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Wie Waldo im Wimmelbild: Journalismus und die Inflation von Online-Werbung

04 Jun 14
4. Juni 2014

Nichts gegen Werbung. Werbung ist theoretisch und oft auch praktisch eine wunderbare Art, hochwertige Inhalte zu finanzieren. Das Unternehmen gibt Geld und ich zahle mit meiner Aufmerksamkeit.

Das ist oft ein guter, fairer Deal für alle Beteiligten: Leser, Medium, Werbetreibender.

Online aber ist aus Werbung ein Monster geworden, das alles zu fressen und zersetzen droht. Es gibt hier ein solches Überangebot an Werbeflächen, dass Werbung fast nichts kostet. Weil die einzelne Anzeige so wenig einbringt, vervielfältigen die Medien das Angebot an Werbeflächen — auf jeder einzelnen Seite und durch eine Maximierung der Klickzahlen. Durch die Vervielfältigung der Werbung sinkt der Wert jeder einzelnen Fläche weiter, ein Kreislauf: Inflation.

Machen wir es konkret. Nehmen wir die „Düsseldorf“-Seite der „Rheinischen Post“. Ich habe das ganze Werbegedöns mal abgeschnitten; das hier rechts ist die Spalte mit den eigentlichen Inhalten.

Könnte man glauben.

Nur dass jeder dritte Artikel eine Anzeige ist.

Es steht sogar das Wort „Anzeige“ darüber, und wenn man es weiß, kann man es an der Dachzeile erkennen, die nicht grau, sondern orange ist. Und am Rhythmus natürlich: Redaktion, Redaktion, Werbung; Redaktion, Redaktion, Werbung …

Die bezahlten Inhalte sind gekennzeichnet. Getrennt von den redaktionellen Inhalten sind sie nicht. Sie sehen aus wie Artikel. Sie sind Artikel. Das ist native advertising.

Die ganze Gestaltung ist darauf angelegt, dass man das eine mit dem anderen verwechseln kann und soll. Und selbst wenn man es nicht verwechselt: Dass man bewusst an den als Artikelanrisse gestalteten Werbeinhalten vorbeilesen muss.

Für zwei Artikel-Anrisse einen Anzeigen-Anriss lesen. Das ist der Preis, den derjenige zahlt, der sich bei der „Rheinischen Post“ kostenlos und werbefinanziert über Düsseldorf informieren will.

(Der Preis, den die „Rheinische Post“ dafür zahlt, dass sie die Arbeit ihrer Journalisten verwechselbar mit irgendwelchen Anzeigentexten macht und eine klare gestalterische Trennung für verzichtbar hält, steht auf einem anderen Blatt. Aber für jemanden, der heute möglichst viel Geld verdienen will und sich nicht um sein Image morgen sorgt, ist das kein Problem.)

Nehmen wir an, ein Leser schafft es, auf einen Teaser zu klicken, der tatsächlich zu einem redaktionellen Inhalt führt. Zum Beispiel eine etwas rätselhafte Meldung des nordrhein-westfälischen Landesdienstes von dpa über einen Termin in einem Düsseldorfer Hotel: Udo Lindenberg zeigte hier der Presse, wo er vor vielen Jahren gearbeitet hat.

Oben auf der Seite ist ein Banner mit Autowerbung. Über dem Artikel ist ein Banner mit Werbung einer Fluggesellschaft. Rechts neben dem Artikel ist ein Banner mit Telefonanbieter-Werbung. Im Artikel stehen Textanzeigen für Udo-Lindenberg-Bilder …

… und, ironischerweise, für einen Journalismus-Lehrgang. Unter dem Artikel steht eine Textanzeige für ein Open-Air-Festival.

Links neben dem Artikel ist Werbung für ein Jazz-Festival, für eine Medizin-Schule, für Sprachreisen, für das Rheinland. Man kann sie leicht an der orange hinterlegten Zeile und dem Wort „Anzeige“ darüber erkennen.

Der graue Kasten darunter hat keine orange hinterlegte Zeile und keine Kennzeichnung als „Anzeige“, ist aber auch eine.

Gelb hinterlegte Rubriken scheinen für redaktionellen Inhalt stehen; orange hinterlegte Rubriken für werblichen Inhalt. Könnte man glauben.

Unter dem Artikel ist eine gelbe Rubrik „Das könnte Sie auch interessieren“ mit redaktionellen Empfehlungen. Danach folgt eine ebenfalls gelbe Rubrik „Mehr aus dem Web“ mit Werbelinks, erkennbar nur daran, dass darunter in hellgrau fast zu lesen ist: „Content Anzeigen empfohlen von …“.

Ganz rechts unten schiebt sich gelb ein Kasten „Auch interessant“ in die Seite. Eine Anzeige.

Außerdem steht neben und unter dem Artikel noch Werbung für: ein Auto, „Zukunft stechnik aus Asien“, ein Casino, einen Obsthof.

Das mitten im Artikel eingebundene Video von center.tv trägt zwar den Titel „Udo Lindenberg in Düsseldorf“, bezieht sich aber auf einen über ein halbes Jahr zurückliegenden Besuch (und beginnt natürlich erst nach einem halbminütigen Werbevideo).

Die verlinkte 16-teilige und mit dem Anlass des Artikels nur sehr indirekt verbundene Klickstrecke „Das ist das Hotel Atlantic in Hamburg“ besteht ausschließlich aus PR-Fotos des Hotels.

Die verlinkte 13-teilige Klickstrecke „Bildband Udo Lindenberg ‚Stark wie zwei‘“ ist Jahre alt und nur scheinbar redaktionell: Sie besteht aus Fotos aus dem Buch und dem PR-Text des Verlages.

Weitere Werbung verbirgt sich auf der Seite im Inhaltskasten oben, der sich öffnet, wenn man mit der Maus darüber fährt: Für einen Autohersteller („erkennbar“ an der orangen Färbung), einen Reiseanbieter, Lotto, noch einen Reiseanbieter.


Ich könnte ewig so weitermachen. In den Menuleisten finden sich manchmal kleine Texte, wie hier „Ihre Meinung NRW“. Man muss den Mauszeiger ein paar Sekunden darüber halten, um vor dem Klick zu erfahren, dass es sich um Werbung handelt. (Echte Profis erkennen es vermutlich daran, dass hinter dem Wort ein kleiner oranger Pfeil ist.)

Inhalte, die auf einer Seite als Anzeige verlinkt sind, kommen auf einer anderen Seite dann als scheinbar redaktionelles „Extra“ daher. Und natürlich befindet sich im Fuß der Seiten immer ein branchenüblicher Kasten mit „Top-Services“, wohinter sich, bunt gemischt, redaktionelle Inhalte, bezahlte Werbung und fremde E-Commerce-Angebote verbergen.

Und im Seitenkopf stehen noch Links zu diversen redaktionellen oder E-Commerce-Angeboten, an denen die „Rheinische Post“ irgendwie beteiligt ist.

27 Werbelinks habe ich alleine auf der Seite mit dem kleinen dpa-Artikelchen über Udo Lindenberg gezählt, und ich bin sicher, ich habe welche übersehen. Die RP-Online-Seiten sind prachtvolle Wimmelbilder aus werblichen Inhalten, in denen sich der Journalismus fast wie Waldo versteckt. Hier dient Werbung nicht mehr der Finanzierung von Journalismus; hier ist Journalismus nur noch ein Vorwand dafür, Leser an die werbungtreibende Industrie zu verkaufen, zur Not durch Täuschung. Seien wir ehrlich: Bei RP-Online macht Werbung hochwertige Inhalte nicht möglich, sondern unmöglich.

Ich bin mir nicht sicher, ob das ein nachhaltiges Modell zur Finanzierung von Journalismus ist.

Offenlegung: Ich bin Autor bei „Krautreporter“, einem Versuch, Journalismus radikal anders zu finanzieren.

Milchmädchen im Einsatz gegen ARD und ZDF: Der Unsinn der Steuerzahler-„Studie“

08 Okt 13
8. Oktober 2013

Heute erkläre ich Ihnen, wie ARD und ZDF eine halbe Milliarde Euro jährlich einsparen können. Achtung: Indem sie das Geld einfach nicht ausgeben. Ta-daa!

Und jetzt sagen Sie nicht, das sei eine Rechnung, für die man nicht einmal ein Milchmädchen wecken müsste. Der Steuerzahlerbund, ein natürlicher Gegner des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, hat es mit dieser Rechnung heute in die „Welt“, die „Rheinische Post“, die „FAZ“ und diverse Online-Medien geschafft.

Er hat sie natürlich besser verpackt. Er hat sie als „Sonderinformation 1″ seines „Deutschen Steuerzahlerinstituts“ (DSi) herausgegeben und mit diversen Fußnoten, Quellenangaben und volkswirtschaftlichen Erläuterungen den Eindruck erweckt, es handele sich hier um eine seriöse wissenschaftliche Forschungsarbeit. Die Medien nennen das Papier „Studie“.

Angeblich weist es den öffentlich-rechtlichen Sendern nach, dass sie jährlich 650 Millionen Euro verschwenden.

Der größte Batzen dieses Betrages kommt aus den Sportrechte-Etats der Sender. Die ließen sich, laut der „Studie“, von jährlich 335 Millionen Euro auf 185 Millionen Euro senken. Auf die Zahl von 185 Millionen Euro kommt die „Studie“ nicht durch irgendein akribisches Nachrechnen, sondern durch den „Vorschlag“, es würde doch völlig genügen, wenn ARD und ZDF die Ausgaben für Sportgroßereignisse „generell auf z.B. fünf Prozent des Programmaufwands begrenzen“.

Hätte die „Studie“ ohne weitere Erklärung eine Begrenzung auf „z.B. vier Prozent“ oder „z.B. drei Prozent“ vorgeschlagen, hätten ARD und ZDF nach dieser Logik also noch viel mehr Geld verschwendet.

Darüber hinaus könnten ZDF, arte und Deutschlandradio laut der „Studie“ jährlich 50 Millionen Euro bei den Programmaufwendungen sparen. Diese Zahl ist nicht selbst ausgedacht, sondern stammt aus einer guten Quelle: Dem Bericht der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs (KEF). Die habe ein solche Kürzungspotenzial bei den Sendern festgestellt.

Das ist richtig. Und sie hat es nicht nur festgestellt, sondern diese Summe den Sendern auch gleich abgezogen. Die KEF hat die Etats, die sie ZDF, arte und Deutschlandradio bewilligt, für die aktuelle Gebührenperiode bereits um dieses Kürzungspotenzial reduziert. Anders gesagt: Die Sender mussten bzw. müssen dieses Geld ohnehin sparen und können es nicht mehr „verschwenden“. Denselben Logikfehler macht die „Studie“ auch beim von der KEF gekürzten Personalaufwand der Sender.

Ein erheblicher Anteil der 650 Millionen Euro, die ARD und ZDF angeblich verschwenden, ist Geld, das ARD und ZDF gar nicht bekommen: Das DSi schlägt vor, die 14 Landesmedienanstalten zusammenzulegen. Die bekommen jährlich 142 Millionen Euro von den Rundfunkbeiträgen. Was man auf diese Weise sparen könnte? Die „Studie“ weiß es — wie so oft — auch nicht, glaubt aber einfach mal — wie so oft — dem ausgewiesenen Medienexperten Hans-Peter Siebenhaar vom „Handelsblatt“. Weil der einmal von einer Ersparnis „im dreistelligen Millionen Euro-Bereich“ schrieb, zählt die „Studie“ einfach mal grob 100 Millionen auf die Gesamtverschwendungssumme — wohlgemerkt: von ARD und ZDF, die damit nichts zu tun haben.

Wie seriös die „Studie“ ist, zeigt sich auch in den Fußnoten. An einer Stelle heißt es:

Der Vorwurf, Politik und Rundfunk unterlägen gegenseitiger Einflussnahme kommt nicht von ungefähr. (…) Auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk spielt gelegentlich sein Machtpotenzial gegenüber der Politik aus. So wurde den Abgeordneten des nordrhein-westfälischen Landtags z.B. gedroht, wenn diese gegen den neuen Rundfunkbeitrag stimmten, würde das im WDR eine negative Berichterstattung zur Folge haben.

Urheber dieser Behauptung ist Christian Nienhaus, der Geschäftsführer der WAZ-Gruppe (heute Funke-Gruppe), der das 2011 in einem FAZ-Interview gesagt hatte. Die Passage sorgte — verständlicherweise — für einigen Wirbel; der WDR drohte Nienhaus mit rechtlichen Schritten. Eine Woche später nahm er seine Äußerungen zurück:

„Ich stelle ausdrücklich klar, das ich mit meiner Äußerung nicht die Behauptung aufstellen wollte, der WDR habe unmittelbar oder mittelbar Abgeordneten im Landtag von Nordrhein-Westfalen in Zusammenhang mit deren Abstimmungsverhalten über die Mediengebühr mit einer negativen Berichterstattung im WDR gedroht“.

Die Verfasser der „Studie“ haben das praktischerweise nicht mitgekriegt, was natürlich auch daran liegen kann, dass sie womöglich eher fachfremd sind. Autoren sind im Papier nicht angegeben, am Ende steht nur: „Bearbeitung: Karolin Herrmann“. Karolin Hermann ist Diplom-Volkswirtin und beim DSi eigentlich zuständig für Haushaltspolitik und Haushaltsrecht.

Als Positionspapier und Sammlung von Argumenten gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in der bestehenden Form aus volkswirtschaftlicher Sicht ist die Veröffentlichung natürlich völlig legitim. Es lässt sich aus ihr nur nicht seriös ablesen, wieviel Geld ARD und ZDF jährlich „verschwenden“.

Aber was ist „seriös“ schon für ein Kriterium, wenn es gegen ARD und ZDF geht?

[Offenlegung: Ich habe im Sommer mein Geld hauptsächlich damit verdient, für eine WDR-Sendung zu arbeiten. Persönlich unterstütze ich die Forderungen nach einer Deckelung des Sportrechte-Etats und einer Zusammenlegung der Medienanstalten, aber das ist ja nicht der Punkt.]

Was würde Umberto Eco über Kerner sagen?

03 Nov 09
3. November 2009

Ich wollte mich ja erst reflexartig echauffieren über die sagenhaft irreführende Überschrift, die der Online-Auftritt der „Rheinischen Post“ seiner Premierenkritik von „Kerner“ auf Sat.1 gegeben hat:

Dann habe ich aber versehentlich den Artikel selbst gelesen, und konnte es nicht glauben, wie treffend und vernichtend der Autor Ulli Tückmantel das Wesen des Fernsehmoderators Johannes B. Kerners dekonstruiert hat — nicht allein allerdings, sondern mit Hilfe eines fast 50 Jahre alten Aufsatzes von Umberto Eco über den italienischen Quizmaster Mike Bongiorno.

Tückmantel schreibt:

(…) wie kann man nicht an Kerner denken, wenn man so wundervolle Sätze liest, wie: „Er achtet sorgfältig darauf, den Zuschauer nicht zu beeindrucken, indem er sich nicht nur unwissend zeigt, sondern auch entschlossen, nichts dazuzulernen.“

(…) Kerner hat keine Ahnung von den Dimensionen der Komik, die er erschließt, wenn er einen 29-Jährigen Geisterseher ohne jeden Anflug von Ironie fragt, ob Tote im Studio anwesend sind, und dann in seiner buchhalterischen Manier nachhakt, wie viele Tote es wohl gemessen an der Publikumszahl sein könnten.

Und selten habe ich einen Satz gelesen, der mein manchmal diffuses Unbehagen gegenüber Kerner so auf den Punkt bringt wie dieser:

Wie Bongiorno akzeptiert er vom Mainstream abweichende Meinungen seiner Gäste nicht aus liberaler Überzeugung, sondern aus Desinteresse.

(Schön ist aber auch, dass ich nicht der einzige bin, der einen solchen Artikel nicht in diesem Medium erwartet hat. Ein Leser kommentiert: „Sie müssen neu im Team der RPO sein. Bitte machen Sie nach Ihrem Praktikum doch bitte dort weiter so!“ Nun: Tückmantel leitet bereits das „Report“-Ressort der Gesamtausgabe der „Rheinischen Post“ und schreibt in dieser Funktion auch Kommentare, die mir gar nicht behagen.)

(Meine eigene Kritik steht in der „taz“.)

„Bald schon gibt es Kaffee“

05 Jan 09
5. Januar 2009

Meilensteine des Journalismus (1):

Annette Bosetti trifft Iris Berben, „Rheinische Post“, 4. Januar 2009.

(…) Ihre Frisur ist für den Festakt schon hochgesteckt. Elegant auch das Make up. Ihre Nägel trägt sie kurz geschnitten und unlackiert. Hübsche Ohrringe, das markante Grübchen und echte Zähne fallen auf – keine Kronen, wie sonst in der Filmbranche üblich. Iris Berben wirkt natürlich. Noch trägt die 1,68 Meter große, mit ihren 57 Kilo recht zierliche Frau schwarzblaue Jeans mit Schlag und einen gemütlichen Pullover in Schwarz. Am Abend wird sie in Gala-Garderobe auftreten. Profi, der sie ist, lässt sie sich auf jede Situation hundertprozentig ein, jetzt eben auf ein Interview.

Bald schon gibt es Kaffee, eine Zigarette („Ja, ich bin ein Suchtmensch“) und ein Gespräch von Frau zu Frau – ein Gespräch, das tief gründelt, spontan ist und lustige Wendungen nimmt, am Ende sehr ernst das Thema Leben behandelt. (…)

Was ddp Raimund Harmstorf nicht erspart

25 Nov 08
25. November 2008

Erst hatte ich angenommen, das hier sei ein Fall für meine Rubrik „Doof wie RP-Online“. Aber der Internet-Auftritt der „Rheinischen Post“ hat den Text nur, wie es seine Art ist, zum Eigenbericht umdeklariert, um die Quelle zu verschleiern. In Wahrheit stammt der Artikel von der Nachrichtenagentur ddp. Sie war es, die die Idee hatte, eine längere Meldung über die Neuauflage des „Seewolfs“ mit folgendem originellen Absatz zu beenden:

Es ist davon auszugehen, dass dem bereits international etablierten Kretschmann („Der Pianist“) ein ähnliches Schicksal wie Harmstorf erspart bleibt. Dieser war nach seinem Durchbruch zeitlebens in Fernsehshows mit der Frage konfrontiert worden, ob er tatsächlich eine rohe Kartoffel auf diese Weise pürieren könne. Die Rollen wurden kleiner, das private Pech größer: Bei mehreren Verkehrsunfällen verletzte sich der 1,89 Meter große Ex-Zehnkämpfer schwer, sogar von Parkinson war die Rede. Im Mai 1998 erhängt sich Harmstorf im Alter von 57 Jahren auf dem Dachboden eines Bauernhofes im Allgäu.

Das ist die Überleitung aus der Hölle: Es ist davon auszugehen, dass Thomas Kretschmann ein ähnliches Schicksal wie Raimund Harmstorf erspart bleibt.

Es ist davon auszugehen, dass Thomas Kretschmann ein ähnliches Schicksal wie Raimund Harmstorf erspart bleibt?

Man kann nicht oft genug daran erinnern, welches Schicksal Raimund Harmstorf nicht erspart blieb. Harmstorfs Lebensgefährtin Gudrun Staeb hat es 2002 für das „SZ-Magazin“ aufgeschrieben, Oliver Gehrs vor zehn Jahren für die „Berliner Zeitung“:

Am Sonnabend, den 2. Mai, standen zwei Illustrierten-Reporter mit einer „Bild“-Zeitung vor der Haustür von Raimund Harmstorfs Bauernhaus im Allgäu. „Seewolf Raimund Harmstorf in der Psychiatrie“ stand in großen Lettern auf der Titelseite und weiter: „Mit aufgeschnittenem Handgelenk von der Polizei aufgegriffen“. In der dazugehörigen Geschichte schmolz sein Leben auf eine Ansammlung von Schicksalsschlägen und Unfällen zusammen: Harmstorf mit Gipsbein im Krankenhaus, Harmstorfs verunglückter Porsche, Harmstorf mit leerem Blick in einer Drehpause. „Das ist ja verrückt, was da steht“, hat der Schauspieler laut Aussage seiner Lebensgefährtin Gudrun Staeb gesagt. Und immer wieder: „Das ist mein Todesurteil.“ Nur wenige Stunden später vollzog er es. (…)

Die Sache mit dem „zerschnittenen Handgelenk“, aus dem „das Blut tropfte“, nahm „Bild“ wenige Tage nach Harmstorfs Freitod eher beiläufig zurück — in Wahrheit war der Zwischenfall wesentlich unblutiger verlaufen: Der Schauspieler litt seit 1994 an der Parkinsonschen Krankheit, weshalb er mit einem Medikament behandelt wurde, zu dessen Nebenwirkungen Alpträume, Angstzustände und Halluzinationen zählen. Um die Symptome vor der Öffentlichkeit zu verbergen und weiterhin Theater spielen zu können, nahm Harmstorf ziemlich viele Tabletten — am Abend des 5. April zu viele. Als er bereits kurz vor einer Ohnmacht stand, rief er den Notarzt. Von der Intensivstation verlegte man ihn später auf die psychiatrische Station des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren — nicht unbedingt das, was man gemeinhin unter einem Selbstmordversuch versteht.

Auch lag Raimund Harmstorf nie „in der geschlossenen Abteilung“, wie „Bild“ zu berichten wußte (…). Am Morgen des 1. Mai wurde er von seiner Freundin Gudrun Staeb aus der Klinik abgeholt zu einem Zeitpunkt, als ihn die „Bild“-Reporter noch „völlig abgeschottet von der Außenwelt“ wähnten, wie sie am Tag darauf rund elf Millionen Lesern mitteilten. (…)

Wie groß die Macht von „Bild“ wirklich ist, zeigte sich wenig später, als das RTL-Magazin „Explosiv“ den „Bild“-Artikel aufgriff und zweieinhalb Millionen Zuschauer wissen ließ, daß sich Harmstorf nach einem blutigen Selbstmordversuch in der Psychiatrie befindet. Doch der war zu Hause, ging nach dem Bericht ins verdunkelte Schlafzimmer und beobachtete die Straße vor dem Haus. Als ihn seine Lebensgefährtin am nächsten Morgen erhängt auf dem Dachboden fand, erlitt sie einen Nervenzusammenbruch. (…)

Rund eine Woche später wurde der Fall Raimund Harmstorf journalistisch abgeschlossen. Per Ferndiagnose brachte das Schwesterblatt der „Bild“, die Berliner „BZ“, die unschöne Angelegenheit auf den Punkt: „Er hat den Starken gespielt und sich furchtbar schwach gefühlt. Ein Zwiespalt, so unerträglich, daß sich Schauspieler Raimund Harmstorf am vergangenen Sonntag auf seinem Bauernhof erhängte.“ So einfach.

Und zehn Jahre später schreibt die Nachrichtenagentur ddp lapidar, es sei davon auszugehen, dass Thomas Kretschmann ein ähnliches Schicksal wie Harmstorf erspart bleibt. Harmstorf mit seinem „privaten Pech“.