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Und die Eulen wollen wir auch zurück!

22 Jun 11
22. Juni 2011

Immerhin scheint die Begeisterung in der Jury nicht ungeteilt gewesen zu sein für die fünfteilige „Bild“-Serie, die mit dem oben gezeigten Aufmacher begann und die heute Abend mit dem Herbert-Quandt-Medienpreis ausgezeichnet wird. Jedenfalls gibt sich Stephan-Andreas Casdorff, Chefredakteur des Berliner „Tagesspiegel“, auf meine Bitte, diese Entscheidung zu erklären, betont wortkarg. Und fügt etwas kryptisch hinzu: Das, was sonst ausgezeichnet werde, sei doch hohe Qualität.

Der Quandt-Medienpreis will angeblich Beiträge auszeichnen, die „auf anspruchsvolle, lebendige und allgemeinverständliche Weise das öffentliche Verständnis für die Bedeutung des privaten Unternehmertums und die marktwirtschaftliche Ordnung fördern“. Er legt angeblich Wert auf „sorgfältige Auswahl und Deutung von Fakten“ sowie „Qualität in Sprache, Stil und Allgemeinverständlichkeit“.

Die Artikelserie, für die die „Bild“-Redakteure Nikolaus Blome und Paul Ronzheimer gewürdigt werden, ist nicht so furchtbar, wie die Schlagzeile befürchten lässt. Genau genommen enthält sie auch ganz etwas anders, als die Schlagzeile suggeriert. Sie beschreibt, wie sich die verantwortlichen Politiker in Europa einig waren, dass Griechenland den Euro bekommen sollte, und es deshalb akzeptierten, dass Griechenland seine Zahlen zurechtbog, bis sie passten. Es ist, wenn man so will, die Geschichte eines gemeinsamen Projektes von Betrügern und Leuten, die sich betrügen lassen wollten.

Bei „Bild“ arbeiten durchaus Leute, die in der Lage gewesen wären, auch einen solchen Sachverhalt in eine knackige Schlagzeile gerinnen zu lassen. Das war nicht gewollt. Das hätte nicht in den Erzählstrang gepasst, in den die „Bild“-Zeitung seit über einem Jahr die Schuldenkrise in Griechenland presst. Der reduziert die komplexen Vorgänge auf die einfache Formel eines durch und durch verkommenen südeuropäischen Volkes, das uns korrekte, hart arbeitende Deutsche um die Früchte unserer Arbeit bringt.

Es ist sicher kein Zufall oder gar Versehen, dass „Bild“ auch an dieser Stelle in der Schlagzeile nicht „Griechenland“, „Athen“ oder gar „griechische Politiker“ schreibt — als wäre es die Masse des griechischen Volkes gewesen, die jetzt unter den Sparmaßnahmen leidet, die „uns (!) reingelegt“ hat.

Eine „Enthüllung“ ist die „Bild“-Serie natürlich trotz des Einsatzes einer vermutlich beeindruckend gemeinten Vielzahl von Autoren über weite Strecken nicht. Dass Griechenland nur durch falsche Zahlen die Bedingungen für den Euro-Beitritt erfüllten, ist seit langem bekannt. 2004 gab es die griechische Regierung öffentlich zu. Viele Details, die „Bild“ zu enthüllen vorgibt, erzählte bereits Monate zuvor ein Artikel in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“.

Nun könnte man die Serie dafür loben, dass sie auch Facetten erzählt, die „Bild“ sonst verschweigt. Aber sie wird, schon mit der ersten Schlagzeile am ersten Tag, vollständig in den Dienst der Kampagne gestellt. Es ist eine Kampagne, die der frühere „Bild am Sonntag“-Chefredakteur Michael Spreng als beispiellos seit dem Kampf Springers gegen die Ostverträge bezeichnet. „Bild“ versuchte, „die Leser gegen die Griechen in einer Form aufzuwiegeln, die an Volksverhetzung grenzte“.

Diese Kampagne wurde maßgeblich von den beiden „Bild“-Leuten betrieben, die heute ausgezeichnet werden sollen. Zu dieser Kampagne gehörte es, dass Paul Ronzheimer, ein 25-jähriger Journalist, der sein Handwerk auf der Axel-Springer-Akademie gelernt hat, nach Griechenland reiste und — in den Worten meines Kollegen Michalis Pantelouris:

sich auf dem Athener Syntagma-Platz fotografieren ließ, wie er vor demonstrierenden Menschen, die nicht mehr wissen, wie sie ihre Familien ernähren sollen, mit Drachmen-Scheinen wedelte wie mit Bananen vor Affen im Zoo.

Eine Ahnung von dem Ausmaß und der Niederträchtigkeit der Hetze vermitteln vielleicht diese beiden BILDblog-Einträge.

Nun sagt die Johanna-Quandt-Stiftung, sie habe gar nicht diese „Bild“-Berichterstattung „zu den sogenannten ‚Pleite-Griechen‘ ausgezeichnet“, sondern nur diese fünf Artikel von denselben Autoren, die „sehr faktenstark und an wirtschaftspolitischen Hintergrundinformationen reich“ sei. So einfach kann man es sich natürlich machen.

Roland Tichy, Chefredakteur der „Wirtschaftswoche“, der zweite Journalist in der Jury (der dritte ist HR-Intendant Helmut Reitze), muss da für sich immerhin keine so klare Brandschutzmauer ziehen. Er macht keinen Hehl daraus, dass er kein Problem mit der „Pleite Griechen“-Berichterstattung von „Bild“ insgesamt hat. Er sagt: „Boulevardblätter müssen halt härter hinfassen.“ Und: „Die haben hart zugelangt.“ Und: „Journalismus muss auch mal wehtun.“

„Es gibt“, meint Tichy, „eine Tendenz zu sagen: Man darf die Griechen nicht so hart anfassen. Das sehe ich überhaupt nicht so. Dies ist einer der schlimmsten Fälle von Regierungskriminalität der neueren Zeit. Die Folgen badet Europa in einer Größenordnung von 200 Milliarden Euro aus.“

Tichy scheint die Aufregung zu genießen, die es um die erstaunliche Wahl der Jury gibt. Jede Menge Beschimpfungen habe er bekommen, seit sie bekannt wurde. Er meint, die würden Ursache und Wirkung verwechseln. „Und der Kern der Sache ist in der ‚Bild‘-Zeitung richtig dargestellt.“ Tichy meint auch, dass das „Verhetzungspotential“ der „Bild“-Zeitung geringer sei, als ihr zugetraut werde — weil die „Bild“-Zeitung eher als Unterhaltungsmedium wahrgenommen werde. Und von deren Politikberichterstattung fühlt er sich in der Regel korrekt informiert.

Vielleicht wird es ihn deshalb wundern, dass Yannis Stournaras, der Chefunterhändler Griechenlands bei der Einführung des Euro, dem die „Bild“-Serie eine zentrale Rolle beim Manipulieren der Zahlen zuschreibt, den Autoren diverse Fehler vorwirft. So kenne er etwa Yves Franchet, den französischen Chef des europäischen Statistikamtes, dem er angeblich persönlich die Zahlen lieferte, gar nicht. Auch persönliche Details über ihn seien falsch. Die ganze Untersuchung nennt er „Fiktion“. Es sei ein trauriges Niveau von Journalismus.

Aber gut, der Mann ist Grieche. Und die Faktenliebe von „Bild“ ist legendär.

Aber im Gespräch mit Tichy klingt es, als sei der Preis ohnehin weniger als Auszeichnung für eine journalistische Arbeit gemeint, sondern als politisches Statement. Tichy beklagt, dass die Regierung gravierende Entscheidungen wie über die Rettung Griechenlands am Parlament vorbei entscheide. Es müsse über solche Themen aber eine breite öffentliche Diskussion geben.

Es sei ein Problem, dass es keine „europäische Öffentlichkeit“ gibt, stellt Tichy fest, die grenzüberschreitend solche Debatten führt. Die öffentliche Meinung sei aber entscheidend, um demokratische Machtausübung zu legitimieren, und unentbehrlich in der politischen Willensbildung. Er wird sich in seiner Laudatio heute Abend auf Niklas Luhmann berufen und Jürgen Habermas und Hans-Magnus Enzensberger zitieren, aber inwieweit gerade die „Bild“-Zeitungs-Autoren, die er auszeichnet, mit ihrer Hetze, mit dem unermüdlichen Schüren und Verstärken von Vorurteilen gegen ein ganzes Volk zu einer solchen gemeinsamen Öffentlichkeit beitragen sollen, das sagt er nicht.

„Mittlerweile steht Europa zur Debatte“, sagt Tichy, „das ganze Projekt könnte scheitern.“ Die „Bild“-Zeitungs-Serie sieht er paradoxerweise als einen Beitrag zur Rettung des Projektes, nämlich dadurch, dass sie Transparenz herstelle. Es sei das Verhalten der Regierenden und ihre Verantwortung für das griechische Debakel, das das Vertrauen in die EU und ihre Institutionen erschüttere — die „BIld“-Zeitung sei bloß Überbringer der schlechten Nachricht.

Tichy sagt, die Wirklichkeit habe längst die schlimmsten Schlagzeilen; das rechtfertige im Nachhinein auch die schlimmsten Schlagzeilen. Wie die, dass Griechenland doch seine Akropolis verkaufen sollte — genau darauf laufe es im Moment hinaus. (Nun ja, tut es nicht.)

Die „Bild“-Schlagzeile lautete damals übrigens wörtlich:

DIE REGIERUNG IN ATHEN WILL JETZT KRÄFTIG SPAREN – ABER WAS, WENN DAS NICHT REICHT?

Verkauft doch eure Inseln, ihr Pleite-Griechen

… UND DIE AKROPOLIS GLEICH MIT!

Wer darin nur die Beschreibung eines angeblich drohenden Szenarios sieht und nicht Verachtung, Häme und die mutwillige Zerstörung jedes Gedankens an ein gemeinsames Europa, ist allerdings eine erstaunliche Besetzung für die Jury eines Journalistenpreises.

Der Quandt-Medienpreis zeichnet heute Abend zwei unermüdliche Hetzer dafür aus, dass sie eine Woche lang geschickt die Methoden wechselten und mit einer ausführlichen, für „Bild“-Verhältnisse fast gründlichen und sachlichen Recherchearbeit ihre Pleite-Griechen-Kampagne zu legitimieren versuchten. Es mag gratulieren, wer will.

Das griechische Wort Tychi bedeutet übrigens „Glück“.