Tag Archive for: RP-Online

Doof wie „RP Online“ (1)

17 Aug 08
17. August 2008

Kurzhaarjournalismus

13 Aug 08
13. August 2008

Das Problem mit Internetangeboten wie dem der „Rheinischen Post“ ist, dass sie sich einer Kritik inzwischen fast vollständig entziehen. Es ist nicht so, dass das, was sie produzieren, journalistisch schlecht wäre. Das, was sie produzieren, lässt sich auf einer journalistischen Skala gar nicht mehr verorten. Es ist nicht damit getan, die Etage, die man bislang „unterstes Niveau“ nannte, noch einmal zu unterkellern. Das, was RP-Online produziert, befindet sich unter einem ganz anderen Haus.

Das Problem mit Internetangeboten wie dem der „Rheinischen Post“ ist, Sie merken es, dass mir die Superlative ausgehen. RP-Online symbolisiert für mich wie kein zweites Angebot einer deutschen Tageszeitung, was schiefläuft im Onlinejournalismus in Deutschland: Die Möglichkeit einer Bildergalerie oder Klickstrecke als wichtigstes Auswahlkriterium von Nachrichten. Die enthemmte Boulevardisierung. Der Verzicht auf Quellenangaben, transparente Korrekturen, Sorgfalt jeder Art. Die völlige Irrelevanz von Relevanz.

Man kann natürlich versuchen, das Grauen systematisch zu erfassen. Man kann sich zum Beispiel Checklisten vorstellen, mit Punkten, die die Autoren von RP-Online beim Schreiben ihrer Artikel abhaken müssen, und wenn nicht mindestens vier von sieben Kriterien erfüllt sind (unglaubwürdige Quelle / unwahrscheinlicher Inhalt / Rechtschreibfehler / Symbolfoto / unnötige Bildergalerie / latenter Sexismus / Text-Bild-Schere), verweigert das Redaktionssystem die Veröffentlichung.

Aber man wird dem täglichen Wahnsinn damit nicht gerecht. Dafür muss man die Vogelperspektive verlassen und ganz nah rangehen. Muss sich einzelne Artikel ansehen und versuchen, die verschiedenen Krusten von geronnenem Irrsinn von ihnen abzuknibbeln.

Nehmen wir diesen Artikel aus dem Gesellschafts-Ressort von RP-Online:

Versuchen wir doch einmal gemeinsam, den nächsten Satz zu erraten. Auf welche Veränderungen im Liebesleben von Katie Holmes mag ihre neue Frisur hindeuten? Hat sie sich neu verliebt? Getrennt? Ist sie schwanger?

Sie kommen nicht drauf.

Der Artikel selbst beginnt dann mit einem Rückblick auf die Haarhistorie der Katie Holmes.

Und falls Ihr Gehirn nicht längst den Not-Aus-Knopf gedrückt hat (oder sich freut, dass das Adjektiv „flott“ gar nicht, wie vermutet, Ende der sechziger Jahre ausgestorben ist), könnte es sich jetzt mit einem „Hm?“ melden und fragen, warum die schöne, schöne Katie Holmes ausgerechnet mit dem Kurzhaarschnitt jetzt wieder aussieht wie früher mit den langen Haaren.

Nein, kürzer wirklich nicht. Sonst ist sie womöglich auch nicht mehr so gut gelaunt wie früher mit den langen Haaren, und das will ja keiner.

Der Artikel endet hier, aber das Beste kommt natürlich erst noch: die Bildergalerie. In diesem Fall besteht sie aus 17 Bildern, von denen eines unbeschriftet blieb. Die anderen 16 Texte habe ich der Einfachheit halber mal untereinander gelegt:
















Nun gilt bei RP-Online aber die Regel „Eine Klickstrecke ist keine Klickstrecke“ (oder genauer, vermutlich: „[Beliebige Zahl] Klickstrecken sind keine Klickstrecke“). Und so ist in dem Katie-Holmes-hat-jetzt-kürzere-Haare-Artikel eine zweite Bildergalerie verlinkt, die erstaunlicherweise ebenfalls von der „Tropic Thunder“-Premiere handelt, diesmal nur in elf Teilen und u.a. mit diesen Beschriftungen:




Diese Galerie war als Begleitmaterial für einen anderen Artikel über dieselbe Veranstaltung veröffentlicht worden, in dem die Leute von RP-Online bereits gestern Mittag ihrer Haarchronistenpflicht nachgekommen waren — quasi schon mal vorab als Breaking News:

Glücklich und entspannt wirkt Katie Holmes an der Seite ihres Ehemanns Tom Cruise. Ihre Haare werden immer kürzer - mittlerweile hat die US-amerikanische Schauspielerin ihre einst lange Haarpracht gegen einen flotten Kurzhaarschnitt eingetauscht.

Eigentlich ging es in dieser Holmes-Story aber vor allem um ein anderes Thema, mit dem die Schauspielerin die Welt in Atem hält:


Und wenn Sie bis hierher durchgehalten und mitgedacht und sich in die kranke Welt von RP-Online eingefühlt haben, können Sie womöglich sogar erraten, welche Überschrift dieser Artikel trägt.

Enges Kleid bei Filmpremiere: So schwanger ist Katie Holmes

Redaktionsalltag bei RP-Online

08 Jul 08
8. Juli 2008

Beim Online-Dienst der „Rheinischen Post“ schreibt man einen Artikel nicht nur (mitsamt Rechtschreibfehler und abwegiger Interpretationen) von der Konkurrenz ab. Die Redaktion wüsste auf Nachfrage auch nicht, was dagegen spricht.

Mehr beim Lukas.

Journalismus zu Grabe getragen

01 Jun 08
1. Juni 2008

Am 20. Mai ist der Düsseldorfer Oberbürgermeister Joachim Erwin gestorben. Erwin war ein höchst umstrittener Politiker. Aber das ahnt man nicht, wenn man sieht, wie die „Rheinische Post“ publizistisch mit seinem Tod umgeht. Die Sonderseite, die sie in ihrem Online-Auftritt angelegt hat, lässt einen erahnen, wie das Zentralkomitee der SED die Möglichkeiten des Internets genutzt hätte (unter der Voraussetzung natürlich, sie hätte für jeden Mausklick Devisen bekommen).

Der folgende Überblick ist sicher unvollständig.

Erwins Leben dokumentieren drei Bildergalerien: „Sein Leben in Bildern“ (35 Bilder), „Erwin mit großem Herz für Fortuna“ (10 Bilder), „Erwin: Chronologie seiner Krankheit“ (6 Bilder) und ein Nachruf im Video. Weil Erwin in vielen Gremien und Vereinen saß, widmet „RP-Online“ dem Thema nicht nur einen Artikel, sondern auch eine 47-teilige Klickstrecke mit je einem von Erwins Ämtern („ohne Anspruch auf Vollständigkeit“). 274 Teile hat die Übersicht über die „Wünsche für Düsseldorf“, die die Leser äußern konnten.

24 Bilder dokumentieren, wie die Düsseldorfer um Erwin trauern. In rund einem Dutzend kurzen Filmen, die teilweise aus anderen Gründen erschütternd sind, als die „Rheinische Post“ glaubt, erzählen einzelne Düsseldorfer zum Beispiel, dass sie sich jetzt gleich ins Kondolenzbuch eintragen werden.

Von der Beerdigung hat der Videoreporter der „RP“ kleine, karg kommentierte Filme gedreht: über das Versammeln der ersten Trauergäste, das Versammeln weiterer Trauergäste, das Versammeln noch weiterer Trauergäste, eine leichte Verzögerung, das Heraustragen des Sarges aus der Kapelle, den Abschied der Karnevalsgesellschaften, das Verlassen der Kapelle durch die Trauergäste, den Marsch zum Grab, den Auszug aus der Kirche, den Weg durch den Friedhof, das Grablied, die Blumenkränze.

Ein Videobericht von Center.TV schildert, dass bei der Beerdigung „gedrückte Stimmung“ herrschte, die Schützen aber in „voller Uniform“ gekommen seien, ein anderer fasst in einer Viertelstunde die Trauerfeier zusammen, an der unter anderem „Vertreter aus den Bereichen Politik, Wirtschaft, Brauchtum, Sport und Medien“ teilgenommen hätten.

Eine Reporterin schildert den Ablauf von Trauerfeier und Beerdigung in einem minutengenauen Live-Ticker („9.48 Uhr vor der Lambertuskirche: Die Atmosphäre vor der Kirche ist gedämpft. Einige wenige Menschen unterhalten sich leise flüsternd. Alle anderen hören dem Gottesdienst, der über die Lautsprecher nach außen dringt, aufmerksam und bewegt zu.“).

Erwins Tochter Angela hielt eine bewegende Rede, die „RP-Online“ zu einer achtteiligen Bildergalerie, einem Artikel und einer Wortlaut-Dokumenation veranlasst hat. Ihre Zitate und die anderer Redner finden sich außerdem in einer 18-teiligen Bildergalerie und einer 27-teiligen Klickstrecke sowie in einem Bericht „Der Tag begann in Sankt Lambertus“ und einem anderen Bericht „Totenmesse für Joachim Erwin: Passanten bleiben spontan stehen“. Ein langer Artikel schildert zudem den „würdigen Abschied“.

Eine 28-teilige Bildergalerie zeigt die Trauer an der Lambertikirche, eine 7-teilige Bildergalerie die Trauer auf dem Stiftsplatz, eine 24-teilige Bildergalerie die Ankunft der Trauergäste an der Tonhalle.

Die Erschütterung der Bürger („Damit habe ich nun wirklich nicht gerechnet, ich habe Herrn Erwin für einen Titanen gehalten …“) drückt sich in diversen Klickgalerien aus: „Auch die Vereine nehmen Abschied“ (25 Teile), „Leser trauern weit über Düsseldorf hinaus“ (43 Teile), „Wie der Abschied von einem guten Freund“ (24 Teile), „Leser berichten von ihren Erlebnissen mit Joachim Erwin“ (12 Teile), „Leserreaktionen: „Sein Tod ist ein großer Verlust“ (45 Teile), „Weitere Leserreaktionen: ‚Der beste Bürgermeister‘“ (34 Teile), „Düsseldorf verliert sein Herz“ (51 Teile), sowie in einem Video. Die Reaktion der Leser auf die Trauerfeier schildert eine weitere, 7-teilige Klickstrecke.

Am Tag danach besucht die „Rheinische Post“ noch einmal das Grab, schildert die Atmosphäre auf dem Friedhof („Es ist so still, dass ein Eichhörnchen ganz in der Nähe des Ehrengrabes über das Gras hüpft“) und gibt den Lesern in einer 26-teiligen Bildergalerie die Möglichkeit, den Kranz des Verwaltungsvorstandes der Stadt Düsseldorf mit dem des Oberbürgermeisers der chinesischen Partnerstadt Chongqing, des Abiturjahrgangs 1968 des Humboldt-Gymnasiums und der FDP zu vergleichen.

[via Nobbi und Lukas]

Super-Symbolfotos (41)

25 Mai 08
25. Mai 2008

Was immer noch passieren mag am Rande des NPD-Parteitages in Bamberg — ich würde, anders als der Online-Auftritt der „Rheinischen Post“, ausschließen, dass italienische Carabinieri zum Einsatz kommen.

(Und, nein, das ist nicht die Staatssekretärin.)

[entdeckt von Jan-Philipp]

Nachtrag, 17:20 Uhr. RP-Online scheint die komplette Bildergalerie entfernt zu haben.