­ia­trie befin­det. Doch der war zu Hause, ging nach dem Bericht ins ver­dun­kelte Schlaf­zim­mer und beob­ach­tete die Straße vor dem Haus. Als ihn seine Lebens­ge­fähr­tin am nächs­ten Mor­gen erhängt auf dem Dach­bo­den fand, erlitt sie einen Nervenzusammenbruch. (…)

Rund eine Woche spä­ter wurde der Fall Rai­mund Harm­storf jour­na­lis­tisch abge­schlos­sen. Per Fern­dia­gnose brachte das Schwes­ter­blatt der »Bild«, die Ber­li­ner »BZ«, die unschöne Ange­le­gen­heit auf den Punkt: »Er hat den Star­ken gespielt und sich furcht­bar schwach gefühlt. Ein Zwie­spalt, so uner­träg­lich, daß sich Schau­spie­ler Rai­mund Harm­storf am ver­gan­ge­nen Sonn­tag auf sei­nem Bau­ern­hof erhängte.« So einfach.

Und zehn Jahre spä­ter schreibt die Nach­rich­ten­agen­tur ddp lapi­dar, es sei davon aus­zu­ge­hen, dass Tho­mas Kret­sch­mann ein ähn­li­ches Schick­sal wie Harm­storf erspart bleibt. Harm­storf mit sei­nem »pri­va­ten Pech«.

Doof wie RP-Online (5)






[via Wolf­gang in den Kommentaren]

Nach­trag, 13. Okto­ber: »RP Online« scheint jetzt Dut­zende Arti­kel kor­ri­giert zu haben.

Kurzhaarjournalismus

Das Pro­blem mit Inter­net­an­ge­bo­ten wie dem der »Rhei­ni­schen Post« ist, dass sie sich einer Kri­tik inzwi­schen fast voll­stän­dig ent­zie­hen. Es ist nicht so, dass das, was sie pro­du­zie­ren, jour­na­lis­tisch schlecht wäre. Das, was sie pro­du­zie­ren, lässt sich auf einer jour­na­lis­ti­schen Skala gar nicht mehr ver­or­ten. Es ist nicht damit getan, die Etage, die man bis­lang »unters­tes Niveau« nannte, noch ein­mal zu unter­kel­lern. Das, was RP-Online pro­du­ziert, befin­det sich unter einem ganz ande­ren Haus.

Das Pro­blem mit Inter­net­an­ge­bo­ten wie dem der »Rhei­ni­schen Post« ist, Sie mer­ken es, dass mir die Super­la­tive aus­ge­hen. RP-Online sym­bo­li­siert für mich wie kein zwei­tes Ange­bot einer deut­schen Tages­zei­tung, was schief­läuft im Online­jour­na­lis­mus in Deutsch­land: Die Mög­lich­keit einer Bil­der­ga­le­rie oder Klick­stre­cke als wich­tigs­tes Aus­wahl­kri­te­rium von Nach­rich­ten. Die ent­hemmte Bou­le­var­di­sie­rung. Der Ver­zicht auf Quel­len­an­ga­ben, trans­pa­rente Kor­rek­tu­ren, Sorg­falt jeder Art. Die völ­lige Irre­le­vanz von Relevanz.

Man kann natür­lich ver­su­chen, das Grauen sys­te­ma­tisch zu erfas­sen. Man kann sich zum Bei­spiel Check­lis­ten vor­stel­len, mit Punk­ten, die die Auto­ren von RP-Online beim Schrei­ben ihrer Arti­kel abha­ken müs­sen, und wenn nicht min­des­tens vier von sie­ben Kri­te­rien erfüllt sind (unglaub­wür­dige Quelle / unwahr­schein­li­cher Inhalt / Recht­schreib­feh­ler / Sym­bol­foto / unnö­tige Bil­der­ga­le­rie / laten­ter Sexis­mus / Text-Bild-Schere), ver­wei­gert das Redak­ti­ons­sys­tem die Veröffentlichung.

Aber man wird dem täg­li­chen Wahn­sinn damit nicht gerecht. Dafür muss man die Vogel­per­spek­tive ver­las­sen und ganz nah ran­ge­hen. Muss sich ein­zelne Arti­kel anse­hen und ver­su­chen, die ver­schie­de­nen Krus­ten von geron­ne­nem Irr­sinn von ihnen abzuknibbeln.

Neh­men wir die­sen Arti­kel aus dem Gesellschafts-Ressort von RP-Online:

Ver­su­chen wir doch ein­mal gemein­sam, den nächs­ten Satz zu erra­ten. Auf wel­che Ver­än­de­run­gen im Lie­bes­le­ben von Katie Hol­mes mag ihre neue Fri­sur hin­deu­ten? Hat sie sich neu ver­liebt? Getrennt? Ist sie schwan­ger?

Sie kom­men nicht drauf.

Der Arti­kel selbst beginnt dann mit einem Rück­blick auf die Haar­his­to­rie der Katie Holmes.

Und falls Ihr Gehirn nicht längst den Not-Aus-Knopf gedrückt hat (oder sich freut, dass das Adjek­tiv »flott« gar nicht, wie ver­mu­tet, Ende der sech­zi­ger Jahre aus­ge­stor­ben ist), könnte es sich jetzt mit einem »Hm?« mel­den und fra­gen, warum die schöne, schöne Katie Hol­mes aus­ge­rech­net mit dem Kurz­haar­schnitt jetzt wie­der aus­sieht wie frü­her mit den lan­gen Haaren.

Nein, kür­zer wirk­lich nicht. Sonst ist sie womög­lich auch nicht mehr so gut gelaunt wie frü­her mit den lan­gen Haa­ren, und das will ja keiner.

Der Arti­kel endet hier, aber das Beste kommt natür­lich erst noch: die Bil­der­ga­le­rie. In die­sem Fall besteht sie aus 17 Bil­dern, von denen eines unbe­schrif­tet blieb. Die ande­ren 16 Texte habe ich der Ein­fach­heit hal­ber mal unter­ein­an­der gelegt:
















Nun gilt bei RP-Online aber die Regel »Eine Klick­stre­cke ist keine Klick­stre­cke« (oder genauer, ver­mut­lich: »[Belie­bige Zahl] Klick­stre­cken sind keine Klick­stre­cke«). Und so ist in dem Katie-Holmes-hat-jetzt-kürzere-Haare-Artikel eine zweite Bil­der­ga­le­rie ver­linkt, die erstaun­li­cher­weise eben­falls von der »Tro­pic Thunder«-Premiere han­delt, dies­mal nur in elf Tei­len und u.a. mit die­sen Beschriftungen:




Diese Gale­rie war als Begleit­ma­te­rial für einen ande­ren Arti­kel über die­selbe Ver­an­stal­tung ver­öf­fent­licht wor­den, in dem die Leute von RP-Online bereits ges­tern Mit­tag ihrer Haar­chro­nis­ten­pflicht nach­ge­kom­men waren — quasi schon mal vorab als Brea­king News:

Glücklich und entspannt wirkt Katie Holmes an der Seite ihres Ehemanns Tom Cruise. Ihre Haare werden immer kürzer - mittlerweile hat die US-amerikanische Schauspielerin ihre einst lange Haarpracht gegen einen flotten Kurzhaarschnitt eingetauscht.

Eigent­lich ging es in die­ser Holmes-Story aber vor allem um ein ande­res Thema, mit dem die Schau­spie­le­rin die Welt in Atem hält:


Und wenn Sie bis hier­her durch­ge­hal­ten und mit­ge­dacht und sich in die kranke Welt von RP-Online ein­ge­fühlt haben, kön­nen Sie womög­lich sogar erra­ten, wel­che Über­schrift die­ser Arti­kel trägt.

Enges Kleid bei Filmpremiere: So schwanger ist Katie Holmes

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