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Ganz unten: Zu Besuch bei der RTL-Erfolgsshow „Das Supertalent“

11 Aug 12
11. August 2012

Es ist heiß, der Abend zieht sich, aber es gibt einen Grund durchzuhalten: Zur Halbzeit soll es kostenlos Wasser für alle geben.

Es spricht eher nicht für eine Veranstaltung, wenn der Höhepunkt, mit dem der Anheizer das Publikum in den Umbaupausen bei Laune zu halten versucht, die Ankündigung ist, dass es nur noch fünf, vier, drei, zwei Auftritte sind, bis es endlich etwas zu trinken gibt. Ich frage mich, ob es den Etat der Produktion wirklich gesprengt hätte, den Durst der Zuschauer früher und mehrmals zu stillen. Ob es etwas anderes als das Wasser geben könnte, auf das es sich zu freuen lohnte, ein spektakulärer Akt auf der Bühne etwa, frage ich mich irgendwann nicht mehr.

Es ist Freitagabend, die zweite Aufzeichnung der RTL-Show „Das Supertalent“ im Berliner Tempodrom. Eineinhalb Stunden hat es gedauert, bis wir auf unseren Plätzen saßen. Dann beginnt das Warm-Up. Der dafür engagierte Mann lässt die Zuschauer auf Kommando für die Kameras applaudieren und vor Begeisterung beim Jubeln aufspringen. Keine Sorge, sagt er, RTL werde das später natürlich nur an die Stellen in die Sendung schneiden, wo es tatsächlich eine solche Reaktion gab. Gelächter im Publikum. weiter lesen →

Natürlich gefühlsmäßig auch traurig

19 Jan 12
19. Januar 2012

Es ist nicht immer ganz einfach zu erklären, warum die Nachrichten von RTL einen so guten Ruf haben.

Am Dienstagabend berichtete „RTL aktuell“ über den Auftakt des Prozesses um den Doppelmord in Krailling. Ein 51 Jahre alter Postzusteller ist angeklagt, seine beiden Nichten brutal getötet zu haben.

Positiv lässt sich über den RTL-Beitrag vielleicht sagen, dass er innovativ ist. Zumindest habe ich das noch nie gesehen: Dass ein Reporter im Gerichtssaal steht und sich in genau dem Augenblick, in dem der Angeklagte hereingeführt wird, dabei filmen lässt, wie er einen offensichtlich vorher zurechtgelegten Text aufsagt, der lautet:

Auf einmal ist es still im Gerichtssaal. Jedes Gespräch erstirbt, als der Angeklagte hereingeführt wird. Zu groß ist das Entsetzen über die Tat, auch noch zehn Monate danach.

Wenn Sie jetzt sagen, dass man sich das schwer vorstellen kann, ohne es gesehen zu haben, muss ich Ihnen erwidern, dass man sich das sogar schwer vorstellen kann, wenn man es gesehen hat. Aber urteilen Sie selbst:
 

[sublimevideo class=„sublime“ poster=„http://www.stefan-niggemeier.de/blog/wp-content/rtlkrailling3.jpg“ src1=„http://www.stefan-niggemeier.de/rtlaktuell.m4v“ width=„440“ height=„248“]

Ich habe an dem Film oben nichts weiter geschnitten oder hinzugefügt. Die Stelle bei 1:53, wo noch ein halbes Wort in der Luft hängt, ist ebenso im Original wie die unfassbaren Einstellungen, wie RTL-Reporter Carsten Mahlstedt der Noch-Ehefrau des Angeklagten in einer irgendwie unangemessen intim erscheinenden Situation gegenübersitzt …

… einmal sogar mit immerhin konsequenter Schmierigkeit durch eine Grünpflanze hindurch gefilmt:

Andererseits hat der RTL-Reporter es geschafft, eine journalistische Nähe herzustellen, die die Frau Sätze sagen lässt wie: „Es ist natürlich gefühlsmäßig auch traurig.“

Ich konnte gegen Ende nur mühsam dem Bedürfnis widerstehen, den Fernseher anzuschreien, der affige Reporterdarsteller solle wenigstens seine Finger von den Bäumen lassen, die Grundschüler im Andenken an die beiden getöteten Mädchen gepflanzt haben.

Aber so sind sie, die guten Nachrichten von RTL.

Shitstorm

28 Aug 11
28. August 2011
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

In der vergangenen Woche sind mehrere erstaunliche Dinge passiert. RTL hat sich für einen Bericht in seinem Knallmagazin „Explosiv“ entschuldigt. „Die Verallgemeinerung und Überzeichnung des Beitrags war ein Fehler“, sagte ein Moderator. „Wenn wir damit Gefühle verletzt haben sollten, entschuldigen wir uns ausdrücklich dafür.“ Die Sätze könnte der Sender natürlich in jeder seiner Magazinsendungen ausstrahlen, ohne dass es unpassend wäre, tut es aber sonst nicht.

Dann schaffte es die für RTL zuständige Niedersächsische Landesmedienanstalt, innerhalb von nur einem Tag festzustellen, dass der Beitrag zwar „ärgerlich, aber keinesfalls rechtswidrig“ war. Normalerweise sind nach diesem Zeitraum bei den deutschen Medienaufsichtsbehörden noch nicht einmal die Leute geweckt, die die Leute wecken sollen, die sich darum kümmern, Leute zu finden, die wissen, wie man an diese Fernsehbeiträge rankommt, über die die Menschen sich beschweren.

Und das alles, weil RTL sich mit den Falschen angelegt hatte. In einem womöglich lustig, ganz sicher aber gehässig und grotesk überheblich gemeinten Bericht über die Spielemesse Gamescom hatte „Explosiv“ Computerspieler als ungeliebte, ungepflegte, übelriechende Sonderlinge dargestellt. Nun ist es aber so, dass solche Jungs die Zeit, die sie beim Duschen einsparen, gerne dafür investieren, etwas zu organisieren, was man im Internet einen gepflegten „Shitstorm“ nennt. Sie sind es ohnehin gewohnt, von den Medien als Quasi-Terroristen in Ausbildung dargestellt zu werden. Echte Empörung mischte sich mit viel Tagesfreizeit, Selbstgerechtigkeit und Unterhaltungswillen, und so wehrten sie sich mit Tausenden Protestschreiben, mit Videos, Blog– und Foreneinträgen, mit dem Hacken von rtl.de, einem Flashmob und der ominösen Drohung weiterer Angriffe und schafften eine Aufmerksamkeit, von der andere Gruppen nur träumen können.

Das ist als Machtdemonstration eindrucksvoll, und so wird es sich der Sender in Zukunft sicher zweimal überlegen, bevor er Gamer bloßstellt und erniedrigt, und das lieber weiter mit wehrloseren Opfern tun.

Vorgerichterstattung und Nachverurteilung: Das Kachelmann-Urteil im Fernsehen

31 Mai 11
31. Mai 2011

Reporterin: Wieso äußert sich Herr Kachelmann denn jetzt nicht vor der Presse?

Anwalt Johann Schwenn: Warum sollte er das tun? Damit Sie ihn fragen, wie es ihm geht?

* * *

Eines muss man den n-tv-Leuten lassen: Sie schaffen es, ihre eigene Hölle anzumoderieren, als sei sie das Paradies.

Stolz und Vorfreude spiegeln sich im Gesicht von Moderator Ulrich von der Osten, als er um 8.30 Uhr eine Sondersendung zum Kachelmann-Prozess mit den Worten eröffnet:

„Um 9 Uhr verkündigt die Strafkammer des Landgerichts Mannheim das Urteil gegen den ehemaligen Wettermoderator, und wir werden ganz viel bis dahin auch schon nach Mannheim schalten.“

Natürlich hatte n-tv auch zuvor schon „ganz viel“ nach Mannheim geschaltet, zu einem routinierten und doch bemitleidenswerten Reporter namens Thomas Präkelt. Erst dreizehn Minuten zuvor hat der Moderator ihn gefragt: „Wann werden die ersten Beteiligten im Gerichtsgebäude erwartet?“ Und Präkelt hat die Schlange von Zuschauern vor dem Gebäude gezeigt und die „relative Leere“ im Foyer: „Es sind also noch nicht so viele Kollegen reingekommen“, stellt er fest, als hätte das irgendeine Bedeutung für ihn, die Zuschauer, Jörg Kachelmann, das Gericht, die Welt.

* * *

Das tollste und schlimmste an Tagen wie diesen ist immer die Vorberichterstattung im Fernsehen. Der Zuschauer ist das von Sportereignissen so gewohnt, dass man nicht erst anfängt, wenn es losgeht, und für einen Sender wie n-tv ist so ein Prozess („einer der aufsehenerregendsten in der deutschen Nachkriegsgeschichte“) auch nichts anderes als ein Sportereignis. Konsequenterweise bezeichnet n-tv die Urteilsverkündung als „Finale“ im Kachelmann-Prozess.

8.32 Uhr, Nachfrage beim Reporter: „Thomas, was tut sich denn bei Ihnen? Herrscht so kurz vor dem Urteilsspruch weiter reger Andrang?“ Man wünschte sich, er antwortete nur einmal: „Nein, Ulrich, die Leute sind jetzt plötzlich alle nach Hause gegangen, um sich das lieber im Fernsehen anzusehen.“

Er weiß zu berichten, dass Kachelmann „in wenigen Minuten in die Tiefgarage des Landgerichtes einfahren wird“. Er habe den Kopf wieder auf die Hand gestützt, so dass man sein Gesicht nicht so gut erkennen könne: „Auch an diesem letzten, finalen Tag hat er sich der Öffentlichkeit verweigert.“ Im Gerichtssaal sei jede Form von elektronischen Gerät verboten, mit dem man die Urteilsverkündung aufnehmen könne, was streng kontrolliert werde, erzählt Präkelt und weiß auch wieso: „Ich glaube, dass YouTube und andere Verbreitungswege sehr dankbar wären, wenn es sowas gäbe.“ YouTube und andere Verbreitungswege, natürlich.

Zwei Stunden später wird der n-tv-Kameramann hinter dem Wagen hinterherlaufen, in dem Kachelmann und zwei seiner Anwälte sitzen. „Jeder versucht natürlich, jetzt nochmal ein Foto von Jörg Kachelmann in Freiheit zu bekommen“, erklärt Präkelt. Der n-tv-Kameramann beweist in dem ganzen Chaos besondere Sprintqualitäten, erwischt den Wagen noch einmal an der nächsten Kreuzung und filmt erneut ins Innere. Präkelt kommentiert: „Zufrieden, aber auch auf der Flucht vor der Öffentlichkeit, fährt Kachelmann jetzt nach 43 Verhandlunngstagen in die Freiheit.“

Wohin genau, weiß er nicht zu sagen, es klingt aber so, als hätte Kachelmann noch eine Verabredung mit dem Sonnenuntergang — und wer, wenn nicht Kachelman, wüsste, wo der zu treffen ist?

Etwas später, in „Punkt 12″, nutzt Moderatorin Katja Burkard die Gelegenheit, in dieser wichtigen Sache noch einmal nachzuhaken: „Thomas, wo ist Jörg Kachelmann jetzt? Was wird er heute und in den nächsten Tagen tun, was meinen Sie?“ Thomas Präkelt weiß es nicht, meint aber:

„Er wird sich jetzt natürlich Ruhe gönnen. Er wird auch seine Frau wiedersehen wollen und einige Tage der Ruhe seien ihm auch zu gönnen nach diesem Freispruch.“

Es bleibt unklar, was der RTL– und n-tv-Mann meint, wo Kachelmann in den vergangenen Monaten eingekerkert war.

* * *

Bei der Konkurrenz von N24 ergibt sich nach der Urteilsverkündung die verwirrende Situation, dass der Sender zu seiner Reporterin schaltet, die vor dem Gerichtsgebäude steht und deshalb leider noch nicht die Frage beantworten kann, wie genau das Gericht denn seine Entscheidung begründet habe. Gleichzeitig sieht man aber auf dem Split-Screen, wie Menschen vor dem Saal, aus dem sie gerade gekommen sind, genau das erzählen. Man sieht sie, aber man hört sie nicht, denn zu hören ist ja die N24-Moderatorin draußen. Bis die Regie sich endlich entschließt, sie einfach für den Moment rabiat vom Sender zu nehmen.

* * *

Aus Berlin ist bei n-tv, wie so oft, der Medienbewohner Jo Groebel zugeschaltet. Vor der Urteilsverkündung fragt ihn die Moderatorin, ob in der Berichterstattung über den Prozess oft über das Ziel hinausgeschossen wurde. Groebel antwortet:

„Ganz ehrlich? Ich möchte auch da mit meinem Urteil etwas zurückhaltend sein.“

Um unmittelbar hinzuzufügen:

„Aber mein Eindruck ist, dass hier sehr häufig übers Ziel hinausgeschossen wurde. Ich fand’s, ganz ehrlich, atemberaubend.“

Groebel hat irgendwas mit Medien studiert, deshalb kann er fundiert analysieren, warum dieser Prozess die Menschen und Medien so bewegt hat:

„Sex & Crime, das ist jetzt sehr flapsig formuliert, aber sehr ernst gemeint, Sex & Crime ist natürlich immer etwas, das sehr, sehr, sehr interessant für Menschen ist.“

Das klingt vielleicht banal. Andererseits hätte eine Fernsehserie mit dem Arbeitstitel „Dinge, die sich Jo Groebel vorstellen kann“ durchaus große surreale Momente:

„Ich kann mir gut vorstellen, dass [Kachelmann] im Sinne einer Fast-Rehabilitation auch für sich selbst durchaus vor die Kamera strebt. Nicht als der nette Mann, aber vielleicht als ein Talkmaster für eine Gesprächsrunde, in der schwere menschliche Dramen herauskommen. Und da weiß er dann wahrlich, was er fragen muss und wovon er spricht.“

* * *

Einig ist sich Groebel dennoch mit ungefähr allen Fernsehleuten, dass Kachelmann trotz oder wegen des Freispruchs, den insbesondere RTL konsequent als „Freispruch zweiter Klasse“ bezeichnet, erledigt ist:

„Kachelmann hat nicht nur einen Karriere-Knick, der hat einen kompletten Karriere-Einbruch, eine Karriere-Katastrophe erlebt.“

ZDF-Vormittags-Frau Nadine Krüger formuliert in „Volle Kanne“ volle Kanne:

„Gibt es eine Entschädigung für den verlorenen Ruf? Die Karriere ist ja nun hin, das kann man ja so sagen.“

Bei n-tv wusste die Moderatorin das schon morgens um sechs in den (offenkundig aufgezeichneten) Nachrichten:

„Eines ist klar: Ob das Ergebnis nun gut oder schlecht ausfällt für Kachelmann — Spott und Verachtung werden bleiben.“

Es ist eine typische Form einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung: Je häufiger Medien behaupten, dass Kachelmanns Rückkehr auf den Bildschirm undenkbar ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass das schließlich auch stimmt.

* * *

Aber für irgendeine Form von Selbstreflexion ist an diesem Vormittag keine Zeit, geben wir lieber noch einmal zu Thomas Präkelt, der vor dem Gerichtssaal gerade in Bezug auf Kachelmanns Anwalt Johann Schwenn formuliert:

„Verteidigung ist Krieg.“

Und Medienberichterstattung, mutmaßlich, auch. Bei RTL gibt man sich jedenfalls alle Mühe, den Eindruck zu erwecken, Kachelmann sei jedenfalls ein Täter. Gleich in der ersten Minute von „Punkt 12″ heißt es zweimal: „Sie konnten ihm die Tat nicht nachweisen“ bzw.: „Man konnte ihm die Vergewaltigung nicht nachweisen“ — so als habe sie zweifellos stattgefunden.

Die Zusammenfassung des Prozessverlaufes ist dann bemerkenswert:

Off-Sprecher: Zuerst sah es so aus, als würde sich die Schlinge um [Kachelmanns] Hals immer weiter zuziehen. Reinhard Birkenstock war Kachelmanns Verteidiger. Doch er hatte immer wieder Probleme, seinen Mandanten als glaubwürdig darzustellen.

Birkenstock: Dieser Prozess (…) wird zu dem Ergebnis kommen, dass Jörg Kachelmann unschuldig ist.

Off-Sprecher: Obwohl genau das jetzt eingetroffen ist: Kachelmann ist offenbar unzufrieden, wechselt den Anwalt.

Das ist eine hübsche Verrückung des Zeit-Kontinuums sowie der Kausalitäten: Obwohl Kachelmann heute freigesprochen wurde, hat er damals den Anwalt gewechselt.

Weiter im Text:

„Kachelmann punktet immer mehr. Und die Nebenklägerin, das angebliche Opfer Sabine W., gerät, wie es aussieht, immer mehr in die Situation, beweisen zu müssen, dass sie Opfer ist.“

Sie geben sich bei RTL also offensichtlich Mühe, dass die vorproduzierten Beiträge sich nicht zu positiv von den hektischen Live-Berichten absetzen. Und Katja Burkard formuliert den hübschen Satz:

„Dann stürmen Journalisten aus dem Saal, um die Nachricht wie ein Lauffeuer zu verbreiten.“

* * *

Bei n-tv hatte sich die Moderatorin, als alles vorbei war und alle alles gesagt hatten, von dem Reporter mit den Worten verabschiedet:

„Vielen Dank für den Moment. Und wir behalten die Lage in Mannheim natürlich weiter im Auge.“

Man weiß nicht, was da noch hätte passieren können. Aber als Abmoderation passt das natürlich immer. Ob da in Mannheim ein Haus brennt, ein Kind weint oder ein Prozess zuende geht.

Helena Fürst

29 Mai 11
29. Mai 2011
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Man kann vieles gegen Helena Fürst sagen. Aber sie schafft es, dass man sie schon nach zwei Minuten schlagen möchte. Das muss man auch erstmal schaffen.

RTL hat Helena Fürst von der Straße geholt. Sie war selbstverschuldet in Not geraten, hatte sich beruflich in eine Sackgasse manövriert. Sie hatte als Sozialfahnderin für den Kreis Offenbach gearbeitet und eine kurze, steile Medienkarriere gemacht, indem sie das Fernsehen mitnahm in die Wohnungen von Hartz-IV-Empfängern, die alle unter Schmarotzerverdacht standen. Sie überprüfte für die Sat.1-Sendung „Gnadenlos gerecht“, ob das Elend wirklich schon groß genug war, dass der Staat helfen müsste. Helena Fürst inszenierte sich als Richterin mit dem Mitgefühl eines Hochdruckreinigers.

Anderen gefiel sie in dieser Rolle offenbar nicht so gut wie sie sich selbst. Sie sagt, sie sei von Betroffenen bedroht und von Kollegen gemobbt worden. Sie ließ sich krankschreiben und flüchtete nach Berlin. RTL schenkte ihr eine neue Identität: Als „Anwältin der Armen“ half sie nun Menschen im Kampf gegen Behördenwillkür; seit vergangener Woche regelmäßig in der Primetime (mittwochs, 21.15 Uhr).

Die Firma „Solis TV“, die auch schon „Gnadenlos gerecht“ produziert hatte, sagt, Fürst habe die Seiten gewechselt. Das stimmt natürlich nicht. Ihr Job ist der alte: Menschen in Not vor der Kamera bloßstellen. Die Mutter von drei kleinen Kindern, einem davon schwerkrank, denen die Behörden alle Leistungen gestrichen haben, fragt sie beim ersten Treffen: „Machen Sie sich Vorwürfe, dass Ihre Tochter nicht zum Arzt kann? Denken Sie, Sie sind daran Schuld?“ Sie bringt die Frau gezielt zum Weinen, um sich dann als Trösterin zu geben: „Nicht weinen!“

Geifernd sagt sie über den überforderten Vater in die Kamera: „Ich werde ihn richtig hart rannehmen.“ Sie schüchtert ihn ein, dass er nur noch sagt, was sie hören will, um ihm dann zu drohen, sie werde sofort gehen, wenn er nicht aufhöre, ihr nach dem Mund zu reden. Die Hartz-IV-Domina passt gut zu RTL. Sie ein fast so großer Menschenfreund wie Dieter Bohlen.

Der Preis für die Unterstützung durch das Fernsehen ist bei allen „Coaching“-Shows die Ausstellung in der Öffentlichkeit. Das muss, je nach Verantwortungsbewusstsein der Produzenten und Helfer, kein schlechter Deal sein für die Betroffenen. „Helena Fürst“ aber ist ganz auf die maximale Demütigung der Opfer ausgerichtet. An Inhalten oder Schicksalen ist die Show nicht interessiert, wenn sie nicht der Heroisierung von Frau Fürst dienen, die wie ein Panzer durch die Leben der Leute walzt, die es mit ihr zu tun kriegen. „Was glauben Sie, was ich erreicht habe“, lässt sie die „Armen“ mehrmals raten, um möglichst wirkungsvoll mit ihren Erfolgen zu prahlen.

So viele Arbeitslose in diesem Land, aber Helena Fürst hat einen Job. Die Welt ist nicht gerecht.