Doof wie RP-Online (4)

Malte Wel­ding hat drü­ben im »Spree­blick« einen lesens­wer­ten Arti­kel über Gos­sip geschrie­ben. Oder genauer: über das beun­ru­hi­gende Maß, in dem unsere Medien inzwi­schen dar­aus beste­hen, halb­wahre oder ganz­fal­sche Zitate irgend­wel­cher Pro­mi­nen­ter zu verbreiten.

Ich habe ein wei­te­res Bei­spiel dafür, natür­lich aus Deutsch­lands erfolg­reichs­tem Internet-Angebot einer Regio­nal­zei­tung, RP-Online. Dort ist die Content-Produktion längst soweit per­fek­tio­niert, dass nur noch Spu­ren­ele­mente von Wahr­heit, Sinn und Rele­vanz nötig sind.

Die Tat­sa­che, dass bei der Pre­miere von Woody Allens Film »Vicky Cris­tina Bar­ce­lona« in Bar­ce­lona nur zwei von drei Haupt­dar­stel­lern anwe­send waren, aber Scar­lett Johans­son fehlte, hat das Online-Portal der »Rhei­ni­schen Post« zu einem mit­tel­gro­ßen Arti­kel samt Cliff­han­ger auf­ge­pus­tet, der erst in der zehn­tei­li­gen Bil­der­ga­le­rie auf­ge­löst wird.

Der anonyme Autor, der Johans­son kon­se­quent Johans­sen nennt, beweist nun erst seine Ahnungs­lo­sig­keit, indem er hin­ter Javier Bar­dem »(›Grey’s Ana­tomy‹)« schreibt (viel­leicht eine Ver­wechs­lung mit Jef­frey Dean Mor­gan). Dann erhöht er die Fall­höhe, indem er Johans­son zu Allens »Muse« erklärt — obwohl, wie er hin­zu­fügt, »sich sowohl Allen und Johans­sen stets gegen die­sen Aus­druck gewehrt haben«:

Aber Muse hin oder her: Ver­wun­der­lich war es alle­mal, dass Allen ohne Scar­lett Johans­sen zur Pre­miere kam.

Aber RP-Online hat ja eine mög­li­che Erklärung:

»Lei­den­schaft­li­ches Lip­pen­be­kennt­nis« hält der Autor für eine lus­tige Umschrei­bung für »Kuss«, und wer wis­sen will, inwie­fern Johans­son »die Sache« »nicht ganz ange­nehm« war, muss sich durch die Bil­der­ga­le­rie kli­cken und kriegt die ganze Vor­ge­schichte (»Na nu«) noch ein­mal erzählt:







Die­ser ganze Unsinn, die kom­plette Klick­pro­duk­tion hängt an dem einen Wort »unse­xieste«, durch das Johans­son laut RP-Online aus­ge­drückt haben soll, wie eklig sie es fand, Pene­lope Cruz zu küssen.

Hat sie nur nicht. Sie hat (schät­zungs­weise auf die Frage sab­bern­der männ­li­cher hete­ro­se­xu­el­ler Repor­ter, wie geil es war, Pene­lope Cruz zu küs­sen, aber das ist nun wie­derum meine Spe­ku­la­tion) anschei­nend gesagt:

»There were 60 crew­men eating salami sand­wi­ches. It’s really the least sexy thing you can imagine.«

Der Witz an die­ser Art Geschich­ten, wie sie täg­lich längst in gewal­ti­ger Zahl von ver­meint­li­chen Qua­li­täts­me­dien pro­du­ziert wer­den, ist, dass das über­haupt kei­nen Unter­schied macht. Sie fal­len nicht wie ein Souf­flé in sich zusam­men, wenn man in sie hin­ein­piekst, weil auch der Teig aus Luft ist. Sie leben nicht davon, dass sie auf Tat­sa­chen beru­hen. Sie leben davon, dass alles egal ist; dass sich die »Jour­na­lis­ten« jeden Unsinn aus­den­ken kön­nen, aber nicht müs­sen, weil sie ein­fach den fer­tig pro­du­zier­ten Unsinn von ande­ren abschrei­ben und die »Quelle« für einen dün­nen Anschein von Fak­ti­zi­tät sogar ange­ben kön­nen, und die Leser dür­fen es glau­ben oder es lassen.

Das wis­sen sogar die dienst­ha­ben­den Prak­ti­kan­ten von RP-Online, die ganz zum Schluss, nach all den Zei­len und Bil­dern, noch eine alter­na­tive Erklä­rung für das Feh­len von Scar­lett Johans­son anbieten:

Doof wie »RP Online« (3)

[via Lukas]

Doof wie »RP Online« (2)

Aus den USA errei­chen uns scho­ckie­rende Nach­rich­ten. Eine unse­rer Lieb­lings­sän­ge­rin­nen soll nahezu pleite sein. Rihanna, die schöne Popqueen von Bar­ba­dos, soll fast kein Geld mehr auf dem Konto haben.

Das mel­det der Online-Auftritt der »Rhei­ni­schen Post«. Und ergänzt in einer 24-teiligen »Foto­stre­cke« u.a.:







[via J. Schiff­mann in den Kom­men­ta­ren]

Doof wie »RP Online« (1)

Kurzhaarjournalismus

Das Pro­blem mit Inter­net­an­ge­bo­ten wie dem der »Rhei­ni­schen Post« ist, dass sie sich einer Kri­tik inzwi­schen fast voll­stän­dig ent­zie­hen. Es ist nicht so, dass das, was sie pro­du­zie­ren, jour­na­lis­tisch schlecht wäre. Das, was sie pro­du­zie­ren, lässt sich auf einer jour­na­lis­ti­schen Skala gar nicht mehr ver­or­ten. Es ist nicht damit getan, die Etage, die man bis­lang »unters­tes Niveau« nannte, noch ein­mal zu unter­kel­lern. Das, was RP-Online pro­du­ziert, befin­det sich unter einem ganz ande­ren Haus.

Das Pro­blem mit Inter­net­an­ge­bo­ten wie dem der »Rhei­ni­schen Post« ist, Sie mer­ken es, dass mir die Super­la­tive aus­ge­hen. RP-Online sym­bo­li­siert für mich wie kein zwei­tes Ange­bot einer deut­schen Tages­zei­tung, was schief­läuft im Online­jour­na­lis­mus in Deutsch­land: Die Mög­lich­keit einer Bil­der­ga­le­rie oder Klick­stre­cke als wich­tigs­tes Aus­wahl­kri­te­rium von Nach­rich­ten. Die ent­hemmte Bou­le­var­di­sie­rung. Der Ver­zicht auf Quel­len­an­ga­ben, trans­pa­rente Kor­rek­tu­ren, Sorg­falt jeder Art. Die völ­lige Irre­le­vanz von Relevanz.

Man kann natür­lich ver­su­chen, das Grauen sys­te­ma­tisch zu erfas­sen. Man kann sich zum Bei­spiel Check­lis­ten vor­stel­len, mit Punk­ten, die die Auto­ren von RP-Online beim Schrei­ben ihrer Arti­kel abha­ken müs­sen, und wenn nicht min­des­tens vier von sie­ben Kri­te­rien erfüllt sind (unglaub­wür­dige Quelle / unwahr­schein­li­cher Inhalt / Recht­schreib­feh­ler / Sym­bol­foto / unnö­tige Bil­der­ga­le­rie / laten­ter Sexis­mus / Text-Bild-Schere), ver­wei­gert das Redak­ti­ons­sys­tem die Veröffentlichung.

Aber man wird dem täg­li­chen Wahn­sinn damit nicht gerecht. Dafür muss man die Vogel­per­spek­tive ver­las­sen und ganz nah ran­ge­hen. Muss sich ein­zelne Arti­kel anse­hen und ver­su­chen, die ver­schie­de­nen Krus­ten von geron­ne­nem Irr­sinn von ihnen abzuknibbeln.

Neh­men wir die­sen Arti­kel aus dem Gesellschafts-Ressort von RP-Online:

Ver­su­chen wir doch ein­mal gemein­sam, den nächs­ten Satz zu erra­ten. Auf wel­che Ver­än­de­run­gen im Lie­bes­le­ben von Katie Hol­mes mag ihre neue Fri­sur hin­deu­ten? Hat sie sich neu ver­liebt? Getrennt? Ist sie schwan­ger?

Sie kom­men nicht drauf.

Der Arti­kel selbst beginnt dann mit einem Rück­blick auf die Haar­his­to­rie der Katie Holmes.

Und falls Ihr Gehirn nicht längst den Not-Aus-Knopf gedrückt hat (oder sich freut, dass das Adjek­tiv »flott« gar nicht, wie ver­mu­tet, Ende der sech­zi­ger Jahre aus­ge­stor­ben ist), könnte es sich jetzt mit einem »Hm?« mel­den und fra­gen, warum die schöne, schöne Katie Hol­mes aus­ge­rech­net mit dem Kurz­haar­schnitt jetzt wie­der aus­sieht wie frü­her mit den lan­gen Haaren.

Nein, kür­zer wirk­lich nicht. Sonst ist sie womög­lich auch nicht mehr so gut gelaunt wie frü­her mit den lan­gen Haa­ren, und das will ja keiner.

Der Arti­kel endet hier, aber das Beste kommt natür­lich erst noch: die Bil­der­ga­le­rie. In die­sem Fall besteht sie aus 17 Bil­dern, von denen eines unbe­schrif­tet blieb. Die ande­ren 16 Texte habe ich der Ein­fach­heit hal­ber mal unter­ein­an­der gelegt:
















Nun gilt bei RP-Online aber die Regel »Eine Klick­stre­cke ist keine Klick­stre­cke« (oder genauer, ver­mut­lich: »[Belie­bige Zahl] Klick­stre­cken sind keine Klick­stre­cke«). Und so ist in dem Katie-Holmes-hat-jetzt-kürzere-Haare-Artikel eine zweite Bil­der­ga­le­rie ver­linkt, die erstaun­li­cher­weise eben­falls von der »Tro­pic Thunder«-Premiere han­delt, dies­mal nur in elf Tei­len und u.a. mit die­sen Beschriftungen:




Diese Gale­rie war als Begleit­ma­te­rial für einen ande­ren Arti­kel über die­selbe Ver­an­stal­tung ver­öf­fent­licht wor­den, in dem die Leute von RP-Online bereits ges­tern Mit­tag ihrer Haar­chro­nis­ten­pflicht nach­ge­kom­men waren — quasi schon mal vorab als Brea­king News:

Glücklich und entspannt wirkt Katie Holmes an der Seite ihres Ehemanns Tom Cruise. Ihre Haare werden immer kürzer - mittlerweile hat die US-amerikanische Schauspielerin ihre einst lange Haarpracht gegen einen flotten Kurzhaarschnitt eingetauscht.

Eigent­lich ging es in die­ser Holmes-Story aber vor allem um ein ande­res Thema, mit dem die Schau­spie­le­rin die Welt in Atem hält:


Und wenn Sie bis hier­her durch­ge­hal­ten und mit­ge­dacht und sich in die kranke Welt von RP-Online ein­ge­fühlt haben, kön­nen Sie womög­lich sogar erra­ten, wel­che Über­schrift die­ser Arti­kel trägt.

Enges Kleid bei Filmpremiere: So schwanger ist Katie Holmes

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