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Angst essen Quote auf

30 Mai 04
30. Mai 2004
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Orientierungslos dilettiert das Privatfernsehen vor sich hin – auf der Suche
nach den Zuschauern und sich selbst.

Als ob noch irgendwer die alte Leier hören wollte vom Fernsehen, das immer schlechter wird. Braucht kein Mensch.

Dies ist nicht so ein Text. Auf den nächsten knapp 300 Zeilen kommt Adorno nicht vor, wird Harald Schmidt nicht nachgeweint, werden weder die Dschungelshow noch „Big Brother 5“ als endgültiger Untergang des Abendlandes gegeißelt. Es ist nur so, daß einem gerade so wahnsinnig wenig gute Gründe zum Einschalten einfallen. Es muß ja keine mehrteilige Literaturverfilmung mit komplexer Verwebung verschiedener Zeitebenen sein, nicht einmal eine kontroverse Spielserie zu Fragen unserer Zeit. Gut gemachtes Alltagsfernsehen würde schon reichen, „gepflegte Unterhaltung“, wie man das früher nannte. Man muß nicht mit dem kulturpessimistischen Blick des Intellektuellen auf das Fernsehen hersehen, um festzustellen: Im Moment ist es besonders trostlos, und die Fehler, die gemacht werden, sind besonders unfaßbar.

Wie war das wohl bei der Sitzung, auf der RTL entschied, wer in der Jury von „Star Duell“ über die karaokesingenden Soapdarsteller urteilen soll? Nachdem die Namen „Caroline Beil“, „Daniel Küblböck“, „Nina Hagen“ und „Mike Krüger“ auf der Tafel standen, fragte vielleicht ein Teilnehmer: „Fehlt da nicht ein bißchen Kontrast?“, ein anderer fügte wortlos „Roberto Blanco“ hinzu, und die Runde nickte erleichtert. „Wir setzen die auf ein Ufo, das die ganze Zeit durch die Halle schwebt“, erläuterte ein Insider. Ah ja. Komisch, daß die Leute das nicht sehen wollten.

Ein denkwürdiges Ereignis war sicher auch die Konferenz, auf der es der Produktionsfirma Constantin Entertainment gelang, Sat.1 ein erfolgversprechendes Konzept für sechs Super-Samstagabendshows zu verkaufen: Zwölf Semiprominente buchstabieren Wörter um die Wette. B-U-C-H-S-T-. . .? Genau. Nein, sonst nichts. Gekauft. (Kandidaten, die früh ausscheiden, bleiben trotzdem auf der Bühne und also dreißig Minuten gelangweilt im Bild, und im Gegensatz zu der anderen Sendung, wo das so ist, nicht mal zwischen Robbie Williams und einem Saalkandidaten.)

Dutzendfach ließen sich Beispiele aufzählen, von unerklärlichen Sendeplatzentscheidungen, der Inflationierung ohnehin schwächelnder Formate, fahrlässigem Vergraulen treuer Serienfans bis hin zu Details wie dem, daß bei Kabel 1 offenbar jemand angeordnet hat, den Titel des laufenden Programms immer in einer Ecke einzublenden, damit der Zapper weiß, was läuft. Was mag sich der Zapper denken, wenn dort „Shooter“ steht? – Alles falsch. „Shooter“ ist kurz für „Troubleshooter“, eine 08/15-Dokureihe über Sozialarbeiter und andere Helfer und Kontrolleure. Darauf muß man erst einmal kommen.

Was dem Fernsehen im Moment fehlt, hat weniger mit Kultur und Anspruch zu tun als mit Kreativität und Handwerk. Lassen wir ARD und ZDF einmal außer acht, die nur den kommerziellen Trends hinterherhecheln; für das gegenwärtige Versagen der Privaten gibt es handfeste Gründe, und der wichtigste davon ist die Angst.

In München kursiert eine sehr knappe Erklärung dafür, warum Pro-Sieben-Geschäftsführer Nicolas Paalzow gefeuert wurde: Er habe einmal zu oft Einwände gegen von oben angeordnete Programmentscheidungen geäußert. Viele, denen ihr Job lieb ist, ziehen daraus die Lehre, Vorgaben am besten umzusetzen, ohne sie zu hinterfragen. So werden aus den „Vorschlägen“, die Haim Saban, der Besitzer von Pro-Sieben-Sat.1, aus Los Angeles macht, in München Anordnungen. Die Rede ist von der „Amerikanisierung“ der Fernsehfamilie. Dumm bloß, daß amerikanische Rezepte auf dem deutschen Markt ungefähr noch nie funktioniert haben.

Man muß schon sehr weit weg sein vom deutschen Fernsehalltag, um auf die Idee zu kommen, daß die Zukunft des braven Wiederholungs- und Plätscher-Senders Kabel 1 darin liegen könnte, so zu werden wie das junge Krawall- und Trash-Programm RTL 2, nur weil das viel mehr Gewinn abwirft. Aber auf solche Ideen kommt das neue Management von ProSieben-Sat.1, weshalb Kabel 1 so lustige Experimente machen durfte wie das „Judas-Game“ und „Opas letzter Wille“. Einmal dürfen Sie raten, wie erfolgreich das war.

Man könnte solche Entscheidungen mit Unerfahrenheit erklären. Oder damit, daß jemand nur den kurzfristigen Erfolg sucht. Oder damit, daß man nur aufs Geldverdienen achtet und nicht aufs Programm-Machen. All diese Punkte träfen ganz gut das Dilemma des Privatfernsehens. Pro Sieben hat seit Anfang Mai einen 31 Jahre alten Geschäftsführer namens Dejan Jocic, den die Pressestelle ein „außergewöhnliches Managementtalent“ nennt mit „mehr als zehn Jahren Erfahrung im Programm- und Produktionsbereich“. Böse Menschen sagen, damit sei sein Praktikum beim Deutschen Sportfernsehen gemeint. Zu seinen ersten Amtshandlungen gehörte es, alle Entscheidungen seines Vorgängers vorläufig auf Eis zu legen. Das macht man so als neuer Chef.

In einer zutiefst verunsicherten Branche, in der man weder von den Chefs noch von den Zuschauern mehr weiß, was sie wollen, flüchten sich die Sender ins Nicht-Entscheiden. Da kommt also eine Produktionsfirma und bietet ein neues Format an. Kaufen? Womöglich wird es ein Flop! Nicht kaufen? Herrje, womöglich läuft es dann bei der Konkurrenz und wird ein Hit! Also: erst mal reservieren, aber nicht zusagen, verzögern, hinhalten, wird schon. Hätte die Produktionsfirma nicht noch ein paar Ideen, wie man das umsetzen könnte? Wo man das ausstrahlen sollte? Das muß aber doch billiger zu produzieren sein! Können wir nicht die Zuschauer teuer anrufen lassen, um jemanden rauszuwählen? Ach, das geht nicht, weil es gar keine Live-Sendung ist? Hm. Soso.

Tempo kommt ins Spiel, wenn dann doch eine Entscheidung gefallen ist, womöglich bei einem Konkurrenten. Fast ein Jahr lang hatten die RTL-Leute einigermaßen überzeugend erklärt, der Erfolg von „Star Search“ im vergangenen Sommer beruhe nur auf einer Ausnahmesituation und werde sich nicht wiederholen, doch als Sat.1 dann mit der zweiten Staffel begann, schoß RTL dagegen, als müsse man die Entstehung eines zweiten „Wetten daß . . .?“ verhindern: Drei Folgen der Erfolgsserie „Alarm für Cobra 11“ liefen gegen die Premiere und auf dem Schwestersender Vox noch „Titanic“. Ein absurder Overkill, nur um ganz sicherzugehen, daß „Star Search“ auch garantiert nicht vom Start wegkommt.

In den USA lief erfolgreich die Show „Simple Life“, in der sich zwei Großstadtgören auf dem Land durchschlagen müssen, RTL kündigt für den Herbst eine deutsche Variante an, aber Pro Sieben schickt schon im Juli sieben „Prominente“ auf „Die Alm“. Man kann ja die RTL-Dschungelshow als Trash bezeichnen, aber sie war langfristig geplant, geschickt gecastet, liebevoll, aufwendig, teuer produziert. Nichts spricht dafür, daß der Schnellschuß von Pro Sieben ähnlichen Kriterien genügen wird, in der Kürze der Zeit überhaupt genügen kann. Er ist – wie viele andere – nur die Antwort auf die Frage des Vorgesetzten: „Und was machen wir in dieser Richtung?“

Dahinter steckt eine tiefe Sinn- und Identitätskrise. Die sogenannten Spartensender sind längst ein Witz, weil sich mit ihrer jeweiligen Spezialität kein Geld mehr verdienen läßt. Auf den Musiksendern laufen kaum noch Musiksendungen, auf den Nachrichtensendern immer seltener Nachrichten, im Sportfernsehen DSF nur noch zufällig mal Sport. Es ist noch nicht lange her, da lehnte Pro Sieben „Big Brother“ ab, weil die billige Optik der Überwachungskameras nicht zum „Premium“-Anspruch des Spielfilm- und Seriensenders paßte. Heute kann es gar nicht grobkörnig genug sein, jeder muß auf jeden Trend aufspringen, und am Ende wundern sich alle, daß der Zuschauer keine Lieblingssendungen und -sender mehr hat, denen er treu ist. Wer kann sie auch noch unterscheiden, die Laienschauspiele, die Schnipsel mit C-Klasse-Stars, die ein paar Sätze zu den Achtzigern / den Neunzigern / „Sex and the City“ sagen, die Sendungen, in denen Oliver Geissen mit drei Kollegen auf einem halbrunden Sofa sitzt?

Bislang wußte man wenigstens bei RTL immer noch, wer man ist (Marktführer), was für Sendungen man macht (die erfolgreichen). Plötzlich bröckeln die Quoten, sämtliche Erfolgsformate haben ihren Höhepunkt überschritten, in wenigen Wochen floppten drei Shows atemberaubend („Star Duell“, „Fear Factor“, „Goxx“). Bei Sat.1 haben die Leute Erfahrung mit Niederlagen, RTL aber ist zutiefst verunsichert. Und quasi führungslos, denn Chef Gerhard Zeiler ist überwiegend in Luxemburg, um die Geschäfte der europäischen RTL-Group zu leiten, was vielleicht in Zeiten, wo alles lief, unproblematisch war. Seinem Stellvertreter Frank Berners sagt man ein gutes Gespür fürs Programm nach, nicht aber Entscheidungsfreude. Gelinde gesagt.

Der einzige Privatsender, der in der vergangenen Saison nennenswert Zuschauer gewinnen konnte, ist RTL 2. Dessen Geschäftsführer Josef Andorfer ist auch der einzige mit einer klaren Vision von dem Programm, das er machen will. Man muß die nicht mögen. Aber man darf sich über den Erfolg nicht wundern.

Es kommt so einiges zusammen. Die Geschwindigkeit, mit der die Sender Talkshows aus dem Programm warfen und durch geschriebene Gerichts- und Pseudo-Doku-Formate ersetzten, bedeutete schlicht, daß aus erfahrenen Talkshow-Redakteuren unerfahrene Drehbuchautoren wurden, Laien, wie die Darsteller. Und am anderen Ende der Hierarchie, auf den verantwortlichen Positionen, sitzen immer mehr Menschen, die das Fernsehen nicht gucken, geschweige denn lieben.

In den neunziger Jahren hieß es, daß das Privatfernsehen die Branche professionalisiert habe. Heute sorgt es für eine rasante Amateurisierung. Sat.1-Geschäftsführer Roger Schawinski bekannte diese Woche in einem Interview: „Ich sage zu mir drei Mal am Tag, daß ich den geilsten, spannendsten Job der Welt machen darf.“

Das ist doch was.

Gerhard Zeiler

01 Aug 99
1. August 1999
Max

Der Stratege. Vor neun Monaten übernahm er das Ruder bei RTL. Seither hat
Gerhard Zeiler viele unpopuläre Entscheidungen getroffen. Notfalls gegen
die eigene Mannschaft. Gibt der Erfolg ihm recht?

Notfalls reicht ihm eine Tischdecke, um seine Qualifikation nachzuweisen. Er räumt das Geschirr ganz an den Rand, greift sich einen Löffel und malt damit ein Diagramm seiner Erfahrungen auf das weiße Linnen. Oben steht ein Kasten für den Aufsichtsratsposten beim ORF. Darunter zwei weitere – einer für die Zeit, als er rechte Hand des Intendanten war, und einer für die Zeit als Chef selbst. Und dann noch je ein Kasten für die komplette Umwandlung von Tele 5 und den Aufbau von RTL 2.

Das, sagt Gerhard Zeiler und umkastet seinen unsichtbaren Karriereturm, das sei das Know-how, das er sich erarbeitet habe.

Fast beiläufig beweist er mit dem Teelöffel, daß er für seinen neuen Job als Geschäftsführer von RTL geeignet ist wie kein zweiter. Mit der Ausstrahlung von einem, der meint, daß die Fakten für sich sprechen. Was ist das Geheimnis seines Erfolgs? Zeiler fällt sofort eine Antwort ein. Aber er ziert sich. Er weiß, diesen Satz würde ihm die Presse ewig anhängen. Schließlich sagt er ihn, aber er sagt ihn nur in der Vergangenheitsform. Früher, da hätte er geantwortet: „Ich bin einfach gut.“ Heute klingt das so: „Eine Mischung aus Erfahrung, Instinkt und Managerial Abilities.“

Von seinen Manager-Qualitäten sind nicht alle so überzeugt wie er. Im November vergangenen Jahres wurde Zeiler, 44, RTL-Chef. Seit dem Frühjahr weht ihm der Wind voll ins Gesicht. Mitarbeiter erzählen genüßlich, daß ihnen ein paar Fehler nie passiert wären. Zum Beispiel „Veronas Welt“ auf den Samstag legen? Ha! Das hätte man wissen müssen, daß die gegen die „Wochenshow“ nicht ankommen kann! Dann ist da noch sein Vorgänger Helmut Thoma. Eine Legende, bei RTL und im deutschen Fernsehen überhaupt. Wurde aber mit sanfter Gewalt von seinem Stuhl entfernt. Den Verlust kompensiert er mit regelmäßigen Interviews, in denen ergebetsmühlenartig wiederholt, daß sein Nachfolger sich überschätze: „ein Abteilungsleiter“.

Hat Zeiler mit soviel Gegenwind gerechnet? Ja, sagt er. Ärgert es ihn? Ja. Trotzdem.

Gesprächstermin im „Peninsula“, einem noblen Hotel an der Fifth Avenue in New York. Zeiler kommt gerade aus Hollywood, wo er auf einer großen TV-Messe, den May Screenings, nach neuen Programmen Ausschau gehalten hat. Auf dem Rückweg macht er in New York Halt für ein paar Geschäftstreffen. Jetzt sitzt er vor seinem Bircher-Müesli (testweise, um zu sehen, ob die Amis das hinkriegen), malt mit einem Teelöffel auf der Tischdecke herum und versucht, trotz Rückflugtermins im Nacken, den Eindruck zu vermeiden, er sei einer dieser Menschen, die ihre Zeit nicht in den Griff bekommen. So viel wie jetzt wolle er nur im ersten RTL-Jahr arbeiten. „So ein Pensum jahrelang zu leisten scheint mir etwas übertrieben zu sein“, formuliert er vorsichtig. Zwei Abende in der Woche und einen Tag am Wochenende, das hat er seiner Frau versprochen, will er für die Familie reservieren. Meist klappt das, sagt er. Muß auch. „Wenn einer keine Zeit für sich und seine Familie aufbringt, organisiert er sich falsch und ist nicht geeignet für seinen Job.“

Aber das erste Jahr ist hart. Er muß den Laden und seine Leute kennenlernen. „Wenn man sich in kürzester Zeit ein perfektes Gesamtbild des Unternehmens machen will, muß man sehr tief rein“, sagt Zeiler. Deshalb beschäftigt er sich nicht nur mit den großen Strategien, sondern auch mit dem Tagesgeschäft. Das bringt Detailkenntnisse. Und die spielen eine große Rolle im System Zeiler. Sie helfen ihm, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Aber sie helfen vor allem auch, sie durchzusetzen. Detailkenntnisse bedeuten Macht.

Das wußte er schon mit 30, als er Generalsekretär des ORF wurde – engster Mitarbeiter des Generalintendanten, zuständig für Personal, Organisation, Marketing, innere Revision und vieles mehr. Drei Wochen nahm sich Zeiler, um Aktenberge aus acht Jahren durchzuarbeiten, die sein Vorgänger hinterlassen hatte. „Danach wußte ich mehr als der größte Teil des Managements. Das war eine notwendige Voraussetzung, um Dinge umzusetzen.“ Zeiler verläßt sich gern auf sich selbst.

So erledigt er, bis das erste RTL-Jahr rum ist, auch den zweitwichtigsten Job im Haus: den des Programmdirektors. Das ist gewagt. Seine Vorgänger Thoma und Mark Conrad waren ausgelastet. Und ausgerechnet Programmkenntnisse gelten als Zeilers schwacher Punkt. Doch seine Möglichkeiten, selbst zu gestalten, sind zur Zeit ohnehin begrenzt: Die Puzzlestücke, aus denen er das RTL-Programm baut, hat Thoma noch angeschafft. Zeiler kann sie höchstens neu zusammensetzen. Bis die eigenen Stücke fertig sind, vergehen bis zu eineinhalb Jahre. Im Herbst gibt es eine andere Verpackung für das Puzzle: neue Werbeagentur, neue Kampagnen.

Vor Mitte 2000 könne eigentlich niemand beurteilen, was Zeiler bringe, sagt sein Gegenüber von Sat. 1, Fred Kogel. Fernsehen ist ein langfristiges Geschäft. Zeiler erzählt, was ihm ein guter Freund sagte: „Den Titel hast du am ersten Tag. Daß die Außenwelt weiß, daß du ihn hast, kannst du in einem halben Jahr schaffen. Daß jeder Mitarbeiter dich als Geschäftsführer akzeptiert, dauert mindestens ein Jahr. Bis du selber weißt, du hast alles unter Kontrolle, vergehen vielleicht eineinhalb.“

Zur Zeit ist der Neue in der Phase, in der er im Haus noch um Vertrauen buhlen muß. Auf der oberen und mittleren Ebene ist die Stimmung nicht besonders. Teils, weil die Mitarbeiter gerne genauer wüßten, wohin die Reise geht. Teils, weil sie nicht sicher sind, ob sie mitreisen dürfen.

Zeiler erzählt gerne, er habe nur einen Mitarbeiter zu RTL mitgebracht und sei nicht „mit einer ganzen Truppe einmarschiert“. Er habe jedem einzelnen eine Chance geben wollen, seine Kreativität unter Beweis zu stellen. Ein hehrer Anspruch. Aber die Realität? Praktisch hat er die komplette obere Führungsebene ausgetauscht, darunter die Verantwortlichen für Marketing, Kommunikation, Einkauf und strategische Entwicklung. Der Chef eines anderen Privatsenders gibt ihm recht: Ohne solche Entlassungen ginge es gar nicht – sonst wären alte Loyalitäten zu mächtig. Aber im Haus sorgen sie für Unruhe.

Besser ist die Stimmung beim Fußvolk. Bei einer Betriebsversammlung Ende April stellte sich Zeiler erstmals den Mitarbeitern – und machte eine gute Figur. Die Leute waren zwar distanziert und skeptisch. Aber viele wollten Zeiler nicht vorverurteilen, sondern ihm eine Chance geben. Zeiler, der Psychologie studiert hat und einmal Therapeut werden wollte (heute würde er Jura und BWL belegen, sagt er), steht im Formel-l-Studio von RTL auf der Bühne. Er referiert, hört zu, sieht den Leuten in die Augen und wirkt verblüffend gelassen. Bei der offenen Fragerunde umkreist sein Zeigefinger unablässig das Kinn – ein Zeichen dafür, daß jemand unbewußt seine Sinne schärft, sich wappnet für unangenehme Fragen. Zum Beispiel die, wann er nun endlich, wie versprochen, alle Redaktionen besucht haben wird.

Das ist eine häufige Kritik am neuen Chef: mangelnde Kommunikation. Zeiler empfindet es allerdings schon als Zumutung, darüber öffentlich diskutieren zu sollen – und nährt damit den Vorwurf noch. Nach einigen Monaten macht er den murrenden Mitarbeitern einen Vorschlag: Sie könnten ihre Anliegen ja perE-Mail an ihn richten; er werde dann in der Mitarbeiterzeitschrift antworten. Das war nicht gerade das, was die Leute wollten. Nicht das, was sie von Thoma gewohnt waren. Und auch nicht das, was Zeiler ihnen bei seinem Amtsantritt versprochen hatte, als er versicherte: „Ich bin ein Teamplayer.“

An vielen Punkten tun sich erstaunliche Widersprüche zwischen der Selbstdarstellung Zeilers und der Wahrnehmung durch andere auf. Er selbst sagt: „Ich liebe es zu kommunizieren.“ Doch dann fällt ihm auf die Beschwerde von Kollegen, man treffe ihn nie in der Kantine, nur ein, daß er halt mittags nie warm esse – und verkennt, daß die Kantine nur ein Symbol ist. Zeiler ist niemand, der schulterklopfend und small-talkend durchs Haus geht. Muß er auch nicht. Aber auch von seinem Referenten sagen Mitarbeiter, nicht einmal grüßen täte der. Wenn Zeilers engster Mitarbeiter sein Draht zur Außenwelt ist, läßt sich nachvollziehen, daß die Außenwelt einen Draht zu Zeiler vermißt.

Im Gespräch ist er dann aber angenehm direkt, schnörkellos, verbindlich. Denkpausen füllt er mit sehr österreichischen, stimmhaften Ohms, die seine Sätze unendlich weich klingen lassen. Doch der altmodische Charme des Wieners ist ihm fremd. Das heißt: Dem Geschäftsmann Zeiler ist er fremd. Der Privatmann soll ganz anders sein. Doch die beiden leben völlig getrennt voneinander. In seinem Büro lebt ausschließlich der Geschäftsmann Zeiler: Es ist so unpersönlich, daß jedes Zimmer bei Ikea individueller und bewohnter wirkt. Das einzige Bild an der Wand ist ein RTL-Werbeposter. Helmut Thomas Büro war voll von Andenken, Spielzeug, Preisen – buntem Gedöns aller Art.

Immer wieder der ungeliebte Vergleich. Thoma verpackte seine Schmähungen anderer in charmanten Anekdoten. Zeiler ist auch in der Kritik direkt. Als eine seiner Tugenden nennt er, anderen ehrlich ins Gesicht nein sagen zu können. Wenn er sich ärgert, spricht er mit purem, humorlosen Zynismus. Der Neue hat mit dem Alten nichts gemein. Das war Einstellungsvoraussetzung. Der Bertelsmann-Konzern, der hinter RTL steht, meint, daß einer wie Thoma nicht der richtige Typ ist für die harten Zeiten, die der Branche bevorstehen. Statt mit zweistelligen Wachstumsraten wie in den vergangenen Jahren rechnen die großen Privatsender künftig mit einem geringeren jährlichen Einnahmenplus. Als Werbeträger verliert das Fernsehen an Bedeutung.

In solchen Zeiten braucht es – nicht nur nach Ansicht der gewinnfixierten Bertelsmänner – andere Manager. Thoma entschied aus dem Bauch. Er hätte die Champions League gekauft, um sie zu haben. Er führte RTL, wie er selbst sagte, „als ob der Sender mir gehört“. Zeiler entscheidet rational, läßt die Champions League sausen, wenn die Zahlen gegen den Kauf sprechen. Er stellt sich und RTL in den Dienst des Gesamtkonzerns. 15 Prozent Rendite hat er ihm versprochen, in diesem Jahr sollen es noch weit mehr werden.

Auch unter Thoma hat RTL guten Gewinn gemacht, aber im Zweifel war das nicht das Wichtigste. Und weil manchmal im Leben einfach alles zusammenpaßt, mußte Zeiler in den ersten Monaten seiner Amtszeit in ein Nachbargebäude umziehen, das RTL übernommen hat, eine ehemalige Bank. Alte Mitarbeiter lästern öffentlich, dies sei genau der Ort, wo einer wie Zeiler hingehöre: in eine Sparkasse.

Zeiler hat den Ruf eines kaltherzigen Erbsenzählers. Er hält das für ein Produkt von Journalisten, die ihn nicht kennen. Und einige seiner Ziele sind tatsächlich ganz und gar nicht buchhalterischer Natur: „Ich hoffe, daß ich in vier Jahren sagen kann, RTL ist meine zweite Familie.“ Und daß auch die Mitarbeiter dieses so empfänden – eine „gewisse Geborgenheit“, die man brauche, um motiviert arbeiten zu können. Das klingt ehrlich und kein bißchen nach vorbereiteten Image-Phrasen.

Dazu ist zumindest dem Geschäftsmann Zeiler sein Image zu egal. Wie könnte er es auch ändern, ohne Gefühle und Persönliches öffentlich zu machen. Und das will er nicht. Als Zeilers Abschied beim ORF vergleichsweise emotional ausfällt, entdeckt eine Zeitung überrascht, er habe ja eine „zarte Seele“. Zeiler sagt, selbstverständlich habe er die: „Sie war immer da und wird immer da sein. Aber das muß man mit sich selbst ausmachen.“

Beim Abschied von Tele 5 hatte er Tränen in den Augen. Heute zeigt Zeiler als einer, der unbeirrt Widerstände überwindet, keine Verletzungen mehr. „Das kann und soll man nicht. Da braucht man Familie und gute Freunde, denen man sich öffnen kann.“ Brauchte er die im vergangenen halben Jahr besonders oft? Zeilers erste Reaktion – ein Abwehrreflex: „Warum fragen Sie?“ Erst nach ein paar Sekunden entspannt er sich und sagt: „Ja, klar.“

Überhaupt hat Zeiler oft zwei Antworten parat: eine offizielle, manchmal pampige; und eine, die ahnen läßt, daß sich dahinter ein sensibler Mensch versteckt. Warum übernimmt jemand eine Aufgabe wie die Gewinnmaximierung von RTL, bei der er sich nur unbeliebt machen kann? „Meine Existenz ist nicht auf das Wohlwollen der Journalisten angewiesen“, antwortet er barsch. Erst dann sagt er, daß die jetzigen Verrisse ja kein Dauerzustand sein werden. „Fred Kogel wurde ganz anders vorgeführt. Er hat’s überlebt, und plötzlich hat man Respekt vor ihm. Glauben Sie mir: Ich werde diese Phase auch überleben.“

Zeilers Laufbahn ist bemerkenswert. Immer war er entweder „Kofferträger“, die rechte Hand der Chefs, oder selbst Chef. Er erklomm nicht die Karriere-, sondern die Unternehmensleiter: Die Firmen wurden wichtiger, nicht die Positionen, die er bekleidete. 24 Jahre war er, als er Pressesprecher von Fred Sinowatz wurde – der erst Unterrichtsminister, später Bundeskanzler war. 24! „In einem kleinen Land wie Österreich sind die Möglichkeiten leichter“, sagt Zeiler. Als erklärte das irgendwas.

Eine andere mögliche Erklärung wischt er vom Tisch, noch bevor sie geäußert wurde: daß sein Aufstieg irgend etwas mit der Mitgliedschaft in der Sozialdemokratischen Partei zu tun haben könnte. Glück habe er gehabt. Etwa, daß ihm sein Chef als ORF-Generalsekretär viele seiner Aufgaben übertrug. ORF- Übervater Gerd Bacher sagt, Zeiler habe sich nie als „Durchführungsorgan“ verstanden, sondern als „autonomer Machthaber“.

Eines haben alle seine Stationen gemeinsam: Wenn er ging, war das Unternehmen nicht wiederzuerkennen. Tele 5 wandelte er vom Musik- in ein Vollprogramm um, RTL 2 schuf er gleich ganz aus dem Nichts. Den ORF machte er fit für die Zukunft, aber er orientierte ihn an einem einzigen Maßstab: der Quote. Österreichische Kommentatoren sagten damals das gleiche wie heute die Leute bei RTL: „Ein Kulturschock“.

Zwei Eigenschaften attestieren Zeiler Freunde wie Feinde. Erstens: Zuverlässigkeit – selbst Konkurrenten loben ihn als direkt und ehrlich; und zweitens: Konsequenz. Zeiler steckt sich große Ziele – und setzt sie gegen alle Widerstände durch. „Ich bin jemand, der, wenn er eine Aufgabe übernimmt, sie zu Ende bringt. Mit jedem Einsatz.“ Wie das geht, zeigte er als Generalintendant des ORF: Er wußte, daß sich gegen seine Radikalkur Widerstand regen würde. Deshalb setzte er sie in Rekordzeit um. Nach sechs Monaten war er bereits mit dem Austausch von Personal und Sendungen fertig. Bevor seine Kritiker überhaupt zur Besinnung gekommen waren.

Soviel Durchsetzungsvermögen und Berechnung mag bewunderswert sein. Zeiler sagt allerdings sogar selbst, ihm sei erst rückblickend der Gedanke gekommen, daß er eigentlich Zweifel hätte haben müssen. Er hatte sie nicht. „Es war mir immer klar, daß wir das jetzt machen müssen“, sagt er. Diskussionen über das Ziel hält Zeiler für unnötig. Das Zielgibt er vor. Allenfalls über den Weg dahin redet er, in kleinen Gruppen.

In der Zeit als ORF-General muß Zeiler seinen Führungsstil verändert haben. Ulrich Krenn, unter Zeiler Nachrichtenchef bei Tele 5, sagt, damals sei er noch „sehr umgänglich“ gewesen. „Genau das Gegenteil von dem, wie ihn heute seine Kritiker bei RTL beschreiben: Er hat sich nicht abgeschottet. Man konnte in sein Büro kommen, und in fünf Minuten hatte man eine Entscheidung.“

Einer, der ihn seit Jahren kennt, sagt, Zeiler sei „im zwischenmenschlichen Bereich absolut okay“. Aber: „Er ist auch ein Karrierist, ein knallharter Geschäftsmann. Er ist in der Lage, Leute gegeneinander auszuspielen, wenn es ihm hilft, seine Interessen durchzusetzen.“ Der das sagt, bezeichnet sich übrigens als Freund Zeilers.

RTL geht es gut. Gerade das ist ein Problem für den Reformer. Beim ORF traf er auf eine Mannschaft, die nach Veränderungen dürstete. Anders bei RTL. Hier fehlt der Leidensdruck. Zeiler sagt, es gehe darum zu vermitteln“, daß wir dennoch eine Kurskorrektur vornehmen müssen“. Es sei der Versuch, ein Unternehmen zu übernehmen, bevor es in den Sinkflug gehe. Weil RTL praktisch nur für 14bis 49jährige Zuschauer Werbegeld bekommt, wird er das Programm weiter verjüngen. Kaltgestellte „Alte“.“ wie Ilona Christen und Geert Müller-Gerbes haben sich schon lautstark beschwert. Aber Zeiler hat ein dickes Fell. Zu ORF-Zeiten ließ er sich die heftigen Schlagzeilen über sich gar nicht erst zeigen.

RTL wird unter ihm wieder provokanter werden. Für den Samstagabend ist eine Stuntshow mit Amateuren geplant, die selbst hausintern als im Wortsinn mörderisch gilt. Allerdings gibt es Grenzen: Eine Prügel-Talkshow wie „Jerry Springer“ in den USA wird es nicht geben. „Da ist unter uns noch eine Qualitätsstufe, die wir nicht mehr bedienen.“

Zeiler akzeptiert dennoch keine anderen Qualitätsmaßstäbe als die Quote. Mit Boulevard, Trash und billigen US-Importen hat er kein Problem. Ein Problem hat er mit Leuten, die darin ein Problem sehen. Um so erstaunlicher, daß er im Fragebogen des FAZ-Magazins auf die Frage nach seiner Heldin in der Literatur Heinrich Bölls Katharina Blum angegeben hat: eine Frau, deren Leben durch Sensationsreporter einer Boulevardzeitung zerstört wird. „An ihr hat mich der Kampf fasziniert“, sagt Zeiler. „Daß es auch noch um eine gerechte Sache ging, ist schön, aber das stand für mich nicht im Vordergrund.“ Die Blum hat ihren Gegner am Ende erschossen. Zeilers Gegnern sei es eine Warnung.

Wo falsche Schlampen mit falschen Haaren werfen

14 Mai 99
14. Mai 1999
Süddeutsche Zeitung

Hans Meiser zeigt, daß frei erfundene Talkshows am erfolgreichsten sind — die Konkurrenz sieht es mit Grausen.

Wenn Hans Meiser nach einem kleinen Spaß zumute ist, steckt er sich seinen Klaus-Kopka-Button ans Revers. Klaus Kopka war früher CSU-Landtagsabgeordneter und ist heute Vorsitzender des Medienrates der Bayerischen Landesmedienanstalt. Er hat viel Zeit fernzusehen, und viele Möglichkeiten, mit seinem Urteil über das, was er sieht, in die Schlagzeilen zu kommen. Meiser ist Kopkas Lieblingsgegner, und Kopka der von Meiser. Deshalb trägt Meiser gelegentlich in seiner Talkshow den Anstecker mit Kopkas Bild und sagt ironisch, wie sehr die beiden doch das Streben nach „sauberen Talk“ eine.

Wenn Hans Meiser nach einem großen Spaß zumute ist, macht er Sendungen, von denen er weiß, daß sie Leute wie Kopka besonders ärgern werden. Er läßt seine Gäste übereinander herfallen, intimste Geheimnisse offenbaren, sich gegenseitig das Leben ruinieren — und in dem Moment, wenn der Abspann läuft und Kopka vermutlich gerade zum Hörer greift, um seine Empörung einem Journalisten anzuvertrauen, verrät er, daß alles nur ein Spaß war. Frei erfunden, von Schauspielern dargestellt. Als Aprilscherz hat er das in diesem Jahr gemacht, der verwirrenderweise schon am 31. März ausgestrahlt wurde. Und am Montag dieser Woche wieder.

Es war der Tag nach Muttertag; die Sendung hieß „Mami, mit dir hab ich noch eine Rechnung offen“. Sie bestand im Wesentlichen daraus, daß sich Familienmitglieder gegenseitig beschimpften, mit ihren Liebhabern konfrontierten, handgreiflich wurden und bekannten, mit ihren Schwiegersöhnen geschlafen zu haben, was sie anhand des Intimschmucks beweisen konnten. Nachdem die Geschichten sich ins Absurdeste gesteigert hatten, enthüllte Moderator Meiser am Schluß, daß es tatsächlich nur Geschichten waren. „Märchen“, wie in der erfolgreichen Aprilscherz-Sendung. Die habe ja, erklärte Meiser, „so manchen Medien- und Moralapostel aufgeregt“.

Und nicht nur Kopka. Auch die Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen (FSF), die von den Privatsendern mit der Überwachung des Jugendschutzes betraut ist, war über Meisers Idee nicht glücklich. „Wenn die Sendung am 1. April gelaufen wäre, hätten die Zuschauer sie vielleicht von vornherein mit anderen Augen angesehen“, sagt Geschäftsführer Joachim von Gottberg. „So aber haben die Leute das übliche Geschäft erwartet.“ Das sei problematisch. Meiser ist der einzige Talkmaster, der sich an anderen Tagen als dem 1. April traut, das eigene Genre und sich selbst unangekündigt zu parodieren — in seiner eigenen Show Meiser und in der Sendung Birte Karalus, die auch von seiner Firma Creatv produziert wird. Creatv-Sprecherin Jutta Oellig erklärt, man habe nach der Aprilscherz-Sendung so viele Zuschauerpost mit Talk-Märchen bekommen. Und warum zum Muttertag? Weil diese Einrichtung doch „eigentlich absurd“ sei, sagt Oellig.

Die Sorge, daß viele Zuschauer vor dem Schluß der Sendung umgeschaltet und die Auflösung verpaßt haben, scheint unbegründet: Die Muttertags-Sendung schaffte es, die Zuschauer zu fesseln. Bis zum Finale wuchs die Quote kontinuierlich, von einer auf über zweieinhalb Millionen. Das ist bei Meiser sonst nicht immer der Fall. Jugendschützer Von Gottberg zweifelt jedoch, ob ein 13jähriger wirklich in der Lage sei, sich im Nachhinein von dem Gesehenen zu distanzieren. „Wenn Menschen eine Stunde lang nach allen Regeln der Kunst vorgeführt werden und das erst in den letzten drei Minuten aufgelöst wird, stellt sich die Frage: Wird die Wirkung der ganzen Fürchterlichkeiten, des Hasses und der Verletzung der Menschenwürde dadurch relativiert? Oder sind die vorher geweckten Emotionen viel zu groß?“

Kollegen und Konkurrenten von Meiser gehen auf Distanz: „Wir würden das nie machen“, sagt Talk-Produzent Peter Schwartzkopff (Sonja, Andreas Türck, Pilawa). Die Versuche Meisers beeinträchtigten die Glaubwürdigkeit aller. „Es ist nicht in Ordnung, wenn ein echter Moderator plötzlich in einer Talkshow mit nicht echten Gästen steht.“ Wenn Meiser Märchen ansagen wolle, dann auch immer und konsequent — in einer Show wie dem Comedy-Talk TV Kaiser. Was immer Meiser geritten habe — als Provokation der Medienanstalten seien seine Aktionen in jedem Fall „unklug“.

Angesichts der anhaltenden Schmuddel-Diskussion haben Meisers Späße Sat 1-Sprecherin Kristina Faßler gerade noch gefehlt. Damit würde ausgerechnet das Kernargument der Privatsender konterkariert, daß die Talkshows „einfach Realität“ abbildeten. Die Glaubwürdigkeit ist der wunde Punkt der Shows: Einerseits leben Meiser, Sonja, Arabella und Co davon. Sat 1 kündigt seine Talkshows gar als „Information“ an. Andererseits hat der Sender in einem Verfahren, das ein Mann, der in Vera am Mittag als gewalttätiger Alkoholiker geoutet wurde, gegen den Sender angestrengt hatte, argumentiert: Die Zuschauer wüßten, daß es sich nicht um Journalismus handle, sondern die Talks Gästen nur eine Art „Tanzfläche“ böten. Also doch eher Fiktion als Realität?

In den getürkten Shows geht es noch heftiger zu als im Talkalltag von Meiser und den anderen. „Wenn das wahre Geschichten wären, würden wir das nicht zeigen“, räumt creatv-Sprecherin Oellig ein. Der Gedanke liegt nahe, daß Meiser auf die fiktive Ebene wechselt, um sich richtig austoben und neue Grenzen erproben zu können. Von Gottberg fragt, ob so der Verhaltenskodex, den sich die Privatsender gegeben haben, unterlaufen werden solle. Ein Freibrief wäre der Einsatz von Schauspielern allerdings nicht. „Allein als Ausrede für Exzesse reicht mir das nicht“, sagt Von Gottberg. „Es gibt keine Legitimation“, sagt Sat 1-Sprecherin Faßler, „mit Schauspielern Verhaltensweisen zu zeigen, die mit real existierenden Menschen nicht gezeigt werden dürften.“

Creatv versichert, weitere Fakes seien vorerst nicht geplant. Allerdings sahen am Montag über 900 000 junge Zuschauer zu, wie die „Tochter“ ihrer „Schlampe“ von „Mutter“ die Perücke vom Kopf riß. So viele erreichte Meiser in den Wochen davor mit keiner Sendung. Die beiden erfundenen Sendungen hatten die höchsten Marktanteile aller Meiser-Sendungen der letzten Zeit. Es wäre das erste Mal, daß ein Privatsender auf den Einsatz eines dramaturgischen Mittels verzichtete, das besseren Quoten bringt.

Meiser treibt ein gewagtes Spiel: Ausgerechnet in einem Genre, in dem falsche Gäste ohnehin eher Regel als Ausnahme sind, spielt er mit Erwartungen und Vertrauen des Publikums. Aber vielleicht protestieren die Konkurrenten auch deshalb so laut, weil Meiser einen Trend entdeckt haben könnte: Daß es den Zuschauern möglicherweise egal ist, ob die Leute, denen sie beim Streiten zusehen, echt sind oder nicht. Dann hätten die Produzenten sich die Auseinandersetzungen um verletzte Persönlichkeitsrechte sparen können. Und das bißchen Recherche noch dazu.

Jetzt wird getrennt, was zusammengehört

31 Jan 97
31. Januar 1997
werben & verkaufen

Um die Zuschauer vom Umschalten abzuhalten, schaffen die Privatsender die Werbeblöcke zwischen den Sendungen ab. Mediaplaner sehen das mit gemischten Gefühlen.

Fünf Minuten vor Ende der Sendung deutet Günther Jauch mit dem Zeigefinger mahnend in Richtung Zuschauer auf der heimischen Wohnzimmer-Couch. „Sie bleiben doch dran?“, versichert er sich fragend, bevor er seinen Platz für die Werbung räumt. Der übliche Ausblick, welche Mordsbeiträge der Zuschauer verpassen würde, falls er fahrlässigerweise die Pause zu einem Senderwechsel nutzte, fehlt indes.

Das ist kein Wunder, denn ein solcher Werbeflüchter verpaßt nichts. Nach der Werbung und einigen Trailern erscheint Jauch gerade noch zum Abspann, sagt, daß Stern TV in der nächsten Woche wieder eingeschaltet werden möge, und wünscht einen schönen Abend. Sofort danach meldet sich Heiner Bremer und legt ohne weiteres Zögern mit dem RTL-Nachtjournal los.

Die Zeiten, in denen die Fernsehsender ihr Geld zwischen den Sendungen verdienten, sind so gut wie vorbei. Statt dessen verschieben sie die Werbung in die Programme und lassen die Sendungen direkt aneinanderstoßen. Der Zuschauer soll durch eine Pause nach Ende einer Sendung nicht unnötig ermuntert werden, umzuschalten und womöglich nicht zurückzukehren.

Bei Sat.1 trennt der Werbeblock, der früher das vorherige Programm von der Harald-Schmidt-Show trennte, jetzt Schmidts ersten Auftritt vom Rest der Show. Ganze drei Minuten erst läuft die Sendung, da wird sie schon zum ersten Mal unterbrochen. Der Moderator hat seine ersten Witze gemacht und die Gäste des Abends angekündigt, so daß das Interesse der Zuschauer größer ist als der Abschaltreiz durch die Reklame ± hofft jedenfalls Sat.1.

Zu den ersten, die diese Strategie in Deutschland umsetzten, gehörte die Ipa. RTL begann vor etwa zwei Jahren damit, die sogenannten Scharnierinseln durch Unterbrecher kurz davor oder danach zu ersetzen; zunächst allerdings nur bei den drei Talkshows am Nachmittag und zwischen den Krimis am Dienstagabend. Damals sah Ipa-Sprecher Andreas Kühner nur bei solchen Sendungen mit ganz ähnlichen Zielgruppen ein Potential für die Umstellung.

Inzwischen ist praktisch das ganze RTL-Programm entsprechend umgebaut. „Nur dort, wo es einen kompletten Bruch gibt, zum Beispiel vom Spielfilm auf Spiegel TV, behalten wir die Scharnierwerbung“, sagt Kühner heute. Von 1995 auf 1996 stieg der Anteil der Unterbrecherwerbung an der gesamten RTL-Werbezeit von 58 auf 76 Prozent. Doch mit Auskünften über die Umstellung und ihre Folgen, die die Ipa intern untersucht hat, hält sich der Vermarkter bedeckt. Weder gegenüber den Zuschauern noch gegenüber Kunden ließ er sich über das neue Konzept aus.

Geht’s nach der Ipa, gibt es dazu auch keinen Grund. Der Publikumsfluß von Sendung zu Sendung sei verbessert, die Reichweite der Werbeinseln erhöht worden: „Die Operation ist gelungen“, sagt Kühner. Daß eine 60-Minuten-Sendung jetzt praktisch drei- statt zweimal unterbrochen wird, sei kein Problem, meint der Ipa-Sprecher: „Die Zuschauer gehen gut damit um, sonst würden sie uns ja durch Zapping bestrafen.“

Sat.1 verabschiedete sich ebenso leise wie die Konkurrenz, aber erst zum 1. Januar 1997 von den meisten Scharnierinseln. 70 Prozent der Programmumfelder sind jetzt nach Angaben von Verkaufsschef Klaus-Peter Schulz scharnierfrei. Der Trend sei positiv: In den ersten drei Wochen nach der Umstellung habe zum Beispiel bei der Krimi-Serie Stockinger die Reichweite im Werbeblock 80 Prozent von der Sendung betragen ± im Vorjahr seien es im Schnitt nur 76 gewesen. Von 100 Zuschauern der Talkshow Kerner ließen 64 Sat.1 auch während der Werbung eingeschaltet, immerhin fünf mehr als vor der Umstellung. Genaue Zahlen zu Harald Schmidt, der sich schon seit einiger Zeit die Eingangsmoderation unterbrechen läßt, will Sat.1 nicht nennen. Bei seiner Show hänge die Zapping-Quote vor allem vom Angebot der Konkurrenz ab.

Die Umstellung ist für die Sender nicht zuletzt eine Möglichkeit, mehr Geld zu verdienen. Denn Werbung in Unterbrechern kostet traditionell mehr als in Scharnierinseln, da die Sender sich die größeren Reichweiten hoch bezahlen lassen. So kommen die Zuschauer inzwischen bei RTL 2 durch das komplette Vorabend- und Abendprogramm ohne eine einzige Scharnierinsel, und auch die MediaGruppe München hat nachgezogen: ProSieben führt sein Publikum am Sonntagabend nahtlos vom Spielfilm zu Focus TV und wieder zum Spielfilm.

Doch die Mediaplaner sind skeptisch. Grundsätzlich sei die Lösung nicht schlecht, sagt Mediapolis-Chefeinkäuferin Anette Kullmann, und bei einem jungen Publikum von Sendungen wie Beverly Hills 90210 vermutlich unproblematisch. Sie aber sei von den frühen und häufigen Unterbrechungen „entnervt“, weshalb sie vermutet, daß es anderen Zuschauern ähnlich geht: „Werbekunden, die besonderen Wert auf ein gutes Image legen, würde ich nicht empfehlen, in solche Blöcke zu gehen.“

Ihr Chef Manfred Krupp hält die Praxis der Sender, Werbung gleich nach zwei Minuten oder direkt vor den Abspann zu plazieren, für „Auswüchse“ des Prinzips: „Das ist eine Unverschämtheit.“ Mit dem Abschied von der Scharnierwerbung würden die einzelnen Blöcke allerdings „sauberer“, meint der Mediapolis-Geschäftsführer. Zum Beispiel bei Spots zwischen Glücksrad und ran: Die älteren Frauen, die die Gameshow anschauten, bräuchten eine Weile, bis sie sich für die nächste Schau entschieden hätten; die älteren Männer, die auf Fußball warteten, trudelten nach und nach ein. Wanderte der Werbeblock jedoch in die Sendungen selbst, sei die Zuordnung klarer, Zielgruppen ließen sich genauer erreichen.

Daß die Werbeblöcke damit enger ans Programm angebunden werden, begrüßt Bernd Deppermann, Vize-Chef von Zenith Media, Frankfurt/M. Auch er sieht ein Problem, wenn die erste Unterbrechung zu früh kommt. „Aus qualitativer Sicht ist das ein Ärgernis“, sagt er. „Ich würde es bei einer solchen Plazierung vom Gefühl her eher vermeiden, in den ersten und eventuell auch den letzten Block zu gehen.“ Auf sein Gefühl ist der Mediaplaner mehr noch als sonst angewiesen, denn Untersuchungen über die Akzeptanz der neuen Unterbrecher gibt es nicht. „Es besteht ein echter Informationsmangel“, so Deppermann, der Analysen von den Sendern einfordern will.

Im Nachtprogramm zeigt RTL schon, wie sich das Prinzip auf die Spitze treiben läßt: Bei den Serien am frühen Morgen kommen die Werbeblöcke konsequent vor dem Abspann der einen Sendung und nach dem Vorspann der nächsten. Mit dem Ergebnis, daß zwischen zwei Sendungen ein Block entsteht, der nur aus Vor- und Abspännen, zweimal Werbung und Trailern zusammengesetzt ist — mehr als zehn Minuten ohne Handlung.

„Das ist Gewaltbefürwortung!“

14 Feb 96
14. Februar 1996
Süddeutsche Zeitung

Verstoßen die „Glücksritter“ gegen die Menschenrechte?

„Ordentlich fest“ soll sie werfen, ermahnt Ulla Kock am Brink die Kandidatin, die Zielscheibe ist der Rücken des Mannes vor ihr. Wenn die Dart-Pfeile richtig in seiner Haut sitzen, hat sie gewonnen. Diese Szene aus der neuen RTL-Show Glücksritter hat die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGfM) auf den Plan gerufen. In einem Brief unter anderem an den Ausschuß für Menschenrechte im Bundestag fordert sie die Absetzung, denn: „Die Bereitstellung eines Menschen zum Zwecke der Bewerfung mit Pfeilen ist ein Anschlag auf die Menschenwürde.“ Ein Gespräch mit dem Chef Karl Hafen.

SZ: Die IGfM sorgt sich um Menschenrechte. Gehört für Sie in Zukunft neben sozialistischen und islamischen Staaten auch das Privatfernsehen zu den Brutstätten von Unterdrückung und Gewalt?

Hafen: Menschenrechtsverletzungen gehen in der Regel vom Staat aus. Aber in der Sendung Glücksritter ist das Pfeilewerfen Gegenstand eines Massenspektakels, und die natürliche Hemmung vor Gewaltanwendung wird abgebaut. Die Zuschauer wurden gezwungen, zuzusehen, und das ist eine Erniedrigung. Das geht an die Menschenwürde, ist nahe an der Menschenrechtsverletzung.

Gezwungen, zuzusehen? Aber es muß doch niemand RTL einschalten …

Der Zuschauer zu Hause kann natürlich ausschalten. Aber der, der live in der Halle sitzt, kann nicht einfach weggehen.

Was hatten Sie denn erwartet, als Sie die Glücksritter eingeschaltet haben?

Ich habe die Sendung nur zufällig gesehen. Mein Sohn ist zehn und war fürchterlich erschrocken. Er guckte weg, meine Frau auch, die wollten das nicht anschauen. Ich aber war so schockiert, ich mußte das sehen. Ich habe meinen Sohn gefragt, was er meint, wenn diese Frau Kock am Brink sagt: „Bitte nicht nachmachen, dazu gehört jahrelanges Training.“ Seine Reaktion: „Ja, warum soll ich jetzt nicht damit anfangen?“ Wenn man sich vorstellt, daß Kinder auf dem Schulhof mit Dart-Pfeilen auf andere werfen …

Sie meinen, die Sendung verrohe die Jugend. Dann müssen Sie ja dauernd protestieren: Haben Sie mal Explosiv gesehen? Oder Bärbel Schäfer?

Im Wettstreit um Quoten werden immer spektakulärere Szenen eingesetzt, und das ist häufig mit Gewalt verbunden. Und Glückritter war ein ganz konkretes Beispiel, wo ein lebender Mensch als Zielscheibe eingesetzt wird. So etwas in einer Samstagabendsendung – das kann man doch überhaupt nicht entschuldigen. Das ist Gewaltbefürwortung!

Gibt es außer der Dart-Szene Kritik?

Frau Kock am Brink bietet Leuten Tausender an, wenn sie sich spontan für eine Sache entscheiden. Wenn sie das nicht können, wird es ihnen wieder aus den Händen genommen. Da wird die Gier nach schneller Befriedigung gefördert. Das ist für Kinder nicht geeignet, das sollen sie am späten Abend bringen. Auch die Sache mit den Dart-Pfeilen. Wenn der Mann Fakir ist, soll er das in geschlossenen Klubs machen. Oder sie sollen es wie Sex-Filme nach zwölf Uhr zeigen.