Tag Archive for: RP-Online

Und wo bleibt das Positive?

06 Feb 09
6. Februar 2009

Es ist ja nicht alles schlecht am Online-Auftritt der „Rheinischen Post“.

Sebastian Dalkowski hat mir eine Mail geschrieben und mich darauf hingewiesen, dass sich da auch schöne Sachen finden lassen, seine wöchentliche Kolumne „About a Boy“ zum Beispiel.

Und was soll ich sagen? Der Mann hat Recht. Für meinen Geschmack klingen die Texte manchmal ein bisschen zu gewollt nach einer Mischung aus Axel Hacke und Franz Josef Wagner. Aber die Mehrzahl derjenigen, die ich jetzt mal auf die Schnelle gelesen habe, sind lustig, klug und originell.

In der heutigen steht zum Beispiel:

Ich schreibe eine Kolumne für die Homepage einer deutschen Tageszeitung. Sie heißt „About a Boy“. Nichts deutet darauf hin, dass die Zeitung meine Kolumne nach Indien auslagern will. Die Tageszeitung sagt: „Ich will deine Kolumne nicht nach Indien auslagern.“ Ich habe das Gefühl, dass die Tageszeitung das Wort „Indien“ zu sehr betont.

Neulich schrieb er:

Bevor die deutsche Gesellschaft vom Türken verlangt, dass er sich integriert, muss die deutsche Gesellschaft überlegen, wohin sich der Türke integrieren soll: in die deutsche Gesellschaft, wie sie ist, oder in die deutsche Gesellschaft, wie die deutsche Gesellschaft sie gerne hätte.

Entweder also in eine Gesellschaft, in der alle meckern, saufen und einer verurteilten Totschlägerin im australischen Busch beim Fossil-Dasein zugucken. Oder in eine Gesellschaft, in der es keinen Ruhetag gibt, alle pünktlich sind und zufrieden. Integration bedeutet momentan für den Türken: Er kommt vom Regen in die Traufe.

Und dann war da noch die, in der es heißt:

Es gibt viele Berufe, von denen Menschen denken, sie könnten sie selbst ausüben: Kochen, Blumen pflanzen, Zeitungsartikel schreiben. Deshalb gibt es so viele Kochbücher, Gartenratgeber und Blogs.

Die finde ich aber doof.

Doof wie RP-Online (7)

06 Feb 09
6. Februar 2009

Daniel Bouhs hat für die „taz“ bei „RP-Online“-Chefredakteur Rainer Kurlemann nachgefragt, warum der Internetauftritt der „Rheinischen Post“ so ein Schrott ist. Und Kurlemann hat unter anderem geantwortet:

„Es gehört nun mal zum Internetjournalismus, dass Qualitätskontrolle schwieriger ist als in Zeitungen.“ Man arbeite „eben viel schneller“ und könne Texte „nicht stundenlang bis zu einem späten Redaktionsschluss“ prüfen. Den Bierflaschenfall [gemeint ist diese PR-Geschichte] bedauert der Onlinechef einerseits ausdrücklich; andererseits will er sich nicht für alles die Verantwortung zuschieben lassen: „Letztlich müssen wir dahin kommen, dass die Qualitätssicherung beim Autor beginnt — viel mehr, als das bei Zeitungen üblich ist.“ Das Internet verlange Journalisten „eben eine stärkere Eigenverantwortung ab“.

Dass „RP-Online“ ungefähr alle journalistischen Mindeststandards unterläuft, ist aber anscheinend nicht unbedingt eine Frage fehlender Mittel. Wenn er einen größeren Etat hätte, sagt Kurlemann sinngemäß, würde er damit nicht besseres Zeug produzieren, sondern mehr Zeug.


Symbolscreenshot: RP-Online

43 Zeilen Peinlichkeit

01 Feb 09
1. Februar 2009

Die meisten Artikel von „RP-Online“, dem erfolgreichen Online-Ableger der „Rheinischen Post“, tragen keinen Autorennamen, was vielleicht ein Akt der Gnade ist gegenüber den vielen Menschen, die hier vergeblich mit der Sprache kämpfen, um sinnlose Texte zu schreiben.

Dieses Stück über die gestrige Folge von „DSDS“ ist ebenfalls im üblichen gebrochenen Deutsch verfasst („‚Deutschland sucht den Superstar‘ begeht derzeit eine weitere Staffel“ / „Außer gepiercten Brustwarzen und großflächigen Tattoss hatte er unter gesangstechnischen Aspekten nicht viel zu bieten“), aber es scheint nicht anonym zu sein:

DSDS-Castings: Drei Minuten Peinlichkeit. VON ALAN SMITHEE

Womöglich fand der Autor nicht den Knopf, um die Angabe eines Verfassers abzuschalten, wollte aber trotzdem nicht mit dem gedankenlosen Quark identifiziert werden. „Alan Smithee“ jedenfalls ist der Name, der in Filmen angegeben wird, wenn der Regisseur mit dem fertigen Produkt lieber nicht in Verbindung gebracht werden will.

Nachtrag, 13.45 Uhr. RP-Online hat erst den Namen und schließlich den ganzen Artikel gelöscht.

Was ddp Raimund Harmstorf nicht erspart

25 Nov 08
25. November 2008

Erst hatte ich angenommen, das hier sei ein Fall für meine Rubrik „Doof wie RP-Online“. Aber der Internet-Auftritt der „Rheinischen Post“ hat den Text nur, wie es seine Art ist, zum Eigenbericht umdeklariert, um die Quelle zu verschleiern. In Wahrheit stammt der Artikel von der Nachrichtenagentur ddp. Sie war es, die die Idee hatte, eine längere Meldung über die Neuauflage des „Seewolfs“ mit folgendem originellen Absatz zu beenden:

Es ist davon auszugehen, dass dem bereits international etablierten Kretschmann („Der Pianist“) ein ähnliches Schicksal wie Harmstorf erspart bleibt. Dieser war nach seinem Durchbruch zeitlebens in Fernsehshows mit der Frage konfrontiert worden, ob er tatsächlich eine rohe Kartoffel auf diese Weise pürieren könne. Die Rollen wurden kleiner, das private Pech größer: Bei mehreren Verkehrsunfällen verletzte sich der 1,89 Meter große Ex-Zehnkämpfer schwer, sogar von Parkinson war die Rede. Im Mai 1998 erhängt sich Harmstorf im Alter von 57 Jahren auf dem Dachboden eines Bauernhofes im Allgäu.

Das ist die Überleitung aus der Hölle: Es ist davon auszugehen, dass Thomas Kretschmann ein ähnliches Schicksal wie Raimund Harmstorf erspart bleibt.

Es ist davon auszugehen, dass Thomas Kretschmann ein ähnliches Schicksal wie Raimund Harmstorf erspart bleibt?

Man kann nicht oft genug daran erinnern, welches Schicksal Raimund Harmstorf nicht erspart blieb. Harmstorfs Lebensgefährtin Gudrun Staeb hat es 2002 für das „SZ-Magazin“ aufgeschrieben, Oliver Gehrs vor zehn Jahren für die „Berliner Zeitung“:

Am Sonnabend, den 2. Mai, standen zwei Illustrierten-Reporter mit einer „Bild“-Zeitung vor der Haustür von Raimund Harmstorfs Bauernhaus im Allgäu. „Seewolf Raimund Harmstorf in der Psychiatrie“ stand in großen Lettern auf der Titelseite und weiter: „Mit aufgeschnittenem Handgelenk von der Polizei aufgegriffen“. In der dazugehörigen Geschichte schmolz sein Leben auf eine Ansammlung von Schicksalsschlägen und Unfällen zusammen: Harmstorf mit Gipsbein im Krankenhaus, Harmstorfs verunglückter Porsche, Harmstorf mit leerem Blick in einer Drehpause. „Das ist ja verrückt, was da steht“, hat der Schauspieler laut Aussage seiner Lebensgefährtin Gudrun Staeb gesagt. Und immer wieder: „Das ist mein Todesurteil.“ Nur wenige Stunden später vollzog er es. (…)

Die Sache mit dem „zerschnittenen Handgelenk“, aus dem „das Blut tropfte“, nahm „Bild“ wenige Tage nach Harmstorfs Freitod eher beiläufig zurück — in Wahrheit war der Zwischenfall wesentlich unblutiger verlaufen: Der Schauspieler litt seit 1994 an der Parkinsonschen Krankheit, weshalb er mit einem Medikament behandelt wurde, zu dessen Nebenwirkungen Alpträume, Angstzustände und Halluzinationen zählen. Um die Symptome vor der Öffentlichkeit zu verbergen und weiterhin Theater spielen zu können, nahm Harmstorf ziemlich viele Tabletten — am Abend des 5. April zu viele. Als er bereits kurz vor einer Ohnmacht stand, rief er den Notarzt. Von der Intensivstation verlegte man ihn später auf die psychiatrische Station des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren — nicht unbedingt das, was man gemeinhin unter einem Selbstmordversuch versteht.

Auch lag Raimund Harmstorf nie „in der geschlossenen Abteilung“, wie „Bild“ zu berichten wußte (…). Am Morgen des 1. Mai wurde er von seiner Freundin Gudrun Staeb aus der Klinik abgeholt zu einem Zeitpunkt, als ihn die „Bild“-Reporter noch „völlig abgeschottet von der Außenwelt“ wähnten, wie sie am Tag darauf rund elf Millionen Lesern mitteilten. (…)

Wie groß die Macht von „Bild“ wirklich ist, zeigte sich wenig später, als das RTL-Magazin „Explosiv“ den „Bild“-Artikel aufgriff und zweieinhalb Millionen Zuschauer wissen ließ, daß sich Harmstorf nach einem blutigen Selbstmordversuch in der Psychiatrie befindet. Doch der war zu Hause, ging nach dem Bericht ins verdunkelte Schlafzimmer und beobachtete die Straße vor dem Haus. Als ihn seine Lebensgefährtin am nächsten Morgen erhängt auf dem Dachboden fand, erlitt sie einen Nervenzusammenbruch. (…)

Rund eine Woche später wurde der Fall Raimund Harmstorf journalistisch abgeschlossen. Per Ferndiagnose brachte das Schwesterblatt der „Bild“, die Berliner „BZ“, die unschöne Angelegenheit auf den Punkt: „Er hat den Starken gespielt und sich furchtbar schwach gefühlt. Ein Zwiespalt, so unerträglich, daß sich Schauspieler Raimund Harmstorf am vergangenen Sonntag auf seinem Bauernhof erhängte.“ So einfach.

Und zehn Jahre später schreibt die Nachrichtenagentur ddp lapidar, es sei davon auszugehen, dass Thomas Kretschmann ein ähnliches Schicksal wie Harmstorf erspart bleibt. Harmstorf mit seinem „privaten Pech“.

Doof wie RP-Online (6)

16 Okt 08
16. Oktober 2008

[mit Dank an Christian Fischer]